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21. März 2014 TEC21

Kirgisischer Filz

Ihre Herstellung ist arbeitsintensiv, ihre Muster sind ausdruckstark: Shyrdaks – doppelt genähte Filzteppiche – werden in Zentralasien seit Jahrhunderten hergestellt. Mit ihren kraftvollen Motiven lassen sie sich auch mit europäischen Interieurs erstaunlich gut kombinieren.

Sie sind weich, flauschig, warm – und sie riechen nicht nach Schaf: In Kirgisistan werden Shyrdaks als textile Allzweckwaffe zum Isolieren der Jurten ebenso eingesetzt wie als Satteldecke. In den abgesteppten grafischen, meist symmetrischen Mustern manifestiert sich die Kultur der Region. Jedes Motiv hat eine Bedeutung – vorwiegend aus der Pflanzen- und Tierwelt oder aus dem Familienleben. Beliebte Formen sind beispielsweise das stilisierte Horn des Schafbocks (kochkor muyuz) oder abstrahierte aneinander gereihte Vogelschwingen als umlaufende Bordüre (kush kanat); oft sind es Bilder aus dem kirgisischen Nationalepos Manas.

Da es von jedem Ornament eine Positiv- und eine Negativform gibt, braucht es fundiertes Wissen, um die Kombinationen, die je nach Farbe variieren, korrekt lesen zu können. Tatsächlich lässt sich aber keinem Motiv eine universell gültige Bedeutung zuordnen, da jeder Shyrdak einen intuitive Komponente beinhaltet: Träume und Ziele der jeweiligen Herstellerin fliessen in die Produktion mit ein. Darauf weist auch das kirgisische Wort für «Idee, Ziel, Gedanke» hin, das auch «ein Design zum Ausschneiden entwerfen» bedeutet.

Während die Shyrdaks – «shyrdama» bedeutet «heften, nähen» – im Westen zunehmend bekannter werden, verliert die Tradition in Kirgisistan an Bedeutung. Die jungen Menschen übersiedeln in die Städte, für die Möblierung ihrer Wohnungen ziehen sie industriell hergestellte Ware aus synthetischen Stoffen vor. Seit Ende 2012 ist die Kunst der Shyrdak-Herstellung daher in der UNESCO-Liste des gefährdeten immateriellen Kulturerbes klassifiziert.[1] Filzen ist Frauenarbeit, die Mutter gibt ihr Wissen an die Tochter weiter. Der Shyrdak ist ein traditionelles Hochzeitsgeschenk der Älteren an die Jüngere. Verkauft wurden Shyrdaks früher nicht. Die seit 1991, seit der Unabhängigkeit des Landes, langsam, aber stetig steigende Nachfrage aus Europa sorgt nun aber dafür, dass mehr und mehr Frauen mit der Herstellung der Shyrdaks ihren Lebensunterhalt verdienen können. Denn trotz dem engen Bezug zur halbnomadischen Lebensweise der Kirgisen lassen sich die expressiven Teppiche gut mit europäischen Interieurs kombinieren. Die positiven Eigenschaften des Filzes – kälteisolierend bei geringem Gewicht, schalldämmend und feuchtigkeitsregulierend – tun ein Übriges. Bei guter Pflege besitzt ein Shyrdak eine Lebensdauer von etwa 30 Jahren.

Mit Muskelkraft und Seife

Neben den Shyrdaks nutzen die Kirgisen Filz für eine ganze Palette an Produkten, wie Taschen, Schuhe, Hüte oder Zeltplanen. Die Herstellung hat sich dabei kaum verändert. Nassfilzen ist eine der ältesten Techniken, um Textilien zu produzieren; Überreste von gefilzten Gegenständen können bis ins Jahr 6000 v. Chr. nachgewiesen werden. Auch heute noch wird in Kirgisistan zur Herstellung eines Shyrdaks zunächst die Wolle, hauptsächlich von Schafen, aber auch von Ziegen oder Yaks, gekämmt und durch Ausklopfen mit zwei Holzstäben gereinigt. Für einen grossen Filz benötigt man die Wolle von vier bis fünf Tieren. Die Wolle wird nun in drei Schichten auf einer Bastmatte (chij) ausgelegt. Dann übergiessen die Frauen die Wolle mit kochendem Wasser und Seife. Diese wirkt als alkalische Filzhilfe: Die Haare der Schafe besitzen eine dachziegelartig geschuppte Oberfläche, deren Plättchen aus Keratin sich durch Einwirkung der Seife aufstellen – eine optimale Vorbereitung für das spätere Verzahnen durch Walken.

Nun rollen die Frauen die Bastmatte zusammen, verschnüren sie zu einem Paket und versehen sie mit einem Überzug. Dann lassen sie das Paket etwa eineinhalb Stunden lang von einem Esel durch die Strassen ziehen oder stossen es mehrfach eine Anhöhe hinauf und hinunter – so soll der Filz die richtige Dichte erhalten. In einer zweiten Stufe rollen mehrere Frauen das Filzpaket über den Boden (Abb. oben). Auch in der Schlussphase kommen die Ellbogen zum Einsatz: Nachdem die Bastrolle entschnürt ist, walken die Frauen mit ihnen den Filz noch einmal nach. Durch die mechanische Bearbeitung entsteht ein fester Verbund, wobei das Ge- webe um etwa ein Drittel schrumpft.

Textile Intarsien

Je nach Verwendung erfolgt nun das Färben: Die nicht sichtbare Unterseite der Shyrdaks behält in der Regel die ursprüngliche Farbe der Wolle. Für die dekorativen Ornamente auf der Oberseite kommen traditionell natürliche Färbemittel wie Zwiebel- oder Baumnussschalen zum Einsatz. Diese Naturtöne sind vor allem im Westen beliebt. Die Kirgisen begeistern sich inzwischen für kräftige, bunte Muster aus synthetischen Farben.

Um ein Ornament herzustellen, legt die Handwerkerin zwei gleich grosse, verschiedenfarbige Filzstücke aufeinander. Anschliessend zeichnet sie mit Kreide freihändig die Hälfte oder ein Viertel eines Ornaments und klappt den Filz dann zusammen, sodass die gespiegelte Teilform zu einem Ganzen wird. Diese Arbeit verlangt ein ausgeprägtes räumliches Verständnis – es gilt, nicht nur das geometrische Verhältnis von Form und Randfläche zu beachten, sondern das Gesamtdesign des Teppichs im Auge zu behalten. Frauen, die die Ornamente zeichnen können, werden daher als Meisterinnen (usta) bezeichnet, das Talent dafür gilt als angeboren.

Das Muster wird mit einer Schere, früher oft auch mit einem scharfen Messer, durch die beiden zusammengehefteten Filzlagen hindurch ausgeschnitten. Sowohl das ausgeschnittene Ornament als auch die Negativform werden weiterverwendet, entweder für andere Elemente im selben Shyrdak oder in einem anderen Teppich. Es existiert also von jedem Exemplar ein farblich gespiegeltes Gegenstück, Reste gibt es keine. Im nächsten Schritt werden die Ornamente wie ein textiles Mosaikstück in die farblich kontrastierende Negativform eingelegt und mit einem Doppelzopfstich entlang der Konturen mit einem gesponnenen Faden (shona) vernäht. Farblich assortierte Kordeln (dje’ek) kaschieren die Naht und betonen gleichzeitig die Form des Ornaments. Zum Schluss versteppen die Näherinnen die dekorative Ober- mit der unifarbigen Unterseite. Pro Quadratmeter Teppich benötigen die Frauen zwischen 43 und 67 Arbeitsstunden, je nach Jahreszeit (im Winter mehr, im Sommer weniger) und Farbe der Filze (naturfarbige Filze brauchen weniger Zeit, bunt eingefärbte mehr).

Tradition und Objekt

In der Kultur der Kirgisen spielte die Herstellung der Teppiche einst eine wichtige Rolle, Shyrdaks gehören zu den bedeutendsten Kunstobjekten des Volks. Das Wissen über die Herstellung der Teppiche, ihre künstlerische Vielfalt, die Ornamentik und die damit verbundenen Zeremonien bilden eine Einheit und gaben dem kirgisischen Volk ein Gefühl von Identität und Kontinuität.

Heute hilft das westliche Interesse an den Textilien, dieses Erbe bewusst zu machen. Inzwischen gibt es mehrere Textilkooperativen, die Shyrdaks herstellen. Das Nationalmuseum in der Hauptstadt Bishkek führt zweimal jährlich Shyrdak-Ausstellungen durch. Neben diesen wichtigen kulturellen Funktionen überzeugen Shyrdaks aber vor allem als gute Produkte. Herstellung, Form und Funktion gehen hier eine schlüssige und attraktive Verbindung ein.


Anmerkungen:
[01] Dem Shyrdak verwandt sind die ebenfalls in Zentralasien verbreiteten Ayakiliz-Teppiche, bei denen die Ornamente bereits im ersten Filzdurchgang in den Teppich gelegt werden. Auch sie stehen auf der Liste des bedrohten Kulturerbes.
[02] Label-STEP gehörte bis Ende 2013 zur Max-Havelaar-Stiftung, die ein Gütesiegel für fair gehandelte Produkte vergibt. Seit Anfang 2014 ist die Organisation Teil der Entwicklungsorganisation «Brot für alle». Label-STEP engagiert sich für gute Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen in den Produktionsgebieten von handgefertigten Teppichen.

17. Januar 2014 TEC21

Ein Gigant breitet sich aus

Der Neubau der Messe Basel polarisiert. Architektonische Ideale kollidierten mit städtebaulichen Zwängen, lokale Planungs- und Ausführungsstandards mit den Terminplänen internationaler Aussteller. Vor der wirtschaftlichen Bedeutung der Messe blieb die Arbeitskultur auf der Strecke.

Im Februar 2013 erreichte die Messe Basel ­einen weiteren Meilenstein ihrer knapp hundertjährigen Geschichte: Mit der Eröffnung der neuen Halle 1 von Herzog & de Meuron ist erneut eine Etappe in der Entwicklung des Standorts im Zentrum von Kleinbasel ab­geschlossen. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts finden hier Messen statt, 1917 erstmals die Basler Muster­messe muba. Die internationale Uhren- und Schmuckmesse Baselworld, ehemals integriert in die muba, machte sich Anfang der 1970er-Jahre selbstständig. Begleitet wurde die Expansionspolitik jeweils von Hallenneubauten oder -erweiterungen, beginnend bei der ursprünglichen Halle 1 des Stadtzürcher Baumeisters Hermann Herter (1924–26) bis zur aktuellen Halle 1 von Herzog & de ­Meuron (vgl. Abb. S. 72 und S. 73, oben).

Die zunehmende Bedeutung der Baselworld und die Entstehung von konkurrenzierenden Messeplätzen, vorwiegend in Asien, machten gemäss der Betreiberfirma MCH Group einen Neubau nötig. Das börsenkotierte Unternehmen befindet sich zu 49 % im Besitz der Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Zürich sowie der Stadt Zürich. Um im internationalen Wettbewerb der Aussteller für Luxusmarken mithalten zu können, galt es, mehr und vor allem hochwertigere Ausstellungsflächen zur Verfügung zu stellen. 2004 vergab die Bauherrschaft das Projekt als Direktauftrag an Herzog & de Meuron – man wünschte sich von dem lokalen Büro mit dem globalen Anspruch «einen Bau mit Ausstrahlungskraft».

Ein liegender Riese

Die Architekten entwarfen einen 230 × 106 m grossen dreistöckigen Riegel entlang des Riehenrings, der nordseitig an die bestehende Halle von Theo Hotz (Halle 1, 1998–1999; vgl. Abb. S. 72) andockt. Der Begriff «dreistöckig» führt hier allerdings in die Irre – die Geschosse sind zwischen 8 m und 10 m hoch. Weichen mussten dem ­Neubau der historische Kopfbau der Halle (1924–1926, Hermann Herter) und die ehemalige Halle 3 («Rosentalhalle») der Architekten Suter & Suter auf dem Südteil des Areals. Im Innern entstand so im 1. Obergeschoss eine durchgehende Messehalle mit einer Länge von über 400 m. Die einzelnen Ebenen sind – ähnlich wie beim SBB-Stellwerk der gleichen Architekten (1994 –1998) – leicht gegeneinander verschoben. Eine Fassade aus ­gewellten Aluminiumbändern umschliesst den Bau komplett und kaschiert mangels architektonischer ­Referenzgrössen wie Fenstern oder Geländern die Dimensionen des Volumens. Im Herbst 2008 wurde das Projekt aufgrund zu hoher Kosten überarbeitet und dabei auf 217 × 90 × 32 m redimensioniert, als Totalunternehmerin kam die HSR Real Estate AG mit an Bord.

Erschlossen wird der neue Hallenkomplex heute beim Messeplatz durch die Foyers Nord und Süd.

Die beiden Obergeschosse der neuen Halle überbrücken den Platz, auf dem nach wie vor die Trams Richtung Riehen und Badischer Bahnhof verkehren. Eine zentral an­geordnete kreisförmige Öffnung bringt Tageslicht in den in «City Lounge» umbenannten Platz. Die neue ­Halle 1 ist über Passerellen mit den Hallen 2, 3 und 4 sowie mit dem Kongresszentrum verbunden.

Das 430 Millionen Franken teure Gebäude wurde von Juni 2010 bis Februar 2013 in drei Phasen erstellt, unterbrochen jeweils durch mehrmonatige Pausen während der Messen Swissbau und Baselworld. Die kurze Bauzeit – der Bau sollte rechtzeitig zur Baselworld im April 2013 fertiggestellt sein – und der hohe Grad an Handarbeit (vgl. «Haute Couture», S. 82, und «Ein­geschriebenes Tragwerk», S. 84) schlugen sich in vielen Sonderlösungen (vgl. «Luxus brennt anders», S. 90, und Kasten «Gebäudetechnik», S. 72) und in teils prekären Arbeitsbedingungen nieder. 22 Monate lang arbeiteten im Dreischichtbetrieb täglich bis zu 1300 Arbeiter auf der Baustelle. Im August 2012 machte die Basler Zeitung «TagesWoche» Fälle von Lohndumping, Subunternehmerketten und nicht bezahlten Löhnen publik. Nachdem sich sowohl die Messe als auch die Regierung von Basel-Stadt als Hauptaktionärin des Unternehmens ­zunächst als nicht zuständig erklärten, übernahmen Bauherrschaft und Totalunternehmung im Dezember 2012 die Aussenstände. Ende April 2013 konnte die ­Baselworld als erste Messe im Neubau pünktlich stattfinden.

Ausstellungskiste mit Tarnkappe

Bereits zu Beginn der Planungen wurde das Projekt kontrovers beurteilt: Zum einen betraf die Kritik das Volumen des Baukörpers im ansonsten eher kleinteiligen Quartier, zum anderen die städtebauliche Setzung und den Umgang mit dem öffentlichen Raum. Auch die Direktvergabe an das Büro Herzog & de Meuron und der Verzicht auf einen Studienwettbewerb wurden bemängelt. Tatsächlich sind der Bau und seine Geschichte weit ­vielschichtiger, als diese knappe Auslegeordnung vermuten lässt.

In architektonischer Hinsicht kann Entwarnung gegeben werden. Vor allem die lebendig wirkende Aluminiumfassade und die Verschiebung der drei Geschosse gegeneinander lassen den Koloss erstaunlich leicht wirken, fast scheint er auf dem Glassockel des Erdgeschosses zu schweben (vgl. «Virtuos und unverträglich», S. 76). Sowohl Fassade als auch Tragwerk suggerieren ein Idealbild: Die vielen Einzelteile der ­futuristischen Fassade sind zwar am Computer geplant, aber in Handarbeit hergestellt und montiert worden.

Und das Tragwerk baut eigentlich auf einem Quader auf, um den herum die formgebende Konstruktion erstellt ist (vgl. «Haute Couture», S. 82, und «Eingeschriebenes Tragwerk», S. 84).

Städtebaulich ist die Sache weniger klar: Darf ein öffentlicher Platz von einem privaten Unternehmen überbaut werden? Immerhin bildet der Messeplatz einen Knotenpunkt im öffentlichen Verkehr zwischen Grossbasel auf der linken Uferseite und Kleinbasel, der Gemeinde Riehen und dem Badischen Bahnhof auf der rechten. Zwar deutet die neue Bezeichnung «City ­Lounge» – ob gelungen oder nicht – die Hoffnung an, den Platz auch ausserhalb der Messezeiten zu beleben. Auch die Architekten hegen diesen Wunsch (vgl. Kasten unten). Tatsache ist aber, dass der Neubau die Sichtachse entlang der Clarastrasse durch eine Wand aus Aluminium unterbricht und das Gebiet in ein Basel vor und eines hinter der Messe teilt.

Eine städtebauliche Projektstudie hätte hier womöglich Klärung gebracht – vor allem angesichts der Tatsache, dass die Messe nun doch den Abriss und die Neuüberbauung des muba-Parkings plant. Das Parking soll ins UG verschoben werden, oberirdisch sind Wohnungen und ein Hotel angedacht. Pikant: Im Vorfeld der Planungen für die jetzige Halle 1 stand der Abriss des Parkings inklusive eines Ersatzbaus entlang der Riehenstrasse als stadtverträgliche Alternative zum heutigen Neubau bereits zur Debatte. Damals wehrte sich die MCH Group aus Kostengründen vehement gegen dieses Ansinnen. Fünf Jahre später, nach Fertigstellung des Prestigebaus der Halle 1, beauftragte sie die drei Basler Büros Herzog & de Meuron, Buchner Bründler und Morger   Dettli mit der Testplanung. Bis zum Sommer 2013 sollten Ergebnisse vorliegen, bisher drang allerdings noch kein Entscheid an die Öffentlichkeit.

Was bringt die Messe der Stadt?

Die Entwicklung des Standorts ist noch nicht abgeschlossen. Daher stellt sich weniger die Frage nach der Qualität der Architektur als die nach dem Grund dieser Funktion an diesem Ort: Ergibt ein Messeplatz von dieser Grösse überhaupt Sinn mitten in einer Stadt?

Den Grundsatzentscheid dazu fällten die Baslerinnen und Basler bereits 1993, als sie die Verlegung der Hallen an den Flughafen ablehnten. Auch beim konkreten Projekt, das 2008 zur Abstimmung kam, stimmten rund zwei Drittel der Stimm­bürger für einen Ausbau – verständlich, führt man sich die Wertschöpfung der Messe, die für das Baselbiet mit jährlich 210 Millionen Franken beziffert wird, die über 70 Millionen Franken an Steuereinnahmen für die beiden Basler Kantone und die mit der Messe verknüpften 2500 Arbeitsplätze vor Augen.

Angesichts dieser Bedeutung sollte bei der Planung keine Salamitaktik zum Zug kommen. Stattdessen müsste eine sorgfältige Entwicklung nicht nur möglich, sondern selbstverständlich sein. Dazu kommt, dass die «Messe in der Stadt» von Stadt und Unternehmen aktiv vermarktet und als Alleinstellungsmerkmal gefördert wird. Umso mehr müsste den Beteiligten daran gelegen sein, dass das benachbarte Quartier mit seinen städtischen Qualitäten erhalten bleibt und nicht irgendwann die «Messe in einem Rest von Stadt» steht.

27. September 2013 mit Claudia Carle
TEC21

«Hauptziel ist das Wohlbefinden der Bewohner»

Vor fast 40 Jahren schlossen sich in der Schweiz die ersten Baubiologen zu einem Verband zusammen, der mittlerweile 800 Mitglieder hat. Trotzdem wird bis heute nur ein Bruchteil aller Neu- und Umbauten nach baubiologischen Grundsätzen ausgeführt. Im Gespräch mit TEC21 orten drei Baubiologen unterschiedlicher Generationen unter anderem mangelndes Wissen über baubiologisches Bauen bei Architekten und Bauherrschaften als eine Ursache dafür. Sie erläutern, was man durch das Beiziehen eines Baubiologen gewinnt und welche Funktion er im Bauprozess wahrnehmen kann.

TEC21: Wann werden Sie als Baubiologen in der Regel zu einem Projekt beigezogen?

Bosco Büeler (B. B.): Das ist sehr unterschiedlich. Die Bandbreite reicht von kurzen Beratungen, in denen Bauherren spezifische Fragen stellen, über eine Basisberatung zu Beginn der Planung bis hin zur Begleitung oder Planung des ganzen Projekts. Letzteres ist natürlich am umfassendsten und daher am schönsten. Neben Bauherrschaften beraten wir auch Architekten.

TEC21: Haben Baubiologen dann die Rolle eines weiteren Fachplaners?

Jörg Watter (J. W.): Baubiologen sind nach meinem Verständnis «Gesamtbetrachter», die Aspekte aus verschiedenen Fachrichtungen zu einem neuen, nachhaltigen Ganzen zusammenführen. Bei der Materialwahl können sie z. B. abschätzen, wie diese den Feuchtehaushalt, die Wärmespeicherung oder den Geruch beeinflusst, oder sie beraten bezüglich elektrobiologischer Aspekte. Das Problem der verschiedenen Fachplaner ist häufig, dass sie in ihrem Bereich zwar sehr gut sind, aber kaum disziplinenübergreifend zusammenarbeiten können, weil sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Diese unterschiedlichen Werke zu einem zusammenzufügen und zu gewichten ist eine Qualität der Baubiologen. Das Hauptziel dabei ist das Wohlbefinden der Bewohner oder Nutzerinnen.

TEC21: Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein Bauvorhaben von Anfang an begleiten?

J. W.: Das beginnt bei der Analyse des Grundstücks. Mit Hilfe von Sonnendiagrammen schaue ich zum Beispiel, wie man mit dem Gebäude passiv möglichst viel Sonnenenergie ernten kann bzw. wie man allenfalls Photovoltaik- oder Solarthermiemodule platzieren müsste. Natürlich schaue ich das Grundstück auch hinsichtlich der Wasseradern oder Erdverwerfungen1 an.

B. B.: Wenn ich mit Menschen zu tun habe, die das für Humbug halten, kann ich das auch problemlos akzeptieren. Dann lasse ich diese Untersuchungen einfach weg. Ich habe aber das Gefühl, dass die Leute in den vergangenen Jahren offener geworden sind gegenüber diesen Aspekten. Nathalie Frey (N. F.): Das hängt auch mit der eigenen Vorstellung vom Menschen zusammen: ob man nur an das glaubt, was man messen kann, oder daran, dass der Mensch grundsätzlich ein sensibleres Messgerät ist als alle technischen Instrumente.

TEC21: Welche Aspekte sind beim Gebäude selbst aus baubiologischer Sicht wichtig?

J. W.: In der Projektentwicklung beginne ich im Innern bei den Oberflächen, frage die Bauherrschaft, was sie in den verschiedenen Räumen am Boden bzw. an den Wänden und Decken spüren und sehen möchte. Meine Aufgabe ist es dann, die dahinterliegende Konstruktion mit den passenden Materialaufbauten zu entwickeln. Als Baubiologen arbeiten wir vorwiegend mit natürlichen, schadstofffreien und umweltfreundlichen Materialien.

N. F.: Unser Ziel ist, dass alle Sinne vom Raum genährt werden. Ob ich mich in einem Raum wohlfühle, hängt nicht nur mit der Form des Raums zusammen, sondern eben auch mit der Materialität, der Oberflächenstruktur, der Farbe, dem Lichteinfall, der Akustik und dem Raumklima. Ein weiterer Aspekt sind Störfaktoren wie Elektrosmog, die wir weitestgehend zu verhindern, zu reduzieren oder abzuschirmen versuchen (vgl. «Wohnraum für Umweltkranke» S. 25).

TEC21: Sie sprachen den Einsatz möglichst schadstofffreier Materialien an. Was bedeutet das bei einem Umbau? Welche Beurteilungskriterien ziehen Sie dafür heran?

J. W.: Bestehende Bauten werden mit Messungen vor Ort sorgfältig auf allfällige Schadstoffe überprüft und vorhandene Materialien bei Verdacht im Labor analysiert. So kann entschieden werden, was rückgebaut oder ersetzt werden muss.

TEC21: Welche Beurteilungskriterien ziehen Sie dafür heran?

J. W.: Das Problem ist, dass es für Wohnräume – anders als für den Bürobereich – nur wenige gesetzlich festgelegte Schadstoffgrenzwerte gibt, deren Einhaltung man einfordern könnte.

B. B.: Das Umweltschutzgesetz in der Schweiz geht nur bis zur Haustürschwelle. Eine entsprechende Ergänzung beim Chemikaliengesetz lag im Jahr 2000 auf dem Tisch, ist aber vom Parlament abgelehnt worden. Wir arbeiten daher mit den wissenschaftlich anerkannten Richtwerten des Standards baubiologischer Messtechnik SBM.2 Das sind hauptsächlich Erfahrungswerte aus Tausenden von Untersuchungen, aus denen man schliessen kann, ab welchen Werten bei den Bewohnern gesundheitliche Probleme auftreten können. Wobei eigentlich immer eine Kombination verschiedener Faktoren die Probleme verursacht – Schadstoffe, Elektrosmog, eine falsche Raumgestaltung und vielleicht noch persönliche Probleme. Und dann redet man manchmal über den letzten Tropfen, der das Glas zum Überlaufen bringt, und ist nicht bereit, auch über den Rest, der das Glas gefüllt hat, zu reden.

J. W.: Mit den Leuten, die auf Substanzen im Gebäude mit gesundheitlichen Beschwerden reagieren, haben vor allem die Messtechniker in unserem Verein zu tun. In meinem beruflichen Alltag als Architekt steht das nicht so im Vordergrund. Da geht es um die gesamte Nachhaltigkeitskette, zu der wir wertvolle Beiträge liefern können, beispielsweise durch den Einsatz lokaler Materialien mit niedriger grauer Energie, die Förderung der lokalen Wirtschaft oder auch soziale Aspekte. Häufig würde eine kurze Beratung durch einen Baubiologen genügen, um auf mögliche Probleme hinzuweisen. Ich verstehe nicht, warum bei Architekten so eine Hemmschwelle besteht, einen Baubiologen beizuziehen. Ebenso fehlt auch bei vielen Nutzern noch das Bewusstsein, dass nicht nur die Ernährung für unsere Gesundheit wichtig ist, sondern auch der Ort, wo wir leben. Sie könnten einfach mal einen Baubiologen fragen, wenn sie ein gesundheitliches Problem haben.

TEC21: Würden Sie sich wünschen, dass die Baubiologie in der Architekturausbildung verstärkt behandelt wird, um diese Hemmschwelle abzubauen?

J. W.: Das ist für mich zwingend. Ich bin Dozent an der Fachhochschule Chur und führe dort jetzt zum zweiten Mal die Weiterbildung Baubiologie durch. Ich stelle zu Beginn jeweils ein grosses Wissensdefizit fest, dann aber Begeisterung, wenn die Studierenden sehen, dass Baubiologie mehr ist als ein bisschen Pendeln. Ich hoffe natürlich, dass Chur nicht die einzige Schweizer Fachhochschule bleibt, die das Thema ernst nimmt. Wir sind auch daran, mit verschiedenen Fachverbänden Gespräche zu führen, damit das Thema Baubiologie in die Ausbildung von Handwerkern aufgenommen wird.

TEC21: Hat der Planer als Generalist und als derjenige, der alle Fachplaner zusammenhält, vielleicht auch deshalb Mühe damit, einen Baubiologen beizuziehen, weil dann jemand in alle Bereiche reinredet?

B. B.: Das mag sein. Darum ist es auch sehr wichtig, dass man eine gewisse Offenheit hat und nicht belehren will.

N. F.: Man muss ja auch nicht kompromisslos baubiologisch bauen, sondern kann Schwerpunkte setzen. Wir müssen offen sein, das Ganze nicht zu fundamental zu betreiben.

B. B.: Der Dogmatismus, den du ansprichst, Nathalie, hat uns in den ersten Jahren ganz viel Goodwill kaputt gemacht. Die jüngere Generation der Baubiologen aber bringt diesen Pragmatismus mit.

TEC21: Der Minergie-Eco-Standard enthält einige baubiologische Aspekte. Müssen baubiologische Kriterien noch stärker in solche Standards einfliessen?

J. W.: Ich bin sehr froh, dass es Minergie-Eco gibt. Das ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung, aber man könnte Minergie-Eco noch weiterentwickeln. Eine Gefahr bei Minergie sehe ich, wenn diese Vorgaben ins Baugesetz aufgenommen werden. Lüftungsanlagen sind toll, wenn ich an einer lauten Strasse wohne, aber sie sind nicht an jedem Ort der richtige Weg.

B. B.: Man darf das Ziel – eine gute Luftqualität im Innenraum – nicht mit den Massnahmen zur Erreichung dieses Ziels verwechseln. Letztere müssen frei wählbar bleiben.

TEC21: Verteuert eine baubiologische Umsetzung ein Projekt?

B. B.: Nach meiner Erfahrung muss man bei einem Kleinbau mit ca. 5 % Mehrkosten rechnen.

J. W.: Da spielen zwei Aspekte eine Rolle. Vom Quadratmeterpreis her ist ein Naturbaustoff um 5 bis 10 % teurer als ein petrochemisches Produkt, wobei sich die Preise heute zum Teil immer mehr annähern. Vom Montageaufwand her gibt es praktisch keinen Unterschied.

B. B.: Das ist auch eine Frage der Menge. Bei einem Grossprojekt, das ich begleite, war der Kork dank der grossen Menge am Schluss günstiger als die aus baubiologischer Sicht nicht empfehlenswerte Steinwolle.

J. W.: Der zweite Aspekt ist die Betrachtung des gesamten Lebenszyklus, wo Themen wie graue Energie oder Renovierbarkeit ins Spiel kommen und baubiologisches Bauen besser abschneidet. Einen Massivholzboden kann ich nach 20 Jahren schleifen und wieder ölen, dann sieht der wieder perfekt aus. Laminat reisse ich nach 10 bis 15 Jahren raus.

TEC21: Welchen Anteil hat baubiologisches Bauen derzeit nach Ihrer Einschätzung?

J. W.: Ich schätze, wir sind bei 1 bis 2 %. Davon ist der grösste Teil Einfamilienhäuser oder Wohnungen (vgl. Abb. 01). Bei grösseren Gebäuden stellen wir aber seit Neuestem einen Anstieg der Nachfrage fest. Auch die öffentliche Hand greift vermehrt auf Baubiologen zurück, zum Beispiel bei Schulhausbauten (vgl. Abb. 03 – 05).

TEC21: Wo sehen Sie die künftigen Arbeitsschwerpunkte Ihres Verbands?

J. W.: Als ich vor fünf Jahren das Präsidium übernahm, hatten wir keine professionellen Strukturen. Mittlerweile haben wir immerhin die Fachstelle. Wir werden unsere Angebote weiter ausbauen, mit Verbänden zusammenarbeiten und die Qualität der Ausbildung stetig verbessern. Mir geht es darum, die Begeisterung für die Baubiologie nach aussen zu tragen und die Qualität baubiologischen Bauens zu zeigen. Wenn die Leute in den Raum kommen und sagen: «Da fühle ich mich wohl», ist das für mich ein grösseres Kompliment als jedes Label.

28. Februar 2013 deutsche bauzeitung

Zeitgemässer Bäderwechsel

Hamam im Volkshaus in Zürich (CH)

Ein Bad im Wandel: Nach 100 Jahren als Wannen- und Duschbad für die einfachen Leute des Quartiers, eröffnete 2012 die zum Hamam umgebaute Bäderabteilung des Volkshauses in Zürich. Die neue Gestaltung vereint Unverwechselbarkeit mit einer dem Ort angemessenen Robustheit.

1906 fand in Zürich eine Volksabstimmung statt: Zur Debatte stand neben dem Bau des Kunsthauses am reichen Zürichberg auch die Realisierung eines Volkshauses im Arbeiterviertel Aussersihl. Die Vorlage wurde angenommen, die Einweihung des Volkshauses erfolgte am 18. Dezember 1910. Der Bau von Johann Rudolf Streiff und Gottfried Schindler im Schweizer-Heimatschutz-Stil bündelte eine Reihe von Funktionen: ein alkoholfreies Restaurant, Bibliotheken, Büros, Veranstaltungssäle und eine öffentliche Bäderabteilung.

Bei den Bewohnern des Quartiers war das Volkshaus v. a. wegen des Bads im UG beliebt, da zu dieser Zeit kaum eine Wohnung des Viertels mit fließend Wasser ausgestattet war. Mit dem Bau konnte das wöchentliche Bad nun in einer der 29 Badewannen oder der 20 Duschen vorgenommen werden – strikt nach Geschlechtern getrennt und zu moderaten Preisen. Mit durchschnittlich 450 Besuchern pro Tag lief der Betrieb anfänglich so gut, dass sich damit die übrigen Aktivitäten des Volkshauses quersubventionieren ließen.

Mit der Ausstattung der Wohnungen mit Nasszellen begann der Niedergang der Bäderabteilung. In den 60er Jahren betrugen die Besucherzahlen nur noch ein Drittel der Anfangszeit, sodass 1968 der Teilumbau zur finnischen Sauna erfolgte.

Mit dem 2001 vom Züricher Stadtrat bewilligten Programm zur Aufwertung Aussersihls veränderte sich die Bevölkerungsstruktur: Statt Gastarbeitern und Rotlichtmilieu zogen Studenten und junge Familien in das Viertel. 2008 wurde das Restaurant im denkmalgeschützten Volkshaus umgebaut und auch für die Bäderabteilung fand sich eine Lösung: Der Züricher Architekt Tobias Rihs, Betreiber des Seebads Enge am Zürichsee, mietete sich 2010 im UG ein und ließ es zu einem türkischen Dampfbad umbauen – einem der ersten der Stadt.

Spielerisch und erdenschwer

Den rund 3,5 Mio. CHF (ca. 2,8 Mio. Euro) teuren Umbau realisierte das Züricher Büro Felder Architektur. Es schuf die zeitgemäße Interpretation eines klassisch türkischen Dampfbads. Dieser Badetyp – als Weiterentwicklung des im Byzantinischen Reich verbreiteten griechisch-römischen Bads – ist für die Ganzkörperreinigung gedacht, bedient sich jedoch keiner Badebecken, sondern Dampfkammern und fließenden Wassers – bedingt durch den in der Region herrschenden Wassermangel.

Über die bestehende Erschließung innerhalb des Volkshauses führt der Weg in das 450 m² große Bad zur Eingangszone mit Kasse. In der angrenzenden Garderobe entledigen sich die Besucher ihrer Kleidung und wickeln sich in ein Leinentuch, das Pestemal, das nur für die eigentliche Reinigung kurz abgenommen wird. Der weiterführende Raum erschließt zwei Behandlungsräume für Beauty-Anwendungen, den Ruhebereich und den Nassbereich. In ihm empfängt die Besucher zunächst ein Trinkbrunnen, dann öffnet sich der zentrale Raum mit einem amorphen 7,5 x 3 m großen kniehohen beheizten Podest in der Mitte. Um diesen »Nabelstein« sind das Dampfbad (zur Öffnung der Poren) sowie Nischen mit Waschstellen (für Peelings) und Liegen (für Massagen) angeordnet.

Ein Spiel zwischen Intimität und Öffentlichkeit inszenieren die an Maschrabiyya (dekorative arabische Holzgitter) erinnernden Beton-Gitterwerke, die die Reinigungsnischen vom Hauptraum abschirmen. Wie Schleier aus Beton zeigen und verstecken die Elemente gleichzeitig, was sich in ihrem Schutz abspielt. Die Massivität des Materials – geschliffen wie bei Brunnen und Nabelstein oder roh wie bei den Elementen der Gitter – passt in die unterirdischen Räume, ihre Robustheit erinnert an den Massenbetrieb der ehemaligen Bäderabteilung. Gleichzeitig lässt sie eine edle Form des Alterns zu: Die Oberflächen zeigen Spuren, keine Mängel.

Die Setzung der bis zu 2,25 m langen Gitterelemente erinnert an einen Blockbau: Die wogenden Wellenberge und -täler bestehen aus 250 Einzelteilen aus über 90 verschiedenen Typen. Verbunden sind die einzelnen Schichten mit Montagekleber. Holzregale, auf denen kleine Gegenstände abgelegt werden können, sind zwischen den Betonelementen durchgeschoben und von hinten verkeilt. Für Licht im Hauptraum sorgen überraschend formschöne Leuchten aus dem Untertagebau, die einen zusammen mit Schläuchen und Hebeln von Duschen und Armaturen im Bauch eines Schiffs wähnen lassen.

Die sorgfältige Gestaltung der Installationen und Becken offenbart die Freude der Architekten am Umgang mit dem Thema Wasser: Alle Wasserleitungen sind offen verlegt, die Armaturen stammen teils aus dem Gartenbau. Mischbatterien gibt es keine, stattdessen wird die Herstellung der passenden Wassertemperatur zur manuellen Fertigkeit. Waschbecken aus Keramik bedienen den Spieltrieb: So fließt das über einen Kippstöpsel abgelassene Wasser durch ein Rohr in der beheizten Sitzbank und, statt spurlos zu verschwinden, ergießt es sich zu Füßen des Besuchers.

