nextroom.at

Karte

Artikel

7. November 2009 Spectrum

Hier ist das Paradies

Städtebaulich richtig und räumlich abwechslungsreich unter einer überaus eleganten, glatten Haut. Gäbe es ein Ranking der Wiener Hochhäuser: Hinter dem Messegelände stünde die neue Nummer eins.

Bauherrenpreis für ein Hochhaus: Die neue Landmark, die Dieter Henke und Marta Schreieck am Eingang zum Quartier „Viertel zwei“ an der U-Bahn-Station Trabrennplatz hinter dem Wiener Messegelände errichtet haben, verdient solche Beachtung. Denn sie steht städtebaulich „richtig“ da, und in einemgedachten Ranking der Wiener Hochhäuser besetzt sie sicher die Spitzenposition. Wobei die Auszeichnung, genau genommen, nur indirekt der Architektur gilt. Die muss zwar besondere Qualitäten haben, aber geehrt wird der Bauherr, weil er fähig und willens war, ein Projekt umzusetzen, das über die gängigen Standards hinausweist.

Der Bauherr ist in diesem Fall ein Investor: die „IC Projektentwicklung GmbH“. Das heißt, dass die kommerzielle Verwertbarkeit des Gebauten Priorität hat. Schaut man sich das Quartier „Viertel zwei“ genauer an, dannist man allerdings von der intelligenten Strategie überrascht, mit der hier geplant wurde.Intelligent im Hinblick auf den Städtebau, auch auf die beschränkte Anzahl von Architekten, die zum Zug gekommen sind – so wurde diese Unruheallzu vieler Architektursprachen vermieden, unter denen so viele Neubaugebiete leiden –, schließlich auf die gestalterische Bewältigung des Außenraums,die wohl zum Besten gehört, das es in Wien derzeit gibt. Man wird sich dieses Quartier – hauptsächlich Bürohäuser, ein Hotel, ein Wohnbau, ein sanierter Altbestandsbau – genau anschauen müssen, wenn es fertig ist. Das Wohnhaus steht noch nicht, und die Landschaftsplanung ist nicht abgeschlossen. Aber das Architekten-Triumvirat aus Henke und Schreieck, Martin Kohlbauer und Zechner & Zechner stellt eine Option für die Zukunft dar, ebenso die profilierten deutschen Landschaftsplaner Wes & Partner.

Eines vorweg: Es ist keine schlanke, hohe Nadel, die Henke und Schreieck geplant haben. Das Haus steht fest auf der Erde und ist mit seinen 80 Metern Höhe möglicherweise sogar zu niedrig. Aber die diversen Kubaturen der Gebäude wurden natürlich im Vorfeld des komplexen Wettbewerbsverfahrens festgelegt, daran war nicht zu rütteln. Andererseits sagen die Architekten, dass ihr Haus nicht Raum besetzt, sondern Raum bildet. Das ist zumindest teilweise richtig. Denn es besteht aus einem konkav/konvex gebogenen Baukörper, der einen großzügigen Vorplatz definiert (übrigens möbliert mit einer wunderbaren, amorphen, grünen Plastik von Lois und Franziska Weinberger). Es nimmt viel Grundfläche ein, wenn man es mit herkömmlichen Hochhäusern vergleicht. Dafür kann es umso mehr.

In Hochhäusern braucht die Erschließung sehr viel Platz, und es gibt in der Mitte eine Dunkelzone, sodass für die natürlich belichteten Räume mit Aussicht entlang der Fassade nur relativ wenig Laufmeter bleiben. Diese Problematik wurde mit großem Geschick umschifft. Künstliches Licht auch tagsüber braucht es hier eigentlich nur im Bereich der Lifte und Zugänge zu den Treppenhäusern. Da das Haus sehr breit auf dem Boden steht, bietet es viel hervorragend nutzbare Bürofläche, die nicht nur Licht, sondern zum Teil auch spektakuläre Aussicht hat. Klar, richtig umwerfend ist der Ausblick nur von ganz oben. Aber das ist bei allen Wolkenkratzern so. Viele Hochhäuser verfügen über ein attraktives Entrée – hier: zweigeschoßig – und über irgendeine räumliche Besonderheit ganz oben, die in der Regel nur privilegierten Nutzern zugänglich ist. Dazwischen: die Regelgeschoße. Was die können, das entscheidet über die Nutzungsqualität insgesamt. Irgendein Sonderraum für ein Sonderpublikum lässt sich ganzleicht hinstellen, wenn es nur jemand zahlt. Aber durchgängige Qualität über alle Geschoße und für die Masse der Beschäftigten – das ist etwas ganz anderes.

Dieser Thematik haben die Planer (und der Investor) viel Aufmerksamkeit gewidmet. Es war ein trister, bewölkter Tag, als ich das Haus besichtigt habe. In den Erschließungsgängen zu den Büros (Glaswände, teilweise sichtgeschützt) war es trotzdem hell. Sie sind auch räumlich abwechslungsreich, weil sie nicht einfach linear verlaufen, sie erweitern sich stellenweise (Gemeinschaftsbereiche, Teeküchen), manchmal ist der Übergang zu einer offenen Empfangs- oder Sekretariatszone fließend, das macht atmosphärisch etwas aus. Außerdem ist die Größe der Büroeinheiten (kein ausgesprochenes Großbüro) ziemlich differenziert. Wer sich je die Arbeitssituationen im Eldorado der Hochhäuser angeschaut hat, in New York, der weiß: Hier ist das Paradies.

Die Form des Hauses hat eine Vorgeschichte. Es gab einen städtebaulichen Wettbewerb, den Henke und Schreieck mit einem Konzept gewonnen haben, das eine durchgängige Bebauung mit konvex/konkav geformten Baukörpern vorgesehen hätte. Lauter Bumerange – oder wie es Margherita Spillutini formuliert: „Kipferl“. Solche Baukörper ermöglichen trotz hoher Dichte Durchlässigkeit – auch in Bezug auf den Ausblick – und die Formulierung spannender Außenräume. Die sind wichtig, und sie kommen bei uns regelmäßig zu kurz. Trotzdem wurde das Konzept zugunsten einer anderen, nicht zuletzt durch die Landschaftsplaner mitbestimmten Lösung aufgegeben. Der OMV-Bumerang ist daher durch eine Brücke mit dem durchaus rechtwinkligen Nachbarn von Martin Kohlbauer verbunden, nur vier verhältnismäßig niedrige – bumerangförmige – Baukörper von Henke und Schreieck schräg gegenüber gehen noch auf das ursprüngliche Städtebau-Projekt zurück.

Die Form des Hauses: Es ist sicher so, dass auch heute, bei all den technischen Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, ein solches Projekt nicht ohne Weiteres zu realisieren ist. Unten schiebt sich völlig asymmetrisch eine Sockelzone heraus, darüber kurvt sich ein Baukörper in die Höhe, der auskragt, der nach oben breiter wird. Aber die Glasfassade überzieht das alles mit einer unheimlich eleganten, glatten Haut. Das war technisch äußerst komplex – ganz davon abgesehen, dass es an den Schmalseiten des Hauses speziell berechnete, gekrümmte Gläser gebraucht hat, damit genau dieser Effekt der homogenen, glatten Haut nicht gestört wird.

Ich denke, es ist etwas Besonderes, wenn sich ein Bauherr auf so etwas einlässt. Und ich denke, dass es nicht so wahnsinnig viele „Investoren“ dieser Güteklasse gibt.

26. September 2009 Spectrum

Umbau in vollem Galopp

Ein schwieriger Job für den Architekten: der Umbau der Zentralfeuerwache Am Hof in Wien. Eher gelungene funktionelle Entflechtung denn Selbstverwirklichung. Einige Sünden hätte der Denkmalschutz uns ersparen können.

Es kann nur ein Zwischenbericht sein, wenn von der Zentralfeuerwache Am Hof in Wien die Rede ist. Zwar arbeitet das Architekturbüro Andreas Treusch schon seit Jänner 2004 an der Sanierung, dem Um- und Ausbau der drei Objekte, die an diesem zentralen, auch historisch bedeutsamen Platz von der Feuerwehr genutzt werden, ein Ende ist aber nichtvor 2012 abzusehen. „Fertig“ im architektonisch/baulichen Sinn ist definitiv erst ein Objekt – das Haus von Johann Lukas von Hildebrandt von 1727–1730, und auch da ist etwa das kleine Museum noch nicht eingerichtet, also noch nicht öffentlich zugänglich.

Tatsächlich geht es hier um eine extrem komplexe Situation: strengster Denkmalschutz sowieso, Bauen im zentralen innerstädtischen Bereich auf historisch „getränktem“ Boden (Archäologen!) – und dazu noch Umbau bei vollem Betrieb. Denn es kann natürlich nicht sein, dass auch nur eine einzige der Funktionen der Zentralfeuerwache kurzfristig ausfällt.

Steht man jetzt vor dem Hildebrandt-Haus und hat das Glück, dass einem nicht irgendwelche provisorisch abgestellten Feuerwehren oder Baufahrzeuge der anschließenden Baustellen die Sicht nehmen, dann versteht man, was hier Sache ist. Und das ist sicher nicht der Außenauftritt des Architekten. Der macht sich hier überhaupt nur durch einen bescheidenen, schwarz-gläsernen Monolithen bemerkbar, der in eine bestimmte Richtung weist. Nämlich auf den Eingang links von den Ausfahrttoren der Feuerwehren, wo es zum Museum geht.

Treusch hat an dieser Fassade nichts verändert, auch nicht die Tore, obwohl sie erst aus den Dreißigerjahren stammen. Die ursprüngliche, mittige Eingangssituation mit Aufgang zur Beletage wäre nicht wieder herstellbar gewesen. Denn auch aus dem Hildebrandt-Haus ist, man muss es betonen, ein Nutzbau geworden, der bestimmte Funktionen zu erfüllen hat, und zwar nach heutigen Kriterien. Und das bedeutet, dass dieses historische Haus in Wirklichkeit vollgepackt ist mit Technik. Schächte überall, alle voller Leitungen und, wo möglich, unsichtbar. Es ist tatsächlich sehr gut gelungen, diesen Sprung in die Technologien des 21. Jahrhunderts im Verborgenen zu halten.

Anders ist es im kleinen Hof, der glasüberdacht wurde. Dort gab es hölzerne Pawlatschen, die in einem ganz schlechten Zustand waren und durch eine Stahl-Glas-Konstruktion ersetzt wurden. Atmosphärisch bedeutet das sicher einen Verlust, umso mehr als die jetzige Lösung ziemlich nüchtern daherkommt. Andererseits geht es hier um den Brandschutz, was bestimmte Profilstärken der Stahlkonstruktion zur Folge hat und eine feingliedrige künstlerische Lösung gar nicht erlaubt hätte. Nicht zu reden vom Kostenfaktor, aber da bewegt man sich – im ganzen Haus – auf dem Niveau des Notwendigen.

Es hört sich vielleicht fragwürdig an, aber eine solche Aufgabe unter solchen Umständen lässt dem Architekten kaum einen Spielraum zur Selbstverwirklichung. Von den Römern bis herauf ins 20. Jahrhundert haben sich an diesem Ort Epochen sichtbar eingeschrieben. Nur wir sind jetzt der Meinung, dass jegliche sichtbare zeitgenössische Überformung nicht vertretbar ist.

Unter solchen Voraussetzungen kann der Architekt nur noch strukturell denken, nicht in Gestaltungsdetails. Wichtige Elemente der historischen Substanz – etwa der Barocksaal in der Beletage – wurden dabei mit aller Sorgfalt behandelt. Die heutigen Anforderungen schlagen sich vor allem in einem Multimedia-Saal, teilbar, einfach, funktionell, nieder. Und die Möglichkeit eines Rundumgangs wurde geschaffen.

Die Baustelle für das „Haus 7“, also das Hildebrandt-Haus, war lange Zeit eine der aufregendsten der Stadt. Hier hat man wirklich in offener Bauweise hinuntergegraben, um dann unter dem Haus eine bis zum Tiefen Graben – dort ebenerdig – durchgehende neue Fahrzeughalle und einen Verbindungsgang zum „Haus 9“ zu schaffen. Das war und ist ein Eldorado für die Stadtarchäologen. Denn seinerzeit, als man in den Sechzigerjahren diese unsägliche Tiefgarage Am Hof gebaut hat, deren Abfahrt diesen Platz wirklich stört, sind die Stadtarchäologen nicht zum Zug gekommen. Es hat einfach das Bewusstsein für solche Fragen gefehlt.

Man muss sich die Gesamtsituation vor Augen führen: Es gibt das Hildebrandt-Haus, dann das kleine sogenannte Kattus-Haus, das noch heute in Privatbesitz ist, dann einen historisierenden Wiederaufbau aus der Nachkriegszeit (das Haus war ein Bombentreffer), und um die Ecke das alte Zeughaus aus dem 16. Jahrhundert, mit seiner markanten Fassade zum Platz und einem sehr tiefen Innenhof. Insgesamt arbeiten hier 1400 Menschen, in 24-Stunden-Schichten, ständig „in Bereitschaft“.

Als Erstes war für die Architekten eine Art „funktionelle Entflechtung“ angesagt. Man musste Ordnung in eine Sache bringen, die einen endlosen, teilweise recht improvisatorischen Entwicklungsprozess hinter sich hat. Dafür musste man herausfinden, welche räumlichen Potenziale in der Substanz versteckt waren. Und die gab es, denn hier geht es ja teilweise zwei, drei, wenn nicht vier Stockwerke in die Tiefe. Dieser dynamische Prozess – gemeinsam mit dem Nutzer und der in diesem Fall sehr bewährten MA 34 als Bauherr bewältigt – hat viel Zeit in Anspruch genommen.

Dann gibt es aber Vorbehalte. So hat der Architekt vorgeschlagen, diese unsägliche Dachlandschaft auf dem „Haus 9“, dem historisierend wieder aufgebauten, zu eliminieren und durch einen zeitgenössischen Dachaufbau zu ersetzen. Es gibt ein formal sehr überzeugendes Projekt. Abgelehnt. Man wende den Blick um höchstens 90 Grad, dann sieht man ein architektonisches Wimmerl von einem Privaten, der durfte das. Da hört sich eigentlich alles auf.

Genauso im Zeughaus-Komplex. Da gibt es eine unheimlich „schiache“ Eisenkonstruktion, die eine Art Terrasse für die Feuerwehrmänner liefert. Natürlich nur im Sommer nutzbar. Treusch wollte dieses Unding durch einen filigranen Glaspavillon ersetzen. Er wäre das ganze Jahr über nutzbar. Und er ist so konzipiert, dass er die historische Substanz nicht antastet. Sogar demontierbar. Was hat der Denkmalschutz zu diesem Vorschlag gesagt? Njet, unwiderrufbar.

17. Juli 2009 Spectrum

Die glatte Haut rauen Betons

(Fast) unsichtbare Architektur aus dem Geiste der Nicht-Gestaltung: ein Innsbrucker Ein-Raum-Büro als unterirdisches Bauwerk. Über einen Versuch in Purismus, der kaum zu übertreffen ist.

In der Architektur gibt es manchmal Lösungen, die würde der Planer keinem anderen Bauherrn zumuten – nur sich selbst. Um einen solchen Fall handelt es sich bei dem kleinen Objekt, das der Innsbrucker Architekt Daniel Fügenschuh für sein eigenes Büro errichtet hat. Es geht um (fast) unsichtbare Architektur, um ein „Büro unter dem Garten“, wie es in Claudia Wedekinds Baubeschreibung auf der Architekturplattform Nextroom heißt.

Tatsächlich ist der Purismus dieser architektonischen Miniatur kaum zu übertreffen. Der Architekt hat sich einfach alles versagt, was nach Gestaltung aussehen könnte, was die Präzision seines Statements irgendwie beeinträchtigen würde. Keine Frage, dass ein solches Ergebnis nur zu erzielen ist, wenn man die Mittel, die Maßnahmen umso genauer kalkuliert.

Daniel Fügenschuhs Ein-Raum-Büro mit Galerie ist ein unterirdisches Bauwerk. Er hat es in die Hangkante an der Höttinger Auffahrt in Innsbruck eingegraben, in ein Terrain, das sich von Osten nach Westen, entlang der Nordkette zieht. Die Bebauung, die es dort auf dem Plateau gibt, besteht im Wesentlichen aus Stadtvillen, die alle von grünen Gärten umgeben sind. Ein Luxus, der schon seit Langem gefährdet ist, weil die Grundstückseigentümer natürlich alle Möglichkeiten der Verwertung ihrer Immobilien ausnützen wollen. Auf diesen Umstand – oder Missstand – hat der Architekt reagiert. Der tradierte Charakter des Umfelds sollte durch seine Intervention nicht beeinträchtigt werden. Daher ging er unter die Erde.

Auf dem Grundstück, also oben, auf dem Plateau, gibt es eine Stadtvilla, die der Innsbrucker Baumeister Wilhelmi 1914 auf einer Grundfläche von zwölf mal zwölf Metern für sich selbst errichtet hat. 2003 hat Daniel Fügenschuh die Hälfte dieses Objekts zusammen mit einer Kollegin gekauft und durch sehr geschickte, sensible Maßnahmen umgebaut und saniert. Im Grunde hat er die Nutzfläche im Haus verdoppelt, zu den zwei bestehenden Wohnungen kamen noch zwei hinzu, die im ersten Obergeschoß und dem nunmehr ausgebauten Dachboden untergebracht sind. Das Besondere dabei ist, dass diese zusätzlichen Einheiten nicht geschoßweise getrennt sind. Beide wurden so miteinander verschränkt, dass sie sich in die Höhe schrauben; und sie wurden so versetzt, dass jeder der beiden Nutzer die vollen Ausblicksmöglichkeiten zur Verfügung hat. Das hat schon fast raumplanmäßige Eigenschaften und zeigt, wie man mit intelligenten Strategien auch unter engen Bedingungen Raumqualitäten maximieren kann.

Daniel Fügenschuh hatte dort seine Wohnung und sein Büro. Es war allerdings absehbar, dass die Bürosituation langfristig, mit besserer Auftragslage, nicht ausreichen würde. So kam es zum „Büro unter dem Garten“. Denn zur Wohneinheit gehörte auch ein Gartenanteil, und den hat Fügenschuh nun ausgehöhlt. Die Stadtvilla selbst ist ja von oben, vom Sonnenweg her erschlossen. Sein Büro hingegen von der Höttinger Auffahrt, die unten, an der Hangkante, entlang führt. Es gibt dort eine Stützmauer aus Bruchstein, in die er die Glasfassade nahtlos eingefügt hat. Ein Glück ist, dass es hier nach Süden geht – in der Tiefe des Büros sorgt nur ein schmales, nordseitiges Lichtband, das bündig ins Gartenniveau integriert ist, für natürliche Belichtung. Unter dem Büro fand übrigens sogar noch eine Garage Platz.

Was soll man sagen, wenn es so gar nichts an subjektiver, individueller Gestaltung gibt? Wenn der Architekt die Nicht-Gestaltung zum Verwirklichungsprinzip erhebt?

Am Anfang der Baustelle war ein Bagger, und der hat ein gewaltiges Loch gegraben. Immerhin ist die Fassade 10,25 Meter lang und 4,20 Meter hoch – und es geht gute zehn Meter in die Tiefe. Die Decke ist schräg – größte Raumhöhe zirka sechs Meter –, dem Hangverlauf folgend und, wie gesagt, auch in der Tiefe über ein Glasband belichtet, jedenfalls war für eine Galerie Platz.

Fügenschuh hat voll auf das Lieblingsmaterial unserer Architekten (nicht unbedingt von Fremdnutzern) gesetzt. Es ist alles in Sichtbeton. Er hat Fertigteile, Beton-Hohldielen, verwendet, in die werkseits, in den nassen Beton, schon alle Leitungen eingelegt wurden. Das hat eine recht glatte Haut zur Folge, auch wenn Beton naturgemäß eine raue Angelegenheit ist.

Es gibt aber auch Holz, genauer gesagt Lärche, dann gibt es Rohmetall und natürlich auch Glas – vor allem die dreifach verglaste Bürohöhlenfront. Fügenschuh hat Passivhaus-Standard angestrebt und erreicht. Er muss im Winter nicht heizen. Mittels Wärmetauscher ist da heute viel möglich, und in einem Architekturbüro, das ja mehr oder weniger aus Computerarbeitsplätzen mit viel Abwärme besteht (und noch dazu südseitig orientiert ist), sind solche Ansprüche kein großes Problem mehr.

Es gibt immerhin vier Lüftungskreise – Frischluft, Fortluft, Zuluft, Abluft –, die in die Beton-Hohldielen eingelegt sind. Ansonsten hält sich der Aufwand aber in Grenzen. Die Dreifachverglasung der Fassade hat jedenfalls vor allem schallschutztechnische Gründe, es gibt hier ziemlich viel Verkehr.

Trotzdem ist die Akustik in einem solchen Raum ein Thema. Da sitzen jede Menge Mitarbeiter, die womöglich alle gleichzeitig telefonieren. Da können die harten Oberflächen des Sichtbetons zum Problem werden. Deswegen das Holz, sägeraue Lärchenbretter an der Decke. Die Treppe zur Galerie aus massiven Lärchenbohlen – toll! – hat zwar nichts mit akustischen Maßnahmen zu tun, gehört aber zur Strategie der Minimalisierung des Materialkonzepts. Dann gibt es noch einen Teppichboden, der schluckt Schall. Er ist etwas, das so „out“ ist in der heutigen Architektur, dass man schon stutzig wird. Von diesen Rasenflächen für den Innenraum haben wir uns doch alle spätestens in den Siebzigerjahren verabschiedet. Dass einem Architekten, der so etwas Puristisches baut, ausgerechnet ein Spannteppich einfällt, darüber darf man sinnieren. Man sollte wissen, dass er längere Zeit in England war. Dort haben sie es bekanntlich mit dem Rasen, draußen und drinnen.

Es ist pure Architektur, es ist arme Architektur. Dann kommen aber doch Elemente ins Spiel, die mehr sind. Vor allem die Beleuchtung im Büro wurde schon minutiös geplant, sie sitzt bündig in der Decke und veredelt den Raum gewissermaßen. Sie trägt natürlich auch zum guten Arbeitsklima bei – ein Punkt, den Fügenschuh nicht vernachlässigt hat.

Noch eine Kleinigkeit: Es gibt eine Schiebetür in diesem abgemagerten Bau, die wiegt 600 Kilo. Sie können halt nicht anders, unsere Architekten. Es geht irgendwie mit ihnen durch.

6. Juni 2009 Spectrum

Nur das Fleisch, nicht das Skelett

Nirgends ein tragender Schacht, alles ist modular, nichts festgeschrieben: „Wohnen am Lohbach“, Innsbrucks größte, ambitionierteste Wohnanlage.

Wohnen am Lohbach“ ist wohl das Vorzeigeprojekt des Tiroler Bauträgers „Neue Heimat“ und der Stadt Innsbruck. Es ist die größte und sicher auch ambitionierteste neue Wohnanlage im Westen der Stadt, hier wurden tatsächlich ausgezeichnete Architekten bemüht. Das beginnt beim Städtebau von Baumschlager/Eberle, das gilt für verschiedene Sonderbauten, bei denen etwa Marte.Marte aus Vorarlberg oder Tiroler Architekten wie Helmut Reitter und die Noldins tätig waren. Und das betrifft ganz besonders die Wohnbauten, die in der ersten Bauetappe von Baumschlager/Eberle stammten, bei Lohbach II aber auch von Georg Driendl. Er konnte hier immerhin drei große Wohnhäuser realisieren, zwei mit sieben Etagen und jeweils 54 Wohnungen, eines mit sechs Etagen und 46 Wohnungen.

