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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

6. September 2014 Der Standard

„Squatten? Das klingt so illegal!“

Die Belgrader Architektin Iva Cukic will die Stadt vor der kompletten Privatisierung bewahren. Deshalb gründete sie vor einigen Jahren das „Ministarstvo prostora“, das Raumministerium. Wojciech Czaja traf die „Premierministerin“ letzte Woche in Alpbach.

STANDARD: Lesen Sie gerne Comics?

Cukic: Und wie! Sehr gern sogar. Ich bin nur etwas verwirrt über den Gesprächsbeginn.

STANDARD: Es gibt eine Science-Fiction-Comic-Serie von Warren Ellis und Chris Weston aus dem Jahr 2001. Die heißt „Ministry of Space“.

Cukic: Na echt? Die kenne ich gar nicht! Jetzt verstehe ich.

STANDARD: 2010 haben Sie das „Ministry of Space“ gegründet. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Cukic: Das „Ministarstvo prostora“ heißt nicht nur so, sondern ist auch tatsächlich ein Raumministerium. Wir sind ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Belgrad, und wir übernehmen all jene Agenden, die die serbische Regierung mangels Interesse, Sensibilität und Kompetenz in den letzten Jahren verabsäumt hat. Wir setzen uns mit öffentlichem Raum auseinander, erforschen und entdecken, wo es ungenutzte Ressourcen gibt, nutzen diese und geben der Bevölkerung ihren städtischen Raum zurück.

STANDARD: Wie das?

Cukic: Leute, kommt, das ist euer Raum! Nutzt und verwendet ihn! Das ist unsere Message.

STANDARD: 2011 haben Sie die alten Belgrader Inex-Filmstudios gesquattet.

Cukic: Squatten klingt so illegal. Sagen Sie das nicht! Wir haben die alte, abgefuckte Betonruine, in der früher Inex-Film beheimatet war, ausgemistet, renoviert und wieder instand gesetzt. Heute befinden sich darin Ausstellungsräume und sogar ein paar ganz einfache Wohnungen, die wir an bedürftige Menschen vergeben. Außerdem veranstalten wir auf dem Inex-Areal immer wieder Festivals und Feste.

STANDARD: Weiß der Grundstückseigentümer darüber Bescheid?

Cukic: Mittlerweile ja. Eines Tages ist plötzlich ein fremder Mann aufgetaucht, hat sich das Haus angesehen und hat sich sehr genau nach allem erkundigt. Erst am Ende hat er seine Identität gelüftet. Seitdem mögen wir uns. Wir haben ein Übereinkommen, dass wir das Grundstück so lange nutzen dürfen, bis er dafür eine andere Nutzung gefunden hat.

STANDARD: Arbeitet das Raumministerium denn legal oder illegal?

Cukic: Beides. Schreiben Sie das so rein? Ach, ist doch egal. Das wissen eh schon alle. Aber ganz im Ernst: Wo es geht, bemühen wir uns auf ganz offiziellem Wege um Bewilligungen für Projekte und Veranstaltungen sowie um Sponsorengelder. Und wo es nicht geht, legen wir eine Art freundliche Guerillataktik an den Tag.

STANDARD: Die wie aussieht?

Cukic: Hingehen, aufbauen, Strom anzapfen und loslegen.

STANDARD: Welche Taktik ist Ihnen lieber?

Cukic: Ganz ehrlich? Guerilla-Style! Wir sind vier Minister, wobei ich die Premierministerin bin, wenn Sie so wollen, aber wir haben dutzende bis hunderte Helfer - abhängig vom jeweiligen Projekt. Auf illegale Weise geht alles viel schneller. Auf diese Weise hatten wir bisher am meisten Erfolg.

STANDARD: Sind Sie schon einmal in Schwierigkeiten gekommen?

Cukic: Nein, noch nie. Außer dass mich ein Grundstückseigentümer schon einmal verprügeln wollte.

STANDARD: Arbeiten Sie auch mit dem einen oder anderen echten Ministerium zusammen?

Cukic: Wir sind ein echtes Ministerium! Wir haben zwar schon einmal versucht, mit einem anderen Ministerium zu kooperieren, aber daraus wurde nichts.

STANDARD: Nehmen sich die anderen Ministerien des Leerstandes in Belgrad bzw. allgemein in Serbien an?

Cukic: Nein. Ganz und gar nicht.

STANDARD: Wie viele Gebäude stehen denn seit der Wende 1989 leer?

Cukic: Genaue Zahlen habe ich nicht. Um nicht zu sagen: Genaue Zahlen existieren nicht, weil sie niemals erhoben wurden. Ich würde den enormen Leerstand in Serbien aber nicht so sehr auf 1989 zurückführen, sondern eher auf den Jugoslawienkrieg und auf den Zerfall des Landes Anfang der Neunzigerjahre. Durch den Krieg, durch die Sanktionen, durch die damals enorme Korruption und nicht zuletzt durch die Privatisierung, die wie eine turbokapitalistische Keule auf das Land eingeschlagen hat, kam es zu einer großen Veränderung auf dem Immobilienmarkt.

STANDARD: Was passiert mit den leeren Gebäuden heute?

Cukic: Sie stehen leer und verfallen vor sich hin. Nur um Ihnen ein Beispiel zu nennen: Allein in Belgrad stehen derzeit 14 traditionelle Kinos, die nach dem Zerfall Jugoslawiens privatisiert wurden, leer. Das sind klassische Spekulationsobjekte. Sie stehen so lange leer, bis ein attraktives, unschlagbares Angebot kommt.

STANDARD: Ein solches unschlagbares Angebot ist der Bau der neuen Belgrader Waterfront an der Save.

Cukic: Hinter dem Projekt verbirgt sich der arabische Investor und Projektentwickler Eagle Hills (Tochterunternehmen von Emaar Properties, Anm.) mit Sitz in Abu Dhabi. Die Menschen mögen das Projekt, weil sie erstens die Pläne für die Uferpromenade mitsamt dem 200 Meter hohen Belgrade Tower und dem größten Einkaufszentrum auf dem Balkan schön finden. Und zweitens herrscht allgemeiner Konsens darüber, dass es gut sei, wenn ein Investor wie Muhammad al Abar Geld nach Belgrad bringt. Immerhin reden wir da von etwa vier Milliarden Euro.

STANDARD: Das Raumministerium kämpft gegen das Projekt an. Warum?

Cukic: Weil es eine große Gefahr birgt. 14.000 Quadratmeter Land, die direkt an der Save liegen und die in Belgrad heute zu den letzten öffentlichen Wassergrundstücken zählen, würden damit auf einen Schlag privatisiert werden. Dessen und auch all der damit verbundenen Konsequenzen sind sich die meisten Belgrader nicht bewusst.

STANDARD: Wie schaut Ihre Aufklärungskampagne aus?

Cukic: Wir machen öffentliche Veranstaltungen und laden die Menschen zu moderierten Gesprächen ein. Eines der Themen, die wir immer wieder anreißen: Wer braucht schon Luxuswohnungen, wenn es in Belgrad nicht an Luxuswohnungen mangelt, sondern an leistbaren Billigwohnungen?

STANDARD: Leistbar bedeutet?

Cukic: Im Durchschnitt kostet eine klassische Wohnung in Belgrad 1400 Euro pro Quadratmeter, und das bei einem durchschnittlichen Einkommen von 500 Euro pro Monat. Das ist eine „mission impossible“. Ganz zu schweigen von den Wohnungen im Belgrade Tower. Wir brauchen keine Wohnungen um ein paar Tausend Euro pro Quadratmeter. Wir brauchen Wohnungen um 500 Euro pro Quadratmeter! Dafür versuchen wir die Menschen zu sensibilisieren.

STANDARD: Klappt das?

Cukic: Aufklärung und Sensibilisierung brauchen Zeit.

STANDARD: Denken Sie, dass das Projekt jemals realisiert wird?

Cukic: Nein. Nicht in dieser Form. Ich denke, dass sich die Regierung mit Emaar Eagle Hills darauf einigen wird, das Land für 99 Jahre zu verpachten. Der Belgrade Tower mit seinen Luxuswohnungen und Luxusbüros ist in erster Linie ein medientaugliches Lockmittel. Ob er jemals realisiert wird oder nicht, ist nebensächlich. In erster Linie geht es darum, das Grundstück zu blockieren und daraus dann Kapital zu schlagen.

STANDARD: Sie legen sich mit ganz schön großen Kapazundern an. Woher nehmen Sie Ihre Energie?

Cukic: Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass ich dazu beitragen will, Belgrad zu retten und vor der kompletten Privatisierung zu bewahren. Wenn die Regierung nicht schleunigst umdenkt und auch weiterhin bei jedem großen Kaufangebot mit den Ohren schlackert, weil hinter dem Dollar-Zeichen so viele Nullen stehen, dann wird die Stadt bald komplett ausverkauft sein. So weit darf es nicht kommen.

STANDARD: Wird es das Raumministerium in der nächsten Legislaturperiode noch geben?

Cukic: Daran besteht kein Zweifel.

6. September 2014 Der Standard

Baukultur denken ohne jedes Tabu

Die heurigen Baukulturgespräche widmeten sich der lebenswerten und gerechten Stadt. Dazu gehört auch die viel zitierte und selten eingelöste Leistbarkeit von Wohnraum

Vor wenigen Tagen gingen im hübschen Tiroler Kleinod Alpbach die Europäischen Baukulturgespräche zu Ende. Das übergeordnete Thema lautete heuer: „At the Crossroads. Lebenswerte und gerechte Städte schaffen“. Präsentiert wurden Initiativen und künstlerische Quartiersimpulse zwischen Ljubljana und Rio de Janeiro, Überlegungen zu einer neuen Form von urbaner Nachbarschaft sowie architektonische und stadtplanerische Reaktionen auf die stetig wachsende Stadt.

Und dann war da noch die Leistbarkeit, die in vielen Vorträgen und Diskussionen angeschnitten wurde. Denn leistbar - darin waren sich fast alle Diskutanten einig - ist das Wohnen in den Ballungsräumen schon lange nicht mehr. „Einen hohen, ernstzunehmenden Grad an Leistbarkeit zu erreichen erfordert Fokus und Durchhaltevermögen in der Willensbildung“, sagte Michael Wagner-Pinter, CEO der Synthesis Forschung Gesellschaft in Wien. „Das kann man nicht einfach an die Politik delegieren. Da muss die Privatwirtschaft mit anpacken.“

Teure Stadtzentren

Leichter gesagt als getan. Denn tatsächlich werden die Zentren immer teurer und teurer. Schuld daran sind nicht nur Grundstückspreise, sondern auch die kontinuierlich steigenden Anforderungen an den Wohnbau.

„Wenn wir von leistbarem Wohnen sprechen, dann müssen wir die Häuser für Menschen in Zukunft von jenen für Autos trennen“, forderte Verkehrspapst Hermann Knoflacher. „Wenn wir uns dazu nicht überwinden, wird das nicht klappen, denn ein großer Teil unserer Wohnkosten fließt in unterirdische Garagen.“ Und Georg Pendl, Präsident der Bundes-Architektenkammer, meinte: „Wir alle zitieren immer wieder die wunderbaren Wohnbauten der Pariser Architekten Lacaton & Vassal, wenn es um leistbares Wohnen geht. Völlig zu Recht! Doch die Wahrheit ist: Wenn ich so ein Haus in Österreich baue, dann lande ich im Gefängnis.“

Zu streng seien die Förderrichtlinien und Sicherheitsvorschriften hierzulande. Das verunmögliche es auch, sich der Anforderung an leistbaren Wohn- und Nutzraum in Österreich so zu nähern, wie dies andernorts der Fall ist. Beispielsweise in Amsterdam, wo der Vorarlberger Architekt Dietmar Eberle für einen privaten Investor 2010 ein 32.000 Quadratmeter großes Haus unter dem Titel „Solids Ijburg“ realisierte - und zwar ohne schon zuvor zugewiesene Funktion.

Gewünschter Funktionsmix

Das Mixed-Use-Objekt, das die konservative Immo-Wirtschaft vor ein schier unlösbares Rätsel zu stellen vermochte, wurde kurzerhand über Ebay versteigert. Mitbieten konnte jeder Interessent für Flächen zwischen 70 und 800 m². Das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Verwertungskampagne ist eine Melange aus Minihotel, Montessori-Kindergarten, diversen Büros und 25 Prozent Sozialwohnungen für sieben Euro pro Quadratmeter. So sieht er aus, jener „lebenswerte und gerechte“ Funktionsmix, über den zwar alle sprechen, den jedoch niemand so richtig anzupacken wagt.

Wie man das Unmögliche auch hierzulande möglich machen kann, darüber wurde auf den Baukulturgesprächen in einem „World Café“ sinniert. Die erfrischend radikalen Lösungsvorschläge: Förderungen für die Errichtung von Multifunktions-Objekten sowie ein grundlegendes Überdenken von Bauordnung und Mietrechtsgesetz. Ein weiterer Wunsch war die Einführung von Leerstandssteuern und Strafen für spekulativ vom Wohnungsmarkt zurückgehaltene Objekte. Damit wurde ein riesiges Tabu in der Immobilienvorschrift tangiert. Applaus.

30. August 2014 Der Standard

Du sollst übers Wasser gehen

Nach drei Jahren Bauzeit ist die Brücke zum Mont Saint-Michel fertiggestellt und soll demnächst eingeweiht werden. Der romanische Abteiberg darf endlich wieder Insel werden. Von Wojciech Czaja

Ach, weißt du noch, damals in den Siebzigern? Bei Ebbe konntest du mit dem Auto über den Damm fahren und direkt vor dem Mont Saint-Michel parken. Mitten im Watt! Das war echt lustig!" Es waren die Gezeiten, die die Länge des Besuchs vorgegeben haben. Mit der abendlichen Flut mussten die Autos verschwinden, wenn sie denn nicht vom steigenden Wasser hinweggerafft wurden, und der Klosterberg durfte sich seine untertags aufgegebene maritime Aura wieder zurückerobern.

Die oft gehörten Urlaubsanekdoten rund um den Mont Saint-Michel sind nun Geschichte - zumindest jene mit dem Auto im klatschnassen Sand. Am 22. Juli wurde nach dreijähriger Bauzeit eine fast 800 Meter lange Stelzenbrücke eröffnet, die das denkmalgeschützte Kloster nicht nur visuell, sondern vor allem auch ökologisch wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückführen soll. Im September wird das ungewöhnliche Brückenbauwerk eingeweiht. Der Weihwassertransport wird kein übermäßig langer sein.

„Ich bin sehr glücklich mit der neuen Passerelle“, sagt Père André Fournier. Der Pater mit Brille und Glatze gehört dem Orden von Jerusalem an, der die einstige Benediktinerabtei verwaltet, und ist einer von insgesamt 27 Einwohnern des Mont Saint-Michel. „Die Fußgängerbrücke ist nämlich nicht nur ein funktionales Bauwerk, sondern erlaubt den Besuchern auch einen neuen Zugang mit ganz neuen, wunderbaren Blicken auf den Berg. Für mich ist dieses Projekt ein Wunder.“

Seine Schwärmerei hört sich an wie ein Stoßgebet an Mutter Natur. Nun, da die Brücke fertiggestellt sei, so Père André, könne der Mont endlich wieder seine volle Schönheit entfalten - hier, an der Kreuzung von Wasser, Wolken, Himmel, Wind und Gestein - und wieder zur Insel zurückmutieren. „Den Damm abzubrechen und die Autos aufs Festland zu verbannen, war eine überaus gute Idee“, so André.

Und sie war nicht nur gut, sondern auch von allerhöchster Dringlichkeit. „Früher war der Mont Saint-Michel nur per Boot erreichbar, die Errichtung des Straßendamms vor rund 150 Jahren war so gesehen also keine schlechte Idee“, meint Dietmar Feichtinger. Der nach Paris emigrierte Wiener Architekt hat den 2001 ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen und das Projekt bis zur Fertigstellung betreut. „Bloß konnte damals noch niemand ahnen, dass der Damm im Laufe der Jahrzehnte maßgeblich zur Versandung und Verlandung der gesamten Bucht beitragen würde.“

War der heilige Michael einst noch vier Kilometer vom Festland entfernt, sind es nun gerademal ein paar hundert Meter, die das Eiland von der Küste trennen. Durch den Damm konnte das Wasser des zäh fließenden Couesnon, der sich hier in einem breiten Delta ins Meer ergießt, nicht mehr ungehindert den Klosterberg umspülen. Die angeschwemmten Sedimente wurden immer und mehr, die Ebbezeiten immer trockener.

„Wenn wir nichts unternommen hätten, wäre der Mont Saint-Michel in spätestens 40, 50 Jahren von öden, trockenen Salzwiesen umgeben“, erklärt Patrick Morel, Bauherrenvertreter und Vorstandsdirektor des Syndicat Mixte Maître d'Ouvrage, im Gespräch mit dem STANDARD. „Damit wäre das im elften Jahrhundert errichtete Kulturdenkmal, das seit 1979 als Unesco-Weltkulturerbe firmiert, stark bedroht gewesen. Das wiederum hätte enorme Folgen für den Tourismus und somit für die Wirtschaft der gesamten Region“, ganz zu schweigen vom Untergang eines so sensiblen maritimen Ökoreservats mit all seinen Sandkrabben, Napfschnecken und Wattwürmern.

„Stimmt nachdenklich“

Père André blickt mit einem seligen Lächeln über die Bucht, als würde er sich im Schoße Gottes wiegen, hinaus auf den Steg. Krabben, Schnecken, Wurmgetier - allesamt gerettet. Seine einzige Sorge gilt dem etwas längeren Weg als zuvor, denn anstatt schnurgerade auf den Mont zuzugehen, muss er nun einen etwas längeren, s-förmig geschwungenen Weg in Kauf nehmen. Rund 45 Minuten dauert der Fußmarsch vom Parkplatz, langsamen Schrittes und fotografierend wohlgemerkt. „Für Pilger und Touristen ist das schon okay, aber für uns Brüder und Schwestern, die wir hier wohnen? Das stimmt mich nachdenklich.“

Dass man den von manch Geistlichem täglich zurückgelegten Weg verlängert habe, sei einer der zentralen Aspekte dieses Projekts, meint Feichtinger. „Früher hat man sich dem Mont in einer geraden Achse genähert und hat dabei immer nur die Straße mit ihren Autos, Shuttlebussen und tausenden Passanten gesehen. Durch den Schwung können sich nun Blicke auf einen fast freistehenden Klosterberg entfalten, ohne dass einem unentwegt Touristen vor die Kamera hüpfen.“

Und klick. Ohne jeden Zweifel gilt die Hauptaufmerksamkeit dem romanischen Mont Saint-Michel, der sich nach einer leichten Linkskurve auf halbem Wege in seiner vollen Pracht vor der Passerelle aufbäumt. Die Brücke wird zu diesem Zeitpunkt unsichtbar. Unauffällig duckt sie sich ins Naturschutzgebiet und begnügt sich bei all ihrer Schönheit und konstruktiven Ästhetik wohlwollend mit dem zweiten Platz.

„Diese Brücke ist wie ein Werkzeug Gottes“, sagt Pater André. Von einer sehr sensiblen Verschmelzung von Stahl und heimischer Eiche indes spricht Architekt Feichtinger. Zwar hätte man auch tropische Hölzer verwenden können, die womöglich eine etwas längere Lebensdauer haben, doch dies wäre in diesem sensiblen Ort ein allzu fremder Eingriff gewesen. Nach 40 bis 80 Jahren, zeigt die Erfahrung, werde man die Eichenbohlen unter den Füßen der Fußgänger - das Material findet sich übrigens auch auf der Außenhaut der Shuttlebusse wieder - austauschen müssen.

Der Querschnitt der Brücke ist asymmetrisch. Auf der einen Seite gibt es einen schmalen, 1,50 Meter breiten Fußweg für Alleinmarschierende und vielleicht auch für verliebt dahinschlendernde Pärchen, so Feichtinger. Auf der anderen Seite hingegen, mit Blick auf den offenen Atlantik, stehen 4,50 Meter Breite zur Verfügung, um jene sommerlichen Horden aufzunehmen, die den Weg per pedes dem motorischen Dahingeshuttle vorziehen. Und davon wird es eine Menge geben. Mit rund 2,5 Millionen Besuchern pro Jahr gilt die Abtei nach Paris als beliebtestes Touristenziel Frankreichs.

Knapp 140 Stahlpfähle stützen den flach über dem Boden schwebenden Steg, wobei jeder einzelne Bohrpfahl bis zu 30 Meter tief ins Watt gerammt werden musste. Aufgrund der großen Stützendichte im Untergrund konnte diesseits der Wasseroberfläche auf dicke, mächtige Brückenkonstruktionen oder gar Fachwerke verzichtet werden. Und tatsächlich: Mit 1800 Tonnen Gesamtgewicht ist die Passerelle zum Mont Saint-Michel geradezu ein Brückenleichtgewicht. Die Gesamtnettobaukosten belaufen sich auf 31 Millionen Euro brutto.

„Wissen Sie“, meint Père André Fournier zum Abschluss, „gut Ding braucht Weile, sehr viel Weile. Jetzt einmal ist die Brücke fertig, und damit ist schon der größte Weg zurückgelegt. In den kommenden Monaten wird nun der alte Damm abgebrochen.“ Im April nächsten Jahres soll das Projekt abgeschlossen sein. Bis 2025, so die Prognose, soll das Ökosystem in der Bucht wieder intakt sein. Die Flutwassertiefe wird dann 70 Zentimeter betragen.

