nextroom.at

Profil

Architekturstudium in Wien; lebt in Wien. Gründerin und Leiterin des Architekturfestivals TURN ON (2003-2024 alleinige Leiterin, ab 2024 kuratorische Leitung), Schriftstellerin, Architekturtheoretikerin und Kuratorin von Architekturwettbewerben und -symposien. 1998–2000 Gastprofessorin an der Universität für Gestaltung in Linz. Mitarbeit bei: NZZ, ARCH+, Die Presse, archithese, BauArt u. a. Publikationen: „Diese andere Seite der Welt / 3 Akte“, gem. mit Peter Waterhouse, Graz 1989; „Die dritte Person“, Roman, Wien 1994; „Reflexion in Architektur. Neuere Wiener Beispiele“, Wien 1995; „Wäßrige Luft“, zwei Erzählungen, Wien 1997.

Karte

Artikel

3. Februar 1996 Spectrum

Von der Angst der Leere

Großzügiger Freiraum, Dynamik, Reduktion: Sonja Gasparin und Benny Meier haben den Klagenfurter Heiligengeistplatz neu gestaltet. Anmerkungen zu einer Kontroverse.

Was die Idee einer Stadt betrifft, nämlich die Vorstellung, was eine Stadt ausmache oder wie sie konzipiert sein solle, äußert sich die Gegenwart ambivalent. Einerseits existieren nach wie vor Interesse und Vorliebe für historische Städte mit ihren beein-druckenden geschlossenen Plätzen, von Rom über Venedig, Siena bis Santiago de Compostela. Andererseits ist die Idee von definierten Straßen und Plätzen jedoch überholt, da unsere Städte sich entwickeln und dabei immer weiter ausgreifen, also periphere Gebiete erfassen, in denen der Begriff Stadt etwas völlig anderes bedeutet als im traditionellen Zusammenhang.

In den siebziger Jahren formulierten Colin Rowe und Fred Koetter eine nach wie vor aktuelle These, nach der die raum-schaffende architektonische Textur - womit eben die traditionellen historischen Städte gemeint sind - vom raumverdrängenden Objekt abgelöst wurde. In dem einen Fall stehen nicht die Geäude, sondern die städtischen Plätze im Vordergrund; in dem anderen ist eben das einzelne architektonische Objekt prmär geworden. Rowe & Koetter führen zur Illustration ihrer Idee von „Raumkörper“ versus „Bakörper“ Vasaris Uffizien in Florenz und Le Corbusiers Unité d’Habitation in Marseille an. Während diese dominant in der freien Wiese steht, ohne einen spezifischen Außenraum zu formen, bilden die Uffizien einen Innenhof mit identen Abmessungen wie die Unité.

Diese beiden Modelle der Stadt bilden die Folie, vor der sich gegenwärtige Entwicklun-gen vollziehen. Sie sind als ge-dankliche Referenz für Planungen im städtischen Umfeld insofern aktuell, als sie spezifische räumliche Situationen charakterisieren; letzteres bildet das Thema jeder architektonischen Planung im städtischen Kontext. Im konkreten Fall, beim Heiligengeistplatz im Zentrum von Klagenfurt, handelt es sich um einen Platz im traditionellen Sinn, um einen freien „Raum“ zwischen Gebäuden, auch wenn diesem die Geschlossenheit und klare Form von exemplarischen historischen Plätzen fehlt. Die Ostseite ist sogar völlig offen, der Heiligengeistplatz geht hier in den Landhauspark über, das Landhaus selbst tritt als Volumen in den Vordergrund.

Insgesamt ergibt sich im Zentrum von Klagenfurt eine Abfolge von drei Plätzen, an die beiden genannten reiht sich der Neue Platz mit dem berühmten Lindwurm. So bemerkt man in tangentialer Folge rechts und links der Wiesbadener Straße und deren Verlängerung öffentliche Räume mit verschiedenen Funktionen: einen repräsentativen, von alten Bäumen eingerahmten Platz, einen Park und den als Busbahnhof genutzten Heiligengeistplatz. In ihrer Gegensätzlichkeit prägen diese drei Plätze das Bild der Stadt, jeder Bereich wirkt sowohl für sich als auch im Kontext.