Ein Blick auf diese Häuser lohnt sich, weil sie eine Modifizierung der ansonsten recht unflexiblen Typologie der „Punkthäuser“ darstellen, die hier den Städtebau dominiert. Was sind Punkthäuser? Es sind annähernd würfelförmige (richtiger: quaderförmige) Gebäude, in der Regel mit einem innen liegenden Treppenhaus und rundum laufenden Gängen, von denen aus die Wohnungen erschlossen sind. Solche Häuser sind sehr kompakt organisiert, der Anteil der Außenfassaden ist minimiert, dadurch sind sie energetisch besonders interessant.

Die Ersten, die relativ konsequent vorgeführt haben, was sich mit dieser Typologie anfangen lässt, waren Baumschlager/Eberle.Bei Lohbach I konnten sie das in unglaublicher Dichte zeigen. Davon ist man bei Lohbach II wieder abgekommen. Ein bisschen größere Distanz hat Not getan, umso mehr, als sich mit Punkthäusern ja keine tradierten städtebaulichen Situationen formulierenlassen. Es geht immer nur um Abstände zwischen den Häusern, und wie die gestaltet sind,das hängt vom Einsehen des Bauträgers und der Qualität des Landschaftsplaners ab.

Driendl hat etwas Interessantes mit seinen drei „Punkthäusern“ gemacht: Er hat sie durchgeschnitten. Das heißt, in der Mitte liegt ein gewaltiger Luftraum – von oben und von den Seiten her natürlich belichtet –, in dem sich die Erschließung befindet. Und diese Erschließung ist – sagen wir es mit den Worten des Architekten: „unverblümt“. Theoretisch kann man über geradläufige Treppen hinaufspazieren und über einzelne Brücken zu den Wohnungstüren gelangen. Das heißt, jeder hat seinen eigenen, definierten Zugang zur Wohnung, der auch entsprechend individuell genutzt wird: Da steht von den schmutzigen Schuhen über die Topfpflanze bis zur Bierkiste allerlei herum. Das macht die Situation aber sympathisch lebendig. Und es relativiert die Härte der Materialien – Glas, Beton, Terrazzo. Für die räumliche Wirkung dieser gewaltigen Halle ist aber vor allem wichtig, dass sie in der Mitte fast um zwei Meter breiter ist als an den Fassaden. Sie hat also die Form eines flachen Ovals. Das spielt nicht nur für den atmosphärischen Raumeindruck eine Rolle, es ist ganz pragmatisch bedingt. Der Lift ist in der Mitte, an der breitesten Stelle positioniert – die Bewohner kommen dadurch nicht in irgendeiner schmalen Gangsituation an.

Es ist überhaupt ein höchst rationales Konzept, das Driendl bei seinen Wohnhäusern umsetzt. Gebaut sind sie im Grund wie Industriebauten – also in Skelettbauweise, mit Stützen, ganz modular. In den Wohnungen selbst ist fast nichts festgeschrieben, es gibt keinen tragenden Schacht. Das lässt jede Lösung zu. Da kann ohne Weiteres ein Zimmer der nächsten Wohnung zugeschlagen werden, es kann mit geringem Aufwand umgebaut werden, es können Wände einfach eingezogen oder auch weggelassen werden. Von dieser letzten Möglichkeit machen die Bewohner allerdings in den seltensten Fällen Gebrauch.

Dafür gibt es einen Punkt, der der Reflexion bedarf: die leidige Frage der Energie. Wir sind heutzutage unheimlich energiebewusst. Und auch diese Häuser entsprechen mit ihren 40 Kilowattstunden dem Niedrigenergiestatus. Sie verfügen über Sonnenkollektoren für die Warmwasserbereitung, es wurde auch sonst nichts vernachlässigt. Nur:Inzwischen haben die Ansprüche an den Energiehaushalt ein Maß erreicht, das unter 20 Kilowattstunden liegt. Aber das lässt sich natürlich nur mit sehr aufwendigen Technologien erreichen, die serviceanfällig sind und Betriebskosten verursachen.

Die Frage ist, ob das im Wohnbau wirklich Sinn hat. Ist der Wohnbau im globalen Energieverbrauch nicht jener Faktor, der am wenigsten bedeutet? Und: Möchten Sie gern in einer Wohnung leben, deren Energiekonzept nur funktioniert, wenn alle Fenster geschlossen sind (und bleiben)? Es ist schwierig. Niemand möchte als „Umweltsünder“ dastehen. Trotzdem sollten wir uns fragen, ob wir nicht am falschen Ende der Energiekette investieren. Ein einziger, klitzekleiner Fehler in irgendeiner Industrieanlage kostet vermutlich so viel Energie, wie selbst mit anspruchsvollsten Mitteln und über Jahre hinweg im Wohnbau nicht eingespart werden kann.

Abgesehen davon ist Driendl dennoch etwas gelungen, das man als kleinen innovativen Schub bezeichnen könnte. Er hat alle Installationen in die Erschließungshalle verlegt, das heißt, alle Kabelschächte, und was es da sonst noch braucht, sind von außen zugänglich. Das ist wirklich ein Gewinn, weil die Bewohner im Fall von Servicearbeiten unbelästigt bleiben.

Im Übrigen hat Driendl alles gemacht, was man einem guten Wohnbauer abverlangen muss. Seine Balkonzone ist 2,20 Meter tief, also bestens nutzbar. Dass die Anzahl der einfachen, verschiebbaren Sonnenschutzelemente – ein Rahmen mit einer textilen Bespannung – aus Kostengründen reduziert wurde, ist ein Jammer. Jetzt lässt sich die Intimität der vorgelagerten Freiräume zu den Wohnungen nur partiell herstellen. Eines hat der Architekt allerdings schon durchgezogen: Die gläsernen Balkonbrüstungen sind nicht transparent, sondern transluzent. Einen gewissen Sichtschutz gibtes also überall.

Bilanzierend muss man sich wahrscheinlich eines klar machen: Im Wohnbau ist kein architektonischer Blumentopf zu gewinnen. Er kann immer nur das Fleisch sein, das Skelett heutiger Baukunst besteht aus anderen Aufgaben. Anders ausgedrückt: Im Wohnbau lässt sich so leicht nichts erfinden, man muss froh sein, wenn man das Zahnrad der Mühle zwischen allen Beteiligten millimeterweit vorwärtsbringt.

10. Mai 2009 Spectrum

Verzinkt, verhunzt, verbockt

Ein differenziertes Konzept, eine furchtbar schlampige Ausführung und am Ende ein frustrierter Architekt: die neue Gärtner-Unterkunft im Wiener Stadtpark. Anatomie eines Debakels.

Man sollte meinen, dass ein kleiner Nutzbau kein Anlass für viele Worte ist. Im Fall der Gärtner-(innen)-Unterkunft im Wiener Stadtpark ist das mitnichten so. Denn die hat nicht nur eine schillernde Vorgeschichte, die wurde im Resultat auch zu einem Debakel. Und das im Stadtpark. Einer der bedeutendsten Parkanlagen Wiens.

Christoph Mayrhofer, der Architekt, machtaus seinem Frust kein Hehl. Er hat eine tadellose Planung vorgelegt, ein ausgesprochen differenziertes Konzept. Ihm ging es vor allem darum, seine architektonische Intervention mit dem Park-Kontext zu verschmelzen, nicht den Auftritt eines Gebäudes zu inszenieren, sondern eine transparente Anlage, die sich mit der grünen Umgebung austauscht. Tatsächlich entdeckt man die Gartenpflegestation gar nicht so leicht, wenn man von der Ringseite her durch den Park schlendert. Es durfte nämlich kein Baum gefällt werden, die Anlage ist in die bestehende Bepflanzung hineinkomponiert.Umso schlimmer ist es dafür an der Wientalseite und an der Eingangsseite bei der Ungarbrücke. Wenn man vor dem Eingang steht, ist der erste Eindruck der einer Mülldeponie. Mitten im Stadtpark.

Nun kann man argumentieren, dass eine solche Anlage eine Arbeitsstätte ist, an der es um die weniger präsentablen Aspekte dieses Grünraums geht: Hier stehen die Fahrzeuge, die man braucht; Erde und Saatgut werden gelagert und natürlich auch der grüne Abfall; im speziellen Fall wird sogar wirklich der Müll aus dem Stadtpark zwischenzeitlich deponiert. Und es gibt das, was das Personal braucht: Duschen und Umkleiden, eine Küche und eine Kantine, den Objektleiter-Stützpunkt, Büros, eine Besprechungseinheit.

Christoph Mayrhofer hat das alles in zwei Gebäuden untergebracht, die zueinander versetzt sind und annähernd den Zuschnitt von Tortenstücken haben. Dadurch ergeben sich, neben dem großen Hof vor der Fahrzeughalle, auch kleiner dimensionierte Außenräume. Eingefasst sollte die freie, der Bepflanzung folgende Form der Anlage von einem unterschiedlich hohen Lamellenzaun aus Lärchenholz werden. Die Betonung liegt auf „sollte“. Denn ausgeführt wurde nicht einmal die Hälfte dieser entscheidenden architektonischen Maßnahme. Der Rest wurde durch einen unglaublich scheußlichen, verzinkten Stabilgitterzaun ersetzt, der an der Innenseite mit einem grünen Plastiknetz, wie man es von Tennisplätzen kennt, bespannt ist. Es ist einfach nicht zu glauben, dass so etwas im Wiener Stadtpark erlaubt wurde. Aber auch der Zaunteil mit den Holzlamellen spottet jeder Beschreibung – und der Planung des Architekten. Da ist die Stahlkonstruktion viel zu massiv, die Abstände zwischen den Lamellen sind zu groß, die Lamellen selbst ganz anders dimensioniert, als vom Architekten vorgegeben. Der hat natürlich am 1:1-Modell ausprobiert, damit der Zaun einerseits Sichtschutz und andererseits doch noch transparent ist.

Jetzt begreift kein Mensch, was dieses Rudiment eines Lamellenzauns überhaupt soll.Er ist furchtbar schlampig ausgeführt – viele Lamellen sind nicht einmal richtig senkrecht –, die Holzqualität ist so miserabel, dassman gar nicht glauben mag, dass es sich wirklich um Lärche handelt; und obendrein wurden die Lamellen nicht einmal sachgerecht befestigt – es wurden nämlich verzinkte Schrauben verwendet, nicht solche aus Edelstahl. Die würde es aber brauchen, weil Lärche sehr aggressive Säuren enthält. Man muss sich die Absurdität der Situation vor Augen führen: Das Wiener Stadtgartenamt hatte im Stadtpark zwei räumlich getrennte Einrichtungen. Eine, die sogenannte „Unterkunft“, steht jetzt noch; die zweite, Glashäuser und Baracken, auf dem jetzigen Standort. Das machte ein ständiges Hin und Her notwendig. Im Zuge der ersten Planung für ein Entlastungsgerinne des Wienflusses entstand auch die Idee für einen neuen Pflegestützpunkt an der Stelle der alten Glashäuser. Nun hätte die ursprüngliche Planungdes Entlastungsgerinnes einen gravierenden Kahlschlag des historischen Grünbestands im Stadtpark bedeutet, was zum Rücktritt der Umweltstadträtin geführt hat. Es gab damals ein Vergabeverfahren unter Landschaftsplanern, die sich jeweils einen Architekten als Spartenplaner wählen mussten und ein Projekt zur Neugestaltung dieses Stadtparkbereichs entwickeln sollten. Cordula Loidl-Reisch hat sich Christoph Mayrhofer ausgesucht, der auf diesem Gebiet schon Erfahrung besitzt. Er hat immerhin zwei solche Stationen – im 21. und im 11. Bezirk – errichtet und damit eine sehr positive mediale Resonanz gefunden.

Die Ausgangslage wurde schlagartig anders, als der Verlauf des Entlastungsgerinnes geändert wurde. Aber immer ging es darum, sowohl den Denkmalschutz als auch den Gestaltungsbeirat zu überzeugen.

Mayrhofer hat alle Bedenken mit seinem Projekt ausgeräumt, das Wiener Stadtgartenamt konnte genau dort bauen, wo es wollte. Erste Kuriosität: Die alte Unterkunft, die angeblich abgerissen werden sollte, steht weiter – laut Objektsleiter noch mindestens zwei Jahre. Denn man braucht ja auch anderswo neue Unterkünfte, da muss das Personal vorübergehend irgendwo untergebracht werden. Wo diese Unterkünfte entstehen sollen? Im Draschepark im 10. Bezirk, also weit weg, und im gar nicht so nahen Rathauspark. Werden sich die Gärtner wirklich im Stadtpark in ihre Arbeitskluft werfen, halb Wien durchqueren und nach getaner Arbeit dreckig zu ihren Duschen und Umkleiden im Stadtpark fahren?

Das wirklich Ärgerliche an der Angelegenheit ist: Da hat ein Architekt mit äußerst sauberen Mitteln geplant. Er hat den Standort in jeder Hinsicht gewürdigt, angemessen auf die bescheidene Nutzung reagiert – mit einfachen Sandwichpaneelen und Acrylstegplatten. Die Delikatesse liegt in der räumlichen Lösung und den Durchblicken. Aber sogar das haben sie ihm verhunzt, eine Glaswand wurde einfach durch Gipskarton ersetzt. Von seiner Einrichtungsplanung gar nicht zu reden. Die Herrschaften vom Wiener Stadtgartenamt betrachten ihre „Unterkunft“ als eine Art Privatwohnung – finanziert aus öffentlichen Geldern.

Und nun kommen wir zum ganz Ärgerlichen: Christoph Mayrhofer hat schon zwei solche Einrichtungen geplant – nicht nur als Architekt, er hat sie als Generalplaner schlüsselfertig übergeben. Dabei ist er immer auf einen Preis von unter 700 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche gekommen. Im Stadtpark hatte die Baudurchführung die MA 34. Und da beträgt der Quadratmeterpreis ungefähr 2100 Euro, also das Dreifache. Klar ist, dass der Aufwand bei einem Bau im Stadtpark größer ist als auf der Simmeringer Haide. Aber das Dreifache?

3. April 2009 Spectrum

Gut sehen, gut sitzen

Ein Objekt, das sich selbst genügt? Keineswegs, gerade weil es so viele Reflexionen über das Umfeld einschließt, schaut es so aus, wie es ausschaut: das neue Sportzentrum von Wattens.

Wattens ist Swarovski-Land mit allem, was dafür und dagegen spricht. Es ist der Schauplatz ei- nes – durchaus bemerkenswerten – MPreis-Supermarktes von Dominique Perrault. Und neuerdings ist es auch der Standort eines Sportzentrums von recht eindrucksvollen Ausmaßen. Johann Obermoser und Thomas Schnizer haben es geplant und dabei mustergültig vorgeführt, wie sich ein ziemlich gewaltiger Baukörper in einen Kontext integrieren lässt, der einerseits von einer kunterbunten Einfamilienhausbebauung (auf der gegenüberliegenden Straßenseite) und andererseits einem auch nicht gerade monumentalen Volksschulgebäude (dahinter) charakterisiert ist. Nicht zu vergessen – in Tirol ist das wirklich von Belang –, dass der Ausblick auf die Berge zur architektonischen Pflicht gehört. In diesem Fall ist es der „Walderkamm“.

Es ist immer so eine Sache. Ein Sportzentrum ist ein Sonderbau, und Sonderbauten dürfen sich schon manchmal aufbäumen; dieser tut es auch – aber auf eine subtilere Art. Er fällt nicht nur durch sein Volumen aus der Alltagsrolle, sondern vor allem durch seine Architektursprache und seine Materialität. Die Architekten haben konzeptuell das – im Nachhinein – einzig Mögliche, Denkbare gemacht, sie haben den Großteil des Volumens in die Erde versenkt. Dadurch liegt die Halle höhenmäßig maßstäblich im Gelände, sie erschlägt weder den architektonisch uninteressanten Volksschulbau noch die Einfamilienhäuser vis-à-vis. Allein schon diese Überlegung muss im Wettbewerb ein gewichtiges Argument gewesen sein.

Der große Dreifachturnsaal ist tief in die Erde versenkt und verfügt foyerseitig über Sitztribünen für immerhin 300 Zuschauer. Ebenfalls abgesenkt: der Aufstieg zu einer zehn Meter hohen Kletterwand, was heute offenkundig zu den Highlights unter den sportlichen Obsessionen zählt. Rührend: eine rote Linie, die augenscheinlich markieren soll, bis wohin die Schüler der angrenzenden Volksschule klettern dürfen; na, ich nehme an, sie werden sich biblisch daran halten.

Das Objekt hat sein eigenes Flair. Der lang gestreckte Baukörper wirkt zunächst flach und niedrig und trotz weit aufgerissener Belichtungsflächen irgendwie monolithisch. Aber nicht fad. Die Längsfassaden sind geneigt – dadurch entsteht der Eindruck einer gewissen Dynamik, es vermittelt fast so etwas wie Geschwindigkeit. Und es hat ein denkwürdiges Dach, dessen zweifach geknickte Ausbildung die Raumhöhen drinnen abbildet. Es hat also eine freie, keine typologisch fest geschriebene Form, bewahrt aber irgendwie, wenn auch sehr abstrahiert, die Erinnerung an ein Satteldach. Das ist ausgesprochen reizvoll.

Wenn man über den klar und deutlich artikulierten, etwas angehobenen Haupteingang, der seitlich der Hauptstraße gelegen ist, hineingeht, betritt man eine sehr große Halle, die auch etwas von einer hölzernen Schatulle an sich hat. So konsequent und rundum wurde mit dem Material umgegangen – Boden, Wand, Decke bilden eine einheitliche Haut, die nur durch die Lochung der Akustikpaneele eine leichte Akzentuierung erfährt. Dieser Hautcharakter der Eschenoberflächen hat viel mit der Verlegungsweise des Holzes zu tun. Sie reiht Riemen für Riemen aneinander, glatt, sodass niemals dieser gewisse Parkettbodencharakter entsteht.

Wie gesagt, diese Halle ist groß und daher für vielerlei Veranstaltungen geeignet. Außer zwei Sichtbetonelementen mit Lift und Nebenräumen enthält sie nichts als ein lang gestrecktes, ausgesprochen minimalisiertes Möbel, in dem all jene Gerätschaften bündig installiert sind, die man im Fall eines Empfangs oder Buffets eben braucht. Sonst ist nichts da. Nur das Licht, das sowohl von den Schmalseiten als auch den langen, schräg gestellten, großzügig aufgeschnittenen und verglasten Längsfassaden einfällt. Dieses natürliche Licht ist ein wichtiger Faktor der räumlichen Inszenierung, weil es die ohnehin komplex verschränkten Ein-, Durch- und Ausblicksmöglichkeiten im Gebäude auf der Foyerebene wunderbar dramatisiert.

Schlichtheit als architektonischer Anspruch wurde bei dieser Halle bis zum gestalterischen Abmagern ernst genommen und durchgehalten. Schwere Kost für die Bevölkerung der Umgebung? Offenbar nicht. Ich musste mir sagen lassen, dass der Bau rundum angenommen ist. Nicht nur von den kleinen Kletterern, denen die Architekten mit der roten Linie einen Schuss Freiheit zum Ungehorsam zur Verfügung stellen. Die Turnhalle selbst hat die üblichen Ausmaße einer Dreifachturnhalle, erhält Licht von seitlich-oben und ist von den foyerseitigen Tribünen hervorragend zu überblicken. In Wirklichkeit braucht es für das Funktionieren einer solchen räumlichen Verschränkung ja nicht viel, da gibt es ausreichende Erfahrungswerte. Nur: Bequem sitzen möchte man schon. Hier sitzt man auf sehr schlichten Bänken (Esche), die versetzt angeordnet sind, so dass man wirklich gut sieht – und eben auch gut sitzt.

Unterirdisch ist die Anlage mit der Volksschule dahinter verbunden. Für die stellt sie natürlich ein Angebot der Sonderklasse dar. Die Halle wird aber auch von vielen Sportvereinen intensiv genutzt. Und – wieder einmal – die Kletterwand stellt dabei mit ihren zehn Metern ein Highlight dar. Schon in Wien sind solche Einrichtungen der ultimative Erfolg, man kann sich gut vorstellen, wie es erst in Tirol, dem Land nicht nur der Skifahrer, sondern auch der Bergsteiger – zugeht, nicht selten ausgesprochen dicht.

Das Haus ist eine perfekt laufende Maschine. Die Architekten kommen ganz ohne Anbiederung an die Umgebung aus. Ergebnis: ein Objekt, das sich scheinbar selbst genügt. In Wirklichkeit aber in dieser speziellen Ausprägung zustande gekommen ist, gerade weil es so viele Reflexionen über das Umfeld einschließt und in einer verarbeiteten Übersetzung materialisiert.

Konstruktiv sollte man vielleicht anmerken, dass das Dach im Wesentlichen von 14 Stahlsäulen in Verbindung mit der Stahlbetonscheibe der Kletterwand getragen wird. Diese Säulen sind schlank, leicht schräg gestellt, durchaus elegant. Man sieht die Konstruktion also, auch ihre Aussteifung. Ich würde sagen, das gehört alles unter den Überbegriff „Wahrhaftigkeit“ einer architektonischen Lösung. Für einen Außenstehenden ist und bleibt es aber interessant, dass gerade in einem Ort wie Wattens, der einerseits durch ein zwar ambitioniertes, aber doch auch gschnasartiges Ambiente charakterisiert ist, der andererseits Bauten von Perrault vorzuweisen hat, die angestammte, ureigene Tiroler Architektur vielleicht sogar das beste Highlight geliefert hat. Man sollte im Auge behalten, dass es hier eine Fülle kreativer Kräfte gibt, die für das eigene Land sehr viel tun. Noch stehen die Zeichen nicht auf Internationalismus, obwohl – behaupte ich jetzt einmal hypothetisch – jede Menge Potenzial dafür da ist. Aber vielleicht sind die Tiroler ja gescheiter. Und wissen, dass es darauf nicht wirklich ankommt.

15. März 2009 Spectrum

Rainers rigoroser Raster

Eine Ikone der Spätmoderne: Roland Rainers Universitäts-bau in Klagenfurt. Jetzt wurde er saniert und rückgebaut, sensibel und einfallsreich. Und kräftig entrümpelt.

Das Vorstufengebäude der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt ist nicht das erste und sicher nicht das letzte Haus einer inzwischen schon klassisch gewordenen Nachkriegsmoderne in Österreich, das zum Sanierungsfall wurde. Es stammt aus den Jahren 1970/71 und ist ein wunderbares Beispiel für das industrielle, auf einem strengen Rastersystem basierende Bauen jener Jahre. Die Logik der Konstruktion und Organisation beeindrucken auch heute noch. Und die Art, wie Roland Rainer sein eingeschoßiges, flaches Haus ins Gelände und um das Herzstück eines großen Innenhofes komponierte – ein Motiv, das sich durch viele Arbeiten Rainers zieht, auch als wesentliches Element seiner Wohnanlagen –, machen den Austausch zwischen Innen- und Außenraum zu einem wirklichen Erlebnis.

Aber wie so oft in der scheinbar immer kürzer werdenden Geschichte solcher Häuser hat es ein wechselvolles Schicksal hinter sich. Das Klagenfurter Büro frediani + gasserarchitettura, das die Sanierung, den Rückbau und die teilweise Neuorganisation dieser – vor allem für Kärnten sehr wichtigen, weil fast einzigartigen – Ikone der Spätmoderne übernommen hat, stand vor keiner leichten Aufgabe. Wobei die Hauptschwierigkeiten vielleicht gar nicht darin lagen, etwa ein unsägliches Satteldach über dem Eingangsgebäude oder einen noch unsäglicheren Porphyrboden wieder zu entfernen, die die Material- und Formensprache Rainers pervertierten. Oder die Eichenholzzargen, die inzwischen Rainers einfache Stahlzargen ersetzt hatten, zu beseitigen.