30. August 2014 Der Standard

Gebrauchsanweisung zum dichten Stadtleben

Die Erkenntnis der Baukulturgespräche in Alpbach: Die Stadt ist ein viel besserer Lebensort als gedacht

Alpbach - Vergessen Sie alles, was Sie bisher über das Thema Stadt zu wissen glaubten! So könnte man die Essenz der heurigen Baukulturgespräche beim Europäischen Forum Alpbach beschreiben. Unter dem Motto „At the Crossroads. Lebenswerte und gerechte Städte schaffen“ wurden viele bekannte Bilder und Statistiken hinterfragt, vor allem aber befassten sich die Vorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops mit ungewöhnlichen und bisweilen recht radikalen Ansätzen zum Thema Leistbarkeit und Wohngenuss.

Es dürfe nicht alles als Kollektiv betrachtet werden. „Ein gewisser Egoismus kann die Stadt und Nachbarschaft durchaus befruchten“, erklärte die an der Columbia University lehrende Soziologin Saskia Sassen. „Ein Migrant kommt, macht einen Shop auf, weil er selbstständig sein und von irgendetwas leben muss, und am Ende profitiert die gesamte Nachbarschaft davon.“ Kleine, informelle Strukturen seien wichtig. Große, spekulative, womöglich sogar leerstehende Quartiere, so Sassen im Gespräch mit dem STANDARD, würden die Stadt auf lange Sicht „deurbanisieren“.

Das war's dann mit der viel zitierten Dichte und Lebendigkeit. Doch genau diese ist, wie Architekt Dietmar Eberle in seinem Vortrag unterstrich, unverzichtbar. In einer von ihm in Wien, München, Berlin und Zürich durchgeführten Studie stellte er fest: Je höher die Bebauungsdichte in einem Quartier, desto höher ist die Qualität und Pflege der öffentlichen Freiräume und desto besser ist das Viertel fußläufig und mit öffentlichem Verkehr an die restliche Stadt angeschlossen.

„Es ist ein Paradoxon, doch in den letzten Jahrzehnten haben wir in Mitteleuropa den Fehler gemacht, dass wir die Neubaugebiete viel zu dünn bebaut haben, zumal sich Politik, Wohnbauträger und Investoren häufig mit großer Luftigkeit rühmen.“ Auch in der Wiener Satelliten-Seestadt Aspern, so Eberle, sei die Bebauungsdichte viel zu niedrig angesetzt. „Das ist eine Siedlung. Hier wird niemals Stadt entstehen.“ Dass es mitunter gelingt, sogar in extrem dicht bevölkerten Städten so etwas wie Lebensqualität zu sichern, erklärte Ljiljana Blagojevic, Professorin an der Universität Belgrad. „Dichte ist nie das Problem, auch nicht in einer Stadt mit so vielen städtebaulichen Schwächen und Fehlern wie Belgrad, wo wir heute mit abgewohnten sozialistischen Wohnbauten zu kämpfen haben. Es geht nur darum, was man mit dieser Dichte macht. Wir müssen lernen, die Potenziale zu erkennen. Und die gibt es immer.“ Als Fazit der diesjährigen Baukulturgespräche könnte man sagen: 1. Dichte bringt Leben. 2. Dichte sorgt für geringeren ökonomischen Druck und ist somit ein Garant für Leistbarkeit. Und 3. Selbst im baulichen Bestand lässt sich die Dichte erhöhen, indem man die bisweilen hohen Leerstände in Wohnhäusern (Stichwort Spekulation) eliminiert. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, wäre die Einführung von Leerstandssteuern und Strafen für spekulativ vom Wohnungsmarkt zurückgehaltene Objekte. Das ergaben die Workshops der Teilnehmer. Selten zuvor waren die Baukulturgespräche radikaler und erfrischender. Da kann man ansetzen.

23. August 2014 Der Standard

Schule macht Schule

Der Ernst des Lebens kann auch Spaß machen. Zum Beispiel im neuen Bildungscampus am Wiener Hauptbahnhof, der in einer Woche in Betrieb gehen wird. Erster Spaziergang durch einen räumlichen Vorboten, der den Wiener Schulbau auf den Kopf stellen wird.

Am 1. September ist Schulbeginn. Und damit startet für viele nicht nur der Ernst des Lebens, sondern auch eine neue Ära im österreichischen Schulbau. Erstmals seit Jahrzehnten werden die Jüngsten unserer Gesellschaft nicht mehr in neun mal sieben Meter große Standardklassen gequetscht, sondern können sich zwischen individuell gestalteten Ausbildungsräumen frei bewegen, können über sogenannte Marktplätze schlendern, können je nach Belieben mal drinnen, mal draußen lernen.

Ort dieser pädagogischen Revolution, an die vor wenigen Jahren noch niemand so richtig glaubte, ist der Bildungscampus im Sonnwendviertel im Hinterland des neuen Wiener Hauptbahnhofs. Die letzten Handgriffe werden gerade gemacht. Die einen tragen höhenverstellbare Drehstühle durchs Haus und polieren die Edelstahlküchen auf Hochglanz, die anderen machen die letzten Verwaltungsrochaden und drucken die Stundenpläne aus. Bald kommen die Horden.

„In den letzten 15 Jahren haben wir so gut wie jede einzelne österreichische Schulausschreibung gelesen und studiert“, erinnert sich Georg Poduschka, PPAG Architekten. „Doch diese eine Ausschreibung hat uns mehr als überrascht. Da waren keine räumlichen Vorgaben aufgelistet, sondern pädagogisch-funktionale Wünsche. Viele unserer Kolleginnen und Kollegen haben gar nicht glauben wollen, was die Magistratsabteilungen und der Stadtschulrat da hineingeschrieben haben.“

Erstmals, seit er denken kann, habe sich Poduschka ernsthaft und tiefgreifend mit dem Thema Schulbau auseinandersetzen dürfen. Mit Erfolg. Von den insgesamt 102 Teilnehmern kamen neun Büros in die zweite Bewerbungsstufe. Gewonnen hat schließlich der eckig zusammengewürfelte Cluster von PPAG, der sich - im Grundriss betrachtet - wie ein Commodore-Pac-Man durch das Schulgelände frisst.

Die ungewöhnliche Form hat inhaltliche Gründe. Denn anders als in allen bisher bekannten Schulen werden hier keine Normklassen mit Normtafeln und Normwaschbecken an Normgänge mit Normbrandlast und Normfluchtwegen gefädelt. Stattdessen gruppieren sich jeweils vier Unterrichtsklassen um einen zentralen Marktplatz, der den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung steht - und zwar nicht nur in den Pausen, sondern auch in den Schulstunden.

Über vier Meter breite Glasfalttüren lassen sich die einzelnen Klassenräume zu einem riesigen Dorfplatz zusammenfassen. Wenn gewünscht, können auf diese Weise bis zu 100 Kids gleichzeitig - und zwar fächer- und auch schulstufenübergreifend - unterrichtet werden. An jede Klasse und jeden Cluster anschließend gibt es zudem Freiluftklassen, die mal witterungsgeschützt und mal mit einer schattenspendenden Pergola versehen sind. Projektunterricht bekommt damit eine vollkommen neue Dimension.

Oder, wie Georg Poduschka sagt: „Das ist ein Schulhaus für alle Kinder zwischen null und 14 Jahren, von Kindergarten über Volksschule bis hin zur Mittelschule. Ich finde das super. Als Kindergartenkind kann ich auf dem gesamten Gelände frei herumlaufen und meinen pubertierenden Bruder in seiner Schulklasse besuchen, wenn ich das will.“ Diese Offenheit und Transparenz ist Neuland in Österreich.

„Das ist ein Schulgebäude, das es in dieser Form bislang noch nie zuvor gegeben hat“, erklärt Claudia Koch, Direktorin der Volksschule. „Die offene Bauweise ist ein baulicher Anspruch an das Lernen, dem man erst einmal gerecht werden muss. Doch unse- re Pädagoginnen und Pädagogen sind aufgeschlossen und entwicklungsfreudig. Ich persönlich freue mich schon auf den Schulbetrieb.“

Auch Andreas Gruber, Direktor der Neuen Mittelschule (NMS), meint: „Das ist eine ziemliche Umstellung, eine ziemliche Herausforderung, wie ich meine. Aber in erster Linie sehe ich den Bildungscampus als Chance, denn das ist genau das, wonach wir Pädagoginnen und Pädagogen uns in all den Jahren gesehnt haben. Ich denke, es ist eine Frage der Zeit, vielleicht sogar der Generationen, aber früher oder später wird diese Offenheit auch auf die Kinder überspringen.“

Als ob das alles nicht schon neu genug wäre, verfügt jede Klasse über eine rund 15 Quadratmeter große Raumnische. Hierher können sich die Kinder zum Lesen oder Schlafen zurückziehen. Es sei jener abgeschiedene Privatbereich, so Architekt Poduschka, der als Ausgleich zum stundenlangen Unterricht so unglaublich wichtig sei, üblicherweise jedoch hinter einer selbst zusammengebastelten Schrankwand versteckt werde. Hier muss sich die Muße nicht maskieren.

Die Neuerungen auf dem 1100 Schüler fassenden Bildungscampus, der leider nicht so bunt ist wie sein räumlich innovatives Konzept, sondern sich hinter einem Farbkonzept aus Schwarz, Weiß und militärischer Schlammtarnfarbe zurücknimmt, gehen bis ins kleinste Detail. So entwickelten die PPAG Architekten sogar einen neuen, sechseckigen Schultisch, an dem bis zu drei Schüler sitzen können. Drehstühle mit höhenverstellbarer Fußstütze machen's möglich. Bei Bedarf ist sogar noch Platz für eine Lehrperson.

Und anstatt grüner Schiefertafeln gibt es sogenannte Whiteboards. Diese können den händisch geschriebenen Text nicht nur speichern, sondern auch in ein digitales Word-Dokument umwandeln. Auf diese Weise lässt sich mit anderen Klassen virtuell kommunizieren. Möge die bessere Lehrmethode gewinnen. Das enervierende Quietschen und Kreischen der Kreide ist damit Geschichte.

Von den veranschlagten 47 Millionen Euro Baukosten (Gesamtinvestitionskosten 79 Millionen Euro) wurden nur 37 Millionen verbaut. Das ist eine Reduktion um mehr als 20 Prozent. Für diese rechnerische Leistung gebührt den PPAG Architekten ein glattes „Sehr gut“. Schade nur, dass von den einst geplanten Vogelbrutkästen, Brieftaubenstationen, Bienenhäusern und frei herumlaufenden Igeln und Katzentieren nichts geworden ist. So weit traut sich die österreichische Bürokratie dann wohl doch nicht aus dem Fenster zu lehnen.

„Kompromisse muss man immer eingehen, und es kann sein, dass sich der Bildungscampus am Hauptbahnhof in den letzten Jahren von der ersten Konzeptskizze bis zur Fertigstellung da und dort auch architektonisch verändert hat“, meint Karin Schwarz-Viechtbauer, Direktorin des Österreichischen Instituts für Schul- und Sportstättenbau (ÖISS). „Räumlich jedoch ist der Campus exakt so geworden, wie PPAG ihn entworfen hat. Damit markiert die Pilotschule einen Wendepunkt im Wiener Schulbau und definiert die Stoßrichtung für die kommenden Jahre.“

Die folgenden Bildungscampus-Bauten sind bereits in Planung und in Bau. Unter dem Arbeitstitel „Campus plus“ verfolgt die Stadt Wien das Konzept weiter und errichtet in der Seestadt Aspern und in Kagran weitere Projekte, die hoffentlich Schule machen werden. Auch ohne Normschüler und ohne Normkatalog. „Die nächsten Pilotprojekte werden für die Zukunft des Wiener Schulbaus ausschlaggebend sein“, so Schwarz-Viechtbauer.

8. August 2014 Der Standard

Eine Kämpferin für Freiheit und Komfort

Heimat großer TÖCHTER (13)

Die Wiener Architektin und Widerstandskämpferin Margarete Schütte-Lihotzky hat mehr geleistet als nur diese eine, verhasste „Frankfurter Küche“ zu bauen. In der Sowjetunion wirkte sie etwa an dutzenden Wohnbauten und auch Stadtplanungskonzepten mit.

„Jetzt seien Sie doch bitte nicht albern!“, soll sie mal einen netten Aufseher bei einer Ausstellungseröffnung im Museum für angewandte Kunst abgemahnt haben, als er der mittlerweile weit über 100-Jährigen einen Sessel vor die Füße stellte. „Schaue ich wirklich so alt aus, dass ich die 20 Minuten nicht mehr derstehen kann? Ich bitte Sie, tun sie das weg!“

Margarete Schütte-Lihotzky, 1897 in Wien geboren, ist eine Galionsfigur der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sie war mit Adolf Loos und Bruno Taut befreundet. Sie plante tausende Wohnungen, entwarf unzählige Wohn- und Einrichtungstypen, arbeitete in Deutschland, in Russland, in der Türkei, in Bulgarien, in den USA und auf Kuba.

Im Gegensatz zu vielen männlichen Kollegen entwickelte Margarete Schütte-Lihotzky, die im Alter von nur 21 Jahren ihren Studienabschluss an der Wiener Kunstgewerbeschule machte, von Anfang an einen intensiven Kontakt zu den Menschen, zum Proletariat.

Kurz nach ihrem Studium fuhr sie nach Holland und betreute dort Wiener Arbeiterkinder, die nach dem Ersten Weltkrieg in der Stille der Deiche Erholung finden sollten. Der Dialog mit dem Gegenüber würde sich durch ihr gesamtes OEuvre ziehen.

Ab 1921 arbeitete sie für die erste gemeinnützige Siedlungsgenossenschaft der Kriegsinvaliden Österreichs. Sie wirkte unter anderem an der Planung der Reformsiedlung „Eden“ mit und entwickelte in dieser Zeit ein Interesse für die scheinbar kleinen und nichtigen Bereiche des Wohnens. Schütte-Lihotzky entwarf Möbel, beschäftigte sich mit der industriellen Serienproduktion und widmete sich verstärkt jenem Raum der Wohnung, der sie bis an ihr Lebensende klischeehaft verfolgen würde: der Küche.

In ihren Frankfurter Jahren entwickelte sie eine ergonomische Einbauküche der kurzen Wege und wenigen Handgriffe. Rund 10.000-mal wird die von ihr konzipierte Küche im sozialen Massenwohnbau Frankfurts eingebaut. „Ewig Küchen, die sind mir schon beim Hals herausgehangen!“, erzählte sie später einmal in einem TV-Interview.

Zeit in der Sowjetunion

1927 heiratete sie ihren Frankfurter Architekturkollegen Wilhelm Schütte, mit dem sie in die Sowjetunion auswandert und dort dutzende Wohnbauten und Kindereinrichtungen plant, ja sogar Stadtplanungskonzepte für Nowosibirsk, Magnitogorsk und Moskau entwickelt.

Und dann der Zweite Weltkrieg. Nachdem die Kommunistin und brennende Widerstandskämpferin nur knapp der Todesstrafe entging, landete sie 1941 im Frauenzuchthaus Aichach.

Nie wieder sollte es ihr gelingen, in Österreich Fuß zu fassen; nicht als ehemaliges Mitglied der KPÖ. Erneut verließ sie Wien, floh ins Ausland, nach Sofia, Peking, New York, Havanna, Berlin. Erst in den späten 1960er-Jahren kehrte die Pensionistin wieder zurück zu ihren Wurzeln, suchte sich eine kleine Wohnung im fünften Bezirk und blieb dort bis zu ihrem Lebensende. Erst im hohen Alter wurde der großen Tochter öffentlicher Respekt zuteil.

Küchenexplosion

Wenige Monate vor ihrem Tod lud Schütte-Lihotzky eine Gruppe von Schüler(inne)n und Studierenden zu sich nach Hause, um aus ihrem Leben zu erzählen. Vorsichtig wagte der Autor dieser Zeilen die Frage, wie es denn sei, als Architektin immer nur auf ein einziges Projekt reduziert zu werden. Weit kam er nicht. Kaum waren die beiden Worte „Frankfurter“ und „Küche“ gefallen, explodierte die 103-Jährige und schlug ihm um die Ohren: „Ich habe in meinem Leben sehr viel mehr gemacht als nur das. Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer nur davon reden, hätte ich diese verdammte Küche nie gebaut!“

26. Juli 2014 Der Standard

Pack die Stadt bei den Hörnern!

Der Mies van der Rohe Award prämiert „Europas beste Bauten“. Und nicht selten leisten die Projekte einen nachhaltigen Beitrag für die ganze Stadt. Derzeit gastiert die gleichnamige Ausstellung in Wien.

Das Gute daran: Menschen mit einer Rot-Grün-Sehschwäche werden sich hier in einer adrett geputzten, fein säuberlich gemähten Parklandschaft wähnen. Das Schlechte daran: Auf ein Vögelchen oder gar herbeigehuschtes Eichhörnchen wird man hier länger warten müssen. Aber das ist bei der Bjarke Ingels Group (BIG) keine Seltenheit, denn von jeher liebt es das dänische Architekturbüro, mit einer gewissen, zelebrierten Künstlichkeit zu schockieren, ob nun auf dem Lande oder in der Stadt.

Doch die Menschen lieben das charmante, schelmische Augenzwinkern dieses wohl frechsten Architekturbüros der Welt, vor allem hier am Superkilen im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro. Traditionell leben hier viele Migranten. Fast 30 Prozent aller Einwohner sind Ausländer, darunter etwa Araber, Türken, Pakistanis und Somalis. Und nachdem die Kultur der südlichen Länder - ganz im Gegensatz zu uns mitteleuropäischen Dauerkonsumenten und Hausmuffeln - eine ist, die es versteht, den öffentlichen Raum zu nutzen und ihn zu bewohnen, ist es nicht verwunderlich, dass es kaum eine Tageszeit gibt, zu der Superkilen nicht von unterschiedlichsten Farben und Sprachen bevölkert wird.

„Das Rot ist kein Zufall, sondern hat gute Gründe“, erklärt Daria Pahhota vom Büro BIG. „Wir haben die Leute befragt, wie sie den Platz am liebsten nutzen möchten, und der Großteil der Einwohner sehnte sich nach einem Ort für Sport und Freizeitaktivitäten. Also haben wir uns am klassischen Sportplatz orientiert und die Stadt in diesem Bereich rot gefärbt.“ Die Gebrauchsspuren seien nicht zu übersehen. Inzwischen, meint Pahhota, könnte der Platz an einigen Stellen einen Neuanstrich gebrauchen.

Superkilen in Kopenhagen, ein Gemeinschaftsprojekt von BIG, Superflex und Topotek 1, ist eines von insgesamt 40 Projekten, die derzeit im Architekturzentrum Wien (AzW) zu sehen sind. Ausgestellt werden jene Preisträger und Finalisten, die beim letztjährigen Mies van der Rohe Award 2013, bei dem herausragende Projekte aus ganz Europa prämiert wurden, auf der Shortlist waren. Seit damals tourt die Wanderausstellung durch die EU und macht Werbung für etwas mehr Mut in der Architektur.

In natura

„Architekturpreise und Auszeichnungen im Bauwesen gibt es wie Sand am Meer“, sagt AzW-Direktor Dietmar Steiner. Doch der Mies van der Rohe Award, der seit 1988 vergeben wird, sei in zweifacher Hinsicht etwas Besonderes: „Erstens sind es nicht die Architekten, die die Projekte aus Eigeninteresse nominieren, sondern unabhängige Juroren wie etwa Kulturschaffende, Kuratoren und Journalisten. Und zweitens werden die shortgelisteten Projekte nicht nur anhand von Fotos und Plänen beurteilt, sondern anhand des konkreten Bauwerks.“ Sprich: Die Jury fährt direkt vor Ort und schaut sich das Ding in natura an. Damit werde in der Beurteilung eine Qualität erzielt, von der andere Awards nur träumen können.

„In all den 25 Jahren“, meint Antoni Vives, Präsident der Fundació Mies van der Rohe, die den Award seitdem in regelmäßigen Abständen vergibt, „hatten wir bereits 335 Projekte auf der Shortlist. Und all diese Projekte haben massiv dazu beigetragen, die europäische Stadt weiterzuentwickeln, und zwar mit einem gewissen Savoir-faire und einer Qualität auf internationalem Niveau.“

Dass dieser Beitrag kein dauerhafter und auch kein unendlich kostspieliger sein muss, beweist das Projekt „Red Bull Music Academy 2011“ in Madrid, das mit dem „Emerging Architect Special Mention Award“ ausgezeichnet wurde. Ursprünglich hätte das Flügel verleihende Musikfestival in Tokio stattfinden sollen. Doch nachdem das Erdbeben und der Tsunami die Prioritäten in Japan in diesem Jahr anders gesetzt hatten, musste das Festival kurzfristig abgesagt und übersiedelt werden. Die Wahl fiel auf Madrid.

