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6. März 2010 Der Standard

Lamborghini im gotischen Laubengang

Modernes Design ist in Bozen augenfällig - aber auch Kapitel verpönter Architekturgeschichte.

Tür auf! Aha, klar: Kandinsky. Kein Gemälde, sondern ein Holzschnitt, immerhin sind wir in Südtirol. Tür zu. Weiter den Flur mit den cremefarbenen Wänden entlang. Bei Zimmer 311 hat das Zimmermädchen die Klinke gedrückt: Kubin fährt hier mit Bleistift auf dem Papier Kutsche. Wie Spiralen drehen sich die Räder im Grau - vermutlich einen späten Herbsttag erwischt. Zimmer 213: ein Kokoschka zum Cocoonen, auch nicht schlecht.

Luigi Veronesis Werke, dessen Abstraktionen ein wenig an die Möbel des Mailänder Designers Achille Castiglioni erinnern, hängen gleich dreimal im Hotel herum. Das tun auch jene von Kolo Moser, Arnulf Rainer, und das freundliche Zimmermädchen, das eigentlich aus Messina stammt, aber hier im Norden die Bettwäsche macht und also nicht nur in Italien und im Bozener „Hotel Laurin“ herumkommt, sondern auch in der Kunstgeschichte. Zweihundert Gemälde und Skulpturen machen das Grand Hotel, das heuer seinen runden Hunderter feiert, so auch für viele andere zum spannenden Startpunkt einer Bozen-Promenade.

Schlendert man die Stufen des „Laurin“ Richtung Waltherplatz hinunter, macht Bozen dort weiter, wo die gegenwärtige Kulturoffensive des Grand Hotels aufhört. Architekt Boris Podrecca, in Bozen so eine Art Style-Masterplaner, hat im nahen Designerhotel Greif soeben die neue Bar „Grifoncino“ eingerichtet. Wenige Schritte weiter verbinden sich Alpen und Apennin: gotische Laubengänge, neben denen Lamborghini parken. Saisonale Schuhmode, die auf die zeitlose Härte des traditionellen Schüttelbrotes trifft. Auf dem Dach der Kathedrale leuchtet indessen Bozens jüngste Investition: ein farbiges, neues Ziegelmosaik, für das die tiefschwarze Gemeinde noch gar nicht einmal besonders lange sammeln musste. Der Popstar aus der Eiszeit, Ötzi, wurde bereits vor Jahren zum zweiten Mal konserviert, wovon man sich im nahegelegenen Archäologiemuseum überzeugen kann. Und dann tritt noch einmal moderne Architektur auf: das 2008 eröffnete Museion - Museum für moderne Kunst - saugt wie ein Glasprisma Facetten der Umgebung auf. Am Abend verwandelt die Projektion eigens entwickelter Arbeiten die eindrucksvolle Fassadenfläche in ein leuchtendes Ufo zwischen Altstadt und Talferer Grün.

Aber Bozen hat auch einen blinden Fleck. Einen, den Kurzbesucher häufig übersehen. Er lautet: „Duce“ statt Dolce. Und wenn es schon klarer sein muss: Muse mit Mussolini. Das wird - ja durchaus verständlich - nicht wirklich vermarktet. Und trotzdem: Das „andere Bozen“ hält ein weit aufgeschlagenes Lehrbuch einer verpönten Spielart der Moderne bereit, die den Reiz der geschniegelten Stadt durchaus erhöht. Ab Mitte der Zwanzigerjahre wählte das faschistische Italien Bolzano zum architektonischen Schauplatz eines imperialen Muskelspiels - das zugleich asketische Züge der internationalen Moderne trägt.

Wer Meilensteine des damals revolutionären Razionalismo-Stils sehen möchte, muss dazu das Bozen der handpolierten Äpfel und der Fashion-Lauben kurz hinter sich lassen. Der Weg führt über die Ponte Talfera alias Talferbrücke, und dreht man sich auf der Mitte angekommen um, ragt das erste Beispiel des damals revolutionären Baustils bereits am Altstadt-Ufer auf. „Cassa di Risparmio“ steht darauf zu lesen. Und gleich groß darunter: „Sparkasse“. Um einen Neubau handelt es sich dabei allerdings nicht. Sondern um einen radikalen Umbau, der dem ursprünglich im bayrischen Barockstil errichtetem Haus modernistische Travertin-Glätte plus vergrößerter Fenster aufzwang.