Die grundlegende Schwierigkeit liegt in der Sanierung solcher Konstruktionen. Wie soll man heutige thermische Ansprüche erfüllen, wenn der Dachaufbau so dünn ist, dass man kaum weiß, wohin mit der Wärmedämmung? Oder wenn der Bodenaufbau einen Spielraum von acht bis zehn Zentimetern bietet? Auch war die statische Konstruktion so minimalisiert, dass sie den heutigen Vorgaben bei Weitem nicht entsprochen hat. Denn in einer Krisensituation – etwa einem leichten Erdbeben – hätte es bei so gering dimensionierten Auflageflächen zu ernsthaften statischen Problemen kommen können. Da mussten die Architekten schon mit großem Einfallsreichtum und viel Sensibilität vorgehen. – Es gibt eine aufschlussreiche Fotodokumentation, teilweise mit Originalfotos von Roland Rainer, die den ursprünglichen Zustand des Hauses von 2004 zeigt, als Frediani und Gasser die Aufgabe übernommen haben – und das jetzige Resultat. Von außen am auffallendsten: Der Baukörper schien über dem Gelände zu schweben. Diesen Effekt hat Rainer erzielt, weil er das Kellergeschoß, in dem eine Tiefgarage war, zwar natürlich belichtet hat, das schmale, dunkle Fensterband aber wie eine Schattenfuge gewirkt hat. Nun hat sich die Funktion dieses Kellergeschoßes aber geändert – heute ist dort ein Bücherspeicher. Also wurden auch die Fenster geändert – und damit stand das Haus plötzlich fest auf der Erde. Das konnte natürlich nicht mehr rückgebaut werden – heute ist das Gelände geringfügig angeböscht und in einigem Abstand durch eine niedrige Stützmauer gesichert, die Fenster sind mit dunkler Folie beklebt. Dadurch ist der ursprüngliche Effekt zumindest von Weitem wieder hergestellt.

Im Inneren haben die Architekten alles rigoros ausgeräumt, was den Rainerschen Materialpurismus vernichtet hat. Beim Marmorboden angefangen, bis zu den abgehängten Decken, die in den Gängen sehr störend gewesen sein müssen. Außerdem haben sie den Licht- und Leitungskanal an die Seite verlegt. Dadurch wird nicht nur die alte Konstruktion – samt ihrer feinfühlig umgesetzten „Verstärkung“ – sichtbar, sondern die Raumhöhe ist größer. Und das spielt bei den Verkehrsflächen eine erhebliche Rolle.

Bestimmte Materialwahrheiten konnten natürlich nicht rekonstruiert werden. Sichtbeton, der einmal zugekleistert wurde, ist nicht wieder herstellbar. Aber das Hellgelb des zwischenzeitlichen Anstrichs ist wenigstens verschwunden, ersetzt durch ein dezentes Grau, das die Poren des Betons spürbar macht. Und das wunderbare Ziegelmauerwerk aus Sichtbetonsteinen wirkt wie neu. Leider scheinen in diesem Haus unzählige Anschlagstafeln notwendig zu sein. Aber da haben sich die Architekten die schlichteste – und eleganteste – Lösung einfallen lassen, die ich seit Langem gesehen habe: rahmenlose Glastafeln, mit vier Schrauben befestigt, fast unsichtbar. Da pickt dann zwar irgendetwas darauf, aber das Ziegelmauerwerk ist eindeutig stärker, es zieht sich und setzt sich als Fläche glücklicherweise durch.

Rainer hat sein Haus unheimlich rigoros konzipiert. Es gibt den Acht-Meter-Raster miteingehängten Betonfertigteilen und einem raffinierten, fein gegliederten Fensterband – oben offen für die Aussicht, unten Schiebefenster, die sich im Hinblick auf die heutigenComputer-Arbeitsplätze verschatten lassen. Diesem Raster hat er auch alle Bürogrößen untergeordnet. Acht Meter breite Büros! Da sind wir in einer Zeit, als man sich über die Qualität von Arbeitsräumen und Arbeitsbedingungen noch Gedanken gemacht hat. Man muss sich vor Augen halten, dass Rainers Haus das erste Gebäude des inzwischen angewachsenen Universitätskomplexes von Klagenfurt gewesen ist. Als Hochschul-Institution ist diese Kärntner Ausbildungsstätte nach wie vor von nachrangiger Bedeutung. Und alles, was nach Rainer gebaut wurde, scheint das geradezu beweisen zu wollen. Da reiht sich eine architektonische Banalität an die nächste. Was einmal freies Feld war, auch in der weiteren Umgebung, ist und wird zugebaut. Und zwar mit schandbaren architektonischen Tatbeständen.

In diesem Umfeld ist Rainers Haus ein Hochkaräter. Und fabiani + gasser architettura haben diesem Edelstein wieder zum Glänzen verholfen. Wer das inmitten der Trivialität der Umgebung nicht sieht, den kann man eigentlich nur bedauern.

11. Januar 2009 Spectrum

Alt an Neu, dicht an dicht

Innsbruck ist, wieder einmal, eine Architektur-Reise wert: Das Landhaus wurde erweitert, die Hypo-Bank-Zentrale neu gebaut. Ein großartiges Ensemble – mit dem schönsten Glas-Trennwand-System der Welt.

Innsbruck, man muss es wirklich sagen, ist eine Architekturreise wert. Schon länger, aber immer mehr. Und die internationalen Namen – Perrault, Hadid, bald auch Chipperfield – fungieren bestenfalls als Schaumkrönchen im konstanten Rhythmus der Wellen, die die eigenen, einheimischen Architekten produzieren.

So lohnt sich neuerdings etwa ein Blick darauf, was im Landhauskomplex entstanden ist. Der war bisher vor allem durch den denkmalgeschützten Altbestand geprägt, das hat sich mit dem Neubau der Hypo-Bank-Zentrale und einer Erweiterung des Landhauses an der Hofseite wirkungsvoll geändert. Diese sehr urbanen und signifikanten Interventionen von Schlögl & Süß Architekten, beim Landhaus in Zusammenarbeit mit Johann Obermoser, stellen in mehrfacher Hinsicht einen Gewinn dar. Für die Nutzer sowieso, weil sie eine funktionelle Verbesserung der Arbeitssituation und des Kundenverkehrs bedeuten. Vor allem tragen sie aber zur städtebaulichen Klärung und Aufwertung im öffentlichen Raum bei.

Das wirkt sich einerseits auf den Bozener Platz aus, dessen (gerundete) Ecke jetzt sehr markant definiert ist. Man möchte hoffen, dass dieser Neubau vielleicht auch zur Initialzündung für eine gestalterische Bearbeitung des gesamten Platzes wird, der ein wichtiger Raum in der Innsbrucker Innenstadt, aber nicht sehr attraktiv ist. Und es wirkt sich andererseits auf den öffentlich zugänglichen Innenhofbereich hinter Hypo undLandhaus aus. Der war vorher nämlich nichtsehenswert, sondern durch ein Stöckelgebäude verstellt, dessen Substanz so schlecht war, dass man es nur abreißen konnte.

Hanno Schlögl und Daniel Süß haben zusammen mit Johann Obermoser unter diesen – stark vom Denkmalschutz bestimmten – Rahmenbedingungen ein ausgesprochen spannendes Konzept für das Landhaus entwickelt. Da kommt es zwischen Alt und Neu zu Momenten, wo es dicht an dicht zugeht, als Kontrapunkt zur ungemein großzügigen Hoffläche stellt das aber einen ganz eigenen Reiz dar. Natürlich tritt die Hypo-Zentrale, da sie die Ecke eines prominenten Innsbrucker Platzes definiert, mit größerer öffentlicher Wirksamkeit auf, als es die betont geometrisch gerasterte Stahl-Glas-Fassade des Landhaus-Neubaus im Hof tut. Man könnte auch sagen, das „Gefieder“ der Beschattungslamellen plustert sich ein wenig auf, aber das ist hier keineswegs von Nachteil.

Und aus Wien kommend, fällt einem auf Anhieb etwas Zweites auf: Das Gebäude ist ein naher Verwandter von „K 47“, dem Haus, das Henke/Schreieck am Donaukanal gebaut haben. Damit soll keinerlei Unterstellung angedeutet werden, Schlögl & Süß Architekten sind viel zu profiliert, um Anleihen zu nehmen. Aber es ist nicht uninteressant, dass ähnliche architektonische Lösungen zustande kommen können, wenn die Randbedingungen im Vorfeld der Konzeptentwicklung annähernd gleich sind.

In Innsbruck stand an dieser Ecke die alte Hypo-Zentrale. Ein Gründerzeitbau, der infolge eines Bombenschadens mehrfach umgebaut wurde – zuletzt von Horst Parsson. Es war keineswegs ein schlechtes Haus. Es hatte nur einen Nachteil: Es war nicht behindertengerecht. Und dieser Nachteil konnte nicht korrigiert werden, weil der sehr massive Tresorraum, auf dem das Haus teilweise stand, über das Erdgeschoßniveau hinausragte. Um einzutreten, musste man mehrere Stufen überwinden.

Also Abbruch und Neubau. Und Neubau unter den heutigen Voraussetzungen, das heißt dem enormen Wert des Grundstücks musste durch eine maximale Ausnutzung Rechnung getragen werden. Und das führte zur jetzigen Figur des Gebäudes: mit einer transparenten Sockelzone, vier Regelgeschoßen und einer Dachlandschaft, die auf Grund der Bauvorschriften zurückrücken musste, aber immerhin noch einen penthouseartigen Aufbau gestattete.

Diese Dachfigur ist nicht nur ein formales Plus. Es beherbergt ein richtiges Restaurant für die Mitarbeiter, mit ausladender Terrasse. Das Penthouse darüber mit Konferenzraum und drei Büros für die Vorstände kragt vier Meter aus und überdacht damit einen (beheizbaren) Teil der Terrasse. Ein Reservat für Raucher. Den Architekten sei es gedankt.

Unten haben die Architekten einen geradezu luftigen Bereich geschaffen, der für den täglichen Kundenstrom einen qualitativen Mehrwert bedeutet. Da sind nicht nur die Nachtautomaten räumlich so positioniert, dass man nicht alle Zustände bekommt, weil es so muffig und grausig zugeht wie in vielen Bankfilialen in Wien; da gibt es eine Art Marktplatz, wo im zweigeschoßigen Raum auch etwas stattfinden kann, das nichts mit der Bank zu tun hat. Und vor allem gibt es ein Café, sehr elegant und zu jeder Zeit öffentlich zugänglich.

Auf einer theoretischen Ebene ist es noch gar nicht aufgearbeitet, trotzdem ist es eine Tatsache, dass sich Banken typologisch in den letzten zehn oder 15 Jahren entscheidend verändert haben. Das gibt es alles nur noch im „Altbestand“, die Kassen, die Theken, an denen besprochen oder beraten wird. Ich war in einer architektonisch sehr gelungenen, kleinen Filiale der Hypo-Bank, die von Mario Ramoni im Namen von Riccione Architekten ganz und gar umgebaut wurde. Da geht es nur noch um den Automatenbereich – und um diskrete Beratungsräume. Das ist heute eine Bank.

Nicht anders bei der Hypo-Zentrale. Die Regelgeschoße beinhalten ausschließlich jeweils einen kleinen Empfangsbereich, Beratungszellen und kleinere Großraumbüros, in denen die Mitarbeiter auch einmal zusammenkommen können. Den Architekten ist beim Innenausbau allerdings etwas Grandioses gelungen: Sie haben ein völlig flexibles Glas-Trennwand-System verwendet, bei dem alles bündig in einer Fläche sitzt, auch die Türen – rahmenlos –, es gibt auf der ganzen Welt kein schöneres, eleganteres System. Ein Prototyp, speziell für dieses Haus entwickelt. Aber das Drama folgt auf dem Fuß: Genau die Bank, die dieses System eingesetzt hat, hat den Entwickler in den Bankrott geführt. Er kann nicht mehr weitermachen.

Es ist ein großartiges Ensemble, das Hanno Schlögl, Daniel Süß und Johann Obermoser im Landhauskomplex realisiert haben. Der Altbestand wurde mit enormem Aufwand – er war in sehr schlechter Verfassung – instand gesetzt. Sicher lag der Gedanke nahe, das alles einfach abzureißen. Es wäre ein Fehler gewesen. Die jetzige Intervention bringt unheimlich viel. Genauso muss es sein, wenn Architekten heute in die historische Substanz eingreifen. Etwas Besseres kann man nicht sagen.

29. November 2008 Spectrum

Der Müll und die Sonne

Außen: Drive und Dynamik in Orange. Innen: wohltuend schlichte Noblesse – und reine, pure Technik. Die neue Müllverbrennungsanlage in Wien-Simmering.

Es wollen einem keine überzeugenden Metaphern einfallen, wenn man die neue – dritte – Wiener Müllverbrennungsanlage in der Pfaffenau betrachtet. Nicht einmal das Bild eines riesigen gestrandeten Roboterwals, den seine Konstrukteure allen widrigen Umständen zum Trotz in fröhliches Orange getaucht haben, trifft wirklich zu. Denn diese Großform lastet zwar mächtig auf dem Boden und krallt sich mit zwei weit (80 Meter) ausgreifenden Fühlern im Gelände fest. Aber sie hat auch eine unleugbare Dynamik.

Das Objekt ist das Ergebnis eines EU-weit ausgeschriebenen Wettbewerbs von 2003. Aus den 33 Beiträgen ging damals das Projekt der Architekten Veselinovic und Resetarits, in der zweiten Stufe in Zusammenarbeit mit dem renommierten Statikerbüro Gmeiner-Haferl, als Sieger hervor. Die Jury hat sich damit eindeutig gegen die alternative Lösung einer Zergliederung der Anlage in einzelne, deutlich ablesbare, funktionell definierte Baukörper entschieden. Der Vorzug wurde einer visuell beruhigten Großform gegeben.

Und das war eine durchaus weise Entscheidung. Denn wir befinden uns an einem der peripheren „Unorte“ von Wien, am Rand von Simmering. Zwar ist der Donaukanal in Sichtweite und die angrenzende, wunderbare Au. Aber stadtseitig besteht die unmittelbare Umgebung aus einem ziemlich unwirtlichen Konglomerat aus Industrieanlagen sowie der großen Kläranlage Wiens und einer gewaltigen Verbrennungsanlage für Sondermüll, gleich gegenüber. Und diese Einrichtungen, die alle beeindruckend groß sind, geben natürlich einen bestimmten Maßstab vor. Dem entspricht die durchaus gegliederte, aber doch auch vereinheitlichte Großform mit Sicherheit am besten.

Ein paar statistische Angaben, um der Vorstellung auf die Sprünge zu helfen: Die Anlage hat eine Länge von 285 Metern, eine Breite von 100 Metern und eine maximale Höhe von 52 Metern – damit fällt sie schon unter die Wiener Definition von Hochhaus. Sie besteht aus zwei unterschiedlichen Einrichtungen – der Restmüllverwertung zu Fernwärme und Strom und einer Biogasanlage, in der organische Abfälle verwertet werden.

Klar ist, dass der Architektur bei einer solchen Einrichtung nur eine nachrangige Rolle zukommt. Das Sagen haben die Anlagenbauer, die von vornherein festlegen, in welcher Dimension und Abfolge die unterschiedlichen Funktionen organisiert sein müssen. Daran ist einfach nicht zu rütteln. Veselinovic und Resetarits hatten aber trotzdem Möglichkeiten, eigene Vorstellungen zu entwickeln und zu realisieren. Und die gehen über die – allerdings wirklich signifikante – orangefarbene Streckmetall-Gitterhaut, mit der weite Teile dieses Anlagenbaus überzogen sind, entschieden hinaus. Vergessen wir nicht: Trotz aller Industrialisierung arbeiten hier immer noch Menschen – und die brauchen Räume, nicht nur Anlagentechnologie. Außerdem ist überraschenderweise auch die Frage der Besucher ein eigener – architektonischer – Punkt. Schulklassen kommen sowieso. Sie können hier sehr anschaulich erleben, was Großstadtmüll eigentlich bedeutet und auf welchem Stand wir bei seiner Verwertung sind. Es kommen aber auch andere Gäste, sogar ausländische Delegationen, die womöglich selbst eine solche Anlage planen.

Da war dann nicht nur die großzügige Geste der Ummantelung, da war schon architektonische Feinarbeit vonnöten: eine angemessene Empfangsgeste für die Besucher von außen, ein „interessanter“ Weg hinüber ins Betriebszentrum. Es ging um räumliche Qualitäten, um Transparenz, Atmosphäre. Das ist hervorragend gelungen. In diesem Gebäudeteil herrscht sowohl räumlich als auch in der Materialqualität eine wohltuend schlichte Noblesse. Drinnen.

Nach außen ist dieses personenbezogene Szenario schon recht sichtbar in Szene gesetzt: etwa durch stromlinienförmige Fensterbänder, denen ein spezifischer Drive nicht abzusprechen ist. Auch durch die – ebenfalls orangefarben getönte – Glasfassade im straßenseitigen Besucher- und Personalbereich. Übrigens wird drinnen dadurch ein ausgesprochen freundlicher Effekt erzielt – irgendwie scheint hier ständig die Sonne aufzugehen. Trotzdem gibt es klare Sichtschneisen nach draußen. Wer ständig hier arbeitet, den würde es vermutlich arg nerven, wenn er seine Umgebung nur mehr orange wahrnehmen könnte.

Wie gesagt, die Anlage ist mit einer orangefarbenen Streckmetall-Haut überzogen. Stadtseitig ganz konsequent, Richtung Au etwas modifizierter – und teilweise begrünt. Das war vermutlich die Königsidee, auch im Wettbewerb, mit der Corporate-Identity-Farbe der Wiener Müllbetriebe zu arbeiten. In Paris ist die CI-Farbe der Müllentsorgung grün. Dort hat jeder (grün gekleidete) Straßenkehrer sogar ein Beserl, bei dem selbst die Borsten grün eingefärbt sind.

Wenn es nicht so banal wäre, dann müsste man – in Bezug auf die architektonischen Qualitäten – die neue Müllverbrennung von Veselinovic und Resetarits als das ultimative Gegenstatement zum Hundertwasser-Fernheizwerk betrachten. Hier ein verkitschter Neobarock, dort ein ernsthafter, ein seriöser und vor allem zeitgemäßer Ansatz.

Wenige, industrielle Materialien, alles andere wäre völlig fehl am Platz: Streckmetall, Glas, Alucobond-Paneele, Eternit. Bemerkenswert ist die Rautengröße des Streckmetalls – 24 Zentimeter. Das ist völlig unüblich und musste erst auf seine Eigenschaften – etwa die Steifigkeit – getestet werden. Und das Merkwürdige daran: Man nimmt diese Rautengröße überhaupt nicht wahr. Durch die Größe der Flächen verkleinert sich das Rautenmuster optisch von selbst. Wäre es noch kleiner, wäre es mit Sicherheit zu dicht.

Auf mich üben technische Anlagen in einergewissen Größenordnung immer eine starkeFaszination aus. Denn sie haben ihre eigenen Ordnungsprinzipien, ihre eigene Ästhetik. Beim Rundgang trifft man auf Standorte, da blickt man einfach 40 oder mehr Meter in die Tiefe und sieht Etage für Etage reine, pure Technik. Das ist sehr beeindruckend.

Aber das allerstärkste Bild vermittelt der Müllbunker, die erste Station im komplexen Procedere der Verarbeitung unseres Abfalls. Er ist so groß wie das Hauptschiff des Stephansdoms. Hier kippen die Müllfahrzeuge Tag für Tag durch zwölf Schleusen unseren Restmüll hinein. Der wird dann über zwei Kranbahnen sorgfältig, geradezu liebevoll durchmischt, bevor er zur nächsten Station weitertransportiert wird. Ein unvergesslicher Eindruck, diese tägliche Müllmenge zu sehen. Ein Tatort. Und die ideale Filmkulisse für einen solchen.

19. Oktober 2008 Spectrum

Drei Finger im Grünraum

Rundum Offenheit, Aufgeschlossenheit, Freundlichkeit: Die erneuerte Wiener Arbeiterkammer wird eröffnet. Ein sympathisch unhierarchischer Bau.

In ein paar Tagen ist es so weit: Die rundum sanierte, erneuerte, erweiterte Arbeiterkammer Wien in der Prinz-Eugen-Straße wird eröffnet. NMPB Architekten – das sind Manfred Nehrer, Herbert Pohl und Sasa Bradic – haben die sehr komplexe und umfangreiche Aufgabe nach einem Wettbewerb 2003/04 nicht nur in erstaunlich kurzer Zeit, sondern auch bravourös bewältigt. Wenn man das Haus jetzt betritt, taucht man in eine Atmosphäre ein, die wirklich so etwas wie Offenheit, Aufgeschlossenheit, Freundlichkeit suggeriert.

Dabei muss man dem alten Haus von Franz Mörth allen Respekt zollen. Es ist ein Zeugnis der Fünfzigerjahre, keine „große“ Architektur, aber sehr anständig und ambitioniert. Andererseits: Für die Arbeiterkammer selbst war es sicher ein Problem. Für einen Mitarbeiterstab von heute 430 Menschen war es viel zu klein, und vor allem war es für den Kundenstrom, der hier Beratung sucht, nicht mehr geeignet.

In einer Kürzestversion könnte man die Aufgabenstellung folgendermaßen beschreiben: Der Altbau musste dringend saniert und auf einen Standard gebracht werden, der heutigen bauphysikalischen (Wärmedämmung!) Kriterien entspricht; es ging – auch aus sicherheitstechnischen Gründen – um eine Entflechtung von Kundenverkehr und hausinternen Wegen; es ging um kundenfreundliche Beratungszonen, viel mehr Büros, einen ziemlich großen Konferenzsaal, der für alle Vertreter der Arbeiterkammern bundesweit Platz bietet, kleinere Konferenzsäle. Die Bibliothek – immerhin die größte sozialrechtswissenschaftliche des Landes – brauchte eine adäquate Bleibe (einschließlich einem Bücherspeicher auf fünf Ebenen in der Tiefe); und infrastrukturell musste man auch etwas tun – 430 Menschen brauchen eine entsprechend dimensionierte Kantine, auch eine Cafeteria.

NMPB Architekten haben den Altbau saniert, das heißt unter anderem: außen Wärmedämmung aufgebracht – unter größtmöglicher Rücksichtnahme auf die alten, filigranen Fensterprofile –, und innen umgebaut. Die denkmalgeschützten Lifte wurden erhalten, auch zwei Reliefs, die es gab, blieben zitathaft bestehen (und an einer Stelle sogar die alten Fenster). Sie haben Richtung Park, hinter dem Haus, einen Neubau, das sogenannte „Regal“, in drei Meter Entfernung darangestellt und greifen zu ebener Erde mit drei rundum verglasten „Fingern“ in den Grünraum hinaus. Diese drei Pavillons dienen der Kundenberatung. Ein Seitentrakt des Bestandes wurde zusätzlich – sehr schlicht, aber nicht banal – aufgestockt.

Man kommt also hinein, hat rechterhand ein erstes Empfangspult mit Portier, aber das braucht man in Wahrheit gar nicht. Etwas weiter in der Tiefe sticht einem schon die Aufschrift „Information“ ins Auge. Und die Sicherheitsschranken, die den internen Verkehr, den Weg zu den Liften abschotten, nimmt man kaum wahr. Diese Empfangs- und Wartehalle ist großartig. Acht V-Stützen aus dem perfektesten Sichtbeton, den ich seit Langem gesehen habe, prägen den Raumeindruck.

Von dieser Halle geht es in die drei Beratungspavillons an der Parkseite, aber auch in die Bibliothek. Speziell bei den Pavillons ist den Architekten wirklich etwas gelungen: Sie haben die gläserne Transparenz dieser Baukörper – die ja, genau genommen, der Diskretion einer solchen Beratungssituation zuwiderläuft – in den Griff bekommen. Die Verglasung ist farbig bedruckt. Und den Entwurf hat die Künstlerin Ayse Erkmen geliefert. Das ist sehr reizvoll. Man hat den Ausblick, aber man sieht sich nicht gegenseitig hinein.