„Niemand hat für möglich gehalten, dass dieses Projekt realisiert werden kann“, erinnert sich Architektin María Langarita im Gespräch mit dem STANDARD. „Wir hatten zwei Wochen Konzeptphase, zwei Wochen Planungsphase und acht Wochen Bauzeit. Danach musste alles stehen. Und noch dazu war das nicht irgendwann unterm Jahr, sondern im Hochsommer, Bauzeit August, also genau dann, wenn die spanischen Baufirmen und Konzerne auf Urlaub sind und das Land auf Sparflamme funktioniert.“

Aus der Not wurde eine Tugend gemacht. Auf komplizierte Bausysteme, aufwändige Konstruktionen und etablierte Markenware musste verzichtet werden. Stattdessen griffen Langarita und ihr Partner Víctor Navarro zu billigem, handelsüblichem Sperrholz. Nachdem der Baustoff nicht sonderlich wetterfest und somit auch nicht resistent gegen aufsteigende Bodenfeuchte ist, mussten die Büros, Garderoben, Technikräume, Bühnenelemente und Tribünen aufgeständert werden. Für den nötigen Schutz von oben sorgt das bestehende Dach der einstigen Großmarkthalle Matadero, die der Red Bull Music Academy Obdach gab.

Dramatisch und abenteuerlich

„Es ist sich alles irgendwie ausgegangen, aber niemals im Leben hätte ich damit gerechnet, dass wir mit diesem billigen Projekt zwei Jahre später den Mies van der Rohe Award gewinnen würden“, meint Langarita. „Das beweist für mich einmal mehr, dass auch temporäre Bauten keine Projekte zweiter Klasse sind, sondern durchaus eine gewisse architektonische, bauliche und kulturelle Qualität haben können. Und das ist gut so, denn nicht alles im Leben ist für die Ewigkeit bestimmt.“

Randnotiz: Die Red Bull Music Academy stieß bei den Madrilenen auf so große Resonanz, dass die Sperrholzlandschaft nicht - wie ursprünglich geplant - nach dem Festival wieder abgebaut wurde, sondern nach wie vor in Verwendung ist. Heute wird sie von der Stadt Madrid bespielt und hört auf den Namen „Nave de Música“.

Einem gläsernen Schiff nicht unähnlich ist jedenfalls das Harpa Concert Hall and Conference Centre im Hafen von Reykjavík, das beim Mies van der Rohe Award 2013 den Hauptpreis einheimsen durfte (DER STANDARD berichtete). Dem wohl stolzesten Projekt Islands der letzten Jahre, für das die Architekten Batteríid und Henning Larson sowie der isländische Künstler Olafur Eliasson verantwortlich zeichnen, ist im Architekturzentrum Wien der größte und prominenteste Platz gewidmet. Die kleinen Modelle vermitteln eine Idee davon, wie dramatisch und abenteuerlich die dreidimensional geformte, prismatische Glasfassade in Richtung Stadtzentrum blickt.

„Das Harpa Centre ist nicht nur ein Konzerthaus, sondern auch ein Konferenzzentrum mit perfekter Ausstattung und Dolmetschkabinen für bis zu neun Sprachen“, sagt Harpa-Chef Ásgeirsson im Interview mit dem STANDARD. „Island hat sich damit auf die internationale Landkarte katapultiert. Denn nun können wir nicht nur spektakuläre Landschaft anbieten, sondern auch eine hochrangige Konzert- und Architekturszene. So gesehen leistet zeitgenössische Architektur einen enormen Beitrag zur Aufwertung eines Ortes, und den haben wir dringend benötigt.“ Ganz gleich, ob das nun in Reykjavík ist - oder in einem einst sogenannten Problembezirk in Kopenhagen.

20. Juli 2014 Der Standard

Die Sonnenkönigsdisziplin

Letzten Samstag ging der Solar Decathlon 2014 zu Ende. Prämiert wurden innovative Projekte im Umgang mit solarer Energie

„Jetzt hör auf zu fotografieren und komm endlich her! Aber Cookies gibt's keine, nur dass du's weißt!“ Und schon steht man mitten in Holland, in einem Garten mit viel Grünzeug und Gemüse rundherum. Neben der Natur wächst eine Art Gewächshaus in den Himmel, die gesamte Fensterreihe im Obergeschoß ist aufgeklappt, der Luftzug zu dieser Tages- und Jahreszeit ein durchaus gewollter und bis zum letzten Komma kalkulierter.

Denn „Prêt-à-Loger. Home with a Skin“, eine Art Sofortwohnangebot für Grüne und solche, die es werden wollen, ist ein von der ersten Skizze bis zur buchstäblichen Schlüsselübergabe konzipiertes Plusenergiehaus, das die Energie- und CO2-Bilanz in den niederländischen Reihenhaussiedlungen am Stadtrand in kürzester Zeit und bei ebenso knapper Kasse auf ein absolutes Minimum runterdrücken soll.

Thermisch sanierungsbedürftig

„In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in den Niederlanden einen regelrechten Häuslbauerboom“, sagt Dennis Ijsselstijn, seines Zeichens Student an der TU Delft und Projektleiter dieses löblichen, ressourcenschonenden Unterfangens. Er sitzt auf der Hollywoodschaukel und winkt kurz rüber nach Frankfurt, Nantes und Barcelona. „Heute sind wir damit konfrontiert, dass diese Häuser katastrophale energetische Werte haben und dringend nachgerüstet werden müssen.“

Rund 110.000 dieser thermisch sanierungsbedürftigen Habitate gibt es in den Niederlanden. „Prêt-à-Loger. Home with a Skin“ zeigt vor, was man mit dieser ungeliebten Bausubstanz machen kann. Zum Beispiel. Letzten Samstag wurde das rekordverdächtige, hässliche Ziegelentlein mit der drübergestülpten Glashaube beim internationalen Solar Decathlon Paris mit dem Grand Prize in Bronze ausgezeichnet.

Ort des Geschehens: Cité du Soleil, ein temporär aufgebautes Messegelände, nur wenige Schritte vom Schlosspark Versailles entfernt. Wo einst Sonnenkönig Ludwig XIV. geherrscht hatte, ging nun zum zehnten Mal der solare Zehnkampf über die Bühne. Es ist der größte Architektur- und Ingenieurswettbewerb dieser Art weltweit. Teilnahmeberechtigt sind Studentengruppen in Zusammenarbeit mit Forschungs- und Industrieunternehmen.

Energetisch berechnet

„Dritter Preis! Nicht schlecht, was?“ Ijsselstijn erklärt die Funktionsweise des gläsernen Bausatzes, der wie eine zweite Fassade um so gut wie jedes normale Backsteinhaus gewickelt werden kann. „Das Prinzip ist ganz einfach: Im Winter dient der Wintergarten als Pufferraum und Isolierung, im Sommer entsteht auf diese Weise ein erweitertes Wohnzimmer, das aufgrund von Querlüftung und thermischer Luftzirkulation das Haus mit kühler Luft umspült.“

Zudem ist die zum Teil offenbare Konstruktion mit Photovoltaik-Zellen verkleidet. Ein unter dem Wintergarten eingebauter, flach liegender Tank dient als Wasserspeicher. Eine Wärmerückgewinnungsanlage sorgt dafür, dass kaum ein Watt abhandenkommt. Jedes einzelne Detail dieses Hauses wurde nicht nur geplant, sondern auch energetisch berechnet. Unterm Strich - und davon kann man sich auch hierzulande ein Scheibchen abschneiden - produziert das Haus im Betrieb mehr Energie, als es verbraucht.

„Our Solar King“

„Das allererste Mal hat der Solar Decathlon vor zwölf Jahren in Washington, D.C., stattgefunden, und ich hätte mir niemals gedacht, dass dieser Wettbewerb eines Tages so hohe Wellen schlagen wird“, sagt Richard King, Gründer und Direktor des internationalen Wettkampfs um die Sonnenergie, der nächstes Jahr erstmals auch in Südamerika ausgefochten werden soll. „Doch am meisten freut mich, dass sich der Preis professionalisiert und so weit entwickelt hat, dass nun die erwachsenen, berufstätigen Architekten von den jungen, innovativen, zielstrebigen Studenten lernen können, und nicht umgekehrt.“

Diese respektvolle Geste wissen die rund 600 Studenten, die sich heuer am Solar Decathlon beteiligt haben, zu schätzen. Niemand von ihnen nennt den Prinzipal des 2002 ins Leben gerufenen Wettbewerbs bei seinem eigentlichen Namen. Alle spähen sie hinüber zu den geometrisch zurechtgezupften Bäumen im Schlossgarten des einstigen Sonnenkönigs und stimmen sodann im Chor an: „Richard, our Solar King!“

Nicht nur Architektur wird bewertet

Das größte Verdienst des Solar Decathlon: Nicht allein die Architektur wird bewertet, sondern auch die Wirtschaftlichkeit, bauliche Logistik und bauphysikalische Eigenschaft des Gebäudes. Überall stehen Messgeräte. Jeder einzelne Raum wird aufgezeichnet, und das rund um die Uhr: Temperatur, Luftfeuchtigkeit, CO2-Gehalt, Behaglichkeit, Raumklima bei Stromausfall, eine nicht enden wollende Liste. In der Zentrale werden die Datensätze ausgewertet. Sie bilden die Basis für den Preis, der in insgesamt zehn Unterkategorien vergeben wird. Daher auch der Name.

Aufbruch. Wir spazieren nach Nantes und Rom. Ein wenig erinnert die provisorische Cité du Soleil in Versailles an einen Kirtag, an ein Wiesenfest der Ingenieure. 20 Studententeams aus aller Welt, einige von ihnen sind interdisziplinär und auch transnational zusammengewürfelt, haben sich heuer beteiligt. Die Resultate der insgesamt zwei Jahre dauernden Planungs- und Bauphase beweisen, wie vielfältig das Thema Passivhaus und Plusenergiehaus sein kann.

Speicherfähige Masse

Nantes. Hier sind die Preisträger in Silber zu Hause. „Philéas. Atlantic Challenge“ nennt sich ihr Projekt. Und auch hier wieder reagieren die Studentinnen auf eine reale Situation, ja sogar auf ein bestehendes, sanierungsbedürftiges Industriegebäude im Loire-Hafen. Dem 1895 errichteten Stahlbetonklotz setzen sie eine gläserne Haube aufs Dach. Die transparente Hutpracht dient den darunterliegenden Wohnräumen als Wärmepuffer, aber auch als Agraroase inmitten der städtischen Betonwüste.

Rom. Das Projekt „Rhome for Dencity“ hat heuer den Grand Prize in Gold nach Italien getragen. Das in Zusammenarbeit mit Rubner Haus entwickelte Projekt, eine schlichte Holzkiste in Rot und Natur, wirkt zunächst unauffällig. Erst auf den zweiten Blick entfalten sich die Features: Die Photovoltaik-Paneele sind zugleich klappbarer Sonnenschutz. Die in Leichtbauweise errichteten Wände sind zugunsten eines ausgeglichenen Raumklimas mit Sandkanistern gefüllt, die die Rolle der speicherfähigen Masse übernehmen. Und überall Querlüftungsfenster, soweit das Auge reicht.

„Wie ein gut funktionierendes Haus aufgebaut sein soll, weiß in Italien jede Oma“, erklärt Nicola Moscheni, Student an der Universität Roma Tre. „Und eigentlich haben wir nichts erfunden, sondern nur das optimiert, was uns unsere Großmütter schon beigebracht haben.“ Dem watscheneinfachen Rezept kann man seinen Erfolg nicht abstreiten.
„Noch eine Vision“

„Für mich ist dieser Wettbewerb ein Statement für die Zukunft“, sagt Robert Schild, Habitat-Manager für Österreich und Deutschland bei Saint-Gobain. Der weltweit tätige Baustoffproduzent hat beim diesjährigen Decathlon tonnenweise Isoliermaterial, Baufolien und Putze beigesteuert. „Und ich verfolge mit Begeisterung, wie innovativ die Studenten die Materialien einsetzen. Da kann sich die gesamte Baubranche etwas abschauen.“

Das italienische Studententeam hält seine wohlverdiente Glastrophäe in die Höhe, „Und jetzt tragen wir alle unsere Ideen nach Hause, denn das Land, aus dem wir kommen, kann frische Impulse gut gebrauchen“, sagt eine der Studentinnen im Taumel des Siegs. „Noch ist der Solar Decathlon eine Vision“, sagt Sonnenkönig Richard King. „Doch ich wünsche mir, dass der Preis eines Tages nicht mehr ein Blick in die Zukunft, sondern eine Zwischenbilanz über die Gegenwart sein wird.“

5. Juli 2014 Der Standard

Wenn die Kunst im Kreis verkehrt

Meist ist es bepflanzt, oft sogar ganz grausam bekunstet. Doch bei näherer Betrachtung bietet das kreisrunde, der Landschaft abgerungene Restgrundstück Potenzial für Nachdenken, Bauen und Wohnen.

Weintrauben, Weingläser, Birnenfiguren, korinthische Säulen, Kampfflugzeuge, Kühe, Krüge, Rosenbögen und allerlei angewandte Floristik: Das ist das zermürbende Bild der rund 260 Kreisverkehre im Land Niederösterreich, das damit - und zwar mit großem Vorsprung - bundesweiter Spitzenreiter des dauerlinks eingeschlagenen Lenkrads ist. „Jedoch ist der Kreisverkehr“, schreiben die beiden Kulturtheoretiker Marc Ries und Bernhard Keller in ihrem gleichnamigen Essay, „nicht nur ein verkehrstechnisches Arrangement, er ist auch eine Gestalt, ein Körper in der Landschaft.“

Und zwar einer, der niemals leer bleiben darf, der immer gestaltet und mit Kunst oder ähnlichen, dazu ernannten Stücken zu bestücken gehört. „In den meisten Fällen“, erklärt Katharina Blaas-Pratscher, Leiterin der Abteilung Kunst im öffentlichen Raum (KÖR) der Niederösterreichischen Landesregierung, „verwenden die Gemeinden den Kreisverkehr als Werbetafel und Marketinginstrument. Und manchmal darf sich auch der eine oder andere, ortsansässige Künstler darin austoben. Doch die künstlerische Qualität lässt bisweilen zu wünschen übrig.“

Um diesen Zustand zu ändern, fordert und fördert Blaas-Pratscher mit einer für drei Jahre einberufenen Jury - nicht nur, aber auch - musische Impulse für ausgerechnet jene kreisrunden Restgrundstücke, die der zunehmende Automobilverkehr der Landschaft und zu Fuß gehenden Menschheit ringsum abgerungen hat. Kunst im Kreisel, das ist vor allem auch eine Kunst der Dynamik und Distanz.

Zirkulare Ehrenrunden

Donnerstag, acht Uhr morgens. Der Pendler- und Güterverkehr hat Rush Hour. Auch hier, am erst kürzlich eröffneten und eingeweihten Kreisverkehr an der Autobahn-Ausfahrt Leobendorf bei Wien. Und trotz allmorgendlicher Hektik passiert es zu dieser Tageszeit nicht wenige Male, dass ein Autofahrer, anstatt den Ausfahrtsblinker zu betätigen, im Kreise bleibt und zugunsten der Kunstrezeption eine, manchmal sogar zwei zirkulare Ehrenrunden dreht. Das dazu anspornende Motiv, eine Skulptur der costa-ricanischen Künstlerin Priscilla Monge, hört auf den Namen The House.

„Ich war hier einige Male zu Besuch, und mich hat fasziniert, wie viele Leute rund um Wien das traditionelle, auf den ersten Blick offen erscheinende, letztendlich aber abweisende, verschlossene Wohnmodell Haus mit Garten für sich in Anspruch nehmen“, sagt Monge. „Und das trotz eines sehr großen Nationen- und Migrantenspektrums. Mich hat das fasziniert, in gewisser Weise auch irritiert.“

Die Verstörtheit an der österreichischen Raumplanung und Besiedelungspolitik ist mehr als offensichtlich. The House ist kein hübsches und auch kein konformistisches Domizil, sondern ein windschiefes Etwas, das einerseits an die expressionistischen Filme der 1920er-Jahre, andererseits an Alfred Hitchcocks Psycho-Haus hoch oben auf der Hügelkuppe erinnert. Die beiden in die Faserzementfassade eingravierten Worte unterstreichen die nicht ganz eindeutig zuordenbare Beziehung zum trauten Heim: „Heimlich“ prangt es auf der morgens beschienenen Fassade, „Unheimlich“ hingegen beansprucht die Schattenseite für sich.

Während das Haus im Kreisverkehr hierzulande eine unzugängliche künstlerische Botschaft für die schnell Vorbeifahrenden ist, wird es andernorts als genau das genutzt: als abgeschiedene, vom Umraum abgeschnittene Wohninsel für Obdachlose. „Ich habe einige Monate in Brasilien verbracht“, erzählt Leo Schatzl, der sich ebenfalls schon im Kreise gedreht hat. Im niederösterreichischen Zwiebeldorf Unterstinkenbrunn baute er in den Kreisverkehr sein fast sieben Meter hohes, leuchtendes Großes Zwiebelchen (2007, siehe Foto). „Und wenn man die Potenziale eines Kreisverkehrs zwischen hier und dort miteinander vergleicht, dann kommt man unweigerlich ins Grübeln.“

Gemeinsam mit seinen Studenten auf der Kunstuniversität Linz startete er vor einigen Jahren das Projekt Island Hopping, indem er die Kreisverkehre Österreichs zu einem artifiziellen Inselstaat von schützenden Landflecken inmitten des rauschenden Verkehrsstroms ernannte und mit seinen Studiosi sodann von Insel zu Insel hüpfte. „Kreisverkehre sind Inseln, die zu gewissen Inselträumen anregen können“, so Schatzl. „Bloß sind diese Flächen meist ausgeblendet und vergessen.“

Was man auf so einer Insel alles machen kann und machen könnte, beweist Ulrike Lienbacher mit ihrem Kreisverkehr, so der Titel der Arbeit, in Gänserndorf (2010, siehe Foto). Die Künstlerin bleibt der Fortbewegung treu und installiert auf der nur sieben Meter großen Insel eine Sportanlage mit vier nicht besonders langen und wohl auch nicht besonders leicht zu bestreitenden Laufbahnen. Die Ironie rennt mit.

Schon absurd

„Im Kreis zu laufen und nicht rauszukönnen, das hat schon etwas Absurdes“, meint Lienbacher im Gespräch mit dem STANDARD und verweist dabei auf den leistungsorientierten Wettkampf, dem wir in unserem täglichen Leben ausgesetzt sind. „Und in gewisser Weise ist der Kreisverkehr ja auch eine Laufbahn - zwar nicht für Karrieren und auch nicht für Sportler, aber für Autos.“

Und in Hainburg steht inmitten des Kreisverkehrs auf der B9 ein Grüppchen von Menschen. Die fünf Damen und Herren, die sich hier Ende 2013 zur Baubesprechung (Foto) eingefunden haben, sind eine Art verstecktes Denkmal für den niederösterreichischen Altlandeshauptmann Andreas Maurer, der für den Bau der Hainburger Donaubrücke verantwortlich zeichnet und nicht selten, mehr oder weniger genau hier, mit Ordnern und Planunterlagen gestanden sein soll.

Die Darstellung des Grüppchens im Maßstab 1:1, für das neben Maurer vier Hainburger Pate standen, wirkt so realistisch, dass Autofahrer immer wieder irritiert sind und nochmals eine Runde drehen, um den geheimnisvollen Gestalten im Kreise auf den Grund zu gehen. Damit ist den beiden Künstlern Hubert Lobnig und Iris Andraschek das gelungen, wovon die Verkehrsplanung so oft schwärmt.

„Man würde annehmen, dass ein Kunstwerk im Kreisverkehr von der Konzentration aufs Autofahren ablenkt“, erklärt der Wiener Verkehrsplaner Werner Rosinak. „Doch das Gegenteil ist der Fall. Untersuchungen haben ergeben, dass ein Irritationsmoment entlang der Straße die Geschwindigkeit reduzieren kann und dass die Autofahrer langsamer in einen Kreisverkehr einfahren, wenn die Sicht auf das Gegenüber verstellt ist.“ Zum Beispiel durch eine Zwiebel, zum Beispiel durch ein Haus.

Wie schreiben Marc Ries und Bernhard Keller über den Autofahrer? „Vielleicht empfindet er ein gewisses Unbehagen angesichts der mehr oder weniger einfallsreichen Ausgestaltung des inneren Kreises, jenes toten Gebietes, das er umfährt. Trotz aller Irritation wird er, wenn er den Kreis endlich verlässt, zufrieden darüber sein, dass er nur bremsen und nicht wie an einer Kreuzung anhalten musste.“

5. Juli 2014 Der Standard

Zur Untermiete im Teilzeitsommerhaus

Timesharing hat viel Unglück über die Immobilienwelt gebracht. Doch nun mehren sich auch hierzulande die Projekte, bei denen man sich ins Ferienhaus nicht wochenweise einkauft, sondern einmietet - in Weiden am See etwa, wo vor kurzem ein Projekt fertiggestellt wurde.

Babou hat einen alles andere als einfachen Job. Der von Isabelle Huppert gespielte, arbeitslose Paradiesvogel steigt in Paris ins Auto und landet, von chronischer Geldnot getrieben, im belgischen Oostende, um dort, ausgerechnet dort, Timesharing-Apartments zu verkaufen. Was in Urlaubsländern wie Spanien eine Zeitlang hoch im Kurs war, entpuppt sich an der kalten Nordseeküste als schweres, fast aussichtsloses Unterfangen. Umso dramatischer klingt in diesem Zusammenhang der Filmtitel des 2010 erschienenen Melodrams: Copacabana.