Geht man von hier den Siegesplatz und die Italien-Straße hinunter, lassen sich weitere politisch verbrämte Klassiker in einen zehnminütigen Spaziergang einbinden. Radikal sachlich, dem deutschen Bauhaus verwandt, bevor dort und da antikisierendes Beiwerk ideologische Abgründe verrät, sehen die hohen Arkaden und leicht wirkenden Bauten aus. Und hakt man die Institutionen ab, die Mussolini exemplarisches Bauen wert war, meint man fast ein Lehrstück in Sachen heutiges Cavaliere-Italien vor sich zu sehen: Justizpalast, Finanzamt, Sportstadion, Armeequartier, als Draufgabe wählte der „Duce“ Lido Badeanstalt statt Reality-TV - mehr Staat als Travertin-Modul geht auch heute nicht.

25. Oktober 2002 Der Standard

Wut zur Gestaltung

Von der Ästhetik der Informationstechnologie bis zum Design von Kanaldeckeln reicht die Formensprache des Karim Rashid, der ab 25. Oktober auch an einer Ausstellung des steirischen herbstes teilnimmt

Schwarze Sakkos und schwarze Rollis, anthrazitfarbene Anzüge und betongraue Hemden. Graue Gesichter sowieso. Vielleicht ein kleiner, rattenhafter Yuppie-Zopf im Genick, eckige Brille nicht ausgeschlossen. Wer sich in letzter Zeit mit Vertretern und Kommissären der Designszene traf, wer fleißig deren Messen und Vernissagen besuchte, dort nüchterne Möbel mit hohem Gebrauchs-IQ umzingelte, der konnte eines wohl kaum übersehen: nämlich die Präsenz einer Mode, die Sales-Manager, Kreativdirektoren, Designer in der Regel im kollektiven Dress antreten ließ - in einem uniformen Outfit mit dem gewissen Flair von Leichengräber-Intellektualität.

Betrachten wir hingegen Herrn Rashid, einen Mann, dessen Name von den oben georteten Design-Krähen heute nicht eben selten in den Mund genommen wird. Schließlich befindet sich auch die mit Experimenten eher vorsichtig gewordene Möbelbranche auf steter Entdeckungsreise. Sucht, tüftelt, forscht nach besseren Materialien. Investiert in die ultimative Eckverbindung sowie in andere Errungenschaften eines scheinbar stagnierenden Gegenwartsdesigns. Und hungert dabei nach Gegenfüßlern. Nach Leuten, die auch ohne Bauhaus und Memphis und Retro-Zeigefinger im Gepäck ihren Design-Weg suchen - und finden.

Herr Rashid darf als Exemplar letzterer Kategorie bezeichnet werden, und entsprechend planmäßig verlief auch seine Karriere. Irgendetwas fiel auf an seinen Entwürfen, die von New York aus zunächst lediglich die virtuellen Räume des Internets möblierten. Damals war er Mr. Geheimtipp, einer, der die Balance zwischen Underdog und Etabliertem besonders lang in der Schwebe zu halten verstand. Doch auf den Absturz wartet man auch heute, nach dem erfolgten Durchbruch, vergebens - Karim Rashid versagte sich das übliche Los der Geheimtipp-Menschen. Er galt als hip - und gilt heute als noch hipper. Eine Supernova mit guter Kondition, möchte man meinen. Einer, der entweder um zwei Jahrzehnte zu spät kommt oder viel zu früh. Oder einfach aus ziemlich weiter Ferne. Letzteres stimmt im Falle des gebürtigen Ägypters in der Tat und klingt ansonsten wie billige amerikanische Propaganda: Karim, das Immigrantenkind, wird in Amerika reich. Halleluja! Und größere Wunder sollten noch geschehen: Denn Karim, das Immigrantenkind, wird so etwas wie ein Popstar. Ob ihm dies auch auf musikalischer Ebene gelingt, wird sich erst noch herausstellen. Immerhin veröffentlichte Karim Rashid erst vor kurzem seinen ersten Track fürs Plattenlabel Mole Listening Pearls. Sicher sein kann man sich aber im angestammten Metier Design: Karim poppt, als flösse purer Kaugummi durch seine Adern, vielleicht als Erster seit Philippe Starck, der mittlerweile ja den Mick Jagger des Möbeldesigns abgibt. Doch das sind Reminiszenzen an die Achtzigerjahre, während Rashid als geschichtsloser Interpret der Postpostmoderne auftritt - und dabei eine große Lücke im internationalen Design füllen hilft. An geeignetem Rüstzeug fehlt es ihm jedenfalls nicht. Folgendes wäre nämlich zu vermelden: Erstens, und am wichtigsten, null Scheu vor weißen Lackschuhen mit orangefarbenen Socken. Zweitens die Tatsache, dass die Surfergemeinde fest hinter ihm steht und damit auch auf seine Teppiche, Möbel und Accessoires.

