Hitzewelle? Kaltstart!
Mit den steigenden Temperaturen im Hochsommer braucht es neue Konzepte und Visionen für eine kühle, lebenswerte Stadt. Wir haben unterschiedliche Expertisen aus der Planungs- und Baubranche zusammengetragen.
Rezept: Rasch handeln!
Wenn sich in Städten während der Sommermonate das Klima so anfühlt wie zwischen Bratpfanne und Backofen, kommen Hinhalteparolen wie „Wir sind eh dran“ oder „Erste Schritte wurden bereits gesetzt“ nicht gut an. Eine kühle Stadt ist keine extravagante Forderung von Klimawandelfanatikern, sondern simples Einfordern vernünftiger Stadtplanung und Architektur, die es schafft, Gesundheit, Wohlbefinden mit Urbanität harmonisch zu verknüpfen. Sicher ist bereits etwas passiert. Das möchte ich nicht kaputtjammern. Nur haben die Temperaturen auch empfindlich zugelegt. Mit dieser Geschwindigkeit gilt es nun, Schritt zu halten. Hans-Peter Hutter, Gesundheitsmediziner, Med-Uni Wien
Klimaplanung mit Wind
Zukünftige Hitzewellen werden noch heißer, noch länger und noch häufiger. Und sie werden unseren Alltag noch stärker beherrschen als heute. Hitzevorsorge heißt daher: Wind, Kaltluft, Entsiegelung, Kronenschluss und blau-grüne Infrastruktur als Daseinsvorsorge zu behandeln – so verbindlich wie Kanal oder Strom. Stadtklimaplanung ist ein zentraler Werkzeugkoffer für eine kühlere Stadt: Bäume und Schatten kühlen, Kaltluft fließt, Wind bringt eine kühle Brise, und für all das braucht es interdisziplinäre Planung, klimafitte Regeln und Gesetze mit Biss. Simon Tschannett und Matthias Ratheiser, Stadtklimatologen, Weatherpark
Fließendes Wasser
Bäche haben unsere Städte über Jahrhunderte geprägt, sind aber vielerorts – in Kanäle gefasst – von der Oberfläche verschwunden. Sinnvoll war das, als Trinkwasser aus dem Brunnen neben der Latrine kam und hundertjährliche Hochwässer nur alle hundert Jahre drohten. Heute braucht es einen neuen Zugang, und zwar eine Entflechtung von Abwasserkanal und Bachbett. Fließendes Wasser kühlt messbar und spürbar und ist im Idealfall ein Idyll. Ja, ein Bach mag im Klimawandel zeitweise trockenfallen, doch selbst dann bietet er Zuflucht, wo Asphalt nur Hitze speichert. Und nein, bei Starkregen ist er keine erhöhte Gefahr, sondern eine Entlastung für eben jenen Kanal, durch den er heute fließt. Renate Hammer, Wissenschafterin, IBRI Institute of Building Research & Innovation
Große Schattenspender
Die Zukunft klimaresilienter Städte liegt in einer intelligenten Kombination von Bäumen und technischer Verschattung. Denn wo Baumpflanzungen aufgrund von U-Bahn, Verkehrsflächen, unterirdischen Leitungen oder Anrainerinteressen nicht möglich sind, braucht der öffentliche Raum technische Verschattung. Am Wiener Urban-Loritz-Platz etwa erlaubte der Untergrund nur Randbepflanzungen. Ein 2000 Quadratmeter großes Membrandach schafft dort Schatten, Witterungsschutz und gute Durchlüftung. Membrandächer benötigen wenig Material, wenige Fundamente und reflektieren Hitze besser als Glas- oder Metalldächer. Ergänzend bieten auch temporäre Segel – wie sie beispielsweise in Sevilla im Einsatz sind – flexible und klimawirksame Lösungen. Silja Tillner, Architektin, Tillner & Willinger
Schanigarteneffekt
Der Schatten und die Kühlung durch große, vitale Bäume sind entscheidend. Da Wasser knapp wird und die Zeit drängt, müssen viele Bäume gepflanzt werden – und zwar nach dem Schwammstadtprinzip. Denn die meisten Bäume, die heute gesetzt werden, haben leider viel zu kleine Flächen, mit zu wenig Platz, zu wenig Luft und zu wenig Wasser. Unser Motto ist: Lieber einen Baum richtig pflanzen als hundert Placebobäume, die in 20 Jahren abgestorben sein werden. Der Schatten der Bäume – ob in Gassen, Straßen oder auf Plätzen – ist an heißen Tagen lebenswichtig. Fakt ist: Bäume und blau-grüne Infrastruktur sind derzeit die wirksamste Lösung für das Überleben in der Stadt. Daniel Zimmermann, Ingenieurkonsulent, 3:0 Landschaftsarchitektur
Kneipp-Bassena für alle
Es gibt vieles, was unser Wohnen kühler machen könnte: Retentionsdächer zum Beispiel, die mit einem höheren Substrataufbau viel Regenwasser aufnehmen, meistens aber an noch nicht angepassten Normen scheitern. Oder Fassadenbegrünungen, die das Haus beschatten, CO2 aufnehmen und das Mikroklima verbessern. In Wien sind sie bereits vorgeschrieben, nur machen zahlreiche Brandschutzauflagen aus einer guten Idee einen Planungsmarathon mit Extrarunden. Die Träume reichen noch viel weiter: Ich denke da an ein seichtes Wasserbecken im Stiegenhaus, an eine Art „Kneipp-Bassena“, an der man sich trifft, plaudert und nebenbei abkühlt. Bettina Krauk, Architektin, Synn Architektur
Kühlen mit Sonnenstrom
Klar ist: Wenn man den Bewohnern die Kühlung ihrer Wohnung überlässt, werden in Bälde mindestens zwei Klimaanlagen pro Haushalt an den Fenstern montiert sein. In Summe also zwei Millionen Energieschleudern in Wien! Das ist weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll. Es geht auch anders: Wir kühlen unsere Gebäude mit PV-Strom, und zwar gratis. Die Wärme, die dem Gebäude entzogen wird, geht in die Warmwasseraufbereitung oder wird im Boden quasi als „Wärmebatterie“ gespeichert. Und im Winter optimiert der PV-Strom den Wirkungsgrad der Wärmepumpe und reduziert den Wärmebezug für die Heizung. Eine Win-win-Situation für alle Jahreszeiten. Ernst Bach, Vorstandsvorsitzender, Sozialbau AG
Kälte aus dem Untergrund
Ich wünsche mir einen großflächigen Einsatz von Geothermie. Die Regeneration des Erdreichs erfolgt durch Kühlung von überhitzten Wohnräumen. Tiefenbohrungen sind jedoch teuer – und im Bereich von Gehsteigen noch dazu durch hohe Gebühren belastet. Daher gibt es nur wenige umgesetzte Beispiele. Wäre es nicht klug, wenn die öffentliche Hand selbst diese Umweltquelle anzapft und – statt erhitztes Heißwasser durch die Stadt zu schicken – kühle Nahwärmenetze betreibt? Alternativ könnten auch Private zur Errichtung solcher Netze animiert werden, etwa durch Verzicht auf die Gebrauchsabgabe. Denn eines ist sicher: Klassische Klimaanlagen kühlen zwar die singuläre Wohnung, machen durch die warme Abluft die Stadt aber noch heißer. Barbara Fritsch-Raffelsberger, Prokuristin, Familienwohnbau