Eine finnische Sauna mit Tauchbecken ergänzt die Nutzungen des Nassbereichs – eine Reverenz an die Vergangenheit und ein Zugeständnis an die Rentabilität. Nach einer Pause auf dem Nabelstein wechseln die Besucher in den Ruhebereich, um den Kreislauf mittels Getränken und kleinen Mahlzeiten wieder in Schwung zu bringen. Während im Nassbereich mineralische Materialien vorherrschen, zeichnen sich Behandlungsräume und Ruhezonen durch wertige Holzeinbauten aus. Die wie Perlmutt schimmernde Sisaltapete im Bereich der Ruheliegen reflektiert das Licht; dimmbare Leseleuchten laden zum stundenlangen Verweilen ein.

Die im gesamten Bad platzierte Kunst, darunter eine Wandmalerei von Eric Schumacher und eine Plattenarbeit von Noël Fischer, sorgt dafür, dass neben dem Leib auch Auge und Geist belebt werden.

Feuchtigkeit innen und aussen

Um den neuen Grundriss unterzubringen, bedurfte es keinerlei Eingriffe am bestehenden Tragwerk. Der Einbau der Gebäudetechnik hingegen war aufwendig: Das marode Entwässerungssystem wurde ersetzt und das Hamam mit einer neuen Lüftung ausgestattet. Heizungs-, Elektro- und Sanitärinstallationen konnten dagegen an die bestehenden Leitungen des Volkshauses angedockt werden. Eine 12 cm Innendämmung aus Schaumglas verhindert, dass Feuchtigkeit aus dem Erdreich ins Gebäude dringt – Messungen ergaben, dass nicht etwa die Feuchtigkeit im Innern zum Problem für die bis zu 1 m dicken Mauern aus Stampfbeton werden könnte, sondern eindringendes Grundwasser. Zudem wird die Luftfeuchtigkeit von 45 % kontinuierlich überwacht, um die originale Rippendecke mit ihrer minimalen Betonüberdeckung nicht zu gefährden.

100 Jahre nach Eröffnung des Volkshauses sind auch in Zürich Aussersihl die Arbeiter den Szenegängern gewichen – statt 20 Minuten Duschen ist heute stundenlanges Schwitzen gefragt. Die Architekten reagierten mit einer Gestaltung, die zum Ort und seiner Geschichte passt und dem Bad ein unverwechselbares Gesicht gibt: Die Raumaufteilung orientiert sich an der eines traditionellen Hamams, die Materialien sind robust und in ihrer Ausführung gleichzeitig edel, die Details oft überraschend. Ob dem Hamam eine ähnliche Entwicklung bevorsteht wie der Bäderabteilung? 15 Monate nach seiner Eröffnung läuft der Betrieb gut. Und auch, wenn das Bad heute von deutlich weniger Menschen frequentiert wird als die Bäderabteilung von 1910, dürfte die Anpassung des Eintrittspreises doch für vergleichbaren Umsatz sorgen.

11. Januar 2013 TEC21

Maritimes Firmament

2007 beauftragten die Vereinten Nationen Spanien mit dem Umbau des Plenarsaals XX im Palais des Nations in Genf. Neben den architektonischen und technischen Neuerungen gehörte zum Bauprojekt auch ein Kunstwerk, den Auftrag dafür erhielt der mallorquinische Künstler Miquel Barceló. Er schuf ein dreidimensionales Deckengemälde in der Kuppel des Saals, dessen universell verständliche Motive eine maritime Höhle evozieren. Die Symbolik der Höhle als Versammlungsort und des Ozeans als sich kontinuierlich wandelndes Element bildet mit der von Barceló angewandten Technik des Farbauftrags eine formale Einheit: Er nutzte die Schwerkraft, um die Farbe in den Saal hineinwachsen zu lassen.

Der Palais des Nations in Genf ist nach dem Hauptquartier in New York der zweitwichtigste Sitz der Vereinten Nationen. Die Inneneinrichtung und die Kunstwerke sind zu einem grossen Teil von den Mitgliedsländern gespendet. Dabei übernimmt jeweils eine Nation für einen Raum eine Art Patenschaft und ist in der Folge für dessen Ausstattung zuständig. Während das Gebäude mit seiner neoklassizistischen Fassade von aussen streng und schlicht wirkt (zur Baugeschichte vgl. Kasten S. 18), spiegelt das Innere die Vielfalt der aktuell 193 Mitgliedsländer wider.

Bei einem Besuch des spanischen Königspaars im Jahr 2005 entstand die Idee, die Kuppel des 1200 m² grossen Plenarsaals XX (die Konferenzsäle sind durchnummeriert) im Gebäudeteil E, in dem dreimal jährlich der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen tagt[1], mit einem Kunstwerk aufzuwerten. Das von italienischen Sportwagen inspirierte Mobiliar des auch als «Salle Suisse» bekannten Raums – der Name geht auf eine 4-Millionen-Franken-Spende der Eidgenossenschaft von 1970 zurück – stammte von der französischen Architektin Charlotte Perriand und entsprach dem damaligen Standard der New Yorker Konferenzsäle. Während die Planungen für das Kunstwerk vorangingen, entschlossen sich die Vereinten Nationen, den Saal zusätzlich einer Totalrenovierung zu unterziehen. Den Auftrag für die Erneuerung von technischer Ausstattung, Klimatisierung und Innenaustattung erhielt 2007 mit Bouquin Stencek jenes Genfer Ingenieurbüro, das bereits für die Erstellung des Gebäudes Anfang der 1970er-Jahre zuständig gewesen war. Für die Architektur zeichnetet das Architekturbüro Spitsas & Zanghi aus Carouge sowie der Mallorquiner Architekt Antoní Esteva verantwortlich. Für das Kunstwerk hielt die als Bauherrschaft fungierende Stiftung ONUART einen eingeladenen Wettbewerb unter vier spanischen Künstlern ab.

Kunst mit Witz und Lebensfreude

Den Wettbewerb konnte Miquel Barceló (Kasten S. 18) für sich entscheiden. Barceló hat einen ursprünglichen Zugang zur Kunst, seine Werke zeichnen sich durch eine Vorliebe für die Elemente Wasser, Feuer und Erde und durch die Verwendung von Naturmotiven wie Pflanzen, Wellen oder Höhlen aus. Er arbeitet oft mit Keramik und natürlichen Pigmenten und schafft Gemälde, Skulpturen und räumliche Interventionen. Im März 2007, zur gleichen Zeit, als Barceló mit der Gestaltung des Saals beauftragt wurde, wurde eines seiner kontroversesten Werke eingeweiht, eine 300 m² grosse, in einer Mischtechnik aus Keramik und Malerei realisierte Arbeit in der Kathedrale von Palma de Mallorca. Sie stellt die biblische Geschichte der Speisung der Fünftausend auf der Hochzeit zu Kana dar und löste wegen der sinnlichen, überschäumenden Darstellung von Fischen, Amphoren, Gischt, Brotlaiben und Schädeln und der Auftragserteilung an den Atheisten Barceló sowohl Begeisterung als auch Empörung aus.

Universelles Palaver

Auch bei der Gestaltung des Plenarsaals arbeitete Barceló mit Motiven aus der Natur: Für den Raum, «vergleichbar mit dem Inneren einer Muschel, aber so gross wie eine Stierkampfarena»[2], entwarf er in der Kuppel ein Deckenrelief in Form einer maritimen Höhle. Barceló versteht die Höhle als Ort der Versammlung, als Sinnbild für die Agora oder den grossen afrikanischen Affenbrotbaum, unter dem man sich zum Palaver trifft. Sie steht für den Dialog der verschiedenen Kulturen, mit Bildern, die allen Kulturen vertraut sind – Stalaktiten, Brandungswellen, Gischt und weisse Schaumkronen. Den Plan, die raumüberspannende Kuppel als Ort für eine künstlerische Intervention zu nutzen, fasste bereits Anfang der 1970er-Jahre beim Bau des Saals der russisch-französische Maler Marc Chagall (1887–1985). Wegen der schleppenden Projektierung und des fortgeschrittenen Alters des Künstlers – er war damals schon 86-jährig – gelangte er aber nie zur Realisierung.

Die Idee für den Ozean aus Farben sei ihm in der Wüste gekommen, erklärte Barceló bei der Eröffnung des Saals im November 2008: «Es war an einem heissen Tag, mitten in der Sahelwüste. Ich erinnere mich lebhaft an eine Fata Morgana: das Bild einer Welt, die dem Himmel entgegentropft.»[3] Dieses Motiv passt gut zu zwei für den Künstler typischen Techniken: Er nutzt die Schwerkraft als Maltechnik und arbeitet mit Volumen an der Schnittstelle zwischen Malerei und Skulptur.

Gegen die Schwerkraft anmalen

Die Umsetzung begann im Mai 2007. Nachdem die Innenausstattung des Saals entfernt war, liefen die Vorbereitungsarbeiten am Tragwerk an. Da die ursprüngliche Deckenkonstruktion Kuppel (Durchmesser 37 m) die Lasten des Kunstwerks nicht tragen konnte, entfernten die Arbeiter zunächst die bestehende Decke, verstärkten die Kuppel mit einer Stahlkonstruktion und erstellten eine neue Decke aus 737 hochfesten Aluminiumwabenkernplatten, die auch im Flugzeugbau eingesetzt werden. Anschliessend bauten sie eine Plattform unter der Kuppel, die es dem Künstler und seiner 16- bis 21-köpfigen Equipe – Restauratoren und Kunststudenten aus Kolumbien, Spanien, Frankreich und der Schweiz unter der Leitung von Eudald Guillamet, einem Experten für die Restauration von Höhlenmalereien – erlaubten, näher an der Kuppel zu arbeiten. Im September 2007 startete die Arbeit am eigentlichen Werk. Dafür wurde die Unterkonstruktion zunächst mit einer Polyamidfolie ausgekleidet, auf die in zwei Schichten eine weisse Grundierung aufgetragen wurde – die «Leinwand für das Gemälde» (Abb. 03). Dann begannen die Arbeiten an den Wellen, den Höhlenformen und den Stalaktiten. Für die Wellen und Höhlen konnten die gleichen Platten wie für die Unterkonstruktion verwendet werden. Bei den Stalaktiten war es schwieriger: Um das Material mit der optimalen Konsistenz zu finden, arbeitete Barceló mit mehreren Materiallabors zusammen. Es dauerte bis Februar 2008, bis die richtige Epoxidharzmischung gefunden war, um Stalaktiten in verschiedenen Grössen formen zu können. Die Mischung enthielt neben Epoxidharz verschiedene Mikrosilikate und Polyäthylenfasern. Insgesamt brachten die Arbeiter rund 6000 kg an Material – verformte Aluminiumwabenkernplatten für die Höhlen und Wellen, Epoxidharz für die Stalaktiten – an der Decke an. Aus Sicherheitsgründen verschraubten sie die grösseren der ausgehärteten Stalaktiten zusätzlich mit der Unterkonstruktion.

Etwa gleichzeitig wurde bekannt, dass Spanien zur Finanzierung des 6.5 Millionen Euro teuren Kunstwerks rund 500 000 Euro aus seinem Entwicklungshilfefonds zweckentfremdet hatte. Wegen der Probleme mit dem Material und der kontroversen Finanzierung stand das Projekt mehrfach kurz vor dem Scheitern.

Material und Farben aus der ganzen Welt

Die Stalaktiten wurden hauptsächlich von Hand geformt, es kamen aber auch unkonventionelle Werkzeuge wie ein Gasdruckmarkierer aus dem Paintball-Sport zum Einsatz, mit dem der Künstler Portionen von Epoxidharz an die Decke schoss, die sich durch die Schwerkraft selber zu Stalaktiten formten (Abb. 06, Phase 1). Um das Material zu härten, erhielt es eine Beschichtung aus Chromoxid (Abb. 06, Phase 2), anschliessend musste die Decke mehrere Wochen lang trocknen und aushärten. Anfang Mai 2008 begann die Arbeit mit der Farbe, insgesamt 8000 kg. Barceló wählte dafür verschiedene Pigmente aus der ganzen Welt, darunter Titanweiss, Elfenbeinschwarz, Titanorange, Bristolgelb, Wismutgelb, Nickeltitangelb, Ultramarinblau, Ultramarinblau hell, Kobaltviolett, Melser Grau und Cyprische Grüne Erde. Die Pigmente mischte er mit Polyvinylacetat, Mikrosilikaten, Zellulosefasern und Wasser, der Farbauftrag erfolgte mithilfe von Spraywerkzeugen und von mit Farbe getränkten Besen.

Nachdem diese ersten, sehr bunten Farbschichten (Abb. 06, Phase 3   4) getrocknet waren, brachte Barceló eine zweite Farbschicht auf. Im Gegensatz zur ersten Lage bestand die zweite aus wenigen Farbtönen in Grau, Blau und Grün. Diese von ihm «Mondfarbe» genannte Farben stammten aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Sie wurden in einem Werk in Lausanne vorgemischt und dann in 1000-Liter-Behältern auf das Dach des Gebäudes transportiert. Im Unterschied zum vorherigen Farbauftrag, der aussieht, als sei eine Farbbombe explodiert, wurde die graublaugrüne Schicht nur aus einer Richtung auf die Kuppel gesprüht. Dieser Farbauftrag von der Seite, ein Markenzeichen von Barceló, hat einen grossen Einfluss darauf, wie das Werk wahrgenommen wird: Nur eine Seite der Kuppel war der Deckschicht ausgesetzt, auf der anderen blieb die gesamte Farbpalette erhalten. Auf diese Weise hat die Kuppel zwei Gesichter, abhängig vom Standpunkt, an dem sich der Betrachter befindet. Auf den Auftrag der Deckschicht folgten die letzten Feinarbeiten von Hand. Mit einem Besen und weisser Farbe verlieh Barceló den Wellen Schaumkronen, er wollte die Brandung, die Bewegung und die Gischt in einer Höhle am Meer zeigen. Nach 13 Monaten waren die Arbeiten an der Kuppel am 28. Mai 2008 abgeschlossen. Die inoffizielle Übergabe an die Vereinten Nationen folgte am 10. Juni. Am 18. November 2008 wurde der Plenarsaal, der heute «Saal der Menschenrechte und der Allianzen der Zivilisationen» heisst, offiziell eröffnet.

Vielfalt – oben und unten

Das Deckenrelief ist so gross, dass es von keinem Standpunkt aus möglich ist, es in seiner Gesamtheit zu erfassen. Man muss sich im Raum bewegen, verschiedene Standpunkte einnehmen – eine schöne Metapher für die Vielzahl an Meinungen und Hintergründen, die in den UN vertreten sind. Die Sinnlichkeit, die das Werk ausstrahlt und die vor allem auch in der fotografischen Dokumentation zu spüren ist – man meint die Farben zu riechen, die Schmatzgeräusche beim Auftrag zu hören –, steht in starkem Gegensatz zur eher nüchternen Arbeitsumgebung des ganzen Gebäudes und des restlichen Saals. Es scheint, als prallten zwei Welten aufeinander: die seriöse, standardisierte der Innenausstattung und des Mobiliars und die organische, ungezügelte des Kunstwerks. Die Welt in Beige und das bunte Universum sind nicht verbunden, bedingen sich aber gegenseitig: Zwar ist das Kunstwerk wild, die Brandung darf tosen, aber nur in dem Rahmen, der von der räumlichen Begrenzung der Kuppel vorgegeben ist. Diese Begrenzung nimmt dem Werk das unkontrolliert Wuchernde, das Unheimliche – ein passendes Bild für diesen Ort, an dem sich verschiedene Kulturen, Religionen und Nationalitäten treffen, um ihre Unterschiede hintan zu stellen und Gemeinsamkeiten zu finden.


Anmerkungen:
[01] Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen (1946–2006: Menschenrechtskommission) hat 47 Mitglieder (Afrika und Asien: jeweils 13 Sitze; Lateinamerika und Karibik: 8 Sitze; Osteuropa: 6 Sitze; Westeuropa und die anderen Staaten: 7 Sitze). Der Rat tritt dreimal pro Jahr für mehrere Wochen zusammen. Dabei wird jeder Staat alle vier Jahre einer «Universellen Menschenrechtsprüfung» (UPR) unterzogen. Der Menschenrechtsrat bewertet den Entwicklungsstand der Menschenrechte im geprüft en Staat und macht Verbesserungsvorschläge. Die nächste Session findet vom 25. Februar bis 22. März 2013 statt und kann via Webcast auf der Website der Vereinten Nationen verfolgt werden.
[02] ONUART Fundación (Hrsg.),«El mar de Barceló en la Sala de los Derechos Humanos y de la Alianza de Civilizaciones de la ONU en Ginebra», Peninsula, Barcelona 2008, S. 33.
[03] www.miquelbarcelo.com/documentos/Barcelo_125b1.pdf, Zugriff 25. September 2012.

24. August 2012 mit Andrea Wiegelmann
TEC21

Pflegekonzepte in Zürich und Dietikon

Der Anteil der über 80-Jährigen in unserer Gesellschaft steigt und mit ihm die Zahl der Personen, die in unterschiedlichen Formen Unterstützung und Pflege zur Bewältigung ihres Alltags benötigen. Die beiden Städte Zürich und Dietikon haben in den letzten Jahren ihr Angebot an Pflegeeinrichtungen analysiert und bestehende Pflegeheime instand gesetzt bzw. Neubauten errichtet. Auch wenn sich die Rahmenbedingungen unterscheiden – bei Besuchen des Pflegezentrums Bombach in Zürich Höngg und des Pflegeheims Ruggacker in Dietikon fällt auf, dass die Steigerung der Aufenthaltsqualität für Bewohner und Personal bei der Gestaltung der Häuser eine zentrale Rolle spielt.

Weitläufige Eingangsbereiche, Blickbezüge in den Gebäuden und in die Umgebung, eine sorgfältige Detaillierung und Materialwahl zitieren in Zürich Höngg wie in Dietikon eher grosszügige Wohnanlagen denn Pflegeeinrichtungen. Es ist offensichtlich, dass sich der Anspruch an diese Häuser in den letzten Jahren gewandelt hat. Bewegungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten der Bewohnerinnen und Bewohner werden aktiv gefördert, die Selbstständigkeit jedes Einzelnen durch Therapien unterstützt. Die sogenannte Aktivierung, die Unterstützung und Förderung von Beweglichkeit und Aktivität, spielt eine zentrale Rolle. Auch das Leben auf den Abteilungen, mit Zimmernachbarn und Pflegern ist gestärkt. Statt Mehrbettzimmern bestimmen heute Ein- und Zweibettzimmer die Wohnetagen. Eigene Demenzabteilungen ergänzen das Programm. Beim Pflegezentrum Bombach in Zürich und beim Pflegeheim Ruggacker in Dietikon, beides Instandsetzungen, mussten bestehende Strukturen, entstanden aus Pflegekonzepten der 1960er-Jahre, an diesen Anforderungskatalog angepasst werden.

Während die Stadt Zürich für den Neubau wie die Instandsetzung ihrer Pflegeeinrichtungen einen Richtlinienkatalog[1], basierend aus den Erfahrungen mit den bestehenden Anlagen, erarbeitet hat, entwickelte Dietikon mithilfe externer Berater die erforderlichen Vorgaben für die Planung. Beide Städte reagieren damit auf die vorhandene Nachfrage, wenn auch die Voraussetzungen andere sind: Zürich möchte das Angebot an Pflegeeinrichtungen auf dem aktuellen Stand halten – der Anteil an über 80-Jährigen an der Gesamtbevölkerung wird nicht weiter steigen (vgl. Kasten S. 27) –, für Dietikon ist der Ausbau des Angebots auch Standortmarketing, da die Stadt in den nächsten Jahren von einer Zunahme der über 80-Jährigen ausgeht.

Grandezza in Bombach

Das Pflegezentrum Bombach, 1965 nach den Plänen der Architekten Josef Schütz und Hans von Meyenburg erbaut, liegt am Westrand von Zürich Höngg auf einer Geländeterrasse mit Aussicht über die Stadt. Über dem dreigeschossigen Sockel, auf zwei Untergeschosse folgt das freie Erdgeschoss, erhebt sich das siebenstöckige Bettenhaus, das mit einem zurückgesetzten Dachgeschoss abschliesst.

Den Besucher empfängt das instand gesetzte und im April 2012 wiedereröffnete Pflegezentrum mit einem grosszügigen offenen Erdgeschoss, das die parkartige Umgebung in das Gebäude hineinzieht. Das Nussbaumholz der Möbeleinbauten und die grossen Leuchten bestimmen den Raum. Die Offenheit, der Blick durch die geschosshohe Verglasung, die Kombination von warmen Holztönen und Steinböden entsprechen nicht im mindesten den Bildern, die beim Stichwort «Pflegeheim» im Kopf entstehen. Das verantwortliche Zürcher Büro Niedermann Sigg Schwendener nutzte die Möglichkeiten der Tragstruktur und schuf grosszügige, helle Räume.

Im Zuge der Instandsetzung wurde das Gebäude weitestgehend entkernt. Für die Anpassung der Grundrisse waren die Vorgaben des «Masterplans Bauten»[2] der Pflegezentren der Stadt Zürich ausschlaggebend. Darin enthalten sind Empfehlungen wie etwa die Zuordnung der Nasszellen zu den Zimmern oder die Anordnung von Aufenthaltsbereichen in jeder Abteilung. In Bombach sind eine Pflegeabteilung für Personen mit Sehbehinderung – erstmalig bei den Stadtzürcher Pflegezentren –, zwei Demenzabteilungen sowie eine Abteilung für geistig aktive (kognitiv intakte) Menschen integriert. Damit bietet das Pflegezentrum seinen Bewohnerinnen und Bewohnern eine auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmte Pflege und zudem ein umfassendes Therapieprogramm. Ein Tageszentrum, das «Stöckli», nimmt demenzkranke Bewohnerinnen und Bewohner tageweise auf. Voraussichtlich 2016 wird ein separates Haus für Demenzpatienten die Anlage ergänzen.

Für diesen Anforderungskatalog mussten die Nutzungen im Erd- und Untergeschoss neu organisiert werden. Die Eingangshalle ist als Zentrum der Anlage gestärkt und beherbergt nun neben dem Empfangs- und Aufenthaltsbereich auch die Cafeteria. Die Untergeschosse nehmen den erweiterten Therapiebereich auf, ebenso die Küche, den Personal- und den Andachtsbereich. In den sieben Obergeschossen sind durch die Neuorganisation der Grundrisse Aufenthalts- und Essbereiche entstanden. Durch integrierte Wohnküchen kann den Bewohnern nun ein Frühstücksbuffet angeboten werden. Die Möglichkeit, mit den Nachbarn auf der Etage zu frühstücken, wird, so der Leiter des Pflegezentrums, Erwin Zehnder, sehr gut angenommen. Das gemeinsame Essen auf den Geschossen bekommt einen beinahe familiären Charakter, unterstützt durch die Tatsache, dass das Pflegepersonal in der Regel immer auf denselben Abteilungen arbeitet:

Auch bei der Gestaltung der Zimmer stand der Anspruch im Vordergrund, eine persönliche, wohnliche Atmosphäre zu schaffen. Die ehemaligen Mehrbettzimmer sind in Ein- und Zweibettzimmer mit direkt zugeordneten Nassräumen umgewandelt. Die Ausstattung ist zurückhaltend genug, um den persönlichen Möbeln und Einrichtungsobjekten der Bewohnerinnen und Bewohner Raum zu geben. Sie haben deutlich mehr Privatsphäre als zuvor. Grosszügige Panoramafenster bieten auch aus dem Bett Aussicht ins Tal. Schmale Lüftungsflügel versorgen die Zimmer mit Frischluft und helfen, in Kombination mit der Komfortlüftung, den typischen Krankenhausgeruch zu vermeiden. Auf den Fluren zitieren die Kunststeineinfassungen der Zimmertüren die Eingangssituation in ein Privathaus und schaffen eine intime Atmosphäre, vergleichbar mit einer engen Altstadtgasse. Dieses Bild unterstützen die im Vorbereich der Treppen und Aufzüge installierten Bänke ebenso wie die Ausbaumaterialien (Eichenholz und heller Kunststein). Die notwendige Funktionalität der Wohnbereiche, die dennoch alle Ansprüche an eine moderne Pflegestation erfüllen, drängt sich durch die Gestaltung und die Wahl der Materialien nicht auf.

Differenziertes Angebot in Dietikon

In Dietikon ähneln die Anforderungen an die Instandsetzung des Pflegeheims Ruggacker der Aufgabenstellung in Zürich. Die Verabschiedung des Altersleitbilds der Stadt Dietikon von 1996 (vgl. Kasten S. 27) erforderte einen Ausbau der Wohnmöglichkeiten für betagte Einwohnerinnen und Einwohner. Ziel der Stadt ist es, jedem Bewohner entsprechend seiner Möglichkeiten Unterstützung für diese Lebensphase zu bieten. Im Zug der notwendig gewordenen Instandsetzung des Pflegeheims – von Markus Dieterle 1966 errichtet – wurde in einem angegliederten Ersatzneubau daher auch ein selbstständiges Wohnangebot für Senioren geschaffen mit der Möglichkeit, ergänzende Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Verantwortliche Architekten sind, wie in Bombach, Niedermann Sigg Schwendener. Die Umsetzung in Dietikon war dabei komplexer als in Bombach: Für die Bewohner des Altbaus (Ruggacker 1) stand während der Zeit der Umbaumassnahme keine alternative Unterkunft zur Verfügung.[3] Daher wurde zunächst der Neubau errichtet, der zukünftig die Seniorenresidenz aufnehmen wird (Ruggacker 2) und die Bewohner aus dem Pflegeheim dorthin umgesiedelt. Gleichzeitig konnten so im Untergeschoss des Neubaus Lagerflächen, Garderobenräume und weitere Betriebsräume geschaffen werden, um den Alltagsbetrieb des Pflege- heims auch während der Bauphasen zu sichern. Auch die Errichtung des Zwischenbaus, der Speise- und Mehrzwecksaal aufnimmt, wurde in der ersten Etappe ausgeführt.

In einem zweiten Schritt wird momentan das Bestandsgebäude instand gesetzt. Der Neubau ist seit 2011 bezogen, der instand gesetzte Altbau wird Ende August 2012 fertiggestellt sein. Dann ziehen die Bewohnerinnen des Pflegeheims zurück, und der Neubau kann, nach einer erneuten Umbauphase, für das Alterswohnen genutzt werden.

Aufgrund der unterschiedlichen Nutzung verfolgten die Architekten von Beginn an das Konzept, zwei getrennte Gebäude zu realisieren, die über gemeinsam genutzte Bereiche verbunden sind: den Speisesaal, angeschlossen an die Empfangsbereiche, und die Verwaltungsräume beider Häuser in den Erd- und Untergeschossen.

Hohe Qualität im Rahmen des Möglichen

Die neu errichtete Altersresidenz besteht aus dem Gartengeschoss, drei dazwischenliegenden Vollgeschossen und dem zurückspringenden Dachgeschoss. Alle Wohnungen (vgl. Kas- ten S. 32) verfügen über Balkone oder Terrassen, die hinter den durchlaufenden, die Geschosse markierenden Brüstungen liegen. Die gestaffelte Grundrissstruktur fächert die Zimmer gegen Süden zum üppig begrünten Park auf. Die versetzte Anordnung rhythmisiert auch die Korridore, sich weitende und verengende Sequenzen erzeugen intimere und öffentlichere Räume (Abb. 11,12). Vor den Zimmern bilden sie private Zugangsbereiche. Jeweils am Anfang und Ende des Korridors liegen die Gemeinschaftsräume. Sie ermöglichen mittels innenliegender Verglasungen eine natürliche Belichtung der Erschliessungszone.

Der Bestandsbau liegt an der belebten Bremgartnerstrasse, zu der sich auch der Haupteingang orientiert. Die Instandsetzung sollte die Umwandlung der ursprünglichen Pflegezimmer zu grosszügigeren und kleineren Einheiten (Ein- und Zweibettzimmer) ermöglichen. Doch die strenge Schottenstruktur des Tragwerks stand einer umfassenden Neuorganisation der Grundrisse entgegen. Sie wurde weitestgehend übernommen, ebenso die Lage der Steigzonen. Die Pflegebereiche sind in den drei identischen Obergeschossen des bestehenden Gebäudes neu organisiert und werden durch ein zusätzliches Attikageschoss, das die Demenzabteilung aufnimmt, ergänzt. Die innere Organisation mit mittig angeordneten Korridoren ist beibehalten und jede Wohneinheit neu mit eigener Nasszelle ausgestattet. Die ehemaligen Balkone wurden den Zimmern zugeschlagen, um ausreichende Raumgrössen zu erhalten. Eine Vorgabe der Bauherrschaft, basierend auf einer – im Rahmen der Altersstrategie erstellten – Machbarkeitsstudie für die Instandsetzung. Um dennoch grösstmöglichen Aussenbezug zu gewährleisten, nutzten die Architekten Eichenholzfenster mit Öffnungsflügeln, die mit ihren niedrigen Brüstungszonen Blumenfenster zitieren und die Zimmer grosszügiger wirken lassen. Zudem ermöglichen sie, ergänzend zur integrierten kontrollierten Lüftung, eine individuelle Belüftung der Räume. Im Erdgeschoss des Pflegeheims nimmt der Gebäudeversprung den Zugang mit Empfang und anschliessender Cafeteria auf. Die grösszügige Öffnung des Geschosses zu Cafeteria und Aussenbereich wurde möglich, da mit der Instandsetzung die Waschküche ausgelagert und die frei gewordenen Flächen mit Infrastruktur und Küche belegt werden konnten. Wie beim Pflegezentrum Bombach versuchten die Architekten auch in Dietikon durch eine gute Versorgung mit Tageslicht in allen Bereichen sowie durch eine sorgfältige Material- und Farbwahl die Privatsphäre der Bewohnerinnen und Bewohner zu stärken und die Atmosphäre in den Geschossen wohnlich zu gestalten. Angesichts der Zwänge, die durch die vorgegebene Tragstruktur bestanden, ist das Ergebnis umso überzeugender.

Zwänge und Chancen

Die Städte Zürich und Dietikon agieren innerhalb völlig unterschiedlicher Rahmenbedingungen. Während Zürich mit seinen zehn Pflegezentren aus der Erfahrung der eigenen Heime lernen konnte, zog Dietikon eine externe Beratung hinzu. Trotz allen Unterschieden in Ausgangslage und Umsetzung gibt es auch Gemeinsamkeiten: Beide Städte setzen beim Wohn- und Pflegeangebot für das Alter auf eine umfangreiche Palette an Möglichkeiten, die den vielseitigen Lebensentwürfen unserer Gesellschaft Rechnung trägt. Der Umgang mit ihren Pflegeheimen zeigt exemplarisch, wie sich der Schwerpunkt vom «Pflegen» zum «Heim», sprich zum «Daheimsein», zum Wohnen verschiebt. Die gezeigten Beispiele lösen diesen Anspruch dank einer sorgfältigen und sinnlichen Gestaltung ein.


Anmerkungen:
[01] Masterplan Bauten der Städtischen Pflegezentren, Zürich; Informationen unter: www.stadt-zuerich.ch/gud/de/index/gesundheit/pflegezentren.html
[02] ebd.
[03] Während der Instandsetzung des Pflegezentrums Bombach konnten die Bewohner in das ehemalige Personalhaus des Stadtspitals Triemli umziehen, in dem für Umbauten dieser Art ein temporäres Pflegeheim eingerichtet wurde

1. Juni 2012 TEC21

Poliertes Bijou

Architektur der Moderne ist nicht das Erste, was einem einfällt, denkt man an die ländliche Region zwischen Thun und Bern. Und doch findet sich hier, gut versteckt hinter jahrzehntealten Eichen, an der Hang­kante zur Autobahn A6 ein architektonisches Kleinod aus den 1930er-Jahren: die Villa ­Caldwell, ein Einfamilienhaus für eine schweizerisch-britische Familie. Der von der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege in seiner Bedeutung zwischen regional und national eingestufte Bau befand sich 2004, als es zu ­einem Besitzerwechsel kam, noch weitgehend im Originalzustand. Von 2010 bis September 2011 wurde er vom Zürcher Architekturbüro Hauswirth instand gesetzt – ein nachahmenswertes Beispiel für den Umgang mit Bauten der Moderne.

Zwischen den herrschaftlichen Landsitzen der Bernburger wirkt der Bau, südöstlich von Bern in der Gemeinde Allmendingen gelegen, auch heute noch wie ein Fremdkörper. Der Gegensatz zu seiner landwirtschaftlich geprägten Nachbarschaft dürfte zur Entstehungszeit 1934/35 noch grösser gewesen sein. So verwundert es nicht, dass sich um Bau und Bewohner allerlei Gerüchte rankten: Von einer zum Schutz des Flugplatzes Bern-Belp auf dem ­Glockenturm installierten Flugabwehrkanone während des Zweiten Weltkriegs war die Rede; als später die belgische Gesandtschaft die Villa als Residenz nutzte, hiess es, der Bau ­diene untergetauchten Nazis als Versteck vor den Alliierten.

Konventionelles Raumprogramm mit seltsamen Ausnahmen
Bauherrin der Villa war Agnes Edith Welti, die jüngste Tochter einer britischen Mutter und ­eines Berner Vaters. Während des Physik- und Mathematikstudiums an der Universität Göttingen hatte sie ihren späteren Ehemann John Caldwell kennengelernt, der dort Chemie studierte. Anfang der 1930er-Jahre beauftragte das Ehepaar den befreundeten deutschen Architekten Otto Voepel1 aus Weimar mit einem Entwurf für eine Villa auf dem Bergliacker in Allmendingen. Das Grundstück befand sich an privilegierter Lage über dem Aaretal, mit Blick auf Belpberg und das Dreigestirn Eiger-Mönch-Jungfrau. Zwar existierte der Flugplatz Bern-Belp bereits seit 1929, die heute an das Grundstück grenzende Autobahn A6 zwischen Bern und Thun wurde aber erst rund 40 Jahre später gebaut.
Voepel entwarf einen Bau, der sich in seiner Gestaltung sowohl beim Formenkanon der Reform-Moderne bediente als auch traditionelle Elemente enthielt. Eine rückwärtige Vorfahrt führte zum Eingang des Hauses. Über die zentral gelegene Eingangshalle gelangte man in die drei repräsentativen Räume Bibliothek, Wohn- und Esszimmer, die alle südwärts zur ­Aussicht hin angeordnet sind. Anstelle der üblichen Gartenanlage, die wegen der Hanglage nicht möglich war, ordnete Voepel jedem Raum einen individuellen Aussenbereich in Form einer Terrasse zu. Das Flachdach und die gemauerten Brüstungen liessen den Bau als scharfgeschnittenes geometrisches Volumen wirken, das von weitem die Landschaft prägte – insbesondere da die Villa damals noch nicht von der heute ebenfalls geschützten Vegeta­tion verdeckt wurde. Im hinteren nördlichen Bereich waren Wirtschaftsräume, Küche und Garde­robe untergebracht. Die Wegführung in die Repräsentationsräume ist unüblich: Statt vom Entree direkt in das mittig gelegene Wohnzimmer, gelangt man zunächst linker Hand in die ­Bibliothek, dort öffnet sich eine Art versetzte Enfilade zu den beiden anderen Räumen (Abb. 10  13). Ob diese verschlungene Wegführung von Otto Voepel stammt, ist ungewiss – auf den Originalplänen ist schwach eine Tür zwischen Eingangsbereich und Wohnzimmer zu erkennen.2 Voepel war für den Entwurf der Villa verantwortlich, die Bauleitung vor Ort besorgte der Berner Architekt Paul Riesen, Baumeister war Hans Wüthrich aus Muri.
Auch im Untergeschoss gab es eine seltsame räumliche Anordnung: Über eine nach rechts aus der Mitte versetzte Treppe gelangte man zunächst auf ein Podest, von dem aus zwei weitere Treppen rechts und links zu Salon, Gartenzimmer und Billardraum sowie zu zwei seitlich angeordneten Nebenräumen für das Personal führten (Abb. 1). Statt die grosse ­Geste des Eintretens über das halbhohe Podest zu zelebrieren, trennte Voepel die Räume mit Wänden zu drei kleinen Einheiten. Eine Besonderheit bildet das auf der Ostseite gelegene Billardzimmer: Um die Mindestabstandsflächen von 1.50 m um den neun Fuss grossen Poolbillardtisch zu gewährleisten, ist die nördliche Wand entsprechend versetzt. Im Obergeschoss hingegen sind die Zimmer symmetrisch um den Treppenaufgang gruppiert.