Der Heiligengeistplatz stand in den letzten Jahren im Zentrum heftiger Diskussionen. Lange Zeit waren die Busse über den gesamten Platz bis vor die Heiligengeistkirche verteilt, in der Lebendigkeit des Ortes grenzten profane und sakrale Funktionen hart aneinander. Insgesamt bestand also das vertraute Bild eines ausschließlich dem Verkehr dienenden Platzes, und Busbahnhöfe dieser Art üben einen eigenen Reiz aus. Begrenzt wurde der Bereich zum Park hin von einem ebenerdigen, elegant geschwungenen Pavillon mit Flachdach, in den fünfziger Jahren erbaut und somit aus einer Zeit, die bereits ihre Renaissance erlebt.

Diesen Bau wollte die Stadt vor einigen Jahren vergrößern und durch einen zweigeschoßigen Neubau ersetzen, dessen Plumpheit mit dem am gegenüberliegenden Platzende stehenden Quellehaus korrespondiert hätte. Der Bereich Heiligengeistkirche, Ursulinenkloster und Landhaus hätte damit seine architektonische Qualität eingebüßt; nur auf Grund vehementen Protestes besonders der Architekten Kärntens konnte die Realisierung verhindert werden. Es folgte ein Wettbewerb und eine lange, konfliktreiche Planungsgeschichte. Daß das schließlich realisierte Projekt von Gasparin & Meier auch im Sinne der Architekten umgesetzt wurde, beruht auf deren Hartnäckigkeit und Ausdauer.

Natürlich folgte auch hier prompt die Kritik. Von Steinwüste war die Rede, ohne die ästhetischen Qualitäten der Wüste zu bedenken, sodaß das, was eigentlich als Kritik gemeint war, sich in deren Gegenteil verkehrt. Von Verkehrschaos ist die Rede, ohne zu bedenken, daß einerseits noch im Frühjahr die Umfahrung von Klagenfurt fertiggestellt wird, andererseits das langfristige Verkehrskonzept die Innenstadt vom Durchzugsverkehr freihalten will. Und natürlich ist ein von Autos oder Bussen verparkter Platz einfach schöner als ein leerer - oder?

Hat man Angst vor der Leere? Städtischer Freiraum konstituiert eine Stadt, gibt ihr weite Dimensionen und läßt so öffentliche Gebäude wirken. Dabei kommt es eben nicht nur auf die Besonderheit der angrenzenden Gebäude an, sondern ebenso auf Maßstab und Konzeption der Freiräume selbst. Plätze sind auch in den bekannten italienischen Städten traditionell gepflastert, und zwar aus praktischen und ästhetischen Gründen. Der Boden bildet dadurch eine einheitliche Fläche und - mit den Hausfassaden als Wänden - einen klaren, nach oben hin offenen Raum.

Am Heiligengeistplatz waren die Rahmenbedingungen für die Gestaltung vorgegeben, inner-halb der bestehenden Situation konnten die Architekten aber modellieren. Sie sahen den Platz vor der Kirche im Gegensatz zu jenem vor dem Landhaus und wollten diese Dualität in einem befestigten und einem begrünten Bereich klar definieren und sichtbar machen. Dabei zeigt sich der Landhauspark momentan - auch auf Grund von Windbruch - weniger denn je als Park, sodaß dessen Gestaltung unbedingt notwendig wäre.

Gasparin & Meier schlagen ein kreuzförmiges Wegesystem vor, mit dem sie die Idee einer früheren Sternallee aufnehmen, und markieren die Grenze von Park und Straße durch eine Baumreihe. Diese derzeit noch nicht existierenden Bäume führen sie am angrenzenden Heiligengeistplatz mit einemzylindrischen Turm und den einzelnen Inseln der Haltestellen weiter und grenzen so auch hier den Platz von der Straße ab. Die hohen Solarleuchten wiederholen die Krümmung und markieren die Fahrlinie der Busse. Zwischen Leuchten und Kirche liegt der eigentliche Fußgängerbereich mit einzelnen Bänken und Bäumen (die man sich in ihrer späteren Größe vorstellen muß), und trotz dieser Teilung können die Fußgänger sich auf dem gesamten Platz frei bewegen.