Abseits der Cinematografie jedoch ist Timesharing ein Stichwort, das in den letzten Jahren immer seltener auftaucht. Nach der Immobilienkrise in Spanien, die dieses Modell der auf mehrere Eigentümer verteilten Ferienwohnung überhaupt erst gebar und einigermaßen marktfähig machte, sind Timesharing-Immobilien fast vollständig von der Bildfläche verschwunden. Das Stigma des unseriösen, bisweilen aggressiven Geschäfts hängt dem Teilzeiteigentum bis heute nach.

„Die Projekte, die es in der Vergangenheit gegeben hat, sind fast alle baden gegangen“, sagt Stefan Eder von der Rechtsanwaltskanzlei Benn Ibler. „Soviel ich weiß, gibt es in Südeuropa, vor allem in Spanien, und hier mit Fokus auf Mallorca, sowie in den USA in Florida noch vereinzelte Timesharing-Immobilienprojekte. Aber der Trend ist eindeutig vorbei. Der Konsument ist vorsichtiger und kritischer geworden.“

Auch die wenigen Versuche, Teilzeiteigentum in Österreich zu etablieren, sind längst Geschichte. Als Beispiel nennt Eder ein Timesharing-Wohnhaus, das ein britischer Betreiber vor einigen Jahren in Schladming vermarkten wollte. Schwarze Zahlen waren nicht in Sicht. „Doch dafür hat sich anstelle des Miteigentums in Europa ein etwas gemäßigteres Modell entwickelt, das man eher als Timesharing-Miete oder Timesharing-Leasing bezeichnen könnte“, so Eder.

Der Vorteil daran: „Man ist nicht mehr finanziell auf viele Jahrzehnte gebunden und kann wie bei einem Mietvertrag jederzeit aussteigen“, erklärt Jutta Repl von der Wiener Arbeiterkammer, zuständig für Konsumentenschutz im Bereich Reise, auf Anfrage des STANDARD und empfiehlt, eine Online-Tauschplattform einzurichten, wo die Mieterinnen und Mieter auf unkomplizierte Weise Mietzeitfenster tauschen können.

„Anders als beim Timesharing-Eigentum, wo in den letzten Jahren viele Fälle zur Bearbeitung im Europäischen Verbraucherzentrum (VBZ) gelandet sind, weil es kaum möglich war, aus einem bestehenden Vertrag auszusteigen, ist man bei der Timesharing-Miete viel flexibler.“ Und das bei weitaus geringeren Geldsummen. Der tatsächliche Unterschied zum Miteigentum - bei dem aufgrund fehlender Parifizierung, wie Anwälte warnen, einem das Objekt ohnehin niemals gehören wird - ist gering.

Projekt am Neusiedler See

Eines dieser neuen Miet-Timesharing-Modelle, die in Österreich allmählich das Licht der Welt erblicken, befindet sich in Weiden am See. Unter dem Titel „We share our home“ haben die beiden Kreativwirtschafter Albert Handler und Ulrike Tschabitzer-Handler unter der Adresse Markt 67 erst kürzlich ein Haus fertiggestellt, das sie in Form von Timesharing an gleichgesinnte Interessenten weitervermieten wollen. Vor wenigen Tagen hat die Vermarktung begonnen.

„Wir hatten schon längere Zeit nach einem Zweitwohnsitz am Neusiedler See gesucht und sind dann auf dieses Grundstück im historischen Ortskern gestoßen“, erzählt Tschabitzer-Handler. „Ursprünglich wollten wir das Haus sanieren und innen etwas modernisieren. Doch als uns dann mitten im Bau die Außenmauer zusammengefallen ist, war klar, dass wir neu bauen müssen.“

Das Resultat dieser neuen, von Architektin Claudia Cavallar entwickelten Strategie ist ein 70 Quadratmeter großes Häuschen in Ziegelbauweise, das sich so unauffällig in den Ortsbestand duckt, als wäre es immer schon dagewesen. Innen gibt es unterschiedliche Zimmer und Zonen in Holzbauweise, die Platz für bis zu vier Personen bieten. Bestückt ist das Ganze mit Vintage-Möbeln vom Flohmarkt. Alles sehr loftig.

„Wir sind mit unserem Haus sehr zufrieden, doch Tatsache ist, dass man so ein Haus als Eigentümerin nur wenige Wochen und Wochenenden im Jahr nutzen kann“, so Tschabitzer-Handler. „So ist die Idee entstanden, das Haus in all den anderen Wochen geblockt an Interessenten weiterzuvermieten.“ Konkret: Für einen jährlichen Beitrag in der Höhe von 4000 Euro kann man sich für insgesamt acht Wochen einmieten, aufgeteilt auf mehrere Zeitfenster in unterschiedlichen Saisonen.

„So ein Modell ist zwar nicht neu, aber doch interessant“, sagt Rechtsanwalt Nikolaus Vasak. „Auf jeden Fall schlage ich für beide Parteien, also für Mieter und Vermieter vor, einen Mietvertrag aufzusetzen, um mögliche Unklarheiten zu klären.“ Der Grund: Laut Mietrechtsgesetz (MRG) sind „Wohnungen oder Wohnräume, die vom Mieter bloß als Zweitwohnung zu Zwecken der Erholung oder der Freizeitgestaltung gemietet werden“ (Paragraf 1, Absatz 2) vom bundesweiten MRG ausgenommen. Hier gilt es, eine individuell abgestimmte Vereinbarung bezüglich Pflichten und Rechte zu treffen.

Und Oliver Koch, auf Immobilienrecht spezialisierter Anwalt, erklärt: „Gegen Timesharing auf Mietbasis ist nichts einzuwenden. Ich empfehle lediglich, im Mietvertrag gewisse Aspekte wie Instandhaltung und Umgang mit Sachbeschädigung abzuklären, und zwar unabhängig davon, ob man sich für eine Woche oder für ein halbes Jahr einmietet. Auf diese Weise kann man einem etwaigen Streit vorbeugen.“

Ein Haus mit Eigenleben

Das sei kein Problem, meint Markt-67-Vermieterin Ulrike Tschabitzer-Handler. Es sei vertraglich alles ganz genau festgelegt. „Wir sind und bleiben die Eigentümer des Objekts, es gibt eine Haushaltsversicherung, und sollte jemand ein Häferl zerschlagen, so werden wir ihn bitten, am Flohmarkt einen passenden Ersatz zu besorgen. Auf diese Weise wird das Haus ein gewisses, von uns nicht immer beeinflussbares Eigenleben entwickeln.“

Timesharing hat sich von Eigentum auf Miete verlagert. Die unguten Methoden des Konsumenten-um-den-Finger-Wickelns, die Babou noch anwenden musste, um zu einem positiven Abschluss zu kommen, sind vorbei. ?

p www.markt67.at

28. Juni 2014 Der Standard

Was immer schon Turm war, wird auch Turm bleiben

Einem gründerzeitlichen Stadthaus in Innsbruck setzte Architekt Daniel Fügenschuh einen Hut auf. Das Dachgeschoß beweist, wie exakt die Gratwanderung zwischen Alt und Neu sein kann.

Innsbruck - Beirat und Baubehörde waren zu Beginn alles andere als begeistert. Etliche Male mussten Architekt und Bauherr vor der elfköpfigen Jury antanzen, um das Bauvorhaben zu verteidigen. „Dieses Gebäude war schon immer ein Turm, und es wird ein Turm bleiben“, lautete das bestechende Argument des Innsbrucker Architekten Daniel Fügenschuh. „Wir setzen da ja kein Ufo und keinen Fremdkörper drauf, sondern verstärken nur den bereits bestehenden Charakter des Gründerzeithauses.“ Das reichte zur Überzeugung.

Drei Jahre dauerte die Baustelle, was vor allem daran liegt, dass das Projekt von Anfang so konzipiert war, dass der Bauherr selbst Hand anlegen und Vieles in Eigenleistung komplettieren kann. „Vor allem bei der Bauweise und bei der Größe der einzelnen Bauelemente habe ich darauf geachtet, dass man nicht auf hochprofessionelle Arbeitskräfte und Maschinen angewiesen ist, sondern auch mit geringen Mitteln selbst weiterbauen kann“, erklärt Fügenschuh. „Auf diese Weise konnten die Baukosten erheblich reduziert werden.“

Der gesamte Rohbau besteht aus Holz, was konstruktive, aber auch statische Vorteile hatte. Dadurch mussten Haus und Keller in keinster Weise verstärkt werden. Die große Spannweite der Holzelemente ermöglichte zudem, dass die Ecken in Glas aufgelöst sind und die Aufstockung nun wie eine etwas eckige Hutpracht über dem sich schon seit Generationen in Familienbesitz befindlichen Haus zu schweben scheint. Selbst im Angesichte der historischen Bauten nebenan muss man schon zweimal über den Inn blicken, um das Neue inmitten des Alten zu erkennen.

„Genau das war der Plan“, sagt der Architekt. „Schließlich handelt es sich hier um einen Privatbau. Alles andere wäre stadtbildlich anmaßend gewesen.“ Zu verdanken ist die Tarnung dem Fassadenmaterial. Denn der gesamte Dachgeschoßhut ist mit großflächigen, aber dünnen Fertigteilen aus Sichtbeton verhängt. „In Verbindung mit dem Sockelgebäude wirkt der mineralische Baustoff recht homogen“, so Fügenschuh. „Fast so, als hätten wir das Haus mit einigen Jahrzehnten Verspätung einfach weitergebaut.“

Und was meint der Bauherr? „Was den Alltag betrifft, kann ich noch nicht viel sagen, denn wir sind erst kurz davor einzuziehen“, erzählt der 42-Jährige Musikinstrumentebauer, der auf die Fertigung von klassischen Klarinetten und Querflöten spezialisiert ist. „Ich weiß nur: Mein erster Eindruck, als mir Daniel den Entwurf präsentiert hat, war: radikal und gut! Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich freue mich jetzt schon auf die tolle Aussicht.“

Vor allem im Sitzen wird man von der erhöhten Lage viel haben. Wie ein Band zieht sich der Glasstreifen 360 Grad um Wohnzimmer, Küche und Dachterrasse. Der schmale Streifen ist mehr als nur ein ästhetisches Mittel: Durch die geringe Höhe und die Dicke der Außenwand wird ein Teil der sommerlichen Sonne abgebremst.

28. Juni 2014 Der Standard

Der Gorilla lernt das Gehen

Los Angeles trägt das Stigma der Highway-Hölle. Völlig zu Recht. Doch nun, erklärt Stadtplanungsdirektor Michael J. LoGrande, soll der Straßenmoloch auf Diät gesetzt werden.

STANDARD: Sie waren mit der Delegation der Wirtschaftskammer Österreich einige Tage zu Besuch in Wien. Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

LoGrande: Die alte, historische Architektur! Das gibt es in Kaliforniern nicht. Wir sind schon happy, wenn wir ein Haus aus den Zwanzigerjahren sehen. Noch mehr beeindruckt hat mich allerdings das öffentliche Verkehrsnetz. Besonders angetan hat es mir die Straßenbahn. Überall fahren Straßenbahnen!

STANDARD: In welchen Punkten kann Los Angeles von Wien lernen?

LoGrande: Lernpotenzial haben wir beim kulturellen Angebot und bei der Art und Weise, wie man hier mit öffentlichem Freiraum umgeht. Man nimmt die Straße den Autos weg und gibt sie wieder den Fußgängern und Radfahrern zurück, so wie das ja im Bereich der Mariahilfer Straße passiert ist. Was die Emanzipation des Fußgängers betrifft, sind wir in L.A. erst am Anfang.

STANDARD: Aber es tut sich was. In Hollywood und Santa Monica entstehen bereits die ersten Fußgängerzonen.

LoGrande: Ja, das sind die ersten Versuche. Auch beim Broadway in Downtown L.A. diskutieren wir über eine Verkehrsberuhigung. Wir sehen das als eine Abmagerungskur des Verkehrs und nennen das „Road Diet“: weniger Fahrstreifen für Autos, stattdessen mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer.

STANDARD: Wird das Angebot angenommen?

LoGrande: Ja, aber nur langsam. Unser größtes Potenzial und somit unsere größte Hoffnung sind die jungen Menschen. Sie ziehen wieder zurück ins Stadtzentrum und genießen das, was man gemeinhin unter urbanem Leben versteht: Dichte, Infrastruktur, Gehdistanzen, Nachbarschaft und soziale Bindungen.

STANDARD: Wie viel Straße wurde schon abgespeckt? Wie viel Diät steht Ihnen noch bevor?

LoGrande: Die genauen Zahlen müssen wir erst erheben. Aber in Summe geht es darum, dass wir lernen, mit dem öffentlichen Gut namens Stadtraum kreativ umzugehen. Der neueste Trend ist die Schließung der Straßenkreuzungen, so wie das beispielsweise auf dem Times Square in New York gemacht wurde. Wo früher Autos waren, sitzen nun Leute im Freien. Außerdem werden immer mehr „Parklets“ errichtet. Das ist das, was man in Wien, glaube ich, als Schani-Garden bezeichnet. Für Sie mag das ganz normal erscheinen, aber für einen Angelino ist es keine Selbstverständlichkeit, im öffentlichen Raum zu sitzen und zu konsumieren. Wir sind es gewohnt, so etwas nur in klimatisierten Räumen zu machen.

STANDARD: Ist es Ihr Ziel, das Auto langfristig unattraktiver zu machen, so wie das in einigen europäischen Großstädten passiert?

LoGrande: Ja, das werden wir machen müssen, da haben wir einfach keine andere Wahl. Die Metropolitanregion L.A. hat 17 Millionen Einwohner, und die meisten Haushalte besitzen drei, vier Autos, also mindestens eines für jedes Familienmitglied. Das kann unmöglich das Rezept für die Zukunft sein.

STANDARD: Wie viele Autos haben Sie?

LoGrande: Vier Familienmitglieder, drei Autos. Was soll ich Ihnen sagen? Ich bin ein Durchschnittsamerikaner. Aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich manchmal öffentlich, also mit der Lightrail, einer Art Straßenbahn, in die Arbeit fahre.

STANDARD: Was wird passieren müssen, damit Sie in Zukunft öfter die Lightrail nehmen, um in die Arbeit fahren?

LoGrande: In den kommenden Jahren wollen wir das öffentliche Netz massiv ausbauen. Geplant sind weitere Subway- und Lightrail-Linien in Downtown, West Los Angeles, Hollywood, Long Beach, Santa Monica und Culver City. Dafür nehmen wir über 30 Milliarden US-Dollar (22 Milliarden Euro, Anm.) in die Hand. Insgesamt wollen wir 500 Kilometer Straßenbahn errichten. Und was für mich das Interessante ist: Nachdem das Vorhaben unsere Kasse extrem belasten wird, haben sich die Einwohner von Downtown L.A. sogar bereiterklärt, einige Jahre lang eine höhere Steuerbelastung zu akzeptieren.

STANDARD: Das heißt, hier muss der Steuerzahler das Versagen der öffentlichen Hand ausbaden?

LoGrande: Letztendlich stammt jeder einzelne Steuercent auf der ganzen Welt vom Steuerzahler.

STANDARD: Wird die Straßenbahn alleine genügen, um 18 Millionen Menschen vom Auto wegzubringen?

LoGrande: Ich fürchte nicht. Seit 1970 gibt es in der Metropolitanregion Los Angeles das sogenannte „Centers Concept“. Das ist die Idee einer polyzentralen City mit vielen dichten Clustern innerhalb der Stadt. Die möchten wir in den kommenden Jahren weiter ausbauen. Das heißt: mehr Parks, mehr Nahversorgung, mehr Hotspots des täglichen Lebens. In manchen Stadtteilen und Wohnvierteln muss man heute noch eine halbe Stunde lang zu Fuß gehen, um zu einem Supermarkt zu kommen. Wir wollen diese Distanz auf zehn Minuten reduzieren.

STANDARD: Also zwei Minuten mit dem Auto ...

LoGrande: Nicht unbedingt. Es findet eine Werteverschiebung statt. Früher war es ganz normal, mit 16 Jahren den Führerschein zu machen und mit 18 Jahren ein Auto geschenkt zu bekommen. Das hat sich geändert. Viele junge Leute denken gar nicht mehr daran, sich ein Auto zuzulegen. Aktuell liegt der Anteil der jungen Erwachsenen mit eigenem Auto bei unter 30 Prozent. Das ist ein Rekordwert für die USA.

STANDARD: Bis jetzt haben wir von Autos, U-Bahnen und Supermärkten gesprochen. Doch welche Mittel gibt es, das Wachstum der Stadt auch stadtplanerisch einzudämmen?

LoGrande: Die Wachstumsrate im Großraum Los Angeles beträgt circa ein Prozent. Besonders schnell wächst die Downtown. Immer mehr junge Menschen ziehen hierher. Derzeit werden in Downtown L.A. etliche neue Wohnhochhäuser errichtet. Doch der wichtigste Punkt wird sein, den Planning and Zoning Code (Stadtentwicklungsplan, Anm.) zu überarbeiten. Der jetzige stammt aus dem Jahr 1946.

STANDARD: 1946?

LoGrande: Ja, ich weiß.

STANDARD: In knapp 70 Jahren hat sich L.A. ja doch ein wenig verändert.

LoGrande: Und deshalb gehen wir jetzt den neuen Zoning Code, den sogenannten „Recode L.A.“, sehr radikal an. Wir wollen die Bau- und Entwicklungsvorschriften für die gesamte Stadt überarbeiten und ihr eine neue DNA einverleiben. Da geht es in erster Linie um Bauhöhe, Bebauungs- und Bevölkerungsdichte. Außerdem wollen wir das Wachstum auf die neuralgischen Punkte und Achsen konzentrieren. Das Ausufern der Stadt soll damit eingedämmt werden. Der Umplanungsprozess ist für vier Jahre anberaumt und soll rund 50 Millionen US-Dollar (knapp 37 Millionen Euro) kosten.

STANDARD: Die Stadt Los Angeles selbst hat nur 3,8 Millionen Einwohner. Das tatsächliche Stadtgebiet ist um ein Vielfaches größer. Wie leicht oder wie schwer gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den anderen Gemeinden?

LoGrande: Ohne Netzwerk wäre langfristige Stadt- und Verkehrsplanung nicht machbar. Aber es funktioniert gut. Es gibt die Southern California Association of Governance (SCAG), die all die Entwicklungen im Auge behält und koordiniert. Trotzdem: So reibungslos und homogen wie in der EU wird unsere Stadtplanung niemals sein.

STANDARD: Aus wie vielen Gemeinden besteht der Großraum L.A.?

LoGrande: Aus rund 80. Aber fragen Sie mich jetzt bitte nicht, wie die alle heißen!

STANDARD: Hat man je darüber nachgedacht, die einzelnen Gemeinden zu einer großen politischen Einheit zusammenzulegen?

LoGrande: Schon oft. Gerade was die infrastrukturelle Planung betrifft, wäre das eine gute Idee. Leider wehren sich einige kleinere Gemeinden gegen eine Zusammenlegung. Da sprechen wir in erster Linie von sehr reichen und touristisch stark frequentierten Städten innerhalb L.A.s. Ich gebe zu: Mit einem einzigen Big Gorilla statt mit 80 kleinen Fragmenten wäre es leichter, die Zukunft in die Hand zu nehmen.

STANDARD: Gibt es eine Vision?

LoGrande: Allmählich erkennen die Angelinos die Vorteile von öffentlichem Raum und öffentlichem Verkehr. Sie sind so gesprächsbereit und offen für Veränderung wie nie zuvor. Und sie sehnen sich nach dem europäischen Modell. Meine Vision ist, dass L.A. eines Tages zu einem Prozent so werden wird wie Wien.

STANDARD: Ich habe Sie zu Beginn gefragt, wo L.A. von Wien lernen kann.

LoGrande: Rochade?

STANDARD: Ja. Was darf sich denn Wien von L.A. abschauen?

LoGrande: Wien ist eine sehr schöne, aber auch sehr homogene, sehr konformistische Stadt. Vor allem innerhalb des Rings sehen alle Häuser gleich aus, wenn ich das so sagen darf. Da würde ich mir mehr Kontraste beziehungsweise mehr Mut zu Neuem wünschen. Ohne Erneuerung wird die Stadt zum Museum.

21. Juni 2014 Der Standard

Zur Miete in Rapunzels Nachbarschaft

Im niederösterreichischen Steinabrunn baute Architekt Michael Schwaiger einen barocken Wehrturm in ein nicht ganz alltägliches Wohnhaus mit vier Mietwohnungen um.

Man nehme ein Stück Historie, vermenge dieses mit einem Hauch von Loft und füge ein paar materielle Kontraste hinzu. So ähnlich könnte man die Rezeptur für die Revitalisierung des Barockschlosses Steinabrunn beschreiben. In rund zehn Monaten Bauzeit nämlich wurde dieses in ein nicht ganz alltägliches Mietshaus mit insgesamt vier Mietwohnungen umgebaut. Zuständig für die Planung des ungewöhnlichen Projekts ist der Wiener Architekt Michael Schwaiger.

