Beim Museumsquartier ist es geglückt – warum scheitert die Stadt Wien am Heumarkt?
Bauen ist keine Privatsache, schon gar nicht in historisch wertvoller Umgebung. Der Stadt Wien ist es geglückt, im Museumsquartier Alt und Neu zu verbinden, aktuell scheitert sie am Heumarkt an dieser Aufgabe.
Es gibt Grund zum Feiern: Das Wiener Museumsquartier wird 25 Jahre alt. Das MQ ist eine Erfolgsgeschichte, die sich mit Zahlen belegen lässt. Fünf Millionen Besucher pro Jahr, von denen ein Fünftel nicht nur die barocken Höfe besucht, die Johann Bernhard Fischer von Erlach 1713 als Versailles für Pferde konzipiert hat, sondern auch eine der dort angesiedelten derzeit 61 Kulturinstitutionen, unter ihnen das Mumok und das Leopold Museum. Gruppiert um diese Schlachtschiffe des Kulturbetriebs sind vom Kindermuseum über das Tanzquartier bis zum Architekturzentrum so gut wie alle Kunstformen und Altersgruppen vertreten.
Die Masse der Besucher genießt den öffentlichen Raum und die Gastronomie, die vor allem im Sommer mit zahlreichen Gastgärten floriert. Zu einem Wohnzimmer der Wiener hat sich dieser Freiraum erst entwickelt, als man die etwas dröge fixe Möblierung um mobile Elemente ergänzte, die unter dem Namen Enzi Furore machten und das Bild des MQ mitprägten. Heute setzt ein Begrünungsprogramm mit temporären Grüninseln den Gedanken eines wandlungsfähigen öffentlichen Raums fort. Der kleinteilige Betrieb im Freien wirkt stellenweise geradezu informell und steht in starkem Kontrast zur monumentalen Geste der beiden Hauptmuseen, neben denen der an sich strenge barocke Rahmen geradezu heiter wirkt. Die Mischung von Alt und Neu ist nicht überall gelungen, aber sie gefällt offensichtlich nicht nur den Wienern, sondern auch den touristischen Gästen.
Projekt hing am seidenen Faden
Die wenigsten Besucher wissen, dass dieses Quartier für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts das Ergebnis eines jahrzehntelangen Kampfes ist, der seinen Höhepunkt Mitte der 1990er-Jahre fand, als das Projekt an einem seidenen Faden hing. Begonnen hatte es Ende der 1970er-Jahre mit der Idee, die inzwischen als Messegelände genutzten Hofstallungen für die Erweiterung der Bundesmuseen zu nutzen.
Konkrete Konzepte dazu entstehen Anfang der 1980er-Jahre parallel im Auftrag von Wissenschaftsminister Heinz Fischer und Bautenminister Karl Sekanina, wobei Letzterer 1984 Hans Dichand, den Herausgeber der „Kronen Zeitung“, den Galeristen John Sailer und den Architekten Peter Czernin beauftragt, einen Wettbewerb vorzubereiten. Dann kommt es zu einem Wechsel: Heinrich Übleis wird neuer Bautenminister, annulliert den Auftrag an Dichand, Sailer und Czernin und beauftragt ein Team aus Hermann Czech, Erich Bramhas und Helmut Kunze mit der Vorbereitung des Wettbewerbs.
Der findet 1987 statt und kürt sieben Projekte für eine zweite Stufe, die allerdings erst 1990 starten wird. Denn der neue Wissenschaftsminister Erhard Busek lässt dafür vom Kunsthistoriker Dieter Bogner und vom Architekten Dietmar Steiner ein neues Konzept erarbeiten, in dem erstmals der Name Museumsquartier auftaucht. Das Siegerprojekt von Ortner & Ortner ist eine zeittypische Collage, die beherzt in den Bestand eingreift und diesen auch mehrfach überragt, am massivsten mit einem 67 Meter hohen „Leseturm“. Bürgerinitiativen machen Stimmung gegen das Projekt. Jetzt rächt es sich für die Republik, Hans Dichand verärgert zu haben.
Leseturm wurde gestrichen
Die „Kronen Zeitung“ fährt eine massive Kampagne, der Leseturm wird erst gekürzt, dann ganz gestrichen. Dieter Bogner, seit 1990 Geschäftsführer der Errichtungsgesellschaft, legt 1994 seine Funktion zurück. Im allgemeinen Tohuwabohu gelingt es, eine politische Einigung zwischen Bund und Stadt Wien zu fixieren.
Ortner & Ortner gehen eine Partnerschaft mit dem Denkmalpfleger Manfred Wehdorn ein. Baubeginn für das stark veränderte Projekt ist 1998, die Eröffnung findet 2001 statt. In einer Karikatur aus dem Jahr 1997 zeigt Gustav Peichl alias Ironimus den an einem Arm und einem Bein amputierten Laurids Ortner vor dem Plan des reduzierten Projekts. Die Initialen von Ortner und Wehdorn verschmelzen dort boshaft zu einem „O Weh!“.
Die Details dieser Geschichte und ihrer Vorgeschichte seit dem Barock sind derzeit in einer hervorragend kuratierten Ausstellung im MQ mit dem Titel „Vision und Widerstand“ zu sehen. In einer erstaunlichen Filmsequenz aus dem Jahr 1998 ist dort anlässlich des Baubeginns auch der damalige Bundeskanzler Viktor Klima mit der Aussage zu hören, man sei froh, so weit gekommen zu sein, aber sich auch der zahlreichen Fehler bewusst, die man auf dem Weg gemacht habe.
Spectrum
/
Architektur & Design
Rätsel
ePaper
Player
Newsletter
Events
Beim Museumsquartier ist es geglückt – warum scheitert die Stadt Wien am Heumarkt?
Bauen ist keine Privatsache, schon gar nicht in historisch wertvoller Umgebung. Der Stadt Wien ist es geglückt, im Museumsquartier Alt und Neu zu verbinden, aktuell scheitert sie am Heumarkt an dieser Aufgabe.
Die Museumsquartier-Baustelle Ende der 1990er Jahre.
Die Museumsquartier-Baustelle Ende der 1990er Jahre. Margherita Spiluttini, Baudoku 1998–2000, Architekturzentrum Wien, Sammlung
29.07.2026 um 19:54 von Christian Kühn
Die Presse auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle hinzufügen.
Es gibt Grund zum Feiern: Das Wiener Museumsquartier wird 25 Jahre alt. Das MQ ist eine Erfolgsgeschichte, die sich mit Zahlen belegen lässt. Fünf Millionen Besucher pro Jahr, von denen ein Fünftel nicht nur die barocken Höfe besucht, die Johann Bernhard Fischer von Erlach 1713 als Versailles für Pferde konzipiert hat, sondern auch eine der dort angesiedelten derzeit 61 Kulturinstitutionen, unter ihnen das Mumok und das Leopold Museum. Gruppiert um diese Schlachtschiffe des Kulturbetriebs sind vom Kindermuseum über das Tanzquartier bis zum Architekturzentrum so gut wie alle Kunstformen und Altersgruppen vertreten.
Ab hier lesen Sie mit Ihrem Abo
Die Masse der Besucher genießt den öffentlichen Raum und die Gastronomie, die vor allem im Sommer mit zahlreichen Gastgärten floriert. Zu einem Wohnzimmer der Wiener hat sich dieser Freiraum erst entwickelt, als man die etwas dröge fixe Möblierung um mobile Elemente ergänzte, die unter dem Namen Enzi Furore machten und das Bild des MQ mitprägten. Heute setzt ein Begrünungsprogramm mit temporären Grüninseln den Gedanken eines wandlungsfähigen öffentlichen Raums fort. Der kleinteilige Betrieb im Freien wirkt stellenweise geradezu informell und steht in starkem Kontrast zur monumentalen Geste der beiden Hauptmuseen, neben denen der an sich strenge barocke Rahmen geradezu heiter wirkt. Die Mischung von Alt und Neu ist nicht überall gelungen, aber sie gefällt offensichtlich nicht nur den Wienern, sondern auch den touristischen Gästen.
Projekt hing am seidenen Faden
Die wenigsten Besucher wissen, dass dieses Quartier für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts das Ergebnis eines jahrzehntelangen Kampfes ist, der seinen Höhepunkt Mitte der 1990er-Jahre fand, als das Projekt an einem seidenen Faden hing. Begonnen hatte es Ende der 1970er-Jahre mit der Idee, die inzwischen als Messegelände genutzten Hofstallungen für die Erweiterung der Bundesmuseen zu nutzen.
Konkrete Konzepte dazu entstehen Anfang der 1980er-Jahre parallel im Auftrag von Wissenschaftsminister Heinz Fischer und Bautenminister Karl Sekanina, wobei Letzterer 1984 Hans Dichand, den Herausgeber der „Kronen Zeitung“, den Galeristen John Sailer und den Architekten Peter Czernin beauftragt, einen Wettbewerb vorzubereiten. Dann kommt es zu einem Wechsel: Heinrich Übleis wird neuer Bautenminister, annulliert den Auftrag an Dichand, Sailer und Czernin und beauftragt ein Team aus Hermann Czech, Erich Bramhas und Helmut Kunze mit der Vorbereitung des Wettbewerbs.
Der findet 1987 statt und kürt sieben Projekte für eine zweite Stufe, die allerdings erst 1990 starten wird. Denn der neue Wissenschaftsminister Erhard Busek lässt dafür vom Kunsthistoriker Dieter Bogner und vom Architekten Dietmar Steiner ein neues Konzept erarbeiten, in dem erstmals der Name Museumsquartier auftaucht. Das Siegerprojekt von Ortner & Ortner ist eine zeittypische Collage, die beherzt in den Bestand eingreift und diesen auch mehrfach überragt, am massivsten mit einem 67 Meter hohen „Leseturm“. Bürgerinitiativen machen Stimmung gegen das Projekt. Jetzt rächt es sich für die Republik, Hans Dichand verärgert zu haben.
Leseturm wurde gestrichen
Die „Kronen Zeitung“ fährt eine massive Kampagne, der Leseturm wird erst gekürzt, dann ganz gestrichen. Dieter Bogner, seit 1990 Geschäftsführer der Errichtungsgesellschaft, legt 1994 seine Funktion zurück. Im allgemeinen Tohuwabohu gelingt es, eine politische Einigung zwischen Bund und Stadt Wien zu fixieren.
Der „Leseturm“ erregte die Gemüter.
Der „Leseturm“ erregte die Gemüter. Archiv Ortner
Ortner & Ortner gehen eine Partnerschaft mit dem Denkmalpfleger Manfred Wehdorn ein. Baubeginn für das stark veränderte Projekt ist 1998, die Eröffnung findet 2001 statt. In einer Karikatur aus dem Jahr 1997 zeigt Gustav Peichl alias Ironimus den an einem Arm und einem Bein amputierten Laurids Ortner vor dem Plan des reduzierten Projekts. Die Initialen von Ortner und Wehdorn verschmelzen dort boshaft zu einem „O Weh!“.
Die Details dieser Geschichte und ihrer Vorgeschichte seit dem Barock sind derzeit in einer hervorragend kuratierten Ausstellung im MQ mit dem Titel „Vision und Widerstand“ zu sehen. In einer erstaunlichen Filmsequenz aus dem Jahr 1998 ist dort anlässlich des Baubeginns auch der damalige Bundeskanzler Viktor Klima mit der Aussage zu hören, man sei froh, so weit gekommen zu sein, aber sich auch der zahlreichen Fehler bewusst, die man auf dem Weg gemacht habe.
Die Museumsquartier-Baustelle Ende der 1990er Jahre.
Die Museumsquartier-Baustelle Ende der 1990er Jahre. Margherita Spiluttini, Baudoku 1998–2000, Architekturzentrum Wien, Sammlung
Damals eine riesige Baustelle, heute der Haupthof im Museumsquartier.
Damals eine riesige Baustelle, heute der Haupthof im Museumsquartier. Margherita Spiluttini, Baudoku 1998–2000, Architekturzentrum Wien, Sammlung
So viel Selbstkritik findet sich in der Politik selten. Angebracht wäre sie bei einem aktuellen Projekt, das von den politischen Akteuren gerade an die Wand gefahren wird. Das Projekt für die Bebauung des Heumarkt-Areals hat 2017 dazu geführt, dass das Weltkulturerbe „Historisches Zentrum von Wien“ auf die „Rote Liste“ der Unesco für gefährdete Welterbestätten gesetzt wurde. Seither folgt eine Notoperation an dem Projekt auf die andere.
Werkzeug zur Gewinnmaximierung
Auch hier ist ein Turm im Spiel, allerdings nicht wie beim MQ als beinahe funktionsloses Symbol für das hinter der barocken Fassade liegende neue Kulturareal, sondern als unverhülltes Werkzeug zur Gewinnmaximierung. Diese Geste stach allerdings dermaßen ins Auge, dass der Turm zuerst von 73 Metern auf 64 Meter gekürzt wurde, bis er sich schließlich in der zuletzt publizierten Variante in eine Scheibe mit 50 m Höhe verwandelte. Sie steht quer zu jener des Hotel Intercontinental, die abgerissen und am selben Ort leicht vergrößert neu errichtet werden soll. Das Ergebnis dieser „Zweischeibenlösung“ wäre ein völlig außer Takt geratener Stadtraum, eine Masse ohne Maß, wie Friedrich Achleitner schon 1964 über das Hotel Intercontinental geurteilt hat. An diesem Platz, dem letzten Filetstück im ersten Bezirk, darf nur höchste Qualität entstehen. Davon ist das aktuelle Projekt weit entfernt.
Derzeit tagt im südkoreanischen Busan das Welterbekomitee der Unesco. Kommenden Montag steht Wien auf der Tagesordnung. Es liegen zwei Beschlussvorschläge vor. Der erste wurde von der Unesco beauftragt und sieht vor, Wien weiterhin auf der Liste der gefährdeten Stätten zu belassen. Der zweite, der die Streichung von der Liste vorsieht, entstand in Zusammenarbeit von Stadt Wien und dem Außenministerium, das die Interessen Österreichs gegenüber der Unesco international vertreten sollte. Auf Anfrage nennt das Außenministerium als Ziel, „sowohl den Verpflichtungen aus der Welterbekonvention als auch den Interessen der Stadtentwicklung“ gerecht zu werden. Würde das Projekt wie geplant realisiert, sind das in Wahrheit die Interessen des Investors Michael Tojner.
Bauen ist nie, und vor allem nicht an diesem Standort, eine reine Privatsache. Beate Meinl-Reisinger hat das im Jänner 2017 noch verstanden, als sie von der Oppositionsbank aus eine Volksabstimmung zum Thema Heumarkt und Welterbe forderte. Ist ihr bewusst, welchen Schaden sie heute – an den Schalthebeln der Macht – anrichtet?