Die Leistung der Architekten liegt vor allem in der subtilen Definition unterschiedlicher Bereiche des Platzes bei einheitlicher Pflasterung des Bodens. So entsteht ein großzügiger Freiraum vor der Kirche, die ungewöhnlicherweise mit der Längsseite zum Platz schaut. In der Nacht wird diese Fassade jetzt angestrahlt, ebenso jene des Landhauses gegenüber. Die Beleuchtung modelliert den Platz auf neue Art, hebt die Trennung von Fußgänger- und Busbereich hervor und ist dort am stärksten, wo die hohen Leuchten dichter stehen, metaphorisch einen Wald bilden. Diese unterschiedliche Wirkung bei Tag und Nacht korrespondiert mit dem Gegensatz von Platz und Park.

Die Gestaltung bezieht alle Elemente ein, auch die Kioske an der Stelle des früheren Pavillons und die darunterliegenden Toiletten. In das System der Stadtwerke einzugreifen erfordert natürlich viel Energie, doch jetzt stehen an Stelle der üblichen schweren Anzeigen für die Buslinien schlanke, rote Stelen bei den Haltestellen. Die reduzierte, abstrakte Gestaltung ist in eine allgemeine Entwicklung mit ausgeprägter österreichisch-schweizerischer Verbindungslinie eingebettet. Und in Barcelona wurden bereits in den achtziger Jahren ambitionierte Platzgestaltungen realisiert, einigen von diesen liegt eine ähnliche Haltung zugrunde.

Gasparin & Meier verbinden ihre Architektur aber mit Anspielungen und Dynamik. Die dichter stehenden Lampen und die schnittigen Warteinseln wecken Assoziationen, der Glaskubus mit der Treppe zu den Toiletten scheint im Wasser zu versinken, der Turm am äußersten Eck erinnert an eine überdimensionale Litfaßsäule. Der genaue Blick entdeckt eine Fülle von Details; gleichzeitig ist Klagenfurts Busbahnhof nun ein ungewöhnlich „moderner“ Platz, auf der Höhe der Zeit, mit einer weiten, befreienden Geste.

4. November 1995 Spectrum

Neues Leben an den Rändern

Die Bauten von Karin Bily & Paul Katzberger am Mühlgrundweg in Wien-Donaustadt: städtische Wohnhäuser an der Peripherie, die ihre Umgebung nicht zerstören, sondern weiterwirken lassen.

Spricht man vom aktuellen Wiener Wohnbau, so evoziert man als Ort sogleich die Peripherie der Stadt, unter anderem die Bezirke jenseits der Donau. Während dort die Bautätigkeit floriert, hat auf theoretischer Ebene der Diskurs zum Thema Peripherie seinen Höhepunkt überschritten und sich auf die Frage nach der nötigen Urbanität einer Siedlung am Rand der Stadt verlagert. Die zahlreichen neuen Wohnanlagen und Siedlungen in diesem Gebiet umkreisen das Thema gleichsam und beantworten es auf jeweils eigene Art.

Die Frage nach dem dort notwendigen städtischen Charakter resultiert aus der Ambivalenz, daß eine Siedlung an der Peripherie zwar noch zur Stadt gehört, aber nicht „Stadt“ im eigentlichen Sinn sein kann, definiert sich jener Randbereich doch im zufälligen Nebeneinander von Wohnhäusern, Feldern, Stadtautobahnen und Gstetten.

Kann für eine Siedlung in solch einem Gebiet Urbanität, ein Platz, eine Mitte, tatsächlich grundlegend sein? Ist die Siedlungsstruktur nicht zu locker für einen Platz im städtischen Sinn, der eine gewisse Frequenz der Bewegung braucht und dem unterschiedliche Funktionen zugeordnet werden sollten, um das primäre Wohnen zu ergänzen? Oder ist eine städtische Struktur im herkömmlichen Sinn nicht einfach eine traditionelle Kategorie, die für die gegenwärtigen Entwicklungen keine Gültigkeit mehr hat?

Jedenfalls erweist es sich als unlogisch, die Idee der Stadt mit einem Platz und einer Mitte auf ein nichtstädtisches Gebiet zu übertragen. Trotzdem strahlt die Siedlung Biberhaufenweg, Mitte der achtziger Jahre als Prototyp eines „städtischen Versuchs“ mit Platz, Anger und Gasse als Grundlage des Konzepts gebaut, heute eine positive Atmosphäre aus. Doch Urbanität oder einen eigentlichen Platz findet man auch hier nicht. Das, was als solcher bezeichnet wurde, ist eher ein baulich klar definierter, begrünter Außenraum.