Diese drei Pavillons, die übrigens auch ein „gestaltetes“ und extern begrüntes Flachdach (Anna Detzlhofer) haben, waren fast so etwas wie die Königsidee im Wettbewerb. Fast – denn der im Abstand von drei Metern vorgesetzte Zubau war einfach das beste Konzept, um den wunderschönen Park so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Außerdem schafft die über alle Geschoße durchgehende, schmale Halle zwischen den Baukörpern eine spannende räumliche Situation.

Etwas Besonderes ist die Glashaut der zweischaligen Fassade des „Regals“ Richtung Park. Sie ist im obersten Bereich plastisch ausgebildet – sie wuchtet leicht nach vorn und hat einen Knick –, aber nicht aus formaler Willkür. Da bildet sich einfach der große Sitzungssaal ab, der den genormten Rahmen der darunter liegenden Bürogeschoße sprengt. Was für ein Glück, dass sich diese funktionelle Gegebenheit sichtbar ausdrückt. So kommt Dynamik in die Außenhaut.

Im Wettbewerb hatten NMPB Architekten Großraumbüros vorgeschlagen. Die Mitarbeiter wollten jedoch Einzelbüros – und jedes mit Aussicht. Darauf haben die Architekten mit maßvollen Arbeitszellen reagiert und mit sehr breiten Gängen, in denen sich die verschiedenen gemeinschaftlich genutzten Einrichtungen befinden. Dieses Prinzip wurde sogar im Bestand durchgezogen: Auch dort sind die Gänge jetzt breiter und bestimmte Funktionen in die Mittelzone ausgelagert. Diese Lösung ist nicht nur praktikabel, sie ist außerdem auch kommunikativ. Sie lässt einen vergessen, dass es sich letztlich um einen Erschließungsgang handelt.

Zu diesem wohltuenden Raumgefühl trägt allerdings auch die Materialisierung entscheidend bei. Für manche Mitarbeiter mag der großzügige Einsatz von Glas gewöhnungsbedürftig sein – man sieht in die Büros hinein. Aber dadurch entsteht natürlich eine völlig andere, sehr offene, aufgeschlossene Atmosphäre.

Früher konnte man der Arbeit von Nehrer & Medek attestieren, dass sie im Bereich der funktionellen Konzepte ausgezeichnete Arbeit leisten, während die formalen Lösungen manchmal ein wenig brav waren. Jetzt, im Zeichen von NMPB Architekten, hat man den Eindruck, dass die Bauten auch in formaler Hinsicht immer interessanter werden. Es gibt eine Stringenz im Materialkonzept, in der Möblierung, die man so nicht oft antrifft. Kein unnötiges Detail, wenige Materialien, eine moderne, aber klassische Möblierung und Beleuchtung, es ist eine Wohltat.

Das muss ein Bauherr aber wollen, und er muss auch bereit sein, einen so hohen Standard zu finanzieren. Aber wer soll denn Maßstäbe in Bezug auf die Qualität von Arbeitsplätzen setzen – wenn nicht die Arbeiterkammer? Und eines muss man ausdrücklich festhalten: Es ist ein sympathisch unhierarchisches Haus. In der Direktionsetage geht es hinsichtlich des Ausstattungslevels nicht viel anders zu als in den übrigen Büros.

Auch bei kritischer Besichtigung muss man der Arbeiterkammer rundum gratulieren. Sie präsentiert sich durch diese Architektur einfach ganz anders. Architektur ist eben doch ein imageprägender Faktor. Und hier kommt noch dazu, dass es ein explizites Engagement für Kunst, auch für die „angewandte“ Kunst gegeben hat.

Walter Bohatsch hat beim Leitsystem großartige Arbeit geleistet. Ich kenne nichts Besseres. Auch andere Beiträge – etwa von Ingeborg Kumpfmüller oder die „Tapete“ im Beratungszentrum von Thomas Bayrle – bewegen sich auf höchstem Niveau.

Doch es gibt eine bittere Pille. Und die ist eine langfristige Katastrophe. Sie betrifft den neuen Vorplatz der Arbeiterkammer von „feld72“. Ich dachte immer, die Platzgestaltung am Ende der Wollzeile in Wien sei an Scheußlichkeit durch nichts zu übertreffen. Da habe ich mich aber ordentlich getäuscht. Eine solche Stufenwüste auf kleinstem Raum – bergauf, bergab bis hinunter ins Loch – habe ich noch nie gesehen. Das war einmal ein schlichter Vorplatz! Hatten denn die Juroren keine Augen im Kopf?

20. September 2008 Spectrum

Telegenes Geflimmer

Die Euphoriewellen der Eröffnungstage sind abgeebbt. Und was bleibt von der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig? Eine Ernüchterung.

Venedig bei schlechtem Wetter: kalt,windig, Blitz und Donner, und Regen, Regen, Regen. Der Wettergott war wohl nicht einverstanden mit Aaron Betskys Biennale-Motto: „Out there. Architecture beyond Building“. Man kann es ihm auch nicht verübeln, dem Wettergott, denn so eine Kirmes an Pseudo-Kunst, Pseudo-Wissenschaft, Pseudo-Konzepten und Pseudo-Architektur hat es selten auf einem Fleck gegeben. Ist denn an Architektur nur interessant und wichtig, was weit vor dem Bauen abläuft? Das Denken, das Ausdenken, das Konzipieren? Und ist es irrelevant, dass, ob, wie und in welchem Kontext etwas tatsächlich gebaut wird? Wird die Präzision des architektonischen Konzepts durch das Bauen aufgeweicht, wird es belanglos?

And the Winner is: Greg Lynn, der Plastikspielzeug zu irgendwelchen Gebilden verdichtet, die dann als Primitivmöbel recycelt sind. Einfach schauerlich. Ist das Architektur? Was soll man von einer solchen Banalität halten? Witzig ist sie nicht. Ist sie zynisch? Dann wird sie allerdings zum Schwanengesang auf etwas, das wir einmal Kultur genannt haben.

And the Winner is: Hotel Polonia. Das war wenigstens eine Jury-Entscheidung, die eine intelligente Pointe honoriert. Riesengebäude, etwa ein Flughafen, ein Konsumtempel, eine Bibliothek, die es tatsächlich gibt, und dann die Vision, was möglicherweise in 40 oder 50 Jahren damit geschehen sein könnte. Tierherden weiden drinnen, Müllhalden türmen sich zu Gebirgslandschaften auf. Es wuchert – wie in den Szenarien mancher Science-Fiction-Filme à la „Blade Runner“.

Neu ist dieses Szenario also nicht. Aber im polnischen Pavillon wurde es wenigstens auf den Punkt gebracht – eine gekonnte Bewältigung der Aufgabe „Ausstellung“. Andeutungsweise eine Hotel-Inszenierung, brillante Fotos und Fotomontagen. Zwei Doppelbetten im Ausstellungsraum. Brecht hat schon gewusst, wovon er redet: Denn wie man sich bettet, so liegt man... Wenn es nach dieser Architektur-Biennale geht, dann liegen wir ganz schlecht. Dann sind der Saft, die Kraft einfach draußen aus der Architektur. Dann ist zwar alles möglich, aber alles austauschbar, beliebig, unverbindlich.

Ein kurzer Exkurs zur Struktur dieses Mega-Architektur-Events: Es gibt, wie immer, die nationalen Beiträge in den Pavillons auf den Giardini und eine recht verwinkelte Ausstellung im zentralen italienischen Pavillon. Da haben die „Experimentellen“ einen besonderen Stellenwert. Und dann gibt es im Arsenale einen gewaltigen Architektur-Auftritt der „Masters“ und solcher, die es noch werden wollen oder sollen. Daneben, über die Stadt verstreut, zusätzliche Präsentationen – Luxemburg und Irland zum Beispiel, die alle keinen Länderpavillon auf den Giardini haben; Ausstellungen – etwa über den Wiener Wohnbau der letzten Jahre oder die steirische Architektur, aber die sind etwas abgelegen, und man braucht Zeit, um sie alle anschauen zu können.

Womit wir beim österreichischen Auftritt sind: Bettina Götz hat Josef Lackner und das Team Pauhof ausgewählt, ein drittes Element besteht aus Interviews österreichischer Architekten zum Thema Wohnbau.

Der Beitrag ist so schlecht nicht. Immerhin ist Lackner konzeptuell an seine Aufgaben herangegangen; was auch für Pauhof gilt, die meistens sogar die Aufgabe selbst in Frage stellen. Andererseits: Wer Lackner nicht kennt – und das trifft sicher auf die Mehrzahl der Biennale-Besucher zu –, der wird sich schwer tun, seine Arbeit in der aktuellen Situation zu verorten. Außerdem war Lackner nie so elegant, so glatt, wie er hier gezeigt wird. Irgendwie bleibt die Authentizität auf der Strecke. Und Pauhof sind Randfiguren der österreichischen Szene, sie haben keine besondere Strahlkraft entwickelt und in der hiesigen Szene nichts bewirkt. In der Hauptsache sind es relativ alte Projekte, die präsentiert werden; aber so, dass kein Mensch, der die Arbeiten nicht ohnehin kennt, wissen kann, was er da sieht.

Die Wohnbau-Interviews mit sieben österreichischen Architekten sind ebenfalls „gegen den Strich“ angelegt, da kommen zum Teil Leute zu Wort, die nie Wohnbau gemacht haben. Als könnte man diejenigen, die sich ernsthaft und typologisch mit Wohnbau befasst haben, einfach ignorieren, weil ihre Arbeit bedeutungslos ist. Dass sie es nicht ist, dass wir die besten Wohnbauer weit und breit haben, lässt sich auf den Giardini aber ganz unmittelbar überprüfen. Auch die Briten zeigen Wohnbau – fünf Architekten, die sowohl in England als auch im Ausland als Wohnbauer tätig sind. Denen müsste man eigentlich eine Exkursion durch Österreich empfehlen.

Im Übrigen spielt sich der erfreulichere Teil der Ausstellungsbeiträge diesmal in den Länderpavillons ab. Die Spanier zum Beispiel präsentieren wirklich die Architektur ihres Landes in einer überzeugenden Auswahl. Was für eine Wohltat! Von den Franzosen kann man das nicht im gleichen Maß sagen. Auch hier gibt es zwar einen Massenauftritt mit unzähligen Projekten sehr unterschiedlicher Qualität, dabei wahnsinnig kostspielig präsentiert. Mir kommt aber vor, dass sie krampfhaft versuchen, den Erfolg, den sie vor Jahren mit ihrem Beitrag „40 Architekten unter 40“ hatten (damals beste nationale Show), wiederholen wollen. So etwas geht nie auf. Berührend ist der japanische Beitrag – Pflanzungen in Glashäusern und bester Ikebana-Manier und ein Pavillon, der hauchzart das Thema in handgestrichelten, sehr blassen, ästhetischen Bildern weiterführt.

Ein harter Schnitt: Die Russen. Da fühlt man sich als „Westler“ gar nicht gut. Denn das Schachspiel zwischen russischer und importierter, protziger, internationaler Architektur ist geradezu peinlich. Da werden wir als das hingestellt, was wir wahrscheinlich auch sind: die neuen Eroberer, die ökonomischen Usurpatoren von einem Terrain, das uns ganz sicher nicht gehört.

In den nationalen Pavillons gab es diesmal etwas zu entdecken: ganz unterschiedliche Ansätze – von sozialen über ökologische bis zu regelrecht didaktischen Aspekten oder schlichtweg Architektur –, das brachte Vielfalt, Lebendigkeit, Authentizität. Hingegen lassen die zentralen Ausstellungen, im Arsenale und im italienischen Pavillon, ein unangenehmes Gefühl zurück. Es ist eine Architektur-Mafia, die sich hier manifestiert. Im Arsenale erlebt man das vielleicht am besten. Da hat unser Prix den großen Auftritt, mit der ich-weiß-nicht-wievielten Replik von „Brain“, einer Arbeit aus der Frühzeit der Coop. Gleich danach ein unsägliches Objekt von Zaha Hadid, das jeder Beschreibung spottet. Und dann Gehry, der den Ehrenpreis für sein Lebenswerk bekommen hat. Das ist allerdings wirklich etwas, ein Objekt aus Holz und Lehm, um die Eröffnungstage noch im Zustand des Entstehens, aber voller Kraft. Und um Klassen besser als alle anderen Objekte dieser spezifischen Seilschaft.

Aaron Betsky hat der heutigen Architektur einen Bärendienst erwiesen. Mit seinem theoretischen Ansatz und dessen Umsetzung hat er sie zum Gschnas degradiert. Wer soll das ernst nehmen? Ein bisschen formaler Firlefanz hier, ein bisschen scheinbare wissenschaftliche Zettelwirtschaft dort – natürlich von Leuten, die nie gebaut haben. Überall telegenes Geflimmere, das soll Architektur sein?

24. August 2008 Spectrum

Kunst in der Röhre

Minimaler Aufwand, maximale Wirkung: das Liaunig-Museum in Neuhaus, Kärnten. Ein bezwingend einfaches Stück Architektur, perfekt geeignet für die Präsentation von Kunst.

Eine Landmark am Rand von Kärnten, nicht weit von der Grenze zu Slowenien, das ist das Museum des Industriellen Herbert W. Liaunig in Neuhaus/Suha geworden. Es spielt diskret mit der Landschaft, inszeniert seinen Auftritt aber doch. Odile Decq, sogenannte französische Stararchitektin und Siegerin des ersten internationalen Wettbewerbes, den Liaunig ausgeschrieben hatte, präsentierte ihr Projekt mit annähernd diesen Worten.

Seither ist viel Wasser die Drau hinuntergeflossen. Das Projekt musste nicht zuletzt, aber nicht nur aus Kostengründen abgesagt werden. 2006 folgte ein zweiter Wettbewerb, diesmal nicht international, sondern österreichisch. Und die Jury wählte aus den sechs geladenen Büros (Artec, Jabornegg/Palffy, Caramel, Krischanitz, Domenig/Wallner) die Wiener Architektengruppe Querkraft aus. Querkraft, das sind drei Architekten: Jakob Dunkl, Gerd Erhartt, der das Liaunig-Museum im Wesentlichen verantwortet, und Peter Sapp.

Was die Architekten von Querkraft immer schon auszeichnet: Sie sind allesamt streitbare Geister für innovative Konzepte, aber auch für Preis-Leistungs-orientierte Architektur, ihnen ist die Form wohl ein Anliegen, aber nicht das einzige.

Damit können wir den Kreis zur geknickten, gefalteten Baukörper-Landschaft der Odile Decq schließen. Was sie damals, nach ihrem Wettbewerbssieg, zur Presse sagte, gilt für den Bau von Querkraft mindestens genauso. Und doch schaut er so völlig anders aus. Das Gebäude ist schon bei der Anfahrt ein Erlebnis. Von Lavamünd führt eine Bundesstraße direkt vorbei. Irgendwann kommt man um eine Kurve – und schaut. Denn da kragt völlig unvermutet eine Art Röhre mit viereckigem Querschnitt immerhin 40 Meter über einen Steilhang hinaus und sendet ihre Signale.

Wenn schon, dann ein Zeichen

Natürlich haben sich die Architekten bei diesem Entwurf von vornherein gesagt: Wenn einer schon ein Privatmuseum errichtet, dann sollte man mit diesem Bau auch ein Zeichen setzen. Und das ist ihnen zweifellos gelungen. Dabei wurde aber die vorgegebene Situation – ein Hochplateau mit sehr steil abfallenden, teilweise dicht bewaldeten Hängen – kaum verändert, modelliert. Gerd Erhartt betont, dass der Erdaushub auf dem Plateau so sorgsam verteilt wurde, dass man keine Veränderung merkt.

In der Ausschreibung zum Wettbewerb ging es im ersten Abschnitt ausschließlich um die Kosten. Noch bevor überhaupt von der Nutzung des Gebäudes die Rede war. Das ist eine klare Ansage – eine verständliche noch dazu, wenn einer sein eigenes Geld in ein Gebäude investiert, das seine private Sammlung zumindest teilweise der Öffentlichkeit zugänglich macht. Natürlich hat Liaunig ursprünglich zum Land Kärnten Kontakt aufgenommen. Es gab eine Zusage, dass das Land einen Wechselausstellungsbereich samt Infrastruktur errichtet und die anteiligen Betriebskosten übernimmt. In diesem Fall wäre das Museum uneingeschränkt öffentlich zugänglich gewesen. Aber wir sind in Haider-Land. Und da schmolz nach einem Personalwechsel an entscheidender Stelle das Interesse an einem so speziellen Ort für Kunst ganz schnell dahin.

Nun ist Liaunig ein gewiefter Geschäftsmann mit der Fähigkeit zum Vorausblick. In der Wettbewerbsausschreibung war ein wichtiger Punkt, dass die beiden Bauabschnitte, das Privatmuseum und der Wechselausstellungs- beziehungsweise Veranstaltungsbereich des Landes, auch getrennt errichtet werden können. Im Projekt von Querkraft war das problemlos der Fall. Die „Bruchstelle“ bemerkt man überhaupt nicht.

Der Eingang sitzt diskret im Hang, nicht sonderlich inszeniert. Man kommt in ein sehr angenehm dimensioniertes Foyer. Und dann sieht man schon: diesen wunderbaren Weg hinauf zur Ausstellungshalle. Der ist leicht perspektivisch angelegt und saugt den Besucher unmerklich weiter, vorbei an dem, was Liaunig vorläufig „deponiert“ hat: Hier hängt auf Ausziehwänden all das, was nicht ausgestellt werden kann. Bei über 2000 Sammlungsobjekten kommt da einiges zusammen. Davon erhascht man zumindest einen punktuellen Eindruck. Und der kann wechseln, weil es so einfach ist, immer wieder eine andere Wand herauszuziehen, immer wieder ein anderes Werk ins Licht eines Spots zu rücken.

Die Sammlung ist großartig. Sie vermittelt einen überzeugenden Überblick über die österreichische Kunst seit 1950, enthält aber auch statementhafte Beiträge internationaler Provenienz. Man weiß nicht, wo man das in so konzentrierter Form sonst noch sehen könnte. In der Österreichischen Galerie im Belvedere sicher nicht. Und Essl hat aus seinem Museum ja doch eher eine Ausstellungshalle gemacht.

Ein Schlüsselgedanke der Architekten war jedenfalls, dass sie das Depot – sie nennen es einen „Weinkeller der Kunst“ – als spannende und lebendige Zugangsinszenierung gelöst haben. Man geht vorbei, im bewusst spärlichen Kunstlicht, und landet in der lichtdurchfluteten Ausstellungshalle. Da gibt es Tageslicht. Da geht es auch auf Terrassen, die einen wunderbaren Ausblick bieten, nicht zuletzt auf das Drautal.

Der Bau – und das spricht sehr für Querkraft – holt aus einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Wirkung heraus. Die eigentliche Ausstellungsröhre ist 160 Meter lang, sieben Meter hoch und 13 Meter tief. Genau genommen besteht sie aus einem betonierten U, über das eine Haut aus Paraschalen – pulverbeschichtetes Stahlblech mit Glasstreifen, die in der Decke eingelassen sind – gestülpt ist. Die Lösung ist simpel und industriell: Lagerhallen werden auf diese Weise errichtet. Aber hier erscheint sie geadelt. Sie ist richtig schön.

Nabelschnur mit Lichtdecke

Und sie ermöglicht natürlich, dass das Haus im beheizten Bereich heutigen Anforderungen entsprechend gedämmt ist. Man darf sich keine Illusionen machen: Liaunig stehen seine Kunstwerke näher als die Besucher. Im Winter werden sie schon mal eine dicke Jacke überziehen müssen, wenn sie dieSammlung besichtigen wollen. Das Museumwird in diesem Fall nicht überheizt. Der Bauherr trägt ja auch die Betriebskosten selbst.

Übrigens präsentiert Liaunig nicht nur seine Kunstsammlung, sondern in einem eigenen, durch eine Art „Nabelschnur“ – einen schmalen Gang mit einer wunderbaren Lichtdecke von Brigitte Kowanz – angedockten Raum auch seine Goldsammlung der afrikanischen Akan. Ein höchst sehenswertes Kontrastprogramm zum übrigen Museumsinhalt. Die Möglichkeit solcher unterirdischen Annexe, die mittels Nabelschnur ans Hauptgebäude angedockt werden, stellt für die Zukunft ein wichtiges Entwicklungspotenzial dar. So ließe sich immer noch eine Wechselausstellungshalle unterbringen, aber auch kleinere Bereiche, etwa für weitere spezielle Sammlungsteile.

Es ist das erste Museum, das Querkraft gebaut haben. Sein Konzept ist bezwingend einfach. Und doch artikuliert das Haus eine sehr starke architektonisches Aussage. Und was es nahezu perfekt macht: Für die Präsentation von Kunst in all ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen scheint es wirklich bestens geeignet.

13. Juli 2008 Spectrum

Eine magere Krone

Das Wiener Ronacher wurde „funktionssaniert“. Will heißen: Auf Highlights wurde verzichtet. Schade – vor allem wenn die Architekten Domenig und Wallner heißen. Gute Arbeit, und doch: ein klarer Fall von Überbesetzung.

Der Schlüsselbegriff heißt Funktionssanierung. Er besagt, dass funktionelle Missstände beseitigt wurden. Er suggeriert, dass architektonische Highlights gar nicht erst vorgesehen waren. Und das ist natürlich eine herbe Enttäuschung. Denn ein bisschen „handschriftlicher“ Domenig, der zwischen oder über der etwas bombastischen Theaterarchitektur des Ronacher von Helmer und Fellner sichtbar geworden wäre, hätte bestimmt nicht geschadet.

Was man jetzt sieht, je nachdem, wo man sich hinstellt – am besten in die Himmelpfortgasse –, sind Bruchstücke einer zweifellos eleganten Glaskiste, die das Wiener Ronacher neuerdings bekrönt. Wie es sich bei den üblichen Dachbodenausbauten gehört, ist sie zurückgesetzt, die rundum laufende, potenzielle Terrassenfläche bleibt jedoch ungenutzt. So schön sie sein könnte, an Anrainereinsprüchen ist es gescheitert: Die militanten Anwohner wollten sich aber selbst vor dieser Nicht-Nutzung noch schützen und haben eine gläserne Schallschutzwand durchgesetzt.

Das „Penthouse“ auf dem Ronacher enthält alles Mögliche, darunter einen Probenraum, einen Ballettsaal und vor allem die Mitarbeiterkantine – Letztere übrigens an privilegiertester Position. Gönnen wir diese Aussicht den Mitarbeitern. Dass aber das öffenbare Glasdach über dem Probenraum gestrichen wurde, ist ärgerlich. Denn der Probenraum ist so ausgelegt, dass dort auch kleine Veranstaltungen stattfinden können (für unter 100 Besucher). Und sicher wäre dieses gläserne Dach ein kristallines Highlight geworden, denn wie Domenig so etwas löst, weiß man ja. Gescheitert ist das nicht in erster Linie an den Finanzen, wie kolportiert wird – sondern gleichfalls an den Anrainern. Beim Gedanken, dass in der warmen Jahreszeit bei offenem Dach die Schallfetzen einer kleinen Veranstaltung über die Dächer dringen – war offenbar Widerstand angesagt. So scheitern auch noch die bescheidenen architektonischen Interventionen.

Natürlich ist auch Positives zu vermelden. Schließlich wurde aus einem nur bedingt bespielbaren Haus ein moderner Theaterbetrieb, der einer gar nicht so einfachen Sparte, dem Musical, gewidmet ist. Dafür wurde die gesamte Theatermaschinerie erneuert, bis hin zu Seiten-, Hinter- und Unterbühnen, einem elektronisch gesteuerten Schnürboden, einem variablen Orchestergraben, einem Probenraum für das Orchester – Letzterer ganz unten, man hat immerhin drei Geschoße in die Tiefe gebaut.

