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Profil

Studium an der TU-Wien (Dipl.Ing.) und an der ETH-Zürich (Dr.sc.techn.); unterrichtet am Institut für Gebäudelehre der TU-Wien; seit 1995 im Vorstand der österreichischen Gesellschaft für Architektur; seit 2000 Vorstand der Architekturstiftung Österreich. Publikationen unter anderem „Das Wahre, das Schöne und das Richtige - Adolf Loos und das Haus Müller in Prag“, Vieweg 1989 (Neuauflage 2001); „Stilverzicht - CAAD und Typologie als Werkzeuge einer autonomen Architektur“, Vieweg 1998; „Anton Schweighofer - A Quiet Radical“, Springer 2001; „Ringstraße ist überall - Texte über Architketur und Stadt 1992 - 2007“; seit 1992 Architekturkritiker für „Die Presse“ und „Architektur & Bauforum“. Studiendekan der Studienrichtungen Architektur und Building Science an der TU Wien von 2008 bis 2023; Vorsitzender des Beirats für Baukultur im Österreichischen Bundeskanzleramt seit 2015; Kommissär für den österreichischen Beitrag zur Architekturbiennale in Venedig 2014.

Artikel

6. August 2021 Spectrum

Zu Gast im Club Hybrid

Utopische Architektur im Grazer Stadtteil Gries: ein halbes Haus und ein Haus aus Luft – wo regelmäßig Workshops, Vorträge und Konzerte veranstaltet werden. Ein Club lädt zum Experimentieren ein.

Wer erinnert sich noch an das Jahr 2003? Um als Kulturhauptstadt Europas zu glänzen, stürzte sich die Stadt Graz in ein Abenteuer, zu dessen Hinterlassenschaften ein spektakuläres Kunsthaus, eine Stahlinsel in der Mur und nicht zuletzt beachtliche Löcher in den Budgets von Stadt und Land gehörten. Als die Stadt für 2020 ein „Kulturjahr“ ausrief, mag diese Erinnerung zu einer Klarstellung in dessen Titel beigetragen haben: „Graz. Unser Kulturjahr 2020“ sollte kein von oben geplantes, auf internationale Resonanz hin konzipiertes Kulturspektakel werden, sondern ein Jahr der kulturellen Reflexion über die urbane Zukunft mit Blick auf „Umwelt und Klima, digitale Lebenswelten, soziales Miteinander und die Arbeit von morgen“.

Mit einem Budget von fünf Millionen Euro Fördergeld sollten vor allem lokale Initiativen in allen 17 Bezirken gefördert werden. Eine offene Ausschreibung ergab 600 Einreichungen, von denen rund 90 eine Förderung erhielten. Das Spektrum reicht von Aktionen im öffentlichen Raum über Theaterarbeit und Themenworkshops bis zu Ausstellungen und landwirtschaftlichen Versuchsflächen.

So wie die Fußball-Europameisterschaft konnte auch das Kulturjahr 2020 bei gleichem Titel erst mit einem Jahr Verspätung stattfinden. An Intensität hat es dadurch nichts eingebüßt, sondern in manchen Fällen sogar von der aufgestauten Sehnsucht nach Kulturveranstaltungen profitiert. Das gilt jedenfalls für ein Projekt, das Heidi Pretterhofer und Michael Rieper für den Stadtteil Gries im Grazer Südwesten entwickelt haben, einen „Demonstrativbau“ mit der Adresse „Herrgottwiesgasse 161“, die erahnen lässt, dass man sich hier in der Nähe des Grazer Zentralfriedhofs befindet. In unmittelbarer Nachbarschaft des Grundstücks befinden sich vor allem Gewerbebauten und Handelsflächen, aber auch die größte Moschee der Stadt, Teil eines islamischen Kulturzentrums, das 2014 eröffnet wurde. Der Entwurf stammt vom Grazer Büro GSP und geht auf einen Wettbewerb aus dem Jahr 2011 zurück.
Demonstrativbau als kulturelles Herz

In der mentalen Hierarchie der Stadtteile, die es in Graz wie in jeder anderen Stadt gibt, rangiert der Süden von Gries am unteren Ende. Nebel hält sich hier länger, Emissionen von Industriebetrieben und dem Schlachthof machen sich bemerkbar. Trotzdem wohnen und arbeiten hier Menschen, es gibt eine Schule und ein Fitnesscenter, Außenstellen des Berufsförderungsinstituts und des Hilfswerks Steiermark. Der „Club Hybrid“, wie Pretterhofer und Rieper ihren Demonstrativbau genannt haben, versteht sich als kulturelles Herz dieser hybriden Umgebung. Der Club Hybrid ist dreigeschoßig: Im Erdgeschoß liegen eine Küche, Toiletten und viel überdachter, aber nach außen hin nicht abgeschlossener Raum, der als Café und Begegnungszone dient. Die Plattform darüber dient zur einen Hälfte als Ausstellungsraum, zur anderen Hälfte als Terrasse. Darüber liegen Wohnkojen für Gäste, die hier ein paar Tage übernachten können.

Wenn von außen der Eindruck entsteht, als sei nur das halbe Haus gebaut und der Rest einfach mit Stahlträgern in die Luft skizziert, ist das durchaus beabsichtigt: Im Budget von 200.000 Euro war kein Vollausbau über dem großzügigen Erdgeschoß möglich. Weitere 200.000 Euro fließen in die Betreuung und Bespielung des Clubs, der seit seiner Eröffnung im Juni 2021 Vorträge und Konzerte veranstaltet und Künstler zu Workshops einlädt. Den Namen „Club“ würden die Betreiber inzwischen gerne loshaben: Für die beabsichtigte Offenheit klingt er zu exklusiv.

Zu den als Partnern geladenen Gästen gehört auch das Wiener Kollektiv AKT, das zum Großteil aus jungen Architektinnen und Architekten besteht, die sich neben ihrer „normalen“ Architekturpraxis mit Formen von Raumproduktion befassen, die weder im vordergründigen Sinn nützlich noch profitabel sind. Bisher haben AKT Ausstellungen hergestellt, in denen die Mitglieder jeweils individuelle Beiträge zu Themen wie Europa, Nachbar*in oder EinGang lieferten.

Mit „AKT 4“ arbeiteten sie zum Thema „Gast“ erstmals gemeinsam an einem Objekt, das sie als „Gastgeschenk“ für den Club Hybrid verstehen. Was diesem fehle, sei nämlich ein abgeschlossener Hof, und den errichteten AKT aus Gabionenkörben aus verzinktem Stahl, die normalerweise mit Steinen gefüllt zur Hangbefestigung oder als Gartenmauer zum Einsatz kommen. Die gesamte Stahlmenge des Raumgerüsts, das AKT aus diesen Elementen gestalteten, ließe sich komprimiert in zwei größeren Reisekoffern unterbringen. Als Unterbau diente der Aushub, der beim Graben der Fundamente des Club Hybrid anfiel.

Im zentralen, von weißen Vorhängen abgeschirmten Hof schwingt sich dieser Aushub zu einer Miniatur-Bergspitze auf, deren Besteigung dem Besucher einen Ausblick in die Umgebung erlaubt. Für die Ewigkeit sind weder der Club Hybrid noch der Gast-Hof von AKT gedacht. Sie belegen, dass Architektur mit einem Gedanken beginnt, der unabhängig von der gebauten Realität existiert. Ludwig Wittgenstein hat dazu angemerkt: „Erinnere dich an den Eindruck guter Architektur, dass sie einen Gedanken ausdrückt. Man möchte auch ihr mit einer Geste folgen.“
Leichtigkeit und Transparenz

Um welche Gedanken und Gesten könnte es bei den beiden Objekten in Graz gehen? Jedenfalls um Gedanken wie Leichtigkeit und Transparenz, um das Verschließen und Öffnen als Grundgesten der Architektur, um Genauigkeit der Raumbildung ohne den Anspruch auf erstickende Perfektion.

In der heutigen Architektur liegen solche Gedanken zwar in der Luft, aber sie zu bauen gelingt fast nie mehr. Das ist kein Wunder. Tendenziell zerfällt die Architekturwelt heute in einen marktgetriebenen Sektor, in dem in erster Linie Profitmaximierung zählt, und in einen ökologischen Sektor, der sich die Mitverantwortung für alle drohenden Katastrophen auflädt. Dazwischen schrumpft zusehends der Raum für das Utopische, für das Experimentieren mit Lebensstilen und Lebensformen im direkten Sinn des Wortes, oder, wie AKT behaupten: „Die unabhängige und insbesondere utopische Raumproduktion, die jede soziale und kulturelle Wende begleitet, ist praktisch zum Erliegen gekommen.“

Auch Michael Rieper und Heidi Pretterhofer verstehen ihren Club als Einladung zum Experiment. Ursprünglich war geplantgewesen, den Betrieb Mitte August einzustellen. Inzwischen sind neue Nutzer aufgetaucht, teilweise aus dem universitären Bereich, aber auch Nutzer vor Ort wie das islamische Zentrum, womit der Betrieb zumindest bis Herbst gesichert scheint. Der Grund, auf dem der Club steht, gehört der Stadt, und eine der Intentionen des Clubs ist es, diesen Grund als öffentlichen und zugänglichen zu bewahren. Die Stadt der Zukunft braucht solche Orte, um neue Gesten einzustudieren, die sich dann auch im Alltag bewähren.

2. Juli 2021 Spectrum

Da stöhnt der Geist des Wien Museums

Denkmalschutz führt sich ad absurdum, wenn er nicht nur pragmatisch, sondern prinzipienlos vorgeht. Was passieren kann, wenn die nötige Einfühlung fehlt, zeigt sich aktuell am Umbau des Wien Museums am Karlsplatz.

Die Passanten am Wiener Karlsplatz kamen aus dem Staunen nicht heraus. Was passierte da vor ihren Augen mit dem Wien Museum? Im Laufe weniger Wochen verwandelte es sich in eine Ruine, die ohne Dach, Fensterrahmen und Natursteinfassade dastand und das rohe Tragwerk aus Stahlbeton und Ziegelmauerwerk zum Vorschein kommen ließ. Wie konnte man mit einem Haus, das doch unter Denkmalschutz steht, so umgehen? Auch der ORF griff das Thema auf und berichtete im „Kulturjournal“ über die Hintergründe. Der Bericht gab einerseits Entwarnung: Der ruinöse Anblick sei nur temporär, alle Maßnahmen seien mit dem Denkmalamt abgestimmt. Andererseits vermittelte der Bericht in den Kurzinterviews diverser Experten den Eindruck, dass es zwei Arten von Denkmalschutz gibt: eine fundamentalistische, die keinerlei Änderung an einem Baudenkmal akzeptiert, und eine pragmatische, die davon ausgeht, dass ein Denkmal „lebendig“ bleiben und sich daher an veränderte Nutzungsansprüche und Normen anpassen muss.

Das Wien Museum ist exemplarisch für das angesprochene Dilemma. Es zeigt aber auch, dass sich der Denkmalschutz ad absurdum führt, wenn er nicht nur pragmatisch, sondern prinzipienlos vorgeht. Im konkreten Fall beginnt das Problem schon damit, dass der Denkmalschutz in der Ausschreibung des Wettbewerbs im Jahr 2015 explizit festgehalten hat, dass „sowohl eine Aufstockung als auch ein weiterer Anbau an das Bestandsgebäude aus Sicht des Bundesdenkmalamtes als nicht möglich erachtet werden“. Dem Siegerprojekt gelang es, gegen beide Vorgaben zu verstoßen: Es schlug die Aufstockung des Hauses um zwei Geschoße und einen Zubau ans Foyer an der Hauptfassade vor. Das Denkmalamt hatte zwar keine Stimme in der Jury, aber man darf annehmen, dass seine Meinung vor der Juryentscheidung sondiert wurde. Offensichtlich gab es grünes Licht. Hätte das Denkmalamt auf seinen Positionen beharrt, wäre die Politik am Zug gewesen: Der zuständige Minister hätte den Denkmalschutz aufheben müssen, so wie es die damalige Bildungsministerin Elisabeth Gehrer im Fall eines anderen Museums, der Albertina, entschieden hatte, bei dem eine historische Deckenkonstruktion dem Expansionstrieb des Hausherren im Weg stand.

Wäre es fundamentalistisch gewesen, es auf ein solches politisches Urteil ankommen zu lassen? Nein: Fundiert und fundamentalistisch sind nicht dasselbe. Auch ein pragmatischer Zugang zum Denkmalschutz, der seinen Schutzgegenstand „lebendig“ halten möchte, braucht Prinzipien und muss sich diesen Gegenstand durch Forschung und Bewertung erarbeiten, bevor er dem „Leben“ seine Bahn lässt. Diese Arbeit ist nicht nur analytisch, sondern auch kreativ. Sie schließt eine emotionale Beziehung zu ihrem Gegenstand ein, zu dem, was „Genius Loci“ oder im Fall eines Baudenkmals der „Geist des Hauses“ genannt werden kann, mit dem so respektvoll wie möglich umzugehen ist. Um ein analoges Beispiel aus einem weniger hoch kulturellen Bereich zu wählen: Wer ein Automobil aus den 1950er-Jahren kauft und instand setzt, kann es mit neuem Motor, Metallic-Lackierung, besseren Scheinwerfern und einem Rolls-Royce-Kühlergrill ausstatten, um dann mit 220 Kilometern pro Stunde über die Autobahn zu brettern. Das Ergebnis mag spektakulär sein, aber es steht für eine Haltung, die mit Denkmalschutz völlig unverträglich ist, selbst wenn wesentliche Elemente des Alten erhalten bleiben.