Eckfenster und Klinkerplatten
Mit seinen gestaffelten Terrassen erinnert das Haus an Bauten von Adolf Loos, namentlich an die Villa Müller in Prag von 1930 (Abb. 7). Auch die unterschiedliche Behandlung der Fenster in Dimension und Konstruktion – Schiebefenster in Baubronze, Schiebefenster in gestrichenem Stahl, doppelt verglaste Drehfenster in Holz mit modern geformten Beschlägen und doppelt verglaste Holzfenster mit traditionellen Rudern – lässt diesen Bezug vermuten, ebenso wie der auf einem Quadrat basierende Grundriss. Gleichzeitig finden sich aber vor allem in den Details auch traditionelle Anleihen an den Heimatstil, wie die Kunststeinfassung der Eingangstüre oder die durch eine Ritzung im Verputz betonten Fenstereinfassungen.3
Eine Referenz an die Bauten der Moderne waren hingegen die grosszügigen, stützenlos ausgeführten Eckfenster in Bibliothek und Esszimmer (Abb. 2  16). Das Glas zwischen den schlanken Fenstereinfassungen ist kaum wahrnehmbar und wirkt wie eine Membran zwischen Brüstung und auskragendem Baukörper, zwischen Innen- und Aussenraum. Da es sich bei der Decke um eine Hourdisdecke handelt, wurden Betonunterzüge in das Fassadenmauerwerk eingearbeitet, um dieses Detail stützenlos ausführen zu können.
In der Oberflächengestaltung setzte sich diese Ambivalenz im Ausdruck fort: Die Bibliothek war mit Kassettendecke, Klinkerboden und gemauertem Cheminée konservativ ausgestattet (Abb. 13), in Wohn- und Esszimmer fand sich dagegen Parkett und grüner Linoleum. In Ober- und Untergeschoss wurde diese Schlichtheit weitergeführt, mit Linoleum am Boden und in Grün-, Blau- und Beigetönen gestrichenen Wänden. Dazu gab es weitere Details, die an Loos erinnern, wie die eingebaute Eckbeleuchtung am Podest im Untergeschoss (Abb. 15). Sowohl Simplizität als auch Traditionalismus wurden im Treppenhaus gebrochen: Die Wände waren hier ursprünglich in einem kräftigen Türkis gestrichen. Mit seinen Anleihen an traditionelle Typologien in Grundriss und Oberflächengestaltung in Kombination mit Elementen der Moderne lässt sich der Bau der deutschen Reform-Moderne der Zwischenkriegszeit zuordnen. Zusammen mit seinem aussergewöhnlich guten Erhaltungszustand verleiht ihm dies eine singuläre Stellung in der Schweizer Architektur.4

Vergessenes Schmuckstück
Die Familie Caldwell-Welti lebte nicht lange in der Villa, bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verliess sie die Schweiz Richtung England.5 In den 1950er-Jahren nutzte die belgische Botschaft das Haus als Residenz, 1981 erwarb es der Berner Schriftsteller und Sagenforscher Sergius Golowin, der es bis 2003 bewohnte. Der neue Besitzer, der den Bau 2004 erwarb (ursprünglich, um auf dem Grundstück eine Einstellhalle für seine Oldtimer-Sammlung zu erstellen), bewohnt die Villa nun seit Fertigstellung der Umbauarbeiten im Herbst 2011.
Mit der durch den Besitzerwechsel ausgelösten Instandsetzung nach 70 Jahren wurde der Zürcher Architekt Stefan Hauswirth betreut. In enger Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege entwickelte er ein Konzept für den Umgang mit dem geschützten Bau.
Die augenfälligste nachträgliche Veränderung an der Originalbausubstanz war die Verdoppelung der Kaminwandscheibe an der Nordostecke des Baus zu einem Glockenturm (in der Gegend «Fressglöggli» genannt6 und verantwortlich für die Mutmassungen über eine Flak auf dem Dach), die allerdings noch unter den ursprünglichen Besitzern ausgeführt ­wurde. 2006 wies der Bau noch in weiten Teilen den Originalverputz auf. Die detailreichen Beschläge an den Fenstern waren ebenso wie die Mechanismen für den Sonnenschutz ­grösstenteils intakt, teilweise aber nicht mehr funktionsfähig. Da die filigranen Fenster integraler Bestandteil des Gebäudes sind, kam eine Ertüchtigung auf heutige Wärmedämmwerte oder auch ein besserer Schallschutz nur sehr bedingt infrage.

Reparaturen, Nachbildungen und neue Einbauten
Die Erneuerungsmassnahmen bestanden grösstenteils aus Reinigungs- und Ausbesserungsarbeiten. Ein bedeutender Eingriff war der neue Verputz der Aussenfassade. Obwohl der Putz generell in gutem Zustand war, wies er an wenigen Stellen grosse Risse aus, die
lokal ausgebessert werden sollten. Die Ausführung war aber so homogen, dass sich beim Ausbessern statt der zu reparierenden Stelle jeweils die gesamte Oberfläche vom Mauerwerk löste. Um die wertvollen originalen Spenglerarbeiten wie Brüstungsabdeckungen und Sonnenschutzmechanismen nicht zu gefährden, entschied man, den gesamten Bau mit ­einem als Kratzputz ausgeführten Kalkhydrat-Zementputz zu versehen, der in Zusammensetzung und Ausführung dem Original entsprach. Wie dieses enthält die neue Oberfläche einen Glimmeranteil von 25 %, die Nachzeichnungen der Fenster wurden ebenfalls wieder aufgenommen. Eine weitere Massnahme im Aussenbereich betraf die Abdichtung der Terrassen, die wohl wegen der teilweise falschen Ausrichtung des Gefälles nie vollständig dicht waren. Um dies in Zukunft zu gewährleisten, erhielten die Terrassen eine Oberfläche aus Flüssigkunststoff, dem Leuchtchips aus wasserlöslichen Polymeren beigemischt sind, um die ursprünglich enthaltene Glimmermischung nachzubilden. Die Sonnenstoren waren integral erhalten und wurden wieder funktionstüchtig gemacht, teilweise fertigten die Handwerker auch Nachbildungen an. Bei den Fenstern gingen die Architekten differenziert vor: Die originalen Holzfenster mit Zweifachverglasung an der Nord- und teilweise an der Ost- und Westfassade wurden ausgebessert und mit einer Doppelisolierverglasung von 14 mm energetisch ertüchtigt. Schwieriger war dies bei den Metallfenstern mit ihren sehr schlanken Profilen. Im Obergeschoss griff man auf in Japan hergestelltes Vakuumglas (High Performance Insulation Floatglas, Schallschutz 30 Rw/dB) zurück. Dieses ermöglicht einen U-Wert von 1.4 W/m2K bei einer Dicke von 6.5 mm (Abb. 21) und eignet sich damit für Instandsetzungen denkmalgeschützter Gebäude aus den 1930er-Jahren. Bei den Fenstern im Erdgeschoss konnte ­dieses Glas wegen der grossen Formate von maximal 280 × 170 cm nicht verwendet werden. Um den U-Wert zu optimieren, entschieden sich die Architekten hier für 8.5 mm dickes ­VSG-Glas mit einer eingelegten transparenten Wärmefolie, das einen U-Wert von 3.2 W/m2K erreicht.
Im Inneren erfolgte zunächst eine Bestandsaufnahme der Originalfarbigkeit, die bei den Erneuerungsarbeiten als Referenz diente, aber wesentlich dezenter ausgeführt wurde. Grössere bauliche Eingriffe betrafen vor allem Küche und Nasszellen. Die Küche war ursprünglich durch eine Wand mit Einbauschränken vom Esszimmer getrennt, lediglich ein in die Schrankwand integrierter schmaler Durchgang schuf eine Verbindung. Einer der Schränke wurde entfernt, die Nische dient nun als Durchreiche oder Bar, der Raum und vor allem die Eckverglasung an der Südseite sind nun in ihrer ganzen Tiefe erfahrbar (Abb. 16 – 18).
Bei den Nasszellen wünschte der Bauherr eine komplette Veränderung: Während die Anordnung identisch blieb, ist die Oberflächenbehandlung eine zeitgenössische. Die Architekten fotografierten jeweils einen Ast der gleichzeitig mit dem Bau gepflanzten Eichen, abstra­hierten und verpixelten die Form und brachten dieses Motiv in die beiden neuen Bäder im Obergeschoss ein (Abb. 19   20). Wie die originalen Fliesen sind auch die neuen Plättli der Nasszellen fugenlos verarbeitet. Diese drastische Intervention versinnbildlicht die gute Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege: Die Villa kann nur erhalten werden, wenn sie bewohnt ist. Daher galt es, zwischen den denkmalpflegerischen Ansprüchen und den individuellen Wünschen des Bauherrn abzuwägen und, wo nötig, Kompromisse einzugehen. Die Eingriffe in den Bädern sind dazu reversibel, also aus denkmalpflegerischer Sicht vertretbar.
Im Untergeschoss korrigierten die Architekten die räumliche Disposition. Sie entfernten die Wände zwischen Salon, Billard- und Gartenzimmer, und es entstand ein grosszügiger, lichtdurchfluteter Raum, der über eine weitere Terrasse Zugang in den Garten gewährt. Auch
bei diesem Eingriff stellten die Beteiligten den Wohnkomfort über die originalgetreue Rekons­truktion. Als Erinnerung an die Wände erhielten die Originalstützen aus Kalksandstein eine Aufdopplung, die die Wandstärke der verschwundenen Raumteiler andeutet (Abb. 15).

Schönheit gegen Lärm
Das Problem der Dauerbeschallung durch die Autobahn konnte die Instandsetzung nicht beheben. Die Metallprofile der Fenster waren zu schlank für Schallschutzscheiben. Es ist den heutigen und künftigen Bewohnern daher zu wünschen, dass baldmöglichst Lärmschutzmassnahmen an der Autobahn durchgeführt werden. Ein Eingriff am Haus selber, wie es noch das Projekt von Peter Schenker und Kurt Gossenreiter 1997 vorsah (Abb. 24), steht heute aus denkmalpflegerischen Gründen ausser Frage.
Dass dieses für die Schweiz so aussergewöhnliche Haus gemäss denkmalpflegerischen ­Vorgaben erneuert und gleichzeitig weiterhin bewohnbar gemacht wurde, ist ein Glücksfall. Es wäre schön, wenn die dabei gemachten Erfahrungen hinsichtlich Materialverarbeitung und -technologie weiteren Bauten der Epoche zugutekommen könnten.

Tina Cieslik, cieslik@tec21.ch

25. Mai 2012 TEC21

Poliertes Bijou

Architektur der Moderne ist nicht das Erste, was einem einfällt, denkt man an die ländliche Region zwischen Thun und Bern. Und doch findet sich hier, gut versteckt hinter jahrzehntealten Eichen, an der Hangkante zur Autobahn A6 ein architektonisches Kleinod aus den 1930er-Jahren: die Villa Caldwell, ein Einfamilienhaus für eine schweizerisch-britische Familie. Der von der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege in seiner Bedeutung zwischen regional und national eingestufte Bau befand sich 2004, als es zu einem Besitzerwechsel kam, noch weitgehend im Originalzustand. Von 2010 bis September 2011 wurde er vom Zürcher Architekturbüro Hauswirth instand gesetzt – ein nachahmenswertes Beispiel für den Umgang mit Bauten der Moderne.

Zwischen den herrschaftlichen Landsitzen der Bernburger wirkt der Bau, südöstlich von Bern in der Gemeinde Allmendingen gelegen, auch heute noch wie ein Fremdkörper. Der Gegensatz zu seiner landwirtschaftlich geprägten Nachbarschaft dürfte zur Entstehungszeit 1934/35 noch grösser gewesen sein. So verwundert es nicht, dass sich um Bau und Bewohner allerlei Gerüchte rankten: Von einer zum Schutz des Flugplatzes Bern-Belp auf dem Glockenturm installierten Flugabwehrkanone während des Zweiten Weltkriegs war die Rede; als später die belgische Gesandtschaft die Villa als Residenz nutzte, hiess es, der Bau diene untergetauchten Nazis als Versteck vor den Alliierten.

Konventionelles Raumprogramm mit seltsamen Ausnahmen

Bauherrin der Villa war Agnes Edith Welti, die jüngste Tochter einer britischen Mutter und eines Berner Vaters. Während des Physik- und Mathematikstudiums an der Universität Göttingen hatte sie ihren späteren Ehemann John Caldwell kennengelernt, der dort Chemie studierte. Anfang der 1930er-Jahre beauftragte das Ehepaar den befreundeten deutschen Architekten Otto Voepel1 aus Weimar mit einem Entwurf für eine Villa auf dem Bergliacker in Allmendingen. Das Grundstück befand sich an privilegierter Lage über dem Aaretal, mit Blick auf Belpberg und das Dreigestirn Eiger-Mönch-Jungfrau. Zwar existierte der Flugplatz Bern-Belp bereits seit 1929, die heute an das Grundstück grenzende Autobahn A6 zwischen Bern und Thun wurde aber erst rund 40 Jahre später gebaut.

Voepel entwarf einen Bau, der sich in seiner Gestaltung sowohl beim Formenkanon der Reform-Moderne bediente als auch traditionelle Elemente enthielt. Eine rückwärtige Vorfahrt führte zum Eingang des Hauses. Über die zentral gelegene Eingangshalle gelangte man in die drei repräsentativen Räume Bibliothek, Wohn- und Esszimmer, die alle südwärts zur Aussicht hin angeordnet sind. Anstelle der üblichen Gartenanlage, die wegen der Hanglage nicht möglich war, ordnete Voepel jedem Raum einen individuellen Aussenbereich in Form einer Terrasse zu. Das Flachdach und die gemauerten Brüstungen liessen den Bau als scharfgeschnittenes geometrisches Volumen wirken, das von weitem die Landschaft prägte – insbesondere da die Villa damals noch nicht von der heute ebenfalls geschützten Vegetation verdeckt wurde. Im hinteren nördlichen Bereich waren Wirtschaftsräume, Küche und Garderobe untergebracht. Die Wegführung in die Repräsentationsräume ist unüblich: Statt vom Entree direkt in das mittig gelegene Wohnzimmer, gelangt man zunächst linker Hand in die Bibliothek, dort öffnet sich eine Art versetzte Enfilade zu den beiden anderen Räumen (Abb. 10+13). Ob diese verschlungene Wegführung von Otto Voepel stammt, ist ungewiss – auf den Originalplänen ist schwach eine Tür zwischen Eingangsbereich und Wohnzimmer zu erkennen.2 Voepel war für den Entwurf der Villa verantwortlich, die Bauleitung vor Ort besorgte der Berner Architekt Paul Riesen, Baumeister war Hans Wüthrich aus Muri. Auch im Untergeschoss gab es eine seltsame räumliche Anordnung: Über eine nach rechts aus der Mitte versetzte Treppe gelangte man zunächst auf ein Podest, von dem aus zwei weitere Treppen rechts und links zu Salon, Gartenzimmer und Billardraum sowie zu zwei seitlich angeordneten Nebenräumen für das Personal führten (Abb. 1). Statt die grosse Geste des Eintretens über das halbhohe Podest zu zelebrieren, trennte Voepel die Räume mit Wänden zu drei kleinen Einheiten. Eine Besonderheit bildet das auf der Ostseite gelegene Billardzimmer: Um die Mindestabstandsflächen von 1.50 m um den neun Fuss grossen Poolbillardtisch zu gewährleisten, ist die nördliche Wand entsprechend versetzt. Im Obergeschoss hingegen sind die Zimmer symmetrisch um den Treppenaufgang gruppiert.

Eckfenster und Klinkerplatten

Mit seinen gestaffelten Terrassen erinnert das Haus an Bauten von Adolf Loos, namentlich an die Villa Müller in Prag von 1930 (Abb. 7). Auch die unterschiedliche Behandlung der Fenster in Dimension und Konstruktion – Schiebefenster in Baubronze, Schiebefenster in gestrichenem Stahl, doppelt verglaste Drehfenster in Holz mit modern geformten Beschlägen und doppelt verglaste Holzfenster mit traditionellen Rudern – lässt diesen Bezug vermuten, ebenso wie der auf einem Quadrat basierende Grundriss. Gleichzeitig finden sich aber vor allem in den Details auch traditionelle Anleihen an den Heimatstil, wie die Kunststeinfassung der Eingangstüre oder die durch eine Ritzung im Verputz betonten Fenstereinfassungen.[3] Eine Referenz an die Bauten der Moderne waren hingegen die grosszügigen, stützenlos ausgeführten Eckfenster in Bibliothek und Esszimmer (Abb. 2+16). Das Glas zwischen den schlanken Fenstereinfassungen ist kaum wahrnehmbar und wirkt wie eine Membran zwischen Brüstung und auskragendem Baukörper, zwischen Innen- und Aussenraum. Da es sich bei der Decke um eine Hourdisdecke handelt, wurden Betonunterzüge in das Fassadenmauerwerk eingearbeitet, um dieses Detail stützenlos ausführen zu können.

In der Oberflächengestaltung setzte sich diese Ambivalenz im Ausdruck fort: Die Bibliothek war mit Kassettendecke, Klinkerboden und gemauertem Cheminée konservativ ausgestattet (Abb. 13), in Wohn- und Esszimmer fand sich dagegen Parkett und grüner Linoleum. In Ober- und Untergeschoss wurde diese Schlichtheit weitergeführt, mit Linoleum am Boden und in Grün-, Blau- und Beigetönen gestrichenen Wänden. Dazu gab es weitere Details, die an Loos erinnern, wie die eingebaute Eckbeleuchtung am Podest im Untergeschoss (Abb. 15). Sowohl Simplizität als auch Traditionalismus wurden im Treppenhaus gebrochen: Die Wände waren hier ursprünglich in einem kräftigen Türkis gestrichen. Mit seinen Anleihen an traditionelle Typologien in Grundriss und Oberflächengestaltung in Kombination mit Elementen der Moderne lässt sich der Bau der deutschen Reform-Moderne der Zwischenkriegszeit zuordnen. Zusammen mit seinem aussergewöhnlich guten Erhaltungszustand verleiht ihm dies eine singuläre Stellung in der Schweizer Architektur.[4]

Vergessenes Schmuckstück

Die Familie Caldwell-Welti lebte nicht lange in der Villa, bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verliess sie die Schweiz Richtung England.[5] In den 1950er-Jahren nutzte die belgische Botschaft das Haus als Residenz, 1981 erwarb es der Berner Schriftsteller und Sagenforscher Sergius Golowin, der es bis 2003 bewohnte. Der neue Besitzer, der den Bau 2004 erwarb (ursprünglich, um auf dem Grundstück eine Einstellhalle für seine Oldtimer-Sammlung zu erstellen), bewohnt die Villa nun seit Fertigstellung der Umbauarbeiten im Herbst 2011. Mit der durch den Besitzerwechsel ausgelösten Instandsetzung nach 70 Jahren wurde der Zürcher Architekt Stefan Hauswirth betreut. In enger Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege entwickelte er ein Konzept für den Umgang mit dem geschützten Bau.

Die augenfälligste nachträgliche Veränderung an der Originalbausubstanz war die Verdoppelung der Kaminwandscheibe an der Nordostecke des Baus zu einem Glockenturm (in der Gegend «Fressglöggli» genannt[6] und verantwortlich für die Mutmassungen über eine Flak auf dem Dach), die allerdings noch unter den ursprünglichen Besitzern ausgeführt wurde. 2006 wies der Bau noch in weiten Teilen den Originalverputz auf. Die detailreichen Beschläge an den Fenstern waren ebenso wie die Mechanismen für den Sonnenschutz grösstenteils intakt, teilweise aber nicht mehr funktionsfähig. Da die filigranen Fenster integraler Bestandteil des Gebäudes sind, kam eine Ertüchtigung auf heutige Wärmedämmwerte oder auch ein besserer Schallschutz nur sehr bedingt infrage.

Reparaturen, Nachbildungen und neue Einbauten

Die Erneuerungsmassnahmen bestanden grösstenteils aus Reinigungs- und Ausbesserungsarbeiten. Ein bedeutender Eingriff war der neue Verputz der Aussenfassade. Obwohl der Putz generell in gutem Zustand war, wies er an wenigen Stellen grosse Risse aus, die lokal ausgebessert werden sollten. Die Ausführung war aber so homogen, dass sich beim Ausbessern statt der zu reparierenden Stelle jeweils die gesamte Oberfläche vom Mauerwerk löste. Um die wertvollen originalen Spenglerarbeiten wie Brüstungsabdeckungen und Sonnenschutzmechanismen nicht zu gefährden, entschied man, den gesamten Bau mit einem als Kratzputz ausgeführten Kalkhydrat-Zementputz zu versehen, der in Zusammensetzung und Ausführung dem Original entsprach. Wie dieses enthält die neue Oberfläche einen Glimmeranteil von 25%, die Nachzeichnungen der Fenster wurden ebenfalls wieder aufgenommen. Eine weitere Massnahme im Aussenbereich betraf die Abdichtung der Terrassen, die wohl wegen der teilweise falschen Ausrichtung des Gefälles nie vollständig dicht waren. Um dies in Zukunft zu gewährleisten, erhielten die Terrassen eine Oberfläche aus Flüssigkunststoff, dem Leuchtchips aus wasserlöslichen Polymeren beigemischt sind, um die ursprünglich enthaltene Glimmermischung nachzubilden. Die Sonnenstoren waren integral erhalten und wurden wieder funktionstüchtig gemacht, teilweise fertigten die Handwerker auch Nachbildungen an. Bei den Fenstern gingen die Architekten differenziert vor: Die originalen Holzfenster mit Zweifachverglasung an der Nord- und teilweise an der Ost- und Westfassade wurden ausgebessert und mit einer Doppelisolierverglasung von 14mm energetisch ertüchtigt. Schwieriger war dies bei den Metallfenstern mit ihren sehr schlanken Profilen. Im Obergeschoss griff man auf in Japan hergestelltes Vakuumglas (High Performance Insulation Floatglas, Schallschutz 30 Rw/dB) zurück. Dieses ermöglicht einen U-Wert von 1.4W/m2K bei einer Dicke von 6.5mm (Abb. 21) und eignet sich damit für Instandsetzungen denkmalgeschützter Gebäude aus den 1930er-Jahren. Bei den Fenstern im Erdgeschoss konnte dieses Glas wegen der grossen Formate von maximal 280×170cm nicht verwendet werden. Um den U-Wert zu optimieren, entschieden sich die Architekten hier für 8.5mm dickes VSG-Glas mit einer eingelegten transparenten Wärmefolie, das einen U-Wert von 3.2W/m2K erreicht.

Im Inneren erfolgte zunächst eine Bestandsaufnahme der Originalfarbigkeit, die bei den Erneuerungsarbeiten als Referenz diente, aber wesentlich dezenter ausgeführt wurde. Grössere bauliche Eingriffe betrafen vor allem Küche und Nasszellen. Die Küche war ursprünglich durch eine Wand mit Einbauschränken vom Esszimmer getrennt, lediglich ein in die Schrankwand integrierter schmaler Durchgang schuf eine Verbindung. Einer der Schränke wurde entfernt, die Nische dient nun als Durchreiche oder Bar, der Raum und vor allem die Eckverglasung an der Südseite sind nun in ihrer ganzen Tiefe erfahrbar (Abb. 16–18).

Bei den Nasszellen wünschte der Bauherr eine komplette Veränderung: Während die Anordnung identisch blieb, ist die Oberflächenbehandlung eine zeitgenössische. Die Architekten fotografierten jeweils einen Ast der gleichzeitig mit dem Bau gepflanzten Eichen, abstrahierten und verpixelten die Form und brachten dieses Motiv in die beiden neuen Bäder im Obergeschoss ein (Abb. 19+20). Wie die originalen Fliesen sind auch die neuen Plättli der Nasszellen fugenlos verarbeitet. Diese drastische Intervention versinnbildlicht die gute Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege: Die Villa kann nur erhalten werden, wenn sie bewohnt ist. Daher galt es, zwischen den denkmalpflegerischen Ansprüchen und den individuellen Wünschen des Bauherrn abzuwägen und, wo nötig, Kompromisse einzugehen. Die Eingriffe in den Bädern sind dazu reversibel, also aus denkmalpflegerischer Sicht vertretbar.

Im Untergeschoss korrigierten die Architekten die räumliche Disposition. Sie entfernten die Wände zwischen Salon, Billard- und Gartenzimmer, und es entstand ein grosszügiger, lichtdurchfluteter Raum, der über eine weitere Terrasse Zugang in den Garten gewährt. Auch bei diesem Eingriff stellten die Beteiligten den Wohnkomfort über die originalgetreue Rekonstruktion. Als Erinnerung an die Wände erhielten die Originalstützen aus Kalksandstein eine Aufdopplung, die die Wandstärke der verschwundenen Raumteiler andeutet (Abb. 15).

Schönheit gegen Lärm

Das Problem der Dauerbeschallung durch die Autobahn konnte die Instandsetzung nicht beheben. Die Metallprofile der Fenster waren zu schlank für Schallschutzscheiben. Es ist den heutigen und künftigen Bewohnern daher zu wünschen, dass baldmöglichst Lärmschutzmassnahmen an der Autobahn durchgeführt werden. Ein Eingriff am Haus selber, wie es noch das Projekt von Peter Schenker und Kurt Gossenreiter 1997 vorsah (Abb. 24), steht heute aus denkmalpflegerischen Gründen ausser Frage.

Dass dieses für die Schweiz so aussergewöhnliche Haus gemäss denkmalpflegerischen Vorgaben erneuert und gleichzeitig weiterhin bewohnbar gemacht wurde, ist ein Glücksfall. Es wäre schön, wenn die dabei gemachten Erfahrungen hinsichtlich Materialverarbeitung und -technologie weiteren Bauten der Epoche zugutekommen könnten.


Anmerkungen:
[01] Otto Voepel war der Leiter der Staatlichen Bauschule Gotha und der Vater der Bauhausschülerin Charlotte Voepel-Neujahr. Es ist davon auszugehen, dass er mit den Ideen des Neuen Bauens vertraut war, er selber war aber kein Vertreter
[02] Robert Walker, «Die Villa Caldwell (Haus Golowin) in Allmendingen» (20.01.2003), in: Dokumentation Villa Caldwell, 20.12.2010
[03] Die florale Malerei auf der Kunststeinfassung der Eingangstür wurde vermutlich später angebracht. Sie enthält die Initialen SD, was auf Suzanne Draeger aus Genf hinweist, die die Villa 1951 erwarb
[04] Ein Gutachten der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege vom 9. September 2003 stuft die Villa Caldwell wegen ihrer Verbindung von traditionellen und modernen Elementen bei hoher gestalterischer und handwerklicher Qualität in ihrer Bedeutung zwischen regional und national ein. Als verwandtes Schweizer Beispiel gilt die Villa Sciaredo in Barbengo von Georgette Klein (1932).
[05] www.tqsi.info/genealogy, Zugriff: 6.5.12
[06] «Schweizer Architekturführer 1920–1990», Band 2 (Nordwestschweiz, Jura, Mittelland), Werk Verlag, Zürich, 1994, S. 152

23. März 2012 mit Andrea Wiegelmann
TEC21

Gegen die Einsamkeit

Die Zahl älterer Menschen und deren Anteil an der Gesamtbevölkerung ­steigen – mit den Babyboomern, den geburtenstarken Jahrgängen nach dem Zweiten Weltkrieg, kommt eine Generation in die Nachberufsphase, die sich nicht nur durch ein hohes Einkommen und einen entsprechenden Lebensstandard auszeichnet, sondern in der Regel auch über eine bessere Gesundheit verfügt als noch die Generation ihrer Eltern. Diesen Menschen stellt sich die Frage nach dem künftigen Wohnmodell: Viele wünschen die Einbettung in eine Gemeinschaft, verbunden mit einem gewissen Komfort, der weiterhin ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. TEC21 hat drei aktuelle und unterschiedliche Modelle für selbständiges Wohnen im Alter verglichen.

«Wohnen im Alter» boomt. Unzählige Stiftungen und Genossenschaften bieten heute in der Schweiz ein umfangreiches Angebot für Lebensalter, die oft durch ein « » gekennzeichnet werden. Von «44 » bis «80 » bewerben Slogans unterschiedlichste Wohnkonzepte für ebenso verschiedenartige Menschen und Einkommensverhältnisse. Das Spektrum reicht von Siedlungen mit integriertem Dienstleistungsangebot über Wohnanlagen, die mittels ­kleinerer Grundrisse, schwellenloser Räume und variabel wählbarer Serviceleistungen an die Bedürfnisse der Menschen nach der Familienphase angepasst sind, bis hin zu individuellen Wohnkonzepten, die von den künftigen Bewohnerinnen und Bewohnern auch selbst umgesetzt werden. An den folgenden Beispielen lassen sich drei Kernthemen ablesen: ­Wie viel Komfort wird geboten? Wie ausgeprägt ist die Gemeinschaft? Und: Was kosten die jeweiligen Wohnformen?

Alterswohnen Dufourstrasse, Zürich

Der Standort im Seefeld-Quartier nahe am Zürichsee, inmitten von vier- bis fünfgeschossigen Wohnbauten aus der Gründerzeit, ist eine der schöneren Wohnlagen der Stadt Zürich. Man kann sich vorstellen, wie der achtgeschossige, T-förmige, monolithische Betonbau, den Karl Flatz 1967 entworfen hat, mit seinen nüchternen Fassaden im Quartier auffiel. Der Bau umfasste seinerzeit 83 Kleinwohnungen, vorwiegend Einzimmerwohnungen ohne Bad und Balkon, und spiegelt die damaligen Vorstellungen und Ansprüche von Alterswohnen. Auch gut 40 Jahre später fällt die Alterssiedlung auf: Die einst strenge Sichtbetonfassade ist hinter dem lebhaften Spiel ihrer neuen Hülle verschwunden. Vor die Fassade gehängte ­Balkone mit metallenen Brüstungen prägen mit ihren weissen Sonnenschutzsegeln und gelben Vorhängen das Bild (Abb. 4). Das neue Kleid ist Ergebnis einer grundlegenden Instandsetzung, die mit einem vollständigen Umbau der Wohnungen einherging.

Die Bauherrin, die Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich (SAW), ist Vermieterin von ­momentan 32 Alterssiedlungen im Stadtgebiet.[1] Ihre Gründung 1950 war eine Antwort auf die sozialen und politischen Entwicklungen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Das rasche Wachstum der Städte führte zu Wohnungsnot vor allem in den unteren sozialen Schichten und bei den älteren Menschen. Die Stiftung bietet in Zürich lebenden Menschen über 60 Jahre vergleichsweise günstigen Wohnraum (vgl. Kasten S. 28), d.h. preiswerte Wohnungen innerhalb der Wohnbauförderung, sofern deren Jahreseinkommen gewisse Grenzen nicht übersteigt – 50600 Fr. für Einzelpersonen, 59700 Fr. für Zweipersonenhaus­halte. Ihre Mieterinnen und Mieter sollen so lange wie möglich selbstbestimmt in der eigenen Wohnung leben können und werden dabei durch ein umfangreiches Dienstleistungsangebot unterstützt.

Um die Alterssiedlung Dufourstrasse an zeitgemässe Bedürfnisse der Bewohner und Bewohnerinnen anzupassen und gleichzeitig dem Auftrag der Stiftung, für Menschen mit niedrigem Einkommen zu bauen, gerecht zu werden, entschied man sich für eine Instandsetzung. Dafür wurde 2007 ein Planerwahlverfahren durchgeführt, in dem die Zürcher Architekten Schneider Studer Primas mit ihrem Konzept für die Neuorganisation der Wohnungen sowie einer sorgfältigen, aber reduzierten Materialisierung innen wie aussen überzeugen konnten. Dabei kam dem Projekt zugute, dass die Bauträgerin Wert auf einen eigenständigen Charakter ihrer Bauten legte. So war es trotz dem begrenzten Budget möglich, die grosszügigen, versetzt angeordneten Balkone zu realisieren. Sie erlauben den Bewohnerinnen und Bewohnern den Kontakt zu den Nachbarn über die Stockwerke hinweg. Während die bewegte ­Fassade die Instandsetzung nach aussen sichtbar macht, entstanden im Inneren durch die Zusammenlegung der alten Wohneinheiten 51 Eineinhalb- bis Dreizimmerwohnungen mit unterschiedlichen Grundrissen, eigenem Bad und Balkon. Die Wohnflächen reichen von 46 m² (eineinhalb Zimmer) bis 70 m² (drei Zimmer). Alle Wohnungen sind über das zentrale Treppenhaus und zum Teil über die dort anschliessenden Laubengänge erschlossen.

Die Besonderheit des Gebäudes, die durch den T-förmigen Grundriss gegebene gute ­Belichtung aller Wohnungen, haben die Architekten für die Neuorganisation der Grundrisse genutzt. Bäder und Küchen sind neu eingebaut, grosszügige Verglasungen öffnen die Wohnungen nach aussen. Auf Flurzonen wurde weitestgehend verzichtet. Das Entrée bildet die Küchen mit einem Essbereich, ein Einbauschrank bietet zusätzliche Stauflächen. Die Bäder sind geräumig und mit schwellenfreien Duschen ausgestattet, die Armaturen sind alters­gerecht angebracht, auf «Behindertenarmaturen» hat man bewusst verzichtet. Neben dem grosszügigen Foyer im Erdgeschoss liegt ein Gemeinschaftsraum mit Küche, der den Bewohnerinnen und Bewohnern zur Verfügung steht – etwa für Geburtstagsfeiern – und auch für öffentliche Veranstaltungen genutzt wird. Auf der Eingangsebene liegen zudem das Spitex-Büro und die Sammelstelle des Wäscheservice. Die Dachterrasse im 7. Obergeschoss steht dagegen ausschliesslich den Mieterinnen und Mietern zur Verfügung. Hier befindet sich auch das Wohlfühlbad, ein grosszügiges Badezimmer mit Seeblick-Badewanne. Die bereits vor der Instandsetzung im Erdgeschoss untergebrachte Kinderkrippe ist um die Fläche der ehemaligen Hauswartswohnung vergrössert worden. Sie verfügt über einen eigenen Eingang und Garten – organisierte Interaktion zwischen den Generationen ist nicht vorgesehen. Das Wohnen mit Serviceleistungen bietet Unterstützung und Komfort, geht jedoch über ein nachbarschaftliches Verhältnis der Bewohner untereinander nicht hinaus. Es erlaubt den Mieterinnen und Mietern ganz im Sinn der Stiftung so lange wie möglich das selbständige Wohnen.

Gemeinschaftswohnen «Am Hof Köniz»

2006 lobte die Gemeinde Köniz einen Projekt- und Investorenwettbewerb für ein Grundstück im Dorfzentrum der Gemeinde Köniz aus. In Gehweite zu Bahnhof und Einkaufszentrum und mit Aussicht auf das Könizer Schloss gelegen, sollten auf dem Areal «Alte ­Migros» Wohnungen, insbesondere für Menschen in der ­zweiten Lebenshälfte, entstehen. Den Zuschlag erhielt die Arbeitsgemeinschaft aus Durrer Linggi Architekten, Zürich, und BEM Architekten, Baden, in Zusammenarbeit mit der Walliseller Genossenschaft Zukunftswohnen (vgl. Kasten S. 30). Die 2008 gegründete Genossenschaft entwickelt mit Interessengruppen, Gemeinden und Investoren Wohnangebote für Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Der Fokus liegt dabei auf selbständigem, gemeinschaftlich organisiertem Wohnen – im Gegensatz zum Alleinwohnen oder zum betreuten Wohnen. Gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern werden die Regeln des Zusammenlebens entwickelt, die Genossenschaft übernimmt zudem administrative Aufgaben wie die Vermietung der Flächen oder die Koordination mit dem Hauswart. Die Mieter und Mieterinnen sollen sich – auf freiwilliger Basis – in Arbeitsgruppen für die Gemeinschaft engagieren, geschätzt wird ein Beitrag von zwei bis vier Wochenstunden. Betreiberin der Anlage in Köniz ist die eigens gegründete Genossenschaft «Am Hof Köniz», die Genossenschaft «Zukunftswohnen» ist darin ebenfalls vertreten.[3]

Von April 2010 bis Oktober 2011 realisierten die Architekten gemeinsam mit der Bau­unternehmung Losinger Marazzi, die inzwischen auf Druck der Investorin, der Gebäudeversicherung Bern, als ausführende Totalunternehmung zum Projekt gestossen war, einen viergeschossigen Zeilen- und einen fünfgeschossigen Punktbau, die zwischen den Gleisen der viermal stündlich verkehrenden Regionalbahn und der Durchgangsstrasse Richtung Niederwangen platziert sind. Ein Knick im Zeilenbau markiert die zentrale Erschliessung, im Erdgeschoss befindet sich an dieser Stelle der Gemeinschaftsraum der Siedlung. Südostseitig liegt der durch die Gleise und die Neubauten gebildete namensgebende Hof der Anlage, der rautenförmige Punktbau schirmt den Garten vom Strassenlärm ab. Die Erdgeschosse beider Bauten werden öffentlich genutzt, hier befinden sich u.a. ein Coiffeur, ein Kiosk, ein Optiker, ein Claro-Weltladen und eine Dépendance der Spitex.

Beide Bauten gleichen sich in der Fassade, im Wohnungsangebot hingegen unterscheiden sich die Volumen: Während im Zeilenbau in den drei Obergeschossen 33 Ein- bis Dreizimmerwohnungen (42.5–78.5 m²) mit einer Laubengangerschliessung untergebracht sind, befinden sich im fünfgeschossigen Punktbau 16 windmühlenartig um einen Erschliessungskern gruppierte Dreizimmerwohnungen mit einer Fläche von 80–86 m².