Wichtigste Maßnahme für das Publikum: die Absenkung der Bühne um zwei Meter, die es ermöglicht hat, die Steigung der Sitztribünen im Saal anzuheben und damit die Sichtverhältnisse zu verbessern. Außerdem kann man jetzt vom Foyer eben in den Saal hineingehen, was nicht nur für Rollstuhlfahrer angenehmer ist. Da ist überhaupt allerhand möglich. Gewissermaßen auf Knopfdruck lässt sich im Zuschauerraum bis hin zur Bühne auch eine ebene Fläche herstellen, die Bestuhlung, die übrigens noch aus der „sanften Sanierung“ durch Luigi Blau herrührt, verschwindet – theoretisch kann man sogar Tische und Stühle aufstellen, wie es früher gang und gäbe war.

Es gab auch konstruktive Herausforderungen. Immerhin durfte der Theatersaal in seiner Substanz ja nicht angegriffen werden. Nun hing aber die Decke über dem Saal an ungefähr 40 Punkten am alten Dachstuhl, der durch den Aufbau entfernt werden musste. Das heißt, es musste eine Zwischenkonstruktion errichtet werden, an der die historische Decke aufgehängt wurde, bevor der alte Dachstuhl eliminiert und die neue Konstruktion errichtet werden konnte.

Viele Maßnahmen dieser Funktionssanierung werden nie öffentlich sichtbar. Wo die neuen internen Stiegenhäuser sitzen, die Fluchtwege, die ganze Haustechnik, aufwendige Brandschutzmaßnahmen eingeschlossen, das nimmt sicher niemand wahr. Es war zweifellos wichtig und notwendig, aber an der Tatsache, dass das Haus im internationalen Vergleich für eine Musicalbühne einfach zu klein ist – es gibt kaum 1.200 Sitzplätze, 2.000 sind der Standard –, an der lässt sich nicht rütteln.

Aber – was wären unsere Theater ohne ihre Subventionen! Und das ist das Ärgerliche dabei. Für alles gibt es öffentliches Geld, auch langfristig für einen vorhersehbar unökonomischen Theaterbetrieb. Da schwirren Summen durch die Gegend, weit über 40 Millionen Euro für diese Funktionssanierung, aber wenn man genau nachfragt, dann war für die Architektur selbst immer nur ein Bruchteil vorhanden.

Domenig und sein Partner und Projektleiter Wallner mussten sich nicht nur der Tyrannei des Denkmalschutzes und der Anrainer fügen, allen anderslautenden Gerüchten zum Trotz war auch das ökonomische Korsett ganz schön eng. Da ist man schon stolz, wenn ein etwas spezielles gläsernes Eck doch noch realisiert werden konnte, im Gegensatz zu einem gläsernen Schlitz, der Licht in die internen Umgänge gebracht und bis hinunter zu einer Terrasse auf dem Rondeau geführt hätte.

Es wundert nicht, dass angesichts einer so abgemagerten Architektur – man fragt sich, wieso dafür das Büro Domenig bemüht werden musste – schon wieder das seinerzeit geplante und nicht realisierte Coop-Himmelb(l)au-Projekt beschworen wird. Es gibt Hochrechnungen, denen zufolge die Kosten der „sanften Sanierung“ des Luigi Blau zusammen mit den jetzigen Kosten die des Coop-Projekts nicht überstiegen hätten. Aber gut möglich, dass das Projekt der Coop alle Schätzungen übertroffen hätte.

Eines steht fest: In Wien fehlt es an langfristigen Perspektiven, die Bestandteil eines Gesamtkonzeptes wären, es gibt keinen kulturellen Vorausblick, keinen Willen zur mutigen Innovation. Domenig und Wallner haben ihre Sache gut gemacht. Aber wenn man sich anschaut, was herausgekommen ist, muss man zugeben: Dieses Projekt war eindeutig überbesetzt.

8. Juni 2008 Spectrum

Freiraum, Natur. Aber die Möbel...

Es ist immer das Gleiche: Zuerst wird ein Wettbewerb bemüht. Dann wird – im besten Fall – gemeinschaftlich geplant. Und am Ende schafft plötzlich der an, der zahlt. Anmerkungen zu einem Altersheim in Wien-Atzgersdorf.

Altersheime sind eine doppelbödige Angelegenheit. Denn sie fungieren gleichzeitig als Ersatz für die eigene Wohnung, aber auch als eine Art Kurhotel. Vom Kurhotel haben sie die Infrastruktur, die eine allumfassende Versorgung der Bewohner garantiert, einschließlich medizinischer Betreuung, auch ein Angebot an kommunikativen Gemeinschaftsbereichen mit möglichst hoher Aufenthaltsqualität. Dagegen wird der Verlust der eigenen Wohnung nur durch Zimmer wettgemacht, die zwar alle Grundbedürfnisse durchaus komfortabel befriedigen, darüber hinaus aber limitierten Spielraum bieten.

In Vorarlberg gab es vor Jahren den viel beachteten Versuch, eine Reihe recht luxuriöser Alten- und Pflegeheime zu realisieren. Entstanden sind dabei architektonisch bemerkenswerte Lösungen – etwa von Rainer Köberl oder den Noldins –, bei denen speziell darauf geachtet wurde, die Ausgrenzung der Bewohner zu relativieren. Das ist zum Teil durch die Standortwahl, aber vor allem durch die Integration öffentlicher Funktionen geschehen, die so etwas wie die Normalität des Alltagslebens ins Haus bringen. Natürlich hatten diese Versuche ihren Preis.

In Wien haben wir solche Vorzeigeprojekte – immer aus der architektonischen Perspektive betrachtet – vorläufig nicht. Da überformt der „soziale“ Gedanke den konzeptuellen, gestalterischen und finanziellen Einsatz nach wie vor. Das ist, vom Nutzerstandpunkt aus betrachtet, aber nicht unbedingt Versäumnis. Die gute, preiswerte, zwangsläufig weniger spektakuläre Lösung kann bei einer solchen Bauaufgabe durchaus akzeptabel sein.

Ein konkretes Anschauungsbeispiel dafür hat erst jüngst das Wiener Büro von Hermann & Valentiny & Partner realisiert. Es steht in Atzgersdorf, beinahe im Zentrum, an einem illustren Ort. Denn gleich daneben befinden sich aufgelassene Gewerbeanlagen und eine grüne Brache, die ausgesprochen malerisch wirken. Von daher dürfte sich auch der Wunsch des Bauherrn erklären, ein – übertrieben formuliert – „Schlösschen“ für Senioren zu errichten.

Das ist es zwar sicher nicht geworden, aber es ist ein sehr anständiges und in einem engen finanziellen Korsett realisiertes Haus. Anders ausgedrückt: Die Waage des Preis-Leistungs-Verhältnisses schlägt hier deutlich zugunsten eines qualitativen Bonus aus.

Städtebaulich definiert Hubert Hermann mit seinem Gebäude eine Ecke im vorstädtischen Gewebe. Kuriosum eines Teils der Straßenfront mit dem Haupteingang: ein Putz, den man als elegante Variante herkömmlicher Pizzeria-Putze bezeichnen könnte. Er ist nicht glatt, sondern reliefartig gemustert – händisch, geradezu „handschriftlich“ aufgetragen von einem, der so etwas noch kann. Der Kontrast zu den anderen Fassadenteilen – industrielle Metallpaneele aus geprägtem Kupfer, Holzlatten – ist durchaus reizvoll.

Zur grünen Hof- oder Gartenseite hin reagiert Hermann mit Gebäudetrakten, die der Höhe des gängigen Vorstadthauses entsprechen. Dadurch schafft er den Übergang zum Umfeld. Der Neubau hat doch eine gewisse Größe, gemessen am Kontext. Aber er steht jetzt selbstverständlich da, wie gewachsen.

Der Haupteingang ist architektonisch deutlich inszeniert: Ein Einschnitt im Gebäude sagt genau, wo es hineingeht. Wie eine große Klammer sorgen in Fortsetzung der Metallfassade die Kupferpaneele im Attikageschoß für den Zusammenhalt der Straßenfront, an der Ecke wird aber auch schon das Motiv der Holzlatten-Roste vor der Balkonzone sichtbar. Das ist ein durchaus spannender, auch urbaner Beitrag zum Einerlei des heterogenen, sehr vorstädtischen Erscheinungsbildes von Atzgersdorf.

Die hölzerne Balkonschicht an der Gartenseite – übrigens mit Wein bepflanzt, sodass sie sich bald in eine richtige „Laube“ verwandeln wird – drückt dagegen die Privatheit individuellen Wohnens aus. Sie liefertden Bewohnern den Komfort des eigenen Freibereichs, also eine wesentliche Qualität, und sie verleiht dem Haus an der straßenabgewandten Seite ein „privates“ Gesicht.

Und dieses Gesicht ist einer großzügig bemessenen, dabei auch sehr schön bepflanzten Gartenanlage zugekehrt, die durch die niedrigeren Hoftrakte in zwei Bereiche gegliedert wird: einer vorrangig bepflanzt mit Clematis, der andere mit Glyzinien. Da gibt es wirklich Wege, auf denen sich „lustwandeln“ lässt, und einfach auch Situationen des Innehaltens, wo man sich entspannt niederlassen kann. Diese Fähigkeit, nicht nur ein Gebäude und sein Verhältnis zum Umfeld planerisch zu bewältigen, sondern die Außenräume, die Freibereiche selbst mit dem gleichen hohen Anspruch zu bewältigen, zeichnet die Arbeit von Hermann & Valentiny & Partner immer schon aus. Es gibt nicht sehr viele Architekten, die ein dermaßen intensives, aber differenziertes Verhältnis zur Natur, zu den Freiräumen haben. Und die Wert darauf legen, diesen Bezug definitiv zu artikulieren.

Innenräumlich lässt sich zur Lösung von Hubert Hermann nicht ganz so viel sagen. Nicht zuletzt durch das Preislimit gab es nur die Möglichkeit einer relativ konventionellenräumlichen Organisation. Denn billig kann man nur sein, wenn sich gewisse Elemente in großer Zahl wiederholen. Daher sind die Zimmer ordentlich, aber alle gleich und ohne eigenwillige Raffinessen. Und sie sind durch – angenehm breite – Gänge erschlossen. An den Schnittstellen dieser Gänge gibt es räumliche Erweiterungen, die als gemeinschaftliche Aufenthaltsbereiche interpretiert wurden. Natürlich ist da mit großzügigen Verglasungen auch für den notwendigen Außenbezug gesorgt, Aufenthaltsqualität haben diese Räume – bei schlechtem Wetter oder in der kalten Jahreszeit – allemal.

Auch mit den verwendeten Materialien und Farben wurde ein entscheidender atmosphärischer Beitrag zur innenräumlichen Qualität geleistet. Es gibt viel Holz – und es gibt sehr viel gelbe Farbe. Das erzeugt irgendwie die Atmosphäre eines permanenten Sonnenaufgangs. Ich glaube nicht, dass das die schlechtesten Voraussetzungen für das letzte Domizil alter Menschen sind.

Leider hat der Bauherr dem Architekten nicht die Möglichkeit eingeräumt, auch für die Innenausstattung des Hauses zu sorgen. Das ist ein ziemlich großer Verlust, weil man mit einem Mobiliar, das Leiner-Assoziationen auslöst, sehr viel ruinieren kann. Auch die nachträglich geforderten Vorhänge sorgen für eine Verunklärung, eine Banalisierung der an sich räumlich klaren Situation.

Es ist immer wieder das Gleiche. Zuerst wird ein Wettbewerb bemüht. Dann wird – im besten Fall – ein Planungsprozess gemeinschaftlich durchgezogen. Aber irgendwann am Ende, auch dazwischen, schafft plötzlich der an, der auch zahlt. Und das hat der Architektur noch nie gut getan.

27. April 2008 Spectrum

Prater, Schimt & Kliele

Was passiert, wenn die Stadt Wien einen Fachbeirat für unzuständig erklärt? Die größte architektonische Entgleisung der vergangenen 50 Jahre. Das neue Entree des Wurstelpraters: Besichtigung eines Alptraums.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Angesichts der Baustelle auf dem Riesenradplatz – ein Teil wurde jüngst eröffnet – bleibt einem das Lachen aber im Hals stecken. Was dort entsteht, spottet einfach jeder Beschreibung. Die Neubauten beim Riesenrad sind nicht nur grausig, sie sind regelrecht obszön. Und unheimlich dumm.

Die Idee, eine neue Eingangssituation für den Prater zu schaffen, war dabei gar nicht falsch. Die alte hatte eine Überarbeitung bitter nötig – wie übrigens der ganze 240 Jahre alte Prater (weltweit der zweitälteste Vergnügungspark, der noch in Betrieb ist). Aber so ein Unterfangen ist eine äußerst diffizile Angelegenheit. Die immer spärlicher werdenden alten Einrichtungen dürften in ihrer Substanz nicht angetastet werden. Zur Rummelplatzästhetik gehört nun einmal auch das etwas Abgenutzte, Improvisierte, sogar das Schmuddelige. Aber wer kann mit so etwas schon umgehen?

Der Ideenfindungsprozess des Jahres 2003 war aus heutiger Sicht eindeutig eine Farce. Aus den insgesamt 75 Konzepten hat man damals den Vorschlag des französischen Themenpark-Experten Emmanuel Mongon (Imageinvest) ausgewählt. Von seinem Masterplan blieben allerdings nur das Thema „Wien um 1900“ und 1,35 Millionen Euro Honorar plus Spesen (siehe Christian Kühn im „Spectrum“ vom 9. Juli 2007). Wirklich zu verantworten hat das, was sich jetzt auf dem Riesenradplatz abspielt, in vorletzter Instanz – zur letzten kommen wir noch – die Firma Explore 5D. Offenbar arbeitet die gern mit einem Architekten aus Osttirol zusammen, einem Herrn Martin Valtiner, der auf seiner Homepage neben kuriosen Villen etwa auch das Projekt für einen Dracula-Park in Rumänien präsentiert, ebenfalls mit Explore.

Üblicherweise lässt sich ein Architekturkritiker von den Architekten zunächst einmal durch das Projekt führen, um die Überlegungen, die ihm zugrunde liegen, authentisch zu erfahren. Das war bei „Prater neu“ nicht möglich. Niemand war bereit zu einer informativen Führung. Es wurde auch niemals ein Architektenname genannt, die Frage danach wurde einfach übergangen. Abwimmeln ist noch ein harmloser Ausdruck. Es war eine Mauer – aus Stahlbeton.

Aus Stahlbeton sind auch die Bauten, die jetzt den Riesenradplatz säumen – mit historisierenden Fassaden, in denen offenbar Schönbrunn anklingen soll, die aber gleichzeitig mit Pseudo-Jugendstil-Ornamenten vollgepickt sind. Ich meine wörtlich: gepickt. Das ist eine so billige Kulisse, dass einem schier die Sprache weg bleibt. Aber es kostet – mindestens – 32 Millionen Euro.

Nun wäre eine solche Entgleisung noch irgendwie erklärlich, würde ein privater Investor dahinterstecken. Nur – in dem Fall wäre unter Garantie der Fachbeirat eingeschritten. Doch der wurde für unzuständig erklärt. Und zwar von der Stadt selbst, namentlich von Vizebürgermeisterin Grete Laska. Aus unerfindlichen Gründen fällt das gesamte Projekt nämlich in ihre Kompetenz.

Nun kann man Frau Laska alles Mögliche nachsagen – Verständnis für Architektur, gar architektonisches Wissen sicher nicht. Schonvor Jahren hat sie mit der grandiosen Idee, eine Art Schul-Prototyp zu entwickeln und den dann für die verschiedenen Standorte einfach zu multiplizieren, Schiffbruch erlitten. Ich frage mich daher ernsthaft, wer auf die Idee gekommen ist, ausgerechnet ihr ein Projekt wie den Prater anzuvertrauen. Auch wenn man nichts für Rummelplätze übrig hat, eine gewisse Wahrzeichen-Funktion für Wien hat er.

Der wirkliche Skandal bei dieser Angelegenheit: dass dieses architektonische Grauen von der Stadt Wien nicht nur befördert, sondern zur Hälfte auch finanziert worden ist. Immerhin sitzen dort profilierte Leute, denen die Stadt und ihre Architektur ein Anliegen ist. Aber die waren nicht befasst. Und sie haben es auch nicht verhindert. Für die ist der Prater „exterritoriales Gebiet“.

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, um den Alptraum zu beschreiben. Etwas so Grausiges hat es in der Stadt zumindest in den letzten 50 Jahren nicht gegeben. Der neue Platz – laut Rathauskorrespondenz vergleichbar dem Michaelerplatz (!), weil er auch 60 Meter Durchmesser hat – wird von einer Kulissenarchitektur gesäumt, die einfach vollkommen jenseitig ist. In eineraktuellen Aussendung des Praterverbands heißt es: „Sogar die Befürworter der ,Pseudonostalgie‘ haben teilweise nun ihre Zweifel in Anbetracht der Umsetzung.“

Es geht um immerhin 16.000 Quadratmeter Nutzfläche. Sie werden zwischen Stahlbetonmauern, aber hinter angepinselten, vollgeklebten, läppisch dekorierten Fassaden (etwa gemalte Fenster, in die echte eingeschnitten sind, oder eine gemalte Straßenbahn hinter einer gemalten Otto-Wagner-Geländer-Adaption), Serviceeinrichtungen à la Schließfächer, Information und Sanitäreinrichtungen enthalten, diverse Shops,„anspruchsvolle“ Gastronomie mit „Wiener Touch“, angeblich auch allerlei Attraktionen (irgendwo ist von einem Liliput-Zimmer die Rede). In einer zweiten Etappe im Herbst wird auch eine Art Mammut-Disco (Wien um 1900?) eröffnet. Nett, was die Rathauskorrespondenz dazu sagt: „Der Zutritt wird ausschließlich gepflegt erscheinenden Personen über 18 Jahren gewährt werden.“

Es kommt der Tag, an dem der Riesenradplatz samt seiner Bebauung umgetauft werden wird: in „Grete-Laska-Memorial“ – mit einem Schild über dem Opferstock zur Finanzierung des Abrisses. Darauf steht: „Schimt Kliele Schokoschka“.

8. März 2008 Spectrum

Luxus Raum

Hoch komplex und dennoch übersichtlich: der neue Bahnhof Wien Praterstern. Ein luxuriöses Raumkonzept von Albert Wimmer. Mit befreiender Wirkung.

Als Kathedralen einer mobilen Gesellschaft fasst heutzutage Bahnhöfe niemand mehr auf. Diese Rolle haben die Flughäfen übernommen. Sie stellen Inseln für sich dar, sie schaffen sich ihre eigenen (städtebaulichen) Gesetze. Das ist bei Bahnhöfen nicht so. Die liegen mitten im – womöglich großstädtischen – Verband, daher bedürfen sie auch einer sehr viel diffizileren Behandlung.

Das Prinzip „Bahnhofsvision“ ist jedenfalls in Vergessenheit geraten. Über Bahnhöfe denkt man nicht nach, man benutzt sie. Das muss eine der Einsichten gewesen sein, die Albert Wimmer bei seinem Bahnhof am Praterstern konzeptuell, verfolgt hat. Immerhin geht es um einen Bahnhof von beachtlicher Größe. Dabei ist er gar nicht „international“ angelegt. Hier geht es um den Nahverkehr, hier treffen die Wiener Linien (Straßenbahn, U1 und verlängerte U2) auf das S-Bahn-Netz der ÖBB, hier hasten Pendler zu den Zügen.

Nun ging es aber um Umbau, nicht um Neubau. Das merkt man dem Gebäude allerdings nur an, wenn man genau hinschaut.Vor allem konstruktiv wäre man bei einem kompletten Neubau sicher anders vorgegangen. So blieben Teile der alten Betonkonstruktion aus den Sechzigerjahren stehen. Nur das, was zwingend neu gemacht werdenmusste – etwa die Fassaden, die Einhausung der Bahnsteige im Obergeschoß –, ist jetzt „leicht“, das heißt aus Stahl und Glas.

Die Planung von Albert Wimmer lässt sich aber keinesfalls auf einen so simplen Nenner reduzieren. Konzeptuell war sie überaus komplex. Das hat vor allem mit den städtebaulichen, auch durch den Gleis- und Straßenverlauf bedingten Vorgaben zu tun – und mit der Funktion des Gebäudes als Hauptbestandteil eines der wichtigsten Verkehrsknoten Wiens. Die Alltagsfrequenz von 70.000 Personen ist enorm. Und bis 2010, so lauten die Prognosen, wird sie womöglich die 100.000er-Grenze überschreiten.

Wir werden uns bald nicht mehr daran erinnern, aber der Bahnhof Praterstern war tatsächlich schon seit Jahrzehnten einer der besonders verkommenen Orte von Wien. Sicher kann man sagen, dass Bahnhöfe grundsätzlich einen Anziehungspunkt für soziale Randgruppen darstellen. Doch mit architektonischen Mitteln lässt sich wirkungsvoll gegensteuern. Im Fall des Praterstern-Bahnhofes wurde das auf verschiedenen Ebenen versucht. Vor allem ist er jetzt sehr viel übersichtlicher organisiert. Die Wegführung kann jeder so ziemlich auf Anhieb lesen, Haupt- und Nebenzugänge sind klar definiert, es gibt keine räumlichen Nebensituationen oder toten Winkel mehr. Die sind aber in der Regel eine Voraussetzung für die Verslummung solcher Orte.

Dazu sollte es allein schon durch das Erschließungs- und Raumkonzept nicht mehr kommen. Es trägt aber auch die Materialisierung wesentlich dazu bei. Wimmer hat durchwegs auf Oberflächen gesetzt, die ziemlich nobel wirken und sehr resistent sind (und übrigens relativ gut und einfach gereinigt werden können).

Zu ebener Erde, in der Passage, wo es zahlreiche Geschäfte gibt, wo nicht nur Rolltreppen zu den Bahnsteigen hinaufführen, sondern auch die Lifte sehr gut sichtbar platziert sind, da liegt fast schwarzer, nur wenig gemaserter Tauerngranit auf dem Boden. Die Geschäfte haben natürlich eine Glasfront, die Deckenpaneele, hinter denen sich eine Unmenge an technischen Notwendigkeiten verbirgt – bis hin zu den Lautsprechern –, sind in schlichten Aluminium-Lochplatten ausgeführt, die eine wichtige zusätzliche Funktion erfüllen. Sie tragen zur akustischen Bewältigung des Raums bei. Und das ist bei einem so frequentierten Bahnhof von enormer Bedeutung.

Generell könnte man sagen, der neue Bahnhof präsentiert sich unbunt. Auch Glas hat zwar eine Farbe, und in diesem Fall schillert und glitzert es noch dazu im Sonnenlicht, weil die Gebäudehaut aus einer Zwei-Scheiben-Verglasung mit einer Streckmetall-Schicht dazwischen besteht (Sonnenschutz!). Und er ist unbunt, weil zum Glas und dem fast schwarzen Boden nur noch die Farben von Aluminium und Edelstahl beziehungsweise vor den massiven Bauteilen die anthrazitfarbene Rieder-Platten-Verkleidung kommen. Aber um die Buntheit braucht man sich hier wohl keine Sorgen zu machen. Die ist durch die individuellen Gestaltungsbedürfnisse der einzelnen Läden und gastronomischen Einrichtungen ohnehin nicht zu vermeiden, und im Übrigen bringt sie „das Leben“ in Form der bunten Menschenströme.

Wimmer hat die Fußgängerwege, auch die Ausblicke oben, auf den Bahnsteigen, nach den vorhandenen städtebaulichen Achsen ausgerichtet. Seine semitransparente Gebäudehaut hat daher auch mal ein Loch, das merkt man kaum, aber dadurch sieht man den Stephansdom.