Denkmalschutz muss ein Sensorium dafür haben, was einem Denkmal zugemutet werden kann, bevor es seine Integrität verliert. Wenn die Nutzungsansprüche oder der Wunsch nach „zeitgenössischem“ Ausdruck über das vertretbare Maß hinausgehen, muss der Denkmalschutz diesen Ansprüchen fundiert eine Absage erteilen, oder – in Fällen, in denen die Unterschutzstellung disputabel erscheint – auf den Denkmalschutz verzichten. Wäre es nicht wirksamer, weniger Objekte unter Schutz zu stellen, diese aber konsequent und kompromisslos zu schützen. Dass man ausgerechnet in Wien, wo im frühen 20. Jahrhundert die theoretischen Grundlagen der modernen Denkmalpflege von Größen wie Alois Riegl und Max Dvořzák entwickelt wurden, an solche Prinzipien erinnern muss, ist besonders schmerzlich. Für das Wien Museum hätte es mehrere Wege gegeben: einerseits der lange Zeit diskutierte andere Standort für einen Neubau, der es erlaubt hätte, für das Bestandsgebäude eine adäquate Nutzung im Rahmen des Denkmalschutzes zu finden; oder dessen Aufhebung, die einen radikalen Neubau am Karlsplatz zugelassen hätte, oder auch einen, der Elemente des Bestandes integriert, wie es im Wettbewerb einige Projekte vorgeschlagen hatten. Im Unterschied zu diesen Projekten, die offensichtlich nicht mit dem Denkmalschutz kompatibel waren, gelang es dem Siegerprojekt den Eindruck zu vermitteln, den Bestand fast unangetastet zu lassen.

Dieses Versprechen kann das Projekt in der Umsetzung nicht einlösen. Von der alten Substanz bleibt wenig übrig, Baukörperproportion und Raumabfolgen sind bestenfalls fragmentarisch erhalten, explizit geschützte Elemente wie der alte Lift werden funktionslos an eine andere Stelle versetzt, weil sie mit dem neuen Tragsystem kollidieren. Vom „Geist des Hauses“ wird trotz beachtlichen Aufwands nicht viel überleben. Ob unter diesen Umständen eine Kombination von Alt und Neu erreicht werden kann, die den angekündigten höchsten museologischen Ansprüchen genügt, wird man spätestens bei der Wiedereröffnung des Museums beurteilen können.

Überraschenderweise findet das Wien Museum auch prominente Erwähnung in der Stellungnahme der Unesco zum Stand des Welterbes Wien Innere Stadt, die gerade als Entwurf für die ab dem 16. Juli in Fuzhou in China geplante Sitzung des Welterbe-Komitees publiziert wurde. Neben dem Heumarkt-Areal wird dort die Entwicklung am Karlsplatz thematisiert und eine Neuplanung entsprechend den Empfehlungen der Unesco aus dem Jahr 2018 gefordert. Diese Forderung bezieht sich auf das benachbarte Gebäude der Zurich-Versicherung, das über zwei „Brücken“ direkt mit dem Museum verbunden ist. Im Ausgleich für den Abbruch dieser Brücken, der das Museum wieder als eigenständigen Baukörper freistellen würde, erhielt die Versicherung im Flächenwidmungsplan das Recht auf Aufstockung ihres Gebäudes um drei Etagen. Die Unesco kritisiert deren Auswirkung auf die Karlskirche, immerhin eine der wichtigsten Barockkirchen der Welt.

Wie die Stadt Wien auf die Idee kommt, den Beschluss-Entwurf der Unesco in einer Presseaussendung als „so positiv formuliert“ zu bezeichnen, dass mit einer Streichung von der „Roten Liste“ 2022 gerechnet werden darf, ist ein Rätsel, da alle bisherigen Forderungen der Unesco aufrechtbleiben und um methodische Vorgaben ergänzt wurden. Die Illusion, Stadt und Unesco würden sich in ihren Verhandlungen „auf halber Höhe“ treffen, wird sich nicht mehr lange aufrechterhalten lassen. Aber was passiert dann? Bisher ist das Projekt mit jedem Schritt der Weiterbearbeitung nur schlechter geworden. So schmerzlich das nach rund zehn Jahren auch sein mag: Nur ein Neustart, der von der Frage ausgeht, wie viel zusätzliches Bauvolumen diesem Ort zuzumuten ist, kann hier noch zu einem guten Ergebnis führe.

14. Juni 2021 Spectrum

Achtsam in den Untergang

Zwei Biennalen, ein Thema: Wie geht es weiter mit der Welt? In Venedig und im Wiener MAK bleibt es beim Problemaufriss und disparaten Antworten. Mehr Utopie ist in Zeiten der Pandemie wohl nicht zu erwarten.

Es hätte ein Wettbewerb der Utopien werden können: „How will we live together?“, lautete die Frage, die Hashim Sarkis der für 2020 geplanten Architekturbiennale als Leitthema voranstellte. Sarkis ist libanesisch-amerikanischer Architekt und Dekan der Architekturschule am MIT. Man durfte gespannt sein, ob es ihm gelingen würde, an das Niveau der jüngsten Biennalen anzuschließen: Rem Koolhaas' „Elements“ von 2014, Alejandro Avarrenas „Reporting from the Front“ von 2016 und „Freespace“ von 2018, geleitet von den irischen Architektinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara.

Jede seriöse Antwort auf die Frage, wie wir in Zukunft zusammenleben werden, muss mit der Frage nach dem „Wir“ beginnen. Wer ist gemeint: unsere Familie? Unsere Nachbarn? Unsere Landsleute? Alle mit ähnlichen Anschauungen? Zählen auch Tiere dazu? Alle Lebewesen im Kosmos? Die Reibung zwischen identitätspolitischen Aspekten der Fragestellung und der konkreten architektonischen und stadtplanerischen Antwort ließ eine spannende Biennale erwarten, mit Platz für Utopien und Dystopien. Dass bereits bei den Biennalen 2016 und 2018 ähnliche Themen angesprochen waren, hätte kein Hindernis sein müssen, hier nochmals in die Tiefe zu gehen.

Doch dann kam die Pandemie. Neben praktischen Problemen transportierte sie eine Botschaft, die für eine Veranstaltung, in der es im Kern um das Soziale in der Architektur gehen sollte, nicht kontraproduktiver sein könnte: Am sozialsten verhält sich, wer Social Distancing praktiziert. In diesem Umfeld Co-Housing-Projekte und partizipative Planungsprozesse zu debattieren bekommt leicht einen zynischen Unterton.

Man darf die aktuelle Biennale angesichts der Produktionsbedingungen nicht mit bisherigen vergleichen. Die Verschiebungen, zuerst auf Herbst 2020, dann auf Mai 2021, haben viel Energie gekostet und manches unmöglich gemacht. Nur ein sehr erfahrener Kurator hätte aus den außergewöhnlichen Umständen etwas Außergewöhnliches machen können. So bleibt es in den von Sarkis kuratierten Bereichen in den Giardini und im Arsenale bei einer losen Ansammlung von Installationen, von denen nur die wenigsten für sich überzeugen können. Und dann sind es oft wenig überraschende Beispiele wie die Präsentation des Raumlabor.Berlin oder eine Studie zum sozialen Wohnbau in Zürich von Anna Kockelkorn und Susanne Schindler und ihren Studierenden von der ETH Zürich.

In den Länderpavillons macht sich die Pandemie deutlich bemerkbar. Manche bleiben überhaupt geschlossen; an der Tür des australischen Pavillons klebt ein Zettel mit einem Hinweis auf die Website, die die Ausstellung ersetzt. Der Deutsche Pavillon bleibt leer, abgesehen von QR-Codes, die auf Filme verlinken, in denen aus der Perspektive des Jahres 2018 auf die Gegenwart geblickt wird. Der von Olaf Grawert und Arno Brandlhuber kuratierte Pavillon ist nicht der einzige, der auf aktive Teilnahme durch Besucher im Internet hofft, aber in dieser Hinsicht sicher der konsequenteste.

Im Österreichischen Pavillon geht es um neue Formen des Zusammenlebens im virtuellen Raum, die von den Kuratoren Helge Mooshammer und Peter Mörtenböck unter dem Begriff „Platform Urbanism“ zusammengefasst werden. Die digitalen Plattformen, um die es geht, sind jung, in der Regel nicht viel älter als 15 Jahre, bestimmen unser Leben aber in einem beachtlichen, durch die Pandemie weiter gesteigerten Ausmaß. Mooshammer und Mörtenböck interessieren sich nicht nur für die freundliche Vorderseite von Amazon, Google, Facebook oder Tinder, die mit ihren Headquarters eine neue Welt repräsentieren und ganze Stadtteile entwickeln wollen, in denen sie Zugriff auf die von den Bewohnern erzeugten Bewegungsdaten bekommen. Zusätzlich geht es den Kuratoren um die stadträumlichen Seiteneffekte: Leerstand von Verkaufsflächen, Arbeitsbedingungen von Zustellern, Serverfarmen im Nirgendwo. Aus Tausenden Bildern, die in Summe eine Ahnung geben, wohin sich die Stadt als Idee entwickeln könnte, haben die Kuratoren ein Diptychon gestaltet, das die Vorder- und Rückseite der Plattformen illustriert.

In der Ausstellung kombinieren Mooshammer und Mörtenböck die Ergebnisse ihrer langjährigen Forschungsarbeit zum Thema mit Beiträgen von rund 50 geladenen Respondenten, deren Beiträge aus jeweils einem einprägsamen Foto und einer kurzen Videosequenz bestehen. Diese konventionelle Vermittlung steht in einem gewissen Widerspruch zum Thema; sie ist aber im Interesse der Besucher, die mit 3-D-Brillen oder interaktiven Projektionen auch nicht mehr Erkenntnisgewinn verbuchen könnten. Der Österreichische Pavillon hat eine Außenstelle bei der „Vienna Biennale for Change“ des MAK, deren Hauptausstellung unter dem Titel „Planet Love. Klimafürsorge im digitalen Zeitalter“ noch bis Anfang Oktober zu sehen ist. Sie besteht aus drei Teilen, von denen zwei jedenfalls empfehlenswert sind: ein Problemaufriss, der anschaulich zeigt, dass wir seit 50 Jahren alles Nötige über die ökologische Katastrophe wissen, ohne ausreichend zu reagieren, sowie eine gut recherchierte, dichte Sammlung aktueller Lösungsansätze. Der dritte Teil ist purer Kitsch: ein Wald verkohlter Bäume mit einer Oase im Zentrum, das Werk einer Künstlergruppe mit Namen Superflux.

Solche Pseudokunst durchsetzt auch die Biennale in Venedig, etwa in Form von dröhnenden Riesenkanistern, die auf den Rückgang des Polareises hinweisen sollen, oder eines aus Japan importierten Schneehaufens, der im Hauptpavillon unter einer Schutzdecke vor sich hinschmilzt. Wer in Venedig wirklich bewegende Kunst sehen will, sollte die Videoinstallation „Contrapposto Studies“ von Bruce Nauman im Pinault-Museum in der Punta della Dogana besuchen: Das Problem ist nicht irgendwo draußen, sondern in uns, immer zerrisseneren Gestalten, die auf der Stelle treten.

Zum Trost kann man aus dem Österreichischen Pavillon einen Slogan mitnehmen, der Mark Zuckerbergs berüchtigtes Motto „Move fast and break things“ ins Gegenteil verkehrt: „Move slowly and fix things“ – eine Aufforderung zu Achtsamkeit und einer gewissen Skepsis gegenüber der rasenden, technologiegetriebenen Ökologisierung, die uns bevorstehen könnte.

13. Mai 2021 Spectrum

Bauen in Poesie – auch in Wien

Wer die Erderwärmung bis 2050 beschränken will, muss das Bauen revolutionieren. Eine hohe Baukultur heißt, Häuser so zu entwerfen, dass sie von ihren Nutzern über Jahrzehnte geliebt und gepflegt werden. Die gute Nachricht: Solche Häuser finden sich etwa im Sonnwendviertel hinter dem Hauptbahnhof.

Muss, wer ein Haus baut, über die Erde nachdenken? Nicht über den Baugrund, wohlgemerkt, sondern über die Erde als Ganzes. Es hat 50 Jahre gedauert, bis sich Bauherren und Architekten zu einem zögerlichen „Ja“ durchgerungen haben. Die Fakten sind inzwischen bekannt. Wer die Erderwärmung bis 2050 auf das vereinbarte Ziel beschränken will, muss das Bauen revolutionieren, damit die Erde eine gute Wohnung bleiben kann. Bauen ist für ein Drittel der treibhausrelevanten Emissionen verantwortlich und für fast zwei Drittel des Abfalls. Vermeidbarer Verkehr, der durch schlechte Siedlungsstrukturen entsteht, noch nicht eingerechnet. In welche Richtung die Entwicklung geht, wissen wir seit Anfang der 1970er-Jahre, als erstmals über die „Grenzen des Wachstums“ geschrieben wurde. Dass E. F. Schumachers Buch „Small is beautiful“ auch einen Untertitel hatte, der auf den Kern des Problems verweist, wird oft übersehen: „A study of economics as if people mattered“.

Der Gedanke, die „Erde als eine gute Wohnung“ zu verstehen, stammt vom Architekten Bruno Taut, der 1920 ein gleichnamiges Buch publizierte, dessen andere Titel „Die Auflösung der Städte“ und „Der Weg zur alpinen Architektur“ waren. Taut, kein Fantast, sondern der Architekt einiger der besten sozialen Wohnbauten und Siedlungen seiner Zeit, ließ in diesem Buch seiner Fantasie freien Lauf. In dreißig Zeichnungen skizzierte er Stadtkronen und Blumenstädte, die sich über die Erde ausbreiten, aber auch kristallin gefaltete Typenhäuser, die Individualität garantieren sollen. In diesen Skizzen imaginierte Taut eine neue Lebens- und Bauweise für das zweite Jahrtausend. Konsequenterweise folgen im Buch auf die 30 Bildtafeln über hundert Seiten mit nachgedruckten revolutionären Texten von Engels bis zu Tolstoi und Kropotkin.

Taut war nicht der Einzige, der in dieser Zeit mit der Idee Aufmerksamkeit erregte, Kunst als Mittel zur Revolutionierung der Gesellschaft zu verstehen. Zu seinen Freunden zählte Walter Gropius, 1918 Mitgründer des Arbeitsrats für Kunst und ab 1919 Direktor des Bauhauses, einer Kunsthochschule, die zuerst in Weimar und ab 1926 in Dessau angesiedelt war. Das von ihm entworfene Bauhausgebäude in Dessau ist ein Schlüsselwerk des funktionalistischen internationalen Stils. Mit anarchisch aufgelösten Städten und fantastischen neuen Wohnwelten hat es freilich nichts zu tun: Ab den frühen 1920er-Jahren träumte Gropius von Wohnmaschinen für das Existenzminimum, hergestellt in Fertigteilbauweise.