Die Wohnungen des Zeilenbaus sind jeweils von zwei Seiten belichtet, über die versetzte Anordnung der eingeschobenen Kerne aus Reduits und Nasszellen ergibt sich in den Haupt­räumen eine Zonierung, die eine Staffelung von den öffentlichen Bereichen am Laubengang (Küchen / Essbereiche) zu den privateren auf der Südostseite erlaubt. Diese Anordnung soll Begegnungen ermöglichen und so die Erschliessungszone aufwerten. Grosszügige, zum Hof orientierte Loggien bieten einen geschützten Aussenraum. Im Inneren weisen lediglich die schwellenlosen Nassräume auf die spezielle Nutzung hin: Statt eines Spiegelschranks über dem Lavabo wurden Schränke eingebaut, die auch für Rollstuhlfahrer benutzbar sind. Ein Badezimmer mit Badewanne (mit Einstieg) kann zusätzlich von allen Mieterinnen und Mietern genutzt werden. Daneben sind gewisse Leistungen wie die Gebäudereinigung und der Unterhalt der gebäudetechnischen Anlagen extern vergeben. Auf der sozialen Ebene begleitet die Verwaltung mit der Genossenschaft «Zukunftswohnen» die Bewohner und Bewohnerinnen mit einem Coaching. Arbeitsgruppen, etwa zur Betreuung einer Bibliothek oder des Gartens, sollen die Bindungen der Mieterinnen und Mieter untereinander stärken. Noch sucht die Genossenschaft «Am Hof» ihre Identität – was neben dem Neubezug vor allem durch das Wegfallen der im Wettbewerb noch vorgesehenen Gemeinschaftsflächen behindert wird. Der geplante Fitness- und Wellnessbereich musste auf Wunsch der Totalunternehmung weichen – stattdessen sind nun Aussenfitnessgeräte für den Garten in Planung. Der finanziellen Optimierung konnte lediglich ein für ­Bewohner und ­Bewohnerinnen mietbares Gästezimmer im 1. Obergeschoss und ein redimensionierter Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss entgehen. Inwieweit die Mieterinnen und Mieter tatsächlich am genossenschaftlichen Miteinander interessiert sind, bleibt zu diesem Zeitpunkt – sechs Monate nach Bezug – offen.

Gemeinschaftswohnen Winterthur-Seen

Der Neubau mit seiner Fassade aus blau gestrichenen, horizontalen Holzlamellen liegt ­etwas zurückversetzt an der Kanzleistrasse in einem Wohnquartier nahe der S-Bahn-Station von Winterthur-Seen. Die über die Gebäudeecken gebogenen Lamellen markieren in den ­Brüstungsbereichen als umlaufende Bänder die Geschosse, dazwischen sitzen die weissen Fensterrahmen der grosszügigen Öffnungen. Auf der Gartenseite ergibt sich ein ganz ­anderes Bild des Wohnbaus: Die Lamellen öffnen sich im Brüstungsbereich der über die Geschosse durchlaufenden Balkonzone – die raumhohe Befensterung ermöglicht auch bettlägerigen Personen den Blick ins Freie. Im Erdgeschoss liegt eine ausladende Holz­terrasse, die in den Garten führt. Die offenen Balkone und Terrassen wecken in Verbindung mit der blau gestrichenen Fassade Assoziationen an skandinavische Wohnbauten. Die ­Balkonzonen werden durch Rücksprünge des sich in die Tiefe staffelnden Grundrisses ­zoniert, ohne dass eine Trennung zwischen den einzelnen Wohnungen erforderlich wird. Diese Idee spiegelt das Wohnkonzept: Wer möchte, kann an der Gemeinschaft teilhaben – wer für sich sein möchte, kann sich zurückziehen.

Als private Initiative wurde 2007 der Hausverein Kanzlei-Seen gegründet, der sich auf der ­Suche nach einem geeignetem Objekt für ein Wohnkonzept, das den Gemeinschaftsgedanken betont, an die Winterthurer Genossenschaft GESEWO wandte. Die 1984 gegründete ­gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaft bietet ihren Mitgliedern die Möglichkeit des selbstbestimmten Wohnens in der Gemeinschaft.[4] Sie stellt für unterschiedliche Nutzer­gruppen Wohn- und Gewerberaum zur Verfügung. Die Bewohner und Bewohnerinnen ­organisieren sich in Hausvereinen selbst, und die Genossenschaft unterstützt diese bei der Verwaltung der Liegenschaften. Der Hausverein ist für die Auswahl neuer Mieterinnen und Mieter und den Gebäudeunterhalt verantwortlich und definiert auch die Notwendigkeit von Erneuerungs- und Renovationsarbeiten für die jeweilige Liegenschaft. In vom Hausverein ­organisierten Sitzungen werden die Hausregeln, das Budget, anstehende Unterhaltsarbeiten, die Nutzung der gemeinschaftlichen Anlagen besprochen. Je nach Bedarf kommen Vertreter der Genossenschaft hinzu.

Bei seinem Vorhaben kam dem damaligen Hausverein der Zufall zu Hilfe. Auch die Genossenschaft überlegte zu diesem Zeitpunkt, ein Projekt zu realisieren, das in Bezug auf das gemeinschaftliche Wohnen über die gängigen Konzepte hinausgeht. In Folge wurde für das aus zwei Parzellen zusammengelegte Grundstück an der Kanzleistrasse ein Studienauftrag ausgeschrieben. Die Zürcher Architekten Haerle Hubacher überzeugten mit ihrem Konzept eines Gemeinschaftswohnhauses (vgl. TEC21, 14/2008). Zentrale Idee, die sich in der Grundrissorganisation ablesen lässt, ist die Anordnung von kleineren privaten Wohneinheiten um grosszügige gemeinsam genutzte Räume (Abb. 18–19; vgl. auch TEC21, 7/2011).

Das im Dezember 2010 fertiggestellte Wohnhaus beherbergt 16 Wohneinheiten von 38 bis 67 m² auf vier Geschossen, dazu kommen gut 400 m² für gemeinsame Nutzungen, die im ganzen Haus durch den Bodenbelag aus rotem Linoleum gekennzeichnet sind. Den grössten Anteil davon nehmen die Flächen im Erdgeschoss ein. Über den Haupteingang gelangt man in einen offenen Flurbereich und blickt direkt auf den grossen, zur Terrasse ausgerichteten Gemeinschaftsraum. Der Raum wird genutzt – täglich, nicht nur bei Veranstaltungen, wie es bei grösseren Anlagen oft der Fall ist. Die Küche bietet genug Platz zum gemeinschaftlichen Kochen, zu dem sich die Bewohner regelmässig verabreden. Im Erdgeschoss liegt auch ein Zimmer mit eigenem Bad, das Freunde und Verwandte auf Besuch nutzen können. Im ersten und zweiten Obergeschoss ist die Gemeinschaftsfläche eine grosszügige Erschliessungszone mit geräumigen Nischen zur Strassen- und Gartenseite. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben sie unterschiedlich belegt und als Bibliothek, Bügelecke, Platz zum Musizieren oder PC-Arbeitsplatz eingerichtet. Im dritten Obergeschoss geht die Zone in einen grossen Gemeinschaftsraum mit Küchenzeile über, hier sollen künftig Veranstaltungen für das Quartier, wie zum Beispiel Lesungen, durchgeführt werden. Auf jeder Etage befinden sich Stauflächen für die einzelnen Wohnungen in einem Einbaumöbel.

Die offenen Gemeinschaftszonen geben den Bewohnern Raum für die Gestaltung privater Eingangssituationen. Diese Bereiche erinnern an die Gassen eines Altstadtquartiers, wo die individuellen Hauszugänge ganz ähnlich mit Blumen oder Bänken markiert sind. Alle ­Wohneinheiten sind mit eigener Küchenzeile und einem Bad mit schwellenloser Dusche ­ausgestattet und haben Zugang zu den zum Garten orientierten Balkonzeilen.

Die Bewohnerinnen und Bewohner an der Kanzleistrasse sind seit etwas mehr als einem Jahr in ihrem neuen Heim. Noch wird an den Definitionen der Flächen und den Nutzungen gearbeitet, doch schon jetzt zeigt sich, dass die Mieter Bereitschaft zeigen müssen, sich auf das Konzept einzulassen. Die Pflichten im Haus wie die gemeinschaftlichen Aktivitäten machen aus den 18 Mietern eine grosse Wohngemeinschaft – neben all den Vorteilen birgt das auch Konflikte.

Selbständigkeit hält fit

Die vorgestellten Beispiele verdeutlichen, dass es sich für zukünftige Mieter wie auch für Bauherrschaften und Planerinnen und Planer lohnt, über die Zielgruppen der einzelnen Projekte, deren Bedürfnisse und Möglichkeiten nachzudenken. Dass dieses Wissen die Architektur beeinflusst, zeigen die Beispiele in Winterthur und Köniz; umgekehrt wirkt sich diese auch auf das spätere Zusammenleben aus. Die Alterswohnungen in Zürich werden von den Bewohnerinnen angenommen. Trotz der Grösse gibt es im Haus eine gewachsene Nachbarschaft, die Nähe zulässt. In Köniz ­dagegen ist die gegenüber dem ursprünglichen Konzept veränderte Anlage deutlich un­persönlicher. Durch die reduzierten Gemeinschaftsflächen und die nur in der Minimalvariante umgesetzte Gestaltung des Gartens gibt es für die Bewohnerinnen und Bewohner weniger räumliche Berührungspunkte für einen zwanglosen Austausch. Zudem manifestiert sich in den Grundrissen des Punktbaus ein Grundproblem des Projekts: Für Alleinstehende oder Paare sind die Wohnungen zu gross und mit durchschnittlich über 2000 Fr. Miete auch zu teuer. Die kleineren und auf den ersten Blick etwas unkonventionelleren Wohnungen mit dem Z-förmigen Grundriss im Zeilenbau sind hingegen (fast) alle vermietet. Allerdings liegt der Altersdurchschnitt der Mieter und Mieterinnen mit 70 Jahren höher als ursprünglich anvisiert – ein Indiz, dass der Wechsel vom Familienwohnen zu kleineren Einheiten häufig erst nach der Pensionierung erfolgt und damit deutlich später als von den Investoren proklamiert.

Fast ein Mehrgenerationenhaus ist dagegen die Wohngemeinschaft in Winterthur: Mit einem Altersspektrum von 50 bis 90 Jahren und sowohl Berufstätigen als auch Paaren ist die Diversität innerhalb der 16 Parteien vergleichsweise hoch. Entscheidend ist hier der Gemeinschaftsaspekt: Die Selbstverwaltung und demokratische Entscheidungsfindung benötigt viel Zeit und ­Engagement. Doch der Aufwand scheint sich zu lohnen, die Bewohner und Bewohnerinnen haben das Haus in Besitz genommen.

Ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Wahl des individuellen Wohnmodells ist der ­finanzielle Aspekt: Einen Einkauf in eine Genossenschaft kann sich nur leisten, wer über das entsprechende Vermögen verfügt. Vor allem Frauen, die aufgrund der höheren Lebenserwartung (vgl. «Für eine selbständige zweite Lebenshälfte», S. 22) die Mehrheit der über 65-Jährigen stellen, haben aufgrund niedriger Renten oder nach einer Scheidung oft nicht die finanziellen Mittel, um ihre Wohnform tatsächlich selbstbestimmt wählen zu können.

Eine Bauherrschaft, die – wie bei der Alterssiedlung Dufourstrasse – auf diese begrenzten Möglichkeiten mit einem auch architektonisch überzeugenden Angebot reagiert, erweist sich in einer solchen Situation als Glücksfall.


Anmerkungen:
[01] Informationen: www.wohnenab60.ch
[02] Schweizerische Bauzeitung, 23/1926, S. 31
[03] Informationen: www.zukunftswohnen.ch
[04] Informationen: www.gesewo.ch

16. Dezember 2011 TEC21

À la Recherche …

Lässt sich Identität räumlich konstruieren? Die erstmals im Frühling 2009 an der ETH Zürich gezeigte Installation «The Lost Space of Stiller» des in London tätigen Architekten Markus Seifermann wagt eine räumliche Annäherung an ein Standardwerk der Identitätssuche, Max Frischs Roman «Stiller» von 1954. Die vielschichtige Interpretation soll Besucher und Besucherinnen dazu anregen, vermeintliche Gewissheiten infrage zu stellen – und den Fokus in der Architektur von den Zahlen wieder zu den Menschen zu verlagern.

Die Frage nach Identität ist ein roter Faden im Werk des Zürcher Schriftstellers und Architekten Max Frisch. Sein Roman «Stiller» (vgl. S. 20) bildet mit «Homo Faber» (1957) und «Mein Name sei Gantenbein » (1964) eine Trilogie, in der der Autor die Konstruktion der eigenen Identität durch die Beziehung zu seinen Mitmenschen auslotet – und dabei immer den Anspruch erhebt, wandelbar zu bleiben, Unvorhergesehenes zuzulassen.

Dieses Moment des Zufalls als Instrument der Erkenntnis steht auch im Zentrum der Installation «The Lost Space of Stiller – eine räumliche Annäherung»[1]. In seiner Masterarbeit 2005 an der Londoner Bartlett School of Architecture beschäftigte sich der Architekt und Gründer des Londoner Architekturbüros ’Patalab Markus Seifermann (vgl. Kasten) mit den räumlichen Bezügen in Frischs Werk, vor allem im «Stiller». Das Resultat waren 13 Collagen, die imaginierte Identitätsmaschinen zeigen. Mit ihnen werden Geschichtskokons geerntet, aus deren Fäden der Stoff für Stillers Geschichtsanzüge gesponnen wird (Abb. 7–9) – auch ein Verweis auf den Protagonisten aus «Mein Name sei Gantenbein», der «Geschichten anprobiert wie Kleider»[2]. Diese Collagen bildeten die physische und theoretische Basis für die Installation «The Lost Space of Stiller», die im Februar 2009 in der Haupthalle der ETH Zürich erstmals gezeigt wurde (weitere Ausstellungen sind für 2012/13 geplant, TEC21 wird berichten). Seifermann machte sich damit daran, Stiller nicht nur mit Identitäten auszustatten, sondern diese zu erforschen.

Raumgreifende Collage

Um sich der breiten Rezeption von Frischs Werk zu entziehen, wandte der Architekt architektonische Methoden an: Er transformierte seine Arbeit vom Plan ins Dreidimensionale. Im Zentrum seiner Installation stehen aber nicht die Handlungsorte des Romans, sondern die zweite Ebene, auf der sich die Geschichte abspielt: die Räume, die sich zwischen den Romanfiguren auftun, die unsichtbaren, aber spannungsvollen Zwischenräume – «das Unsagbare, das Weisse zwischen den Worten» (Max Frisch)[3]. Um die nötige Distanz zur Handlung des Buches aufzubauen, führte Seifermann die Kunstfigur des «identity stalkers» ein: Der Stalker ist auf der Suche nach der wahren Identität von Anatol Ludwig Stiller, die Installation ist seine Wohnung. Hier sammelt er akribisch Indizien für Stillers Identität, die er zu einem fassbaren Ganzen zusammenfügen will.

Die eigentliche Wohnung bilden vier hölzerne Frachtcontainer, einer davon aufgeplatzt als offene Wohnfläche, auf der Sofa, Fernseher, Teppich und Kronleuchter gruppiert sind. Jede dieser Einheiten erzählt eine Episode der Suche des Stalkers. So kann auch der Kronleuchter im Wohnzimmer mehr als nur leuchten: Eingebaute polierte Türknäufe spiegeln die Gesichter der Besucher, die Spiegelungen werden von im Kronleuchter installierten Kameras gefilmt. Auch die Maschinencollagen aus Seifermanns Abschlussarbeit tauchen wieder auf. Gesammelt in einem transportablen Collagiertisch (Abb. 10), verweisen sie auf die Vergänglichkeit vermeintlicher Gewissheiten. In einem der Container befindet sich das Badezimmer. An die Decke gehängt, bilden acht asynchron laufende Rasierapparate die Geräuschkulisse für die gesammelten Darstellungen in der Glasvitrine an der Wand: 18 Barthaarlandschaften in Petrischalen, mit denen der Stalker ein Barttagebuch führt und sich, wie Frischs Protagonist aus «Homo Faber», seiner selbst versichert.[4] In der Duschwanne trifft man wieder auf die Impressionen aus dem Kronleuchter: Die von den Kameras gefilmten verzerrten Spiegelungen werden in die Duschwanne projiziert, der Stalker duscht in den Bildern seiner Besucher und eignet sich so Teile ihrer Identität an, bevor er die Bilder durch den Abfluss spült (Abb. 6). Ein weiterer Container enthält das Esszimmer. Sechs Puppentorsi sind um eine gedeckte Tafel arrangiert, aber statt Teller und Besteck ist vor jedem Torso ein Fleischwolf platziert (Abb. 2). Die Torsi hängen an Fleischerhaken an der Decke und sind gefesselt – wurden hier im Rahmen der Wahrheitssuche Zeugen für Stillers Existenz gefoltert, ihre Körperteile durch den Fleischwolf gedreht?

Eine Treppe im dritten Container führt auf den Estrich, aus der Öffnung in der Decke tönen Geräuschfetzen. Ein Plattenspieler graviert hier in einer Endlosschlaufe seine Spuren in den Abguss einer Wachsschallplatte. Mit jeder Umdrehung kratzt die Nadel die aktuelle Wahrheit in das Wachs, ein Trichter überträgt die Botschaft akustisch in die Wohnung des Stalkers.

Synästhetische Spurensuche

Auf seiner Spurensuche bedient sich der Stalker forensischer Methoden. Er durchforstet Schweizer Telefonbücher nach Namensvettern von Stiller, er zerlegt Gedrucktes und dreht die Einzelteile durch seine imaginierten Geschichtsmühlen (Abb. 8). Wie ein Könner der Molekularküche zerlegt er seine Funde, um daraus die Essenz von Stillers Identität zu extrahieren. Diese Dekonstruktion kann nicht zum Erfolg führen: Je akribischer der Stalker sammelt, umso nebulöser werden die Grenzen von Stillers Existenz. Oder wie Max Frisch Mitte der 1940er-Jahre in seinen Tagebüchern schreibt: «Wahrheit kann man nicht beschreiben, nur erfinden.»[5] Umgesetzt hat Seifermann diese Suche auf verschiedenen Ebenen. Die Eindrücke der Collagen, Geräusche, Bilder und Diaprojektionen verschwimmen zu einem diffusen Gemisch aus Faszination, Ekel und Erotik, und treffen dabei vermutlich genau jenes Gefühl, das den Stalker mit dem Objekt seiner Begierde verbindet. Der Eindruck, der dadurch entsteht, ist suggestiv, irrational, manchmal heiter, oft verstörend.

Wie der Stalker seine Indizien, zerlegt Seifermann die Literatur und setzt sie präzise zu seiner «räumlichen Annäherung» neu zusammen. Ersterer benutzt Instrumente wie Lupen, Pinzetten, Mühlen, Rasierapparate, Trichter und Kameras; Seifermann arbeitet mit Entwurfsmethoden der Architektur, setzt Fragmente ein, stellt Collagen her und gebraucht Readymades – ähnlich wie Frisch im 1979 erschienenen «Der Mensch erscheint im Holozän». Diese Medien überlagern sich, ihre (Informations-)Schichten sind kontinuierlich im Fluss und bieten so Raum für den Zufall und neue Erkenntnisse. Nicht die einzelnen ausgestellten Gegenstände stehen im Vordergrund, sondern das, was sich durch deren Kombination im Raum abspielt. Tatsächlich wäre es Seifermann am liebsten, könnte er die Frachtcontainer jeweils an verschiedenen Orten einer Stadt platzieren: Durch eine grössere Distanz käme damit in bester ’pataphysischer Manier (vgl. Kasten, S. 30) mit dem Zeitfaktor eine weitere Ebene hinzu – das, was den Besuchern und Besucherinnen auf dem Weg zwischen den einzelnen Exponaten passiert.

Erinnerungen und Überlagerungen

Mit dem Einbezug des in der Architektur in der Regel fehlenden Phänomens der Zeit, schlägt Seifermann die Brücke zu seinen Referenzen. Als Vorbilder nennt er neben Marcel Proust und den Surrealisten zeitgenössische Werke wie Wilfried Georg Sebalds Roman «Austerlitz» (2001)[6] oder Christopher Nolans Film «Memento» (2000)[7]. Der Schriftsteller und der Filmemacher kreieren in ihren Arbeiten zwischenmenschliche Räume, die mit einer linearen chronologischen Abfolge nicht darzustellen wären. Neben den künstlerischen gibt es auch wissenschaftliche Bezüge aus der Neurologie. Die spiegelnden Türknäufe im Kronleuchter stammen beispielsweise aus einer Episode in Oliver Sacks Buch «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte»[8]. Darin berichtet der Autor von einer Person mit Identitätsverlust, die nur noch mit Knöpfen, Ringen oder Türknäufen sprach. Der Türknauf zeigte das eigene Spiegelbild, aber so verzerrt, dass in der Wahrnehmung der Person tatsächlich der Türknauf kommunizierte.

Offenheit für Interpretationen

Max Frischs Arbeiten räumlich zu interpretieren, erscheint bei genauerer Überlegung fast logisch – und dies nicht wegen dessen Ausbildung und Tätigkeit als Architekt oder der hohen Wertschätzung, die der Autor in Architektenkreisen geniesst. Frischs Romanfiguren sind räumlich angelegt, werden weniger über ihre Handlungen als über ihre Ecken, Kanten und Beziehungen untereinander charakterisiert. Über diese Beschreibungen erschliesst sich das Innenleben von Frischs Figuren.

Sich auf «The Lost Space of Stiller» einzulassen, verlangt Neugier und Unvoreingenommenheit. Dafür werden die Besucher und Besucherinnen mit einer Annäherung an ein literarisches Werk belohnt, die gänzlich ohne Text auskommt. Man kann sich bei der Auseinandersetzung mit der Installation nicht nur festgefahrener Sichtweisen zu Frischs Werk entledigen, sondern erfährt am Ende womöglich mehr über die eigene als über Stillers Identität. Tatsächlich ist die Installation aber auch als architektonisches Statement zu verstehen: gegen festgefügte Vorstellungen von Architektur, gegen einen Rationalismus, der alles mess- und damit vermeintlich beherrschbar gestalten will. «The Lost Space of Stiller» ist damit auch ein Plädoyer dafür, sich wieder den Menschen in den Räumen, ihren Fantasien, Hoffnungen, Wünschen und Ängsten zuzuwenden.


Anmerkungen:
[01] Erstmals gezeigt wurde die Ausstellung im Frühjahr 2009 an der ETH Zürich, ein Jahr später war sie in Teilen zusammen mit «The Poet’s Garden» (s. «Ceci n’est pas …», S. 36) im Architekturforum Ostschweiz zu sehen
[02] Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1964
[03] «Was wichtig ist: das Unsagbare, das Weisse zwischen den Worten, und immer reden diese Worte von den Nebensachen, die wir eigentlich nicht meinen.» Aus: Tagebuch 1946–1949, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1950
[04] «Ich fühle mich nicht wohl, wenn unrasiert […]. Ich habe dann das Gefühl, ich werde etwas wie eine Pflanze […].» Aus: Max Frisch, Homo Faber, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1957
[05] Max Frisch, Schwarzes Quadrat: Zwei Poetikvorlesungen. Hrsg. von Daniel de Vin, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008
[06] Wilfried Georg Sebald, Austerlitz, Hanser Verlag, München 2001
[07] Christopher Nolan, Memento, I Remember / Newmarket Capital Group / Team Todd, USA 2000
[08] Oliver Sacks, Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, Rowohlt, Rheinbeck 1988 Ein Film zur Ausstellung mit Erläuterungen von Markus Seifermann ist auf youtube zu sehen: www.youtube.com/watch?v=LIQr2DhAKgY

29. Juli 2011 TEC21

Wohnen Im Silo

Die Obermühle in Baar ist die älteste urkundlich erwähnte Mühle im Kanton Zug (vgl. Kasten). Nachdem der Betrieb 2001 ausgelagert worden war, entwickelten die Architekten von NRS-Team aus Baar einen Gestaltungsplan für das gesamte Areal. Dabei erhielt das 35 m hohe Silo eine neue Nutzung: Wo früher Mehl und Getreide lagerten, befinden sich nach dem zusammen mit Berchtold Eicher Bauingenieure ausgeführten Umbau seit Mitte 2010 Wohnungen und Ateliers. Die Spuren der ursprünglichen Nutzung bleiben erkennbar. Neben dem markanten Siloturm und dem historischen Mühlengebäude besteht das Ensemble aus einem Kleinkraftwerk am Mühlebach, das in die Energieversorgung des neu genutzten Silos mit einbezogen wurde, sowie aus zwei Fabrikantenvillen von 1910. Ausser dem Silo sind alle Gebäude im Inventar der schützenswerten Bauten des Kantons Zug aufgeführt. Dennoch sollte auch dieser Bau erhalten bleiben, als Landmark und um den Ort als historischen Industriestandort aufzuwerten.

Die bestehenden Bauten auf dem Areal zu Wohn- und Büroflächen umzunutzen, lag zwar vor dem Hintergrund des angespannten Wohnungsmarktes im Grossraum Zug auf der Hand, drängte sich jedoch beim Silo aufgrund der vorhandenen Bausubstanz nicht unbedingt auf. Zwar befand sich dieses in gutem Zustand, aber mit seiner vertikalen Ausrichtung, den fensterlosen Fassaden und seinen vergleichsweise kleinräumigen Schächten bietet es auf den ersten Blick nicht die optimale Grundstruktur für zeitgenössisches Wohnen. In einem von der kantonalen Denkmalpflege und dem Zuger Bauingenieurbüro Berchtold Eicher begleiteten Prozess konnte schliesslich mit einer Kombination aus Erhalt des Bestands, Um- und Neubau eine Lösung gefunden werden, die den heutigen Bedürfnissen für Wohnungsbau gerecht wird, aber die ursprüngliche Nutzung erkennbar lässt. Der L-förmige Silobau wurde dafür nordseitig auf einen Rechteckgrundriss zurückgebaut und das im Westen an den Turm anschliessende Mühlengebäude um einen fünfgeschossigen Neubau ergänzt. Westseitig diesem ursprünglichen Kern vorgelagert ist eine 2.20 bis 3 m breite neue Schicht, die sich auch visuell durch die Verwendung von Zinkblech als Fassadenbekleidung von der bestehenden Bausubstanz abhebt (Abb. 1). Diese Erweiterung ermöglichte eine Vergrösserung der Wohnfläche sowie den Einbau von Loggien, die teilweise als vertikale Gärten mit Bäumen bepflanzt sind. Deren versetzte Anordnung bildet eine Art Riss in der Fassade, während sich die im Sichtbeton belassenen und nur durch die notwendigen Fenster ergänzten Nord-, Süd- und Ostfassaden eher verschlossen präsentieren.

Nur für Schwindelfreie

Das Raster der Getreideschächte innerhalb des Silos bestimmte massgeblich die Grundrisse der Wohnungen. Im Nord- und im Südteil lösten die Architekten die Zellenstruktur des 9.60 m × 35.70 m grossen Bestands auf, hier sind jetzt vom 2. bis 9. Obergeschoss jeweils eine Dreieinhalb- und eine Viereinhalbzimmerwohnung untergebracht (Abb. 13). Im Erdgeschoss und im 1. OG befinden sich Atelier,- Gewerbe- und Wohnflächen; Geschoss 10 und 11 verfügen über eine Fünfeinhalbzimmerwohnung sowie drei Viereinhalbzimmerwohnungen (Abb. 14). Der Mittelteil des Silos fungiert bis zum 9. OG als Erschliessungszone, hier liessen die Architekten 12 der ehemals 45 Getreideschächte stehen. Sie erstrecken sich über die Höhe von 25 m und dienen der Vertikalerschliessung mit Lift- und Treppenkernen sowie als Luftraum, der Ausblicke nach draussen erlaubt und die Vertikalität des Baus spüren lässt: Die belassenen Schüttspuren des Getreides entwickeln fast eine Sogwirkung (Abb. S. 15). Darüber hinaus bilden die Schächte eine nicht isolierte Vorzone vor jeder Wohnung und können als Lagerraum genutzt werden, analog zur ursprünglichen Nutzung (Abb. 12).

Tragstruktur genutzt, ersetzt, durchbrochen

Um den Anforderungen an den Komfort und den Ansprüchen des Minergiestandards zu genügen, sind die 23 Wohneinheiten rundherum jeweils mit einer 20 cm starken Innendämmung versehen. Die restlichen Bereiche sind kalt. Die Siloaussenwand umfasst also als kalte Haut zusammen mit dem kalt belassenen, mittleren Siloteil die beiden warmen Wohnbereiche (Abb. 15). Zwischen diesen Kalt- und Warmbereichen ist der Bau konsequent dilatiert, um Zwängungen zu minimieren und Wärmeausdehnungen aufzufangen. Nur punktuell sind die beiden Bereiche mit Chromstahlstäben miteinander verbunden (Abb. 10). Weil in diesen Bereichen mit Kondensatbildung gerechnet werden muss, sind Verbindungselemente mit höherer Korrosionsbeständigkeit nötig. Rechnerisch wirken die beiden Teile nicht zusammen, doch tatsächlich trägt die sehr steife Wabenstruktur des Erschliessungsbereiches zur Aussteifung des gesamten Gebäudes bei.

Getrennt von der mehr als 85 Jahre alten Silotragkonstruktion, trägt das neue Betonskelett aus einzelnen Schotten, Geschossdecken und vorfabrizierten Stützen alle vertikalen und horizontalen Lasten aus dem Wohnbereich in den Baugrund. Die bestehende 80 cm dicke Bodenplatte musste nicht verstärkt werden, da die neuen Tragelemente auf das alte Raster ausgerichtet sind und die Lastbilanz zeigte, dass die neue Nutzung leichter ist als die ursprüngliche.

Die westseitige, jeweils monolithisch mit der bestehenden Tragkonstruktion verbundene Erweiterung für die Loggien erhielt hingegen ein neues Fundament. Um differenzielle Setzungen zu vermeiden, wurde sie gepfählt.

Der Rückbau der filigranen Wabenstruktur im Innern des Silos mit Zellwänden von nur 15 cm Stärke erfolgte etappenweise und nach einem von den Bauingenieuren präzis geplanten und vorbestimmten Schema: Deckenabbruch, Spriessarbeiten, Anbringen von provisorischen Aussteifungen und Abbruch von Zellwänden wechselten sich ab. Zuerst begannen die Arbeiten im nördlichen, dann im mittigen und schliesslich im südlichen Siloteil. Dabei durften die Arbeiten im Silo Nord gegenüber jenen im Silo Mitte aus Stabilitätsgründen nicht mehr als zwei Geschosse Vorlauf haben. Die Betonarbeiten für die Neubaukonstruktionen erfolgten, sobald die Rückbauarbeiten in den betreffenden Schächten abgeschlossen waren.

Für den Brandfall ertüchtigt

Um die Wabenstruktur im Erschliessungskern bewahren und vor allem auch sichtbar belassen zu können, musste sie aufgrund der Nutzungsänderung den Anforderungen des Brandschutzes genügen. Der Treppenkern und das gesamte UG mussten in der neuen Nutzung die Feuerwiderstandsklasse R90 erfüllen und die restlichen Bereiche im EG bis zum 11. OG die Klasse R60. Die Bauingenieure überprüften deshalb die bestehende Betonkonstruktion auf ihren Brandwiderstand. Sie ermittelten die Wandstärken und die Bewehrungsüberdeckungen, indem sie im UG mit einem Profometer und im EG bis zum 4. OG in den Bereichen, wo Türen oder Fenster in die Zellwände gefräst worden waren, mit dem Massstab arbeiteten. Die Wände des Treppenhauses erfüllten die Anforderung R90 nicht – die Bauteilabmessungen und die Bewehrungsüberdeckungen waren kleiner als die erforderlichen 145 mm bzw. 20 mm. Deshalb wurde das Treppenhaus mit einer Vormauerung oder mit einer Betonaufdoppelung ertüchtigt. Die Wände und Stützen im Untergeschoss erfüllten zwar die Anforderung R90 bezüglich der Abmessungen – die Wände waren mindestens 300 mm und die Stützen mindestens 600 mm stark –, die Bewehrungsüberdeckungen waren jedoch geringer als die erforderlichen 19 mm. Die betroffenen Wandbereiche wurden mit Vormauerungen aus Kalksteinmauerwerk, Vorbeton oder mit Brandschutzverkleidungen ertüchtigt. Für die Wände im Erdgeschoss und in allen Obergeschossen mussten hingegen keine Massnahmen getroffen werden, da sie die Anforderung R60 an die Bauteilabmessung mit mindestens 145 mm und an die Bewehrungsüberdeckungen mit minimal 20 mm erfüllen – der gesamte Erschliessungskern darf sich deshalb unbearbeitet und unabgedeckt zeigen.

Für 30 Jahre, für 100 Jahre

Die roh belassenen Betonwände der drei Fassaden und des Erschliessungskerns bewahren den Silocharakter. In den Wohnungen ist es neben der kalten Vorzone vor allem die unverbaute Aussicht, die das ehemalige Silo spüren lässt. Die Innenräume sind unprätentiös mit weiss verputzten Wänden, weiss lasierten Betondecken und industriellem Eichenparkett ausgestattet. Die deutliche Unterscheidung zwischen der Rohheit der Tragstruktur und dem Innenausbau betont die verschiedenen Zeitachsen der Elemente: die Wohneinheiten, die zwar nicht gerade temporär, aber doch reversibel eingebaut sind, und das 85-jährige Tragwerk, das lange Zeit als Silo diente, jetzt Wohnungen beherbergt und in 30 Jahren vielleicht wieder einer ganz neuen Nutzung übergeben wird.

13. Mai 2011 mit Clementine Hegner-van Rooden
TEC21

Tresor aus Nagelfluh

2007 gewannen die Luzerner Architekten Lütolf und Scheuner den Wettbewerb für den Neubau der Raiffeisenbank in Küssnacht am Rigi. Ihr Entwurf «Nagelfluh» überzeugte städtebaulich, mit guter Raumorganisation und einem lokalpatriotischen Kniff: Der Projektname weist auf das vorherrschende Gestein der benachbarten Rigi hin und stellt so den Bezug zum Standort her. Die in der Materialisierung der Nagelfluh nachempfundenen, vorfabrizierten Fassadenschwerter sind scharfkantig, glatt – fast geschmeidig – und beeindruckend präzise ausgeführt.

Die Raiffeisenbank ist die drittgrösste Bank der Schweiz. Zur Firmenphilosophie gehören neben der genossenschaftlichen Struktur insbesondere die Kundennähe und die lokale Verankerung, die auch durch die Pflege der Baukultur verwirklicht wird (vgl. Dossier Raiffeisenbank, Beilage zu TEC21 47/2006). 2006 fusionierten die Raiffeisenbanken am Rigi und Arth-Goldau zur Raiffeisenbank am Rigi mit Hauptsitz in Küssnacht. Um dem zusätzlichen Raumbedarf gerecht zu werden, lobte das Unternehmen im Frühling 2007 einen Studienauftrag mit Präqualifikation unter zehn eingeladenen Architekturbüros aus, den die Luzerner Architekten Lütolf und Scheuner für sich entschieden. Ihr Entwurf überzeugte mit der präzisen Reaktion auf die städtebauliche Ausgangslage und mit der intelligenten Umsetzung des Raumprogramms. Ausschlaggebend war aber der örtliche Bezug: Das Motiv für die Materialisierung der Fassade lieferte die Nagelfluh – ein junges Konglomerat aus Sedimentgestein mit gerundeten, farblich unterschiedlichen Gesteinskomponenten, das für die benachbarte Rigi typisch ist (Abb. 12).

Transparent und sicher

Das Grundstück, auf dem die im August 2010 eröffnete Filiale steht, liegt an der Bahnhofstrasse im Zentrum von Küssnacht (Abb. 1). Die Nutzung des Quartiers ist durchmischt, auch für den Neubau war ein Wohnflächenanteil von einem Viertel der Gesamtfläche vorgeschrieben. Die umgebende Bebauung stammt aus den 1960er- bis 1980er-Jahren und zeichnet sich durch eine gewisse Beliebigkeit sowie eine Vielfalt an Formen und Farben aus. Mit seiner nahezu quadratischen Form und der zurückhaltenden Materialisierung bildet der viergeschossige Neubau einen Ruhepol im heterogenen Stadtbild.

Leicht von der Strasse zurückversetzt, befindet sich das Gebäude in einer Linie mit den benachbarten Bauten, die Südwestfassade reagiert mit einer Schräge auf die leichte Krümmung im Strassenverlauf. Eine gedeckte Vorzone führt in den Eingangsbereich im Erdgeschoss. Aufgestellte Kunststeinschwerter mit rechteckigem Querschnitt hüllen das Gebäude bis zum Dach ein. Von der Seite betrachtet, erscheinen sie als Fläche und thematisieren damit ein Kernthema einer Bank: Das Spannungsfeld zwischen Öffnen und Schliessen, zwischen Transparenz und Sicherheit. Unterschiede im Rhythmus der Schwerter betonen die einzelnen Geschosse und die verschiedenen Nutzungen: An der Südwestfassade stehen die Schwerter im Erdgeschoss, wo die Kunden die Bank betreten, im Abstand von 2.54 m; sonst variiert ihr Achsabstand zwischen 0.64 m und 1.27 m (Abb. 1).

Gemeinsame Erschliessung, getrennte Funktionen

Auf das Entrée der Bank mit Bancomat folgt die grosse Kundenhalle. An der Nordostseite des Baus sind Einzelbüros, Besprechungs- und Nebenräume angeordnet, in den beiden Obergeschossen gibt es weitere Büros und ein grosses Besprechungszimmer. Die Erschliessung der Räumlichkeiten erfolgt vom Untergeschoss bis zum 2. Obergeschoss über eine einläufige Treppe. Ein zweigeschossiger Einschnitt in der Nordwestfassade – er gliedert den Kubus zusätzlich (Abb. 1, Abb.13) – bildet einen geschützten Aussenraum für die Mitarbeitenden der Bank. Um diesen Aussenraum herum sind im Dachgeschoss die Räume der Wohnung angeordnet, mit den Zimmern an der Nordostseite des Baus und einem grossen Wohnraum gegen Süden. Die 3.5-Zimmer-Wohnung wird über den gemeinsam mit der Bank genutzten Lift und über ein unauffällig an der Nordostseite des Baus platziertes Treppenhaus erschlossen. Ein an der südöstlichen Ecke des Kubus eingebetteter Patio erweitert den Innenraum – selbst die Vorhangschienen sind in diesen Bereich weitergezogen – um ein Viertel der Wohnfläche. Zwischen den beiden funktionalen Einheiten Bank und Wohnung gibt es keinen Sichtkontakt.