Der wahre Luxus dieses Bahnhofs besteht aber in seinen räumlichen Qualitäten. Alles ist groß, breit, hoch. Vor allem oben auf den Bahnsteigen entfaltet dieses Konzept seine befreiende Wirkung. Bahnsteige mit 22 Meter Breite – wo gibt's denn das! Und die Raumhöhe der Einhausung – über neun Meter! Davon kann man als Architekt normalerweise nur träumen. Das hat teilweise mit den Vorgaben des Umbaus zu tun: Früher gab es viel mehr Gleise und viel schmälere Bahnsteige, das wurde durch die organisatorische Umrüstung der ÖBB reduziert; übrig blieb der Raum, der ja schon da war.

Das ist ziemlich großartig – die zeitgenössische Variante eines Bahnhofskonzepts aus dem 19. Jahrhundert. Damals hat man sich solche Räume geleistet. Heute funktioniert das in der Regel – das heißt im Neubau-Fall – nicht mehr. Dafür stehen die kommerziellen Interessen viel zu stark im Vordergrund. Beim Praterstern gab es ein gewisses Korsett, das durch den Bestand vorgegeben war. Und dieses Potenzial hat Wimmer ausgenutzt. Er konnte eine für heutige Verhältnisse völlig unübliche, sehr großzügige Raumsituation schaffen.

Wenn man sich das Gebäude sorgfältig anschaut, gibt es ein paar architektonische Finessen zu entdecken. Die wichtigste besteht wohl in der Verbindung von Bahnhofstrakt mit neuer U-Bahnstation. Die ist zwar schlicht angedockt, durch den Trassenverlauf konnte Wimmer aber den Zwischenraum zu einer schwungvoll verschwenkten Raumlösung mit Oberlicht uminterpretieren. Sicher wird man abwarten müssen, was die künftige Platzgestaltung dieses riesigen Areals bringt. Die stadtzugewandte Seite liegt in den Händen von Boris Podrecca, dahinter, Richtung Prater, schlägt die ARGE U-Bahn zu. Das wirklich unsägliche Polizeigebäude bleibt jedenfalls erhalten. Wunder finden eben selten statt.

Ein Letztes, das man Albert Wimmer zugute halten muss: Er hat nicht nur das nächtliche Erscheinungsbild seines Bahnhofs ins rechte (weiße) Licht gerückt, er hat auch das Motiv der Bahnhofsuhr in die zeitgenössische Architektur wieder eingeführt. Da prangt sie: rund, völlig normal, nicht digital, und zeigt die Zeit an. Was will man mehr.

27. Januar 2008 Spectrum

Doch, wir sind in Österreich

Eines der aufwendigsten Verfahren, die in Sachen Wohnbau je durchgeführt wurden: über das Quartier auf den Kabelwerkgründen in Wien-Meidling.

Es war sicher eines der aufwendigsten Verfahren, das in Sachen Wohnbau jemals durchgeführt wurde. Nicht nur in Wien, sondern wahrscheinlich europaweit. Für die Kabelwerkgründe in Meidling hat sich die Stadt Zeitund eine ganze Reihe „Fachpersonal“ genommen, schließlich sollte ein beispielhafter neuer Stadtteil entstehen. Ganz fertig gebaut ist das Quartier noch nicht, die Architektur-Exkursionen strömen trotzdem schon. Tatsächlich lässt sich bei einem Spaziergang durch das Areal sehr gut ablesen, wie es sein wird, wenn es rundum bewohnt und belebt ist.

Begonnen hat alles damit, dass die Kabel- und Drahtwerke AG – 100 Jahre lang der wichtigste Betrieb und damit Arbeitgeber des Bezirks – Ende 1997 ihre Pforten schließen musste. Im Jahr davor wurde das zum Anlass für einen Workshop genommen, zu dem auch die Bewohner aus der Umgebung eingeladen waren. Diese Praxis der Bürgerbeteiligung wurde über Jahre konsequent durchgezogen und hat wohl entscheidend dazu beigetragen, dass es zu keinerlei Anrainer-Einsprüchen gekommen ist.

Der städtebauliche Wettbewerb liegt inzwischen zehn Jahre zurück – er wurde von Rainer Pirker und Florian Haydn gewonnen –, bis 2001 wurde vor allem in die theoretische Arbeit investiert. Es wurden Parameter entwickelt, die für die gesamte Anlage verbindlich sein sollten – und es wurde ein Jahr an „Testprojekten“ gearbeitet. Dabei ging es auch darum nachzuweisen, dass die Finanzierbarkeit des Projekts für die Bauträger gewährleistet sein würde. Denn hier wurde eine Strategie verfolgt, die sonst nicht gang und gäbe ist. Man könnte sagen, dass in diesem neuen Quartier das Freiraumkonzept, das Wege- und Platzsystem den Ansatz für die endgültige städtebauliche Figur geliefert hat. Auch die Entscheidung, bei allen Geschoßwohnungsbauten eine unbewohnte Sockelzone einzuführen, war wichtig. Aber vor allem haben die „Bonuskubaturen“ dazubeigetragen, dass hier eine typologische Vielfalt entstehen konnte, die nicht nur wohnungs- sondern auch hausbezogen ist.

Einen Hallenhaustyp, wie ihn Hubert Hermann hier realisiert hat, wird man anderswoim geförderten Wiener Wohnbau vergeblich suchen. Denn eine so gewaltige, großzügig bemessene Empfangs- und Erschließungshalle, die über alle Geschoße durchgeht, ist im doppelten Sinn leere Kubatur. Sie ist definitiv „leerer“ Raum, sie ist aber auch leer, weil sie nicht kommerziell verwertbar ist. Und das muss man sich im geförderten Wohnbau erst einmal leisten.

Man kann es sich leisten, wenn man sehr dicht baut. Und urbane Dichte wird natürlich angefeindet. Wenn in einem Altstadtkern die Gassen eng und die Wohnungen finster sind, nimmt man das in Kauf. Wenn in einem Neubaugebiet die Häuser (bei Weitem nicht so) dicht an dicht stehen, bricht der Aufstand aus. Auf den Kabelwerkgründen gibt es dichte Situationen. Sie sind eindrucksvoll und dabei so intelligent umgesetzt, dass die Bewohner über einen Mangel an Wohnqualität sicher nicht zu klagen haben, auch in den Geschoßwohnungsbauten. Ganz zu schweigen von der „griechischen Gasse“, die Schwalm-Theiss & Gressenbauermit ihren Reihenhäusern geliefert haben.

Darin liegt der Reiz des Areals: Entlang der öffentlichen Räume und Erschließung – durch die sogenannte Diagonale, Hauptplatz, Nebengassen sowie kleinere Plätze und Grünflächen – wurden Baufelder festgelegt. Wie die bebaut werden, war die zweite viel diskutierte Frage. Aber es ist natürlich etwas anderes, ob eine Behörde vorschreibt, wie Dichte und Bauhöhe zu sein haben, oder ob alle Beteiligten (Behörden, Bauträger und Architekt) gemeinsam und in einem offenen Prozess klären, wie sie vorgehen wollen.

Bei allen großen Neubauquartieren gibt es immer zwei Probleme. Das eine betrifft den Nutzungsmix. Wenn es wirklich nur Wohnbauten gibt, dann wird die Sache atmosphärisch einfach öd. Das ist auf den Kabelwerkgründen nicht ganz so. Sie liegen an der Bahn, haben eine U-Bahn-Station vor der Tür, daher gibt es auch die Implantate anderer Nutzungen. Vom Hotel bis zum Geriatriezentrum, das demnächst errichtet werden soll. Die Debatte um die Nutzung des – ziemlich spärlichen – Altbestandes (Werkstatt Wien) hält offenbar immer noch an. Ob die ursprünglich vorgesehene kulturelle Nutzung stattfindet, scheint offen.

Das zweite Problem hat mit der Architekturqualität zu tun. Städtebaulich kann man viel tun, aber was nutzt es, wenn die einzelnen Bauten fragwürdig sind. Das ist hier besser als etwa auf dem Wienerberg oder in Süßenbrunn. Die Architekten, die hier gebaut haben, stehen für ein gewisses Niveau. Pool zum Beispiel, die im städtebaulichen Wettbewerb den zweiten Preis gemacht haben; auch Mascha & Seethaler, die mit ihrer Architektur dem großen Platz ein markantes Gesicht geben; oder Wurnig-Kljajic, die im Anschluss an Hubert Hermann die Geländekante definieren. Und, wie gesagt, Schwalm-Theiss & Gressenbauer.

Das ist wieder einmal eine der Unschärfen, für die man Wien, besser: Österreich lieben muss. So viel Aufwand und theoretische Arbeit für ein Neubauquartier, so eine Anstrengung, um in einem nachprüfbaren, demokratischen Verfahren zu einem Ergebnis zu kommen. Und was ist dann? Die ursprünglichen Sieger des Wettbewerbes kommen überhaupt nicht mehr vor; man sollte aber gerechterweise erwähnen, dass die ARGE Kabelwerk in der Folge den renommierten Otto-Wagner-Städtebaupreis bekommen hat. Trotzdem: Schwalm-Theiss & Gressenbauer haben nicht am Wettbewerb teilgenommen, ebenso wenig die Werkstatt Wien; Mascha & Seethaler waren in der Jury.

Wenn man sich das vor Augen führt, fühlt man sich – trotz aller aufgeklärten, sachlichen Diskussionen – wieder ganz zuhause. Wir sind in Österreich, Gott sei Dank.

23. Dezember 2007 Spectrum

Beton? Beton!

Ein Volksschulanbau im Tiroler Amras. In Form eines Würfels, mit einer Fassade aus Beton. Sichtbarem Beton! Moderne Architektur halt. Honoratioren protestieren, Lehrer und Schüler sind begeistert.

Mitte der Sechzigerjahre, als Thomas Bernhards Text „Amras“ erschien, dürfte es dort noch anders ausgesehen haben. Denn Amras war einmal ein Dorf. Heute ist es „eingemeindet“ und gehört zur Peripherie von Innsbruck, die Autobahn liegt in Sicht- und Hörweite – es heißt, sie soll eingehaust werden. Trotzdem, Rudimente einer dörflichen Struktur sind noch vorhanden. Mit einem schönen Kirchlein, aber komischerweise ohne Dorfplatz. Der Schock tritt ein, wenn man die Restbestände dieser einstigen ländlichen Idylle auf der Hauptstraße umrundet: Ein monströses Einkaufszentrum reiht sich an das andere. Das ist schlimmste großstädtische Peripherie in Reinkultur.

Angeblich wurden die Amraser dadurch reich. Sie haben ihre Gründe um teures Geld verkauft oder verpachtet. Der Gewinn sei ihnen gegönnt, die Folgen sind fürchterlich. Es ist aber nicht erst heute illusorisch, sich gegen solche Entwicklungen querzulegen. Sie bilden nur ab, was auch in größeren Zusammenhängen Tatsache ist.

Nun ging es abseits davon, eigentlich im Dorfkern, um eine Volksschulerweiterung. Daran ist zunächst einmal interessant, dass es eine „integrierte Volksschule“ ist, in der sowohl geistig als auch körperlich Behinderte zusammen mit Gesunden unterrichtet werden. Das geschah bisher in einer Schule aus den Sechzigerjahren. Aber im Gegensatz zu anderen Volksschulen, die eher zurückgebaut werden, benötigte man für diese hier eine Erweiterung. Dabei ging es nicht ohne Diskussionen zu. In der Wettbewerbsphase wurden verschiedene Lösungen angedacht, wobei die sogenannte „Amtsplanung“ – im engen Sinn hat es so etwas natürlich nie gegeben, es wurde nur ein Vorschlag formuliert – einen Bau auf dem leeren Platz neben dem Bestand vorsah, während die Mehrzahl der Architekten beim Hearing eher in Richtung Aufstockung des Bestandes tendierte.

Riccione Architekten, das sind Mario Ramoni, Clemens Bortolotti und Tilwin Cede, die sich auch schon bei der Musikschule in Kufstein profiliert haben, konnten das Verfahren schließlich klar für sich entscheiden. Sie waren die Einzigen, die nach wie vor für einen Anbau eingetreten sind. Wenn man sich die Situation jetzt anschaut, fällt es schwer nachvollziehen, wie eine Aufstockung überhaupt ernsthaft in Erwägung gezogen werden konnte. Das unmittelbare Umfeld hat nach wie vor einen etwas dörflichen Charakter, aus der Schule wäre also ein völlig unmaßstäblich hohes Haus geworden, das noch dazu die nahe Kirche konkurrenziert hätte. Vom städtebaulichen Maßstab her erscheint die gewählte Lösung als die einzig angemessene.

Riccione Architekten haben im Grund einen kleinen Würfel gebaut. Er steht neben dem Bestand, deckt die Rückseite der angrenzenden Bebauung ab (es sind wirklich nur Rückseiten), und er definiert eine Platzsituation, also genau das, was in Amras fehlte. Dieser Platz ist einfach eine leere Fläche, die man auf dem Weg zum alten, durch Riccione Architekten etwas modifizierten Schuleingang überquert. Einen etwas edleren Belag hätte er zwar durchaus vertragen. Das wollte man sich aber offenbar nicht leisten. Immerhin: Ihren Weihnachtsmarkt oder Ähnliches können die Amraser hier auf jeden Fall abhalten.

Das Problem war: Der Würfel ist halt zeitgenössische Architektur, er besteht weitgehend aus Beton. Und der hatte im Rohbau noch dazu riesige Löcher, die erst später mit Holz und Glas gefüllt wurden. Als dann auch noch das Gerücht umging, dieser Beton würde womöglich sichtbar bleiben, kam es zu Gegenreaktionen. Es wurde verlangt, den Beton zumindest anzustreichen; der Pfarrer predigte von der Kanzel dagegen. Inzwischen scheinen sich die Wogen wieder zu glätten, in erster Linie, weil die Nutzer, die dort täglich arbeiten, ausgesprochen glücklich mit der architektonischen Lösung sind. Der Schuldirektor bekundet es mit Überzeugung, die Lehrerinnen – es ist übrigens eine Montessori-Schule – sind begeistert, die Kinder haben ihr Haus geradezu überschwänglich in Besitz genommen.

Ein Würfel. Er ist aus Sichtbeton, hat eine Schaufassade mit viel Lärchenholz, großzügige Fixverglasungen und Türen, die man öffnen kann, zur Lüftung. Diese Hauptfassade ist zum Platz und nach Norden orientiert, also von der Autobahn abgewandt, und besteht im Wesentlichen aus einer Pfosten-Riegel-Konstruktion, die mit Lärchenpaneelen beziehungsweise Glas geschlossen ist. Hierher sind die Klassen orientiert – sie haben also ständig das aufregende Panorama der Nordkette vor sich. Und wer den Weg von der Kirche her kommt, sieht schon von Weitem, was drinnen in der Schule passiert.

Die Gruppenräume sind nach Osten, zur kleinen Holzfassade orientiert, also auf den Weg von der Kirche her. Da tritt der Sichtbeton schon viel massiver in Erscheinung.

Die Südfassade ist ganz anders gelöst. Der Sichtbeton dominiert hier das Bild, aber unterbrochen durch großflächige Verglasungen aus Sonnenschutzglas im Aluminiumrahmen. Von außen kann man hinunterschauen, in einen zweigeschoßigen Raum im Untergeschoß, der offenbar intensiv genutzt wird. Er ist für jede Art Spiel bestens geeignet, für Veranstaltungen, aber auch – wie bei meinem Besuch – für kleine Feste.

Das Raumprogramm war relativ bescheiden: Drei Klassenräume, drei Gruppenräume, drei Garderoben, jeweils auf einer Ebene organisiert – also Erdgeschoß und zwei Obergeschoße –, unten der abgesenkte Mehrzwecksaal und eine gläsern abgetrennte Bibliothek. Die innere Organisation ist also sehr einfach, der Innenausbau hat aber seine edlen Komponenten. Denn dadurch dass bei einem Sichtbetonbau die Wärmedämmung logischerweise innen liegen muss, konnte man innen „verkleiden“ – mit Lärchenholz, das hier in einer überraschend guten Qualität verarbeitet wurde.

Kleinigkeiten fallen auf: etwa raumhoch verglaste, erkerartige Elemente in den Gruppenräumen, die nach Osten schauen. Da hat es geheißen, die Kinder würden sich fürchten. Jetzt liegen Kissen dort, und sie scheinen gerne genutzt. Die Wände zur inneren Erschließung haben ein Glasband – so gehen die wunderschönen Holzdecken ohne Unterbrechung durch. Insgesamt erscheint die räumliche Lösung sehr großzügig.

Das Haus ist im Westen durch eine verglaste Schleuse an den Altbau angekoppelt. Der alte Schuleingang wurde beibehalten. Auf dem Weg zum Neubau wird einem dann bewusst, wie sehr der Zahn der Zeit inzwischen am Bestand genagt hat. Privilegiert sind eindeutig die, die im Neubau untergebracht sind. Daran wird man in nächster Zukunft wohl auch etwas ändern müssen.

21. Oktober 2007 Spectrum

Körper mit Knick und Kurve

Frisch, fröhlich, farbig. Beinahe aufregend: die Fachhochschule in St. Pölten. Ein Architekturbüro hat sein Konzept belebt. Eine Besichtigung.

Genau genommen, ist es ein riesiges Gebäude, die Fachhochschule in St. Pölten: 70 mal 70 Meter im Quadrat. Und es enthält schulische Einrichtungen zu den Themen Mensch/Wirtschaft/Technologie. Ausgerichtet war es in der Planungsphase auf 800 Studenten, dann auf 1.200 Studenten, jetzt sind 1.400 da. Es ist aus verschiedenen Gründen ein interessantes Projekt. Städtebaulich setzt es einen Akzent in einer heterogenen, überhaupt nicht attraktiven Umgebung. Längerfristig betrachtet, soll es aber der Auftakt für eine Bildungsachse sein, die sich bis zum Regierungsviertel hin fortsetzt.

Außerdem ist es ein interessantes Errichtungsmodell. Es geht nicht auf einen Wettbewerb zurück. In diesem Fall hat sich der Bauherr einen Errichter und Investor gesucht, der sich verpflichtet hat, das Gebäude nicht nur zu erbauen, sondern auch 25 Jahre lang zu betreiben. Und in dieser Zeit wird sozusagen abgezahlt – dann gehört es wirklich dem Nutzerkonsortium.

Das ist eine ziemlich bemerkenswerte Strategie, man nennt sie PPP – Private Public Partnership. Es lässt sich damit sehr zielgerichtet und effektiv, also auch rasch agieren. Im Jänner 2005 wurde mit der Planung begonnen, im August 2005 lagen Baugenehmigung und Ausschreibung vor, im November 2005 ist die EU-weite Ausschreibung erfolgt, am 15. Dezember hat das Bestbieterkonsortium den Bauauftrag erhalten, aufgrund der Wettersituation wurde „erst“ im Jänner mit dem Bau begonnen, im Juni 2007 wurde der Bau fertig übergeben.

In der Regel träumen Architekturbüros davon, dass etwas so zügig vonstatten geht. Denn je länger ein Projekt dauert, desto unökonomischer wird es auch. Man darf Manfred Nehrer aber glauben, wenn er sagt, einen vergleichbaren Stress hat es im Büro nie gegeben. Außerdem hat diese Strategie einen Schwachpunkt: Wenn nicht von vornherein vertraglich festgelegt ist, dass gewisse qualitative Standards tatsächlich umgesetzt werden müssen, dann kann das gebaute Ergebnis unter Umständen nur sehr wenig mit der Planung zu tun haben.

Nehrer & Medek haben seinerzeit in Vorarlberg, in Lustenau, unter ähnlichen Bedingungen ein solches Projekt realisiert. Das Büro – nach dem frühen Tod von Reinhard Medek und neuen Partnerschaften heißt es jetzt NMPB Architekten – wusste daher genau, worauf das besondere Augenmerk zu richten ist. Und es hat möglicherweise auch deswegen den Zuschlag erhalten – und sicher auch, weil es nachweisen konnte, dass die extrem kurze Bauzeit von der Bürokapazität her zu bewältigen war.

Das Haus ist ein großes Geviert, ein riesiger Block. Man betritt es unter einem acht Meter stützenfrei auskragenden Vordach undkommt in eine viergeschoßige Halle. Diese Halle ist das Highlight der Schule, weil hier die räumlichen Voraussetzungen geschaffen sind, um aus einem „Spartenbetrieb“ mehr zu machen. Sie ist Verteilerfläche, aber auch Kommunikationsfläche für Leute, die sonst gar nichts miteinander zu tun haben. Alle Gemeinschaftseinrichtungen sind rund um diese Halle organisiert: die Hörsäle, die Bibliothek, der Festsaal, die Mensa, das Café. Die Haupttreppe, sicher aus Fertigteilen errichtet, ist überdies ein skulpturales Element, das einen spezifischen Akzent setzt. (Es ist übrigens nicht ganz nachvollziehbar, dass die Glasbrüstungen ein Problem sind; ich selbst bin nicht schwindelfrei, habe mich aber nicht verunsichert gefühlt; anderen Leuten geht es offenbar anders.)

Und noch etwas Besonderes hat diese Halle: Durch eine Glaswand setzt sie sich in einen Patio fort, von dem die Architekten selbst sagen, dass seine Gestaltung, auch seine Grüngestaltung, bewusst artifiziell ist. Im Gegensatz zur glasgedeckten Halle ist es ein Freiraum. Aber einer, der wie ein Zimmer formuliert wurde.

Die eigentlichen Unterrichtsräume sind durchaus bescheiden. Aber schon Nehrer & Medek hatten diese Qualität: Bei ihnen funktioniert immer alles. Das ist auch diesmal der Fall. Die Hörsäle, vom Erdgeschoß erschlossen, sind in die Erde eingegraben; Lichtkorridore davor sorgen nicht nur für die notwendigen Fluchtmöglichkeiten, man sieht immer auch den Himmel. Und das Mobiliar – die Bestuhlung stammt durchwegs von Jacobson – lässt in seiner farblichen Differenzierung tatsächlich die Sonne aufgehen. Farbe ist überhaupt ein Element, das zum ersten Mal in diesem Ausmaß eine Rolle in der Architektur des Büros spielt. Sie ist Leitlinie – übrigens von Ingeborg Kumpfmüller grafisch, auch künstlerisch gekonnt in Szene gesetzt – und atmosphärischer Mehrwert. Jeder Bereich – auch die Stiegenhäuser – ist durch eine eigene Farbe gekennzeichnet, man weiß gleich, wie man wohin kommt.

Auch die Materialwahl hat ihre Qualitäten. Auf den großen Erschließungsflächen liegt brasilianischer Schiefer, ansonsten anthrazitfarbenes Linoleum, es gibt überall sehr viel Holz, es gibt aber auch Eternit und Heraklit, außerdem Sichtbeton und – außen – hochglanzpolierte Aluminium-Paneele.

Es hat sicher ein Wandel im formalen Ausdruck des Büros stattgefunden. Und der geht wahrscheinlich auf die neuen Partnerschaften zurück. Die Bauten sind frischer und fröhlicher. Nehrer selbst sagt, früher haben sie sich immer mit Rastersystemen abgequält, jetzt gibt es auch den „römischen Verband“. Die gesamte Außenfassade des Gebäudes ist so gelöst. Horizontale Regelmäßigkeit, aber vertikale Abweichungen.