Dass in der Europäischen Union die Idee eines „Neuen Bauhauses für Europa“ umgeht, ist daher etwas überraschend. Niemand geringerer als Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat die Idee in einer Rede Anfang des Jahres lanciert, gewissermaßen als das Gesicht des Green New Deal, der nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein kulturelles Projekt werden müsse, um Erfolg zu haben. Als treibende Kraft im Hintergrund gilt der deutsche Umweltforscher Hans Joachim Schellnhuber. Ob das Neue Bauhaus ein konkreter Ort, ein Netzwerk von Orten oder eine abstrakte Idee sein wird, muss erst geklärt werden; die Kommission stellt dafür über einen laufenden Call rund 30 Millionen Euro zur Verfügung. Dass die EU das Bauen endlich als kulturelles und nicht mehr nur als technisches, ökologisches und ökonomisches Thema anerkennt, ist trotzdem ein wichtiger Schritt. Eine hohe Baukultur bedeutet, Häuser so schön und zugleich so anpassungsfähig zu entwerfen, dass sie von ihren Bewohnern, Nutzern und Nachbarn über viele Jahrzehnte geliebt und gepflegt werden.

Ein Ort in Wien, an dem sich viele neue Häuser finden, die dieses Potenzial haben, ist das Sonnwendviertel Ost hinter dem Wiener Hauptbahnhof. An der zentralen Straße des Quartiers, der Bloch-Bauer-Promenade, haben die Architekten Anna Popelka und Georg Poduschka (PPAG) für den Bauträger 6b47 ein bemerkenswertes Haus entworfen. Auf seine Lage zwischen Hauptstraße und Park reagiert es mit zwei unterschiedlichen Gesichtern, einem städtisch-kompakten auf der einen und einem zur Sonne hin aufgelösten auf der anderen Seite. Die Wohnungen sind im Grundriss so angelegt, dass Wohn- und Schlafzimmer einen großen Balkon L-förmig umfassen, der sich bei Bedarf durch Vorhänge in ein „Außenzimmer“ verwandelt. Die Staffelung der Wohnungen sorgt dafür, dass alle einen freien Blick zum Park haben, und gibt der Fassade eine Leichtigkeit, die durch zarte Rundsäulen verstärkt wird, die nicht tragend sind, sondern für die Balkonentwässerung sorgen. Auf dieses banale Problem, an dem in Wien nicht wenige Planer scheitern, eine so poetische Antwort zu finden ist eine Leistung.

Die konsequente Ausrichtung der gestaffelten Wohnungen zum Park führt im Grundriss zu einer Innengang-Erschließung mit einem Treppenhaus, das über zwei Lichthöfe belichtet wird. Ursprünglich waren entlang des Innengangs weitere Schächte geplant, von denen aber nur einer realisiert wurde. Die Gänge hätten weniger lang ausfallen können, hätte man an ihren Enden größere Wohnungen angelegt. Dem stand das Anliegen des Bauträgers und des Investors entgegen, das Vermietungsrisiko zu minimieren. Zweizimmerwohnungen mit 30 bis 60 Quadratmeter finden meist Abnehmer, und so liegt die Durchschnittsgröße der Wohnungen in diesem Haus bei rund 50 Quadratmetern. Die Grenzen der Ökonomie zeigten sich auch bei der Konstruktion. Ursprünglich als Kombination aus Stahl und Holz geplant, kam schließlich eine konventionelle Konstruktion aus Stahlbeton zum Zug.

Trotzdem lebt in diesem Projekt noch einiges von der Poesie weiter, die Bruno Taut vor 100 Jahren für das „zweite Jahrtausend“ imaginiert hat. In den nächsten Jahren werden wir sehen, ob sich die Architektur weiter an die Grenzen von Ökonomie und Technik anpassen muss, oder ob sich neue ökonomische Modelle und Technologien finden, die so etwas wie Baukunst im 21. Jahrhundert erlauben. Das „Neue Bauhaus für Europa“ wird ein ganz anderes sein müssen als sein historischer Vorgänger: Das funktionalistische Denken, dem sich das Bauhaus unter Gropius verschrieb, hat viel zu dem Schlamassel beigetragen, in dem wir uns heute befinden.

17. April 2021 Spectrum

Wo geht’s zur Zukunft des Bauens?

So wie das Recht und die Gesundheit darf auch der Raum nicht der völligen Kommerzialisierung überlassen werden. Eine Novelle des Ziviltechnikergesetzes und ihre Folgen.

Eine der schönsten Beschreibungen städtischen Lebens stammt von Robert Musil: Alle großen Städte bestünden aus Unregelmäßigkeit, Wechsel, Vorgleiten, Nichtschritthalten, Zusammenstößen von Dingen und Angelegenheiten, bodenlosen Punkten der Stille dazwischen, aus Bahnen und Ungebahntem, aus einem großen rhythmischen Schlag und der ewigen Verstimmung und Verschiebung aller Rhythmen gegeneinander und glichen im Ganzen einer kochenden Blase, die in einem Gefäß ruht, das aus dem dauerhaften Stoff von Häusern, Gesetzen, Verordnungen und geschichtlichen Überlieferungen besteht. Häuser und Gesetze sind tatsächlich träge, aber auch sie ändern sich, und wenn man ihre Entwicklung im Zeitraffer betrachtet, sind diese Änderungen nicht weniger sprunghaft und von Verschiebungen und Verstimmungen geprägt als das Leben selbst. Ihre Wirkung ist nicht sofort spürbar. Gesetze werden beschlossen, Häuser gebaut, und oft dauert es Jahrzehnte, bis Fehlkonstruktionen Wirkung zeigen und als Bauschäden oder gesellschaftliche Verwerfungen zum Vorschein kommen.Vergangene Woche beschloss der Nationalrat eine Novellierung des österreichischen Ziviltechnikergesetzes, die nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs nötig geworden war. Im Kern geht es um die Frage, wie sich Ziviltechniker, zu denen als Untergruppen Architekten und Ingenieurkonsulenten zählen, mit anderen wirtschaftlichen Akteuren zusammenschließen dürfen. Die EU fährt in dieser Frage eine liberale Linie: Was spricht dagegen, dass Architekten mit ausführenden Unternehmen eine GmbH gründen, um ihre Dienste aus einer Hand anbieten zu können?

Ziviltechnikerinnen und Ziviltechniker sind allerdings keine gewerblichen Unternehmer, sondern zählen zu den in Österreich sogenannten „Freien Berufen“, zu denen auch Ärzte, Notare und Rechtsanwälte gehören. Sie erbringen ihre Leistungen persönlich, eigenverantwortlich und fachlich unabhängig im Interesse ihrer Auftraggeber und der Allgemeinheit. „Frei“ sind sie insofern, als sie nicht der Gewerbeordnung unterstehen; abgesehen davon sind sie gerade nicht frei, sondern gebunden an hohe Ausbildungsstandards und an die Mitgliedschaft in einer berufsständischen Vertretung, die diese Standards durch zusätzliche Prüfungen absichert. Ziviltechniker sind berechtigt, öffentliche Urkunden auszustellen, womit sie gewissermaßen als „technische Notare“ agieren, die ausgelagerte Behördentätigkeiten übernehmen. Schon bisher konnten sich Ziviltechniker zu GmbHs zusammenschließen. Das neue Gesetz erlaubt nun eine neue Kategorie von sogenannten „Interdisziplinären Gesellschaften“, an denen Ziviltechniker nur noch mindestens 50 Prozent der Anteile halten müssen. Die anderen 50 Prozent können von einem ausführenden Unternehmen,beispielsweise einem Baukonzern, gehalten werden. Die Ziviltechniker in solchen Gesellschaften werden sich kaum verweigern können, Beurkundungen für Projekte durchzuführen, die von ihren Gesellschaftern errichtet wurden, ein klassischer Fall eines Interessenkonflikts. Zum Selbstbild von Ziviltechnikern gehört außerdem, die Interessen von Bauherren, Nutzern und Öffentlichkeit an erste Stelle zu setzen, während Unternehmen grundsätzlich profitorientiert agieren. Als Bollwerk gegen die Kommerzialisierung des Bauens sind Interdisziplinäre Gesellschaften wohl kaum geeignet. Im Vorfeld der Beschlussfassung der Gesetzesnovelle versuchte die Berufsvertretung, „Gold-Plating“, also die Übererfüllung der EU-Vorgaben, zu korrigieren. Eine Beteiligungsmöglichkeit von Interdisziplinären Gesellschaften an „normalen“ ZT-Gesellschaften, die durch Verschachtelung eine völlige Verwässerung des „ZT-Anteils“ ermöglicht hätte, konnte abgewendet werden; die Beurkundungsfähigkeit blieb den Interdisziplinären allerdings erhalten. Bedeutet diese Entwicklung den Anfang vom Ende der Architektur? Natürlich nicht. Der Witz, dass das Architekturbüro der Zukunft eine Rechtsanwaltskanzlei mit angeschlossenem Zeichenraum sei, kursiert schon seit einem Vierteljahrhundert. Aber es geht hier um für sich genommen kleine Verschiebungen, die in Summe und auf lange Sicht betrachtet die Machtverhältnisse zugunsten eines rein wirtschaftlichen Denkens verändern.

In diese Richtung geht auch der Versuch, Bauprojekte durch sogenannte Totalunternehmer abwickeln zu lassen, die Planung und Ausführung zu einem Fixpreis übernehmen und für die Planung Architekten als Subunternehmer heranziehen. In dieser Konstellation ist die Idee eines „Freien Berufs“, der nicht nur die Interessen des unmittelbaren Auftraggebers, sondern auch jene der Öffentlichkeit beachtet, obsolet. Ein Experiment in diese Richtung läuft derzeit in Tirol beim Projekt eines neuen Universitätsgebäudes für das Management Center Innsbruck. Nachdem ein in einem Architekturwettbewerb ausgewähltes Projekt aus zweifelhaft argumentierten Kostengründen verworfen worden war, kam nun als Totalunternehmer ein Baukonzern zum Zug, der vorerst nicht mehr garantiert als ein Stück Universität mit 16.000 Quadratmeter Nutzfläche zum Preis von 103 Millionen Euro. Das Projekt wird im Rahmen eines „wettbewerblichen Dialogs“ gesucht, einem Typ von Verfahren, der im Vergaberecht eigentlich nur für technisch hoch komplexe Infrastrukturprojekte vorgesehen ist. Im konkreten Fall sollen nach einer offenen Ausschreibung 30 Teilnehmer geladen werden, aus denen eine Jury acht auswählt, die nach Aufhebung der Anonymität mit der Jury in einen Dialog treten, an dem der Totalunternehmer als Berater mitwirkt. In diesem Dialog werden die Projekte so lange weiterentwickelt, bis – idealerweise – ein Gleichgewicht von Qualität und Kosten hergestellt ist. Praktisch sieht das anders aus: Wer die Kosten garantiert, bestimmt die Qualität – und den eigenen Profit. Verstärkt werden diese Trends durch die Digitalisierung des Bauwesens, die mit immer anspruchsvolleren Datenmodellen versucht, die Planung, das Bauen und den Betrieb von Gebäuden in einen kontinuierlichen Prozess zu integrieren. In den falschen Händen führt das zu einem seriellen Bauen auf dem Niveau des alten Plattenbaus. Das Potenzial, Bauteile und bald ganze Häuser im 3-D-Druck herzustellen, ist aber nicht zu unterschätzen. In diesem Bereich mag es sinnvoll sein, Planung und Ausführung zu verschmelzen. „Interdisziplinäre Gesellschaften“ könnten hier einen Beitrag dazu leisten, das Bauen zu revolutionieren.
Selbst mittelfristig wird das aber nur für ein paar Prozent des Bauvolumens relevant sein. Der große Rest ist weiterhin besser in den Händen eines „Freien Berufs“ aufgehoben. So wie Recht und Gesundheit ist auch der Raum zu wichtig, um ihn der völligen Kommerzialisierung zu überlassen.

17. März 2021 Spectrum

Was die Stadt Wien gegen ihre Überhitzung tun will

Neue Bäume, Nebelduschen: Die Stadt Wien rüstet sich gegen die Überhitzung ihrer Straßenräume. Leben mit der großen Hitze.

Unter normalen Umständen hätte die Nachricht mehr Aufmerksamkeit erregt: Seit 100 Tagen war die Wiener „Fortschrittskoalition“ aus SPÖ und Neos vergangene Woche im Amt. Für die Wiener Stadtplanung bedeutet diese Koalition zumindest personell eine Zäsur: Nach zehn Jahren grüner Leitung – von 2010 bis 2019 durch Maria Vassilakou und danach durch Birgit Hebein – ist das Planungsressort an die SPÖ zurückgefallen. Ulli Sima, ausgewiesene Umweltpolitikerin und bisher Umweltstadträtin, durfte ein Ressort mit dem klingenden Namen „Innovation, Stadtplanung und Mobilität“ übernehmen.

Hat damit eine neue Ära in der Stadtplanung begonnen? Nimmt man die Presseaussendungen der Stadtplanung der vergangenen 100 Tage als Maßstab, zeigt sich zumindest ein eindeutiger Fokus: mehr Bäume und weniger Asphalt für die Stadt. Die meisten der Projekte, zu denen die Renaturierung des Liesingbachs oder die Oberflächengestaltung des Neuen Markts, der Zollergasse und des Pratersterns gehören, gehen zwar auf ihre Vorgängerinnen zurück, aber Sima hat in laufende Planungen eingegriffen und ihnen mehr Grün verordnet.

In manchen Fällen entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. Anlass für die bevorstehende Oberflächengestaltung des Neuen Markts im ersten Bezirk ist das Projekt einer Tiefgarage mit rund 350 Stellplätzen. Das Auto hatte den Platz schon in den 1950er-Jahren für sich erobert und in eine Abstellfläche verwandelt, die sich um den barocken Providentia-Brunnen von Raphael Donner im Zentrum ausbreitete. Im Jahr 1959 platzierte sich eine von Karl Schwanzer entworfene Hochgarage ausgesprochen selbstbewusst an der Ecke zur Tegetthoffstraße, schräg gegenüber dem Eingang zur Kapuzinergruft. Die Hochgarage – mit dem ersten Autolift der Stadt – bewährte sich nicht und wurde Anfang der 1980er-Jahre durch ein Bürohaus ersetzt, das ästhetisch einen Absturz vom kühlen Rationalismus der Nachkriegszeit in eine ungelenke Postmoderne bedeutete.