„Genau genommen handelt es sich hier nur um ein barockes Geviert mit vier Ecktürmen und einem Schüttkasten“, sagt Schwaiger, „denn das eigentliche Barockschloss wurde 1829 abgerissen, als Joseph II. die sogenannte Dachsteuer einführte. Um Geld zu sparen, wurden damals viele historische Bauwerke aufgegeben.“ Einer glücklichen Fügung ist zu verdanken, dass immerhin die vier Ecktürme erhalten geblieben sind. In einem davon befinden sich nun die vier rund 115 Quadratmeter großen Wohnungen.

Der historische sogenannte Ladenboden wurde erhalten beziehungsweise stellenweise mit breiten Brettern ergänzt. Die charakteristischen Stuckelemente an der Decke wurden restauriert, die Fassaden und Kastenfenster in Absprache mit dem Bundesdenkmalamt behutsam saniert. Außerdem wurde eine mit Flüssiggas betriebene Zentralheizung eingebaut. „Was den Bestand betrifft, haben wir uns lediglich um eine Reparatur bemüht“, so Schwaiger.

Optisch auffälliger hingegen ist der Neubau. Wie künstliche Implantate wachsen mal hinter den Säulen, mal aus den Nischen die neuen Trennwände und Einbauten hervor. Meist wurde weiß gestrichener Gipskarton verwendet. An einigen wenigen Stellen griff Schwaiger zu unbehandeltem, lediglich entfettetem und gewachstem Industriestahl. „Das Neue hebt sich bewusst vom Altbau ab, und zwar sowohl in den Baustoffen und Formen als auch in den Raumhöhen. So kommt das eine dem anderen nicht in die Quere.“

So ein Projekt, meint der Auftraggeber Hans-Gregor Koller, seines Zeichens Landwirt, „ist eine Herzblutsache. Da darf man nicht zu rechnen anfangen, sonst wird einem übel. Wenn ich nach 40 Jahren Vermietung mit null aussteige, bin ich schon glücklich.“ Dass die vier Wohnungen (zwei davon sind bereits vermietet) nicht der herkömmlichen Kategorie A mit Lift entsprechen, sei auch klar. „Hier hat die Historie eindeutig Vorrang. Wenn man in so einem alten Wehrturm klassische Zimmeraufteilungen macht sowie Aufzug und allen erdenklichen Luxus einbaut, dann macht man das Objekt nur kaputt. Dann lasse ich es lieber bleiben.“

Die Bauphase, die Koller als „spannenden, blanken Horror“ in Erinnerung hat, habe sich dennoch ausgezahlt, zumal die Zusammenarbeit mit dem Architekten eine sehr intensive auf einer Augenhöhe gewesen sei. Einer, der von der monatelangen Mühsal profitiert, ist Christian Ludwig. Gemeinsam mit seiner Freundin und zwei Katzen bewohnt er den zweiten Stock. „Es lebt sich hier wunderbar. Fünf Meter hohe Räume, historisches Ambiente, einen riesengroßen Barockgarten und noch dazu diesen Wohnkomfort ... wo hat man das schon?“

14. Juni 2014 Der Standard

Unser Wohnzimmer ist die Rua

Moloch Megacity: Welche Konzepte gibt es, um das Leben in großen Ballungsräumen lebenswert zu machen? Dieser Frage widmete sich diese Woche ein Workshop in Wien. Ein Gespräch mit den Rua Arquitectos aus Rio de Janeiro.

Aus der Stadt gibt es kein Entkommen. Die Prognosen für die kommenden Jahrzehnte, wonach 60, bald sogar 70 Prozent der Weltbevölkerung in Großstädten leben werden, sind wohlbekannt. „2030 wird es gigantische acht Milliarden Menschen auf der Welt geben“, sagt Pedro Gadanho, Chefkurator des Museum of Modern Art in New York (Moma). „Zwei Drittel davon werden in Städten leben, die meisten werden arm sein und nur begrenzte Ressourcen haben.“ Um dieses unausgewogene Wachstum in den Griff zu bekommen und eine soziale und politische Katastrophe zu verhindern, so Gadanho, werden Behörden, Stadtplaner und Wirtschaftsexperten künftig besser zusammenarbeiten müssen. „Nur so werden wir sicherstellen können, dass die wachsenden Megacitys bewohnbar bleiben.“

Ein Schritt in diese Richtung wurde diese Woche im Museum für angewandte Kunst (Mak) in Wien gesetzt. Architekten und Stadtplaner aus aller Welt trafen einander am Stubenring 5, um Zukunftskonzepte auszuarbeiten. „Uneven Growth. Tactical Urbanisms for Expanding Megacities“ nennt sich der Kongress, den das Mak in Zusammenarbeit mit dem Moma abhielt. Dabei richtet sich der Fokus nicht auf die üblichen, immer wieder im Rampenlicht stehenden Megastädte wie Tokio, Jakarta, São Paulo und Mexiko-Stadt, sondern auf die großen Ballungsräume in der zweiten Reihe: Istanbul, Lagos, Mumbai, Hongkong, New York und Rio de Janeiro. Heute, Samstag, werden die Ergebnisse präsentiert. Mit Pedro Rivera und Pedro Évora vom brasilianischen Büro Rua Arquitectos sprach DER STANDARD über Rio im WM-Fieber, über Favelas, fehlende Infrastruktur und die wertvolle Ressource namens Straße.

STANDARD: Spielen Sie Fußball?

Évora: Ich spiele ganz gern Fußball. Aber ich könnte besser sein. Rivera: Ich bin schrecklich darin. Eine Null.

STANDARD: Am Donnerstag hat die Fußball-WM begonnen. Wie ist die Stimmung?

Évora: Fußball ist ein größeres Thema denn je. Aber ich verstehe das. Fußball ist ein Tor in die große, weite Welt da draußen. Vor allem in den Favelas wird viel Fußball gespielt. Manchen gelingt es, sich aus der Armut zu kicken.

STANDARD: Klingt doch sehr positiv. In den Medien hat man anderes gelesen.

Évora: Klar. Viele sind enttäuscht, dass so viel Geld in den World Cup hineingebuttert wird, wo wir doch so dringend Schulen, Krankenhäuser, soziale Infrastruktur und öffentlichen Verkehr benötigen würden. Stattdessen wurden damit unzählige Stadien errichtet, die für die jeweilige Stadt, in der sie stehen, viel zu groß dimensioniert sind. Eine adäquate Nachnutzung ist fraglich.

Rivera: Im Zuge der WM wurden viele Versprechen gemacht. Man hat versprochen, dass die Flughäfen modernisiert werden. Man hat versprochen, dass in Rio in eine zweite U-Bahn-Linie gebaut wird. Man hat versprochen, dass in einigen brasilianischen Städten ein BRT-System (Bus Rapid Transit, Bus auf eigenen Busspuren mit U-Bahn-ähnlichen Intervallen und Stationslängen, Anm.) implementiert wird. All das ist nicht passiert. Das ist auch der Grund dafür, warum es in den letzten Monaten so viele Proteste gab.

STANDARD: Was fehlt?

Évora: Die Basics.

STANDARD: Das heißt?

Évora: Es fehlt das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte für eine Stadt dieser Größe. Ein effizientes Gesundheitssystem, ein öffentliches Verkehrsnetz, das einer Metropolitanregion mit zwölf Millionen Einwohnern gerecht wird. Und das ist mehr als nur eine U-Bahn-Linie. Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser ... Basics halt! Rivera: Rio de Janeiro ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Die Stadtregierung ist immer noch damit beschäftigt, das nachzuholen, was bislang verabsäumt wurde. Und ich beobachte, dass das mit einer gewissen Schizophrenie passiert. Man kann sich nicht entscheiden, ob man ins Stadtzentrum investiert und damit die Stadt nachträglich verdichtet - oder aber, ob man sich auf die Peripherie konzentriert und damit der Stadt erlaubt, immer größer und größer zu werden. Es gibt keinen Masterplan.

STANDARD: Was schlagen Sie vor?

Rivera: Hilfe von außen. Fakt ist: Rio ist bereits groß genug. Immerhin sprechen wir hier von einer Stadt mit 30 Kilometern Ausdehnung und 159 Bezirken, sogenannten Bairros.

STANDARD: Eine große Rolle in den Bairros spielen die Favelas. Denn im Gegensatz zu jeder anderen Megacity liegen die Slumsiedlungen nicht am Stadtrand, sondern mitten in der Stadt.

Rivera: 23 Prozent aller Cariocas (Einwohner von Rio de Janeiro, Anm.) leben in Favelas. Die Tatsache, dass der Großteil dieser Favelas mitten in der Stadt liegt, ist ein enormer Qualitätsgewinn für die Stadt. So werden die armen Bevölkerungsgruppen nicht aus der Stadt verbannt, sondern tragen dazu bei, dass es zu einer sozialen Durchmischung kommt. Und ja, wir wissen, dass diese soziale Durchmischung besser sein könnte. Aber immerhin: Sie ist da.

Évora: Die höchste Qualität in Rio ist, dass die Reichen den Armen nicht aus dem Weg gehen können.

STANDARD: Investiert die Stadt irgendetwas in die Verbesserung der Favelas?

Évora: Immer wieder, aber in Summe zu wenig.

Rivera: Es gab ein paar gute Projekte und Ansätze, zum Beispiel Morar Carioca oder Favela Bairro. Das war eine Art Urbanisierungs-Upgrade, im Zuge dessen manche Favelas in reguläre Stadtviertel umgewandelt wurden. Das erste Projekt fand 1995 bis 2000 statt, das zweite von 2000 bis 2004. Und dann gibt es immer wieder kulturelle und künstlerische Initiativen wie etwa die Favela-Bemalung der holländischen Künstler Haas & Hahn (Jeroen Koolhaas und Dre Urhahn, Anm.) im Jahr 2010. Es tut sich was.

Évora: Nur nicht zurzeit. Weil WM.

STANDARD: In Ihren eigenen Projekten arbeiten Sie auch immer wieder mit beziehungsweise in Favelas.

Rivera: Wir haben schon Ateliers, Galerien, Kunstzentren und Jugendclubs geplant. Einige davon stehen mitten in den Favelas. Bei unserem jüngsten Projekt haben wir ein Gebäudeskelett, das niemals fertiggestellt wurde, in eine Galerie umgebaut: 1550 Galeria Babilonia. Es ist ein lustiges Projekt, denn es steht ganz oben auf der Hügelkuppe. Man muss tausende Stufen emporklimmen, irgendwann einmal kommt man dann völlig außer Atem oben an, um von der Kunst wieder zum Leben erweckt zu werden. Ist das nicht schön?

STANDARD: Woher kommt diese Vorliebe für die Favela?

Rivera: Die Favela macht ein Viertel der gesamten Stadt aus. Nicht damit zu arbeiten hieße, ein Viertel der Stadt zu ignorieren.

STANDARD: Ihr Architekturbüro heißt Rua. Das ist das portugiesische Wort für Straße. Woher der Name?

Évora: Ja, Rua ist die Straße. Aber Rua ist noch weit mehr. Für den Carioca ist die Rua das Zuhause. In der Rua treffen wir uns, um zu plaudern, um zu feiern, um Fußball zu spielen. Hier findet das Leben statt, hier fühlen wir uns daheim. Die Rua ist, wenn Sie so wollen, die Synthese von Rio de Janeiro. Und diese Synthese fließt in all unseren Projekten mit ein.

STANDARD: Haben Sie das Gefühl, dass die Rua hier mehr genutzt wird als in anderen Megacitys?

Évora: Ich denke ja. Ohne die Rua wäre die Stadt längst schon zu einem Moloch verkommen. Wir wären längst schon alle tot.

STANDARD: Die gesamte letzte Woche haben Sie im Mak verbracht. Was sind die Resultate Ihres Workshops?

Rivera: Wir haben mit der Rua gearbeitet, was sonst! Wir haben eine Stadtverdichtungsstrategie erarbeitet, die wir wie ein Netz über die Favelas gelegt haben. Die Idee dahinter ist, dass wir die einzelnen Gebäude in den Favelas miteinander verbinden und dass wir über der Straße noch eine weitere Verbindungs- und Kommunikationsebene errichten. Aufgrund der schönen Aussicht haben wir das Projekt Varanda City genannt.

Évora: Wenn wir einen Beitrag für ein künftiges Rio de Janeiro leisten wollen, dann müssen wir das respektieren, was bereits an wertvollen Ressourcen da ist. Und die wertvollste Ressource Rios ist die Kommunikation. Diese räumliche Kommunikation muss um jeden Preis erhalten bleiben.

STANDARD: Was sind die nächsten Schritte?

Évora: Jetzt müssen wir die WM überstehen. Danach können wir uns wieder auf die Kommunikation auf der Straße konzentrieren.

7. Juni 2014 Der Standard

Wo ist der politische Raum?

Die 14. Architektur-Biennale in Venedig ist eröffnet. Entgegen dem Konzept von Rem Koolhaas haben sich einige Länder entschieden, sich mit den politischen, auch wirtschaftspolitischen Handlungsräumen auseinanderzusetzen.

Willkommen zur Fair Enough, der Expo der Ideen! Bitte registrieren Sie sich", sagt die Dame an der Rezeption, mit leicht russischem Akzent. „Hier ist Ihre Eintrittskarte!“ Weit mehr als nur leicht akzentuiert ist ihre pink-violette Montur, die so gar nicht biennalekonform ist, sondern an ein intergalaktisches Stewardess-Kostüm aus den Sechzigerjahren erinnert, als die Zukunft noch Zukunft war, Augenaufschlag und aufreizende Pose inklusive. Nun denn, hört man die innere Stimme sagen, der russische Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig war ja noch nie ein Meisterstück in Zurückhaltung und Eleganz.

Weit gefehlt. Nach wenigen Schritten kommt die große Überraschung. Kaum haben sich Auge und Hirn an das Kaleidoskop des Unmöglichen, an das Spektrum der dargebotenen Peinlichkeiten gewöhnt, erkennt man die Parodie, die die drei Kuratoren Anton Kalgaev, Brendan McGetrick und Daria Paramonova konsequent in ihr raumgreifendes Gesamtkunstwerk hineinstricken.

20 übel gestaltete Messestände, die die schlimmste Bau- und Immobilienmesse auf Investors Erden in den Schatten stellen, buhlen um die Aufmerksamkeit der mitunter schockierten Expo-Besucher. Da werden millionenfach realisierte Plattenbauwohnungen angepriesen (Pre Fab Corp, siehe Foto), da wird die Werbetrommel für des Russen kleines Sommerhäuschen gerührt (Dacha Co-op), da wird nach Lust und Laune die Historie russischen und sowjetischen Bauens zu fiktiven Produktions- und Consulting-Unternehmen verwurstet (Russian Council for Retroactive Development, Lissitzky Company und Estetika Ltd.). Die mit dem baukulturellen Gedankengut des 20. Jahrhunderts jonglierenden Ausstellerkojen nehmen kein Ende.

Sogar der richtige - und durch nichts aus seiner Rolle zu bringende - Kreditplaner steht bereits mit Brille, Krawatte und gegelter Haarpracht in seiner Box (Financial Solutions) und rückt einem nicht mehr von der Pelle, ehe man sich davon hat überzeugen lassen, dass es besser und effizienter sei, das historische Baudenkmal in der Moskauer Schutzzone abzureißen und durch einen identisch aussehenden Neubau mit Beton, Glasfaser-Verkabelung und Tiefgarage zu ersetzen. Motto auf dem Firmenplakat: „The same, but better!“

Wer am lautesten schreit

„Auf den ersten Blick mag unser Beitrag wie eine Parodie erscheinen“, sagt Daria Paramonova. „Doch tatsächlich ist das die Realität, die der russischen Architektur und Baukultur in den letzten hundert Jahren bedauerlicherweise widerfahren ist. Wir befinden uns heute in einem servicegetriebenen Markt, in dem sich alles nur um Geld und Image dreht. Es gewinnt, wer am lautesten schreit.“ Die Message sitzt.

Das Prinzip der lautesten Schreie lässt sich auf die gesamte Architektur-Biennale übertragen, die heuer zum 14. Mal stattfindet (bis November 2014). Biennale-Kommissär Rem Koolhaas - Theoretiker, Buchautor (Delirious New York) und Architekt namhafter Bauten (Casa da Música in Porto, CCTV-Tower in Peking) - stellte die heurige Architekturschau unter das Gesamtmotto „Fundamentals“ und lud die einzelnen Länder ein, den Fokus auf die Moderne zwischen 1914 und 2014 zu richten. Das kuratorische Korsett ist sehr eng. Vielleich zu eng.

Die meisten Länder folgten dieser Einladung und präsentieren nun traditionell konzipierte Themenausstellungen, die viel Muße und Leselust erfordern und die man eher in einem Museum erwarten würde, aber nicht im Arsenale, nicht in den Giardini. Die Redundanz und Fantasielosigkeit mancher Beiträge ist fatal. Wie oft an einem Tag will man schon „hundert Bauten aus hundert Jahren“ (Serbien, Brasilien, arabische Länder etc.) konsumieren? Die USA toppen das sogar und brummen einem gleich 1000 Häuser auf, durch die man sich Grundriss studierend und Texte lesend hindurchmanövrieren möge. Elend.

In Erinnerung bleiben daher ausgerechnet jene Pavillons, die sich über Koolhaas' Vorgabe weitestgehend hinwegsetzen und stattdessen ihre eigene Interpretation von „Fundamentals“ an den Tag legen. Dazu gehört auch Österreich. Der Beitrag des Kommissärs Christian Kühn trägt den Titel Plenum. Places of Power und widmet sich der formalen Manifestation von politischer Macht. Und das weltweit. 196 Parlamente aus 196 Ländern und autonomen Regionen werden in Form kleiner, weißer Modelle präsentiert und laden dazu ein, sich der mitunter enormen Interpretationsunterschiede von Demokratie gewahr zu werden (DER STANDARD berichtete).

„Parlamente sind eine Art bauliche Repräsentation der politischen Repräsentation“, er- klärt Ausstellungskurator Harald Trapp. „Und wenn ich mich hier so umsehe, so stelle ich fest, dass wir uns in einer tiefen Krise befinden. So unterschiedlich die Bauwerke auch sein mögen, so ähnlich und austauschbar ist das Prinzip des politischen Raumes, in dem wir uns alle bewegen.“ Gibt es ein Parlament, das einer neuen, womöglich innovativen Idee von Repräsentation gerecht wird? „Nein, eigentlich nicht. Zumindest nicht in baulicher Form.“

Aus dem Hintergrund dröhnen Schreie und Parolen. Es sind dies Wortfetzen, die wir bereits von #Occupy, #Gezi, #Taksim und #Euromaidan kennen und die nun als akustische Collage der Wiener Künstlergruppe Kollektiv/Rauschen aus den Lautsprechern und Megafonen dringen. Der neue, politische Raum, der in Form von Demos und Hashtag-Protesten aufgespannt wird, ist nicht zu überhören. Jeder wird zum Politiker. Über #Placesofpower kann man mittwittern. 20 Sekunden später erscheint die eigene Message als Klangkulisse im Garten des österreichischen Pavillons. Das geht unter die Haut.

So wie übrigens auch die vier riesigen Sanddrucker, die im israelischen Pavillon aufgebaut sind und die stundenlang irgendwelche Landkarten, Stadtpläne, Siedlungsstrukturen und Wohnungsgrundrisse ins Sandbett zeichnen. Kaum ist eine Zeichnung fertiggeritzt, wird sie gelöscht, und das Ganze geht von Neuem los. The Urburb der drei Kuratoren Ori Scialom, Roy Brad und Keren Yeala-Golan ist nicht zuletzt eine Persiflage auf die Siedlungspolitik der Israelis, die weder Stadt noch Land ist, sondern irgendwo in der Suburbanität steckengeblieben ist.

„Die gesamte Planung Israels findet Top-down statt“, erklärt Scialom. „Es werden ausgerechnet jene Masterpläne umgesetzt, die schon seit Jahrzehnten veraltet sind und die keinerlei Aktualität mehr haben. Ich habe das Gefühl, dass Israel das einzige Land weltweit ist, das heute noch am Bauhaus festhält - und das, obwohl wir längst wissen, dass die Moderne eine Utopie und alles andere als dauerhaft und demokratisch war.“

Es sind die politischen und gesellschaftskritischen Beiträge solcher großer, mitunter mutiger Protagonisten, die diese 14. Architektur-Biennale in Venedig auszeichnen. Den wenigen Ländern, die nicht davor zurückscheuen, das System Politik zu hinterfragen und die Machenschaften der Mächtigen zu durchleuchten, wird Rem Koolhaas verdanken, dass die diesjährige, ohne Zweifel prominenteste Architekturausstellung der Welt in Erinnerung bleiben wird. Heute, Samstag, wird die Biennale-Jury den Goldenen Löwen vergeben.

31. Mai 2014 Der Standard

Hohe Häuser

Kommende Woche startet die Architektur-Biennale in Venedig. Der österreichische Beitrag befasst sich mit unserem Bild von Politik - und präsentiert 196 Parlamentsbauten aus aller Welt

Das Bauwerk soll aus Ziegel sein und folgende Räume beinhalten: ein Sitzungszimmer sowie einen Saal für die Abgeordneten für jeweils 300 Personen, eine Lobby mit anschließendem Antichambre, einen Raum für den Senat mit 1200 Quadratfuß sowie zwölf Zimmer zu je 600 Quadratfuß für Beamtenschaft und Gremium. Erwartet werden Grundrisse und Schnitte, Ansichten aller Fassaden sowie eine Schätzung des Ziegelvolumens der Masse aller Wände."