Sorgfältig verhüllt

Die Innenräume der Bank zeichnen sich durch eine Eleganz aus, die wesentlich vom sorgfältigen Einsatz der Materialien erzeugt wird. Die Wände sind komplett mit Nussbaumfurnier belegt, Türen und Einbauschränke verschwinden in der zusammenhängenden Holzoberfläche (Abb.15). Der über 100-jährige Baum, der das Furnier lieferte, stammte aus dem luzernischen Napfgebiet und musste wegen eines Sturms gefällt werden, das Holz wurde versteigert. Das aus dem Stamm produzierte Furnier reichte für eine Fläche von mehr als 1000 m², das überschüssige Material wurde für allfällige Reparaturen und Renovationen eingelagert. Der geschliffene Terrazzoboden enthält den gleichen Schwyzer Kies wie die Fassadenelemente.

Dadurch scheint der optische Übergang von Fassade zu Fussboden, von innen nach aussen, nahtlos (Abb. 11). Aus der Farbpalette der Gesteinskörnung im Terrazzo stammen auch die farblichen Akzente der ansonsten schwarzen Möbel: Die Lederober flächen der Servicemöbel im Erdgeschoss sind ochsenblutrot, die Verdunkelungsvorhänge im Sitzungszimmer dunkelgrün gehalten. Der Hintergrund ist mit weissen Vorhängen vor den Glasfassaden und ebenso gestrichenen Decken schlicht gestaltet, gebäudetechnische Elemente sollten möglichst reduziert oder ganz eliminiert werden. Neben den obligatorischen Rauchmeldern finden sich an den Decken daher lediglich die Beleuchtungskörper, die die Architekten speziell für diesen Bau entwickelt haben. Sie gewährleisten eine ausreichende Beleuchtung, ohne zu blenden, – hinter den minim abgehängten Sichtblenden befinden sich zudem die Zugänge für Zu- und Abluft.

Auch die gesamte tragende Konstruktion des Gebäudes in Massivbauweise ist unsichtbar: Die schlaff armierten Betonwände, die Flachdecken und innen liegenden, schlanken Stahlstützen an den Deckenrändern sind eingekleidet und in das architektonische Raster eingegliedert. Die Stahlstützen beispielsweise – gedrungene, mit einem Brandschutzanstrich versehene Vollstahlprofile – sind in Aluminiumbleche eingefasst. Ob ein solches Aluminiumblech hohl ist oder ein tragendes Element beinhaltet, ist nur noch auf Plänen zu erkennen (Abb. 11). Das Verkleiden des Tragwerks mag verwundern, ästhetisch macht es durchaus Sinn: Die regelmässig angeordneten, identischen «Stützen», die wiederum die Abmessungen und den Rhythmus der äusseren Fassadenschwerter übernehmen, schaffen eine visuelle Ruhe im Inneren.

Präzis und scharfkantig

Den gleichen Ansatz verfolgt die Fassade. Hier schaffen einheitlich dimensionierte und materialisierte Elemente ein ausgewogenes Bild. Der Kräftefluss lässt sich in der Anordnung der Schwerter vermeintlich ablesen, tatsächlich tragen die Fassadenschwerter aber nur ausnahmsweise, wie teilweise im Erdgeschoss. Auch diese bautechnisch verschiedenen Elemente behandelten die Planenden nicht unterschiedlich: Die Nagelfluh ist Vorbild für die Materialisierung der Schwerter aus vorfabriziertem Beton – ob sie tragen oder nicht. Die Fassadenelemente, die einen Querschnitt von 35 × 16 cm und eine maximale Länge von 7.20 m aufweisen, bestehen aus hochfestem Stahlbeton. Dieser wird mit einem gebrauchsfertig vorgemischten Bindemittel auf Portlandzementbasis[1] und mit einer Gesteinskörnung von 0–16 mm hergestellt. Durch Zusätze von Fliessmittel, Entlüfter und Schwindreduktionsmittel werden die Verarbeitungseigenschaften optimiert und ein dichtes Betongefüge erzielt.

Der Wasser/Bindemittel-Wert liegt dabei unter 0.2. Durch die hohe Frühfestigkeit des Betons – der Beton für Küssnacht erreichte am 7. Tag eine Druckfestigkeit von 71.44 N/mm2 – konnten die Elemente bereits nach nur sechs Stunden ausgeschalt und nur einen Tag nach dem Betonieren betonwerksteinmässig bearbeitet werden; eine Zwischenlagerung der Ele- mente entfiel. Wegen seiner geringen Porosität konnten die gegossenen und mit vorfabrizierten Körben schlaff armierten Elemente ohne vorheriges Schlämmen direkt geschliffen werden.

Die Vorfabrikanten schliffen und polierten die Elementoberfläche mit einer eigens für dieses Projekt entwickelten Maschine mit fahrbarem Schleifkopf. Aus architektonischer Sicht war es dabei wichtig, dass die vielfarbigen Rundkiese des 16er-Korns aus der Innerschweiz nicht nur angeschliffen wurden, sondern dass diese auch in genügend grosser Form in Erscheinung traten – wie es bei Nagelfluh der Fall ist. Indem die Vorfabrikanten die Schalung für die Elemente auf jeder Seite etwa 3 bis 4 mm grösser erstellten als das definitive Sollmass und das Übermass anschliessend abschliffen, konnten sie diesen ästhetischen Anspruch erfüllen. Das problematische und bei diesem Beton ausgeprägtere Schwindmass konnte so ebenfalls aufgefangen werden. Entsprechend präzise mussten jedoch die Einlagen in die Schalung versetzt werden.

Der Self Compacting Concrete (SCC) ermöglichte in diesem Fall eine effiziente Vorfabrikation, wodurch sich sein Einsatz rechtfertigte beziehungsweise die Vorfabrikation erst rentabel wurde. Ausserdem lassen sich mit diesem Beton respektive mit seinen Materialeigenschaften unter anderem die scharfen Kanten und die glatte Oberfläche der Schwerter erklären – die Präzision und die Geschmeidigkeit beeindrucken auch aus der Nähe.

Angemessen selbstbewusst

Mit dem Neubau erhält die Raiffeisenbank einen repräsentativen Firmensitz, der sich baulich im heterogenen Umfeld behauptet, ohne den Strassenzug zu dominieren. Die aussergewöhnliche Präzision in Projektierung, Planung und Ausführung – vor allem in der Verwendung des Materials durch die verschiedenen Massstäbe hindurch – sorgt für die starke Präsenz, die der Bau an seinem Standort am Fuss der Rigi entwickelt.


Anmerkung:
[01] Flowstone der Firma Dyckerhoff. Dieses Produkt ist, neben Portlandzementklinker und Sulfatträgern (wie Gips), aus Hüttensand und Quarzmehl zusammengesetzt

13. Mai 2011 mit Claudia Carle
TEC21

Massgeschneidertes Lehmhaus

Von 2007 bis 2009 realisierten die Bieler spaceshop Architekten im solothurnischen Deitingen ein besonderes Einfamilienhaus. Der Bau dient als Experimentierfeld: Abwasserentsorgung und Energieerzeugung funktionieren nahezu autark, die Mehrheit der Baumaterialien – Lehm, Stroh, Bruchsteine und Holz – stammt aus einem Umkreis von maximal 10 km und wurde unveredelt weiterverwendet.

Die Anfänge des Projektes reichen bis ins Jahr 2004 zurück. Damals, nach dem Auszug seiner Kinder, konkretisierte Bauherr Ueli Flury seinen Wunsch nach weniger Wohnfläche. Als Baugrund bot sich der Garten seines damaligen Wohnhauses an, eines ehemaligen Bauernhauses mit angebauter Gärtnerei in der Dorfkernzone. Die Ausnützungsziffer des Grundstücks war noch nicht erreicht. Wichtiger als das eigentliche Gebäude war dem Bauherrn aber zunächst das bauökologische Konzept. Als Gärtner daran gewöhnt, mit den vorhandenen Ressourcen zu arbeiten und in möglichst geschlossenen Kreisläufen zu denken, wollte er diese Philosophie in den Bau einfliessen lassen. Gemeinsam mit dem befreundeten Landschaftsarchitekten Hans Klötzli und dem Bauökologen Ryszard Gorajek vom Berner Atelier für Architektur und Bauökologie AAB entwickelte er daher Lösungen für ein autark funktionierendes Gebäude mit einem möglichst geringen Aufwand an grauer Energie.

Neben den Baumaterialien umfasste der Ansatz auch Energieerzeugung und Abwasserentsorgung. Rasch wurde klar, dass der Aufwand relativ hoch ist und für einen Einpersonenhaushalt wenig Sinn ergibt. Man entschied sich daher, den Neubau in Bezug auf Fläche und Kapazität der technischen Infrastruktur für vier Personen zu konzipieren. Um die sorgfältige bauökologische Planung durch eine angemessene architektonische Qualität zu ergänzen, lud Bauherr Flury im Jahr 2006 vier Büros zu einem Studienauftrag ein, den die Bieler spaceshop Architekten für sich entschieden.

Bewegung durch Aussen- und Innenraum

Das Siegerprojekt beruht auf der Idee einer «promenade architecturale», auf der man sich zunächst von der Strasse aus entlang einer bestehenden Palisade in den hinteren Bereich des Gartens und ins Haus und anschliessend durch die seitlich gestaffelten Räume wieder in den Garten bewegt. Dieser Ablauf inszeniert unterschiedliche Ein- und Ausblicke in bzw. auf Haus und Grundstück und überspielt auch die geringe Grundfläche des pavillonartigen Baus, der nur drei Räume umfasst. Die beiden L-förmigen Lehmwände, die nahtlos vom Innen- in den Aussenraum übergehen, verweben die beiden Sphären nicht nur räumlich, sondern auch konstruktiv (Abb. 6). Wegen des hohen Grundwasserspiegels steht das Haus auf einem Sockel, was die Idee der «promenade» aufgrund der unterschiedlichen Bodenniveaus verstärkt. Betreten wird das Gebäude im zentralen Wohn-/Essbereich, der auch die Küche beherbergt und im Osten vom privaten Schlaf-/Badbereich sowie im Westen von einem Gartenzimmer flankiert wird. Das wesentliche Element der Küche ist der Stückholzherd, der sowohl zum Kochen als auch zum Heizen und zur Warmwassererzeugung dient. Er erwärmt das Wasser in einem Boiler und einem Wasserspeicher im Keller, von wo es an die Heizkörper in den Räumen abgegeben wird. Die dafür pro Jahr erforderlichen rund 10 Ster Holz stammen aus dem dorfeigenen Wald und werden vom Hausherrn zugeschnitten. Der relativ hohe Verbrauch ergibt sich aus dem Bedarf für die Warmwassererzeugung sowie aus den aufgrund des geringen Strohanteils eher mässigen Dämmwerten der Lehmwände.

Das Material gibt den Takt an

Nachdem das Raumprogramm und dessen konstruktive Umsetzung im Sommer 2007 feststanden, wurden zunächst die Strohballen für die Dämmung von Dach und Boden erworben: Die Landwirte verwenden unterschiedliche Maschinen für die Strohballenproduktion, dementsprechend unterscheiden sich deren Masse. Die Grösse der Strohballen bildete so das Ausgangsmodul für die gesamte Konstruktion. Auch das Fichtenholz aus dem Deitinger Burgerwald brauchte seine Zeit: Dem Mondkalender entsprechend wurde es Ende Oktober 2007 geschlagen. Um den Holzabfall so gering wie möglich zu halten, beschränkte man sich zudem auf die Normmasse für Holzbalken.

Der Bauherr wünschte sich bereits zu Beginn ein Lehmhaus. Neben der hohen Wärmespeicherfähigkeit des Materials sprach auch das angenehme Raumklima in Lehmhäusern mit einer relativ hohen, konstanten Luftfeuchtigkeit für diese Wahl. Lehm absorbiert zudem Gerüche – was sich bei der Nutzung der Wohnküche ohne Dunstabzug bereits als grosser Vorteil erwiesen hat. Die monolithischen Lehmwände sind auch visuell das dominierende Material des Baus. Sie sind in Lehmwellerbau-Technik errichtet, einer Massivlehmkonstruktion, die bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem in Ostdeutschland bei landwirtschaftlichen Ökonomiegebäuden zum Einsatz kam.[1] Dafür werden Stroh und Lehm in einem Mischungsverhältnis von ca. 25 kg Stroh auf 1 m³ Lehm gemischt, ohne Schalung mit einer Mistgabel zu einer Wand von bis zu 80 cm Höhe aufgeschichtet und anschliessend mit einem scharfen Spaten abgestochen (Abb. 3). Die Dicke der Wände von 80 cm ergab sich aus dem zu erreichenden Dämmwert – im Gegensatz zum zunächst favorisierten Stampflehm konnten mit dieser Technik die kantonalen Richtwerte eingehalten werden (s. Kasten S. 33). Das Stroh bietet zudem einen Witterungsschutz: Durch das Abstechen des Lehms sind die Halme von oben nach unten gerichtet, sodass Niederschläge ablaufen können und der dahinter liegende Lehm geschützt ist. Das Haus in Deitingen besteht aus vier horizontalen Schichten, die um das ganze Gebäude laufen. Konstruktiv geschützt werden die Lehmwände zudem durch bis zu 1.50 m grosse Dachüberstände. Das Dach und der Boden bestehen aus einer aufgedoppelten Balkenlage, in deren Zwischenräume die Strohballen als Dämmung gepresst wurden (Abb. 7). Die Dachhaut aus synthetischem Kautschuk ist mit einem Ziegelschrotsubstrat bedeckt und begrünt. Abgetragen werden die Dachlasten über in die Lehmwand eingelassene Holzstützen. Dieses Tragwerk ermöglichte zum einen den Bau eines Daches zum Schutz der Lehmwände während der Herstellung (Abb. 2). Zum anderen konnte so auf das Schwinden des Lehms reagiert werden: Während Fenster und Türen fest in die Holzkonstruktion montiert waren, konnten sich die Wände während des Trocknens innerhalb der Konstruktion bewegen, das Schwindmass betrug dabei etwa 10 cm. Ein weiteres lokales Baumaterial findet sich im Keller: Über Jahre vom Bauherrn gesammelte ehemalige Grab- und Brückensteine bilden die Kellermauern und den Sockel des Hauses. Um die graue Energie minimal zu halten, sind sie unbearbeitet mit Lagerfugen aus Trasskalkmörtel vermauert – ein reines Trockenmauerwerk im Keller akzeptierte der Tragwerksplaner nicht. Der Kellerboden besteht aus verdichtetem Mergel. Neben seiner Funktion als Lagerraum für Wein, Obst und Gemüse dient der Keller auch als Standort der Gebäudetechnik (Kompost-WC, Warmwasserboiler).

Graue Energie

Die Mehrheit der Baumaterialien stammt aus einem Umkreis von maximal 10 km und wurde roh belassen, um den energetischen Aufwand für Herstellung und Transport möglichst tief zu halten. Ausnahmen bilden die Flachdachabdichtung aus synthetischem Kautschuk, das Dachrandblech aus verzinntem Kupfer und die Doppelisolierverglasung. Auf Klebstoffe, Beschichtungen und Oberflächenbehandlungen wurde zugunsten eines gesunden Innenraumklimas verzichtet.

Die Bilanz der grauen Energie des Gebäudes, in die auch Lastwagentransporte und Maschineneinsätze eingerechnet wurden, ergibt mit 17.4 kWh/m2a einen Wert, der deutlich unter dem Zielwert des SIA-Effizienzpfades von 30 kWh/m2a liegt – dies trotz Eingeschossigkeit und relativ hohem Kelleranteil. Nicht eingerechnet ist in diesen Wert allerdings der Energieaufwand für die Trocknung der massiven Lehmwände mit Ölheizungen. Dieser war fast fünf Mal so hoch wie die graue Energie der Wände selbst (ohne Holzständer gerechnet), hätte aber mit einer besseren Zeitplanung vermieden werden können. Durch wetterbedingte Verzögerungen beim Bau der Lehmwände blieb vor dem gewünschten Bezugstermin nicht mehr genug Zeit für eine natürliche Austrocknung des Lehms.

Geschlossene, lokale Kreisläufe

Neben der Minimierung der grauen Energie lag den Planern vor allem der Gedanke der Autarkie des Gebäudes am Herzen. Die Umsetzung einer autarken Energieversorgung stellte sich in der Praxis jedoch als schwierig heraus. Da sich das Haus in einem Grundwasserschutzgebiet befindet, schied die Nutzung von Grundwasserwärme von vornherein aus. Geringes Windaufkommen und eine relativ hohe Bebauungsdichte sprachen gegen die Nutzung von Windenergie. In Erwägung gezogen wurde hingegen eine Biogasanlage, in der man die beim WC anfallenden Fäkalien sowie Feststoffe aus der Kläranlage hätte vergären und daraus Energie erzeugen können. Kleine, für einen Einzelhaushalt geeignete Biogasanlagen gibt es allerdings nur in Einzelanfertigung. Sie sind zudem unterhaltsintensiv. Daher verwarf das Planungsteam diese Option. Als weitere Variante für die Energieversorgung prüfte man die Nutzung von Wasserkraft. Der an der Grundstücksgrenze verlaufende Bach hat zwar ein geringes Gefälle, aber einen relativ hohen konstanten Abfluss, mit dem man ein Wasserrad hätte antreiben können. Diese Idee scheiterte jedoch an Bedenken des Fischereiverbandes.

Deshalb entschied man sich schliesslich für eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach des benachbarten Bauernhauses. Für eine autarke Energieversorgung hätte es eine Batterie gebraucht, die aber teuer und energieintensiv in der Herstellung ist. Der produzierte Strom wird daher komplett ins öffentliche Stromnetz eingespeist. Dafür bezieht der Bauherr wiederum Ökostrom aus dem Netz, dank energieeffizienten Geräten und einem Leben ohne Fernseher und PC aber nur ein Viertel der von der Fotovoltaikanlage produzierten Menge. Der überschüssige Strom kompensiert rechnerisch mit der Zeit die im Gebäude steckende graue Energie (siehe Kasten S. 33).

Autark ist das Gebäude hingegen beim Wasserkreislauf. Das Grundstück verfügt über eine eigene Quelle, die den Bauherrn mit Wasser in Trinkwasserqualität versorgt. Das Grauwasser, also das Abwasser aus Küche, Waschbecken und Badewanne, wird in einer Pflanzenkläranlage neben dem Gebäude gereinigt und dann als Giesswasser in der benachbarten Gärtnerei verwendet (Abb. 9). Da die 2 m lange und 8 m breite, mit Schilf bewachsene Kläranlage nicht wie sonst üblich im Boden versenkt werden konnte, um ein genügend grosses Gefälle zur Gärtnerei hin zu erhalten, trennt sie den Eingangsbereich nun optisch vom Garten. Das gereinigte Wasser erreicht gemäss Messung des Kantons Trinkwasserqualität. Trotzdem hätte man es wegen der Ausweisung des Grundstückes als Grundwasserschutzgebiet nicht im Garten versickern lassen dürfen. Nur die Synergie mit der Gärtnerei ermöglichte also den autarken Wasserkreislauf.

Das WC funktioniert ebenfalls ohne Anschluss an die öffentliche Kanalisation. Die Fäkalien werden in einem Kompostbehälter im Keller gesammelt. Die Zugabe von Holzschnitzeln verbessert das Stickstoff-Kohlenstoff-Verhältnis des Komposts. Das anfallende Abwasser verdunstet grösstenteils, der Rest muss alle zwei bis drei Wochen abgelassen werden und wird vom Bauherrn zur Düngung des Gartens verwendet. Der Kompostbehälter muss nur rund zweimal pro Jahr geleert werden. Das vorkompostierte Material wird in einem Silo weiterkompostiert und kann schliesslich als Gartenerde verwendet werden.

Verantwortung für den gesamten Lebenszyklus übernehmen

Da dort, wo ein Kanalisationsnetz besteht, der Anschluss von Gebäuden an dieses Netz Pflicht ist, waren der autarke Abwasser- und WC-Kreislauf nur dank einer Ausnahmebewilligung der Behörden möglich. Wäre der Anschluss an die Kanalisation nicht die einfachere und möglicherweise auch aus Sicht der grauen Energie günstigere Lösung gewesen? Einen genauen Vergleich der grauen Energie habe man nicht gemacht, erklärt Gorajek. «Vielleicht ist es mitten im Ort schon weniger sinnvoll, autark zu agieren, als beispielsweise auf einer Alp. Es ging uns bei diesem Projekt aber vor allem um die Eigenverantwortung für das gesamte Haus und alles, was dadurch an Abfällen entsteht.» Statt das Abwasser in der Kanalisation zu entsorgen und Reinigung und Bau der entsprechenden Infrastruktur anderen zu überlassen, übernehme man das selbst. «Und am Ende seiner Lebensdauer kann man das Haus mit gutem Gewissen verlassen und weiss, dass es dem Erdboden gleich wird, wenn es zusammenbricht.»


Literatur:
[01] Christoph Ziegert: Lehmwellerbau. Konstruktion, Schäden und Sanierung. Fraunhofer IRB Verlag, Stuttgart, 2003

1. April 2011 TEC21

Sommerfrische, wiederbelebt

Am Ende des Maderanertals im Kanton Uri liegt das Hotel «Maderanertal». Das Ensemble aus dem 19. Jahrhundert ist ein Bauzeuge aus der Frühzeit des Tourismus. Der prekäre Zustand der meist originalen Bausubstanz machte 2009 eine Sanierung notwendig. Planung und Ausführung berücksichtigten die schwer zugängliche Lage der Bauten, die kurzen Zeitfenster und den engen finanziellen Rahmen. Im Sommer 2010 wurde die erste Bauetappe fertiggestellt.

In Amsteg, auf dem Weg zum Gotthardpass, befindet sich eine Abzweigung ins östlich gelegene Maderanertal. Die Strasse führt bis nach Bristen, von dort aus gelangt man zu Fuss in etwa zwei Stunden zur Balmenegg, einer von Wald umgebenen Felsterrasse auf 1349 m ü. M. Hier wurde 1864 auf Initiative von Basler Alpinisten das Hotel «Zum Schweizer Alpenclub» erbaut. Der Name war eine Reverenz an den 1863 gegründeten Schweizer Alpen-Club, ansonsten bestanden aber keine Verbindungen zum SAC. Zunächst entstand das klassizistische Haupthaus, als einfaches Gasthaus mit 19 möblierten Zimmern. Der beginnende Alpentourismus führte schon fünf Jahre später zum Bau des südöstlich gelegenen, luxuriöser ausgestatteten «Engländerhauses» mit 33 Zimmern, das auch eine Bibliothek und einen Pianosalon beherbergte.

Gleichzeitig wurde gegenüber, das Haupthaus flankierend, ein Waschhaus gebaut, dessen Sockelgeschoss später zusätzlich als Bäckerei diente. Damit war die Basis für ein fast städtisch anmutendes Ensemble gelegt: Nach einem Brand im Jahr 1880, der das Haupthaus komplett zerstörte, folgte nicht nur der direkte Wiederaufbau: 1887 wurde eine Kapelle gebaut, in der wegen der zahlreichen englischen Gäste neben katholischen auch anglikanische Gottesdienste gefeiert wurden. In der Folge entstanden weitere Bauten wie die Villa der Hotelierfamilie (ca. 1910), eine Kegelbahn (ca. 1910), ein Teepavillon (1910) und unterstützende Infrastruktur in Form eines Postbüros, einer Arztpraxis, eines Kiosks und eines Coiffeursalons. Ergänzt wurden diese Bauten durch die Aussenanlagen, den Zentralplatz mit Brunnen und Alpengarten und den natürlichen Butzlisee (Abb.1). Die Hotelgäste, unter ihnen illustre Vertreter wie der britische Science-Fiction-Autor H. G. Wells, der deutsche Reichspräsident Paul von Hindenburg oder Friedrich Nietzsche, blieben in der Regel mehrere Wochen. Da bis 1922 keine Strasse nach Bristen existierte, transportierten ortsansässige Träger die Gäste von Amsteg, später von Bristen, in Sänften bis ins Hotel.1 Für einige Gäste gehörte diese Abgeschiedenheit zum Programm: Dokumentiert ist, dass der Bristener Pfarrer Rupert Schäffeler 1916 Massnahmen gegen das grassierende Nacktwandern im Maderanertal verlangte. Bis in die 1960er-Jahre blieb das Hotel im Besitz der Erbauerfamilie Indergand, anschliessend wurde es dreissig Jahre vom Bristener Bergführer Hans Z’graggen geführt. 1967/68 fanden die letzten grösseren Bautätigkeiten statt: Der neue Besitzer erweiterte das Restaurant talseitig um eine Gartenwirtschaft. Es folgten eine Zeit der Stagnation und die Umbenennung zum Hotel «Maderanertal».

Seit Mitte der 1990er-Jahre wird das Hotel von Anna Fedier-Tresch, die zuvor als Angestellte im Hotel wirkte, und ihrem Sohn Tobias Fedier geführt. Durch fehlende Investitionen in der Vergangenheit existierte zwar noch ein Grossteil der originalen Bausubstanz, allerdings befand sich diese teilweise in so schlechtem Zustand, dass im Sommer 2009 eine Sanierung anstand.

Stufenweiser Planungsprozess

Initiiert wurde die schrittweise Erneuerung des Hotelensembles vom Schweizer Heimatschutz, der 2002 im Zuge des Schulthess-Gartenpreises unter dem Motto «Historische Gar- tenanlagen» auf das Ensemble aufmerksam wurde. Schnell war klar, dass eine isolierte Restaurierung der Aussenanlagen wenig sinnvoll war, daher wurde die Altdorfer Architektin Margrit Baumann beauftragt, eine Machbarkeitsstudie zur Sanierung der Gesamtanlage durchzuführen. Nachdem ein realistisches Konzept vorlag, das auch die Eigentümerfamilie überzeugte, übernahm der Heimatschutz das Patronat der Sanierung. Planung und Ausführung erfolgten durch das Architekturbüro Margrit Baumann. Aufgrund der kurzen Bauphasen – das Hotel ist jeweils von Juni bis Oktober geöffnet, gebaut werden kann von Ende April bis zum Saisonanfang sowie vom Saisonende bis zum ersten Schneefall – wurde das Projekt in zwei Teile mit mehreren Unteretappen aufgeteilt (vgl. Kasten S. 27). Diese zeitliche Staffelung korrespondiert auch mit der Finanzierung des Projekts, das auf Spenden angewiesen ist. Im Sommer 2010 konnte der erste Teil der ersten Etappe fertiggestellt werden. Diese Phase umfasste die Instandstellung der Gartenanlage sowie die Renovation des ersten Obergeschosses und den Einbau von sanitären Einheiten im 1. OG und im Saalgeschoss. Zudem konnten alle Häuser neu mit Strom und einer eigenen Unterverteilung versorgt werden.

Vorhandenes Nutzen, ergänzen, auffrischen

Im Zentrum des Sanierungskonzepts steht eine sanfte Renovation. Wichtig war den Beteiligten, mit den vorhandenen Mitteln eine hochwertige, aber der Umgebung angepasste Qualität in die Interieurs zu bringen. Das Haupthaus, ein mit Holzschindeln verkleideter fünfgeschossiger Holzständerbau, wird axial von der Platzseite her erschlossen, die Korridore liegen in der Längsachse. Die Grössen der auf drei Geschosse verteilten 23 Hotelzimmer entsprechen dem durch den Ständerbau vorgegebenen Raster.

Zunächst wurde die unter den Umbauten der letzten Jahrzehnte liegende ursprüngliche Bausubstanz freigelegt: Holzböden und Papiertapeten. Letztere stammen aus verschiedenen Jahrzehnten – wo möglich, wurden sie restauriert, stellenweise auch ersetzt. Die neuen Tapeten sind wie der Bestand mit Tier- und Pflanzenmotiven bedruckt (Abb. 9). Farblich entschied man sich bei Decken, Türen, Fenstern und Sockelleisten für Anstriche in warmen, hellen Tönen, die auf der Tonalität der vorgefundenen Tapeten aufbauen. Um Risse zu vermeiden, wurden die Wände des Korridors mit einem Putz mit hohem Kalkanteil versehen, der die Bewegungen des Holzbaus besser aufnehmen kann als ein Gipsputz. Das Prinzip der Auffrischung und Instandsetzung des Bestehenden wurde auch bei den Möbeln – Antiquitäten, meist aus Nussbaumholz – und Accessoires wie Waschschüsseln und -krügen angewendet. Eine weitreichende Massnahme bestand im Einbau eines Etagen-Baderaums mit einer Dusche, einem Lavabo und zwei WC. Dafür wurde der ursprüngliche Zugang zu den WC vom Treppenhaus in den Korridor verlegt und eine Wand versetzt (Abb. 6). Dieses Vorgehen erlaubte nicht nur die Schaffung eines grossen Baderaums, das Treppenhaus konnte dadurch auch als separater Brandabschnitt geschlossen und mit einer Brandabschnittstür versehen werden. Die Nasszellen bestehen aus in die Bausubstanz eingestellten Kuben aus beschichteten Kunstharzplatten. Neu ist jedes Geschoss elektrifiziert, die Leitungen konnten unsichtbar in der minimal abgehängten Decke im Flur verlegt werden. Die Elektroleitungen wurden vertikal durch ehemalige Cheminées gelegt, sodass keine neuen Schächte gezogen werden mussten.

Aussenanlagen mit Gletscherblick

Neben den Massnahmen im Haupthaus konnte in der ersten Etappe auch der historische Garten restauriert werden. Im Detail sah das Konzept vor, die Weg- und Platzränder nachzuarbeiten, teilweise auch neu zu definieren sowie die mittlerweile bewachsenen Kiesbeläge zu sanieren und zu ergänzen. Unerwünschte Materialien wie Betonplatten und unpassende oder verwilderte Sträucher und Bäume wurden entfernt, insbesondere im Bereich des ehemaligen Teehauses. Der Hof mit dem zentral angeordneten Brunnen erhielt seine Bedeutung als Mittelpunkt der Hotelanlage zurück. Ein neuer Kiesbelag und die Wiederbelebung der den Brunnen einfassenden Rabatten als mit Blütenstauden und Steingartengewächsen be- pflanztes Alpinum machen die Qualität der ursprünglichen Anlage wieder spürbar. Der Standort des 1978 abgerissenen Teehauses wurde mit Natursteinen und einem neuen Kiesrasen markiert, und eingefallene Natursteinmauern wurden wieder aufgebaut. Ein Rundweg um den Kapellenhügel bietet wie früher Aussicht auf den – jetzt allerdings weiter entfernt liegenden – Hüfigletscher. Als zweiter, eher privater, Aussenraum dient die Aussichtsterrasse mit Blick ins Tal. Sie konnte ebenfalls instand gesetzt und mit einem Kiesrasen versehen werden.

Projektgerechtes Vorgehen

Die abgelegene Lage der Baustelle erforderte eine besondere Arbeitsweise: So fand die Kommunikation mit den Handwerkern hinsichtlich der Ausführung ausschliesslich über Raster und Bezugshöhen statt, da absolute Masse in dem fast 150-jährigen Bau nicht existierten und zwischen Baustelle und Architekturbüro im Zweifelsfall spontan auch nicht eruierbar waren. Auch der enge finanzielle Rahmen, zunächst als Korsett empfunden, führte zu einem sehr bedachten Vorgehen, durch das die nötigen Eingriffe sehr gezielt geplant wurden. Ein Beispiel: Ursprünglich waren zwei Baderäume pro Etage geplant, aus finanziellen Gründen konnte aber nur einer realisiert werden. Im Nachhinein erwies sich der Verzicht als durchaus sinnvoll: Da das Hotel das Wasser aus dem von Gletscherwasser gespeisten Butzlisee bezieht, wäre bei zu vielen Sanitärräumen im Sommer möglicherweise mit Wasserknappheit zu rechnen. Durch die aktive Mitarbeit der Bauherrschaft bei den Sanierungsarbeiten konnten zudem nicht nur finanzielle Einsparungen erzielt werden. Die langen Winter im Maderanertal erfordern einen sorgfältigen Umgang mit der Bausubstanz. Die Mitarbeit an der Sanierung sensibilisierte die Eigentümerfamilie für die Bedürfnisse der Bauten, was sich in erhöhter Sorgfalt im Umgang mit der Substanz ausdrückt.

Blick zurück nach vorne

Die noch anstehenden Sanierungsarbeiten können mit den Erfahrungen aus der ersten Etappe angegangen werden. Es existieren Pläne, den Zentralplatz wie zu seinen Blütezeiten als «städtischen» Platz zu reaktivieren, mit öffentlichen Nutzungen in den Erdgeschossen wie einem Ausstellungsraum im Engländerhaus, einer Sauna im Ökonomiegebäude und Zugang zu Restaurant und Speisesaal im Haupthaus. Das abgelegene Hotel an der Schnittstelle zwischen landwirtschaftlich genutzter Natur und wilder Landschaft dient dann nicht mehr illustren Gästen als wochenlange Sommerfrische, sondern bietet einen Rückzugsort für all jene, die einige Tage in die Atmosphäre und den Rhythmus des 19. Jahrhunderts eintauchen möchten. Mit der Sanierung kehrt das ehemalige Kurhotel zurück zu seinen Ursprüngen als einfaches Berghaus – und das ist an diesem Ort ohnehin viel angebrachter.

24. September 2010 TEC21

Für eine neue Generation

Das Haus Balmermatte in Bürglen UR stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert. Die Architektur mit den grossen hohen Räumen erfüllt auch heutige Wohnansprüche. Die Altdorfer Architektin Margrit Baumann baute das denkmalgeschützte Bürger-Bauernhaus 2007 zum modernen Zweifamilienhaus um.

Der Bau liegt am westlichen Ortsrand von Bürglen im Kanton Uri, am Eingang zum Schächental. Dendrochronologische Analysen ergaben, dass das Bauholz 1608 geschlagen wurde; einen weiteren Hinweis auf die Entstehungszeit liefern die Jahreszahlen 1634,1636 und 1638, die in die Bemalungen der Innenräume integriert sind. Bei dem Strickbau mit Steinsockel handelt es sich um ein sogenanntes Bürger-Bauernhaus, das sich durch die höhere Geschosszahl, reich verzierte Prunkräume und das steile Dach von den einfachen Bauernhäusern der Umgebung unterscheidet. Die Entstehung der Bürger-Bauernhäuser ist eng mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Innerschweiz verknüpft: Im 16. Jahrhundert florierte der Handel über die Pässe, wovon auch die Urner Bevölkerung profitierte. Gleichzeitig blieben auch die wohlhabenderen Bauern Bürger unter Bürgern; ihre Häuser blieben im Grossen und Ganzen den ortsüblichen Formen verhaftet.1 Bauherr des Hauses Balmermatte war der Urner Landammann Johann Peter von Roll, einer der reichsten und einflussreichsten Männer der Eidgenossenschaft. Bis zum Bau der Klausenstrasse waren Hof und Grundstück inklusive des Hausgartens und eines kleinen Wäldchens von einer Mauer umschlossen. Der Stall lag ausserhalb dieses abgegrenzten Gebiets.2

Umdenken bei der Denkmalpflege

Während in den ersten Jahrhunderten die Eigentümer des Hofes mehrfach wechselten, sind Haus und Grundstück seit 1882 im Besitz derselben Familie. Ausser kleineren Eingriffen in den 1980er-Jahren wie einem Anbau an der Westseite für die Sanitärräume befand sich das Haus bis zum Umbau 2007 weitgehend im Originalzustand – mit allen Konsequenzen: Die Kinder des Eigentümers verbanden mit dem Haus primär die niedrige Raumtemperatur, im Winter durchschnittlich etwa 15 ˚C. Bereits der Vater wollte das Haus umbauen, scheiterte mit seinen Vorstellungen aber an den Vorgaben der Denkmalpflege. Er realisierte daraufhin nebenan ein Einfamilienhaus nach seinen Vorstellungen, der Sohn übernahm Haus und Betrieb. Den Anstoss für den aktuellen Umbau gab dessen älterer Bruder, der als Polier von der historischen Bausubstanz fasziniert war und dann auch die Baumeisterarbeiten leitete.

Die Talente der einzelnen Familienmitglieder in den Bauprozess einzubinden hat sich gemäss Architektin beim Umgang mit Bauernhäusern schon mehrfach bewährt. Der Bau aus dem frühen 17. Jahrhundert sollte in eine neue Generation übergeführt werden und Raum für zwei unabhängige Wohneinheiten bieten. Platz dafür gab es auf den fünf Geschossen mit seinen immerhin 25 Nutz- und Wohnräumen genug. Durch die beiden Zugänge – einer für repräsentative Zwecke an der Ostseite der Fassade sowie der Ausgang zum Stall Richtung Westen – waren für die Erschliessung auch keine Eingriffe in die Fassade nötig.