Die Autos fluteten weiterhin den Platz; eine Tiefgarage sollte Abhilfe schaffen. Von Baumpflanzungen war vorerst keine Rede. Bäume hatte es auf diesem Platz auch nie gegeben. Alte Stiche zeigen einen wuselnden Marktplatz mit Verkaufsständen ohne städtisches Grün. Auch im Architekturwettbewerb für die Oberflächengestaltung, den Paul Katzberger, der für die Stadt Wien unter anderem die Stationen der U-Bahnlinie U2 entworfen hat, 2003 für sich entscheiden konnte, sind Bäume kein Thema. Immerhin gibt es große Grünskulpturen, mit Pflanzen bewachsene Gerüste – die allerdings bald aus dem Programm gestrichen werden, da sich niemand findet, der ihre Pflege übernehmen möchte. Katzbergers Entwurf funktioniert auch ohne Grün: Er lebt von der richtigen Platzierung der Beleuchtung und von feinen Details der Stadtmöblierung. Dass Bäume hier überhaupt möglich sind, liegt an der hohen Erdüberschüttung der Garage von bis zu 1,8 Metern. Ein Blick in die spektakuläre Baugrube auf dem Neuen Markt macht klar, was mit dem Begriff „unterbautes Grün“ gemeint ist: Wie fast überall in der Stadt müssen die Wurzeln der Bäume mit zahlreichen technischen Einbauten koexistieren, die eine freie Platzierung von Pflanzen oft unmöglich machen. Und auch die Bäume brauchen heute technischen Support: Ohne eigenes Bewässerungssystem könnten sie dem Stress des Klimawandels nicht mehr standhalten. Dass die sechs Platanen, die für den Platz vorgesehen sind, mit einer Höhe von bereits zehn Metern gepflanzt werden sollen, ist nicht die technische Sensation, als die es den Medien gegenüber dargestellt wurde, sondern eine politische: Bisher war die Stadt nicht bereit, die relativ bescheidenen Mehrkosten für ältere Bäume zu bezahlen.

Mit sechs Platanen wird man bei der Neugestaltung des Pratersterns, dem größten unter den aktuellen Projekten, nicht auskommen. Auch hier lag bereits vergangenes Jahr eine Planung vor, Ergebnis eines Ideenwettbewerbs, den DnD Landschaftsplanung und die Architektengruppe KENH für sich entscheiden konnte. Der Praterstern ist Umsteigestation für Zigtausende Fahrgäste der ÖBB und der Wiener Linien, zugleich das touristische Eintrittstor zum Riesenrad und schließlich ein sozialer Brennpunkt, den man durch Alkoholverbote und Polizeipräsenz nur mühsam einhegen konnte. Gestalterisch hat der Platz ein schlechtes Karma: Seine ursprüngliche Sternfunktion ist dahin, seit die Bahnlinie, die einst halbkreisförmig um ihn herumführte, quer durch den Platz gelegt ist.

Die Straßenführung der 1950er-Jahre, die aus der Kreisform eine zeittypisch gequetschte Nierentischkurve machte, hat den Platz schließlich in einen Durchgangsort ohne jede Aufenthaltsqualität verwandelt. Mit der Neugestaltung des Bahnhofs durch Albert Wimmer verbesserte sich die Innenraumqualität des Bahnhofs deutlich, der Platz rundherum blieb gestalterisches Kampfgebiet. Boris Podrecca, der im Wettbewerb für das Bahnhofsgebäude eine monumentale Gesamtüberdachung des Pratersterns vorgeschlagen hatte, durfte die Kontur des Platzes mit einer fünf Meter hohen Stahlpergola nachzeichnen, die wenig zur Klärung der Situation beitragen konnte. Ihre Entfernung Ende des Jahres war eine Erleichterung.

Der neue Plan nimmt den Praterstern als das, was er ist: eine vom Verkehr umspülte und durchzogene Fläche, die in absehbarer Zeit, wenn hier nur noch elektrisch betriebene Vehikel unterwegs sein werden, auch eine akzeptable Luftqualität aufweisen wird. Der aktuelle Plan sieht vor, die Kontur des Platzes – soweit verkehrstechnisch möglich – mit einem 2,5 Meter breiten, erhöhten Pflanzstreifen nachzuzeichnen und innerhalb dieser Kontur ein Archipel von grünen Inseln anzulegen. Vor dem Tegetthoff-Denkmal wird es Wasserspiele und die obligatorischen Nebelduschen geben.

Angesichts der Bedrohung unserer Lebensgrundlagen, die wir uns gerne als Klimawandel schönreden, sind diese Maßnahmen Kosmetik. Es ist trotzdem richtig, sie zu setzen und den Stadtbewohnern fühlbare, wenn auch nur punktuelle Erleichterung zu bringen. Wie sie das komplexe ökologische, soziale, technische und nicht zuletzt ästhetische System Stadt in die Zukunft retten möchte, muss uns die Wiener Stadtplanung aber noch erklären. Die nächsten 100 Tage sind bald vorbei.

12. Februar 2021 Spectrum

Wer schreit lauter?

Im Lockdown meist geschlossen, aber zugleich so zugänglich wie noch nie: Architekturmuseen in ganz Europa. Ein Spaziergang – vom Schreibtischsessel aus.

Nennen wir es das „Lockdown-Paradoxon“. Einerseits stehen wir vor verschlossenen Türen. Die meisten Kulturinstitutionen sind gesperrt, und selbst wenn sie ihre Hallen wieder öffnen, dürfen die Besucher nicht zum Publikum werden: Abstandsregeln und Masken zwingen sie, distanziert, also quasi privat zu bleiben. An Ausstellungseröffnungen oder Vorträge vor Ort ist sowieso nicht zu denken.

Andererseits stehen uns dieselben Institutionen digital in einem bisher unbekannten Ausmaß offen. Einen Webauftritt zur Ankündigung des Programms hatte jede von ihnen schon bisher. Unter Corona-Bedingungen versuchen sie nun, den Besuchern ein digitales Erlebnis zu bieten, das sich einem realen Besuch annähert. Das gilt für die unzähligen Vorträge, die auf ein Online-Angebot umgestellt wurden, aber auch für Ausstellungen, die auf unterschiedliche Art digital vermittelt werden. Da es für diese Angebote keine geografischen Grenzen mehr gibt, explodiert durch den Lockdown – paradoxerweise – das weltweit zugängliche Angebot.

Am weitesten entwickelt sind diese Angebote dort, wo man schon vor der Corona-Krise systematisch auf digitale Medien setzte, beispielsweise im Pavillon d'Arsenale, dem Pariser Zentrum für Architektur und Urbanismus. Hier werden seit über zehn Jahren unter dem Titel „Arsenal TV“ kurze, nicht länger als ein paar Minuten dauernde Videos präsentiert, in denen Architektinnen und Architekten ihre Projekte vorstellen. Zu zwei Ausstellungen des Jahres 2020, eine über die Champs Élysées und eine über Artificial Intelligence in der Architektur, gibt es virtuelle Rundgänge mit der Möglichkeit, in einzelne Exponate zu zoomen. Beide wirken leider steril und bieten im Vergleich zu einem gut gemachten Katalog keinerlei zusätzlichen Wert. Ein kreativer Einsatz der Technologie müsste zumindest das Niveau guter Computerspiele erreichen.

Zur aktuellen Ausstellung des Schweizer Architekten Philippe Rahm über die „Naturgeschichte der Architektur“ finden sich nur eine Broschüre zum Download und einige Fotos, die neugierig machen. Eine Auswahl von Videos, in denen Rahm über seine architektonische Grundlagenforschung zur Beziehung von Energie, Umwelt und Architektur berichtet, ist allerdings nur ein paar Klicks entfernt auf YouTube zu finden.

Dass es sich lohnt, eine Ausstellung online zu präsentieren, beweist das Architekturzentrum Wien. „Boden für alle“ heißt die aktuelle, hervorragend aufbereitete Schau zu einem nur auf den ersten Blick spröden Thema, nämlich unseren Umgang mit der nicht vermehrbaren Ressource Boden. Der Katalog übersetzt seriös recherchierte Fakten in eine leicht verständliche Darstellung, die sich auch nicht scheut, Widmungsabläufe in einer Landgemeinde als Foto-Roman darzustellen. Zusätzlich bietet das AzW auch eine 20 Minuten dauernde Videoführung durch die Ausstellung an, in der die Direktorin Angelika Fitz abwechselnd mit den Kuratorinnen Karoline Mayer und Katharina Ritter durch die Stationen der Ausstellung führt. Diese Triple-Conference ist ausgesprochen kurzweilig und weit mehr als nur ein „Teaser“ für die Ausstellung.

Ein ähnliches Angebot findet sich im Aut, dem Tiroler Architekturhaus in Innsbruck, dessen Ausstellung über die 1970er-Jahre, „Widerstand und Wandel“, Mitte März 2020 nach nur drei Wochen schließen musste. In einer Serie von Videos, die während des ersten Lockdowns entstanden sind, führt der Leiter des Aut, Arno Ritter, durch die Ausstellung, teilweise im Gespräch mit Zeitzeugen. Begleitend werden Teile des Katalogs zum Download angeboten. Als Präsentator zwischen den zahlreichen Ausstellungsobjekten lässt Ritter seine virtuellen Besucher deutlich sein Bedauern spüren, dass sie etwas versäumen. Für die laufende Ausstellung der Künstlerin Carmen Müller, „Von Gärten, Pflanzen und Menschen“, verzichtet das Aut auf solche Untertöne. Zwei schöne Videoarbeiten begleiten die Ausstellung, eine von Valerie Messini zum Werk der Künstlerin und eine Dokumentation der Ausstellungsinstallation, gefilmt von Günter Richard Wett.

Auch das DAM, das deutsche Architekturmuseum in Frankfurt, setzt auf den Garten, allerdings aus technischer Sicht. „Einfach Grün“ heißt die Ende Jänner virtuell eröffnete Ausstellung über die Welt der Fassaden- und Dachbegrünung. Neben einem Video der Eröffnung finden sich zahlreiche aufgezeichnete „Zoom“-Sessions mit Experteninterviews – ein ermüdendes Format, das wohl nur den interessiertesten unter den Besuchern zumutbar ist.

Die zweite aktuelle Ausstellung präsentiert mit eigener Website die Gewinner des DAM-Preises, mit dem jährlich aus rund 100 Nominierungen das beste deutsche Projekt des Jahres gekürt wird. Während die nominierten Projekte teilweise von zweifelhafter Qualität sind, hat die Jury bei den vier Finalisten tatsächlich hervorragende ausgewählt: ein öffentliches Haus für die Stadtverwaltung von Oberhausen mit integriertem Dachgewächshaus von Kuehn Malvezzi, die Hochschule für Schauspielkunst in Berlin von O&O Baukunst, das Wohnregal von FAR in Berlin und schließlich den Preisträger, das „Werk 12“ im Münchner Werksviertel Mitte von den niederländischen Architekten MVRDV, ein gemischt genutztes Betonregal mit tiefen umlaufenden Balkonen und 5,5 Meter hohen Räumen, in die teilweise eine zweite Ebene eingezogen ist. Als Kunst am Bau haben Beate Engl und Christian Engelmann die Fassade mit geschoßhohen, nachts leuchtenden Buchstaben garniert, die Ausrufe aus Comics zitieren: HMPF, AAHHH, WOW und PUH.

Ein Video der Ausstellung zeigt dieses Projekt, präsentiert wie einen Schatz im Mittelpunkt der weiß verputzten Urhütte, die Oswald Matthias Ungers 1984 ins Zentrum der zum Architekturmuseum umgebauten Villa gesetzt hat. Ungers' absolute Architektur mit ihrem Hang zum schweigend Erhabenen trifft auf eine Architektur der rohen Infrastruktur, die gar nicht laut genug schreien kann.

MVRDV haben mit diesem ironischen Projekt den Zeitgeist karikiert: Im globalen Wettbewerb der Bilder nimmt die Versuchung zu, mit allen Mitteln aufzufallen. Architekturmuseen und -zentren sollten die Orte sein, an denen hinter die Kulissen geblickt und nach den Bedingungen gesucht wird, die gute Architektur erst möglich machen.

16. Januar 2021 Spectrum

Schweres Holz mit leichter Hülle

Was ist das beste Baumaterial für eine Universität für Bodenkultur? Ziegel und Stahl hat man schon probiert, jetzt ist Holz am Zug. Und das ist gelungen – wie das Ilse-Wallentin-Haus in Wien-Döbling beweist.

Die Wiener Universität für Bodenkultur hat ihren Sitz im 19. Bezirk in unmittelbarer Nachbarschaft des Türkenschanzparks. Ihre Gebäude stammen zum Großteil aus dem späten 19. Jahrhundert und sind typische Beispiele für die Architektur des Historismus. Könnte man sie wie Spielsteine von ihrem Standort lösen, ließen sie sich zu einem beeindruckenden Universitätscampus arrangieren. Im Wiener Stadtgrundriss der Gründerzeit ist eine solche Anordnung aber nicht vorgesehen, und so stehen die beiden Hauptgebäude, das Gregor-Mendel- und das Wilhelm-Exner-Haus, in beträchtlicher Distanz voneinander wie kleine Paläste auf ihren Parzellen, ohne miteinander in Dialog zu treten. Weitere Universitätsbauten mischen sich dezent unter die Stadtvillen der Umgebung.