So lautete die Ausschreibung für den Neubau des Kapitols in Washington, D.C., die am 24. März 1792 im Dunlap's American Daily Advertiser veröffentlicht wurde. Den Wettbewerb gewann der schottische Arzt William Thornton mit einer - wie Jurymitglied George Washington damals befand - Neuinterpretation des französischen Klassizismus des 18. Jahrhunderts voller „Grandeur, Einfachheit und Komfort“.

Ein Jahr später war Baubeginn. Zwar litt das Haus zu Beginn unter einem undichten Dach, bröckelndem Putz und schimmelnden Fußböden. Zudem erwies sich das Gebäude schon bald nach seiner Fertigstellung als viel zu klein, woraufhin es massiv erweitert werden musste. Und auch die charakteristische, 82 Meter hohe Kuppel kam erst ein halbes Jahrhundert später hinzu. Dennoch: Kein anderes politisches Bauwerk der letzten 200 Jahre prägte unser Bild des demokratischen Raumes so stark wie das sich über viele Jahrzehnte allmählich aufplusternde Flickwerk am Capitol Hill.

Genau diesem Phänomen widmet sich der österreichische Pavillon in Venedig, der kommenden Freitag im Rahmen der 14. Architektur-Biennale eröffnet wird. Plenum. Places of Power nennt sich der Beitrag des diesjährigen Kommissärs Christian Kühn, der anlässlich der bevorstehenden Sanierung des österreichischen Parlaments eigentlich eine Chronologie sowie einen Ausblick auf die Zukunft von Theophil Hansens Tempelbauwerk skizzieren wollte, letztendlich aber einen globaleren Weg einschlug.

Das Resultat dieser ausufernden Reise ist ein mächtiges Kompendium, in dem die Parlamentsbauten aller Herren Länder präsentiert und miteinander verglichen werden. 196 Regierungssitze von A wie Andorra bis Z wie Zimbabwe geben Aufschluss über Architekt, Baujahr, Errichtungskosten, Größe, Form, architektonischen Stil, Regierungsform, Bevölkerungsdichte, Bruttoinlandsprodukt (BIP), Human Development Index (HDI) und Democracy Index (DI). Es ist die angeblich erste Studie dieser Art weltweit.

Politik muss alt ausschauen

„Wir haben monatelang geforscht, was gar nicht so einfach war, weil die meisten Staaten einige der Informationen wie etwa Grundriss, Raumaufteilung und Entstehungsgeschichte nicht gerne aus der Hand geben, sofern sie denn überhaupt dokumentiert sind“, erzählt Kühn. Fündig wurde man letztendlich vor allem in Zeitungen und alten Fachzeitschriften. „Ich muss gestehen, dass mich das Sammelsurium am Ende enorm überrascht hat. Damit hätte ich niemals gerechnet.“

Die größte Überraschung: Nur ein kleiner Bruchteil der weltweiten Parlamentsgebäude ist älter als 100 Jahre. Drei Viertel aller Regierungshäuser wurden erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts errichtet. Nach zeitgenössischer Architektur und neuen, womöglich sogar innovativen Bildern muss man dennoch lange suchen, denn wenn es um Politik geht, wiegt die Vergangenheit mehr als die Zukunft. Das zeigen die kleinen, weißen Modelle an der Wand des österreichischen Pavillons ganz ohne Zweifel.

„Es geht um Stabilität, Zentralität, Repräsentation und Macht“, sagt Christian Kühn im Gespräch mit dem Standard. „Und offenbar wird die Architektur mitunter schamlos missbraucht, um Assoziationsfelder wie Französische Revolution, Aufklärung und Neoklassizismus zu eröffnen - auch dort, wo die vorgesetzte Architektursprache dieser Idee ganz offensichtlich näher ist als die Politik des jeweiligen Landes.“

Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Regierungssitze in Helsinki, Finnland, und Pjöngjang, Nordkorea, einander zum Verwechseln ähnlich sehen. Das ist den Kims nicht unrecht. Und der Umstand, dass sich William Thorntons Kapitol in Washington, D.C., am Erdball dutzende Male wiederfindet, hängt wohl damit zusammen, „dass sich in unseren Köpfen ein formal-politisches Muster eingeprägt hat, von dem wir uns nicht mehr so leicht trennen können“, so Kühn.

In Abuja, Nigeria, tagt die Regierung in einem weiß-grünen Ding, dem die Ähnlichkeit zum Washingtoner Vorbild kaum abzusprechen ist. In Luanda, Angola, steht eine tomatencremesuppenrosarote Kapitol-Kopie, die erst vor wenigen Jahren aus dem autoritären Erdboden gestampft wurde. Und in Melekeok im mikronesischen Inselstaat Palau ragt ein hölzerner Kapitol-Nachbau aus dem Regenwald, der zugleich das einzige Bauwerk der neu gegründeten Hauptstadt ist. Rundherum nur Dschungel. Das Bild ist irritierend.

Dass man den Blick auch in die Zukunft richten kann, beweist ein Wettbewerbsentwurf von Coop Himmelb(l)au. Für die albanische Hauptstadt Tirana plante das Wiener Büro 2011 eine auffällige, in jeder Hinsicht reminiszenzlose Skulptur mit einem gläsernen Sitzungssaal, der vom öffentlich zugänglichen Dach Einblicke ins Regierungsgeschehen offenbaren sollte. Nachdem man dafür jedoch das Mahnmal für den einstigen Diktator Enver Hoxha hätte abreißen müssen, wurde das Projekt wieder verworfen. Realisiert wird nun eine kleinere Version dieser Idee als Annex zum historischen Gebäude des ehemaligen Geheimdienstes, ebenfalls von Coop Himmelb(l)au. Geplanter Baubeginn ist Herbst 2014.

Von Um- und Neubauplänen ist man in Österreich indes so weit entfernt wie Pjöngjang von freien Wahlen. Obwohl es im Hohen Haus in Wien wie anno dazumal in Washington, D.C., bereits an allen Ecken und Enden bröckelt und rieselt (und bisweilen auch reinregnet), war ein offener, transparenter Neubau, wie er von vielen Architekten gefordert wurde, niemals mehr als nur eine hypoethische Vision.

Das 1883 fertiggestellte Parlament - und somit eines der ältesten Regierungsgebäude der Welt - soll in den kommenden Jahren einer sogenannten „nachhaltigen Sanierung“ unterzogen werden. Kolportiertes Investitionsbudget: 360 Millionen Euro. Darauf hatte sich die 25-köpfige Kommission unter Führung von Architekt Ernst Beneder vor einem Jahr geeinigt. Nach langem Hin und Her, das bisweilen den Anschein erweckte, man sei in Schilda und nicht in Wien, steht seit 25. April 2014 der Generalplaner fest. Derzeit werden - unter Ausschluss der Öffentlichkeit - die Verhandlungsgespräche geführt.

Wien? Verpasste Chance

„Es gab einen interfraktionellen Konsens“, verrät Parlamentssprecher Alexis Wintoniak. „Der Rest unterliegt der Verschwiegenheitspflicht. Wir rechnen mit einer Entscheidung bis Herbst.“ So lautet das vorläufige Ergebnis des „Auswahlverfahrens mit wettbewerbsähnlichem Charakter“, das alle zuvor getätigten Studien und Planungsschritte - und davon nicht wenige an der Zahl - zunichtemacht. Transparente Prozesse sehen anders aus.

„Ich kann nicht verstehen, dass das Parlament in erster Linie als historische Sanierung eines Ringstraßenjuwels gesehen wird“, sagt Biennale-Kommissär Christian Kühn mit einer gewissen Unzufriedenheit in seiner Stimme, „und nicht als Jahrhundertchance, um im Medium Architektur über heutige Auffassungen von Demokratie zu diskutieren.“ In Venedig wird das nachgeholt, was in Wien verabsäumt wurde.

17. Mai 2014 Der Standard

Ziegel zeigen

Vor einer Woche wurde in Wien der Brick Award 14 vergeben. Und es zeigt sich: In Sachen Ziegelarchitektur hinkt Österreich dem Rest der Welt weit hinterher.

Sengende Hitze, sommerlich flimmernde Luft, ein tropisch müder Blick in den Augen. Das große, ziegelrote Haus im Garten ist Opfer jenes thermisch-physikalischen Phänomens, das alles Betrachtete in sanften, leicht verschwommenen Schwingungen erscheinen lässt. Doch mit jedem Schritt wird der Zweifel größer. Und plötzlich erkennt man, dass es nicht die Natur ist, die einem ein Schnippchen geschlagen hat, sondern die Architektur höchstselbst.

Das Kantana Film and Animation Institute in der Provinz Nakorn Prathom, rund 45 Kilometer von Bangkok entfernt, ist ein Ausbildungszentrum für Filmschaffende und Animationskünstler. An den bauchigen Wänden, die bis zu acht Meter hoch in den Himmel ragen, treffen Licht und Schaffen aufeinander. Die mal hellen, mal dunklen, sich rhythmisch abwechselnden Flächen scheinen das Gebäude in Bewegung zu versetzen. Fast so, als würde eine 36-Millimeter-Filmrolle langsam, ganz langsam durch den Filmprojektor rattern.

Vergangene Woche wurde das Aufsehen erregende Bauwerk im Architekturzentrum Wien mit dem Wienerberger Brick Award 2014, Grand Prize, ausgezeichnet. Vier weitere Juryprojekte in den Kategorien Wohnen, öffentliches Gebäude, Umbau/Sanierung und Umgang mit vorhandener Stadtstruktur (siehe unten) sowie zwei Wienerberger Special Awards gingen nach China, Deutschland, Belgien, Spanien, Kroatien und Finnland. „Ich hätte mir niemals gedacht, dass so ein kleines, lokales Projekt jemals so große Aufmerksamkeit in aller Welt bekommen würde“, sagt Boonserm Premthada, Architekt der thailändischen Filmschule, im Gespräch mit dem Standard. „Ich wollte niemals ein berühmtes Haus bauen. Ich wollte einfach nur das machen, was ich immer mache: Architektur, die man mit allen Sinnen begreifen kann. Architektur, die man sehen, tasten, hören, riechen und ja, von mir aus auch schmecken kann, wenn's sein muss.“

Womöglich ist diese mehr als nur visuelle Qualität, die in der Architektur oft beansprucht und selten eingelöst wird, auf den Umstand zurückzuführen, dass Premthada selbst äußerst schlecht sieht und sein Hörvermögen auf 25 Prozent reduziert ist. „Architektur hat mehr als nur mit der Optik zu tun. Nachdem ich selbst nicht minder Spaß an meinem Job haben will, bin ich auf Baustoffe und Bauweisen angewiesen, die entsprechend mehr zu bieten haben, als nur schön zu sein. Ich denke, von diesem multiperzeptiven Ansatz profitieren auch die anderen.“

Vielsinnig und vielschichtig ist auch die Baugenese, denn die Rezeptur des 2000 Quadratmeter großen Gebäudes ist bei aller Sinnlichkeit, die seine Samba tanzenden Wände ausstrahlen, eine sehr einfache: Man nehme Lehm, einige Holzrahmen, viele helfende Hände und Füße, die die feuchte Erde in Form bringen, und baue mit der Bevölkerung einen Brennofen, in dem man die 600.000 in Handarbeit gefertigten Ziegelsteine schließlich brennen und für die nächsten Jahrhunderte haltbar machen kann.

Hohles Innenleben

„Meist kommen bei öffentlichen Projekten nur die großen, überregionalen, wenn nicht sogar globalen Baustoffproduzenten und Baufirmen zum Zug“, erklärt Premthada. „Doch für mich war wichtig, dass die Dorfbewohner an diesem Projekt mitarbeiten können und dass die Wertschöpfungskette so weit wie möglich in der Region bleibt. Nur wenn diese Kriterien gesichert sind, darf die Architektur von sich behaupten, nachhaltig zu sein.“ Der manuelle Arbeitsprozess ist übrigens nicht zu übersehen. Immer wieder kommen an der Ziegeloberfläche Hand- und Fußabdrücke zum Vorschein.

Die Nachhaltigkeit des Kantana Film and Animation Institute im Hinterland Bangkoks hat nicht nur mit dem Einsatz lokaler Ressourcen zu tun, sondern vor allem auch mit dem Klima. Nachdem sich die Ziegel zum Teil selbst verschatten, bleibt die Mauer kühl. Dank ihres hohlen Innenlebens funktioniert sie wie ein auf den Kopf gestellter Kamin. Die im Mauerzwischenraum enthaltene Luft kühlt sich ab, fällt dadurch nach unten, wird Teil eines verzweigten Luftkammersystems im Fundament und versorgt auf diese Weise den gesamten Campus mit wohl temperierter Frischluft. Einfacher und billiger kann man eine Klimaanlage nicht bauen.

Dass das diesjährige Brick-Siegerprojekt ein so uriges, ein so archaisches ist, liegt nicht zuletzt an der Jury beziehungsweise am Juryvorsitzenden, dem chinesischen Architekten und Pritzker-Preisträger Wang Shu. Seine Vorlieben und Qualitätsstandards sind nicht zu übersehen. Auch er besinnt sich in seinen Projekten auf jene Bau- und Kulturtraditionen, die in der schleichenden Verwestlichung der asiatischen Länder mehr und mehr in Bedrängnis geraten.

„Die moderne thailändische Architektur steht im Schatten der futuristischen, von Stars geprägten Plastikarchitektur mit ihren formalen Fassaden und ihren kurzlebigen Trends“, sagt Premthada. „Der Ziegelstein als Symbol für die Einfachheit und Vielfältigkeit dieses Landes gerät dabei oft in Vergessenheit. Das Kantana Film and Animation Institute soll uns diesen Reichtum der Vergangenheit wieder ins Gedächtnis rufen.“

Dem weltweit agierenden Ziegelzampano Wienerberger war dieser symbolische Hilfeschrei einen Hauptpreis wert. „Wie man am Grand Prize, aber auch an den anderen Preisträgern erkennen kann, kommen die neuen, innovativen Ansätze in der Ziegelarchitektur eher aus Asien als aus Europa“, sagt Heimo Scheuch, Vorstandsvorsitzender der Wienerberger AG. „Das hat einerseits klimatische Gründe, andererseits jedoch liegt das vor allem auch an der Tatsache, dass Handarbeit in Asien leistbarer ist als bei uns.“

Ob es wohl Zufall ist, dass die Gewinnerprojekte, die die Juroren heuer auserkoren haben (und nicht alle kommen aus subtropischen, immerzu warmen, asiatischen Billiglohnländern), ausschließlich aus nacktem, unverputztem Ziegelstein und Klinker bestehen? „Sagen wir mal so: Die ästhetischen Möglichkeiten in Mitteleuropa sind wahrscheinlich noch lange nicht ausgeschöpft“, sagt Scheuch und verweist auf die hierzulande vorwiegend praktizierte Styroporkultur, in der Baubranche euphemistischerweise auch Wärmedämmverbundsystem genannt. Die Häuslbauerland Österreich ist voll davon. Es geht auch anders.

26. April 2014 Der Standard

Da staunt die Kiste

Bauen mit Containern: Was einst als normiertes Transportsystem erfunden wurde, entpuppt sich immer öfter als genialer Baustein für Architekten.

Newtown. Wahrlich nicht die beste Gegend. Doch seit kurzem wartet der Johannesburger Industriebezirk mit einem neuen Wahrzeichen auf, das Schaulustige aus aller Welt anzieht: Auf dem Dach eines ehemaligen, seit Jahren leerstehenden Getreidesilos errichtete die südafrikanische Citiq Property Group vier Etagen aus alten, ausrangierten Schiffscontainern. Kommenden Freitag wird das ungewöhnliche Studentenheim, das aussieht wie eine Mischung aus Lego-Burg und raumgewordenem Tetris-Spiel, mit einer Führung offiziell eröffnet.

„Früher wurde Newtown ausschließlich von Industrie- und Gewerbebetrieben genutzt, doch die großen Firmen ziehen nach und nach weg, und der Stadtteil mausert sich langsam zu einem aufstrebenden Wohnviertel mit Künstlern und Kreativen“, erzählt Daniel Aarons, Projektarchitekt bei Citiq. „Aus diesem Grund haben wir beschlossen, die alte Bausubstanz, anstatt sie abzureißen, zu sanieren und einer neuen Nutzung zuzuführen. Das ist wirtschaftlicher und auch ökologischer.“

Während der Silo innen dank neuer Betondecken und etlicher Durchbrüche in den bestehenden Zylinderwänden zimmertauglich gemacht wurde, bekam er außen eine einfache Stahlkonstruktion verpasst. In diese Konstruktion wurden, als würde man ein Billy-Regal mit Büchern bestücken, 64 handelsübliche Schiffscontainer mit 40 Zoll Länge gesteckt. Die Stahlkisten, die in den letzten Jahren als Transportbehältnisse über den Erdball geschippert wurden, sind eine wertvolle Erweiterung der Nutzfläche. Dadurch bietet der Mill Junction Apartment Tower Platz und Bettstatt für insgesamt 375 Studenten.

„Die alten Container haben einen großen, unschlagbaren Vorteil“, sagt Aarons. „Indem man hier de facto ein Gebäude aus zwölf Meter langen, verhältnismäßig leichten Bauklötzen errichtet, ist der Baufortschritt so schnell wie bei keiner anderen Bauweise. Gerade bei einem hohen Silo, bei dem es Baumassen in große Höhen zu hieven gilt, ist das eine enorme logistische Erleichterung.“

Die Container, die die Citiq diversen Speditionsunternehmen zum Altmetallpreis abgekauft hat, wurden im Werk adaptiert und mit Türen, Fenstern, Böden, Heizung und LED-Beleuchtung bestückt. An der Außenseite wurden die Kisten mit 75 Millimeter Polystyrol gedämmt. Das war's. Keine Woche Bauzeit ist vergangen, und schon erstrahlte der einst nackte Silo in neuer, eckiger Pracht. Normalerweise dauert eine Aufstockung in diesen Dimensionen monatelang.

„Das ist absolute Low-Budget-Architektur, und natürlich hält sich der Komfort in Grenzen“, meint Aarons. „Doch die Wahrheit ist, dass es in Südafrika bereits genug teuren, perfekt ausgestatteten Wohnraum gibt. Woran es jedoch mangelt, das ist billiger, temporärer Wohnraum für Studenten.“ Allein in Johannesburg, rechnet der Citiq-Projektleiter vor, gehe der Bedarf in die Tausende. Die hier gewählte Bauweise - es ist der bereits zweite Container-Bau des südafrikanischen Bauträgers - sei eine Möglichkeit, die Nachfrage nach billigen Quadratmetern zu decken.

Weltweite Spedition einer Idee

Der Mill Junction Apartment Tower in Newtown ist kein Einzelfall. Wie es scheint, dürfte hier ein Trend entstanden sein, der anno 2006 von den Freitag-Taschenbrüdern initiiert wurde, nachdem sie ihren Zürcher Flagship-Store zu einem Turm aus 19 Überseecontainern gestapelt hatten, und der sich heute über den gesamten Globus zieht. Damit steht der Container nicht nur für die Spedition von Gütern, sondern auch für den interkontinentalen Transport einer neuen, innovativen Behausungsidee.

In New Jerusalem (Südafrika) wurde ein Waisenhaus aus 28 Containern errichtet. In Schanghai entstand auf diese Weise das Besucherzentrum eines Biolandwirtschaftsunternehmens. In der Antarktis stellten die Hamburger Architekten BOF letztes Jahr die Forschungsstation Bharati fertig, die aus 134 Containern zusammengeschraubt wurde. In diesem Fall war es der Wettlauf gegen die Zeit, der die Projektentwickler zum Griff zur Kiste zwang. In Planung sind außerdem diverse Pop-up-Shoppingcenter sowie ein aus Rolex-, Swarovski- und Louis-Vuitton-Containern gestapelter Luxury-Brand-Hotelturm in Hongkong.

Auch in Europa macht der Container Schule: In London wurde aus Anlass der Olympischen Spiele 2012 das Containerhotel Snoozebox errichtet, das innerhalb von 48 Stunden auf- und abgebaut werden kann. Im Zürcher Stadtteil Leutschenbach errichtete die Asylorganisation Zürich (AOZ) ein gelb-organes Containerdorf für 250 Asylsuchende. In Berlin wurde vor wenigen Wochen das aus 400 Hochseecontainern errichtete Studentenheim Frankie & Johnny übergeben. Und in Wien wurde kürzlich ein Architekturwettbewerb entschieden, bei dem es um die Errichtung eines temporären auf- und abbaubaren Studentenheims in der Seestadt Aspern geht - abermals aus Containern (DER STANDARD berichtete).