Die Antwort auf das spezifische Konzept dieser Siedlung folgte Anfang der neunziger Jahre in nächster Nähe. Die annähernd parallelen Zeilen der Siedlung Pilotengasse stellen eine pure Reihung von Wohneinheiten dar, Geschlossenheit oder ein Zentrum wird durch die leichte Krümmung der Zeilen nur angedeutet. Was lapidar formuliert ist, zeigt sich als adäquater Gestus am Stadtrand, und anstelle der Frage nach Urbanität an der Peripherie erweist sich wohl jene nach räumlicher Strukturierung und Differenzierung als produktiver.

Nicht weit entfernt von diesen beiden beschriebenen Siedlungen wurde kürzlich am Mühlgrundweg eine Wohnhausanlage für die Genossenschaften „Neues Leben“ und „Wogem“ fertiggestellt (die weiteren Architekten sind Melicher, Schwalm-Theiss & Gressenbauer, Hilde Filas, Walter Stelzhammer und Bernd Wilda), deren Konzept eine Idee birgt, die quasi zwischen den genannten Beispielen liegt. Das Gebiet der Anlage, ein Quadrat mit etwas verzogenen Kanten, wird von einer Art Wohnstraße erschlossen, an der kleinere Bauten für Infrastruktureinrichtungen wie Geschäfte und Büros liegen und die außerdem der Zufahrt von Einsatz- und Müllfahrzeugen dient.

Diese Wohnstraße könnte für die Bewohner einen öffentlichen Bereich darstellen, der der peripheren Lage der Siedlung angemessen ist. Dort, wo sie im rechten Winkel auf die gebietsbegrenzende Straße trifft, nimmt der Bau für die Infrastruktur eine Pizzeria auf, die sich bereits jetzt, kurze Zeit nach der Fertigstellung der Anlage, zum lebendigen Punkt entwickelt hat. Daneben gibt es ein Kindertagesheim als notwendige Ergänzung.

Die Wohnbauten sind nun auf der restlichen verkehrsfreien Fläche gleichmäßig verteilt, kleinere Blöcke mit Wegen dazwischen, trotz der Vorgärten etwas eng und dicht. Die eigentliche Idee der Gesamtanlage – also die Wohnstraße mit ihrer Öffentlichkeit einerseits und die in Nordsüd- und Ostwestrichtung verteilten Wohnblöcke andererseits – erscheint als logisches Konzept für die periphere Lage.

Doch diese wohl erkennbare Idee ist nicht prägnant umgesetzt (der städtebauliche Entwurf stammt von Melicher, Schwalm-Theiss & Gressenbauer), die Wohnstraße hat zuwenig den Charakter einer Straße, die übrigen Bauten sind weder nach einem klaren orthogonalen Schema noch wirklich zufällig verteilt. Der öffentliche Bereich wird neben den Sonderbauten für die Infrastruktur nur durch die Asphaltierung hervorgehoben, und man vermißt die klare räumliche Differenzierung, die diesen Teil der Anlage vom restlichen unterscheiden würde.

Trotzdem entsteht insgesamt der Eindruck einer guten Wohnatmosphäre. Architektonischen Anspruch kombiniert mit ästhetischer Stringenz, also Logik, Präzision oder auch Klarheit, findet man besonders bei den beiden Wohnblöcken von Karin Bily und Paul Katzberger für die Genossenschaft „Neues Leben“. Verzierungen oder unmotivierte Elemente fehlen hier, der Entwurf gewinnt auf sachliche Weise seinen Ausdruck. Bily & Katzberger konzipierten einen langen, geraden und einen würfelförmigen Baukörper an der nordwestlichen Ecke der Anlage, die gemeinsam gegensätzliche Gestaltungsmöglichkeiten der Architektur vorführen, sowohl im Material und in den Oberflächen als auch in der Fassadengestaltung.