Bis heute prägen diese Paläste das Image der Universität, auch wenn es bereits mit dem von Anton Schweighofer 1967 entworfenen und 1972 fertiggestellten Erweiterungsbau des Wilhelm-Exner-Hauses ein bedeutendes Signal für eine Erneuerung gab. Dieser Bau war zwar von der Straße aus unsichtbar, verstand sich aber als erstes Element eines weit in die Umgebung reichenden Netzwerks von Erweiterungen. Im Material für Konstruktion und Fassade suchte man den maximalen Kontrast zum Bestand: Stahl, allerdings in einer speziellen Legierung, die zwar oberflächlich rostet, sich dann aber selbst durch diese erste Schicht vor weiterer Korrosion schützt. Das bekannteste derartige Produkt wurde unter dem Namen Cortenstahl vermarktet. Architekten waren fasziniert von der Ästhetik dieses „alternden“ Materials, das nie wieder einen Anstrich zu benötigen versprach. Eines der ersten mit Cortenstahl ausgeführten Projekte war die Freie Universität Berlin, eine Neugründung der 1960er-Jahre, entworfen von den Architekten Candilis, Josic und Woods, die zu den Erfindern des „Strukturalismus“ in der Architektur gehörten.

Anton Schweighofers Erweiterungsbau brachte diese Materialwahl wenig Glück. Die von der Voest produzierte Variante des Cortenstahls hörte nicht auf zu rosten. Die schlechte Wärmedämmung führte in Kombination mit der dunklen Oberfläche dazu, dass es im Haus im Winter zu kalt und im Sommer zu heiß war. Als schließlich der Verdacht aufkam, dass der zum Brandschutz verwendete Asbest die Nutzer gefährden könnte, wurde das Haus geschlossen und stand weniger als 25 Jahre nach seiner Eröffnung leer. Heute ist von ihm nach einer radikalen Sanierung nicht mehr übrig als ein paar Stahlträger, um die herum ein Neubau aus Stahlbeton errichtet wurde.

Unmittelbar neben diesem Gebäude war allerdings noch Platz für einen Zubau, ein leicht geböschtes Areal, umgeben von alten Bäumen. Hier sollten zusätzliche Flächen für Institutsräume sowie ein Seminarzentrum und eine Erweiterung der Bibliothek errichtet werden. In der Ausschreibung für den Architekturwettbewerb im Jahr 2017 war explizit ein konstruktiver Holzbau gefordert. Dass eine Universität, die der Land- und Forstwirtschaft ihre Gründung verdankt, aus diesem Material auch bauen möchte, ist naheliegend. Bereits 2014 hatte sie sich beim Wettbewerb für eine neues, 200 Meter stadteinwärts gelegenes Institutsgebäude für einen Entwurf des Büros Baumschlager-Hutter entschieden, bei dem immerhin die Fassade aus vertikalen Holzlamellen besteht. Dass man diesmal einen Schritt weiter gehen und auch das Tragsystem aus Holz errichten wollte, hing nicht zuletzt mit den guten Erfahrungen zusammen, die man bei einer Außenstelle der Universität in Tulln gemacht hatte. Dort hatte das Architekturbüro SWAP in Kooperation mit Delta Projektconsult ein Laborgebäude in Holzkonstruktion errichtet, der 2018 in der Kategorie „Öffentlicher Bau“ den österreichischen Holzbaupreis erhielt.

Beim Wettbewerb für den Neubau am zentralen Standort – benannt nach der ersten Dissertantin der Universität Ilse-Wallentin-Haus – konnte sich dasselbe Team gegen eine Konkurrenz von 60 Teilnehmern durchsetzen. Das Projekt ist perfekt auf die geforderte Nutzung zugeschnitten: ein teilweise ins Gelände eingegrabenes Sockelgeschoß mit Seminarräumen, darüber ein Eingangsgeschoß mit Foyer und zwei großen Vortragsräumen, dann die Bibliotheksräume und in den beiden obersten Geschoßen die Institutsräume. Ein kleines Atrium, das die Sozialräume der beiden Institutsgeschoße verbindet, bringt zusätzliches Licht in die Mitte des Baukörpers. An der Fassade ist diese Gliederung klar ablesbar: Foyer und Bibliothek haben Fenster im beachtlichen Format von 3,4 mal 3,4 Metern, die den Benutzern das Gefühl vermitteln, zwischen den Bäumen der Umgebung zu sitzen. Dass die Fensterbänke genau auf Sitzhöhe liegen, ist ein Angebot, das von den Nutzern gerne angenommen wird. Konstruktiv sind die Geschoße unterschiedlich aufgebaut: das Untergeschoß und alle erdberührenden Teile aus Stahlbeton, die beiden ersten Geschoße als Holzskelettkonstruktion und die Bürogeschoße aus verleimten KLH-Massivholzplatten. Ein Kern aus Stahlbeton, der Treppen, Lift und Sanitärräume aufnimmt, gibt der Konstruktion Stabilität.

Wer beim Begriff „Skelettkonstruktion“ an etwas Filigranes denkt, wird beim Betreten des Foyers überrascht sein. Die Stützen und Unterzüge, die in den ersten beiden Holzgeschoßen die großen Spannweiten für die Vortragsräume überwinden, haben beachtliche Querschnitte – das liegt zu einem guten Teil am Brandschutz. Wenn tragende Holzbauteile unverkleidet bleiben sollen, müssen sie im Brandfall eine schützende verkohlte Schicht aufbauen können, um deren Dicke sich die Bauteile über das statisch notwendige Maß hinaus verstärken. Dieser ästhetisch „schwere“ Holzbau hat eine eigene Qualität, mit der die Architekten in diesem Fall souverän umgehen.

Dass die Konstruktion „leicht“ wirkt, liegt an einem einfachen Kunstgriff. Was an der Fassade als zarte vertikale und horizontale Tragkonstruktion erscheint, ist nur Dekor. Das ist besonders auffällig in der überdeckten Kolonnade vor dem Eingang: Die Stützenreihe trägt nicht, sondern hält sich gewissermaßen am auskragenden Deckentragwerk des ersten Geschoßes an. Ist diese „Scheinfassade“ deshalb überflüssig? Nein. Sie zu entfernen hätte denselben verstörenden Effekt wie aus einem Gesicht die Augenbrauen zu rasieren. Mit ihrer Erfahrung im Holzbau sind SWAP Architekten inzwischen auch international erfolgreich. Gerade haben sie einen Wettbewerb für ein Innovationslabor für „Grüne Chemie“ an der TU Berlin gewonnen, ein massives Gerüst mit viel Transparenz, das durch Vorfertigung und kurze Bauzeit punktet.

19. Dezember 2020 Spectrum

Ganz oben sind die Klaviere

Ein Labor für viele Künste: Die Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien (MDW) erhält einen präzise konzipierten, schönen und zukunftsfähigen Schlussstein für ihren Campus.

Manchmal braucht es eben zwei Anläufe. Als die Bundesimmobiliengesellschaft 2012 einen Architekturwettbewerb für den Neubau eines Institutsgebäudes auf dem Campus der MDW, der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, ausschrieb, ahnte niemand, welche Odyssee den Beteiligten bevorstand. Eingereicht wurden 86 Projekte, aus denen die Jury den Beitrag der Architekten Christoph Pichler und Hannes Traupmann als besten auswählte. Die Aufgabe war äußerst komplex, nicht zuletzt wegen der heterogenen Nutzergruppen aus unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen. Die MDW als Institution ist weniger bekannt als einige ihrer Institute, zu denen das Reinhardt-Seminar, die Filmakademie und das Institut für Komposition, Elektroakustik und Tonmeisterausbildung (ELAK) gehören. Im internationalen QS-Universitätsranking mischt die MDW im Bereich „Performing Arts“ seit Jahren auf den Spitzenrängen mit; 2019 belegte sie gemeinsam mit der Juilliard School in New York den ersten Platz.

Der Campus der MDW befindet sich im dritten Bezirk auf dem Gelände der ehemaligen Veterinärmedizinischen Universität, deren Gebäude die MDW in mehreren Etappen in Besitz nahm und erweiterte. Der Architekt dieser Adaptierung ist Reinhardt Gallister, der den Bestand mit großer Sensibilität umgebaut, teilweise aufgestockt und um leichte, verglaste Pavillons erweitert hat, die eine Mensa, eine Bibliothek und Institutsräume aufnehmen. Wenn es in Wien eine Universität gibt, die einen echten „Campus“ besitzt, dann ist es die MDW, die von ihrer veterinärmedizinischen Vorgängerin eine zentrale Rasenfläche im Zentrum geerbt hat, um die sich die Gebäude locker gruppieren. Der Bauplatz für das neue Institutsgebäude befindet sich an der Südseite dieses Rasenteppichs, dessen Saum mit alten Bäumen bepflanzt ist. Der Neubau definiert den südlichen Abschluss dieser grünen Mitte und ist gleichzeitig ein Passstück zwischen zwei der neuen Pavillons.

Pichler und Traupmann gewannen den Wettbewerb nicht zuletzt wegen der präzisen städtebaulichen Antwort auf diese Situation. Im Gegensatz zu den meisten anderen Beiträgen kam ihr Projekt mit drei oberirdischen Geschoßen aus, die so geschickt ineinander verschachtelt sind, dass jeder Raum das nötige Maß an Höhe bekommt, vom Seminarraum bis zum kleinen Konzertsaal im obersten Geschoß. Dieser markiert den Hochpunkt des Gebäudes, von dem aus sich ein Einschnitt in einer eleganten Sinuskurve ins Gebäude gräbt. Er bringt Licht in die Tiefe des Hauses und erzeugt zugleich eine Terrasse, die den Institutsräumen vorgelagert ist. Tief ist der Baukörper nicht zuletzt wegen seiner kompakten Anlage: Im Kern liegen große, über zwei Normalgeschoße reichende Aufführungs- und Aufnahmeräumen, um die sich kleinere, natürlich belichtete Räume anlagern. Als die Architekten ihr Projekt zum ersten Mal vor den zukünftigen Nutzern vorstellten, gab es einen Eklat. Es stellte sich heraus, dass zwar das Rektorat das Raumprogramm abgesegnet hatte, nicht aber die betroffenen Institutsvorstände. Die Abweichungen zwischen Planung und individuellen Wünschen hätte man noch in den Griff gebracht; als echter Stolperstein erwies sich allerdings die Form der großen Räume für das ELAK; hier hatten die Architekten ihre raumbildende Leitkurve zum Einsatz gebracht, was die Nutzer ablehnten. Weder die Trapezform des kleineren Saals noch die Parabelform des größeren kam für sie infrage. Die Bundesimmobiliengesellschaft zog die Notbremse und erklärte den Wettbewerb „wegen eines überholten Raumprogramms“ für gescheitert.

Nach einer Nachdenkpause wurde 2014 ein neuerlicher Wettbewerb ausgeschrieben, zu dem zwölf Teilnehmer geladen wurden – und wieder überzeugten Pichler und Traupmann mit einer Modifikation ihres ursprünglichen Projekts. Diesmal gehörten der Jury Rektor und Vizerektorin und alle betroffenen Institutsleiter an. Auch Pichler und Traupmann hatten akustisch dazugelernt und rechtwinkelige Säle geplant, in der Proportion des Goldenen Schnitts, den die Akustiker für die Aufgabe empfohlen hatten. Das Grundkonzept mit akustisch getrenntem Kern und umgebenden Institutsräumen blieb, wie es war, ebenso die Aufteilung mit viel Licht von oben, um eine gute Orientierung zu sichern. Neu im Raumprogramm war ein Filmvorführungssaal im Erdgeschoß an der Haupttreppe, die alle Säle für öffentliche Veranstaltungen verbindet.

Und die Sinuskurve? Die gibt es nach wie vor, und sie erzeugt nicht nur eine Terrasse wie im ersten Projekt, sondern deren zwei, die jeweils dem ersten und dem zweiten Stock zugeordnet sind. Im Detail zeigen sich hier aber doch geometrische Probleme zwischen orthogonalem Kern und gekurvter Hülle, die sich nicht auflösen lassen und in der handwerklichen Umsetzung von Verkleidungen unbarmherzig sichtbar werden. Das betrifft zwar nur einige wenige Stellen, von denen die meisten einem flüchtigen Betrachter nicht auffallen werden; es berührt aber einen prinzipiellen Punkt: Ist es wirklich sinnvoll, ein Bauwerk als organischen Körper zu verstehen, mit Skelett, Organen und Haut, die zusammen eine klare Figur ergeben? Wäre es nicht ausreichend, die nötigen Räume perfekt zu organisieren und zu gestalten, aber die äußere Hülle abschnittsweise zu definieren, ohne alles wieder in ein großes Ganzes zusammenzufassen?

Zum Verständnis lohnt es sich, zwei Fotografien des Hauses zu vergleichen, eines von Toni Rappersperger, das jeden Kontext ausblendet und das Haus als autonomes Objekt darstellt; nur am oberen Rand ragt ein Ast ins Bild. Dass dieser Ast Teil einer Baumgruppe ist, hinter der das Haus nie als Ganzes sichtbar wird, erkennt man auf einem vom zentralen Grünraum aus aufgenommenen Foto von Hertha Hurnaus, das vom Haus nur Bruchstücke erkennen lässt. Das Foto erklärt den Unterschied zwischen einem Haus als Gegenstand und einem Haus als Zustand: Letzteres braucht keine bemühten Rahmungen mehr, um ein organisches Ganzes zu imaginieren; statt sich als klare Figur abzugrenzen, ist es anschlussfähig in alle Richtungen.

Für die Nutzer machen solche Fragen kaum einen Unterschied. Sie haben einen präzise konzipierten, schönen und zukunftsfähigen Schlussstein für ihren Campus erhalten. Zumindest hier hat eine Universitätsleitung erkannt, wie wichtig ein gutes Habitat für den Erfolg ist.

20. November 2020 Spectrum

Mit Anergie in die Zukunft

Die Weichen für die „Grüne Revolution“ sind gestellt. Auch in Wien wird die Energiewende durch den Umstieg auf alternative Energieformenerfolgen: durch „Grünes Gas“ und durch die Nutzung von Geothermie, Solarkollektoren und Fotovoltaik in Anergienetzen.