Für den Containerproduzenten Royal Wolf in Melbourne (Australien) planten die Room 11 Architects ein modulares Büro aus 14 Containern, dem man seine billige, effiziente Bauweise erst auf den zweiten Blick ansieht. „Man kann einen Container nicht eins zu eins vom Frachter hieven, aufs Grundstück platzieren und gleich ein paar Schreibtische hineinstellen“, erklärt Aaron Roberts, Projektleiter bei Room 11. „Doch auch wenn man die nachträgliche Wärmedämmung, die akustischen Maßnahmen, den Einbau von Fenstern und die Oberflächenveredelung im Innenraum mitberücksichtigt, ist so ein Bauwerk dennoch um einiges schneller und kostengünstiger als ein vergleichbares Projekt in herkömmlicher Bauweise.“

Vor allem aber geht es Roberts um die oft missbrauchten Begriffe Nachhaltigkeit und Recycling. „So ein Haus aus neuen, ungebrauchten Containern zu errichten wäre ökologischer Wahnsinn, denn bis der Rohstoff Stahl in diese Form gebracht ist, hat man bereits enorme Mengen Grauenergie verbraucht. In diesem Fall aber greifen wir auf Elemente zurück, die sonst auf dem Schrottplatz oder Containerfriedhof landen würden.“ Solange die Menschheit Güter über die Weltmeere speditiert, solange es auf dieser Welt Container gibt, so Roberts, so lange sei Container-Architektur auch ein wertvoller Beitrag zur Ressourceneinsparung und zum Umweltschutz.

Das vielleicht ungewöhnlichste Kostenkonglomerat, das in den kommenden Jahren errichtet werden soll, ist die Econtainer Bridge in Tel Aviv. Die 31 ausrangierten Transportbehältnisse, die mittels Schweißnähten und sogenannter Twistlocks kraftschlüssig zu einer 160 Meter langen Brücke verbunden werden, sollen ab 2016 einen acht Quadratkilometer großen Park am Rande Tel Avivs erschließen. Die Materialwahl ist kein Zufall: Durch seinen Zugang zu zwei Meeren spielt Israel eine große Rolle in der Schiffsspedition. Die Zahl der normierten Stahlboxen, die Jahr für Jahr aus dem Verkehr gezogen werden, ist enorm.

„Diese Brücke ist ein Icon für Denken und Umdenken“, sagt der zuständige Architekt Yoav Messer. „Auch wenn wir die Container umbauen und statisch nachrüsten müssen, ist diese Brücke dennoch viel billiger und viel effizienter als eine vergleichbare Brücke ohne Recycling. Ich bin davon überzeugt, dass das Projekt den Umgang mit Baustoffen und Recycling in Israel nachhaltig verändern wird.“ Das ist ein Statement, eines von vielen, die derzeit containerweise in aller Welt abgegeben werden.

26. April 2014 Der Standard

Eine Geschichte über die Vorfreude auf das Altern

Ein Grazer Ehepaar wollte sich für den Lebensherbst wappnen und auf dem Nachbargrundstück einen barrierefreien Holzbau errichten. Architekt Gerhard Mitterberger hat die Vorsorgevision realisiert.

Das bekannte Konzept der Vorsorgewohnung bekommt mit dem Haus R. eine neue Bedeutung. Denn das 230 m² große Holzhaus am Grazer Stadtrand ist eine Investition für den Lebensherbst eines heute 58-jährigen Ehepaars, das im Gesundheitsbereich tätig ist und sich für einen bequemen, barrierefreien Wohnalltag in späteren Jahren wappnen will.

„Wir wohnen heute in einem sehr schönen, sanierten Haus aus den Dreißigerjahren“, sagt die Baufrau, „und fühlen uns hier sehr wohl. Doch die Erfahrung zeigt, dass man nicht ewig fit bleibt und dass verwinkelte Räume und steile Treppen eines Tages zum Problem werden können. Also haben wir beschlossen vorzusorgen.“ Als das Nachbargrundstück zum Verkauf angeboten wurde, „war klar, dass wir zuschlagen müssen“.

Der Architekt ward schnell gefunden, teilte man sich doch früher einmal eine wild durchmischte Studenten-WG. „Wir kennen uns seit fast 40 Jahren“, erinnert sich die Baufrau. „Und nachdem Gerhard Mitterberger ein leidenschaftlicher Holzbauarchitekt ist und gerne helle, luftige Räume plant, war für uns klar: Wenn wir schon bauen, dann nur mit ihm.“

Das Resultat vieler intensiver Besprechungen ist eine schlichte hölzerne Kiste, die auf der einen Seite direkt auf der Hangkante aufliegt und ebenerdigen Zugang in den Garten ermöglicht, während sie straßenseitig auf schief tanzenden Stahlstützen ruht und damit einen witterungsgeschützten Carport schafft. Eine hölzerne Terrasse vor dem Wohnzimmer bildet den Adapter zwischen Haus und Natur und spielt „eine wichtige Rolle, weil sie einerseits mit dem Innenraum und andererseits mit dem Garten zusammenwächst“, erklärt Architekt Mitterberger. Auch innen dominiert die Nähe zu Mutter Natur: Bis auf den massiven Kern und die Stützen im Untergeschoß bestehen Wand und Decke zur Gänze aus sichtbar belassenem Holz. Aufgrund seiner Spannweiten und niedrigen Materialkosten kommt das sogenannte Kreuzlagenholz meist im Industriebau zum Einsatz. Mitterberger setzt es aber auch im Einfamilienhausbau gerne ein, „weil es eine natürliche, lebendige Oberfläche hat, die stark zur Atmosphäre des Innenraums beiträgt“.

In spätestens zehn Jahren wollen Herr und Frau X. in die Holzkiste übersiedeln. Bis dahin wird der Neubau an Freunde und Bekannte vermietet. „Noch brauchen wir das Haus nicht, aber der Tag wird gewiss kommen“, sagt die Baufrau. „Bis dahin erfreuen wir uns an der Tatsache, dass wir in der glücklichen Lage sind, uns die Nachbarn aussuchen und uns mit unserer eigenen Zukunft befassen zu können.“ Dann wird längst schon der Efeu an der hölzernen Terrassenpergola hochgewachsen sein.

Und bis dahin wird auch Architekt Mitterberger, Purist in Sachen Gartengestaltung, verziehen und verkraftet haben, dass das grüne Wucherzeug sich über „sein“ Bauwerk gelegt haben wird. „Das geht doch nicht! Die schöne Konstruktion!“, soll er beim letzten Besuch gesagt haben. Die Replik: „Der Architekt hat wunderbare Arbeit geleistet, und wir sind rundum glücklich. Aber jetzt ist das unser Haus!“ Jetzt. Oder in zehn Jahren. Oder wann auch immer.

25. April 2014 Der Standard

Architekt Hans Hollein gestorben

Der international tätige Avantgardist hinterlässt ein reichhaltiges Lebenswerk

Bei seinem allerersten Bauprojekt musste er die Pläne siebenmal umzeichnen und den Baupolizisten um den Finger wickeln: Das Kerzengeschäft Retti am Kohlmarkt sei einer Stadt wie Wien einfach nicht zuzumuten, hieß es damals seitens der Behörde. „Schließlich habe ich eine Minimaleinreichung im Maßstab 1:100 gemacht“, erinnerte sich Hans Hollein später: „Das wurde genehmigt, weil man darauf nichts Genaues erkennen konnte.“

Seit der Eröffnung des 16 Quadratmeter großen Kerzengeschäfts 1965 ist ein gewaltiges OEvre an Bauten, Möbeln, Kunstwerken, Bühnenbildern, Ausstellungsgestaltungen und zahlreichen theoretischen Schriften entstanden. Gestern, Donnerstag, ist der österreichische Architekt und Universalkünstler Hans Hollein, der am 30. März noch seinen 80. Geburtstag feierte, nach langer, schwerer Krankheit in den Morgenstunden gestorben.

„Als meisterhafter Architekt, inspirierender Lehrer, Visionär und Vordenker“, wie ihn Kunst- und Kulturminister Josef Ostermayer (SP) in seiner gestrigen Presseaussendung bezeichnete, habe Hollein einen wichtigen Grundstein für ein neues Bewusstsein in der Baukunst gelegt. Dieser Grundstein war Fundament für die Wiener Avantgarde der 1960er- und 1970er-Jahre.

„Wir müssen die Architektur vom Bauen befreien“, forderte Hollein, der an der Wiener Akademie der bildenden Künste in der Meisterklasse Clemens Holzmeisters studiert hatte, damals. Gemeinsam mit seinen Zeitgenossen Friedensreich Hundertwasser, Markus Prachensky, Walter Pichler und Arnulf Rainer mischte er die Wiener Kunstszene auf. Mit seinen Auftritten, Manifesten und Streitschriften protestierte er gegen den nüchternen Funktionalismus der Nachkriegsarchitektur und noch mehr gegen den konventionellen Kunstbetrieb.

Auch die Kollegen der eigenen Bauzunft verschonte er nicht: „Architekten müssen aufhören, nur in Bauwerken zu denken!“

Zu seinen bekanntesten visionären Entwürfen, die über den Tellerrand des klassischen Bauens reichten, zählen Flugzeugträger in der Landschaft (1964), Schattenberg Castle (1963), ein zur monströsen Burg entwachsener Rolls-Royce-Kühlergrill, sowie das Mobile Büro (1969), eine pneumatische Bürozelle aus Kunststoff, in der es sich der junge Baukünstler mit Reißbrett und Telefon bequem machte. Das aufblasbare Gehäuse war Prototyp einer provisorischen, transportablen Behausung und kam auch unserer heutigen Lebens- und Arbeitskultur um einige Jahrzehnte zuvor.

Gesamtkunstwerke

Real und ihrer Zeit voraus waren Holleins frühe Bauten wie das Schmuckgeschäft Schullin in Wien (1973), das Österreichische Verkehrsbüro im Opernringhof (1976), das 1987 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zerstört wurde, sowie das international viel beachtete Städtische Museum Abteiberg in Mönchengladbach. Das 1982 eröffnete Kunstmuseum für Werke namhafter bildender Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts ist ein Gesamtkunstwerk, in dem Hollein erstmals mit den Elementen einer Architektur spielte, die später unter dem Begriff Postmoderne in die Geschichte eingehen sollte.

1990 wurde sein Haas-Haus am Stephansplatz eröffnet. Das aus Stein und Glas gebaute Manifest, in dessen gewölbten Fassaden sich das Wiener Wahrzeichen spiegelt, spaltete die Wiener Bevölkerung in Liebhaber und Hasser. Bis heute gilt das Haas-Haus als zeitgenössischer Konterpart in einem von der Unesco geschützten Weltkulturerbe. Es folgten Schul- und Bürobauten, diverse Museen wie etwa das Niederösterreichische Landesmuseum in St. Pölten oder das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt sowie das Flugdach auf der Rampe der Albertina.

„Es kann nicht jedes Projekt eine Weihnachtsgans sein“, bemerkte Hans Hollein dazu einmal im Gespräch mit dem Standard. „Manchmal hat man nach einigen Jahren Arbeit eben nur ein warmes Würstl vor sich am Teller liegen. Aber alles ist wichtig. Und die Albertina ist in ihrer Gesamtheit ganz bestimmt eine Weihnachtsgans, auch wenn manche Teile davon eher ein Würstl sind.“

Internationale Erfolge

Die Weihnachtsgänse der letzten Jahre entstanden fast ausschließlich außerhalb Österreichs, so wie das Headquarter der Interbank Lima im Peru (2001), die Centrum Bank in Liechtenstein (2002) oder der 2002 eröffnete Vulcania-Erlebnispark in Saint-Ours-les-Roches in der Auvergne. Der Museumscampus mit seinem unverwechselbaren golden schimmernden Vulkankegel sorgte weltweit für Aufsehen.

Sein 1967 formulierter Leitsatz „Alles ist Architektur“ zog sich wie ein Wahlslogan durch sein Schaffen. Für Arthur Schnitzlers Komödie der Verführung (1980) am Wiener Burgtheater zeichnete er das Bühnenbild, für Traum und Wirklichkeit im Wiener Künstlerhaus (1985) lieferte er die Ausstellungsgestaltung. Zuletzt realisierte er vor dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe eine spektakuläre Arbeit aus 1960, indem er ein paar ausrangierte VW-Käfer zu einem Car Building stapelte. Es ist die letzte dokumentierte Arbeit Holleins, der 1985, als bisher einziger Österreicher, mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde.

„Ich habe mich nie als Teil der Avantgarde erachtet“, sagte Hollein im Rückblick auf sein Leben. „Ich habe einfach nur auf meine eigene Art versucht, in die Zukunft zu blicken.“ Dieser Blick zeichnet Visionäre aus und reicht weiter als seine eigene Existenz.

Am 5.5. eröffnet die Galerie Ulysses, Opernring 21, die Ausstellung „Hans Hollein“. Ab 25.6. zeigt das Mak eine umfangreiche Rückschau auf Holleins Lebenswerk.

29. März 2014 Der Standard

Zwischen Weihnachtsgansarchitektur und Kunst

Morgen, Sonntag, feiert der Wiener Architekt Hans Hollein seinen 80. Geburtstag. Bis heute gilt der einzige heimische Pritzker-Preisträger als einer der prominentesten Vertreter der Postmoderne in Europa.

Die einen bezeichnen ihn als „einflussreichsten und international wichtigsten Architekten aus Österreich“ (Dietmar Steiner, Direktor des Architekturzentrums Wien), andere als „kreativsten, interessantesten und erfolgreichsten bildenden Künstler dieses Landes“ (Kollege Gustav Peichl). Bundespräsident Heinz Fischer spricht sogar von „einem der prominentesten Vertreter der postmodernen Architektur in Europa“.

Es handelt sich um als Komplimente getarnte Geburtstagswünsche. Denn der 1934 geborene Hans Hollein, der seit seinem millionenfach zitierten Sager „Alles ist Architektur“ in den 1960ern stets an der Kante zwischen Kunst und Architektur wandert, feiert morgen, Sonntag, mit leicht angeschlagener Gesundheit seinen 80. Geburtstag. Feiern wird er. Das ließ er via Familie ausrichten.

Zu Beginn von Holleins Laufbahn standen Manifeste und visionäre Entwürfe wie etwa Flugzeugträger in der Landschaft (1964), ein zur monströsen Burg aufgeblasener Rolls-Royce-Kühlergrill, oder Mobiles Büro (1969), eine sogar buchstäblich aufgeblasene Bürozelle aus Kunststoff, in der es sich Hollein mit Schoß-Schreibtisch und Skizzenblock bequem machte und sich darin nachhaltig effektvoll fotografieren ließ.

Mit seinen ersten realisierten Projekten - das Kerzengeschäft Retti am Kohlmarkt - musste er gegen einen nicht sonderlich zukunftsoffenen Magistrat ankämpfen. Sechs Entwürfe reichte er ein. Alle wurden sie abgelehnt. Erst beim siebenten Anlauf, bei dem er die Beamten mit winzigen Zeichnungen austrickste, bekam er die Baubewilligung erteilt. Der Startschuss für eine postmoderne Bautätigkeit, die bis heute fortdauert.

Neben dem Städtischen Museum Abteiberg in Mönchengladbach (1992), dem Haas-Haus (1990), dem Media-Tower am Donaukanal (2000), dem Niederösterreichischen Landesmuseum in St. Pölten (2002), der neuen Albertina-Rampe (2003), dem Saturn-Tower (2004) sind es vor allem Projekte im Ausland, die Hollein zuletzt beschäftigten, darunter etwa das Vulcania-Museum in der Auvergne, Wohnhochhäuer in Taipeh sowie das Headquarter der Interbank in Lima, Peru.

„Ich habe viel gebaut, und es kann nicht jedes Projekt eine Weihnachtsgans sein“, meinte Hollein vor wenigen Jahren. „Manchmal hat man eben nur ein warmes Würstl vor sich am Teller liegen.“ Ob er schon einmal etwas bereut habe? „Nicht den Bau von Würstln. Das passt schon. Aber vor vielen Jahren habe ich es abgelehnt, zusammen mit Frank Gehry die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles zu bauen. Aus heutiger Sicht war das ein Fehler.“

29. März 2014 Der Standard

Der Papierpragmatiker

Der Pritzker-Preis 2014 geht an den japanischen Architekten Shigeru Ban. Wojciech Czaja sprach mit ihm über Menschen in Not, Herausforderungen und seine pragmatische Liebe zu Papier.

STANDARD: Sie wurden diese Woche von der Pritzker Foundation angerufen und haben erfahren, dass Sie der Pritzker-Preis-Träger 2014 sind. Was war Ihre erste Reaktion?

Ban: Ich war überrascht. Diesen Preis zu gewinnen ist eine große Ehre! Wissen Sie, von 2006 bis 2009 bin ich selbst in der Pritzker-Jury gesessen, und ich kenne die komplizierten Prozesse und ewig langen Diskussionen, die hinter so einer Entscheidung stecken.

STANDARD: Warum ausgerechnet Sie?

Ban: Mir wurde gesagt, ein wesentlicher Grund sei die Kontinuität meiner Arbeit. Seit mehr als 20 Jahren arbeite ich daran, temporäre Konstruktion in Krisenregionen und Katastrophengebieten zu errichten und die beiden scheinbaren Widersprüche Effizienz und Ästhetik miteinander zu vereinen.

STANDARD: Eine Ihrer Besonderheiten ist das Bauen mit Pappkarton und Papier. Wann hat das begonnen?

Ban: Das allererste Projekt aus Pappe war die Gestaltung einer Ausstellung über Alvar Aalto 1986. Das war in Japan, in der Nähe von Tokio. Ich wusste nur: Ich will nicht schon wieder mit Holz bauen. Also habe ich mich dafür entschieden, mit Papier und Pappe zu bauen. Das war das erste Mal, dass ein Architekt mit diesem Material gearbeitet hat.

STANDARD: Seit damals arbeiten Sie regelmäßig damit. Was ist das Faszinierende an diesem Baustoff?

Ban: Wie meinen Sie das? Nichts ist faszinierend daran. Es ist ein Baustoff wie jeder andere auch. Nur hatte vor mir noch niemand anderer daran gedacht, damit zu arbeiten. Das ist alles.

STANDARD: Das klingt sehr pragmatisch. Das glaube ich Ihnen nicht.

Ban: Ich kann es auch anders sagen: Ich bin ein Freund des Erfindens. Immer nur Trends und Modeströmungen zu folgen ist mir zu wenig. Schauen Sie sich einmal Buckminster Fuller oder Frei Otto an! Die sind auch nicht irgendwelchen Trends gefolgt, sondern haben ihre ganz eigene Sprache und Konstruktionsästhetik entwickelt. Sie haben sich von niemandem beeinflussen lassen, sondern haben ihren eigenen Stil kreiert.

STANDARD: Ihr eigener Stil also ... Und welcher Motor steckt da dahinter?

Ban: Als ich vor mehr als 30 Jahren begonnen habe, als Architekt zu arbeiten, war Bauökologie ein Fremdwort. Darüber hat niemand gesprochen. Für mich jedoch war das etwas ganz Natürliches, etwas ganz Selbstverständliches. Ich war immer schon daran interessiert, mit billigen, regionalen und wiederverwendbaren Materialien zu arbeiten. Daher der - wenn Sie so wollen - eigene Stil.

STANDARD: Woher nehmen Sie das Material?

Ban: Die Pappröhren sind ganz normale Produkte, die für die Papierindustrie hergestellt werden. Keine Sonderanfertigungen. Wir beziehen uns auf das, was schon am Markt da ist. Und das Gute daran ist: Papierfabriken gibt es überall auf der Welt.

STANDARD: Wie bestimmen Sie die Festigkeit?

Ban: Solche Röhren halten sehr viel aus. Wenn Sie schon einmal gesehen haben, wie viel Tonnen Papier auf so eine Röhre gewickelt werden, dann wissen Sie das. Im Laufe der Jahre haben wir die unterschiedlichen Produkte Festigkeitsprüfungen unterzogen und können uns auf bereits bestehende Daten stützen. Wenn ein neues Produkt dazukommt, müssen wir einen neuen Test machen.

STANDARD: Was muss man alles beachten, wenn man mit Papier baut?

Ban: Sie meinen Feuer und Wasser?

STANDARD: Zum Beispiel.

Ban: Trinken Sie manchmal Orangensaft?

STANDARD: Aus dem Tetrapak?

Ban: Genau. Es gibt schon viele Methoden, wie man Papierprodukte wasserdicht und wasserfest machen kann. Das Gleiche trifft auch auf die Brandfestigkeit zu.

STANDARD: Wie lange halten Ihre Papierkonstruktionen?

Ban: Wie lange hält eine Betonkonstruktion?

STANDARD: Laut Betonlobby ewig.

Ban: Ja. Aber wir wissen alle, dass das nicht stimmt. Ein Gebäude aus Beton kann durch Wasser und Erdbeben leicht zerstört werden und ist schwierig zu reparieren. Beton hält keine 100 Jahre. Was die meisten Leute nicht wissen: Ein Haus aus Papier kann, wenn es gut gebaut ist, das stärkste Erdbeben überstehen, weil es sehr leicht konstruiert ist. Ein schweres Gebäude wird zusammenbrechen.

STANDARD: Papier hält also länger als Beton?

Ban: Mitunter ja. Wie gesagt: Die Technik ist nicht das Problem.

STANDARD: Sondern?

Ban: Die Vorschriften! Die Behörden haben keinerlei Erfahrung mit Papier- und Pappkonstruktionen und wollen sich damit auch nicht auseinandersetzen. Die Normen und Gesetze sind veraltet, und zwar diesbezüglich überall auf der Welt. Der Bewilligungsprozess ist extrem kompliziert.

STANDARD: Sie haben schon oft genug mit Papier gebaut. Erfahrungswerte sind da. Wie könnte man diesen Prozess vereinfachen?