Auch das Industriedesignstudium in Kanada und Schnupperjobs bei Ettore Sottsass und Rodolfo Bonetto schlugen sich positiv nieder, wie das vorläufige Zwischenergebnis beweist. Lautstark, grell und bunt sind Rashids Entwürfe. Wie im Rampenlicht eines Gigs knallen sie auf die Bühne des Designs, während die dazugehörigen Grafikjobs genauso gut auf der Unterseite von Skateboards oder im Portfolio eines trendigen Webdesigners auftauchen könnten. Man mag sogar so weit gehen zu sagen: Karim Rashid ist eine originäre Erfindung der

Stadt New York und die amerikanisch geprägte Popkultur des neuen Jahrtausends seine eigentliche Heimat und Projektionsfläche. Dahinter verbirgt sich nun so manches: beachtliche Dynamik ebenso wie das prinzipielle Dilemma der eher oberflächlichen Lesart der Dinge - besser bekannt als Pop. Nachhaltigkeit ist jedenfalls nicht der erklärte Fokus des Karim Rashid, so viel steht schon auf den ersten Blick fest. Vielmehr zählt für ihn der Moment, der Fluss und manchmal auch Strudel der Popkultur, wohl auch die Flüchtigkeit von Internet und medialer Welt. Virtuos lotet Rashid als eigentliche Basis seiner Arbeit die Ästhetik der Informationstechnologie aus, und die Vielfalt seiner Arbeit erinnert dabei tatsächlich ein wenig ans Surfen im Netz. Scheinbar mühelos springt nämlich auch der Designer zwischen entfernten Produktgenres hin und her, verwischt dabei mit beachtlichem Selbstverständnis traditionelle Grenzziehungen. Vom Parfumfläschchen zum Möbel, vom Informationskiosk zum tragbaren Computer, von der Gestaltung neuer New Yorker Gullydeckel bis zum Manschettenknopf reicht die Gestaltungswut des Karim Rashid und legt sich wie Brooklyner Graffiti über das Panorama der Produktwelt.

„Sensual minimalism“ nennt er seinen Arbeitsstil. Dinge der Alltagskultur in sinnliche und komfortable Produkte zu verwandeln, vielleicht auch in Fetische des persönlichen Gebarens. Moderne Materialien wie Plastik, Kunstharz oder Metalllegierungen, die eigentlich aus der Luftfahrt stammen, spielen dabei eine zentrale Rolle, ebenso natürlich wie der Computer, so wie es sich für ein Net-Kid eben gehört. „Papier“, sagt Rashid nicht ohne Stolz, „findet sich in meinem Büro keines.“ Auch der hauseigene Vertrieb mancher Entwürfe läuft logischerweise über das Netz. Der ideale Mann für Black & Decker, Sony, Villeroy & Boch und YSL zu sein setzt ein gewisses Maß an Flexibilität voraus.

Sich alle diese Kunden unter den Nagel reißen zu können erfordert ein hohes Maß an persönlichem Talent, in Rashids Fall wird dies zum Mix mit individuellem Stil. Denn allzu leicht lässt sich die Handschrift des mittlerweile bekanntesten New Yorker Designers aus dem Fundus der Produktwelt herauslesen, daran konnte auch der enorme Output des 41-Jährigen nichts ändern. Anfängern des „Karim Rashid Tracking“ sei in diesem Zusammenhang ein besonderes Augenmerk auf die Farbe Schweinchenrosa anempfohlen. Pink wie Buggs Bunnies Ohren ist der präferierte Farbton des New Yorkers, und fast schaffte es Rashid, der Farbe quasi im Alleingang zu einem Modefrühling zu verhelfen. Mit der Sitzbank „Momo 100 pink“, einer Art miniaturisierter Achterbahn zum Verschnaufen, setzte er bereits im Jahr 2000 ein erstes kräftiges Signal. Mit dem auf der diesjährigen Mailänder Möbelmesse präsentierten Lümmelmobiliar „Superblob“ legte er noch ein rosarotes Schäuferl - respektive eine an Vulven und phallische Wülste anmutende Sitzgelegenheit - nach.