Es wird ernst. Überall in Europa werden die Weichen für die „Grüne Industrielle Revolution“ gestellt. Großbritannien, das bereits Anfang des Jahres angekündigt hatte, den Verkauf von neuen Pkw mit Verbrennungsmotoren ab 2035 zu verbieten, hat soeben angekündigt, diese Frist auf 2030 vorzuverlegen. Die Nutzung alter Fahrzeuge soll zwar weiterhin möglich sein; allerdings werden zusätzliche, für die Einfahrt in die Stadtzentren anfallende Mautgebühren die Lust aufs „Gasgeben“ deutlich verringern. Dass Rechtspopulisten mit neoliberalem Kern wie Boris Johnson auf sich aufmerksam machen, indem sie kaum erreichbare Ziele nochmals verschärfen, ist nicht überraschend. Dominic Cummings, der seit Kurzem geschasste Chefberater des Premiers, verkörperte die Ideologie dahinter: massive staatliche Investitionen in die Grundlagenforschung, Freisetzung der Innovationskräfte, technische Durchbrüche, entfesselte Wirtschaft.

In der Praxis dürfte die „Grüne Revolution“ wohl weniger spektakulär sein und am ehesten im Rahmen einer neuen Infrastrukturpolitik gelingen, die das Zusammenspiel staatlicher und privatwirtschaftlicher Aktivitäten optimiert. Das gilt auch fürs Bauen, das für rund ein Drittel der CO2-Emissionen verantwortlich ist, wenn man nicht nur den Energiebedarf fürs Heizen und Kühlen von Gebäuden berücksichtigt, sondern auch jenen für die Herstellung und den Transport von Baumaterialien. Zur Erreichung der Klimaziele braucht es auch keine technologischen Durchbrüche, sondern die intelligente Kombination bestehender Technologien zu einem effizient vernetzten System.

Die Stadt Wien hat der Energieraumplanung bereits 2014 ein Kapitel im Stadtentwicklungsprogramm 2025 (StEP 2025) gewidmet, das die zuständige Magistratsabteilung für Energieplanung zum Anlass nahm, ein Fachkonzept zum StEP zu entwickeln, das 2019 fertiggestellt und vom Gemeinderat beschlossen wurde. Energieraumplanung ist die Verbindung von Stadt- und Energieplanung, indem sie die räumliche Dimension von Energieverbrauch und Energiegewinnung verknüpft. Sie befasst sich mit der Festlegung des geeigneten Maßes an baulicher Dichte, den Potenzialen der Nutzungsmischung (die von der Nutzung von Überschüssen aus der Industrieproduktion bis zur Verkehrsreduktion in der 15-Minuten-Stadt reichen) sowie der Ressourcensicherung für erneuerbare Energieträgern, die im bereits dicht bebauten Stadtgebiet neue Flächenansprüche für Energie-Infrastruktur stellen.

Seit der jüngsten Novelle erlaubt die Wiener Bauordnung auch die Festlegung von spezifischen Energieraumplänen, die für Neubauten die Nutzung von Fernwärme oder alternativen Systemen, wie der Nutzung von Erdwärme, vorschreiben. Derzeit hat die Stadt solche Pläne für den 8., 9., 18. und 19. Bezirk verordnet, nicht unbedingt Bezirke, in denen es massive Neubauaktivitäten gibt. Wenn Österreich das EU-Ziel einer Dekarbonisierung bis 2050 erreichen möchte, wird auch der Bestand verändert werden müssen. Die Jahreszahl 2050 klingt nach ferner Zukunft; die EU hat die Mitgliedstaaten allerdings aufgefordert, sich Zwischenziele für die Jahre 2040 und 2030 zu setzen, womit wir praktisch in der Gegenwart angekommen sind. Grob geschätzt ginge es für Wien unter anderem darum, einen substanziellen Anteil der derzeit 416.000 mit Erdgas versorgten Haushalte auf andere Energiequellen umzupolen, etwa indem bis 2030 in Summe 260.000 Gasthermen auf alternative Energieformen umgestellt oder ersetzt werden. Das könnte einerseits durch „Grünes Gas“ erfolgen, also ein neues biogenes „Stadtgas“, andererseits durch die Nutzung von Geothermie, Solarkollektoren und Fotovoltaik in sogenannten „Anergienetzen“. In solchen Netzen zirkuliert ein Wärmeträgermedium, meist Wasser, bei Temperaturen von fünf bis 18 Grad; die für die Heizung nötigen Temperaturen werden über Wärmepumpen und Erdsondenspeicher erreicht, wobei Flächenheizsysteme wie etwa Fußbodenheizungen aufgrund der nötigen niedrigen Temperaturen zu bevorzugen sind. In der Sanierung auf diesem Weg reicht es also nicht, Gasthermen durch ein anderes Gerät zu ersetzen; es geht um das System Haus in seiner Gesamtheit.

Dass dezentrale, karbonfreie Energieversorgung auch in der für Wien typischen gründerzeitlichen Stadt möglich ist, beweist das Pilotprojekt „Smart Block Geblergasse“ im 17. Bezirk. Die Architekten Angelika und Johannes Zeininger haben hier ein baufälliges Gründerzeithaus erworben und mit dem Nachbarhaus als gemeinsame Startzelle saniert und jeweils um zwei Geschoße aufgestockt. Die Energieversorgung erfolgt komplett über ein System von Erdwärmesonden, Wärmepumpen und hybriden Solar- und Fotovoltaikanlagen. Das Besondere an der Lösung ist, liegenschaftsübergreifend und schrittweise im Zuge anstehender Haussanierungen einen ganzen Baublock energetisch als Anergienetz zu betreiben. Eine zweite Besonderheit besteht darin, dass die 18 rund 100 Meter tief in die Mergelschichte gebohrten Erdsonden nicht nur zur Heizung im Winter, sondern auch zur Kühlung im Sommer ohne CO2-Emissionen zum Einsatz kommen. Durch die sommerliche solare Nachladung der Bohrungen entsteht über den Jahresverlauf ein energetischer Kreislauf. Die Begleitforschung hat gezeigt: Das Konzept hält, was es verspricht. Auch unter beengten Platzverhältnissen ist ein Anergienetz realisierbar. Bei der Umstellung gründerzeitlicher dicht bebauter Stadtteile müssten allerdings Erdsonden zur Vollversorgung auch in den Erdkörpern unter den Straßen ermöglicht werden.

Das Projekt beweist, dass „umfassende Sanierung“ nicht nur Technik, sondern auch ein neues Lebensgefühl in der dicht bebauten Stadt bedeutet. Balkone, Pawlatschen und Terrassen erzeugen in einem Gründerzeitblock eine soziale Dichte, aus der echte Nachbarschaften entstehen können, wenn die Architektur sie fördert. Das schließt Sentimentalitäten ein: Trotz der Hightech-Ausstattung haben die Architekten in den Bestandsgeschoßen eine modernisierte Form der traditionellen Kastenfenster beibehalten. Die Technik in diesem Haus integriert sich wie selbstverständlich ins Ganze. Dass die Stadt Wien dezentrale Anergienetze mit Zuschüssen von bis zu 30 Prozent der Gestehungskosten fördert, ist wichtig. Eines sollte sie aber nie vergessen: Häuser sind keine Maschinen, sondern Lebensräume.

28. Oktober 2020 Spectrum

Wiener Stadtgestaltung: Mittelmaß ist nicht genug

Die planerischen Instrumente, denen Wien seinen Ruf als lebenswerteste Stadt der Welt verdankt, haben dringenden Reformbedarf. Nun, nach der Wahl, wäre Gelegenheit, diese Herkulesaufgabe anzugehen.

Die Wiener Wahl ist geschlagen. Ganz ist der „natürliche Zustand“ einer roten absoluten Mehrheit nicht wiederhergestellt, wie es Altbürgermeister Leopold Graz 2001 in einem legendären Statement ausdrückte: Damals hatte die SPÖ nach fünf Jahren Koalition mit der ÖVP wieder die „Absolute“ erreicht.

Das aktuelle Ergebnis lässt jedenfalls keinen Zweifel daran, in wessen „beste Hände“ eine deutliche Mehrheit der Wienerinnen und Wiener die Zukunft ihrer Stadt legen möchte. Ein entscheidender Faktor für dieses Ergebnis war die Tatsache, dass Wien dem Problem des leistbaren Wohnens trotz stark wachsender Bevölkerung erfolgreicher begegnen konnte als viele vergleichbare Städte. Dieses Problem im Zaum zu halten ist Voraussetzung für eine durchmischte Stadt mit geringen sozialen Spannungen, ein Umstand, der mit dazu beiträgt, dass Wien in den wichtigsten Rankings zur Lebensqualität seit Jahren in den Spitzenplätzen auftaucht.

Es wäre aber gefährlich, sich auf diesen Lorbeeren auszuruhen. Sie sind der Erfolg lange zurückliegender Entscheidungen. Der Beginn einer neuen Legislaturperiode muss Anlass sein, Ziele und Instrumente der Stadtplanung, der Stadtgestaltung und des Wohnbaus kritisch zu hinterfragen und nötigenfalls zu erneuern. Eines der wichtigsten Instrumente ist der „Fonds für Wohnbau und Stadterneuerung“, kurz „Wohnfonds“, hervorgegangen aus dem „Wiener Bodenbereitstellungsfonds“. Der Fonds ist für die Vergabe städtischer Wohnbau-Grundstücke als auch für die Qualitätsprüfung jener Projekte zuständig, die Bauträger mit Wohnbauförderungsmitteln errichten wollen.

Seit 25 Jahren kommt dafür das Instrument des „Bauträgerwettbewerbs“ zum Einsatz. Die zeitliche Koinzidenz mit Österreichs EU-Beitritt 1995 ist kein Zufall: Transparenz bei der Vergabe öffentlicher Mittel ist eines der zentralen Prinzipien der EU, und Österreich hatte in der Hinsicht durchaus Nachholbedarf.

Der Wiener Bauträgerwettbewerb ist ein kompliziertes Konstrukt. In der Regel dreht sich der Wettbewerb um ein Grundstück im städtischen Besitz, für das mehrere Bauträger eingeladen werden, ein Angebot zu machen, das in Bezug auf seine ökonomische, soziale, ökologische und architektonische Qualität – die sogenannten „vier Säulen“ – bewertet wird. Integraler Teil des Angebots ist ein architektonisches Projekt, mit dessen Ausarbeitung Bauträger Architekten ihrer Wahl beauftragen. Am Ende des Prozesses gibt es einen Sieger, der das Grundstück und die Wohnbauförderung erhält.

Etwas anders sieht die Sache aus, wenn das Grundstück nicht in städtischer Hand ist, sondern bereits im Besitz eines Bauträgers, der vom Fonds nur noch die Zusage einer Wohnbauförderung braucht. Bis zu einer Anzahl von 500 Wohneinheiten beurteilt der Wohnfonds die Qualität eines vom Bauträger in der Regel ohne Wettbewerb entwickelten Projekts nach den oben genannten vier Säulen. Ab 500 Wohneinheiten ist ein Wettbewerb durchzuführen. Allerdings wird bei Projekten dieser Dimension mit dem Bauträger meist eine Teilung des Projekts vorgenommen, bei der es nur in Teilbereichen zu einem echten Wettbewerb unter Architekten kommt, andere Bauteile aber bereits fix an ein Architekturbüro nach Wahl des Bauträgers vergeben sind. Auch diese müssen am Wettbewerb teilnehmen und werden als „Fixstarter“ bezeichnet. De facto sind sie „Fixgewinner“, was man der Architektur in den meisten Fällen ansieht. Der Wohnfonds kann diese Fixgewinner zwar zur Überarbeitung auffordern, hat aber keine Handhabe, eine Projektverbesserung zu erzwingen.

Für die Entscheidungen des Wohnfonds ist ein Beirat verantwortlich, der den irreführenden Namen „Grundstücksbeirat“ trägt. Tatsächlich ist dieser Beirat das zentrale Instrument der Qualitätssicherung im Wiener Wohnbau. Er entscheidet nicht über Grundstücke, sondern über Architekturprojekte, wobei er bei allen Bauträgerwettbewerben als Jury fungiert. Bisher waren die Vorsitzenden des Beirats ausgebildete Architekten, etwa Kunibert Wachten, Wolf Prix, Dietmar Steiner oder Kurt Puchinger. Mit dem Jahreswechsel wird mit Rudolf Scheuvens erstmals ein Raumplaner zum Vorsitzenden des Gremiums bestellt.

Das 25-Jahr-Jubiläum des Bauträgerwettbewerbs wäre ein Anlass, dieses Instrument kritisch auf seine Innovationskraft zu überprüfen. Es ist offensichtlich, dass sich in den vergangenen Jahren eine Routine eingeschlichen hat, bei der die architektonische Qualität als eine der vier Säulen geschwächt wurde. Selbst die Internationale Bauausstellung (IBA) zum Thema „Neues Soziales Wohnen“, die Wien gerade mit Zeithorizont 2022 ausrichtet, ist davon betroffen. Sie soll Wien als Welthauptstadt des sozialen Wohnbaus positionieren; die Ausstellung zum Zwischenstand der IBA unter dem Titel „Wie wohnen wir morgen?“ zeigte aber mehr Mittelmaß als Innovation.

Eine Ursache für diese Entwicklung ist der Trend zu immer größerer Verdichtung. Ein Beispiel dafür findet sich auf dem Areal, das die IBA für ihre Ausstellung genutzt hat, dem ehemaligen Sophienspital am Neubaugürtel. Hier wird das Ergebnis eines Bauträgerwettbewerbs mit 180 geförderten Wohnungen umgesetzt. In der Empfehlung der Stadtplanung war im Oktober 2019 noch von Bauklasse V, also maximal 26 Metern die Rede, mit „Akzentuierungen bis 35 Meter“. Das Projekt von Martin Kohlbauer ist fast durchgängig „akzentuiert“. Dass es nicht noch höher wird, liegt in erster Linie daran, dass nach der Wiener Bauordnung ab 35 Metern schärfere Hochhausregeln greifen, die den Bau verteuern.

Dass die 35 Meter in Wien zum neuen Standard werden, legen aktuelle Projekte nahe, etwa die Biotope-City auf dem Wienerberg oder die Bebauung an der Kreuzung Eichenstraße/Gaudenzdorfer Gürtel, die an den Erste Campus im Faschingskostüm erinnert. Für das Konzept der Biotope-City sind 35 Meter deutlich zu hoch; an der Eichenstraße wären dagegen Hochhäuser vorstellbar. Wenn eine Höhengrenze, die sich aus Fragen des Brandschutzes ableitet, den Städtebau dominiert, hat die Architektur wenig Chancen. Es überrascht nicht, dass sich auch Architekten mit langjähriger Erfahrung im geförderten Wiener Wohnbau aus dem Bereich zurückziehen.