Umbau in Etappen

Der Umbau fand in zwei Etappen und bei laufendem Betrieb statt: Zunächst wurde die Stöckli-Wohnung gebaut, anschliessend folgte die Restaurierung der als Lagerraum genutzten Trinkstube im Tiefparterre. Die Herausforderung: Gebäudestruktur und Räume sollten integral erhalten werden – bei gleichzeitiger Erfüllung der Anforderungen an Schallschutz, Feuersicherheit und vor allem an das heutige Komfortbedürfnis. Für die neue Wohnung wurden ausschliesslich Kalträume im 2. Obergeschoss und im Dachgeschoss genutzt, die bisher teilweise als Estrich, teilweise als Trockenräume für Obst dienten. Erschlossen wird das Stöckli durch den Eingang an der Ostfassade, von hier führt eine Treppe direkt in das erste Wohngeschoss im 1. OG. Um Platz für die Treppe zu schaffen, musste ein Teil der bemalten Decke im Erdgeschoss herausgesägt werden – ein Entgegenkommen der Denkmalpflege, das so vor einigen Jahren noch nicht möglich gewesen wäre. Die Wohnung erstreckt sich über vier Geschosse: Im 1. Obergeschoss befindet sich die neu eingebaute Küche sowie die sogenannte «Apotheke». Dieser Raum ist komplett mit bedrucktem Täfer ausgekleidet (Abb. 10), auch das eingebaute Buffet weist ornamentale Verzierungen auf. Nach einer vorsichtigen Reinigung des Holzes wird der Raum heute als Wohnzimmer genutzt.

Bei der Küche bestand der Wunsch nach einem hellen Raum. Das Originaltäfer wurde daher ausgebaut und durch Fermacellplatten ersetzt. Da das Täfer aber weiterhin im Gebäude gelagert wird, also jederzeit wieder einbaubar ist, gab die Denkmalpflege ihre Zustimmung zu diesem Vorgehen. Diese Grundhaltung bestimmte den Umgang mit der historischen Bausubstanz: «Temporäre«, also konstruktiv nicht notwendige Elemente wie das Gäste-WC im Obergeschoss sind so eingebaut, dass sie bei Bedarf auch wieder entfernt werden können. Konstruktive Teile wie die beiden neuen Treppen sind dagegen fest mit der Bausubstanz verbunden.

Vom 1. Obergeschoss gelangt man über die Treppe in den grosszügigen zweigeschossigen Korridor im 2. Obergeschoss, der durch zwei Lukarnen erhellt wird (Abb. 3). Die obere Lukarne entstand im Zuge der Umbauarbeiten, es gab aber Hinweise darauf, dass an dieser Stelle schon früher eine Öffnung existierte. Der Korridor wirkt als Verteiler für Bad, Arbeits- und Schlafzimmer. Eine weitere Treppe führt in ein zweites Wohnzimmer direkt unter dem Dach. Diese Stube wird durch eine fast raumlange Verglasung im Dach erhellt, die analog zu den Sparrenabständen eingepasst ist und neben Licht und Luft auch Aussicht auf die spektakuläre Bergwelt bietet. Die Ausbauarbeiten umfassten neben Restauration und Reinigung der Holzoberflächen auch bauphysikalische Massnahmen: Alle Räume der Stöckli-Wohnung erhielten hinter der Täferung eine Innenisolation aus feuchtigkeitsabsorbierender Schafwolle.

Restauration der Trinkstube

Nach Fertigstellung der Wohnung konzentrierten sich die Arbeiten auf die Wiederherstellung der Trinkstube im Tiefparterre in der Südostecke des Hauses. Dieser ursprünglich reich verzierte Raum diente in den letzten Jahrzehnten als Abstellraum und war in entsprechendem Zustand. Zunächst wurde daher der Kalkboden ersetzt, der neben den Beschädigungen auch einen Niveauunterschied von bis zu 12 cm aufwies. Neben einer Isolierung aus Glassplittern konnten so auch die neuen Elektroleitungen sowie eine Bodenheizung eingebracht werden. Anschliessend folgte die Reinigung und Fixierung der dekorativen Kalkseccomalerei an Decke und Wänden. Während der weisse Untergrund der Holzkassettendecke mit Schablonenmalerei in Blau und Rot verziert ist, schmücken das Familienwappen der von Roll, verschiedene Tier- und Pflanzenmotive sowie eine Säulenanlage, die sich interessanterweise nicht an den Proportionen der Decke orientiert, die weiss gekalkten Wände.

Eine Besonderheit sind die beiden Tiermotive an Ost- und Westwand: Sie zeigen zwei springende Steinhirsche (Abb. 11). Im Kopfbereich waren beide Malereien so stark beschädigt, dass sich Architektin und Denkmalpflege für einen abstrahierten, dreidimensionalen Ersatz aus Holz entschieden. Da diese Art heute in der Gegend ausgestorben ist, wurden entsprechende Geweihe aus dem Muotathal beschafft. Neben diesen neuen Elementen wurden die bestehenden Fenster mit einfachen Isolierglasfenstern ohne Dichtungen ersetzt, Letzteres, damit sich darin kein Kondenswasser bilden kann. Heute ist die Trinkstube öffentlich zugänglich und kann für Anlässe gemietet werden. Die Eigentümer, die auch das Brennrecht besitzen, präsentieren hier ihre Produkte und führen so die Tradition der Trinkstube weiter.

Wohnen im Baudenkmal

Rund 400 Jahre steht das Haus Balmermatte bereits. Durch die Eingriffe konnte die Bausubstanz nicht nur erhalten werden, der Ausbau zum Zweifamilienhaus führte sogar zu einer Wertsteigerung, auch wenn das Haus hinsichtlich der Erwartungen an Schalldämmung, Innenraumklima oder Türhöhen manchmal auch ein Entgegenkommen der Bewohner verlangt. Dass zeitgenössisches Wohnen aber trotz Denkmalschutz möglich ist, zeigt dieses Beispiel exemplarisch. Zu Recht wurde der Bau daher 2009 mit dem Schweizer Denkmalpreis ausgezeichnet.

28. Mai 2010 TEC21

«Wo die Firma zuhause ist»

Das Büro ist längst ein Synonym für den Arbeitsplatz geworden. Etwa zwei Drittel aller Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in der Schweiz arbeiten heute in Büros. Aber obwohl 10 % der Gesamtbürofläche in der Schweiz leer stehen, werden weiterhin Büros gebaut. Was muss das Büro der Zukunft können, und wie sieht die Beziehung Mensch – A rbeitsplatz aus? Ein Gespräch mit Toni Lengen vom Zürcher Büroentwickler und -planer OFF Consult.

TEC21: Was sind momentan die Hauptbedürfnisse Ihrer Kunden? Gibt es einen Wandel vom Repräsentationsbedürfnis zu Aspekten wie Gesundheit oder Steigerung der Produktivität?
Toni Lengen: Die Steigerung der Produktivität ist nach wie vor ein Thema – allerdings kein lautes. Die Ressource Arbeitskraft, vor allem die der hoch qualifizierten Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, ist in der Schweiz sehr wertvoll. Es wird also nichts umgesetzt, was die Mitarbeitenden verärgern könnte. Das macht es schwierig, unkonventionelle Ideen zu realisieren. Wir glauben, dass in der Schweiz mit leer stehenden Büroarbeitsplätzen eine immense Fläche vergeudet wird. Das Einzelbüro ist immer noch ein Statussymbol, obwohl es das hierarchische Büro praktisch nicht mehr gibt.

TEC21: Wie sind Ihre Erfahrungen mit offenen, multipel genutzten Flächen?
TL: Im Gegensatz zu den Grossraumbüros der 1970er- und 1980er-Jahre, bei denen die Motivation darin lag, Kosten zu sparen, sind die Erfahrungen dort, wo man bewusst geplant hat, positiv. Eines der wichtigsten Themen in der Büroplanung ist die Kommunikation. Wir glauben, dass die Ressource ‹Mitarbeiter-Know-how› riesig ist und in vielen Betrieben dennoch schlecht genutzt wird. Eine ideale Formel für eine offene Fläche ist die Teamgrösse. Zwar kann eine offene Fläche mehrere Teams beherbergen, aber die Zonen sollten gegeneinander abgegrenzt sein. Eine Teamgrösse um die 15 Leute ist optimal: Die Leute sollen sich miteinander unterhalten können, um voneinander zu profitieren.

TEC21: Wie liesse sich diese Ressource besser nutzen, ausser über solche offenen Flächen?
TL: Es ist eine ganze Kette von Massnahmen, die zum Tragen kommen muss. Dazu gehören klassische Aspekte wie Mitarbeiterführung, Aus- und Weiterbildung und ein langfristiges Personalmanagement. Weitere Elemente sind die Infrastruktur und das Büro. Nach unserer Meinung mit offenen Zonen – aber intelligenten offenen Zonen. Natürlich spielen auch die Prozesse eine Rolle. Wie unterstützt man diese, damit eine optimale Zusammenarbeit möglich ist?

TEC21: Entspricht es dem Wunsch der Firmen, die Prozesse auch durch bauliche Massnahmen zu optimieren, indem man das Organigramm eines Betriebes räumlich umsetzt?
TL: Wir haben einige Kunden, bei denen wir sogenannte ‹One-Roof-Konzepte› umgesetzt haben, die im Hinblick auf Wirtschaftlichkeit, Flexibilität und auch bessere Arbeitsstrukturen sinnvoll waren. Es kann aber durchaus sein, dass gewisse Unternehmenseinheiten an einem anderen Standort gut aufgehoben sind. Auch bei den einfachsten Projekten werden zunächst die Arbeitsabläufe betrachtet. Bei der vertieften Betrachtung werden die Prozesse der einzelnen Abteilungen miteinander abgestimmt, um beurteilen zu können, welche Struktur am besten funktioniert. Auch wenn in bestimmten Positionen ein Einzelbüro sinnvoll ist, denken wir, dass Multi-Space-Büros eine Zukunft haben. Die Menschen werden den persönlichen Kontakt immer schätzen – aber nicht jederzeit. Deswegen müssen auch Rückzugsmöglichkeiten angeboten werden.
Der Kontakt zwischen den Mitarbeitern wird auch bei der Diskussion um Home-Office und mobile Arbeitsplätze unterschätzt. Die Sozialisation als Teil jeder Firmenkultur lässt dort eine Firmenidentität entstehen, wo das Unternehmen daheim ist. Das ist in der Regel ein Haus, ein Ort, eine Adresse. Wir haben eine Firma betreut, die mit ‹virtuellen› Büros angefangen und jetzt wunderschöne Büroräume bezogen hat. Dabei handelte es sich um eine Neugründung, die sich aus verschiedenen Konstellationen heraus entwickelt hat. Man merkte jedoch schnell, dass es irgendwo eine Postadresse geben muss, rechtlich gesehen braucht es einen Firmensitz. Selbstverständlich ist aber auch eine Kombination möglich: Home-Office oder Satellitenbüros sind grosse Themen. Die Büroimmobilie wird trotzdem nie aussterben.

TEC21: Der Internet-Suchdienst Google bietet seinen Mitarbeitern am Standort Zürich unkonventionelle Arbeitsplatzumgebungen. Wird diese Philosophie als Trendsetter betrachtet oder eher als exotisch gesehen?
TL: Ich denke nicht, dass dies Trendsetter sind. Büros haben heute stark mit Recruiting und Marketing zu tun; zum einen auf der Kundenseite, aber auch, wenn es um zukünftige Mitarbeiter geht. Google hat bewusst einen Weg gesucht, über ihre Büroinfrastruktur bestimmte Leute anzusprechen. Sie haben einen sehr werbewirksamen Auftritt gewählt, die Arbeit muss aber auch dort mehrheitlich an einem ganz normalen Arbeitsplatz erledigt werden. Das Angebot wird zwar genutzt, aber nicht von einer breiten Masse.
Das ist eine Erfahrung, die auch wir machen: Bietet ein Kunde im Rahmen eines Gesundheitskonzeptes Regenerationsmöglichkeiten an, wird immer nur ein kleiner Teil der Belegschaft solche Angebote nutzen. Viele Leute kann man gar nicht ansprechen. Sie sind der Meinung: Ich gehe arbeiten, mehr brauche ich nicht.
Um aber auf die Produktivität zurückzukommen: Das Fraunhofer-Institut in Stuttgart hat eine Studie dazu gemacht, die auch die Frage der Regeneration aufwirft.[1] Die Wissensarbeit ist komplexer als vor dreissig Jahren, als es repetetive Arbeit gab, die heute der Computer übernommen hat. Man ist anders gefordert, arbeitet in anspruchsvollen Jobs auch tendenziell länger. Es muss daher sensibel beobachtet werden, wie die tatsächliche Produktivität der Menschen aussieht. Die Studie zeigt, dass bei einem Achtstundentag nur während sechs Stunden tatsächlich produktiv gearbeitet wird.
Wenn man es also schafft, von diesen zwei Stunden unproduktiven Arbeitens noch eine Stunde produktiv zu leisten, würde dies eine enorme Steigerung der Effektivität bedeuten. Die Regeneration zur Steigerung der Leistungsfähigkeit müsste Teil der Firmenkultur werden. Leider ist das heute noch nicht so. Auch bei Firmen, die mit unseren Angeboten konform gehen, ist die Mentalität immer noch: Ich gehe zum Arbeiten ins Büro, nicht zum Schlafen. Wenn man während der Arbeitszeit Entspannungszeiten einschiebt, wird das als Zeichen von Schwäche interpretiert.

TEC21: Das liegt möglicherweise auch an der Art, wie solche Angebote präsentiert werden und ob sie Teil der Unternehmenskultur sind.
TL: Wir erleben oft während eines Projektes, dass wir auf solchen Konzepten nicht bestehen können. Sie würden nicht funktionieren, weil sie nicht zur Unternehmenskultur passen. Wir haben z. B. in einer Firma Stehkonferenztische eingebaut. In diesem Fall kam etwa zeitgleich ein neuer CEO, der das ganze Konzept verworfen hat. Bei solchen Projekten weiter Druck zu machen, würde an der Unternehmenskultur vorbeigehen. Früher ging es sehr stark um den grossen Wurf. Mittlerweile wissen wir, dass es nicht funktionieren kann, wenn der Mensch einer Entwicklung nicht folgen kann.

TEC21: Werden von Ihnen nach einiger Zeit Evaluationen der Projekte durchgeführt, der Soll- mit dem Ist-Zustand verglichen?
TL: Das ist durchaus üblich, vor allem bei Projekten, die wir substanziell mit- oder komplett neu entwickeln. Bei Firmen, die wir über lange Zeit begleitet haben, interessiert es uns natürlich, wie sich die Konzepte im Alltag bewähren. Auch dort kämpft man mit der Tatsache, dass sich das Konzept konventioneller weiterentwickelt, als wir uns das wünschen. Man schreckt noch immer davor zurück, den Vollarbeitsplatz in das System aufzunehmen und z. B. Desk-Sharing zu praktizieren. Aber auch da muss man sich mit den letzten dreissig Jahren Bürogeschichte auseinandersetzen. Damals hat man sehr konventionelle Büros gebaut. Treiber waren Optimierung der Fläche und Kosteneinsparungen, während heute eher das Knowledge-Management im Vordergrund steht. Damals wurden unter Umständen die Abteilungen auch auseinandergerissen; heute würde man wahrscheinlich eher die Wand abreissen. Das ist auch im sozialen Sinn eine positive Entwicklung.

TEC21: Im Bauen werden aktuell Nachhaltigkeitsthemen wie Energiesparen oder baubiologisch korrekte Materialien stark diskutiert. Ist das in der Büroplanung ein Thema?
TL: Absolut. Wobei man sagen muss, dass bei Herstellern und Lieferanten von Büroeinrichtungen lösungsmittelfreie Farbe und Lacke längst dem Standard entsprechen. Andererseits ist es erstaunlich, wie leichtfertig man mit anderen Themen umgeht. Nachhaltigkeit ist eine Frage der Definition. Bei der Forumsveranstaltung ‹Green Office›, die wir zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation angeboten haben (vgl. «Das optimale Büro?», S. 35), ging es nicht nur um den Umgang mit der Energie, obwohl das ein wichtiger Faktor war. Ein nachhaltiges Büro ist nicht nur ökologisch vorbildlich ausgerichtet, sondern auch gegenüber den Mitarbeitenden. Insofern ist Gesundheit auch ein Thema der Nachhaltigkeit.

TEC21: Gibt es heute in der Büroplanung ein ‹must-have›, ein Statussymbol?
TL: Wir haben festgestellt, dass man der Konferenzinfrastruktur zunehmend wieder eine andere Beachtung schenkt, die Menschen wieder ‹zu sich nach Hause holt›. Das hat mit klassischer Gastfreundschaft zu tun, aber auch mit dem Wunsch, die eigene Authentizität erlebbar zu machen. Nach wie vor spielt auch die Architektur eine grosse Rolle. Leider ist bei der Planung die Aussen-Innen-Betrachtung immer noch wichtiger als die Innen-Aussen- Betrachtung, die wir verfechten. Spannend sind die Projekte, bei denen wir schon in der Wettbewerbsphase mit einbezogen sind und das Briefing der Architekten durchführen können. Wir hatten ein paar Mal die Chance, bei der Erstellung des Betriebsprogramms die Anforderungen an die Primärstruktur mitzudefinieren. Diese Betrachtung entspricht dem Menschen auch besser. Nicht alles, was schön ist, ist auch dienlich, um darin zu arbeiten. Andererseits gibt es einen wachsenden Kreis von Architekten, der durchaus einsieht, dass es die sogenannten ‹work environment specialists› genauso braucht wie den Tragwerksplaner oder den Sanitäringenieur.

TEC21: Gibt es durch die wachsende Durchmischung der Arbeitswelt – z. B. durch die zunehmende Internationalisierung oder durch eine höhere Anzahl von Frauen in Führungspositionen – einen Wandel der Bedürfnisse?
TL: Diese Frage ist mir zuletzt im Zusammenhang mit älteren Mitarbeitern gestellt worden. Der Unterschied der Generationen ist in den Büros bald nicht mehr so riesig. Der 65-jährige Mitarbeiter arbeitet mit der gleichen Infrastruktur und benutzt die gleichen Kommunikationswege wie die Jungen. Es gibt körperliche Aspekte, die man berücksichtigen muss, z. B. dass ausreichend Licht vorhanden ist, dass man unter Umständen lärmempfindlicher ist. Diese Bedürfnisse müssen ernst genommen werden.
Was das Internationale anbelangt, wird künftig eher eine Rolle spielen, in was für einem Umfeld eine Firma steht, in der Stadt oder auf der grünen Wiese. Mit tendenziell jüngeren Mitarbeitern befindet man sich besser in einer urbanen Umgebung. Hier kommt auch das Umfeld insgesamt zum Tragen: Gibt es Einkaufs- und Ausgehmöglichkeiten, ein kulturelles Angebot, Betreuungsangebote für Kinder? Ein Bürohaus kann heute nicht mehr isoliert betrachtet werden. Im Gegenteil: Gerade auf der grünen Wiese werden ergänzende Dienstleistungen um den Arbeitsplatz immer wichtiger. Dazu gehören die Reinigung der Kleider oder Convenience-Angebote zur Verpflegung ausserhalb der Öffnungszeiten der Kantine.

TEC21: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
TL: Eines unserer wegweisenden Projekte ist PricewaterhouseCooper in Zürich Oerlikon. PwC ist ein Multi-Space-Konzept, das wir ganzheitlich bearbeiten konnten. Ursprünglich wurde die Arealüberbauung zusammen mit ABB-Immobilien entwickelt. Wir haben den Grundausbau auf der Mieterseite begleitet sowie den ganzen Innenausbau geplant und realisiert. Themen waren u.a. die Gesundheit und die Mobilität. Das Mobilitätskonzept wurde gemeinsam mit einem darauf spezialisierten Ingenieurbüro entwickelt. Leider wurde es dann nicht im geplanten Umfang umgesetzt.

TEC21: Wie sah dieses Konzept aus?
TL: Es sollte kostenneutral realisiert werden, und bei der Summe wurde von den Subventionen für die Parkplätze ausgegangen. Dieser Betrag wurde neu verteilt. Die wenigen Parkplätze, die es gab, waren nicht mehr so günstig, dafür hätten alle Mitarbeitenden einen Beitrag an das Abonnement für den öffentlichen Verkehr erhalten. Dass sich das Konzept letzten Endes nicht durchsetzte, hatte auch mit der Rekrutierung von neuem Personal zu tun. Solange Studienabgänger ihre Prioritäten auf Einzelbüro und reservierten Parkplatz setzen, hat ein solches Konzept keine Chance.

TEC21: Die Unternehmen könnten so ein Konzept ja auch zu Marketingzwecken nutzen, um sich als nachhaltige Firma zu positionieren.
TL: Dies geschieht auch zunehmend. PricewaterhouseCoopers hat beispielsweise viel Neues gewagt, ist aber trotzdem ein eher traditionelles Unternehmen mit konservativer Kundschaft. Allzu progressive Ideen würden als Schwäche ausgelegt, nicht als Stärke – zumindest damals beim Bezug der neuen Büros. Unsere Welt ist nach wie vor geprägt von einer gewissen Bequemlichkeit.

TEC21: Welches sind die Zukunftsvisionen in der Büroplanung?
TL: Es wird erst dann im Büro einen Quantensprung geben, wenn die Technologie wieder einen Quantensprung macht, so wie das mit der Einführung der Desktop-Computer geschehen ist. Es gibt spannende Innovationen wie Digitalstrom, bei dem sich Daten über das bestehende Stromnetz übertragen lassen.[2] Das sind allerdings Neuerungen, die den Mitarbeitenden im Arbeitsprozess nicht unbedingt tangieren. Man wird sicher auch stärker versuchen, Nachhaltigkeitsziele wie die der 2000-Watt-Gesellschaft zu erreichen. Ich denke, der ganzheitliche Ansatz wird zunehmend zum Tragen kommen, zum Beispiel das Thema ‹Wohnen und Arbeiten› in einer vernünftigen Entfernung, zum Beispiel in Velodistanz.


[Gesprächspartner: Toni Lengen, Inhaber und Seniorconsultant OFF Consult AG, Zürich (www.offconsult.ch). Seit 26 Jahren im Bürobereich tätig, 20 Jahre davon selbstständig mit der Innovationsplattform Office LAB AG, www.officelab.ch]


Anmerkungen:
[01] Empirische OFFICE-21-Studie «Office Performance», Fraunhofer IAO, Stuttgart, 2002, www.office21.de/forschung/office_performance.htm
[02] Digitalstrom ist ein Bus-System zur Steuerung und Überwachung elektrischer Verbraucher über das vorhandene Stromnetz. Das System wurde an der ETH Zürich entwickelt

19. März 2010 TEC21

Würfelquarz

Im März 2007 wurde die 1995 erbaute Anenhütte am Ende des Lötschentals von einer Lawine nahezu vollständig zerstört. Anstelle eines Wiederaufbaus visierte der Eigentümer einen Neubau an. Unter strengen Auflagen: Zum einen musste die Lawinensicherheit des Neubaus garantiert, zum anderen durfte das sensible Umfeld nicht tangiert werden – der Standort der Hütte liegt im Unesco-Weltnaturerbe und ist Teil des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung.

Die alte Anenhütte (2358 m ü. M.) befand sich in einem Gebiet, das beim Bau 1995 als lawinensicher bzw. als schwach lawinengefährdet eingestuft wurde. Daher wurden auch keine konstruktiven Massnahmen gegen eine Lawineneinwirkung unternommen. Nördlich der Hütte befindet sich ein etwa 10–15 m hoher Felsrücken, der in der Regel den vom Jegichnubel (3124 m ü. M.) kommenden Schnee abhält.

Rekonstruktion des Ereignisses und Prognose

Als die Anenhütte am 3. März 2007 von einer Lawine überrollt wurde, gab es keine Augenzeugen. Um das Ereignis zu verstehen und eine Wiederholung zu verhindern, simulierte das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos über 150 Varianten des Ereignisses. Dazu analysierte man neben den damaligen Wetter- und Schneebedingungen auch die Bruchbilder der Stahlbetonbauteile. Das Ergebnis: Nachdem in der Nacht vom 2. auf den 3. März 2007 etwa 1 m Neuschnee gefallen war, wurde die Hütte von einer Staublawine aus dem Geländekessel südlich des Jegichnubel getroffen, die den natürlichen Schutzgraben spiralförmig übersprungen hatte. Dabei wurde vermutlich zunächst das nicht gegen Lawinendrücke gesicherte Dach abgehoben. Eine haushohe Ecke an der nordöstlichen Fassade, die der Lawine eine optimale Angriffsfläche bot, verstärkte die Wirkung zusätzlich. Die Simulationen ergaben aber, dass der Standort im Schutz einer Felsrippe als sicher vor Kleinereignissen mit einer Wiederkehrdauer von 30 Jahren einzustufen ist.1 Die Hütte befindet sich etwa 200 m westlich der Lawinenhauptstossrichtung, zudem werden abfliessende Lawinen durch die Geländeform mit Moränen, Vertiefungen und Verflachungen nicht kanalisiert, sondern gebremst. Der nördlich der Hütte liegende Graben kann Lawinen aufnehmen, abbremsen oder umlenken. Allerdings besteht eine Lawinengefahr für Ereignisse mit einer Wiederkehrdauer von 300 Jahren. Für diese Ereignisse sind Lawinendruckwerte von 10–25 kN/m2 (je nach Bahn) zu erwarten. Damit liegt der Standort in einer blauen Lawinenzone, was einer seltenen und mässigen Gefährdung entspricht.

Standortbestimmung

Für den Besitzer der Hütte, der Ingenieur und Bergführer ist, stand früh fest, dass die Hütte wieder aufgebaut werden sollte – ein intuitiver Entscheid. Da alternative Standorte im Gebiet deutlich schlechter geeignet waren, konnte durch die Klassifizierung als blaue Lawinenzone ein Neubau der Hütte am gleichen Ort ins Auge gefasst werden. Zunächst ging es aber ans Aufräumen: Die Trümmer der Hütte lagen in einem Umkreis von bis zu 2 km im Tal und auf dem Langgletscher verstreut. Drei Monate lang wurde der Bauschutt nach Materialien getrennt, zerlegt, in helikoptertaugliche Pakete bis maximal 750 kg gepackt und ins Tal abtransportiert. Die zerstörte Hütte wurde bis auf die Grundmauern zurückgebaut. Um den Raumbedürfnissen der neuen Hütte gerecht zu werden, musste zusätzlich Fels gesprengt werden. Parallel zu den Aufräumarbeiten lobte die Bauherrschaft einen Studienauftrag unter fünf Architekturbüros aus. Neben dem architektonischen Ausdruck waren Sicherheitsaspekte ausschlaggebend: Die äussere Form hatte sich primär den Erfordernissen einer optimalen Druckverteilung bei einer Lawine unterzuordnen. Das gewählte Projekt ist kubisch angelegt. Mit der fensterlosen Nordfassade ist die kleinste Wand senkrecht zur Lawinenstossrichtung angeordnet und bietet wenig Angriffsfläche. Der Standort der neuen Hütte ist gegen Norden verschoben, dadurch würde ein Aufprall durch die Platzierung des Baus an einer Felsrippe gemildert (Abb. 12). Die Ostwand ist leicht geneigt, auch dies soll eine aufprallende Lawine ablenken. Der Eingang zur Hütte befindet sich an der lawinenabgewandten Westseite. Es gibt keinerlei Auskragungen oder Dachaufbauten, die Fenster stehen bündig mit der Aussenwand. Letztere waren so zu konstruieren, dass sie an der lawinengefährdeten Ostfassade den Druckkräften einer möglichen Lawine standhalten können, an Süd- und Westfassade den Sogkräften. Dafür wurden Druckkräfte von 20 kN/m2 angenommen. Neben der Verglasung war auch die Rahmenkonstruktion entsprechend auszuführen: Eine reguläre Fensterverglasung mit Glasleisten ist dafür nicht geeignet. Stattdessen wurde eine abgestimmte Rahmenkonstruktion mit 7 cm dickem Panzerglas (an der aufprallgefährdeten Ostfassade) gewählt. Aufgrund der Grösse und des Gewichts der Fenster mussten sie beim Bau von aussen eingesetzt werden. Neben den konstruktiven Auflagen wurde ein Wiederaufbau auch an ein Nutzungsverbot im Hochwinter geknüpft, es gibt auch keinen Winterraum.

Bauen im Weltnaturerbe

Eine besondere Situation ergab sich beim Bau zusätzlich durch die Umzonierung des Gebiets zum Unesco-Weltnaturerbe. Die Region Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn (heute: Jungfrau-Aletsch)2 wurde 2001 zum Weltnaturerbe erklärt. 2007 wurde das Gebiet um über 50 % erweitert und umfasst heute ein 824 km2 grosses Gebiet. Zum erweiterten Perimeter gehört auch das Lötschental mit dem Gebiet um den Anusee und die Anenhütte. Darüber hinaus liegt die Hütte auch im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN). Der neue Status zeigte sich beim Neubau der Hütte weniger in Auflagen an Konstruktion und Nutzung, sondern primär in der Durchführung der einzelnen Bauprozesse. Die Unversehrtheit bzw. die korrekte Wiederherstellung der umgebenden Natur musste während der Bauarbeiten durch mehrere Gutachten dokumentiert werden. Im September 2007 wurde eine provisorische Baubewilligung erteilt, und die Wiederaufbauarbeiten konnten beginnen. Für deren Ausführung ebenso wie für das Engineering zeichnete die Bauherrschaft verantwortlich. Die Materialtransporte erfolgten fast ausschliesslich viaHelikopter, lediglich der Spreizbagger war zu schwer und wurde zur Baustelle gefahren – eine Reise von 13 Stunden für eine Strecke von knapp 5 km und 600 Höhenmetern.

Die Tragkonstruktion wurde aus 685 m³ Stahlbeton erstellt, pro Kubikmeter Beton waren vier Rotationen (1 Rotation = Hin- und Rückflug) mit dem Helikopter notwendig. Gewählt wurde ein wasserdichter Beton der Festigkeitsklasse 30/37 und der Expositionsklasse XC4 mit einer hohen Endfestigkeit. Eine der Herausforderungen bestand darin, den Beton über die lange Transportzeit – 1.5 h vom Betonwerk bis zum Helikopterlandeplatz, dann Umfüllen für den Helikopterflug zur Baustelle – verarbeitbar zu erhalten. Zusätzlich erschwert wurde dies durch die tiefen Temperaturen von bis zu –27 º C. Der Beton wurde daher im Betonwerk mit 50 º C heissem Wasser hergestellt, beim Transport hatte er eine Temperatur von etwa 25 º C, die beim Umladen in die Kübel für den Helikopter nochmals um etwa 3–5 º C absank. Um ein Gefrieren des Betons zu verhindern, wurden die Behälter mehrfach gereinigt und mit einem Schalungsöl behandelt. Nach dem Einbau in die Schalung wurden die Flächen sofort mit Heizmatten bekleidet, darüber hinaus wurde dem Beton auch ein Frostschutzmittel beigesetzt. Lange war für die Hütte eine Kompaktfassade aus aufgeklebten Schieferplatten auf einer Foamglasisolation projektiert. Die gewünschte, nahezu fugenlose Verarbeitung liess sich jedoch nicht realisieren, zu hoch waren die Belastungen durch Wind und Witterung auf über 2000 m – die Systemlieferanten konnten keine Garantien übernehmen. Eine hinterlüftete Steinfassade genügte den Ansprüchen an die Lawinensicherheit nicht, insbesondere wegen auftretender Sogkräfte. Zum Einsatz kam schliesslich eine Kompaktfassade mit mehrschichtig verputzter Aussendämmung (Abb. 11). Die oberste Schicht enthält gemahlenes Aluminium, das mit dem Licht der Tageszeiten spielt und die Massivität des Volumens optisch unterstützt. Die beliebig wirkende Platzierung der Fenster in der Fassade entwickelte sich aus den Innenräumen, die genaue Anordnung und die Dimension der Öffnungen wurden situativ auf der Baustelle festgelegt. Dafür wurde die Blickachse der Besucher simuliert, die Öffnungen wurden am Ort mit der schönsten Aussicht fixiert und die entsprechenden Aussparungen in der Schalung vor Ort angepasst.

Reduktion im Inneren

Die noch erhaltenen Kellermauern wurden in den Neubau integriert und zu einem Sockelgeschoss erweitert, das Technik- und Lagerräume, Hüttenwartin- und Helferinnenzimmer, Sanitärräume und einen Wellnessbereich umfasst. Auch die Haupterschliessung erfolgt durch den Sockel in der Westfassade. Von hier gelangt man über eine zentrale Treppe ins 1. Obergeschoss mit Küche, Essraum und Zugang zur Aussenterrasse auf der Südseite. Um die Brandsicherheit zu gewährleisten, wurde das Treppenhaus als separater Brandabschnitt ausgeführt. Hier musste die Feuerresistenz der Stahltreppe und der Wandpaneele über Materialtests nachgewiesen werden, ebenso wie die Funktionstüchtigkeit der integrierten Brandschutztüren (Abb. 17).

Blickfang im Essraum sind die bis zu 6.40 m breiten Langfenster, die – klare Sicht vorausgesetzt – eine Aussicht bis zum Talanfang und auf die 4000er des Unterwallis gewähren. Im Inneren kommen nur wenige Materialien zum Einsatz: Fugenlos zusammengefügte Lärchenholzpaneele bilden eine homogene Oberfläche, der Boden ist mit Schieferplatten aus Norditalien belegt. Nichts stört die Uniformität der Fläche, auch die Leuchten sind als paneelbreite Streifen bündig in die Holzdecke integriert (Abb. 14). Letztere ist zu Akustikzwecken mit einer 1.5 mm-Lochung versehen. Die fugenlose Verarbeitung erforderte einen hohen Grad an Präzision in Produktion und Montage. Der Innenraum im Rohbau wurde per Laser vermessen, bevor die einzelnen Lamellen in Auftrag gegeben wurden. Vom 1. Obergeschoss führt die Treppe zu den beiden Schlafgeschossen. Gesamthaft sind hier 58 Schlafplätze angeordnet, acht davon für das Hüttenpersonal. Das Angebot reicht von Massenlagern mit 10 bis 12 Plätzen über Gruppen- und Familienzimmer mit Doppel- und Einzelbetten bis zu den beiden «Suiten» mit Doppelbett und eigenem Bad. Eine Besonderheit ist das einzige dekorative Element. Durch das ganze Haus sind die Holzoberflächen auf Augenhöhe durch integrierte, paneelbreite Bildleisten unterbrochen. Sie zeigen historische Aufnahmen aus dem Lötschental, die dank Mund-zu-Mund-Propaganda von Bewohnern des Tals zusammengetragen wurden. Mancher Wanderer hat hier schon seine Verwandten und Ahnen «besucht»: ein Bekenntnis der Hütte zum Tal und seinen Bewohnern und Bewohnerinnen.

Effiziente Versorgung, einfache Entsorgung

Zur Stromversorgung wurde nördlich der Hütte ein Wasserkraftwerk gebaut, bestehend aus Wasserfassung und Sandfang. Eine 850 m lange Druckleitung führt über eine Höhendifferenz von 165 m zum Turbinenhaus, wo eine zweistrahlige Peltonturbine mit Generator den Strom erzeugt. Die dafür notwendigen Rohre wurden im Tal zusammengeschweisst und in über 80 m langen Teilstücken von Helikoptern auf den Berg transportiert. Der durch Wasserkraft erzeugte Strom deckt den gesamten Energiebedarf der Hütte, wobei die Turbine immer nur so viel Strom erzeugt, wie gerade gebraucht wird (Abb.10 und Kasten). Werden allerdings mehrere Geräte mit hohem Verbrauch gleichzeitig eingeschaltet, kommt es zu einer Verzögerung von 2 Sekunden, bis sich die Turbine auf den neuen Bedarf eingestellt hat – ein Umstand, auf den nach der ersten vollständig betriebenen Saison 2009 reagiert wurde. Der Generator produziert jetzt mindestens konstant 50 kW; ein Wert, mit dem auch Leistungsspitzen abgefedert werden können. Das zu viel produzierte warme Wasser wird in zwei Speicher eingespeist. Dort steht es für Geräte wie Kaffee- oder Geschirrspülmaschine bereit und hilft, die dort nötige Energie zur Erwärmung zu reduzieren. Durch diesen Kunstgriff wird nicht nur das gesamte System stabiler, die einzelnen Geräte sind auch weniger schadenanfällig. Die Versorgung mit Brauch- und Trinkwasser erfolgt über die zahlreichen Quellen im Umkreis der Hütte – die Quelle für das Trinkwasser weist sogar Mineralwasserqualität auf. Eine mehrstufige Kläranlage unterhalb der Hütte reinigt das Abwasser und lässt es in der zerklüfteten Felszone unterhalb der Hütte versickern. Um das Funktionieren der abgestimmten Systeme auch im Winter, wenn die Hütte geschlossen ist, zu gewährleisten, wurden Sensoren angebracht, die es ermöglichen, Innentemperatur, Luftfeuchtigkeit und die Werte der Kraftwerkseinrichtungen extern zu überwachen und bei Bedarf regulierend einzugreifen.