Es gibt einen eingeschnittenen Hof, es gibt eine Terrasse, die sich gegebenenfalls mit dem Festsaal und sogar der Kantine für spezielle Veranstaltungen nutzen lässt. Es gibt durchaus reizvolle Terrassen für die Raucher. Aber vor allem haben die Architekten eine Lösung für die Baukörper-Abwicklung gefunden, die wichtig ist. Es steht nicht einfach ein brutaler Block da. Die Fassaden haben einen Knick, eine leichte Kurve. Optisch verkürzt das die tatsächliche Länge sehr wirkungsvoll. Und solche Lösungen fallen einfach nur Architekten ein, die ihr Metier verstehen, die mit solchen Dimensionen umzugehen wissen.

Früher konnte man sagen, dass aus dem Büro Nehrer & Medek immer sehr korrekte, aber auch etwas brave, zurückhaltende Lösungen gekommen sind. Funktioniert haben die Bauten allerdings immer. Jetzt werden sie langsam auch interessant, erfrischend, wahrscheinlich bald aufregend. Die neuen Partnerschaften sind offensichtlich ein Gewinn. Eines der nächsten Projekte aus diesem Büro wird die Erweiterung der Wiener Arbeiterkammer sein. Soviel man hört, ist die Umsetzung nicht ohne Schwierigkeiten abgegangen. Umso gespannter warten wir auf das Ergebnis.

2. September 2007 Spectrum

Gotik, begehbar

Wie man einfühlsam mit historischer Substanz umgeht, ohne die eigene Handschrift zu vernachlässigen: die Neubauten im Stift Altenburg, Waldviertel.

Es zählt nicht zu den lässlichen Sünden, dass die mediale und öffentliche Aufmerksamkeit so gering ist, wenn es um zeitgenössische architektonische Maßnahmen bei kulturhistorischen Denkmälern geht. Ob ein Hochhaus nahe dem Kulturerbe Wiener Innenstadt gebaut werden darf oder nicht, das regt alle auf. Aber ob in unseren Schlössern, Burgen und Klöstern die schiere architektonische Banalität Platz greift, das wird mit leichtfertiger Großzügigkeit übergangen.

Stift Altenburg im Waldviertel liefert dafür zwar keine spektakulär negativen Anschauungsbelege, aber was hier seit Jahrzehnten an baulichen und gärtnerischen Maßnahmen gesetzt wurde, ist doch sehr unterschiedlich und unkoordiniert. Dabei hätte dieser Bau von Josef Munggenast, der hier um 1740 auf gotischen Grundfesten seine barocken Vorstellungen realisierte, wahrhaftig Besseres verdient.

Tatsächlich hat sich die Situation jetzt auch entscheidend gewendet. Allerdings war dafür wieder einmal eine „Katastrophenmeldung“ notwendig: Denn im Jahr 2000 signalisierte ein Statiker bei der Untersuchung der barocken Aussichtsterrasse Altenburgs „Gefahr in Verzug“. Das Bauwerk drohte abzurutschen, war es doch auf einem mit Bauschutt zugeschütteten gotischen „Unterbau“ errichtet. Archäologen begannen zu graben, und was die Öffentlichkeit heute noch nicht sieht: Sie haben das mittelalterliche Mauerwerk freigelegt.

Der notwendige Neubau der Altane lieferte jedenfalls den Anlass, dass Jabornegg & Pálffy die Bühne betraten. Ihre jetzigen Maßnahmen gehen auf einen Wettbewerb zurück, der erst ausgeschrieben werden konnte, nachdem aufgrund der freigelegten mittelalterlichen Substanz die konkreten statischen Bedingungen festgelegt waren.

Jabornegg & Pálffy haben diesen Wettbewerb nicht von ungefähr gewonnen – wie man mit vorhandener Substanz einfühlsam umgeht, ohne die eigene Handschrift zu vernachlässigen, das haben sie schon mehrfach gezeigt. Das zeigt auch das erste Zwischenergebnis ihres Eingriffs in Altenburg: nicht nur in Form des neuen Foyers für den Besucherrundgang, sondern vor allem durchdie wieder erstandene Altane, die ausgedehnte Aussichtsterrasse zum Kamptal. Von dort hat man nicht nur einen wundervollen Blick auf die umgebende Landschaft, es ist auch der einzige Standort, der den Blick auf die Hauptfassade von Altenburg aus der Nähe ermöglicht. Alle anderen Blickpunkte liegen weit weg, jenseits des Kamps.

Das Hauptverdienst der Architekten besteht aber nicht nur in diesem konstruktiv interessanten, teilweise als (befahrbare) Brücke ausgeführten Terrassenbauwerk allein, auch nicht im puristisch-selbstverständlichen, dabei eleganten Foyer. Jabornegg & Pálffy hatten einfach ein Gesamtkonzept im Auge, von vornherein. Und das war in Altenburg sehr notwendig. Bisher konnte man sich dort verlaufen, weil man immer wieder in toten Ecken gelandet ist – ohne verständliche Wegführung, ohne hilfreiche Orientierungspunkte. Das hat sich schon jetzt geändert, mit der Fertigstellung des Gesamtprojekts kommt aber sicher noch eine Dimension dazu: Denn dann wird auch die eindrucksvolle mittelalterliche Ausgrabungsstätte zu besichtigen sein.

Wichtig ist es, zwischen den verschiedenen Ebenen zu unterscheiden, die in Zukunft – mit dem gemeinsamen Ausgangspunkt des neuen Foyers – für die Besucher zugänglich sein werden. Das barocke Niveau – nicht zuletzt durch die neue Altane signifikant definiert – bleibt zwar die Hauptattraktion, schon wegen der Veitskapelle, der Sala Terena, der wundervollen Bibliothek und besonders der grandiosen Krypta.

Aber der jetzt freigelegte mittelalterliche Schauraum, der durch die Altane gedeckt ist, mit seinen von oben belichteten Mönchszellen, in denen die alten, jahrhundertelang zugemauerten Fensteröffnungen wieder aufgemacht werden, mit dem ursprünglichen Abtshaus und der Abtskapelle, der steht dem Barockmeisterwerk atmosphärisch nicht nach. Natürlich sind es in solchen Fällen immer nur Rudimente von Bausubstanz, die zu besichtigen sind. Aber was da vorläufig durch einen Holzsteg erschlossen ist, ist ein Stück begehbare Geschichte. Die Reste eines gotischen Turms reichen übrigens noch tiefer, dort sind auch gotische Kellerräume erhalten.

Altenburg war auch bisher nicht arm an Sehenswertem, durch die Ausgrabungen hat es dennoch einen Mehrwert gewonnen. Sie geschickt und verständlich in eine Besucherroute einzubinden, die in formaler Hinsicht mit der historischen Substanz qualitativ gleichzieht, ist Jabornegg & Pálffy gelungen. Denn die alten Eingriffe – etwa im Kreuzgang, aus den Achtzigerjahren – sind so unbedeutend, dass sie an einem solchen Ort einfach fehl am Platz erscheinen.

Die neuen Maßnahmen – immerhin wurde ein ausgedehnter Garten der Weltreligionen angelegt – sind eher hilflos. Das ist bedauerlich, weil es nicht so oft vorkommt, dassein Themengarten neu geschaffen wird. Der hier ist, milde formuliert, misslungen. Auch andere, kleinere Missgriffe gibt es. Der auf der Böschung zur Altane angeschüttete Kies ist schwarz, auch der um die streng gefassten Rechteckbeete im wieder erstandenen Apothekergarten. Auf die Böschung gehört kein Kies, sinnvollerweise sollte sie durch eine Grasfläche mit dem Umfeld verwachsen. Und im Apothekergarten hat der modische Aspekt dieser Schüttung überhaupt nichts verloren. Ein heller, möglichst normaler Kies, wäre viel passender.

Dass Jabornegg & Pálffy nicht nur am großen Konzept, sondern auch an solchen Details arbeiten, das macht schon überzeugend deutlich, wie komplex solche Aufgaben sind. Die Fotos vom bisher Erreichten sind durch die Bank bearbeitet: So werden minimale Missstimmigkeiten ausgemerzt und schon jetzt zugunsten einer künftigen Stimmigkeit korrigiert. 2009 gibt es in der Nähe der Altenburg eine Landesausstellung. Bis dahin sollte das Konzept umgesetzt sein.

Wie immer liegt alles an der Frage der Finanzierung. Mir scheint nicht, dass man im Stift mit diesem Problem bisher sehr geschickt umgegangen ist. Praktisch kamen 50 Prozent der bisherigen Kosten aus der eigenen Kassa. Das ist von Seiten des Landes ein bisschen schäbig, und es wird nicht besser werden, weil die Gelder sicher der nächsten Landesausstellung zufließen. Entspricht das dem Wert, der Bedeutung von Altenburg? Man kann dem Abt nur viel Geschick und noch mehr Durchsetzungsvermögen bei den Verhandlungen wünschen.

22. Juli 2007 Spectrum

Junges Holz und arme Kunst

Ein Querkopf, der Architekturgeschichte geschrieben – und nie das Originelle und Authentische aus den Augen verloren hat. Johann Georg Gsteu zum 80. Geburtstag.

Unheimlich wird einem schon, wenn man sich folgendes Bild vergegenwärtigt: Nachkriegszeit, ein Klassenzimmer in der Salzburger Staatsgewerbeschule, und in einer Reihe sitzen Friedrich Achleitner, Wilhelm Holzbauer, Johann Georg Gsteu und Hans Puchhammer, ein paar Reihen weiter vorne Friedrich Kurrent. Und alle gehen nach Wien – Puchhammer an die Technik, die anderen zu Holzmeister an die Akademie –, und alle werden Architekten. Irgendwie muss in diesem Klassenzimmer ein Rumpelstilzchen seinen magischen Moment ausgelebt haben. Das Ergebnis ist jedenfalls österreichische Architekturgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und Johann Georg Gsteu hat sie mitgetragen, mitentwickelt, mitbefördert. Er feiert kommende Woche seinen 80. Geburtstag.

Gsteu gehört zu einer Generation von Architekten, die mit Aufträgen nicht reich beschenkt wurde. Sein Werk ist relativ klein. Aber das gilt, mit Ausnahme von Wilhelm Holzbauer und Gustav Peichl in Wien und von Josef Lackner in Tirol, für die Mehrzahl der „Ambitionierten“ dieser Altersklasse. Es war eben noch nicht die Zeit des organisierten Wettbewerbswesens. Noch nicht die Zeit der versuchsweisen Demokratisierung von Auftragsvergaben.

Obendrein war Gsteu ein Querkopf, der Aufträge, Programme auf ihre Sinnhaftigkeit befragt hat und bei der Umsetzung die Originalität, die Authentizität eines Projekts nie aus den Augen verlor. Die noch nicht da gewesene materielle, technologische, konstruktive Lösung – auch um den Preis eines gelegentlich gewöhnungsbedürftigen formalen Ergebnisses – war seine Sache. Architektur als Denk- und Erfindungsprozess, als Prototyp. Und da kam es nicht auf die Größenordnung einer Aufgabe an, da ging es um die Substanz einer Idee.

Die Büroanfänge, gemeinsam mit Friedrich Achleitner, der sich nach einem ersten realisierten Werk allerdings gleich in die Gefilde der Sprache abgesetzt hat, sind heute schon Legende. Immerhin, die „Ausräumung“der Rosenkranzkirche, ihre innere Bereinigung, die auch so manchen Kirchendiener wieder den substanziellen Gehalt eines sakralen Raums erkennen ließ, wurde zum Merkstein. Auf dem Gebiet der Sakralarchitektur konnte Gsteu noch zweimal nachhaltig tätig werden: Gemeinsam mit den „Dreiviertlern“(Kurrent, Spalt) in Steyr-Ennsleiten und bei seiner Anlage in Baumgarten, die wohl bis heute einen Höhepunkt in seiner Arbeit darstellt. Man schrieb die Sechzigerjahre, und die Seminare von Konrad Wachsmann in Salzburg waren nicht fern. Und das spürt man. Industrielles Bauen, Module, die sich reihen lassen und doch eine (angeblich preisgünstige) räumliche Vielfalt ergeben, strukturelles Denken – die Prämissen sind Legion, an denen sich die jungen, aufmüpfigen Geister damals aufgerieben – und die träge Volksmeinung zerrieben haben.

Beim Seelsorgezentrum Baumgarten war das allerdings anders. Da konnte Gsteu tatsächlich viel von dem umsetzen, was damals in den Köpfen der jungen Architekten für Unruhe sorgte. Seine ursprüngliche Entwurfsidee eines quadratischen Kirchengrundrisses mit zwei hohen und zwei halbhohen Raumeinheiten ging zwar nicht auf, die einheitlich hohe Kirchenhalle ist aber bis heute ein bleibender Eindruck. Ebenso die stringente Gliederung der Außenanlage mit Pfarrhof,Sakristei, Pfarrsaal und Glockenträger. Die Kirche ist ein Meisterwerk in Bezug auf die Präzision des Entwurfs. Alle Details stimmen, ohne mit allzu vielen Bedeutungen überfrachtet zu sein. Diese Selbstverständlichkeit in der Komplexität des Angedachten wird Gsteu nur selten übertreffen können.

Es war eine schwierige Zeit. Gsteu hat sehrbescheidene Bauaufgaben gelöst. Wenn mansich die Bildhauerunterkünfte in St. Margarethen ansieht, die ja eigentlich nur ein Um- und Ausbau sind, dann weiß man aber gleich,was er immer gekonnt hat: die Bedingungen eines Ortes verstehen und ganz sensibel darauf reagieren, egal ob sie nun im innerstädtischen Gründerzeitviertel oder im Steinbruch liegen. Und noch etwas konnte er immer: eine Art mönchische, archaische, gleichzeitig sinnliche Raumqualität schaffen.

Die wurde aber nicht immer und zu allen Zeiten von jedermann verstanden. Die mönchische Lösung, die hat er zwar auch mit den Druckrohren in seinem Gemeindebau realisiert. Na ja, und stützenfreie Erker sind dabei ja auch wirklich zustande gekommen, obwohl es ursprünglich ein Erkerverbot gab; und die Röhren können tatsächlich alles Mögliche – vom Liegeplatz über das Blumenfenster bis zum Terrarium sind zahlreiche Nutzungen denkbar. Auch lösen sie den Anspruch der preisgünstigen industriellen Fertigung ein. Trotzdem hat nie jemand diese Idee aufgegriffen, weitergeführt. Die Röhren mögen originell sein – als schön werden sie von den wenigsten empfunden.

Der Gemeindebau war übrigens schon das zweite Anwendungsbeispiel für Gsteus Idee mit den Druckrohren. Erstmals kamen sie in einer Bankfiliale zum Einsatz, wo er auch ein ganz spezielles Tor geschaffen hat. Es wiegt gewissermaßen Tonnen – und ist doch so ausgetüftelt gelagert, dass man es mit einer Hand bewegen kann.

Gsteu hat oft eigenständige Ideen entwickelt, die er dann bei verschiedenen Anwendungen durchgetestet hat. In seinen neueren Arbeiten war das ein Verfahren, mit dem man Aluminium-Trapezblech verformen kann. Er hat es sowohl bei seinen U-Bahn-Bauten als auch beim Nordbrücken-Steg und einem Kindergarten angewendet. Vor allem bei den Verkehrsbauten hat sich die Technologie als herausragend erwiesen, weilMaterialqualität, Verarbeitungsweise und visuelle Erscheinung dabei eine glückliche Symbiose eingehen.

Aber gerade was die Verkehrsbauten betrifft, hat die Sache auch ihren Pferdefuß. Es waren, vereinfacht gesagt, halt immer alle anderen beauftragt, nur nicht Johann Georg Gsteu. Er kam immer erst dann dazu, wenn irgendwem in irgendeiner Magistratsabteilung aufgefallen ist, dass die, die den Auftraghatten, nicht gut genug dafür waren. Und das hat ihn einmal auch fast in den Bankrott getrieben. Er redet nicht viel darüber. Aber es kann einem schon bitter aufstoßen, wie dieses „andere“ Wien mit seinen verdienstvollen Söhnen umgeht. Andererseits: Kassel war auch nicht viel besser. Gsteu hat an der Gesamthochschule zwar zehn Jahre unterrichtet, gebaut hat er dort aber nie.

Nur ein wunderschönes Projekt gibt es von ihm, gedacht als temporäre Installation während der Documenta. Beuys hat seine Bäume gepflanzt, junges Holz, gewachsen auf sicher nicht ganz ungeschädigtem Boden, Gsteu hat beschädigte Bäume genommen und eine temporäre Brückenkonstruktion vorgeschlagen. Sozusagen ein „armes“ Projekt, „arme“ Kunst, die schon damals zukunftweisend war. Was hätte auch besser zu Gsteu gepasst?

3. Juni 2007 Spectrum

Wenn Schwere schwebt

Warum es für Architekten sinnvoll sein kann, sich nicht an Vorgaben zu halten: die Landesleitstelle Tirol – tonnenschwerer Beton, doppelt erdbebensicher. Und alles andere als plump.

Wenn der Extremfall eintritt und eines Tages ganz Tirol in Schutt und Asche liegt, dann soll, muss, wird ein Gebäude immer noch stehen: die Integrierte Landesleitstelle Tirol (ILL) von Architekt Johann Obermoser und dem Büro Schlögl & Süß Architekten. Es ist eine bemerkenswerte Vorgabe für die Planung eines Hauses, in diesem Fall leuchtet sie aber ein. Immerhin steuert und koordiniert die ILL den Blaulicht-Einsatz für das gesamte Bundesland – von der Lawinen- über die Tunnel- und jede andere Katastrophe bis hin zur Feuersbrunst. Von Erdbeben hört man hierzulande zwar weniger oft, die doppelte Erdbebensicherheit war aber trotzdem gefordert. Und das hatte gewisse Konsequenzen.

Denn im Wettbewerb des Jahres 2004 war für diese Institution noch an eine Aufstockung der Hauptfeuerwache Innsbruck gedacht. Etwa im Umfang von 700 Quadratmeter Nutzfläche. Den Zuschlag hat die Architektengemeinschaft Obermoser/Schlögl & Süß nicht zuletzt deshalb errungen, weil sie sich ihre eigenen Gedanken über die konkrete Situation gemacht hat. Anders ausgedrückt: Die Architekten haben als Einzige im Verfahren einen alternativen Vorschlag unterbreitet. Sie haben nicht die Hauptfeuerwache aufgestockt, sie haben vielmehr ein eigenes, aufgeständertes Gebäude in einem Abstand von nur fünf Metern davorgestellt. Der städtebaulichen Situation entsprach dieser Vorschlag sowieso viel besser. Und auch ohne die Vorgabe der doppelten Erdbebensicherheit hat man sich mit diesem Projekt aufwendige statische Sekundärkonstruktionen im Bestand erspart.

Die Genesis des Projekts verlief jedenfalls nicht uninteressant. Die Nutzflächenforderung hat sich fast verdoppelt – jetzt stehen knapp 1400 Quadratmeter zur Verfügung –, und die Sicherheitsanforderungen haben sich letztlich so verschärft, dass sich die Architekten schweren Herzens von ihrem Wettbewerbsprojekt – eine leichte Stahl-Glas-Konstruktion – verabschieden mussten. Es wäre nicht nur unglaublich teuer geworden, es hätte durch die notwendigen Dimensionierungen der Konstruktion auch ihren ästhetischen Ansprüchen nicht mehr genügt. Und so wurde eine Betonschachtel daraus. Aber sie hat die Kraft, die in der Architektur jedem einfachen geometrischen Volumen innewohnt. Sie hat aber auch die Kraft, die aus einer rohen, „brutalen“ Materialisierungresultiert. Das Gebäude – immerhin ist es aus Beton – wirkt naturgemäß sehr schwer, das spürt man physisch. Der Reiz liegt darin, dass es trotzdem schwebt. Statisch wird es aber von nur vier Scheiben und dem Stiegenhauskern gehalten. Dabei beträgt die Spannweite 40 Meter. Und das bei einer Gebäudelänge von insgesamt 65,5 Metern.

Dass es schwebt, ist kein architektonischer Willkürakt, es ist nackte Funktion. Denn die Feuerwehr fährt drunter durch. Im Übrigen wirkt der gewaltige Riegel wie ein großes Brückengebäude. Dieser Beton-Querbalken erscheint aber nicht abweisend. An der Nord- und Zugangsseite hat er im oberen Bereich ein sehr breites Glasband, Festungscharakter hat das Haus also nicht. Und vor allem sorgt die architektonische Lösung für eine Tageslichtsituation im Inneren, im sehr eindrucksvollen Herzen der ILL,die den zahlreichen Mitarbeitern bei ihrer verantwortungsvollen Bildschirmarbeit eine angenehme Raumatmosphäre bietet.

Den zentralen Raum, die eigentliche Katastrophenleitstelle, sollte man gesehen haben. Er ist sicher 50 Meter lang und über sieben Meter hoch, weil alle Mitarbeiter zwingend in einem Raum sein müssen. Bei Großeinsätzen wird nämlich auch durch Zuruf kommuniziert, also sehr einfach und direkt, nicht nur via Computer. Wobei es zusätzlich die Möglichkeit der Großprojektion gibt, die die Koordination von Einsätzen visuell nachvollziehbar macht.

Der eindrucksvolle Raum war in dieser Form – als zweigeschoßiges Volumen – in der Wettbewerbsausschreibung nicht gefordert. Wenn man sich aber eine solche Fläche mit einer üblichen Raumhöhe von, sagen wir: drei Metern vorstellt, dann begreift man, wie wichtig dieser Vorschlag der Architekten war. Die Arbeitssituation für die Mitarbeiter wäre zweifellos belastend und noch stressiger gewesen.

Die Raumhöhe hat außerdem einen Nebeneffekt. Bei solchen Einrichtungen weiß man nie, wie sie sich in Zukunft entwickeln. Jetzt ist der Raum in seiner Gesamthöhe sozusagen noch leer. Aber drei Querträger, fast in der Mitte der rechteckigen Schachtel, weisen auf ein Erweiterungspotenzial hin. Jetzt sind sie scheinbar sinnlos, sie ermöglichen aber eine zweite Ebene in einem Teil des Volumens, falls eines Tages noch mehr Arbeitsplätze gebraucht werden. So etwas im Nachhinein zu machen, ohne entsprechende Vorkehrungen, das ist immer sehr schwierig.

Obermoser/Schlögl & Süß mussten natürlich darauf achten, dass ihr Gebäude nicht zu schwer wird. Bei der geforderten doppelten Erdbebensicherheit und der notwendigen Feuerwehr-Durchfahrt unter dem Gebäude hätte das andernfalls zu einer plumpen äußeren Erscheinung geführt. Und als wirklich tragende Elemente gibt es ja nur die vier Betonscheiben und den Stiegenhauskern. Die Decken, selbst das Flachdach, wurden daher als Hohlkörperdecken ausgeführt, was wiederum den nötigen Raum für die umfangreichen technischen Installationen liefert und es ermöglicht, dass jeder Arbeitsplatz praktisch beliebig verschoben werden kann. Man braucht nur ein Bodenelement herauszunehmen und kann sich an jeder Stelle in die technische Installation einklinken.

Das Haus ist so organisiert, dass man vom linkerhand gelegenen Stiegenhaus ebenerdig in einen Beratungsraum kommt, der der Brandschutz-Vorsorge dient. Im Geschoß darüber gibt es den kontrollierten Zugang zur eigentlichen Leitstellenzentrale. Im nächsten Geschoß gibt es aber auch eine Besucherempore, die allgemein zugänglich ist. Von da kann jeder zuschauen, wie die Arbeit einer solchen Einrichtung abläuft.

Auf den beiden Obergeschoßebenen sind außerdem Fortbildungsräume und ein Aufenthaltsbereich untergebracht, Schlafkojen – hier geht es schließlich um einen Rund-um-die-Uhr-Betrieb – und Sekretariat beziehungsweise Verwaltung.