So ist der lange Baukörper traditionell gemauert und weiß verputzt, der Würfel hingegen verwendet das modernere Stahlbetonskelett mit Wärmedämmung und Aluminiumverkleidung. Letzteres ist im Wohnbau vielleicht etwas ungewohnt, die Assoziationen mögen in Richtung Bürobau gehen. Die Metallverkleidung, die durchgehenden Fenster und der schmale Sockel aus Glasbausteinen, die alle in einer Ebene liegen, bilden einen hermetischen Block mit vier gleichen Fassadenflächen. Bezüglich der Bewohner dieses Hauses denkt man an Singles oder Paare, und tatsächlich findet man hier durchgehend kleinere Wohnungen. Diese bestehen aus zwei oder drei aneinandergereihten, neutralen Räumen, die durch das allseitige Fensterband offener wirken, als dies mit üblichen Fenstern der Fall wäre.

Genauso konsequent wie in diesem Baukörper das Fensterband sind im anderen die vertikalen, bis zum Boden reichenden Einzelfenster verwendet. Sie rhythmisieren den Bau und führen im Inneren zu einem besonderen Raumeindruck, gerade bei den großen Wohn- und Eßräumen mit vier solchen Elementen. Der Blick nach außen ist weit, erfaßt die Nähe und geht in die Ferne. Anders verhält es sich beim Fensterband, das einen horizontalen Panoramablick bietet.

Diese gegensätzlichen Elemente, die im frühen 20. Jahrhundert eine heftige Kontroverse provozierten, führen Bily & Katzberger in der zeitlichen Distanz als Möglichkeiten vor. Sowohl das einzelne vertikale als auch das durchgehende horizontale Fenster erweisen sich in den beiden Wohnbauten als praktikabel und verleihen diesen einen spezifischen Ausdruck.

Bily & Katzberger bewegen sich in der Tradition der Moderne, die heute von unterschiedlichen Architekten eine neue Interpretation erfährt. Während in den Fensterformen gegensätzliche Positionen gleichsam vorgeführt werden, nimmt die eine Fassade an der Stirnseite mit ihren schmalen, liegenden Öffnungen und den Fenstern in Form von Bullaugen direkt die Ästhetik der zwanziger Jahre und die damals aktuelle Schiffsmetaphorik auf.

Doch wie präsentieren sich die Wohnbauten dem unmittelbaren Benutzer oder Bewohner? Die Architekten konnten trotz der beschränkten Möglichkeiten im sozialen Wohnbau eine anspruchsvolle Gestaltung der Treppenhäuser realisieren. Besonders die Erschließung im Zentrum des kleineren Baukörpers besticht durch ihre nüchterne Eleganz, die durch die schwarzen Kunststeinplatten, die weißen Wände und die grauen Metallgeländer entsteht.

Als kleinen Gag gibt es nebeneinander zwei unabhängige Treppenläufe, über die jeweils eine Haushälfte erreicht wird. Man kann also nicht direkt zum Nachbarn gegenüber, sondern muß nach unten, die richtige Treppe nehmen und wieder hinauf. Um die Treppen liegen die Bäder und Toiletten der Wohnungen mit Vorraum und Eingang, und dieser Bereich hängt jeweils wie ein Appendix an der Raumflucht entlang der Fassade. Eine großzügige Terrasse mit einem eigenen, kleinen Vorraum findet man für jede Wohnung im letzten Geschoß.

Im anderen Bau gibt es größere Wohnungen, alle mit Loggia, die meisten durchgehend von der einen Seite des Baukörpers bis zur anderen, also nach Westen und Osten orientiert. Die Grundrisse spielen hier mit Enge und Weite, das heißt, man hat die Vorräume teilweise recht knapp bemessen, um die tatsächlichen Räume größer konzipieren zu können und auch um sie durch den Gegensatz größer erscheinen zu lassen.

Durch die rigiden gesetzlichen Bestimmungen müssen die Vorräume durch Türen abgetrennt werden, wodurch manchmal äußerst enge Stellen entstehen. Einige Bewohner ließen daher – ganz im Sinne der Architekten – eine Türe einfach weg. Es bleibt ein offener, trotzdem aber räumlich erfahrbarer Vorraum. Eine andere Idee der Architekten war es, die verschiedenen Zimmer der Wohnung durch zwei Türen zu erschließen, sodaß Wege im Sinne von Rundgängen möglich werden. Und jede Loggia ist, als weiteres Detail, durch ein großes Schiebeelement aus Glas abtrennbar. Man kann also zwischen einer offenen Terrasse und einem Wintergarten wählen.