Ban: Ich glaube nicht, dass man den Prozess vereinfachen kann. Es wird schwierig bleiben.

STANDARD: Lieben Sie Herausforderungen?

Ban: Würde ich sonst das tun, was ich tue?

STANDARD: Sie bauen einerseits für reiche, privilegierte Bauherren und weltbekannte Unternehmen und Institutionen, und andererseits für Menschen in Not.

Ban: Wir Architekten arbeiten fast immer nur für die Privilegierten. Sie haben Geld, Macht oder beides und beauftragen uns, ihnen Denkmäler zu bauen, die diese Macht symbolisieren. Das war schon immer so. Das ist die historische Rolle von Architekten ...

STANDARD: ... die Sie nun aufbrechen.

Ban: Wenn eine Naturkatastrophe passiert und in kurzer Zeit Notunterkünfte benötigt werden, ist meist weit und breit kein Architekt zu sehen. Dabei könnten wir hier vieles verbessern, wenn wir helfen. Also sollten wir das tun.

STANDARD: In welcher Rolle fühlen Sie sich wohler? Als Architekt der Reichen oder als Architekt der Menschen in Not?

Ban: In gewisser Weise gibt es da keinen Unterschied. Alles gleich.

STANDARD: Kein Unterschied?

Ban: Der einzige Unterschied ist: Bei den Reichen werde ich bezahlt und bei den Armen nicht.

STANDARD: In einem Interview haben Sie einmal gesagt, Sie seien nicht daran interessiert, Geld zu verdienen.

Ban: Das stimmt. Aber ich habe nun mal ein Büro, und dieses Büro muss überleben. Ich spreche nicht gerne über Geld. Ich hasse es, mich um Business-Angelegenheiten und Honorare zu kümmern. Das macht alles mein Partner.

STANDARD: 1995 haben Sie den Verein Voluntary Architects' Network (VAN) gegründet. Was genau passiert da?

Ban: Genau das! Bauen für Menschen in Not. Wir arbeiten überall auf der Welt. Überall, wo es Krisen und Naturkatastrophen gibt, also nach Kriegen, Erdbeben, Bränden, Hurrikanen und Tsunamis, und wo man in kürzester Zeit Behausungen für viele tausend Menschen schaffen muss.

STANDARD: Wo und wie finden Sie Ihre freiwilligen Helfer?

Ban: Es gibt keine Dauermitglieder. Ich sammle die Freiwilligen vor Ort, manchmal auch aus ganz Japan. Helfer aus dem Ausland müssten wir einfliegen lassen, und das können wir uns nicht leisten.

STANDARD: Sie sind nun der siebente japanische Architekt, der mit dem Pritzker-Preis für Architektur ausgezeichnet wird. Was macht japanische Architektur so attraktiv?

Ban: Was japanische Architektur auszeichnet? Das weiß ich nicht. Aber Nationalitäten sind in der Pritzker-Preis-Jury kein Thema. Das weiß ich noch von früher.

STANDARD: Würden Sie sich denn als japanischen Architekten bezeichnen?

Ban: Nein. Ich habe in Japan keine Erziehung genossen. Ich habe in Kalifornien und in New York City studiert. So gesehen bin ich ein internationaler Architekt.

STANDARD: Und wo fühlen Sie sich zu Hause?

Ban: Im Flugzeug. Da bin ich privat. Kein Scherz! Da kann ich all das machen, wozu ich sonst nie Zeit habe: Skizzen anfertigen, Filme schauen und schlafen. Und ich liebe es, zwischen den Zeitzonen unterwegs zu sein. Das gibt meinem Leben den gewissen Kick.

STANDARD: Wissen Sie schon, was Sie mit den 100.000 Dollar Preisgeld machen werden?

Ban: Ich werde weiterhin das tun, was ich bisher getan habe. Daran wird sich nichts ändern. Die Arbeit wird bestenfalls wachsen.

STANDARD: Also?

Ban: Ach, Sie meinen die 100.000 Dollar?

STANDARD: Genau.

Ban: Ich werde das Geld in meine NGO-Aktivitäten investieren. Da gibt's genug zu tun.

29. März 2014 Der Standard

Ohne Keller, dafür aber mit Schlamm und Eigenbau

Ein Einfamilienhaus in Hanglage ist üblicherweise ein teures Unterfangen. In Vorderweißenbach im Mühlviertel jedoch schufen die hpsa Architekten einen schwebenden Bungalow, der billiger ist als ein Haus auf ebener Wiese.

Wie ein schwarzes, überdimensionales Hufeisen ragt das Haus über die Hangkante. Wer den Weg zwischen den tanzenden Säulen hindurch und treppaufwärts nach oben findet, landet auf einer 22 Quadratmeter großen Terrasse und wird mit einem fantastischen Ausblick auf das obere Mühlviertel und das südlichste Zipfel der Tschechischen Republik belohnt. „Die Aussicht in die Landschaft ist eines der tollsten Dinge am ganzen Haus“, sagt Gregor Sonnberger. Gemeinsam mit seiner Frau Edith, beide ihres Zeichens AHS-Lehrer, und einer knapp zweijährigen Tochter zog er im Oktober letzten Jahres hier ein. Dass die vorerst noch dreiköpfige Familie vom Erdboden enthoben wohnt, ist weder Zufall noch Spleen, sondern in erster Linie Konsequenz einer wirtschaftlich getriebenen Entscheidung.

„In den meisten Fällen ist Bauen in Hanglage aufgrund von Baugrubensicherung und Hangwasser teurer als auf einem Grundstück in der grünen Ebene“, erklärt Dietmar Hammerschmid vom Grazer Büro Hammerschmid Pachl Seebacher Architekten (hpsa). „Doch in diesem Fall ist es uns gelungen, das Haus sogar billiger als auf der grünen Wiese zu bauen.“ Grund dafür sind der Verzicht auf einen Keller sowie die Reduktion der erdberührenden, meist aufwändig zu isolierenden Bauteile. Auf diese Weise ist es gelungen, die Fundierung um 20 Prozent billiger auszuführen.

Statt auf einem schweren Sockel aufzusitzen, tanzt die Wohnskulptur nun auf 19 verzinkten Säulen aus Stahl. Die windschiefe Lage zueinander soll laut Architekt „nicht nur einen Wald suggerieren“, sondern sorgt auch für die nötige Aussteifung gegen Windkräfte. „Wir waren sehr überrascht über diesen Vorschlag“, erinnert sich Bauherr Sonnberger, „doch eigentlich hat uns der Entwurf auf Anhieb gut gefallen.“ Nicht zuletzt sei aufgrund der geringen Beanspruchung des Grundstücks viel Garten übriggeblieben. Noch fehlt das Grün, doch schon bald, so Sonnberger, werde man unterm schwebenden Bungalow Spielgeräte für die Tochter aufstellen.

Insgesamt wurde das Haus in nur fünf Monaten Bauzeit fertiggestellt. Zu verdanken ist dies der Holzriegelbauweise, die eine Vorfertigung im Werk und eine rasche Montage vor Ort ermöglicht hat. „Ein großer Wunsch der Bauherren war, sich am Innenausbau zu beteiligen“, sagt Hammerschmid. „Also haben wir die Details so geplant, dass man sie auch ohne viel Know-how, sondern einfach nur mit Engagement ausführen kann.“ Selbst Hand angelegt haben die Sonnbergers bei den nichttragenden Zwischenwänden sowie bei der Fassade aus sägerauer Fichte.

„Wir haben uns ein Haus gewünscht, das nicht nach einigen Monaten verblasst oder vergraut“, erzählen Gregor und Edith Sonnberger. In Schweden wurde man schließlich fündig - mit dem sogenannten „Falu Rödfärg“. Die dunkelrote Schlammfarbe, ein Nebenprodukt der Kupfergewinnung, ist üblicherweise an schwedischen Holzfassaden zu finden. Hier wurde sie mit schwarzen Pigmenten versetzt und wird nun mindestens 15 Jahre lang bis zum nächsten Selbstmaltermin ausharren.

22. März 2014 Der Standard

Baku im Bleichwaschgang

Zwei Jahre nach dem Eurovision Song Contest will Baku hoch hinaus. Und zwar leider um jeden Preis. Ein Spaziergang durch die Baustelle des Investorenwunderlands Baku White City.

Es staubt im Gegenlicht. Die Bauarbeiter stehen auf dem Gerüst und stemmen, Stein für Stein, ein kleines, neues Paris in die Höhe. Dass sich hinter den Sandsteinplatten und den maschinell gefrästen Kapitellen eine Stahlbetonkonstruktion mit Hochlochziegelwand verbirgt, ist eine kunstgeschichtliche Unschärfe, die hier niemanden zu kümmern braucht. Das neue Evlari-Palais in der vorerst noch namenlosen Straße ist ein erster Vorbote des 50.000-Einwohner-Stadtteils Baku White City.

„Cities have never been growing so quick“ lautet der Slogan der weißen Stadt, die auf dem Gelände der ehemaligen Baku Black City aus dem Erdboden gestampft wird. Und tatsächlich ist die Geschwindigkeit, mit der man hier Stadt zu bauen gedenkt, nicht zu übertreffen: Wo seit 1860 fast 150 Jahre lang Erdöl gelagert und raffiniert wurde, sollen schon bald glückliche Menschen mit Gucci-Clutch, vollen Einkaufstaschen und Fotoapparat durch den Großstadtdschungel schreiten. So versprechen es zumindest die Visualisierungen der Azerbaijan Development Company (ADEC), die das ambitionierte Stadtquartier auf Geheiß von Präsident Ilham Aliyev aus der Taufe hebt.

„Wissen Sie, die Qara Seher (Black City, Anm.) ist ein Stück Geschichte dieser Stadt, auf die eigentlich niemand so richtig stolz ist“, erklärt Fuad Verdiyev, Head of Development bei ADEC, im Gespräch mit dem STANDARD. „Natürlich wurde hier große aserbaidschanische Geschichte geschrieben, denn schließlich verdanken wir dem Erdöl unseren Reichtum, aber in einer modernen, weltoffenen Stadt des 21. Jahrhunderts ist dafür kein Platz mehr.“

Stolz steht Verdiyev vor dem zehn mal zehn Meter großen Stadtmodell im Erdgeschoß des provisorischen Bürohauses. Das richtige ADEC-Headquarter, ein weißes, futuristisches Ei mit 13 Stockwerken, befindet sich auf dem Grundstück nebenan. Der Rohbau ist bereits abgeschlossen. Der Kontrast zu den benachbarten Pariser Palais im Stile Baron Haussmanns könnte dramatischer nicht sein.

„Bald werden wir übersiedeln und das Wachsen der Stadt dann vom letzten Stockwerk aus kontrollieren. Und wie Sie sehen, bauen wir sehr schnell.“ Bis Sommer nächsten Jahres soll ein Teil der blitzblank polierten White City fertiggestellt sein. Dann nämlich finden in Baku die Europaspiele 2015 statt. Das neu erfundene Sportevent, das kurioserweise auf asiatischem Boden stattfindet, soll darüber hinwegtrösten, dass Aserbaidschan mit seiner Bewerbung für die Olympischen Spiele 2016 zugunsten von Rio de Janeiro scheiterte.

Stadtplanung? Fehlanzeige

„Aber natürlich schaffen wir das!“ Verdiyev duldet keine Zweifel. Die juristischen Rahmenbedingungen helfen der Geschwindigkeit auf die Sprünge. Die Baku White City, ein Entwurf des Londoner Stadtplanungsbüros Atkins, wurde direkt beauftragt und wird in Großbritannien unter Zuhilfenahme von F+A Architects und Großmeister Norman Foster generalgeplant. Wettbewerb? Fehlanzeige. Umweltverträglichkeitsprüfungen? Fehlanzeige. Langfristiges Grünraum- und Verkehrskonzept? Fehlanzeige.

„Seien Sie doch bitte nicht so pessimistisch! Wir wissen genau, was wir tun.“ Einst erstreckten sich die Öl- und Raffineriefelder über 220 Hektar. Im Jahr 2000 wurde das einst schwarze Land umgewidmet, 2007 schließlich startete die Dekontaminierung des Bodens. Je nach Kontaminationsgrad wurde der Boden bis zu einer Tiefe von drei bis sieben Metern abgegraben und außer Stadt gebracht. Wohin, ist unbekannt. Das wisse er nämlich nicht so genau, meint ADEC-Chef Fuad Verdiyev. Fest steht jedoch, dass die White City schon in wenigen Jahren ein pulsierendes Zentrum sein werde.

18.000 Wohnungen und 48.000 Arbeitsplätze, diverse Hotels, Einkaufsboulevards, ein Riesenrad, eine Konzerthalle und die mit 400.000 Quadratmetern größte Shoppingmall der gesamten kaspischen Region sind hier geplant. Dass die Wohnungen ohne Haustechnik, also ohne Heizung und ohne Kühlung übergeben werden, sei ein „nicht so interessantes Detail am Rande, über das Sie nicht zu schreiben brauchen“, versichert Verdiyev. „Schließlich können die Bewohner die Haustechnik individuell nachrüsten. Platz für Heiz- und Kühlgeräte ist in jeder Wohnung in Form eines kleinen hofseitigen Balkons geplant.“ Ein neuer Stadtteil mit 18.000 Heizkesseln an der Fassade? In Baku kein Problem.

Nicht nur die ökologische, auch die soziale Nachhaltigkeit wird in der White City großgeschrieben, denn schließlich plane man eine „durchmischte Stadt für jedermann“. Wie sich dieses überaus ambitionierte Ziel mit der Tatsache verträgt, dass die 18.000 Neubauwohnungen trotz traditionell ausgeprägter Mietkultur in Baku ausschließlich in Eigentum auf den Markt gebracht werden und die Rohbau-Kaufpreise bei 1200 Manat (circa 1100 Euro) pro Quadratmeter starten, bleibt bei diesem Exklusivtermin eine ebenso unbeantwortete Frage wie alle anderen auch.

Wann sollen denn die Wassertaxis und die Straßenbahnlinien errichtet werden, die man hier im Modell sieht? „Das ist nur ein Vorschlag von uns. Darum kümmern wir uns aber nicht. Wir kümmern uns nur um die Bebauung. Die gesamte Infrastruktur und die Planung des öffentlichen Verkehrs ist nämlich Aufgabe der Stadtverwaltung, auf die wir aber leider keinerlei Einfluss haben.“

Wie viele Investoren am Bau der neuen Weißstadt beteiligt sind, wird geheim gehalten. Wie viel Prozent des neuen Areals bereits finanziert sind, könne man nicht so genau sagen. Und wie groß das Gesamtinvestitionsvolumen der Baku White City ist? „Kein Kommentar.“ Aber so viel sei sicher: „Bitte kommen und investieren Sie! Die ADEC ist ein offenes, transparentes und investorenfreundliches Unternehmen!“

In Baku ist alles möglich

Die nebulose Genese der Baku White City ist kein Einzelfall. Superlative um jeden Preis hat in dieser Stadt Tradition. Für das neue und in Lifestyle-Medien bereits vielfach publizierte Heydar Aliyev Cultural Center von Zaha Hadid musste ein ganzes Wohnviertel planiert werden. Dennoch: Knapp zwei Jahre nach Fertigstellung steht das 60.000-Quadratmeter-Museum fast leer - darüber ist in den Blogs und Hochglanzzeitschriften nichts zu lesen.

Und die nächsten Megaprojekte stehen bereits in den Startlöchern: Coop Himmelb(l)au etwa plant ein riesengroßes Kongresszentrum sowie das neue Hauptquartier der Central Bank of Azerbaijan (CBA). Und das Wiener Büro Hoffmann+Janz, das an der Küstenpromenade bereits das metaphorisch etwas plump geratene, nicht sonderlich subtile Teppichmuseum in Form einer 120 Meter langen, liegenden Teppichrolle baute, arbeitet bereits an einem Hochhaus, an einem Wasserpavillon im Kaspischen Meer sowie an einem neuen Sportzentrum, das im April eröffnet werden soll.

„In Baku wird mit anderen kulturellen Maßstäben gemessen als bei uns“, erklärt Teppichrollen-Architekt Franz Janz auf Anfrage des STANDARD. „In gewisser Weise ist in Aserbaidschan alles viel einfacher, denn die letzte Entscheidung hat immer der Präsident.“ Und Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au meint: „Die neuen Bauten und Stadterweiterungsprojekte schaden der Stadt mehr, als sie ihr helfen, denn sie mögen für sich allein eine gewisse Qualität aufweisen, aber ein zusammenhängender, städtebaulicher Überbau ist nicht zu erkennen.“

Und das ist sehr schade, denn Baku mit seiner Unesco-geschützten Altstadt, seinen vielen Fußgängerzonen und seinen in den letzten Jahren sehr aufwändig historisierten Boulevards ist nicht nur eine sehr schöne, sondern auch gut funktionierende und vielfach unterschätzte Stadt. Vom einzigartigen Ambiente der Drei-Millionen-Metropole, dem auch die schwarze Ära von Erdöl und Kommunismus nichts anzuhaben schien, ist in der neuen, weißgewaschenen White City nichts zu merken. In der Euphorie hat die Immobilienwirtschaft hier etwas zu viel Bleichmittel beigesetzt.

8. März 2014 Der Standard

Ich bin Versuchskaninchen im eigenen Haus

Der Stuttgarter Architekt und Ingenieur Werner Sobek ist Pionier in Sachen Technologie und Vernetzung. Mit Nachtsichtgeräten, erfuhr Wojciech Czaja, kommt man in seinem gläsernen Einfamilienhaus aber nicht weit.

Das Beste an diesem Haus ist, dass es sich nicht anfühlt wie ein Haus. Vielmehr hat man das Gefühl, man sei mitten in der Natur. Und das ist man auch. Egal, wo man sich gerade aufhält, man sieht die Bäume, man sieht den Himmel, man sieht und hört den Regen, man riecht die Blüten, man bekommt einfach den ganzen Tagesverlauf mit. Ein halbes Jahr, nachdem wir eingezogen waren, fiel mir auf, dass ich nicht mehr auf die Uhr gucke. Anhand des Tageslichts kann man gut abschätzen, wie spät es immer ist.

Ich werde oft gefragt, wie es sich anfühlt, ständig unter Beobachtung zu sein. Und dann sage ich: Zum einen wohnt der nächste Nachbar 200 Meter von hier entfernt, und zum anderen ist mir das auch ziemlich egal. Es gibt sogar Leute, die versuchen, uns bei Dunkelheit mit Nachtsichtgeräten im Haus aufzuspüren, aber das führt zu nichts. Die Glasscheiben haben eine Low-Emissivity-Beschichtung und lassen keinerlei Infrarotstrahlung durch. Pech gehabt!

Warum das Haus so aussieht, wie es aussieht, hat einen guten Grund. Was meine Arbeit betrifft, würde ich mich als Pionier bezeichnen, weil ich an der Entwicklung neuer Technologien sowie an der Implementierung dieser Technologien im Bauwesen maßgeblich beteiligt bin. Ich lebe diesen Beruf mit Leidenschaft. Und wenn man etwas Neues entwickelt, so muss man sich auch als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen und am eigenen Leibe das ausprobieren, was man später dem Markt anbieten möchte.

Wir haben lange an diesem Haus geplant - von 1997 bis 2000. Der Bauprozess selbst dauerte aber nur zehn Wochen. Es war eines der ersten Gebäude, das sich komplett über den Computer steuern lässt. Über einen Touchscreen geben wir die gewünschte Temperatur ein, und die EDV erledigt den Rest. Theoretisch können wir die Haustechnik auch übers Handy steuern. Wir wohnen in einem richtigen Nullenergiehaus - ohne Gaskessel, ohne Ofen, ohne Erdwärme. Wir heizen einzig und allein mithilfe der Sonne. Es gibt eine Bauteil-Aktivierung, einen Wärmetauscher sowie einen Speichertank mit 12.000 Liter Wasser, in dem die gewonnene Energie gespeichert wird. Die Wassertemperatur im Tank pendelt zwischen fünf und 85 Grad Celsius! Außerdem hält sich der Energiebedarf durch die hochwertige Isolierung - die Glasscheiben sind mit Krypton gefüllt und haben die gleiche Wärmedämmeigenschaft wie eine 14 Zentimeter dicke Styroporplatte - ohnehin in Grenzen.

Demnächst wollen wir das Haus technisch etwas nachrüsten und eine neue Software installieren. Es handelt sich dabei um ein Energieoptimierungssystem unter dem Namen alpha EOS. Dann werden wir noch weniger Strom verbrauchen als heute. Sämtliche Geräte wie Geschirrspüler oder Waschmaschine können dann via Internet gestartet werden. Das System ist mit der meteorologischen Station verbunden und kann aufgrund von Wetterlage, Netzauslastung und Tageszeit automatisch kalkulieren, wann die Energiekosten am niedrigsten sind und das öffentliche Stromnetz am geringsten belastet wird. Außerdem werden wir ab Sommer einen Elektro-Smart haben, den wir über unsere Photovoltaik-Anlage direkt aufladen können.

Ob mir das Haus zu transparent ist? Eigentlich nie! Denn wenn ich ungestört sein und mich ein wenig in mein Innerstes verkriechen will, dann mache ich einfach die Augen zu. Das lernt man, wenn man so viel unterwegs ist wie ich. Sobald ich die Augen schließe, fühle ich mich zu Hause, fühle ich Heimat.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag