Architektur und Nachhaltigkeit: Die Entwicklung der Standorte der TU Graz
Universitäten sind laufend in Veränderung begriffen: Nicht nur aufgrund steigender Studierendenzahlen, sondern auch, weil sich Forschungsziele und Lehrinhalte wandeln, muss die Raumstruktur beständig erweitert, saniert und modernisiert werden.
Graz war und ist eine Stadt des Studiums: Von etwa 60.000 offiziell registrierten Bildungshungrigen studiert etwa ein Viertel an der TU Graz, der Technischen Universität, die sich aus dem 1811 als Museum und Lehranstalt gegründeten Joanneum entwickelt hat. Heute verteilen sich die unterschiedlichen Fakultäten der TUG mit ihrer Bildungspalette zwischen Technik, Naturwissenschaften und Bauwesen auf drei unterschiedliche „Standorte“ im Südwesten der Stadt.
Stammhaus ist die 1885–88 errichtete „Alte Technik“, ein mächtiger Gründerzeitbau mit zwei Innenhöfen, der sich zwischen Rechbauerstraße und Mandellstraße ausbreitet. Einen markanten Eckpunkt bildet der 1970 vom Team um Karl Raimund Lorenz errichtete Bibliotheksturm, ein wenig versteckt ist der 1983 im Park platzierte „Erweiterungsbau“ von Günther Domenig. Im Laufe der Zeit hat die „Alte Technik“ den Großteil der umliegenden ehemaligen Wohnhäuser infiltriert, adaptiert und zu Instituten, Laboren oder Büros umfunktioniert.
Wissenstransfer erfordert ein neues Feld
Bereits 1921 war deutlich, dass der Wissenstransfer ein neues Feld erfordert: Mit ein wenig räumlichem Respektabstand wurde an der Ecke Brockmanngasse/Kopernikusgasse der Campus Neue Technik gegründet. Hier finden sich unter anderem der hufeisenförmige, expressive Bau der 1990 fertiggestellten Biochemie/Biotechnologie von Michael Szyszkowitz und Karla Szyszkowitz-Kowalski, der repräsentativ für die späte Grazer Schule steht. Wie eine Gegenthese schließt dahinter die „Alte Chemie“ an, ein eleganter Zweckbau der Nachkriegsmoderne mit einem Raster aus schlanken Sichtbetonstützen.
Ende 1970 wurde durch den Bedarf an großen Experimentalanlagen für Ingenieur- und Naturwissenschaften stadtauswärts ein weiteres Areal erschlossen, die Inffeldgründe in St. Peter. Heute befindet sich hier der größte der drei Campusstandorte, der bis 2030 etwa 185.000 m² an Nettogeschoßfläche enthalten soll. Werks- und Versuchshallen machten den Anfang, signifikant für die damalige Freude an Technik ist das 1972 errichtete, an einem Stahlrahmen hängende Hochspannungsgebäude, das mittlerweile zu Ehren des ehemaligen Studenten in „Nikola-Tesla-Labor“ umbenannt worden ist. Aus den späten 1970ern stammt das streng funktionalistische Gebäude der Maschinentechnischen Institute, das zwischen Anfang 2016 und Ende 2019 bei laufendem Betrieb von Ernst Giselbrecht modernisiert und städtebaulich verdichtet worden ist: Eine Aufstockung der bis dahin unterschiedlich hohen Bürotürme erfolgte in Holzleichtbauweise, und für ein einheitliches Bild sorgt die Verkleidung mit einer hinterlüfteten Aluminiumfassade. Im Gegensatz zum in asymmetrischer Form errichteten Studienzentrum präsentiert sich das Gebäude für Informatik und Biomedizinische Technik vom Büro Riegler-Riewe reduziert und klar, acht quaderförmige Modul-Blöcke aus Sichtbeton mit liegenden Fensterschlitzen stehen in zwei Reihen, verbunden durch Zwischentrakte mit großen Glasflächen.
Übereinstimmende Funktionalität kann Harmonie erzeugen
Wie auch an anderen Universitätsstandorten zeigt sich am Campus Inffeldgasse sehr anschaulich, dass die bei Denkmal- und Ortsbildschützern oft zitierte „Ensemblewirkung“ nicht auf Gleichheit von Form und Material oder übereinstimmenden Errichtungsdaten beruhen muss: Übereinstimmende Funktionalität kann damit einhergehende Harmonie erzeugen. Zudem wird sichtbar, dass sich ein Ensemble gemeinsam entwickeln kann: Zu dem anfangs rein technisch, fast schon industriell geprägten Charakter hat sich ökologisches und soziales Denken gesellt, der Außenraum hat durch viel Grünraum, durch Rad- und Spazierwege gewonnen, Mensa und Kindergarten haben Einzug gehalten, und laut Masterplan 2024 der Bundesimmobiliengesellschaft BIG sind auch Sportflächen geplant.
Perfekt ins Bild passt der letzte „Neuzugang“, der Cybersecurity Campus Graz. Das 2026 fertiggestellte, vom Team EEP Architekten (Gerhard Eder, Christian Egger, Bernd Priesching) geplante Gebäude ordnet sich ein, aber nicht unter. Erste Herausforderung war die städtebauliche Einfügung: Am nördlichen Rand des Campus gelegen, muss es nicht nur den Raum fassen, sondern zugleich Entree wie auch Übergang zu den anschließenden Wohngebäuden und dem Wirtschaftskundlichen Gymnasium bilden. Das Gebäudevolumen wurde in drei höhengestaffelte, konische Baukörper aufgelöst, die durch eine Brücke im ersten Obergeschoß verbunden sind. Durch die Überhöhung des Erdgeschoßes um ein halbes Geschoß entsteht nicht nur die nötige Durchfahrtshöhe für Einsatzfahrzeuge, sondern auch zwei sehr einladende, angenehm schattige Durchgänge zu Campus und zur Schule.
Verzicht auf den obligaten Zaun
Aus dem ehemals als Parkplatz (fehl-)genutzten versiegelten Areal zwischen Schuleingang und Neubau wurde durch Verzicht auf den obligaten Zaun ein vielfältiger, mikroklimatisch wirksamer grüner Hof mit schmalen Gehwegen und unterschiedlichen Sitzgelegenheiten. Mittelpunkt ist die etwa 100 Jahre alte Silberlinde, um die sich sanft der Brückenbau im ersten OG schwingt. Von den hier angeordneten Aufenthaltsräumen und den darüber liegenden Dachterrassen, die als „Kommunikationsband“ dienen, blickt man in die Baumkrone.
Die Vorstellung, ein Kompetenzzentrum für digitale Sicherheit in Kooperation mit Unternehmen und Start-ups der IT-Branche müsse einer technoiden Trutzburg gleichen, ist schnell widerlegt: Das überhöhte, großzügig verglaste Erdgeschoß in heller, warmer Farbgebung vermittelt Offenheit, Einsehbarkeit und Durchsicht im Bereich der Ein- und Durchgänge, die zu Foyers, Seminarräumen und Aufenthaltszonen führen. Um die massive Kernzone mit Stiegenhaus docken in den oberen Geschoßen vor der ringsum zellenartigen angelegten Büro- und Laborstruktur keine Gänge, sondern freundliche Aufenthaltszonen an; zwischen der offenen Leitungsführung an der Ortbetondecke schweben verspielt kreisrunde Akustikpaneele und Lampen.
Minimierung wärmespeichernder Materialien
Für Energieeffizienz sorgen Geothermie und PV-Anlage am begrünten Dach, die Minimierung wärmespeichernder Materialien und die Verwendung nachhaltiger Werkstoffe tun Mikro- wie Makroklima gut. Sammlung und Speicherung aller Oberflächenwässer auf eigenem Grund entlasten die Kanalisation und kühlen via Grünraum die Luft. Die Ökologie spielt auch beim nächsten Campus-Projekt eine große Rolle: Dass die Sanierung eines Bestandsgebäudes aus den 1970er-Jahren auf einem Forschungsprojekt über kreislauffähiges Bauen basiert, passt ins Gesamtbild dieser Universität.