Bei den einfach und zugleich vielfältig konzipierten Wohnbauten von Bily & Katzberger entdeckt man dann plötzlich doch Urbanität, die aber der Umgebung entspricht. Durch die klare Gestaltung, durch die gleiche Reihung einer Vielzahl von Wohnungen entsteht nämlich der Eindruck von Anonymität, und gerade das entspricht dem Charakter einer Stadt. Indem die Bauten aber gleichzeitig einfach auf der Wiese stehen, lassen sie die Umgebung als solche bestehen, sie lassen die Peripherie in ihrem spezifischen heterogenen Ausdruck unverändert.o: ORF

22. April 1995 Spectrum

Enge Lücke, offenes Wohnen

Wie vollzieht sich die Auftragsvergabe? Welche Kriterien bestimmen die Architektur? Wie entsteht eigentlich guter Wohnbau? Ein kleiner Ausschnitt von wiederkehrenden Fragen – und ein Beispiel aus Wien.

Mehr als ein halbes Dutzend Kräne, die in den Himmel ragen, unzählige Rohbauten, eben erst aus dem Boden geschossen, und daneben noch freie, weite Felder – das ist der Blick, der sich vor kurzer Zeit entlang der Brünner Straße im Norden Wiens geboten hat, und ein ähnlicher Blick wird sich auch noch längere Zeit bieten. Denn hier liegt eine der Entwicklungsachsen im Rahmen der Stadterweiterung, allein hier sollen Tausende Wohnungen errichtet werden. Mit den verschiedenen Stadterweiterungsgebieten im Nordosten und auch im Süden von Wien reagiert man auf die steigenden Ansprüche der Bevölkerung bezüglich Wohnraum, auf die wachsende Zahl von kleineren Haushalten, auf die Zunahme der Bevölkerung in den letzten Jahren ganz allgemein – nicht zuletzt auf Grund der Zuwanderung.

Natürlich wurde für die geschilderte Entwicklung bereits ein neues Schlagwort gefunden. Von der zweiten, der „neuen“ Gründerzeit ist die Rede. Dieser Begriff bezieht sich aber auch auf Entwicklungen im dichtbebauten Stadtgebiet, auf die sogenannte „innere Stadtentwicklung“, also die Ausnützung von größeren Flächen wie ehemaligen Kasernen oder Gewerbeflächen, aber auch kleineren wie Baulücken.

Man könnte annehmen, auf dieser konkreten Ebene des Bauens müsse es leicht sein, Qualität zu erzielen beziehungsweise zu finden. Man könnte glauben, qualitätsvoller Wohnbau sei leichter möglich als qualitätsvoller Städtebau als Grundlage für die beschriebene Stadterweiterung an den Rändern. Aber sogar beim – im Vergleich zu der äußerst komplexen städtebaulichen Materie relativ einfachen – konkreten Objekt findet sich architektonischer Anspruch eher selten.

Qualität ist natürlich in weiten Teilen ein subjektiver Begriff, höchstens technische und funktionelle Belange lassen sich einigermaßen objektivieren. Es enttäuscht jedoch, daß in vielen Fällen das Interesse an Qualität zu fehlen scheint, wie divergent diese auch verstanden sei. Für die Auftraggeber, also die Wohnbaugenossenschaften oder die Gemeinde, stehen die funktionierende Bauabwicklung und die Einhaltung ökonomischer Grenzen im Vordergrund. Die Auftragsvergabe folgt vielfältigen Kriterien, nur nicht dem einen Kriterium, dem des architektonischen Anspruchs.

In dieser sicherlich etwas verkürzt beschriebenen Situation findet man wohl Ausnahmen, zu denen unter anderem jener vor kurzer Zeit von Dieter Henke und Marta Schreieck für die Österreichische Beamtenversicherung errichtete Wohnbau im 17. Bezirk, in der Kainzgasse, zählt. Von einer allgemeinen Baukultur und dem entsprechenden Bewußtsein ist man aber weit entfernt. Das hieße nämlich, das kreative Potential an

Architekten nicht nur in besonderen Fällen zu fördern (wie zum Beispiel beim Schulbauprogramm der Gemeinde Wien), sondern generell und umfassend. Das hieße weiters, nicht nur einen bestimmten, eng gefaßten Kreis von engagierten Architekten zum Zug kommen zu lassen, sondern eine breite Palette. Erst dann kann eine Baukultur entstehen, die sich auch durch eine hohe durchschnittliche Qualität auszeichnet.