Die nächste Wiener Stadtregierung sollte die Gelegenheit nutzen, die zahlreichen gewachsenen Instrumente der Architektur- und Stadtplanungspolitik zu reformieren. Das beginnt bei der Schaffung eines eigenen Raumordnungsgesetzes und reicht bis zur Reform des Fachbeirats für Stadtplanung und Stadtgestaltung und des Grundstücksbeirats. In beide sollten endlich auch Experten aus dem Ausland berufen werden. Für das Welterbe Innere Stadt braucht es einen seriösen Managementplan und dann einen Neustart des Projekts am Eislaufverein. Eine 100 Meter lange und 55 Meter hohe Scheibe, wie sie uns die Stadtregierung als Lösung verkaufen will, ist mindestens so skandalös wie der ursprünglich geplante Turm.

28. September 2020 Spectrum

Wien-Wahl und Baukultur: Beim Grün sind alle einig

Heute haben alle Parteien Politiker, die sich für Baukultur zuständig fühlen. Das war nicht immer so. Bei einer Podiumsdiskussion im Architekturzentrum Wien schwebten die Themen Architektur, Stadtentwicklung und Verkehr über dem Hickhack der Tagespolitik.

Der Auftritt hat Tradition: Seit den Nationalratswahlen 2002 lädt ein Verein namens „Plattform Baukulturpolitik“ die wahlwerbenden Parteien bei wichtigen Urnengängen auf Landes- und Bundesebene zu einem Streitgespräch. Vergangene Woche war es im Vorfeld der Wahlen in Wien wieder so weit. Das Architekturzentrum stellte seine Räume zur Verfügung und kompensierte die arg dezimierte zulässige Teilnehmerzahl durch eine Übertragung der Diskussion, die nun auf YouTube für die digitale Ewigkeit erhalten ist.

Alle derzeit im Gemeinderat vertretenen Parteien sandten ihre zuständigen Fachpolitiker, Omar Al-Rawi von der SP, Stefan Gara von den Neos, Peter Kraus von den Grünen, Elisabeth Olischar von der VP und Alexander Pawkowicz von der FP. Dass es bei allen Parteien Politiker gibt, die sich für Baukultur zuständig fühlen, ist ein Fortschritt. Bei früheren Anlässen entsandten manche Parteien weitgehend ahnungslose oder gleich gar keine Vertreter. Diesmal schienen die Themen Architektur, Stadtentwicklung und Verkehr ein paar Ebenen über dem Hickhack der Tagespolitik zu schweben. Untergriffe wie der von Blau in Richtung Grün, dass deren Planungshorizont am Gürtel ende, waren selten. Beim Thema Stellplatzregulativ ging es eher darum herauszustellen, wer sich bereits am längsten für eine Reduktion stark gemacht hatte. Dass in diesem Bereich inzwischen Leerstände produziert werden, die sich auf die Wohnkosten schlagen, und dass es klug wäre, die Anzahl der Pflichtstellplätze umgekehrt proportional zum Anschluss an hochrangige öffentliche Verkehrsmittel festzulegen, ist unumstritten. Überhaupt waren alle Diskutanten sich erstaunlich einig, Mobilität zu fairen Kosten als politisches Ziel zu sehen. Konsens herrschte selbst darüber, dass erst eine CO2-Bepreisung das Mobilitätsverhalten nachhaltig zum Besseren verändern werde.

Bezeichnend war die Reaktion der Diskutanten, als die Moderatoren Renate Hammer und Robert Temel die Behauptung in den Raum stellten, dass es in Wien zwar einiges an guter Architektur, aber wenig baukulturelles Bewusstsein gäbe. Elisabeth Olischar reagierte mit Schlagworten von mangelnder Vision, Qualität und Transparenz; Omar Al-Rawi mit dem Hinweis, dass eh alles gut sei und immerhin Jean Nouvel und Zaha Hadid in Wien gebaut hätten; Stefan Gara sah Hoffnung in der Fassadenbegrünung in Kombination mit Solartechnologie – ein weiteres Thema, bei dem sich alle Diskutanten einig waren. Für Alexander Pawkowicz sei es mit der Architektur in Wien seit Helmut Zilks Zeiten bergab gegangen; „topmoderne“ Architektur entstehe heute in echten Weltstädten wie Berlin: vom Vertreter einer Partei, die einmal davor warnte, dass Wien nicht Chicago werden dürfe, eine überraschende Aussage. Peter Kraus, dessen Partei seit zehn Jahren dem Planungs- und Stadtgestaltungsressort vorsteht, sprach vom Ziel, Stadtentwicklung als ganzheitlichen Prozess von den ersten Ideen bis zur Besiedlung eines Stadtgebiets zu ordnen und damit Qualität zu sichern.

Tatsächlich ist Wien von diesem Ziel noch weit entfernt. Dass die Bauordnung inklusive aller Kommentare von knappen 80 Seiten in den 1920er-Jahren auf 1500 Seiten angeschwollen ist, ist weniger problematisch als ihre Struktur, in der das Raumordnungsrecht mit technischen Fragen zu Standsicherheit, Hygiene oder Abwasserthemen vermischt ist. Eine radikale Reform des Raumordnungsteils ist schon deshalb angezeigt, weil wichtige Instrumente der Stadtplanung in der Bauordnung nicht vorkommen. Dazu zählt insbesondere der Stadtentwicklungsplan (StEP), der alle zehn Jahre neu erstellt wird. Er ist eine Art Panzerkreuzer der Stadtplanung, den Fachkonzepte als Fregatten begleiten. So imposant dieses Arsenal anzusehen ist, leidet es am Mangel an scharfer Munition: Weder StEP noch Fachkonzepte sind rechtlich verbindlich. Als Qualitätssicherungsinstrument findet sich zwar in der Bauordnung ein Fachbeirat für Stadtplanung und Stadtgestaltung, dem wesentliche Änderungen von Flächenwidmungs- und Bebauungspläne vorgelegt werden müssen. Neben diesem Beirat hat sich seit Mitte der 1980er-Jahre mit der aus Stadtpolitikern und Beamten gebildeten Stadtentwicklungskommission ein weiteres Gremium etabliert, das weitreichende Entscheidungen zur Stadtentwicklung trifft, oft ohne den Fachbeirat damit zu befassen.

Die Grundstimmung unter den Politikern berechtigt zur vorsichtigen Hoffnung, dass die Instrumente der Stadtplanung in der nächsten Legislaturperiode geschärft werden könnten. Anlass sollte der nächste StEP sein, der 2024 fällig ist und bis 2035 gelten wird, also mehr als ein Jahrzehnt, in dem sich die Stadt in Bezug auf Verkehr, Energie, Wohnen und öffentlichen Raum radikal verändern muss, um die gesetzten Entwicklungsziele inklusive Energiewende zu erreichen. Dem StEP mehr Verbindlichkeit zu geben und ihn dann über weitere Planungsverfahren auf die Ebene von Stadtteilkonzepten herunterzubrechen könnte diese Transformation beschleunigen.

Nicht einig waren sich die Diskutanten bezüglich der Widmungskategorie „geförderter Wohnbau“, die von der Stadtregierung als einer ihren größten Erfolge der vergangenen Legislaturperiode angesehen wird. Bei Neuwidmungen kann damit festgelegt werden, dass auf einem Grundstück geförderte Wohnungen zu errichten sind, wobei in begleitenden Planungsrichtlinien deren Anteil mit bis zu 66 Prozent festgelegt werden kann. Das drosselt die Grundstückpreise und macht leistbaren Wohnbau möglich. SP und Grüne wollen diese Kategorie bei Neuwidmungen immer anwenden, die Grünen wollen bei der Prozentzahl flexibel bleiben. Dient es der Qualität, sollen es in Sonderfällen 50 Prozent sein dürfen. Die VP hält die Widmungskategorie für kontraproduktiv, da dadurch nicht geförderte Wohnungen noch teurer würden. Die Neos und die FP halten zwar die Kategorie für sinnvoll, würden sie aber nicht flächendeckend nutzen, was die Frage aufwirft, nach welchen Kriterien sie dabei vorgehen wollen.

Ein Schönheitsfehler der neuen Widmungskategorie liegt woanders: Es gibt Zweifel, ob sie sie in höchstgerichtlichen Entscheidungen halten würden. Das teilt sie mit einem anderen jüngeren Instrument der Wiener Stadtplanung, den städtebaulichen Verträgen, privatrechtlichen Vereinbarungen zwischen Projektentwicklern und Stadt, in denen sich Erstere verpflichten, finanziell zur sozialen oder technischen Infrastruktur im Umfeld ihres Projekts beizutragen. Hier könnte eine Ankündigung aus dem Regierungsprogramm der türkis-grünen Bundesregierung greifen: diese Vertragsraumordnung aus dem zivilen ins öffentliche Recht zu überführen, sie damit verfassungsrechtlich abzusichern und transparent zu regeln.

Dass sich die öffentliche Meinung für solche Themen weniger erwärmt als etwa für neue Vorschriften zur Fassadenbegrünung, ist klar. Politiker dürfen sich davon nicht abschrecken lassen. Die anstehenden Veränderungen werden am System ansetzen müssen und nicht an der Oberfläche.

28. August 2020 Spectrum

Zu Hause bei den Freuds

Nicht nur Touristenmagnet, sondern auch Ort der Forschung: Nach 18 Monaten Umbau und Erweiterung eröffnet das Sigmund Freud Museum mit neu gestalteter Ausstellung in der Berggasse in Wien-Alsergrund.

Berggasse 19, ein Gründerzeithaus. Wir läuten bei Dr. Freud, der natürlich nicht da ist. Fast 50 Jahre lang hat er hier mit seiner Familie gewohnt, von 1891 bis 1938. Freud ist nicht da, weil er 1938 aus Wien vertrieben wurde. Die Möbel, die berühmte Couch, die Bilder: Soweit noch erhalten, befinden sie sich in London, ein großer Teil seines Schriftnachlasses ist in den USA.

Wer etwa nach der Lektüre von Carl E. Schorskes „Fin-de-Siècle Vienna“ in die Berggasse pilgert, um dort nach Spuren dieser Zeit zu suchen, wird nicht viele entdecken. Das Gründerzeithaus hat den Krieg zwar gut überstanden, auch das Treppenhaus befindet sich praktisch im Originalzustand. Die Freud'sche Wohnung im Mezzanin ist aber nur im Grundriss erhalten; die Bewohner und Nutzer der vergangenen 80 Jahre haben sie vom historistischen Ambiente gründlich gesäubert. Seit dem Jahr 1971 ist hier ein Museum eingerichtet. Freuds Tochter Anna war bei der Eröffnung anwesend, und sie schenkte dem Museum einige originale Möbelstücke, einen Teil von Freuds Sammlung antiker Figuren sowie signierte Ausgaben und Erstausgaben aus seiner Bibliothek.

Das Museum konnte sich über die Jahre im Haus ausbreiten: Im ersten Stock über der Freud'schen Wohnung sind eine Bibliothek, ein Veranstaltungsraum und Büros untergebracht. Eine umfassende Neugestaltung erfolgte schrittweise zwischen 1989 und 1996 nach Plänen von Wolfgang Tschappeller, der dem gründerzeitlichen Bestand seine eigene, dekonstruktivistische Formensprache entgegensetzte, während in einigen Räumen versucht wurde, den früheren Zustand nach alten Fotografien zu rekonstruieren.

Das leicht surrealistische Ergebnis hätte Freud vermutlich sogar interessiert. Nachdem ihn Salvador Dalí im Londoner Exil besucht hatte, notierte Freud, dass er die Surrealisten bisher für absolute Narren gehalten hätte, die unleugbare formale Meisterschaft des jungen Spaniers mit den treuherzig fanatischen Augen hätte ihm aber doch „eine andere Schätzung nahegelegt“. An Problemen wie der mangelnden Barrierefreiheit konnten Tschappellers Interventionen aber nichts ändern.

Unter der 2014 neu bestellten Direktorin Monika Pessler wurde 2017 ein Wettbewerb für eine umfassende Neugestaltung des Museums ausgeschrieben. Zur Aufgabe gehörten Café, Shop und Garderoben, die Herstellung von Barrierefreiheit und ausreichenden Fluchtwegen, aber vor allem die Frage, wie sich die Adresse Berggasse 19 als „Ursprungsort der Psychoanalyse“ vermitteln ließe. Im Wettbewerb schlossen sich drei der geladenen Architekturbüros zu einem Team zusammen: Hermann Czech, Bettina Götz und Richard Manahl – die zusammen als ARTEC firmieren – und der Südtiroler Architekt Walter Angonese. Gemeinsam entwickelten sie das Grundkonzept; in der weiteren Planung zogen sich Angonese ganz und ARTEC weitgehend zurück. Ihren Wettbewerbserfolg verdankten sie der Idee, das Museum als zwei Sphären zu denken, die zwar getrennt, aber ineinander geschachtelt sind: einerseits die räumliche Präsenz des authentischen Orts, andererseits die immaterielle Präsenz der Freud'schen Gedankenwelt. Letztere wird ausschließlich in Vitrinen präsentiert, die frei im Raum stehen; an den Wänden findet sich dagegen nur Information zur früheren Nutzung und zur Gestalt der jeweiligen Orte.

Obwohl die Räume auf den ersten Blick „leer“ wirken, haben sie einiges zu erzählen, auch Aspekte, die im Enthusiasmus für das Wien um 1900 oft unter den Tisch fallen. So gibt es einen winzigen Raum zwischen Wohnung und Ordination, in dem das Stubenmädchen der Freuds jeden Abend auf einer Bank ihr Bettzeug ausbreitete. Nach einem eigenen Zimmer zu fragen hätte sie sich, wie sie später berichtete, „nicht getraut“. Auch der Schlafraum der Freuds könnte aus einer Traumsequenz stammen: Er hat nicht weniger als vier Türen in angrenzende Räume, zu denen auch der Schlafraum von Freuds Schwägerin Minna Bernays gehörte, die das Freud'sche Schlafzimmer durchqueren musste, um ihr eigenes zu erreichen. Spekulationen über dieses familiäre Binnenverhältnis gab es schon zu Freuds Zeit. Die räumliche Konstellation ist aber eher ein Indiz für andere Vorstellungen von Privatheit und Intimität.