„Sensual minimalism“ also, dem so gesehen auf Dauer wohl nur zweierlei Möglichkeit bleiben: die stete Steigerung ins künstlerische Gefilde des Hyperdesigns. Oder zurückkriechen, egal wohin - in Rechnergehäuse und den Schoß der großen Stadt. Robert Haidinger []

Karim Rashid wird ab 25. Oktober in der von Zaha Hadid und Patrik Schumacher kuratierten Ausstellung „Latente Utopien - Experimente der Gegenwartsarchitektur“ im Landesmuseum Joanneum in Graz neben Gestaltergrößen wie Ross Lovegrove, Greg Lynn und anderen mit einem Projekt beim steirischen herbst vertreten sein.

9. Februar 2001 Der Standard

Sasag goes City

London hat das „falsche Ufer“ entdeckt. Auf der rechten Seite der Themse, rund um die Tate Modern, wurde aus einem heruntergekommenen Viertel ein neues Vorzeigequartier

ansässige Designer Ross Lovegrove. Wer heute durch London reist, gibt dem gebürtigen Waliser wohl früher oder später recht. Gleichmäßig verteilen sich nämlich die jüngsten Transformationen der größten europäischen Stadt; nicht zuletzt auch dank der zahlreichen Architekten von Weltrang, die ihre (Wahl-)Heimat zunächst rund um die Docklands gewaltig verändert haben. Wie Kühlanlagen ragen die atemberaubenden Glas-Stahl-Bauten der post-postmodernen Hightech-Architektur nun am Themseufer auf, und Ähnliches gilt für den Abstecher zum benachbarten und kaum weniger spacigen Millennium Dome. Furios verbindet auch Nicholas Grimshaws gläserner Schlauch des Waterloo-Terminals Star-Trek-Ambiente und Good Old England.

Der jüngste Anschlag aufs altehrwürdige Themseufer wurde nur wenige Meter von der St. Paul's Cathedral gestartet. „London swingt wieder“, ätzten die Zeitungen, als die hier beginnende Millennium Bridge nur drei Tage nach ihrer Eröffnung Ende Mai des Vorjahres wegen zu starken Schwingens wieder geschlossen wurde.

Besser als der Brücken-Architekt Sir Norman Foster kamen da schon die Schweizer Kollegen Herzog & de Meuron weg, die am anderen, südlichen Brückenende den subtilen Umbau eines stillgelegten Kraftwerks ins umjubelte zeitgenössische Kunst-Museum Tate Modern bewerkstelligten. Die Eröffnung dieses neuesten Titelbild-Stars der Nation bescherte dem ganzen Viertel und den umliegenden „Right Bank“-Bezirken - Southwark, Bankside und Borrough - einen ungeahnten Aufschwung.

Der im Art-déco-Stil gehaltene Oxo Tower, einst Teil einer Fabrik für Fleischextrakte, beherbergt heute Shops und Designwerkstätten, in alte Tonnengewölbe zogen trendige Vinotheken oder gestylte Restaurants wie das „Fish!“ ein, und sogar der, dank Gusseisen-Kolonnaden und rotzigen Lamb-Chops-Verkäufern sehr an Dickens erinnernde Borrough Market lockt heute mehr oder weniger professionelle Trendscouts aus aller Welt an.