Das Projekt ist eine überzeugende, weil intelligente Lösung. Wenn man sich den Bestand, das recht belanglose Gebäude der Hauptfeuerwache, anschaut, wenn man sich vorstellt, dass da ein sehr großes Volumen daraufgebaut worden wäre, dann muss man einfach darauf hinweisen, wie wichtig es ist, dass sich Architekten nicht stereotyp an Ausschreibungsvorgaben halten. Die eigenständige Überlegung eines Architekten ist durch nichts zu ersetzen. Aber die Tiroler haben bekanntlich einen ordentlichen Sturschädel. In der Architektur führt das manchmal zu äußerst gewinnbringenden Resultaten.

21. April 2007 Spectrum

Pionier der Peripherie

Was entsteht, wenn Architekt und Heimleitung kooperieren: ein helles, freundliches Haus, räumlich großzügig, nicht übermöbliert – und geplant nach allen Regeln der ökologischen Kunst. Ein Kindertagesheim in Breitenlee bei Wien.

Breitenlee ist keine attraktive Gegend. Es gilt zwar als Peripherie von Wien, nördlich der Donau gelegen, aber es ist weit weg von jeglicher Urbanität. Es liegt im Flachen, und wie alle diese ursprünglichen Dörfer präsentiert es sich ziemlich zersiedelt und ruiniert. Die bemerkenswerte Ausnahme von den heutigen städtebaulichen und architektonischen Regeln dieses Umfelds hat Helmut Wimmer 1997 realisiert: eine Volksschule, die auf die tradierten Grundmuster dieser Gegend eingeht und in den zehn Jahren ihres Bestehens nichts an Relevanz verloren hat. Es ist ein eingeschoßiges Schulhaus mit einem Hof, der durch eine in die Erde abgesenkte, also ebenfalls niedrige Turnhalle zur Straße hin geschlossen ist. Ins Schulgebäude selbst sind fünf begrünte Atrien eingeschnitten und die Klassenzimmer dorthin orientiert.

Normalerweise bedeutet es einen Anlass zur Sorge, wenn neben einen solchen Bau ein anderer – in diesem Fall ein Kindertagesheim – gestellt werden soll. Noch dazu ein höheres Bauwerk – mit einem Obergeschoß. Tatsächlich haben die Teilnehmer am geladenen Wettbewerb von 2003 diese Möglichkeit auch genutzt. Nur Georg W. Reinberg nicht, der blieb mit seinem Projekt niedrig – und hat damit gewonnen.

Reinberg hat mit seinem Neubau städtebaulich wirklich etwas geleistet. Er hält Abstand zur Schule, sie wird in ihrer Wirkung nicht beeinträchtigt. Und er formuliert seinen Baukörper so, dass der Hof zwischen Schule und Turnsaal an der Schmalseite des Grundstücks geschlossen wird.

Außerdem wird mit diesem Nebeneinander von Schule und Kindertagesheim ein funktioneller Zusammenhang sichtbar. Das Tagesheim umfasst zwar auch Kinderkrippe und Kindergarten, vor allem aber vier Hortgruppen für die Schüler – und eine fünfte wird wohl demnächst hinzukommen und den Mehrzwecksaal vereinnahmen. Das wird der „Bewohnbarkeit“, der Brauchbarkeit des Tagesheims aber keinen Abbruch tun. Reinberg hat es so geplant, dass sich der Eindruck der räumlichen Großzügigkeit geradezu aufdrängt. Am bescheidensten sind noch die Räume für die Leiterin und die Mitarbeiter, sie liegen rechts vom Eingang. Da war ganz offensichtlich der Zweck und nicht die Repräsentation für Größe und Ausstattung bestimmend.

Kein unsympathischer Faktor. Aber die Atmosphäre in diesem Haus ist überhaupt sehr angenehm. Die Zufriedenheit der Leitung und die Freude der Kinder teilen sich mit. Tatsächlich haben sie ja auch ein sinnvoll organisiertes, dazu helles, freundliches Haus erhalten, das durch den demonstrativen Außenbezug der Gruppenräume – auf eine gut nutzbare Grünfläche – noch eine wesentliche Qualität hinzugewinnt.

Dreh- und Angelpunkt ist ein großes, hohes, glasüberdachtes Atrium, das als Aufenthalts- und Verteilerhalle fungiert. Die Gruppenräume – sie sind alle nach Süden orientiert – werden über die Garderoben erschlossen, die vom Atrium bis an den südlichen Freiraum reichen. Diese Garderoben sind übrigens besonders gut gelungen, weil sie Räume sind – und nicht bloß Gänge, flankiert von Spinden. Sie sind breit, und durch die raumhohe Verglasung schauen sie ins Grüne. Da zeigt sich auch, dass es von Vorteil ist, wenn der Architekt zumindest die fixen Wandeinbauten selbst entwerfen kann, das bringt einen deutlichen gestalterischen, atmosphärischen Gewinn.

Die Gruppenräume sind groß, voll auf den Grünraum orientiert und nicht übermöbliert. Sicher, es ist alles da, was gebraucht wird. Aber die Kinder haben Platz, sie können sich bewegen. Da merkt man einfach, dass Architekt und Heimleitung sich verständigen konnten. Es gibt andere Beispiele, da haben profilierte Architekten ähnliche Vorschläge gemacht, die dann von der Tagesstättenleitung durch eine eklatante Übermöblierung illusorisch wurden.

Reinberg hat sich vor allem auf dem Gebiet des ökologischen, energiesparenden Bauens einen Namen gemacht. Auch für die Entwicklung dieses Projekts waren solche Überlegungen inhaltlich ausschlaggebend. Die Positionierung des Baukörpers als südlicher Kopfbau der Schule kam diesen Ambitionen entgegen, die architektonische Lösung der Öffnung zur Sonne und zum Grünraum war eine logische Konsequenz.

Von außen präsentiert sich das Gebäude als sehr ruhiger, niedriger Baukörper, der ins grüne Umfeld sensibel eingebettet ist. Vom Hof her ist dem Körper gewissermaßen ein Eck ausgeschnitten – wodurch der Hof zum geschlossenen Rechteck und der Eingang deutlich sichtbar wird. An der Nordseite, die dem Schulhaus zugewandt ist, liegen alle Verwaltungs- und Nebenräume. Hier ist die Fassade verhältnismäßig geschlossen, es gibt Oberlichtbänder (also indirektes Sonnenlicht, ohnehin die bessere Lösung für Arbeitsplätze). Die an sich völlig unspektakuläre, voll verglaste Südfassade ist trotzdem interessant, denn durch die über der Raumverglasung liegenden, dunkleren Solarpaneele wird die Horizontale des Gebäudes noch einmal betont. Obendrein verwandelt der außen liegende Sonnenschutz das Ganze – je nachdem – in eine offene oder geschlossene Schatulle.

Drinnen legt Reinberg eine gewisse Robustheit an den Tag – denn alle Installationen sind sichtbar geführt, und der Warmwasserspeicher der Solaranlage steht sozusagen im „Zentrum“ des Atriums. Reinberg misst der Sichtbarkeit seiner technischen Maßnahmen didaktischen Wert zu. Wichtig ist, dass er in seinen Überlegungen nicht bei missionarischen Ansprüchen stehen bleibt. Allein schon sein Spiel mit Raumhöhen – entsprechend der Bedeutung der Räume – macht einen Rundgang durchs Haus interessant. Auch sein Spiel mit der Tagesbelichtung (die sogenannten Nebenbeschäftigungsbereiche in den Gruppenräumen etwa sind nur über das Atrium belichtet).

Das Haus wäre nicht von Reinberg, wäre darin nicht ein Optimum ökologischer, energiesparender Baumaßnahmen realisiert. Hohe Dämmung sowieso, passive Sonnenenergienutzung, Solaranlage, Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung – bis hin zu einem ausgeklügelten manuellen Belüftungssystem, das bei Hitze und in der Nacht für Kühlung sorgt. Und das Regenwasser versickert auch. Ich handle diesen wichtigen Aspekt von Reinbergs Arbeit nur kursorisch ab, weil die Entwicklung der letzten Jahrzehnte längst dazu geführt haben müsste, dass solche Überlegungen und Kenntnisse zum selbstverständlichen Know-how jedes Architekten gehören und im Bewusstsein jedes Bauträgers und Nutzers verankert sein müssten. Natürlich ist es immer noch nicht so. Reinberg gehört vor allem im Wiener Raum jedenfalls zu den Pionieren.

21. Januar 2007 Spectrum

Können Gitter schön sein?

Für Momente vergisst man, wo man ist. Aber nur für Momente. Dieter Mathoi hat einen Neubau für die Justizanstalt Innsbruck entworfen. Eine Bravourlösung.

Ganz einfach ist es nicht, über ein Gefangenenhaus zu schreiben. Und noch viel weniger einfach dürfte es sein, ein solches zu planen. Dieter Mathoi von Heinz Mathoi Streli Architekten aus Innsbruck war mit dieser Aufgabe konfrontiert. Und er hat sie nicht nur mit Anstand, mit Sorgfalt, er hat sie mit Bravour gelöst.

Es geht um einen Neubau im Kontext der Justizanstalt Innsbruck. Er ist hinter dem Altbestand situiert, auf einem Gelände, das zuvor dem Lehmabbau und der Ziegelproduktion durch die Häftlinge diente. Rentabel war das längst nicht mehr, aber Ziegelstapel erinnern noch heute daran. Der im Volksmund sogenannte „Ziegelstadel“ wurde daher abgerissen, der riesige Schornstein ebenso.

Hier, hinter dem Altbestand, der übrigens um ein Geschoß erweitert wurde - der Architekt hat sich dabei mit dem Ausbau des Dachgeschoßes (Satteldach) begnügt und ein neues Flachdach daraufgesetzt -, stehen die zwei Trakte des neuen Bauteils. Wie zwei Finger weisen sie ins Gelände hinein. Später lassen sich bei Bedarf weitere Finger dazubauen. Die jetzigen zwei Trakte umschließen einen Innenhof - einen sogenannten Spazierhof mit befestigter, begrünter Fläche und einer ausgreifenden, sehr reizvollen Skulptur von Lois und Franziska Weinberger: ein organisches Gebilde aus Beton, auf dem man sitzen kann; als Motiv liegen ihm die Form der Gänge von Borkenkäfern zugrunde. Man trifft auf diese Skulpturen auch in den Spazierhöfen auf dem Dach.

Und damit sind wir beim Punkt: Es gibt Spazierhöfe, die müssen ausbruchsicher sein, genauso wie die beiden Gefängnistrakte. Und obwohl das Gebäude noch nicht bezogen ist, kommt Frösteln auf, wenn man es durchquert und irgendwie automatisch nach den Hinweisen Ausschau hält, die auf Gefängnis verweisen. Auf Gitter. Auf Zellen.

Mathoi hat tolle Lösungen gefunden, um die Situation mit architektonischen Mitteln erträglicher zu machen. Das Gitter im engen Sinn kommt bei ihm überhaupt nicht vor. Die Zellen selbst, alle nach Süden orientiert, sind raumhoch verglast - schusssicher - und haben im mittleren Lüftungsteil ein stabiles Lochblech vorgeschaltet. Das bildet sich zwar nach außen an der Fassade ab - aber relativ unverfänglich, es relativiert die „Käfigsituation“ innen wie außen.

Der Architekt hat besonderen Wert auf die natürliche Belichtung der Räume gelegt. In der Erdgeschoßzone und im Dachgeschoß gibt es eine ebenfalls raumhohe, lichtdurchlässige Profilitverglasung, in der nicht nur die Dämmung, sondern auch Flacheisen liegen, die das Ganze ausbruchsicher machen. Man sieht sie aber kaum. Und die „Raucherbalkone“ - in Wahrheit große offene Loggien, also gedeckte Aufenthaltsräume im Freien - sind zwar vergittert, aber so, dass es eigentlich ein ästhetisches Vergnügen ist: schlichtes, verzinktes Blech, in einem Zehn-mal-zehn-Raster - fast schon japanisierend. Gefängnisgitter fallen einem sicher nicht dazu ein.

Die architektonische Geste nach außen ist auf jeden Fall einnehmend. Das Gebäude ist schlicht, das schon, es gibt auch keinen Anlass für spektakuläre Inszenierungen. Im Übrigen gibt es ja auch so gut wie keine Vorbilder in der Architekturgeschichte für ein solches Haus.

Mathois Programm war relativ komplex. Es ging keineswegs nur um Zellen für 54 Insassen und die dazugehörigen Erschließungsgänge. Gebraucht wurden ein Turnsaal, den er im Untergeschoß situiert hat, zwei ebenerdig gelegene Produktionsräume, wo die Insassen arbeiten können, und Gemeinschaftsräume, in denen man Kaffee kochen, im Internet surfen, Tischfußball oder Billard spielen kann.

Mathoi hat mit seiner Lösung ein architektonisches Plus geschaffen, das über die einfache Nutzung weit hinausgreift. Die innenräumliche Lösung zeichnet sich durch raumplastische Qualität und einen feinen Umgang mit Materialien aus. Beide Trakte sind auch in den innen liegenden, mehrgeschoßigen Erschließungszonen von oben natürlich belichtet, das ist einfach toll. Jedes bessere Bürohaus wäre stolz auf einen solchen Binnenraum. In diesem Kontext hat er aber noch größere Bedeutung. Er strahlt eine gewisse Großzügigkeit aus. Man vergisst zumindest ein bisschen, wo man ist.

Die vorherrschende Farbe ist grau. Durch den Beton, durch den Anstrich, durch das Metall. Das hat mich etwas irritiert. Es wird zwar alles relativ elegant dadurch, aber ist es nicht zu trist? Wahrscheinlich nicht. Farben, leuchtende Farben, würden wohl eher zum Zynismus werden, nicht zu einer freundlicheren Geste. Und in den Zellen ist der Kunstharzboden ohnehin rot und das Holz der Einrichtung helle Birke. So ganz lässt es sich eben doch nicht beschönigen, dass hier Menschen eingesperrt sind.

Für mich war es dann auch der größte Schock, als ich auf dem Weg über die räumlich attraktive Erschließung zu den Zellen kam. Eine Tür nach der anderen, eine elf Quadratmeter große Behausung (jawohl: mit Fernsehen und Radio) nach der anderen. Von außen kontrollierbar. Das lässt sich nicht so leicht wegstecken.

Der Neubau ist zwangsläufig mit dem Altbestand verbunden. Die Insassen im Altbau kommen dadurch auf einem unterirdischen Weg in den Genuss des neuen Turnsaals; und über eine 80 Meter lange oberirdische Brücke kommen die Insassen des neuen Gebäudes zum Altbau - zu Verhören oder zu ihren Besuchern. Es ist eine „kalte“ Brücke, aus Kostengründen nur eingedeckt mit einer Autoplane, die sich allerdings sehr gut bedrucken lässt. Sie trägt als Botschaft einen berühmten Zauberspruch, den die Weinbergers variiert haben: „Die drei zu zwei / die zwei zu eins / und eins zu keins . . .“

16. Dezember 2006 Spectrum

Licht und Lamellen

Andreas Treusch und das Glück der großen Formate: das Air Cargo Center in Wien-Schwechat und Treuschs jüngster Wurf, die Erweiterung des Ars Electronica Centers in Linz - das architektonische Highlight der künftigen Kulturhauptstadt.

Andreas Treusch ist Spezialist für das große Format, schreibt Robert Temel in „architektur.aktuell“. Man muss allerdings auch das (Wettbewerbs-)Glück haben, zu diesen „großen Formaten“ zu kommen. Treusch hat dafür einiges investiert, er nimmt an vielen Wettbewerben teil. Und ein paar - wichtige - hat er gewonnen. Von seiner Fachhochschule in Wels war im „Spectrum“ bereits die Rede. Das große Air Cargo Center und Handling Center West auf dem Flughafengelände Wien-Schwechat hat ihm den niederösterreichischen Holzbaupreis und kürzlich auch die internationale Auszeichnung „best architects 07“ eingetragen. Zuletzt fand sein Projekt für die Erweiterung des Ars Electronica Centers in Linz Beachtung, es wird das architektonische Highlight der künftigen Kulturhauptstadt sein.

Das vielversprechende Projekt stellt nicht nur eine bedeutsame städtebauliche Intervention in Linz-Urfahr, nahe der Donau, dar, es geht auch mit der architektonischen Belanglosigkeit des Stammhauses der Ars Electronica geschickt um. Dem banalen Haus wird ein Neubau zur Seite gestellt, und beide werden durch eine doppelschalige Glashaut zu einem kristallinen Kubus. Dieser Kubus sitzt scheinbar - es geht in Wirklichkeit noch mehrere Geschoße in die Tiefe - am einen Ende eines großen angehobenen Platzes, der mehrfach erschlossen ist, unter anderem durch eine Rampe, die vom Straßenniveau hinaufführt. Der Platz mündet am anderen Ende wiederum in einen „Kristall“: den Future Lab, der sich über Sitzstufen zum Platz hin abtreppt. Unter dem Platz liegt eine große Ausstellungshalle.

Die neue Gebäudeformation korrespondiert zweifellos mit der Umgebung. Sie nimmt auf die alten Strukturen Rücksicht, vor allem bleibt der Blick Richtung Donau frei. Außerdem ist der neue Platz von vornherein mit einer Option versehen: Es gibt hier zwar das Rathaus, aber keinen richtigen Hauptplatz. Der könnte sich auf dem „Maindeck“ des Ars Electronica Centers entwickeln, neben all den kulturellen Nutzungen, für die es sich sonst noch anbietet.

Einen so komplexen, vielschichtigen, in sich aber stimmigen und „beruhigenden“ Entwurf bringt man als Architekt vermutlich nicht zustande, wenn man das Terrain solcher - in sich auch widersprüchlicher - Aufgaben nicht schon erkundet hat. Treusch hatte dazu mit seinem Flughafenkomplex Gelegenheit, ausgerechnet einem Gewerbebau, aber von beachtlichen Ausmaßen. Es mag kurios erscheinen, im Kontext eines Kulturbaus darüber zu sprechen. Aber eine Vielzahl unterschiedlicher Funktionen letztlich doch unter einen Hut zu bringen - in eine Form zu gießen, die selbst auf die wildesten Alltagstätigkeiten noch ihre vereinheitlichende, beruhigende Kraft ausstrahlt, das ließ sich bei dieser Aufgabe durchexerzieren.

Das Cargo und Handling Center ist unter großem Zeitdruck, nach einem präzisen Terminplan entstanden. Denn dort, wo der alte Komplex stand, wächst inzwischen längst der neue Flughafenterminal von Itten-Brechbühl/Baumschlager Eberle aus dem Boden. Das bedeutete eine Art „fliegenden Umzug“ vom alten ins neue Haus, damit die Bauarbeiten für den Terminal in Angriff genommen werden konnten.

Das Center besteht im Wesentlichen aus Bürogeschoßen - je nach Gebäude zwei oder drei - und riesigen Hallen, die alle in Holz konstruiert sind. Sie haben durchwegs Sheddächer, durch die Nordlicht einfällt, mit ungewöhnlichen Spannweiten, um ein problemloses Manövrieren der zahlreichen Fahrzeuge zu gewährleisten.

Inhaltlich geht es hier einerseits um die Abwicklung der gesamten Luftfracht - übrigens bis hin zu lebenden Tieren; andererseits um die Ver- und Entsorgung von und mit allem, was Flugzeuge so brauchen - also vom Tankwagen bis zum Catering, vom Müllfahrzeug bis zur Gangway. Mit einem Wort: Hier herrscht 24-Stunden-Betrieb, es geht rund. Und: Der Komplex ist ein Hochsicherheitstrakt, genauso gesichert und kontrolliert wie der Flughafen. Andernfalls hätte man von hier nämlich die Möglichkeit, ungehindert ein Flugzeug zu erreichen.

Es gibt einen architektonisch dramatischen Moment, und der markiert den Haupteingang. Da überschneiden, verschränken sich die beiden Komplexe Cargo und Handling Center, die unterschiedlichen Gebäudehöhen treffen aufeinander, ein weit auskragendes Dach setzt einen besonderen Akzent.

Die Bürogeschoße selbst sind ruhig und horizontal gegliedert durch eine fixe Lamellenhaut zur Beschattung vor der Glasfassade. Drinnen hat Treusch in den Obergeschoßen über den Gängen Oberlichtkamine eingeschnitten, die atmosphärisch viel bringen. Da lassen sich dann auch tolle konstruktive Details, etwa in Form einer Brückenkonstruktion von knapp 40 Meter Länge ausfindig machen.

In den Hallen tritt dieser konstruktive Aufwand - bei einer Hallentiefe von 65 Metern kommen die Architekten mit einer Stütze aus - noch viel deutlicher in Erscheinung. Sie sind räumlich ein Erlebnis. Abends, wenn die Beleuchtung eingeschaltet wird, ziehen sich lange Lichtbänder rund um die Hallen - ein sehr wirkungsvoller Effekt.

Wenn man von oben, von einem der Bürogeschoße auf die Hallen schaut, blickt man auf eine faszinierende Dachlandschaft. Da hat der Architekt wohl viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Gewöhnliche Flachdächer mit Lichtkuppeln wären finanziell die billigere Variante gewesen. Aber die Flughafen Wien AG nimmt ihre Rolle als bedeutender Bauherr offenbar ernst. Sie wollte eine architektonische und nicht eine nur pragmatische Lösung.

Dass sich ein kleiner Bauherr für die eigene Repräsentation auch einmal etwas Besonderes leistet, das hat man schon erlebt. Hier geht es jedoch um einen gewaltigen Dimensions- und damit auch Bedeutungssprung. Der Komplex hat Vorbildwirkung. Und lässt das Beste für den neuen Flughafen hoffen.

Publikationen

2008

Hermann & Valentiny and Partners
Codes

Seit 25 Jahren führen Hubert Hermann und François Valentiny ihre Büros in Wien und Luxemburg. Was sie verbindet, ist eine gemeinsame Haltung, die sie über die Jahre im verbalen und entwerferischen Gedankenaustausch präzisieren. Was sie trennt ist der Standort: Hier die Großstadt Wien, dort das kleine,
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: Birkhäuser Verlag

2005

T-Center St. Marx, Wien / Vienna

Das spektakuläre T-Center Wien wurde von den Architekten Günther Domenig, Hermann Eisenköck und Herfried Peyker entworfen und gebaut. Das kürzlich fertiggestellte Projekt beherbergt auf einer Nutzfläche von 119000 m² Büros für 3000 Angestellte. Der Bau ist eine ungewöhnlich proportionierte, liegende
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm, Günther Domenig, Hermann Eisenköck, Herfried Peyker
Verlag: Birkhäuser Verlag

2005

Wilhelm Holzbauer
Holzbauer und Partner / Holzbauer und Irresberger

Wilhelm Holzbauer zählt zu den bedeutendsten österreichischen Architekten und Architekturlehrern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine architektonische Haltung leitet sich von der Moderne ab, ist aber auch in einen großen geschichtlichen Entwicklungszusammenhang eingebettet. Er versteht es mit
Hrsg: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: SpringerWienNewYork

2004

Nehrer + Medek
30 Jahre Architektur im Kontext

Ein Buch, das fällig ist. Denn es stellt die Arbeit eines Büros vor, das unbeirrt von allen kurzlebigen Trends langlebige architektonische Lösungen präsentiert. Nehrer + Medek gelten als „die Schulbauer“ schlechthin; auf diesem Gebiet haben sie – vor allem auf der Basis von Wettbewerben – Hervorragendes
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: Verlag Anton Pustet

2003

Baumschlager & Eberle
Bauten und Projekte / Buildings and Projects 1996 - 2002

Der aktuelle Werkbericht aus dem erfolgreichen Vorarlberger Architekturbüro. Seit den Anfängen in den achtziger Jahren ist der Name B&E zum Markenzeichen für äußerst intelligente, ökonomische und ökologische Lösungen geworden, die immer auch durch ihre dauerhafte formale Qualität bestechen. Den Dimensionssprung
Autor: Liesbeth Waechter-Böhm
Verlag: SpringerWienNewYork