Nachhaltigkeit und Kommerz

Neben der spektakulären Entstehungsgeschichte ist auch das Angebot der Anenhütte aussergewöhnlich. Durch den einfachen Zustieg wird die Hütte im Sommer primär von Tagestouristen und Wanderern besucht. Bergsteiger sind selten, sie nutzen die Hütte allenfalls als Zwischenstation zur Hollandia- oder zur Konkordiahütte. Von März bis Juni fahren zahlreiche Skitourenfahrer nach der Überschreitung der Lötschenlücke zur Fafleralp oder nach Blatten hinunter.

Die Hütte reagiert auf diese Situation mit einem an die Nutzer angepassten Angebot: Ein Wellnessbereich mit Sauna bietet Entspannung, es gibt Doppelzimmer mit Individualbadezimmern, alle Schlafplätze sind mit Duvets ausgestattet, im Keller lagert der Wein unter optimalen Bedingungen – fliessend (warmes) Wasser und Toiletten mit Wasserspülung sind da praktisch eine Selbstverständlichkeit. Der Eigentümer sieht sich denn auch oft der Kritik der Berggänger alter Schule ausgesetzt, die sich an der modernen Erscheinung und dem De-luxe-Angebot der Hütte stören. Eine Klage, die er mit dem Hinweis auf die Geschichte der Berghütten zurückweist: Schon immer bestand der Hüttenbau im state-of-the-art, der zeitgemässen Konstruktion und Verwendung von Materialien (vgl. TEC 21, 41/2009, Monte- Rosa-Hütte). Im aktuellen Wellness-Zeitalter gehört für ihn dazu eben auch eine Sauna.


Weiterführende Literatur zum Bauen in den Bergen:
– Roland Flückiger-Seiler: «150 Jahre Hüttenbau in den Alpen», in: Die Alpen, 7/2009 und 8/2009
– Jakob Eschenmoser: Vom Bergsteigen und Hüttenbauen. Orell Füssli, 1973
– Christoph Mayr Fingerle (Hrsg.): Neues Bauen in den Alpen. Birkhäuser, 2008
– Diego Giovanoli: Alpschermen und Maiensässe in Graubünden. Haupt Verlag, 2004

4. Januar 2010 TEC21

Schattentheater

Städtisches Licht erfüllt neben rein funktionalen Aufgaben heute vor allem auch ästhetische Zwecke. Für diesen Anwendungsbereich entwickelte das Zürcher Gestalterbüro huber & steiger im Rahmen eines KTI-Projektes eine Technologie, die die Vorteile der herkömmlichen Flutlicht- und Mehrleuchtenverfahren kombiniert. Das neue Verfahren erlaubt eine homogene – und darüber hinaus: präzise – Ausleuchtung der Fassaden ohne unerwünschte Lichtemission an den Gebäudekanten und ohne Blendung im Inneren.

Am Anfang stand die Sicherheit: Wer in der Schweiz in vorindustrieller Zeit nachts die Strasse betrat, musste eine Laterne tragen, um als ehrlicher Fussgänger identifiziert zu werden – ansonsten bestand der Verdacht krimineller Absichten, und es drohte Bestrafung. Eine über Steuern finanzierte Strassenbeleuchtung kam in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf, Mitte des 19. Jahrhunderts folgte die systematische Gasbeleuchtung mit Bogenlampen. Die Einführung von Strassenlicht war jedoch umstritten: Konservative Gruppen sahen im künstlichen Licht eine Störung der göttlichen Ordnung.[1]

Neben diesen Beleuchtungen, die der Orientierung bei Dunkelheit und der Sicherheit, später auch der Verkehrssicherheit, dienten, kam mit dem Aufkommen der Neonreklamen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ein weiterer Aspekt hinzu: Licht diente fortan auch der städtischen Selbstdarstellung und der Werbung.

Von allem das Beste

An diesem Aufgabenspektrum hat sich seither kaum etwas geändert, die nächtliche Identität einer Stadt wird bis heute durch Licht verkörpert. Zur szenischen Beleuchtung des öffentlichen Raums kommen momentan zwei Technologien zum Einsatz: Bei der Beleuchtung mit Flutlicht werden die Objekte aus grosser Entfernung mit starken Scheinwerfern angestrahlt. Die Fassade wird gleichmässig hell, wirkt aber oftmals auch flach. Die ungerichtete Anstrahlung weist zudem hinsichtlich der Präzision der Bestrahlung Defizite auf, ein Grossteil des Lichtes strahlt über die Gebäudekanten hinaus in die Umgebung ab, was neben unerwünschten Lichtemissionen auch zu Blendungen führt.

Im Gegensatz dazu werden bei einer Akzentbeleuchtung mit sehr nahe am Gebäude platzierten Strahlern einzelne Fassadenelemente betont. Durch die Anstrahlung – in der Regel von unten nach oben – entsteht aber eine dramatische Beleuchtung mit hohen Kontrasten: sehr hell am Montagepunkt, zunehmend dunkler im Verlauf des Lichtstrahls. Zusätzlich zu dieser ästhetischen Besonderheit sind Anlagen mit Akzentstrahlern neben einem hohen Energiebedarf auch aufgrund der vielen einzelnen Beleuchtungskörper kostenund wartungsintensiv. Eine gleichmässig ausgeleuchtete Fassade ohne unerwünschte Lichtemissionen ist mit der bestehenden Technologie nicht zu realisieren.

In diese Bresche sprangen vor sechs Jahren die Zürcher Gestalter Luzius Huber und Florian Steiger. Innerhalb eines KTI-Projektes[2] entwickelten sie gemeinsam mit der Zürcher Hochschule der Künste und der Fachhochschule Nordwestschweiz eine Technologie auf der Basis des bis anhin hauptsächlich im szenografischen Bereich angewendeten Projektionsverfahrens. Im Zentrum ihrer Überlegungen standen dabei die Vermeidung von unerwünschtem Licht über die Gebäudekanten hinaus, die Reduzierung der Blendung innerhalb der Gebäude und die präzise Modulation des Stadtbildes – alles bei einem möglichst minimalen Verbrauch von Energie.

Dosierte Helligkeit

Das Verfahren funktioniert wie ein Schattenspiel: Verzugskorrigierte Bildvorlagen des Gebäudes werden von Projektoren an die Fassade projiziert. Das Hell-dunkel-Muster der Maske wird dabei entweder per Laser auf eine chrombeschichtete Glasplatte aufgebracht, oder es wird aufgeätzt (Abb. 8). Diese sogenannten GOBO (graphical optical blackout) werden dann in die Projektoren eingesetzt, die an bestehende Masten angehängt oder an Fassaden der gegenüberliegenden Gebäude montiert werden können. Schwarze Flächen auf der Vorlage verhindern den Lichtaustritt, weisse Bereiche lassen das Licht passieren. Mithilfe verschiedener Graustufen auf den Vorlagen können die jeweiligen Bauten gestalterisch interpretiert werden (Abb. 12 und 13). Auf diese Weise entsteht eine homogene Beleuchtung, die Oberfläche des Gebäudes wird zum Träger des Lichts, es gibt keine unerwünschten Spitzen. Im Gegensatz zu Beamern, deren Projektionsleistung auf dem gleichen Verfahren basiert, sind die grafischen Effekte allerdings eingeschränkt, gut lesbare Textprojektionen sind zum Beispiel nicht möglich – und auch nicht gewollt.

Kirche, Hotel, Schloss

Von 2007 bis 2008 wurde die Technologie in sechs Musteranlagen getestet. Um ein möglichst breites Anwendungsspektrum zu erhalten, wurden verschiedene städtische Situationen und unterschiedliche Gebäudetypologien untersucht, darunter eine Kirche in ländlicher (dunkler) Umgebung, ein gotisches Zunfthaus in der (engen) Altstadt von Basel und ein Hotel am Hauptbahnhof Zürich in einem sehr hellen, heterogenen Umfeld. Auf diese Weise konnte das notwendige Verfahrenswissen erworben werden, was etwa die jeweilige Anzahl und die Ausrichtung der Projektoren betrifft. Erstere hängt dabei von der gewünschten Intensität der Beleuchtung ab, aber auch vom Umgebungslicht und von der Distanz der Projektoren zum Gebäude. Auch der Lichteinfallwinkel sowie Materialität und Reflexionsgrad der Fassade sind zu berücksichtigen.

Bei der Wahl des Leuchtmittels stand daher neben den energetischen Überlegungen die Leistung im Vordergrund. Bei abbildenden Systemen wie Projektoren wird hierfür der Wirkungsgrad des Lichtstroms auf der angestrahlten Fläche bemessen.[3] Um eine optimale Nutzung des Lichtes zu erreichen, wurde ein Wirkungsgrad von 40–50 % angestrebt. Ausserdem waren eine gute Farbwiedergabe und eine hohe Lebensdauer gefragt. Die Entscheidung fiel auf Halogen-Metalldampflampen, wie sie auch für Aussenbeleuchtung, in Stadien oder zur Theaterbeleuchtung verwendet werden. Im Gegensatz zu anderen Hochdruck-Gasentladungslampen zeichnen sich diese durch einen Farbwiedergabeindex von 89 aus.[4] LED, die ebenfalls zur Diskussion standen, erreichen zwar mittlerweile hinsichtlich Energieeffizienz und Farbwiedergabeindex nahezu vergleichbare Werte, sind aber in Bezug auf die Leistung noch nicht konkurrenzfähig. Durch die optimierte Optik innerhalb des Projektors konnte die Lichtausbeute bis auf 45 % gesteigert werden. Das bedeutet, dass von 23 000 lm, die in der Lampe erzeugt werden, bis zu 9900 lm auf die Fassade projiziert werden.

Da bei einer Projektionsbeleuchtung das Licht zudem nahezu horizontal auf die Fläche fällt, kann es eine optimale Wirkung entfalten – im Gegensatz zu einer Beleuchtung mit Akzentstrahlern, bei der die Fassaden vertikal von unten nach oben angestrahlt werden. Es wird kegelförmig mit einem Radius von 40 ° projiziert, bei einer horizontalen Beleuchtung beträgt die Beleuchtungsstärke bei einer Distanz von 20 m etwa 50 Lux, bei 60 m noch etwa 7 Lux. Schwierig wird es bei sehr flachen Projektionswinkeln: An den Rändern eines Lichtkegels nimmt die Beleuchtungsstärke jeweils ab. Um hier eine gleichmässige Lichtverteilung zu gewährleisten, wird bei Winkeln unter 30 ° eine gegengleiche symmetrische Anordnung der Projektoren empfohlen.

Architektonische Verfremdungen

Neben der Technologie liegt eine Schlüsselfunktion des Verfahrens im gestalterischen Verständnis der Planenden. Bei der Herstellung der Bildvorlage müssen sich die jeweiligen Lichtplaner zum einen mit den Besonderheiten der Fassade, zum anderen mit dem umgebenden Stadtraum auseinandersetzen – und zwar auf lange Sicht: Die Lebensdauer einer öffentlichen Beleuchtungsanlage beträgt in der Schweiz in der Regel mehrere Jahrzehnte. Hier wird entschieden, wie ein Gebäude gestalterisch behandelt wird, wo die Akzentuierungen liegen, wie sich die Grundhelligkeit ausnimmt, welche Bereiche im Schatten bleiben.

Um dieses Verfahrenswissen zu generieren, wurde gemeinsam mit Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste innerhalb des Forschungsprojekts auch mit architektonischen Verfremdungen experimentiert. Sie dienten gleichsam als Labor für die letztlich eingesetzten subtilen Modulierungen mittels unterschiedlicher Grauschattierungen. Die Ergebnisse sind verblüffend: Ganze Baukörper können simuliert, Oberflächen mit neuen Materialien belegt und dreidimensionale Elemente angefügt werden (Abb. 2 – 6) Diese expressive Art der Anstrahlung zeigt, was möglich, aber wohl nicht unbedingt wünschenswert ist. Immerhin erlaubt der einfache Wechsel der Bildvorlagen Variationen im Motiv, was das Verfahren auch für temporäre Beleuchtungsaufgaben attraktiv macht. Weniger Licht:

Utoquai und Schauspielhaus

In der Schweiz sind in den letzten drei Jahren 14 Anlagen entstanden, sechs weitere befinden sich in der konkreten Vorbereitung (vgl. Kasten S. 40). Das grösste realisierte Objekt befindet sich am Utoquai in Zürich. Während der Fussball- Europameisterschaft im Juni 2008 wurde hier im Rahmen des Zürcher Plan Lumière ein 600 m langer Strassenzug entlang des unteren rechten Seeufers angestrahlt. 25 Projektoren à 250 W beleuchteten fünf Fassaden, darunter Wohn- und Bürohäuser und ein Hotel (Abb. 9). Bis zu fünf Geräte konnten dazu an bestehenden Masten montiert werden. Die Aktion diente als Testlauf für eine fix installierte Anlage, die kommenden Februar ihren Betrieb aufnehmen wird (Abb. 10). Einen Ausblick auf mögliche kombinierte Verfahren zeigt die Beleuchtung der Westfassade des Zürcher Schauspielhauses. Ab dem Frühjahr 2010 ist eine Kombination aus Lichtprojektion und LED geplant, die die bestehende Beleuchtung mit ausschliesslich LED ablösen wird. Neben den ästhetischen Überlegungen spielte dabei auch der energetische Aspekt eine Rolle: Das Schauspielhaus wird über eine Länge von 40 m beleuchtet, die momentan installierte Beleuchtung mit LED benötigt dazu 5.0 KW. Dazu kommt die Werbebeleuchtung über dem Eingang. Die alternative Methode mittels Lichtprojektion lässt sich mit drei Projektoren mit einer Bestückung von je 150 W realisieren, was einem Verbrauch von 0.48 kW entspricht. Bei einer jährlichen Betriebsdauer von 2000 Stunden können damit 8400 kWh eingespart werden. Auf der gestalterischen Seite sprechen die Vorteile beider Methoden für eine Kombination: Mittels Projektion kann die Fassade vollflächig gleichmässig beleuchtet werden, während die an der Fassade angebrachten LED für die gewünschten Akzente sorgen (Abb. 15).

Ausblick: Kombinierte Verfahren

Mitte 2006 wurde eine Testanlage am EWZ in Zürich in Betrieb genommen. Sie zeigt sich erstaunlich robust, bisher wurden damit über drei Betriebsjahre ohne nennenswerte Störungen simuliert. Auch die seit etwa zwei Jahren laufenden Pilotanlagen weisen noch keine Ermüdungserscheinungen auf. Aus dem KTI-Projekt ist unterdessen mit «opticalight» eine Firma hervorgegangen, die sich aussschliesslich der Planung und Realisierung von Beleuchtungsanlagen mittels Lichtprojektion widmet. Für den internationalen Markt besteht eine Partnerschaft mit der deutschen siteco.

Das Verfahren bietet vor allem die Möglichkeit, einzelne Gebäude als Ensemble im städtebaulichen Kontext zusammenzufassen. Das Ergebnis ist so subtil, dass die Bauherrschaft bei Bemusterungen oft fragte, wann es denn endlich losginge – und erst beim Abschalten der Anlage bemerkte, dass bereits die ganze Zeit beleuchtet wurde. Kurz: Der Effekt ist unaufdringlich, aber spürbar – es entsteht kein weiterer Lichtreiz im Stadtbild. Gemeinsam mit den Vorteilen wie der reduzierten Blendung im Innenraum und der Vermeidung unerwünschter Lichtemissionen ist damit eine Anwendung entstanden, die sowohl funktional als auch ästhetisch überzeugt.

Natürlich gibt es dabei Grenzen: Für Glasfassaden ist das Verfahren nicht geeignet, transparente Oberflächen reflektieren kein Licht. Auch eine Bemusterung des Hospiz am Grimselpass erwies sich als wenig erfolgreich: Vor dem sehr dunklen Hintergrund der unbeleuchteten Bergwelt wirkte das Gebäude schlicht zu hell. Ein Zuviel an Licht ist auch der Grund, warum eine Akzentbeleuchtung einzelner kleiner Bauteile mittels Lichtprojektion wenig Sinn ergibt. Da die Technologie mit Lichtreduktion arbeitet, würde bei einer lediglich punktueller Anstrahlung zu viel Licht ungenutzt bleiben. Als Ergänzung zum Sortiment ist daher für 2011 ein kleiner Projektor geplant, der mit weniger leistungsfähigen Lampen arbeitet und auf kürzere Distanzen ausgelegt ist.


Anmerkungen:
[01] So z. B. in Winterthur, von wo ein zweijähriger «Lampenstreit» übermittelt ist. Am Ostermontag 1821 wurde mit 19 Laternen schliesslich die erste systematische Beleuchtung der Stadt in Betrieb genommen. Vgl. Meinrad Suter: Winterthur 1798–1831. Von der Revolution zur Regeneration. Stadbibliothek Winterthur, 1992, S. 275–277
[02] KTI ist die Förderagentur für Innovation des Bundes
[03] Gemessen wird dieser Wert bspw. in ANSI Lumen: Lumen = Lux·m² (ANSI = American National Standards Institute)
[04] Unter Farbwiedergabeindex versteht man einen fotometrischen Wert (Ra), der die Qualität der Farbwiedergabe von Lichtquellen beschreibt. Er zeigt, wie stark sich die Farbe eines Objektes bei der Beleuchtung mit zwei verschiedenen Lampen ändert. Sehr gute Farbwiedergabeeigenschaften besitzen Lampen mit einem Ra von 100, z. B. Glühlampen

25. September 2009 TEC21

Frisches im Müsli

Zwischen 1928 und 1943 entstand im Osten von Winterthur das sogenannte Bichermüesli-Quartier, konzipiert und realisiert von Adolf Kellermüller. Aufgrund der Rohstoff knappheit während der Kriegsjahre kam zum Teil mangelhaft es Baumaterial zum Einsatz – schliesslich war die Bausubstanz so schlecht, dass von 2006 bis 2009 eine Komplettsanierung durchgeführt wurde. Durch eine horizontale Erweiterung der Reihenhäuser gelang den Zürcher Architekten Knapkiewicz & Fickert eine Aufwertung, die die Wohnqualität steigert und den Charakter der Siedlung betont.

Anfang des 19. Jahrhunderts begann Winterthurs Entwicklung zur Industriestadt; 100 Jahre später stellte die Maschinenindustrie 60 % der Arbeitsplätze. Der hohe Bedarf an Arbeitern führte zu einem Mangel an Wohnraum, dem man mit dem Bau von Reihenhäusern nach dem Vorbild der englischen Gartenstädte begegnete. Auch der Bau der Siedlung Stadtrain im Osten von Winterthur geht auf eine solche Initiative zurück. Im Volksmund wird der Stadtteil wegen der Strassennamen «Quitten-», «Kirschen-», «Pfirsich-», «Aprikosen-», «Birnen-» und «Apfelweg» auch «Birchermüesli»-Quartier genannt. Die Bauherrin, die 1923 gegründete Heimstättengenossenschaft HGW, hatte das Ziel, insgesamt 277 Wohnungen zu erstellen, beginnend beim Spitzweg in Westen und endend an der Talackerstrasse im Osten. Mit dem Bau wurde Adolf Kellermüller beauftragt, der in Zusammenarbeit mit Hans Bernoulli bereits die Siedlungen Weberstrasse (1923–25), Bachtelstrasse (1924) und Eichliacker (1924–25) für die HGW realisiert hatte. Bei Planung und Bau der Siedlung Stadtrain arbeitete Kellermüller mit seinem Büropartner Hans Hoffman zusammen.

Kellermüllers Ansatz bestand darin, mit standardisierten Elementen auf der Basis handwerklicher Bauweisen das Kleinhaus als kostengünstige Alternative zur Mietwohnung zu realisieren. Er wählte dafür Kreuzreihenhäuser, eine Typologie, die er bei seiner Tätigkeit beim Wiederaufbau in Litauen und Ostpreussen kennengelernt hatte[1] und die sich durch extreme Kompaktheit auszeichnete. Es entstanden sieben Wohnblöcke à 18 Einheiten in Ost-West-Orientierung mit jeweils einem vorgelagerten Garten sowie mehrere Mehrfamilienhäuser am Blockrand. Durch die Anordnung «Rücken an Rücken» konnte sehr dicht gebaut werden, der Typus brachte aber Belüftungs- und Belichtungsprobleme mit sich, die durch eine Flachdachkonstruktion gelöst wurden: Ein doppeltes Oberlicht liess Licht und Luft ins Obergeschoss. Neben den Bauten, die formal dem «Bauen der neuen Sachlichkeit»[2] verpflichtet waren, zeichnete sich die Siedlung durch ein hierarchisch aufgebautes Erschliessungsnetz aus, das sich bis heute bewährt hat. 1930 waren bereits fünf Reihen fertiggestellt und an Private verkauft, als die Wirtschaftskrise die ursprüngliche Absicht, die Siedlung in einem Zug zu bauen, zunichtemachte. Die Realisierung wurde etappiert, zwei während des Krieges erbaute Häuserreihen sowie ein Mehrfamilienhaus an der Talackerstrasse blieben im Besitz der Genossenschaft. Sie wurden um 1943 fertiggestellt. Durch den Krieg herrschte ein Mangel an Baumaterial, statt in Beton wie bei den früheren Siedlungsteilen wurden die Dächer aus Holz konstruiert. Eine fehlerhaft ausgeführte Erneuerung der Dachabdichtung in den 1980er-Jahren hatte die Konstruktion verfaulen lassen. 2005 war der Zustand so desolat, dass eine vollumfängliche Sanierung nötig wurde.

Wettbewerb, Abriss und Neubau

Ein geladener Wettbewerb unter sechs Schweizer Architekturbüros wurde ausgeschrieben: Neben den Sanierungen im konstruktiven und energetischen Bereich waren eine Anpassung der sanitären Anlagen an heutige Standards und die Schaffung von grosszügigeren räumlichen Verhältnissen erwünscht. Im Juli 2005 konnten die Zürcher Architekten Knapkiewicz & Fickert die Auslobung für sich entscheiden (vgl. TEC21 35/2005). Ausschlaggebend dafür war unter anderem die geplante horizontale Erweiterung zur räumlichen Entspannung der Wohnfläche. Die Mehrheit der Teams hatte eine Aufstockung der Gebäude vorgeschlagen – im Hinblick auf die vorherrschenden Volumina im Quartier wurde dies jedoch abgelehnt. Für die Sanierung wurde eine differenzierte Herangehensweise gewählt und das Projekt in drei Bauphasen aufgeteilt. Die erste Etappe umfasste die Mehrfamilienhäuser an der Talackerstrasse. Die Bauten waren in sehr schlechtem Zustand und ausserdem mit einem Hochparterre versehen, was die angestrebte rollstuhlgängige Nutzung erschwerte. Hier wurden der Abriss und die Erstellung eines Ersatzbaus mit zwölf barrierefreien Dreizimmerwohnungen projektiert. Dadurch liess sich auch eine unterirdische zweigeschossige Einstellhalle mit 63 Plätzen realisieren, die den Bedarf der gesamten Siedlung deckt. Per Lift besteht ein Direktanschluss an die Wohnungen des Neubaus.

Den Architekten war es ein Anliegen, den kleinteiligen Volumina der Kreuzreihenhäuser keinen überdimensionierten Block gegenüberzustellen. Der dreigeschossige Neubau orientiert sich daher an den Proportionen des Abbruchbaus, durch den Wegfall des Hochparterres konnte aber ein zusätzliches Geschoss realisiert werden. Darüber hinaus wurde über die Wahl der Materialien versucht, eine Zusammengehörigkeit mit den Reihenhäusern herzustellen: Die dem Quartier zugewandte Fassade ist mit Eternit verkleidet und korrespondiert mit den ebenfalls eternitverkleideten Anbauten der Reihenhäuser. Süd-, Ost- und Nordfassade sind massiv gemauert, aussen isoliert und grau verputzt. Im Innern herrscht Genossenschaftscharme: Alle nichttragenden Wände sind aus Holz in Leichtbauweise erstellt, die Fugen mit hellgrauen Deckleisten belegt (Abb. 8). Die Kassettierung thematisiert den Kontrast zwischen massiven und Leichtbauelementen – ein Motiv, das durch die Schiebetüren zusätzlich akzentuiert wird. Im Grundriss orientierten sich die Architekten an Kellermüllers kompakten Typologien: Es gibt keine Verkehrsflächen, analog zur zunehmenden Privatsphäre reihen sich Nebenräume, Wohnzimmer und Schlafzimmer in drei Schichten hintereinander (Abb.10).

Horizontale Erweiterung / Vertikale Lichtführung

Die zweite Bauphase von 2008 bis 2009 umfasste die 18 Kreuzreihenhäuser zwischen Quittenund Kirschenweg. Hier stand neben der bautechnischen und energetischen Sanierung die Steigerung der Wohnqualität durch zusätzliche Fläche im Vordergrund. Mit einer Grundfläche von 53 m² waren die Reihenhäuser bescheiden dimensioniert. Das Erdgeschoss beherbergte die Küche, das Wohnzimmer und ein Bad mit Waschküche; im Obergeschoss gab es drei Schlafzimmer und ein WC. Neben den engen Raumverhältnissen und dem unbefriedigenden Zustand der Sanitärräume war primär auch die Erschliessung ein Problem: Durch das Fehlen von Verkehrsfläche befand man sich beim Eintreten praktisch bereits auf der Treppe ins Obergeschoss, der Keller konnte nur durch die Küche erschlossen werden.

Die Erweiterung lösten die Architekten durch einen nach Süden ausgerichteten eingeschossigen Anbau für Küche und Wohnzimmer, eine Holzkonstruktion mit Eternitverkleidung, die auf einer Bodenplatte aufgeständert ist. Die Küche wurde als Küchenzeile in den Verbindungsgang zwischen Bestand und Anbau platziert. Der durchgängige Linoleumboden betont den fliessenden Grundriss; es entsteht eine – an den Proportionen des ehemaligen Arbeiterhauses gemessen – geradezu grosszügige Enfilade. Der Vorteil dieser horizontalen Erweiterung liegt auf der Hand: Die Zusatzfläche wird für Wohnräume geschaffen, dort, wo die Bewohner sie am dringendsten benötigen. Darüber hinaus entsteht durch den neuen L-Grundriss im Aussenraum ein semiprivater Hof. Dem Anbau haftet etwas Provisorisches an, Assoziationen mit Schrebergärten, Schuppen drängen sich auf – eine bewusste Reverenz an die Geschichte der Siedlung.

In den Innenräumen verfolgte man eine Strategie der sanften wertsteigernden Eingriffe: Alle Gebrauchsräume – Küche, Wohnzimmer, Esszimmer und das Badezimmer mit Waschmaschine – sind im Erdgeschoss auf einem Niveau untergebracht. Ein zusätzlicher Aussenzugang zum Keller entspannt zudem die Erschliessungssituation. Die dringend nötige Sanierung des Daches wurde mit vorfabrizierten isolierten Holzelementen durchgeführt. Auf diese Weise konnte das Dach angehoben und eine Raumhöhe von 2.55–2.75 m im Obergeschoss ermöglicht werden. Die analog zum ursprünglichen Bestand projektierte Terrasse im Obergeschoss fiel Einsparungen zum Opfer. Zudem befürchtete die Bauherrschaft durch mögliche Einblicke in das Nachbargrundstück Einbussen in der Privatsphäre der Bewohner. Während des Umbaus stellte sich heraus, dass die Bausubstanz noch schlechter war als befürchtet: Im Treppenhaus war das Mauerwerk teilweise stehend vermauert, was eine Berechnung des Tragwerks praktisch verunmöglichte. Als Konsequenz versuchte man, zusätzliche Schwächungen des Mauerwerks zu vermeiden sowie – ganz allgemein – einen möglichst hohen Anteil der Originalsubstanz zu erhalten. Ein Beispiel: Während im ganzen Haus ein neuer Bodenbelag aus orange-gelbem Linoleum verlegt wurde, findet sich in einem der Räume im Obergeschoss ein Parkettboden. Dies ist der einzige Raum, in dem keine Abbrucharbeiten an den bestehenden Wänden vorgenommen wurden, das Parkett konnte übernommen werden. Da die Kreuzreihenhaus-Typologie natürliches Licht lediglich von der Fassadenseite her erlaubt, betraf ein wichtiger Eingriff die Lichtführung. Das bestehende Oberlicht wurde ersetzt, statt nur ins Obergeschoss leitet ein Lichtschacht neu natürliches Licht bis ins Wohn- / Esszimmer im Erdgeschoss. Das darüberliegende Schlafzimmer ist zum Schacht hin verglast und profitiert auf diese Weise ebenso von der zusätzlichen Helligkeit. Neben der Steigerung der Wohnqualität war auch die energetische Sanierung ein wichtiges Thema. Hier war die Kreuzreihenhaus-Typologie von Vorteil, die einzelnen Häuser konnten als gesamthaftes Volumen betrachtet werden. Eine Innendämmung wurde von der Bauherrschaft aus Platzgründen abgelehnt, die Architekten wollten aber ein «Verpacken» der Fassade möglichst vermeiden. Isoliert wird nun über die vorgefertigten Holzelemente des Daches, lediglich die Kopfbauten erhielten eine zusätzliche Dämmung an den Aussenfassaden. Daneben wurde die Fassade auch farblich aufgewertet: Die ehemals einheitlichen Fronten der Häuserreihe werden nun differenziert behandelt, während die vorgestellten Anbauten, die jetzt die neue Fassade gegen aussen bilden, mit grauem Eternit verkleidet sind. Als Reverenz an den Bestand wurden die neuen Haustüren rot gestrichen.

Heterogen statt zusammenhängend

Nach Fertigstellung der 18 Reihenhäuser im Mai 2009 sollte die anschliessende Reihe zwischen Kirschen- und Pfirsichweg nach dem gleichen Konzept saniert werden. Dazu wird es nicht kommen: Aufgrund von Differenzen zwischen Bauherrin und Architekten entschloss sich Erstere, die Zusammenarbeit zu beenden. Statt einer Sanierung ist ab April 2010 der Abriss der originalen Kreuzreihenhäuser geplant. An ihrer Stelle entstehen Ersatzbauten, die aufgrund des Volumenschutzes den sanierten Reihenhäusern samt Anbauten entsprechen werden. Der Entscheid ist zu bedauern, zeugt aber – von der Fragwürdigkeit einer solchen Rekonstruktion abgesehen – immerhin für die städtebauliche Qualität des Entwurfs von Knapkiewicz & Fickert: Mit den Anbauten gelang eine erhebliche Steigerung der Wohnqualität, ohne den Charakter der Siedlung zu zerstören. Sie bereichern das Quartier auf spielerische, selbstverständliche Art und ermöglichen eine zeitgemässe Nutzung.


Anmerkungen:
[01] Christoph Luchsinger, «Adolf Kellermüller (1895–1981). Drei Siedlungsunternehmen». archithese 6/1983
[02] Kellermüller bevorzugte den Ausdruck «Bauen der neuen Sachlichkeit» gegenüber «Neues Bauen». Es ging ihm nicht um die Erfindung einer neuen Baukultur, sondern um das Wiederfinden verlorener Qualitäten. Vgl.: Adolf Kellermüller, «Gedanken über Wesen und Aufgabe des Architekten», handschrift - liches Manuskript für ein Referat für die Oberklassen der Kantonsschule Winterthur, 8.2.1946, S.4

3. September 2009 TEC21

Vom Turnen zum Sport

Gespielt und gewetteifert wurde schon immer. Während in der Antike und im Mittelalter Turniere und Wettkämpfe bestritten wurden, brachte die Aufklärung eine Betonung des Gesundheitsaspektes für die gesamte Bevölkerung. Es entstanden Hallen zur Ausübung der Körperertüchtigung, die sich in Grösse und Raumprogramm an den Bedürfnissen des Turnens orientierten. Die Zunahme der englischen Teamsportarten seit Anfang des 20. Jahrhunderts führte zu einer kontinuierlichen Adaptierung der Gebäudetypologie.

Jahrhundertelang war die systematische, leistungsorientierte Leibesertüchtigung dem Adel vorbehalten, während sich das Volk mit punktuell stattfindenden Spielen amüsierte. Im Gegensatz zur Antike und zum Mittelalter zeichnet sich der «moderne Sport» daher durch seine Breitenwirkung aus, die alle Gesellschaftsschichten umfasst. Die Grundlagen für diese Entwicklung wurden durch die Ideen der Aufklärung gelegt. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde in Europa über den Stellenwert des Körperbewusstseins und der Körperertüchtigung debattiert. In seinem pädagogischen Werk «Émile ou de l’éducation» von 1762 betonte Jean-Jacques Rousseau die Bedeutung von Spielen und Bewegung als Teilen der Erziehung. Johann Heinrich Pestalozzi schuf die Idee der ganzheitlichen Entwicklung (Kopf, Hand, Herz) und formte daraus seine Elementargymnastik. 1793 erschien mit der «Gymnastik für die Jugend» von Johann Christoph Friedrich GutsMuths das erste systematische Lehrbuch der Turnkunst.

Realer Hintergrund dieses Prozesses war die Industrialisierung, die den Übergang von der Selbst- zur Fremdversorgungsgesellschaft und die Automatisierung der Produktion brachte. Die neue Klasse der Arbeiter stellte sozialpolitische Forderungen, etwa nach der Fünftagewoche und dem Achtstundentag, und schuf damit die Voraussetzung für etwas, das bis anhin nur die Herrschenden kannten: Freizeit. Allmählich hatte auch die Unterschicht Zeit, Musse und das Bedürfnis, sich Anerkennung ausserhalb des Arbeitsplatzes zu verdienen – eine Freiheit, die es auszufüllen galt.

„Sports“ in England - „Turnen für das Vaterland“ in Deutschland

In den europäischen Ländern bildeten sich verschiedene Modelle der Leibesertüchtigung aus, wegweisend waren England und Deutschland. In England, dem Ursprungsland der industriellen Revolution, waren Arbeitsteilung und individuelle Leistungsorientierung bereits Mitte des 18. Jahrhunderts weit fortgeschritten. Der sportliche Ansatz bestand hier darin, die traditionellen Volksspiele wie Rugby und Fussball stärker zu formalisieren und zu pädagogischen Zwecken zu nutzen. Die Begriffe «Fair Play» und «Gentlemanly Behaviour» sollten auch ausserhalb des Sports für breite Bevölkerungsschichten Bedeutung erlangen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann das englische Sportmodell auf den europäischen Kontinent überzuschwappen. Im deutschsprachigen Raum stiess es dabei auf erbitterten Widerstand der Turnvereine, die sich als Vertreter der körperlichen Bewegung etabliert hatten. Leibesübungen waren hier gleichzusetzen mit Turnen, und sehr oft: Turnen fürs Vaterland. Die Besetzung weiter Teile Deutschlands Anfang des 19. Jahrhunderts durch französische Truppen weckte den Drang zu bewaffnetem Widerstand, was den Stellenwert eines gesunden, wehrhaften Körpers erhöhte. Der bekannteste Protagonist innerhalb dieser nationalen Bewegung war «Turnvater» Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852). 1811 eröffnete er vor den Toren Berlins den Turnplatz Hasenheide, der eine hierarchiefreie deutsche Nation symbolisierte, wo sich alle mit «Du» ansprachen und ähnliche Kleidung trugen. Das galt allerdings nur für den männlichen Teil der Bevölkerung: Die Betonung des Wehrcharakters schloss die Teilnahme von Turnerinnen aus. Die stark nationalistisch motivierte Turnbewegung mit ihrem Streben nach einer einheitlichen Nation entwickelte sich jedoch zunehmend zu einer Provokation für die regierenden Kreise der deutschen Kleinstaaten: 1820 verhängte Preussen eine «Turnsperre», viele der deutschen Fürstentümer folgten. Jahn wurde verhaftet und unter Arrest gestellt, etliche seiner Anhänger flohen ins Ausland.

Turnbewegung und Nationalbewusstsein in der Schweiz

Zu dieser Zeit existierten in der Schweiz nur vereinzelt Einrichtungen zur Körpererziehung, etwa der Turnbetrieb, den der Turnlehrer Phokion Heinrich Clias (1782–1854) auf der Kleinen Schanze in Bern initiierte. 1816 schlossen sich Studenten unter Clias’ Führung zur «Vaterländischen Turngemeinde» und damit zum ersten Turnverein der Schweiz zusammen. Mit der Turnsperre in Deutschland gelangte das Jahn’sche Turnen auch in die Schweiz, wo es sich rasch verbreitete: 1832 erfolgte die Gründung des Eidgenössischen Turnvereins in Aarau. Ein wichtiges Bindeglied der zahlreichen Turngemeinden waren die jährlichen gesamtschweizerischen Turnfeste. Neben dem Sechskampf, bestehend aus Freiübungen, Wettlaufen, Springen sowie Übungen an Pferd, Barren und Reck, wurden 1855 Schwingen, Ringen, Steinstossen und Steinheben als «Nationalturnen» und als eigenständiger Wettkampf eingeführt.