In der Realität ist es jedoch oft schwierig – gerade für junge Architekten –, die Spirale von Gutachterverfahren und Direktaufträgen zu öffnen. Manchmal kommt jedoch der Zufall ins Spiel – im übrigen eine Kategorie der Kunstproduktion, hier im Sinne eines ganz alltäglichen Moments –, so bei den Architekten Eva Ceska und Friedrich Priesner.

In den ersten Jahren ihrer Zusammenarbeit konnten sie für das Architekturbüro Ceska & Musil zwei Wohnprojekte planen und realisieren. In der Folge erhielten sie dann den direkten Auftrag der Genossenschaft „Schönere Zukunft“ für den Bau des Wohnhauses in der Braunhirschengasse.

Das Selbstverständnis der Genossenschaft zeigte sich dabei in der weitgehenden Freiheit, die den Architekten bei der Planung zugestanden wurde, natürlich nur unter Einhaltung des engen finanziellen Rahmens, der die Voraussetzung für die Wohnbauförderung darstellt. Die zugestandene Freiheit oder vielmehr das mangelnde Interesse bezog sich also auf die Planung und deren Qualität. Was aber zeichnet diesen Wohnbau nun aus?

Um bei seiner Funktion zu bleiben: die konzeptuell durchdachten und gleichzeitig wohnlichen Grundrisse. Dabei findet man in der schmalen Baulücke nur eine Wohnung pro Geschoß. Treppe und Lift liegen hinter dem durchgehenden Glasstreifen an der Straßenfront. Von hier betritt man den Vorraum, der ein Kabinett und die Küche an der Hofseite erschließt, außerdem den Wohn- und Eßraum in der Hausmitte, durchgehend von der Hof- zur Straßenfront und daher zweiseitig belichtet; vom Wohnraum geht man dann weiter in einen Zwischenflur, der links und rechts jeweils zu einem Zimmer führt, dazwischen liegt das Bad.

Ein Kennzeichen dieses Grundrisses ist der an den Wohnbereich anschließende Zwischenflur, der die Schlafräume mit dem Bad erschließt. Dieses Konzept verwendete Josef Frank bereits 1932 in dem von ihm geplanten Haus in der Wiener Werkbundsiedlung, später bezeichnete es Friedrich Achleitner als „amerikanischen Grundriß“.

Betrachtet man die einzelne Wohnung des neuen Baus in der Braunhirschengasse genauer, erkennt man eine frappante Ähnlichkeit zu jenem Haus von Josef Frank, auch wenn dieses ein freistehendes Einfamilienhaus ist. Die grundsätzliche Aufteilung der Wohnräume in der jeweils annähernd quadratischen Grundform gleicht sich. In beiden Fällen liegen Vorraum und Zwischenflur auf einer mittigen Querachse, sodaß die Bewegung zwischen beiden und die Achse des durchgehenden Wohnraumes eine Kreuzform ergeben.

Frank versetzte Vorraum und Flur jedoch leicht und knickte dadurch den Weg, eine kleine Irritation, ein kleines Detail; die Bewegungsachse wird zur Bewegungslinie. Diese Form der versetzten Gehlinie in der Querrichtung kann man auch bei Ceska/Priesner beobachten, wie das Photo des Wohnraumes zeigt. Die Bewegung trennt diesen außerdem in die unterschiedlichen Bereiche des Wohnens und Essens.

Ceska/Priesner modernisieren den Grundriß aber, zum Beispiel durch die Verwendung von raumhohen Glasflächen, die den Wohnraum zum Vorzimmer und zur Küche hin öffnen, und auch der Zwischenflur ist nur optisch durch eine mattierte Glasscheibe markiert. Vorraum und Küche ragen in den Wohnraum hinein, was die visuelle Öffnung zum Vorzimmer erst ermöglicht. Eine Wohnung dieser Art braucht natürlich eine „offene“ Haltung des Benutzers, eine grundsätzliche Vorliebe für Ein- und Durchblicke, für raumhohe gläserne Abtrennungen. Allgemeiner Zweck dieser Elemente ist es jedenfalls, im sozialen Wohnbau, also bei beschränkten Raumhöhen und Grundrißflächen, eine räumliche Weite zu erzeugen. Und tatsächlich: Trotz der Standardhöhe von 2,5 Metern wirkt der Wohnraum nicht gedrückt, auch wenn man die großzügigen Höhen eines Altbaus gewöhnt ist.