Am schönsten ist der Blick auf dieses „andere Ufer“, auf dem auch das größte Riesenrad der Welt - nämlich das London Eye, schräg vis-à-vis von Westminster - steht, von der Terrasse des 12.500 Quadratmeter großen Super-Museums aus. Im Rücken der nach Frischluft schnappenden Museumsbesucher grölt Videokunst von Bruce Nauman, vorne breitet sich das Panorama mit der violett-grün illuminierten Millennium Bridge aus. Ideal als Skateboardrampe sind die Betonkegel an den beiden Enden der Brücke, ideal auch als Rastplatz für Stadtmüde. Nur: Stehen zu bleiben gestattet sich hier niemand, und schon gar nicht die seit kurzem rudelweise auftretenden Jogger mit ihren teuren Pulsmessern: The City must go on!

Dieser Devise ist die Hype City London, die sich seit geraumer Zeit als „kreativer Workshop der Welt“ feiern lässt (Zitat: Tony Blair), freilich schon lange treu. Entdeckt und vermarktet wurde der raue Reiz der Suburbs schon im Laufe der 90er-Jahre. Erfolgreiche Einzelgänger wie der Design-Papst Ron Arad, der schon vor vielen Jahren ins proletarische Vorstadt-Exil ging, zählten zu jenen Pionieren, die zunächst vor allem die backsteinerne Welt des Londoner Eastend zum „very wallpaper“, zum trendigen Pflaster, werden ließen. Avantgardistische Schweineblut-Eis-Skulpturen, die moderne Bildhauer vor Monaten an Hackneys Brick Lane zeigten, oder die fashionable Präsentation von PVC-Hemden mit lebender Wurmbefüllung schienen sich hier besonders gut zu machen. In unfeinen Gegenden wie Hackney oder Horton Square schossen die ausgeflippten Galerien und schicken Lofts aus dem Lagerhallenboden und machen nun dem traditionellen, superfeinen Dreieck zwischen Knightsbridge, Chelsea und Belgravia unerwartet Lifestyle-Konkurrenz. Am spannendsten ist dabei aber wohl die Geschwindigkeit, mit der sich das ewige Zuerst-die-Bohème-dann-der-Kommerz-Ringelspiel dreht. Southwark, das der echte Southwarker wie „Sasag“ prononciert, ist da keine Ausnahme.


Wer sich noch vor kurzem beim Themse-Spaziergang hierher verirrte, ballte wohl instinktiv

das Touristenhändchen in der Regenmanteltasche. Besonders einladend wirkte die zwar relativ zentral, aber eben am „falschen“ Ufer gelegene Gegend nämlich nicht. Ein abgefuckter Gemüsegroßmarkt, lange Zeit geschlossene Docks und in den lokalen Pubs vorwiegend Typen wie Charly Kappl - so sah die alte Hafengegend von Southwark noch vor wenigen Jahren aus. Arbeitercafés wie das „Bourrough Café“, in dem eine Riesenportion Bacon & Eggs noch immer gerade drei Pfund kostet, wurden damals höchstens von den Location-Managern des britischen Independent Cinemas entdeckt, und zwar als echte, gute Prolo-Kulisse.

Plötzlich ist alles anders. Das kann man nicht nur an der 330 Meter langen und nur vier Meter breiten Millennium Bridge erkennen, die von der altehrwürdigen St. Paul's Cathedral direkt ins Herz von Southwark, zur Modern Tate, hinüberführt, sondern auch am überall augenscheinlichen Restaurationsboom, der die drei angrenzenden Bezirke Southwark, Borrough und Bankside erfasst hat - und den charakteristischen, muffigen Viadukten des Viertels nun auch den Duft von frisch geröstetem Yuppie-Espresso beschert.

„Mushrooming“ nennen die alteingesessenen Southwarker diese Entwicklung und schütteln über so viel Rasanz die Köpfe. Tatsächlich sprießen die Galerien, Modeläden und schicken Weinbars seither wie Pilze aus dem Boden. Wer bereits während des Baus des benachbarten Design Museums und der Nachbildung des Shakespeareschen Globe Theaters - beide liegen ebenfalls hier - seine Business-Claims abgesteckt hatte, machte seither einen saftigen Schnitt. Und wer erst jetzt kommt, ist immerhin am Puls der Zeit.

Letzterer veränderte im traditionellen Arbeiterbezirk sogar die guten alten Barkeeper. Die unter der London Bridge gelegene „Cynthia's Bar & Lounge“ wäre so ein Fall: Zwei klobige Roboter gießen hier in der cool gestalteten Halle die Drinks ein. Nur mit den lauwarmen Pints hapert es noch.