Die Turnbewegung bildete in der Schweiz des 19. Jahrhunderts nicht nur die massgebliche Form der körperlichen Ertüchtigung; sie spielte auch eine sozialpolitische Rolle. Die Vereine waren Orte der Begegnung und der Festkultur. An den Feiern wurden patriotische Gefühle und Rituale gepflegt und das Nationalbewusstsein beschworen. Zwar gab es auch in der Schweiz restaurative oder sittlich-moralische Kritik an der Turnbewegung, etwa aus Sorge um etwaigen Autoritätsverlust von Pfarrern oder anderen Respektspersonen. Ein wesentlicher Unterschied zur Entwicklung in Deutschland war jedoch, dass sich die 1834 in den Statuten des Eidgenössischen Turnvereins festgeschriebene «Einigung der schweizerischen Turnerschaft» und die «nationale Erziehung der schweizerischen Jugend» nicht gegen die Regierung richtete.1 Dazu gab es auch keinen Grund, seit der Helvetischen Republik galt die Volkssouveränität. Im Gegenteil: Die Vereine fungierten als Stütze und Übungsfeld basisdemokratischer Verfahrensformen.

Die Pflege einheimischen Volkstums und nationaler Gesinnung inerhalb der Turnbewegung zeugt von einem Streben nach einer Gemeinschaft, die alle Bevölkerungsschichten umfasste.

Bauten und Dimensionen

Zu Beginn der Bewegung fand der Turnbetrieb in der Regel an fest installierten Geräten im Freien statt. So hatte eine Turnanlage gemäss Friedrich Ludwig Jahn primär folgende Kriterien zu erfüllen: «Jeder Turnplatz muss wo möglich folgende Beschaffenheit, Gelegenheit und Örtlichkeit haben. – Er muss eben sein, muss hoch liegen [...]; er muss festen, mit kurzem Rasen bedeckten Boden haben, und mit Bäumen bestanden sein [...]. Ein Hauptbedürfnis für jeden Turnplatz [...] ist eine verschliessbare feste Hütte [...] zur Aufbewahrung des beweglichen Turnzeugs und Geräthes [...]».[2] Die zunehmende Institutionalisierung und die Integration des Turnens in die schulische Erziehung führte aber bald zum Bau von einfachen Turnhallen. Johannes Niggeler (1816–1887), einer der bekanntesten Exponenten der Bewegung und Förderer des Schulturnens in der Schweiz, forderte 1860 eine Grundfläche von 2400 Fuss (ca. =12 × 24 m) pro gedeckte Anlage, damals für Klassen mit bis zu 50 Schülern und Schülerinnen.[3]

Im Zusammenhang mit dem ersten offiziellen Lehrmittel für den Schulturnunterricht, der 1876 erschienenen «Turnschule für Knaben und Mädchen» von Johannes Niggeler, publizierte die dem Militärdepartement angegliederte Eidgenössische Turnkomission (ETK) ab 1878 regelmässig Empfehlungen zum Turnstättenbau. Ab 1911 erschienen sie unter der Bezeichnung «Normalie». Das Reglement vom 1. August 1911 sah Hallenmasse von 9 × 18 m vor; Platz finden mussten ein Rollbalken, vier Rollrecke, acht Kletterstangen und vier Klettertaue. Diese Dimensionen waren ausschliesslich auf das Geräteturnen und damit auf die Bedürfnisse des Militärs bei der Aushebung abgestimmt. Trotz der abnehmenden Bedeutung des Wehrcharakters des Turnens und der zunehmenden Verbreitung der Ballspiele blieben diese Masse bis in die 1960er-Jahre hinein ausschlaggebend für den Sporthallenbau.

Polyvalente Bauten für den polysportiven Betrieb

Anfang des 20. Jahrhunderts geriet die militärische Ausrichtung des Turnens in die Kritik. Die Reformpädagogik kritisierte Künstlichkeit und Militarisierung des Schulturnens, während sich der Freizeitsport mit dem Aufkommen von Wanderbewegung, Leichtathletik und Ballsportarten immer weiter diversifizierte und institutionalisierte. Gleichzeitig setzte eine Professionalisierung ein, die sich auch in Dimension und Ausstattung der Sportstätten manifestierte. Schliesslich erlaubte erst die Standardisierung von Sportstätten und -geräten den objektiven Leistungsvergleich.

Ab den 1960er-Jahren war bei den Ballsportarten, die vorwiegend draussen gespielt wurden, ein Trend zur Verlagerung in die Halle zu erkennen. Die Wettspielmasse der Mannschaftssportarten beeinflussten die Dimensionen der Sporthallen, es entstanden die ersten Mehrfachhallen. Die heute bekannte klassische Dreifachhalle mit den Massen 45 × 27 m wurde in Deutschland aus der damals vorherrschenden Einfachhalle (15 × 27 m) entwickelt. Seit Oktober 2008 empfiehlt das Bundesamt für Sport (Baspo) für den Neubau von Dreifachhallen eine Grösse von 49 × 28 m. Dabei wird von einem Modul ausgegangen, das sich an einem Basketballfeld (26 × 14 m) inkl. umlaufenden Sicherheitsabstands von 1 m und dem Platzbedarf mobiler Trennwände (je 0.5 m) aufbaut (vgl. Abb.11). Auch die Anzahl der Kriterien, die es beim Sporthallenbau zu beachten gilt, ist gewachsen. Immer mehr und immer schnelllebigere Trends im Sport führen zu baulichen Anpassungen. Ausser den eigentlichen Turngeräten bieten die Hallen heute eine Vielzahl an Sportmöglichkeiten, wie das Anfang Mai eröffnete, vom Bregenzer Architekturbüro Dietrich/ Untertrifaller realisierte Sport Center an der ETH Hönggerberg zeigt. Dessen «konventionelles Angebot» wurde u.a. auf dem Dach um Plätze für Tennis, Bogenschiessen und Beachvolleyball erweitert. Seit 2004 kommen bei der militärischen Aushebung keine Kletterstangen mehr zum Einsatz. Sie werden daher – dem aktuellen Sportklettertrend folgend – zunehmend durch Kletterwände ersetzt. Beim Innenausbau ist neben der Wahl des richtigen Bodens (punkt-, kleinflächen-, flächen- oder kombielastisch) das Prinzip der «glatten Wand» zu berücksichtigen: Das bedeutet, dass die Oberfläche nicht rau und bis auf mindestens 2.70 m ab Boden flach, geschlossen und splitterfrei ausgebildet sein muss.

Die Zuwendung zu Ball- und Laufspielen hat die Zahl der Unfälle durch den Aufprall an der Hallenwand markant erhöht, eine nachgiebige Wandverkleidung ist daher wünschenswert. Die «glatte Wand» beinhaltet auch den flächenbündigen Einbau von ausklapp- oder hochfahrbaren Sportgeräten wie Sprossenwänden oder Ballspieltoren sowie den bündigen Einbau von Fenstern, Türen oder Heizungselementen.

Je nach Niveau gelten zudem Mindeststandards bei der Beleuchtung. Als Richtwerte sind für das Training 300 lx vorgesehen, bei regionalen Wettkämpfen 500 lx sowie 750 lx bei internationalen Konkurrenzen. Darüber hinaus sollte eine Halle möglichst blendungsfrei und gleichmässig ausgeleuchtet sein. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Akustik: Um den Lombard-Effekt, das Aufschaukeln des Schalls, zu minimieren, gilt für Mehrfachhallen eine maximale Nachhallzeit von ≤ 2.5 s.[4] Durch die Professionalisierung des Breitensports müssen die Hallen auch zuschauertauglich sein, was erhöhte Anforderungen an Brandschutz, Fluchtwege und unterstützende Infrastruktur mit sich bringt. Mit dem Wunsch nach energetischer Effizienz sowohl im Bau als auch im Betrieb ist in letzter Zeit ein weiterer Aspekt hinzugekommen, den es bei der Planung zu berücksichtigen gilt. Dass dies möglich ist, zeigen die 44 Neu- und Umbauten von Hallen, die in den letzten Jahren den Minergie- Standard für Sportbauten erreicht haben.[5]

Zeitgenössische Bauaufgabe

Aus den militärisch und politisch motivierten und bald standardisierten Körperübungen von Niggeler, Clias und Jahn ist längst eine diversifizierte Freizeitbeschäftigung geworden. Sporttreibende sind heute Individualisten, die zwischen verschiedenen Angeboten wechseln, je nach Mode, Bedürfnis oder Lebensphase. Diese Komplexität drückt sich in den dazugehörigen Bauten aus: Ein Blick auf die Wettbewerbslandschaft in der Schweiz zeigt, dass in den nächsten Jahren etliche neue Sporthallen entstehen und bestehende Anlagen den heutigen Anforderungen angepasst werden. Der Sport ist also tatsächlich im Alltag angekommen, ein Massenphänomen, dessen «fruchtbare Wirkungen nicht bloss das Leben auf dem Turnplatze sondern (…) auch für das gesellschaftliche und staatliche Leben (…) von Nutzen sind (…).»[3]


Anmerkungen:
[01] Zum Vergleich: «Das Turnwesen in Deutschland ist ein allgemeiner Männerbund zum Sturze der Tyrannei, zur Begründung der Freiheit, des Lichtes und der Einengung von Willkür.» Aus dem Protokoll des Frankfurter Turnfestes von 1847
[02] Friedrich Ludwig Jahn: Die deutsche Turnkunst. Berlin 1816, S. 188
[03] Johannes Niggeler: Turnschule für Knaben und Mädchen. 8. Auflage, Schulthess, Zürich 1888, S. 18
[04] Richtlinien zum Sporthallenbau finden sich u.a. in der Baspo-Norm 201 (2008) und der bfu-Dokumentation «Sporthallen-Sicherheitsempfehlungen für Planung, Bau und Betrieb»
[05] Bei Neubauten gilt eine Energiekennzahl von 25 kWh/m2, bei Umbauten 40 kWh/m2

26. Juni 2009 TEC21

Gastronomische Zitate

1935 realisierte der damalige Zürcher Stadtbaumeister Hermann Herter (1919–1942) ein «Dienstgebäude mit Bedürfnisanstalt» an städtebaulich exponierter Lage am Zusammenfluss von Schanzengraben und Sihl. In den letzten Jahren fristete der Bau ein Dornröschendasein als Anlaufstelle für Alkoholiker. Seit Anfang Junflstrahlt er in neuem Glanz: Das Imbisslokal «Rio Bar Express Buffet» wurde eröffnet – und wirkt, als hätte es schon immer hier gestanden.

Im Rahmen eines Aufwertungsprogramms für das Sihlufer, das unter anderem auch dessen Nutzung über die Sihlstufen umfasst, wurde 2007 die Gessnerbrücke erneuert. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, das ehemalige Werkgebäude, das neben seiner Funktion als Treffpunkt für Alkoholabhängige auch als Transformatorenhäuschen der EWZ diente, entsprechend seiner städtebaulichen Lage aufzuwerten. 2006 führte das Amt für Hochbauten daher ein Planerwahlverfahren unter drei Architekturbüros durch, das die Zürcher Architekten Stucky Schneebeli für sich entschieden.

Fester Sockel und schwebendes Dach

Den Architekten war es wichtig, die beiden Charakteristika des Gebäudes – das expressive Dach und die Massigkeit des Betonvolumens – zu erhalten und zu stärken. Die trutzige Brückenstützmauer verbindet sich fugenlos mit der Gebäudewand, deren Oberfläche aus gestocktem Beton eine expressive Rillenstruktur aufweist. Die Intervention von Stucky Schneebeli besteht daher im Wesentlichen darin, den Bau auf Strassenniveau zu öffnen: Eine an den Ecken gerundete Glasfassade mit Fensterrahmen aus bronzefarbenem, eloxiertem und geschliffenem Aluminium schmiegt sich raumhoch an drei Seiten um das Gebäude. Zur Sihl hin präsentiert sich eine fest verglaste Fensterfront, der Haupteingang befindet sich an der Südseite. Die östliche Fassade öffnet sich zu einem gekiesten Platz, der als Aussenwirtschaft genutzt wird. Die Fenster als durchgehendes Band, das sich weich um die Gebäudeecken legt, sorgen nicht nur für eine formale Fassung des Baus. Durch die Verlagerung der Verglasung vor die Aussenwand wirkt auch der Innenraum von nur 45 m² wesentlich grosszügiger. Hinter der Glasfassade bleibt der bestehende Beton sichtbar, er ist hier schwarz gestrichen und bildet den Hintergrund für die Beschriftung im Retrostil (Abb. 01). Neben der massiven Brückenstützmauer ist das auskragende Flachdach – ein Markenzeichen Herters, der auch die Tramhaltestellen am Bellevue und am Paradeplatz realisierte – charakteristisch für den Bau. Hier wurden die Dachhaut erneuert sowie die erforderlichen Lüftungskanäle und der Kamin eingebaut. Abends wird das Dach durch eine indirekte Beleuchtung von unten subtil in Szene gesetzt.

Rotbraun, Messing, Beton

Die starke, auch konstruktive Verbindung von Gebäude und städtebaulicher Situierung legte es nahe, den Bau ohne Bezug zum zeitgenössischen Kontext zu planen: Die Bar sollte wirken, als existierte sie schon seit Längerem. Für den unwissenden Flaneur entsteht daher – zumindest auf den ersten Blick – eine vage nostalgische Aura von Italianità der 1950er- Jahre, ein Eindruck, der durch Materialwahl und Schriftzug transportiert wird. Aber auch das Farbkonzept der neuen Fassade lässt diese Assoziation entstehen. Die Farbreihe Rotbraun, Bronze und Messing harmoniert bestens mit den Zuschlagstoffen des Betons, dessen Oberfläche im Kontext dieses Farbklangs weich und warm wirkt. Die Tonalität wird im Innenraum fortgeführt: Ein rotbrauner Terrazzoboden mit Messingfilet läuft durch das gesamte Gebäude und transportiert das Thema «Beton» nach innen. Die Wände sind mitgrau gestrichenem Stramin bespannt, durch die indirekte Beleuchtung wirkt das Gewebe wie weichgezeichnet. Im hinteren Bereich des Baus befinden sich ein rollstuhlgängiges und öffentlich zugängliches «Züri-WC» sowie – an der Nahtstelle zwischen dem 1948 angebauten Trans formatorenhäuschen und dem ursprünglichen Werkgebäude – die Treppe ins Untergeschoss mit dem Originalgeländer. Hier sind Lager, Technikräume und die Gäste-WC untergebracht. Die gestockte Betonwand beim Treppenabgang (Bestand) wird im neu gestalteten Untergeschoss aufgegriffen und in den WC als geschliffene Wand variiert. Aufgrund der Hochwassergefahr mussten hier an der Sihlseite wasserdichte Fenster eingebaut werden. In Dimension und Anordnung entsprechen sie den Fenstern des Bestands.

Versatzstücke der Cafékultur

Der Innenausbau und die Möblierung wurden durch die Pächterschaft in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Büro Kistler Spehar realisiert. Auch die innere Raumhülle sollte als etwas bereits Dagewesenes, aus der Geschichte Gewachsenes empfunden werden. Die Architekten überführten das Farbkonzept der Fassade in den Innenraum, der mit Reminiszenzen an die italienische und die wienerische Cafékultur bestückt ist. Die Front der Theke aus in Eichenrahmen gefasstem, anthrazit gebeiztem Wiener Geflecht erinnert nicht zufällig an den Kaffeehausstuhl von Michael Thonet. Auch die Möblierung greift das Thema auf: Bei Hockern und Barhockern kommen Stahlblechmöbel aus den 1930er-Jahren zum Einsatz, die Stühle sind ebenfalls gebraucht und wurden lediglich etwas «aufgefrischt». Um den Raum optimal nutzen zu können, sind alle tragenden Wandteile mit Stehtischen ausgestattet. Bedingt durch die geringe Raumhöhe von nur knapp 2.40 m und die Anforderungen an die Raumakustik wurde eine FL-Beleuchtung aus offen montierten TL-5-Ringleuchten gewählt, deren Vorschaltgeräte in die flachen, mit Stramin bespannten Deckenfelder integriert wurden. Die ursprünglich von Stucky Schneebeli zentral geplante Bar wurde auf die Fensterseite zur Sihl gelegt, damit sich der Gästebereich Richtung Vorplatz öffnen kann. Die Aussenwirtschaft mit etwa 60 Sitzplätzen ist integraler Teil der Anlage und wertet den kleinen Park mit den zwei markanten Platanen auf. Eine neue Kiesfläche verbindet die beiden Platzebenen im Abgang zu den Sihlstufen. Die formale Grenze zum Schanzen graben markiert ein ebenfalls von Stucky Schneebeli realisierter überdachter Unterstand, der Abfallcontainer und Nebenfunktionen beherbergt und baulich in die Stützmauer am Schanzengraben integriert wurde.

Heitere Selbstverständlichkeit

Das Ziel, den Ort mit einem Bau von Zeitlosigkeit aufzuwerten, ist erreicht. Ein Sammelsurium von Bezügen – chronologisch und geografisch – lässt die Bar authentisch wirken. Eben so, als existiere sie schon lange an diesem Brückenkopf und als hätten die Pächter alle paar Jahre ein paar Einrichtungsgegenstände ausgetauscht und erneuert. Dass dennoch keine heterogene Beliebigkeit entsteht, ist dem prägnanten Fassadeneingriff zu verdanken, dem konsequenten Farbkonzept und der subtilen Stärkung der Qualitäten des Gebäudes: dem Gegensatz von Transparenz und Massivität und dem Zusammenspiel von Innen- und Aussenraum.

17. April 2009 TEC21

Rhythmische Fügung

Die im September 2008 eingeweihte Schule der Zürcher Architekten von Ballmoos Krucker im Meilener Ortsteil Obermeilen (ZH) überzeugt durch unaufgeregte Monumentalität. Die Anlage aus Neu- und Bestandsbauten ist in logistischer sowie in ästhetisch-konstruktiver Hinsicht sorgfältig durchkomponiert: Die Bauarbeiten wurden phasenweise bei laufendem Schulbetrieb ausgeführt, die Proportionierung der Fassade erinnert durch Dimension und Art der Fügung der vorfabrizierten Waschbetonplatten an urtümliche Mauern und verleiht dem Ensemble ein zusammenhängendes Erscheinungsbild.

Die Primarschule Obermeilen ist ein Konglomerat aus fünf Gebäuden, die ältesten Trakte gehen auf 1936 zurück. Die Anlage war sanierungsbedürftig, und als 2002 neue Richtlinien für den Schulbau mit höheren Anforderungen an das Raumprogramm in Kraft traten, bestand Handlungsbedarf. Aus dem von der Schule Meilen ausgeschriebenen Studienauftrag mit Präqualifi kation ging 2002 der Entwurf der Architekten von Ballmoos Krucker siegreich hervor. Ausschlaggebend dafür war unter anderem die sukzessive Realisierbarkeit des Um- und Neubaus bei laufendem Schulbetrieb. Im vorgeschlagenen Projekt sollten drei der bestehenden Bauten bzw. Trakte behutsam saniert, zwei abgerissen und durch drei Neubauten ersetzt werden (Abb. 5)

Bauen in Etappen

Der Entwurf baut auf einer durchgehenden Erschliessungsachse auf. Entlang dieses Ganges reihen sich, ausgehend von der gedeckten Eingangshalle an der Ecke Seidengasse / Bergstrasse, die einzelnen Gebäude Schulhaus A und B (mit Turnhallen), die Aula, der Kindergarten und das Schulhaus C. Obwohl die Eingangshalle die Haupterschliessung darstellt, ist der Zugang problemlos auch auf den anderen Seiten möglich. Um den durchgängigen Schulbetrieb während der Arbeiten gewährleisten zu können, war der Bauablauf in Etappen aufgeteilt. Die Neubauten sind leicht versetzt zum Bestand platziert, dadurch konnte der Unterricht während des Baus von Schulhaus A im danebenliegenden Altbau abgehalten werden. Nach der Inbetriebnahme des Neubaus wurde der Abbruch des bestehenden Gebäudes in Angriff genommen. Gleichzeitig starteten der Neubau von Schulhaus B und Aula und der Umbau des bestehenden Schulhauses zum Kindergarten.

Trakt A beherbergt neben zwölf Klassenzimmern mit dazugehörigem Gruppenraum auch das Lehrerzimmer und das Büro der Schulleitung sowie einen Raum für den Abwart. Schulhaus B ist komplexer. Neue und bestehende Bauten fügen sich zu einem vielschichtigen Gebilde zusammen, das ein heterogenes Raumprogramm beherbergt. Im Inneren reihen sich Bibliothek, Mittagstisch, ein Multifunktionsraum, eine Cateringküche, die Hausabwartswohnung, Klassenzimmer und Gruppenräume aneinander. Eine neue Doppelturnhalle deckt zusammen mit einer bestehenden Halle den Bedarf für Schul- und Vereinssport ab. Auf Kellerniveau gibt es eine Verbindung zur öffentlich zugänglichen Aula, ebenfalls einem Neubau. Trakt C und der Kindergarten wurden nur behutsam saniert. Letzterer erhielt Böden aus Eichenholz, es wurde eine Verbindung zwischen den Stockwerken geschaffen und eine Veranda zum Garten vor das Haus gesetzt.

Räumliches Puzzle

Die Fassaden der Neubauten wurden mit grosszügig dimensionierten vorfabrizierten Waschbetonplatten realisiert. Die Massivität der scheinbar gestapelten Elemente lässt diese wie eine fest gefügte, solide Mauer wirken. Die ursprüngliche Konstruktion war auch tatsächlich so geplant, doch finanzielle Aspekte sowie die Auflagen für die Erdbebensicherheit (vgl. TEC21 19 / 2008) sprachen dagegen. Nun steht nur die unterste Reihe der Elemente auf den Fundamentriegeln, darüber sind die Platten wie bei einer herkömmlichen Fassadenverkleidung aufgehängt (Abb. 14). Ausgehend von den verschiedenen Funktionen der Platten wurden drei Elementtypen entwickelt: die selbsttragenden aufgehängten und abgestellten Platten mit je einer Dicke von 14 cm sowie die tragenden Elemente mit einer Dicke von 20 cm. Die Befestigung der aufgehängten Platten erfolgte über Hängezuganker, die in die innere tragende Betonwand eingebohrt wurden (Abb. 10). Im Element sind die Anschlussteile des Ankers eingelegt, ebenso das Gegenstück für die Distanzhalter. Bei den abgestellten Platten wird die Lastabtragung in das Fundament mit zurückversetztem Mörtelbett über einen Dorn gewährleistet. Die tragenden Stützen des Verbindungsgangs mit einer Dicke von 20 cm wurden beidseitig in Waschbeton ausgeführt und mussten daher in der Vorfabrikation stehend betoniert werden. Insgesamt wurden 522 vorfabrizierte Elemente eingebaut. Bei den Neubauten kam eine Mischbauweise zur Anwendung: Das Tragwerk aus Stahlbeton wurde vor Ort gegossen, nach dem Aufbringen der Dämmung wurden die vorfabrizierten Waschbetonelemente montiert. Von den Dimensionen der Verkleidung abgesehen, entspricht der Aufbau damit dem einer konventionellen hinterlüfteten Fassade.

Die Architekten entschieden sich aus verschiedenen Gründen für eine Hülle aus vorfabrizierten Elementen. Ein Anliegen war, die tragenden Stützen des Verbindungsganges und die Fassaden der Neubauten mit einer einheitlichen Oberfläche zu realisieren, tragende und vorgehängte Teile also aus demselben Material zu fertigen. Auf diese Weise liess sich neben der erschliessungstechnischen auch eine formale Verbindung zwischen Neubauten und Bestand herstellen. Der gedeckte Gang reicht bis an die Bestandsbauten, die tragenden Stützen aus Waschbeton stehen ohne falsche Ehrfurcht direkt vor den verputzten Fassaden. Die Verwendung von vorfabrizierten Elementen ist – entsprechende Planung vorausgesetzt – vor allem hinsichtlich der Berechen- und der Überprüfbarkeit von Vorteil. Zudem ist das Ergebnis reproduzierbar. Das gilt zum einen für die Präzision in den Dimensionen, zum anderen für die Oberfläche der Elemente. Bis die richtige Mischung von Zement und Zuschlagstoffen für die Fassadenelemente gefunden war, mussten mehrere Testreihen hergestellt werden. Zur Anwendung kam schliesslich ein gelblicher Weisszement mit einer Kiesmischung aus Jurakalksplittern, die Auswaschungstiefe beträgt 4 mm. Die Armierung erfolgte zweilagig mit Stahlnetzen bei einer Überdeckung von 30 mm. Das Aussehen der Oberfläche ist bei der Vorfabrikation trotz allfälligen Schwankungen in der Zusammensetzung der Zuschlagstoffe weit kalkulierbarer als bei der Herstellung von Bauteilen in situ, vor allem im Vergleich zu Sichtbeton.

Der hohe Präzisionsgrad in der Dimensionierung stellte dagegen auch ein Problem dar: Die Toleranzen des Rohbaus bewegten sich im Zentimeter-, die der vorfabrizierten Elemente im Millimeterbereich. Problematisch war besonders der Verbindungsgang, wo sich tragende Stützen, Attika- und Fassadenelemente treffen. Für die Montage musste daher ein detaillierter Ablauf entwickelt werden, der es erlaubte, vorfabrizierte Elemente an wichtigen Schlüsselstellen auszulassen. Nach der Montage der übrigen Platten wurden die fehlenden Puzzleteile vor Ort neu ausgemessen, mit den passenden Dimensionen hergestellt und eingesetzt. Ein weiteres Risiko bestand in der Beschädigung der vorfabrizierten Teile während der Montage. Die Reparatur auf der Baustelle ist, falls überhaupt möglich, aufwendiger als bei vor Ort angefertigten Teilen. Die ursprünglich industrielle Vorfabrikation wird damit zu einer Art wenn nicht Handwerk, so doch immerhin manufaktorischen Herstellung. Dennoch sind die vorgefertigten Elemente in der Herstellung eine kostengünstige Variante – bei gleichem Anspruch an die Oberfläche vor allem im Vergleich zu Sichtbeton und nur, wenn der Planungsaufwand nicht einberechnet wird. Um einwandfreie Optik und Präzision zu gewährleisten, wurde in Obermeilen darauf geachtet, den Elementbauer gemeinsam mit dem Baumeister auszuschreiben. Damit hatten von Ballmoos Krucker in der Vergangenheit bereits gute Erfahrungen gemacht.

Fuge und Fügung

Mit der Wahl einer Fassade aus vorfabrizierten Waschbetonelementen beschreiten von Ballmoos Krucker in gestalterischer Hinsicht einen auf den ersten Blick ungewohnten Weg. In der Schweiz erlebte diese Art der Konstruktion im Bauboom der 1960er-Jahre ihre Blütezeit, war aber – neben den offensichtlichen produktionstechnischen Vorteilen – in ästhetischer Hinsicht lange als seelenlos und banal stigmatisiert. Dennoch gab es Architekten wie die Franzosen Paul Bossard oder Emile Aillaud, die sich über die rein konstruktiven Fragen hinaus auch mit dem Gestaltungspotenzial dieser Baumethode auseinandersetzten. 1 Hier knüpfen die Arbeiten von von Ballmoos Krucker an. Auch ihnen gelingt es, durch die Beschaffenheit des Materials ebenso wie durch die Art der Fügung ästhetische Qualität zu schaffen. Bei der Schule Obermeilen lehnten die Architekten eine Putzfassade mit dem Hinweis auf die Funktion des Ensembles ab. Der öffentliche Charakter der Anlage sollte auch durch die Oberfläche transportiert werden.

Die Wirkung der Fassade wird primär durch das expressive Fugenbild erzeugt: Wie ein Netz überzieht es den Gebäudekomplex. Die Überhöhung der Nahtstelle durch den V-förmigen Anschnitt der offenen Fugen verweist auf die Dicke der Elemente und sorgt darüber hinaus für ein Gestaltungsmoment. Am oberen und am unteren Gebäudeabschluss wird die Abschrägung aufgehoben, die Fuge zu einem Schlitz verengt. Der Kontrast zwischen dem glatten Beton der offenen Naht und der strukturierten Oberfläche der Kalksplitter verstärkt diese Wirkung (Abb. 18). Die Fügung der Fassadenelemente entspricht Techniken aus dem Holzbau und verweist damit einmal mehr auf die handwerkliche Komponente des Verfahrens. Durch die komplexe Einarbeitung der nötigen Technik wie beispielsweise des Sonnenschutzes wird die Verbindungsstelle zu einem vielschichtigen räumlichen Knoten, einem überdimensionierten Tetrisspiel in 3-D.

Dauerhafte Ordnung

Die Schule Obermeilen entwickelt eine für eine Schule ungewöhnliche Präsenz, die sich auf der Grenze zum Monumentalen bewegt, aber nie erdrückend wirkt. Die feine Detaillierung der Nahtstellen und die kontinuierliche Erinnerung an den menschlichen Massstab – z.B. durch den respektvollen, aber unsentimentalen Umgang mit dem Bestand – verhindern ein Kippen ins Pathetische. In der Gestaltung der Fassade ist es den Architekten gelungen, industrielle Fertigung und sinnliche Wirkung zu verknüpfen. Dass sich der starke äussere Eindruck im Inneren fortsetzt, ist ein positiver Aspekt. Einem auf den ersten Blick unstrukturiert wirkenden Ensemble wurde durch gestalterische Massnahmen ein zusammenhängendes Gesicht verliehen. Das lose Konglomerat der Gebäude, das durch den Verbindungsgang funktional und formal zusammengehalten wird, lässt sich problemlos durch weitere Teile ergänzen. Architektur wird als Prozess mit offenem Ausgang begriffen. Weiterbauen ist erwünscht.

Anmerkung: [01] In der Siedlung Créteil in Paris (1959–1962) arbeitete Paul Bossard mit kalkulierten Imperfektionen der Oberflächen und offenen Fugen. Emile Aillaud plante in Grigny (1967–1971) mit nur drei verschiedenen Elementtypen, variierte aber die Anordnung der Öffnungen innerhalb der Platten. Vgl.: Bruno Krucker, «Zum entwerferischen Potenzial der Vorfabrikation», in: Uta Hassler, Hartwig Schmid (Hrsg.): Häuser aus Beton. Wasmuth, Tübingen 2004, S. 203 ff.

16. Januar 2009 TEC21

Dreiklang in Grün

Die Wohnüberbauung Grünenberg der Zürcher Architekten Annette Gigon und Mike Guyer steht im Park der gleichnamigen Villa in Wädenswil ZH, im Spannungsfeld zwischen Natur, Industrie und heterogenen Wohnbauten. Drei polygonale Solitäre besetzen in versetzter Anordnung den Hang. Durch ihre subtile Farbigkeit fügen sich die Bauten sowohl in den Park als auch in die gebaute Umgebung ein, ohne beliebig zu wirken.

Die Villa Grünenberg liegt an privilegierter Stelle: in Hanglage mit einem 180°-Panorama über den Zürichsee, inmitten eines Parks mit altem Baumbestand. Der Park selbst wurde um die Jahrhundertwende vom Unternehmer Heinrich Blattmann-Ziegler, dem Besitzer der unterhalb des Grundstücks gelegenen Fabrik, nach dem Vorbild spätklassizistischer Landschaftsgärten angelegt. Die Familie wohnte zunächst in unmittelbarer Nachbarschaft zum Unternehmen, auf dem Gelände des späteren Parks befanden sich Obstwiesen. Im nordwestlichen Teil des Grundstücks, dort, wo die heutige Wohnüberbauung steht, liess Blattmann ein Arboretum mit exotischen Bäumen anlegen. Einher mit dem steigenden Wohlstand der Familie ging dann der Wunsch nach einem repräsentativeren Wohnsitz: 1911 bauten die Zürcher Architekten Robert Bischoff und Hermann Weideli im Grünenberg-Park eine Villa für die Familie.[1]

Als Ensemble von Park und Fabrikantenvilla in Sichtweite des familieneigenen Unternehmens spiegelt das Anwesen den Lebensstil der beginnenden Industrialisierung am linken Zürichseeufer wider und wurde daher von der Denkmalpflege als regional bedeutsam eingestuft. Der letzte Grundeigentümer liess als Kompromiss zwischen wirtschaftlicher Nutzung des Geländes und denkmalpflegerischem Interesse am integralen Erhalt der Anlage einen privaten Gestaltungsplan entwickeln: das 23 000 m² grosse Grundstück wurde in mehrere Bauzonen aufgeteilt, die Villa blieb erhalten, 15 000 m² des Terrains sollten nicht überbaut werden und den Bewohnern als Grünfläche erhalten bleiben. Den Wettbewerb auf Einladung konnten im Sommer 2002 die Zürcher Architekten Annette Gigon und Mike Guyer für sich entscheiden.

Gegossener Stein

Von 2005 bis 2007 wurde die Zone im nordwestlichen Teil des Parks bebaut. Leitmotiv des Projekts war es, der Villa in Bezug auf Präsenz und Dominanz den Vorrang zu lassen und die Neubauten dem Park zuzuordnen. Diese Überlegung hatte Einfluss auf die Anordnung der Volumen im Gelände: Die versetzte Position der Häuser erlaubt Durch- und Ausblicke in den Park und auf den See. Aber auch die formale Gestaltung der Körper trägt dem Konzept Rechnung: Kompakt sitzen die drei Gebäude im Hang, Loggien und auskragende Betonelemente gliedern die in Grüntönen variierenden Baukörper. Die mehrseitig orientierten oder durchlaufenden Grundrisse bieten für jede der 30 Wohnungen Seesicht, ebenso wie eine optimale Besonnung der Innenräume. Dafür wurden acht verschiedene Wohnungstypen entwickelt, von nach drei Seiten orientierten Wohnungen über kreuzweise angeordnete Maisonette-Wohnungen bis zu über die ganze Bautiefe reichenden Wohnräumen. Zur Materialisierung der Fassaden wurde mit Beton ein Material gewählt, das durch seine steinerne Erscheinung die Volumina der einzelnen Bauten noch betont.

Farbigkeit in Licht und Schatten

Komplettiert wird dieses Konzept durch die Farbigkeit der Fassaden. Jedes der drei Volumen ist in einer schwer fassbaren Nuance von Grün gestrichen, das Spektrum reicht von hellem Gelbgrün beim Haus A, dem kleinsten der Gruppe, über dunkles Olivgrau bis zu Ockergrün bei Haus B und Haus C. Farbig ist nur die nach aussen gerichtete Oberfläche, Laibungen von Fenstern und die Innenseiten der Pfeiler der Loggien sind in sandgestrahltem Beton belassen. Die Farbe ist appliziert und kann in naher Zukunft schon fast wie Patina wirken. Je nach Lichteinfall oder bei Regen changiert das Erscheinungsbild, Assoziationen mit der Witterung ausgesetzten Findlingen drängen sich auf. Bei der Entwicklung des Farbkonzepts arbeiteten die Architekten mit Pierre André Ferrand zusammen, es ist das erste gemeinsame Projekt mit dem Genfer Künstler. Durch die unregelmässige Form der Bauten und ihre Lage im Hang, vor dem Hintergrund der spiegelnden Oberfläche des Sees, inmitten der alten Bäume, drängte sich für Ferrand die Assoziation von Klippen, von kompakten felsigen Volumen auf – dies umso mehr, als für die Häuser in dieser Phase noch keine auskragenden Balkone projektiert waren. Daraufhin war klar, dass jedes Gebäude monolithisch in einer einzigen, eher dunklen Farbe gestrichen werden sollte. Anzahl und formale Gestaltung der Bauten legten zudem eine bestimmte Beziehung zwischen den Gebäuden nahe: die Aufteilung A, B C (ein kleines, zwei grosse Gebäude) übersetzte sich beim Farbkonzept in zwei Tönungen des gleichen Farbspektrums, ergänzt um eine dritte Farbe, die nicht lediglich eine chromatische Variation der ersten beiden sein sollte. Dieser Kontrast innerhalb der Farbfamilie erlaubte es zum einen, die innere Einheit des Ensembles zu stärken und es gegen die benachbarten, rot getönten Gebäude abzugrenzen. Zum anderen sollte die Identifikation der zukünftigen Bewohner mit ihrem Wohngebäude gestärkt werden.

Aufgrund der Kompaktheit der Bauten tendierte Ferrand zu dunklen, mineralischen Tönen, die Bauherrschaft empfand diese aber als zu trist. Eine Lösung zeichnete sich durch die Vorliebe der Architekten für vegetabile Farben ab; trotz dem Risiko, dass ein auf den Beton aufgetragenes künstliches Grün mit der umgebenden Vegetation konkurrieren könnte. Das helle Grün von Haus A war die Ausgangsfarbe, es entspricht einer Schattierung, die die Architekten schon bei früheren Projekten[2] benutzten. Es wurde ergänzt durch ein Ockergelb- Grün, als dritte Farbe setzte sich ein Olivgrau durch. Bei der Auswahl war es wichtig, dass sich die Farben klar voneinander abgrenzten, um den dazwischen liegenden Raum grösser erscheinen zu lassen. Zudem bestand die Gefahr, dass sich, je nach Lichtverhältnissen und Blickwinkel, Wände zweier unterschiedlicher Häuser mehr glichen als die Wände desselben Gebäudes. Gleichzeitig galt es, eine Atmosphäre der Ruhe zu schaffen, ohne fade und langweilig zu wirken.

Die Farbe komplettiert den Entwurf und erweitert das Projekt um eine Dimension. Sie erlaubt die Verschränkung von Bauten und Park, auch wenn sich Ferrand rückblickend zumindest beim olivgrauen Haus B eine noch dunklere Schattierung gewünscht hätte.

Anmerkungen:
[1] Adrian Scherrer: Vom Garten zur Wohnlandschaft – Zur Geschichte des Grünenberg-Parks. Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2005, S.31 ff .
[2] Z.B. «Espace de l’art concret» (EAC) in Mouans Sartoux, Frankreich, 2004