Zu dieser Raumwirkung trägt auch das große, bis zum Boden reichende Fenster im Wohnraum bei, das aus fixen und beweglichen Teilen besteht. Es weitet den Raum nach außen, ähnlich wie die Glastüren zum Balkon an der Hofseite.

Diese optische Vergrößerung ist auch und besonders bei den einzelnen kleinen Zimmern notwendig. Sie kommt zum Tragen, obwohl deren Fensterbrüstungen mit Eternittafeln abgedeckt sind und nur ein schmaler, vertikaler Glasteil bis zum Boden reicht. Zur psychologischen Vergrößerung der Räume trägt aber auch eine Irritation der Geometrie bei. Da die Grundform des gesamten Baus ein leicht verzogenes Quadrat, also ein Rhombus ist, sind auch die Räume kaum merkbar schräg.

Diese geometrische Ordnung überlagern die Architekten mit einer neuen Richtung, die im rechten Winkel zur Fassade steht. Besonders effektvoll wirkt dies im mittig gelegenen Wohnbereich, dessen eine Wand, die zur Küche hin, auf die Weise gleichsam schräg steht. Der Wohnraum verjüngt sich somit zur Hofseite, die im Ansatz barocke perspektivische Wirkung bedeutet eine leichte Dynamik und optische Verlängerung für den Raum. Eva Ceska und Friedrich Priesner studierten beide an der TU Wien, als Enddreißiger zählen sie noch immer zur jungen Generation der Architekten. Ihre architektonische Haltung zeichnet sich durch einen Pragmatismus aus, der in ästhetischer Hinsicht an die Moderne anschließt. Der Fenstertypus mit den verschiedenen, unterschiedlich gelagerten Teilen, das lapidare Vordach über dem Eingang, die von oben bis unten durchgehende, gerasterte Glaswand vor dem Stiegenhaus – das sind einzelne „moderne“ Elemente. Unübersehbar gleichzeitig die Abweichungen. Nicht nur die Materialien und Details unterscheiden sich (jede Zeit produziert eben ihre eigenen), auch die oben genannten Elemente. Die Stiegenhausverglasung ist wie zufällig und unregelmäßig unterteilt, und gegensätzliche Strukturen sowie Materialien sind in der Fassade bewußt collagiert. Diese Collage setzen die Architekten an der Rückseite des Hauses fort. Durch einen eingeschoßigen Bau, ein Atelier oder Büro, entsteht ein kleiner Innenhof, die Bewegung von der Straße wird durch eine halbkreisförmige Wand aufgefangen. Deren organische Form materialisiert sich auch in einem organischen Material, einem Sichtziegelmauerwerk.

Das Büro selbst ist dann völlig unorganisch, also weiß und geometrisch, mit einem offenen, zweigeschoßigen Raumteil in der Mitte, ein „weißes Architekturexperiment“ in Miniaturform. So entwickelt sich aus einer pragmatischen Haltung doch wieder eine spezifische architektonische Position, die Assoziationen in verschiedenster Richtung zuläßt. Die heterogene Collage, die Überlagerung von Richtungen, die teilweise kargen und spröden Materialien – all das hat Referenzen und führt doch zu einem eigenen Gestus der Architektur.

Publikationen

2007

Die Architektur der Fläche
Geschichte und Gegenwart

Ein vergessener Topos der Moderne steht im Mittelpunkt dieses Bandes. Im frühen 20. Jahrhundert etablierte sich der abstrakte, weiße Kubus als Inbegriff avancierter Architektur. Zugleich wurde er dekonstruiert: Das Gegenmodell bildete das „Kartenhaus“, das sich aus abstrakten Flächenelementen zusammensetzt.
Autor: Margit Ulama
Verlag: Folio Verlag

2002

Architektur als Antinomie
Aktuelle Tendenzen und Positionen

Mit diesem Buch wird der Begriff der Antinomie als Novum in die Architekturdiskussion eingeführt.
Autor: Margit Ulama
Verlag: Folio Verlag