Die einzige, seit den 1980er-Jahren bestehende Rekonstruktion – das Wartezimmer – wurde als Teil der neuen Ausstellung belassen. In den anderen Räumen wird die Vergangenheit über Fotos in Erinnerung gerufen, vor allem solche, die Edmund Engelman 1938 in der Wohnung aufgenommen hat. Am authentischen Ort betrachtet, aktivieren diese Bilder die Einbildungskraft. Da reichen ein paar freigelegte Nagel- oder Farbspuren an der Wand, um eine Bespannung oder eine farbige Fläche lebendig werden zu lassen.

Im Behandlungsraum erfährt man, dass die Couch verschoben wurde, als Freud auf einem Ohr ertaubte und seine Sitzposition wechselte. Dass die Patienten von beiden Standorten aus Blick in einen grünen Hof mit großen Bäumen hatten, lässt sich vor Ort überprüfen. Die Flügeltüren zu Freuds unmittelbar anschließendem Arbeitszimmer waren immer geöffnet, was auf die Verbindung von psychoanalytischer Theorie und Praxis schließen lässt, aber auch an der fehlenden Heizung im Arbeitszimmer gelegen haben mag. Die kleine Armee antiker Figuren auf Freuds Schreibtisch, die auf den Schreibenden zumarschieren, muss man sich anhand von Fotos vorstellen. Der am Fenster aufgehängte Spiegel, der den Blick in den Hof zum Blick auf sich selbst macht, ist dagegen in natura erlebbar.

Wo in diesem Museum der Rundgang beginnt, ist nicht festgelegt. Der Werdegang Freuds wird eher im privaten Teil der Wohnung vermittelt, die ausgereifte Theorie der Psychoanalyse in der Ordination. Im Weg von Vitrine zu Vitrine entsteht eine mentale Landkarte, die eher eine Seekarte ist: jede Vitrine eine Insel, die zum Landen einlädt. Czech hat dafür gesorgt, dass man sich an diese robusten Vitrinen gerne anlehnt und aufstützt und auf dem Rundgang auch zum Weiterlesen wiederkommt.

Verschwunden ist glücklicherweise die bisherige Totemstele in der Berggasse, die mit dem Schriftzug „Freud“ Besucher anlocken sollte. Die Nummer 19 muss man finden – der Hauseingang ist der Haupteingang ins Museum. Der barrierefrei erreichbare Shop mit Café daneben tarnt sich mit einer großen Markise als Wiener Gasthaus und ist mit glänzend rot gestrichener Kappendecke nach allen Regeln der Czech'schen Raumkunst gestaltet. Hier landet auch die neue, interne Treppe, der die ehemalige Küche der Freud'schen Wohnung weichen musste. Diese Treppe verbindet alle Geschoße und lässt das Freud-Museum als jene Institution erscheinen, die es mit seinen 20 Mitarbeitern ja längst sein sollte: nicht nur Magnet für Touristen, sondern auch ein Ort der Forschung mit internationaler Strahlkraft.

6. Juni 2020 Spectrum

Auf der Schule spielen

Klassen mit viel Durchblick, flexible Räume und Bezug zur Natur. Eine kunterbunte Schule bekommt eine kontrapunktische Ergänzung: Welches Denken lernt man hier?

Dreißig Minuten, das ist für österreichische Pendler eine mittlere Distanz. So lange braucht die U2 von der Seestadt Aspern zum Karlsplatz; so lange dauert es mit dem Pkw von Preding in der Steiermark ins Zentrum von Graz. Man merkt Preding diese Nähe an. Die Gemeinde mit heute knapp 1800 Einwohnern ist seit 1990 um 200 Personen gewachsen. Preding hat zwei Zentren: eines mit Kirche, Kindergarten und Gemeindeamt und ein zweites mit Billa, Kreisverkehr, Raiffeisenbank und Admiral Sportsbar. Industrie- und Gewerbebauten entstehen, wo es sich gerade ergibt. Wer wissen will, warum Österreich zu den Ländern mit dem stärksten Schwund von Grünland zugunsten von Bauland gehört, findet hier zumindest einen Teil der Erklärung.

Das Schulzentrum von Preding besteht aus Volksschule, Mittelschule und Musikschule, Ende der 1970-Jahre zehn Gehminuten außerhalb des Ortskerns errichtet. Die Mittel- und Volksschule waren typisch für den Schulbau ihrer Zeit: eine Aneinanderreihung identischer Klassenzimmer, ein schlichter Baukörper mit flachem Satteldach. Vor rund zehn Jahren wurde sie renoviert, mit steileren Dächern versehen und in allen Nuancen des Regenbogens gefärbelt. Gäbe es einen Wettbewerb für die bunteste Schule Österreichs, wäre die Mittelschule Preding klare Favoritin.

Bei der Volksschule entschied sich die Gemeinde ein paar Jahre später für Abriss und Neubau, nicht nur aus bautechnischen Gründen, sondern vor allem um sich von der pädagogischen Zwangsjacke des Bestands zu befreien. Die Schule sollte weiterhin vierklassig bleiben, in zwei Einheiten zu je zwei miteinander enger verbundener Klassen. In einer dieser Doppeleinheiten sollte ganztägig „verschränkt“ unterrichtet werden, das heißt, dass die Kinder auch nachmittags an der Schule lernen und nicht „nur“ Freizeit haben. Dieses Angebot richtet sich an berufstätige Eltern; wer sein Kind lieber zu Mittag aus der Schule holt, kann es in der anderen Doppeleinheit anmelden.

Ganztägige Schulformen erhöhen die Anforderungen an den Schulraum, den der italienische Bildungsreformer Loris Malaguzzi als den „dritten Pädagogen“ – neben Mitschülern und Lehrern – bezeichnet hat. Um diese Idee zum Leben zu erwecken, reicht es nicht, das Schulhaus bunt einzufärben. Die Schule muss ein „Instrument“ werden, auf dem die Lehrer, aber auch die Schüler gemeinsam spielen können. Es braucht dafür flexibel nutzbare Räume für unterschiedliche Lernarrangements.

In Preding war eine offene Lernzone gefordert, mit eigenen Bereichen für das Werken und die Nachmittagsbetreuung und einem frei bespielbaren „Projektraum“. Ebenso wichtig war im pädagogischen Konzept der Schule der Bezug zur Natur, als Blickbeziehung, aber auch als Option, im Freien mit den Kindern zu arbeiten. Im Jahr 2016 schrieb die Gemeinde in Kooperation mit der Architektenkammer einen geladenen Wettbewerb mit acht Teilnehmern aus. Die meisten Beiträge schlugen eine zweigeschoßige Lösung vor; das Siegerprojekt der Grazer Architekten Harald Kloiber und Christian Tabernig, die gemeinsam als ProjektCC firmieren, beschränkt sich auf ein Geschoß, das im Westen der Kontur des Grundstücks folgt und im Südosten gemeinsam mit der Mittelschule einen großzügigen Vorplatz schafft. Von hier aus erreicht man in separaten Eingängen Volks- und Musikschule. Die Orientierung der Klassenräume ist unorthodox: Sie blicken nach Nordwesten, aber in einen schönen Nachbargarten. Licht erhalten sie trotzdem mehr als ausreichend, da die Außenwände der Schule zum größten Teil aus Glas bestehen. Viele zarte Stahlstützen und einige wenige Stahlbetonwände tragen ein Dachtragwerk aus weit gespannten, im Innenraum sichtbaren Holzunterzügen, auf denen eine massive Decke aus Brettsperrholzplatten aufliegt. Nach außen wird diese Konstruktion von einer Verblechung geschützt, die als breites, horizontal gelagertes Band um das gesamte Gebäude läuft. Hinter dieser Verblechung ist Platz für den Sonnenschutz, der bei Bedarf herunterfährt und das Haus vor Überwärmung schützt. Eine komplizierte Haustechnik konnte und wollte man sich nicht leisten; die Querlüftung hat sich im Betrieb auch im Sommer als ausreichend erwiesen.

Farbig versucht der Neubau einen Kontrapunkt zur grellbunten Bestandsschule zu setzen: Das Blechband ist in leuchtendem Magenta lackiert, an das sich viele in der Gemeinde erst gewöhnen mussten. Dass „kunterbunt“ sich etymologisch aus dem Begriff „Kontrapunkt“ ableitet, wird hier deutlich. Vielleicht hängt die Neigung der Gemeinde zu solchen Kontrasten auch mit der Musikalität zusammen, die hier Tradition hat. Der Musiksaal schwebt als Abschluss des Neubaus im Süden über dem Gelände. Hier könnte auch ein kleines Symphonieorchester proben, mit schönem Blick in die Landschaft. Vom Vorraum der Musikschule aus erreicht man über eine Wendeltreppe den Sportbereich im Untergeschoß, der zum Altbestand der Mittelschule gehört.

Die Architekten haben hier eine vom Volumen her kleine, aber sehr anspruchsvolle Aufgabe mit Bravour gelöst, was angesichts des niedrigen Budgets von 2,6 Millionen Euro eine besondere Leistung ist. Die Erfahrung im industriellen Holzbau, etwa bei Projekten wie dem Sportpark Graz, wo sie einen 50 Meter weit gespannten Trägerrost aus Holz zum Einsatz brachten, ist ihnen dabei sicher zugute gekommen. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie in Preding Glas, Holz, Beton und Stahl mischen, je nachdem, welches Material sich gerade am besten eignet, hat aber eine eigene Qualität. Ob das Ergebnis auch zum experimentellen und wilden Denken anregt? Die vergleichbare, zehn Jahre ältere Volksschule in Bad Blumau von Feyferlik/Fritzer ist bei ähnlichem Materialmix im Detail deutlich experimenteller. Ein Vergleich der beiden Schulen aus der pädagogischen Praxis wäre eine Untersuchung wert.

Erfreulich ist, dass eine kleine Gemeinde so viel Wert auf ihre Schulräume legt und daraus die Konsequenz zieht, das beste Projekt über einen anonymen Architekturwettbewerb zu suchen. Gut vorbereitet, ist das immer noch der Königsweg zur Qualität. Auch der Bund hat sich in seinem jüngst neu aufgelegten Schulentwicklungsplan, der bis 2030 eine Investition von 2,4 Milliarden Euro in den Bundesschulbau vorsieht, zu diesem Weg bekannt. Für die Gemeinden sollte er eine Selbstverständlichkeit sein.

13. Mai 2020 Spectrum

Das Holzhochhaus in der Seestadt Aspern: Höhenwachstum auf dem Holzweg?

Die Vorarlberger wissen: In Holz bauen heißt, diszipliniert zu bauen. Den Versuch, diesem Material mit Wiener Schmäh mehr abzuverlangen, als es freiwillig hergibt, kann man in der Seestadt Aspern bewundern: das HoHo, ein Hochhaus in Holzbauweise.

Der Baustoff Holz erobert das Bauwesen. Gemessen an den Nutzflächen, erhöhte sich in Österreich der Anteil von Bauprojekten, bei denen mindestens die Hälfte der Konstruktion aus Holz besteht, von 14 Prozent im Jahr 1998 auf 24 Prozent im Jahr 2018. Voraussetzung dafür war nicht zuletzt die Veränderung der Bauordnungen, in denen sich eine tiefe Skepsis dem brennbaren Baustoff gegenüber manifestierte. Mit Projekten für Hochhäuser aus Holz versuchte die immer selbstbewusster auftretende Holzlobby schon früh, das Image ihres Baustoffs auf ein Niveau mit Stahl und Beton anzuheben. Bereits 2008 förderte die FFG im Rahmen der Förderungsschiene „Haus der Zukunft“ ein Forschungsprojekt mit dem Titel „8plus“, das unter Federführung des Architekten Michael Schluder die Voraussetzungen für Holzhäuser mit damals in Wien unvorstellbaren 20 Geschoßen auslotete. Wer heute mit einem Hochhausprojekt aus Holz in die Medien kommen will, muss höher zielen: Der Londoner Oakwood Tower wirbt mit 300 Metern, der Plyscraper in Tokio mit 350, wobei das Errichtungsdatum einigermaßen ehrlich mit 2041 angegeben wird. Die weltweit knapp 50 in Holz geplanten Hochhausprojekte, die derzeit fertiggestellt oder gerade in Bau sind, bewegen sich dagegen in der Größenordnung von 80 Meter Höhe und 20 Geschoßen.

Das nach der Geschoßanzahl mit 24 weltweit höchste und nach Metern mit 84 zweithöchste Projekt wird gerade in der Wiener Seestadt in Aspern fertiggestellt. Bauherr des „HoHo“ getauften Projekts ist die Cetus Projektentwicklung, die hier Büros, ein Hotel und Serviced Apartments errichtet. Die Architektur stammt von RLP Rüdiger Lainer und Partner, den mit dem Areal der Seestadt eine lange Geschichte verbindet. Von Lainer stammte der erste Entwurf für die Seestadt von 1993, und er war nach dessen Scheitern Teil der Jury, die 2005 den Ringstraßen-Plan von Erskine und Tovatt auswählte, nach dem sich die Seestadt bis heute entwickelt. Im Jahr 2012 gewann Lainer den städtebaulichen Wettbewerb für das „Seeparkquartier“, ein Filetstück des Projekts im Bereich der U2-Endstation. Der Entwurf sah vier in regelmäßigem Abstand gesetzte Punkthäuser an der Kante zum Seepark vor, dahinter einen dicht gewobenen Stadtraum mit weiteren Hochpunkten und einer Kette öffentlicher Plätze. Nicht nur die Geometrie erinnert an das Projekt von 1992, sondern auch die gleichmäßig verteilten Hochgaragen als Ausdruck eines Mobilitätskonzeptes, das selbst 25 Jahre später noch als fortschrittlich gelten darf.

Schon im Wettbewerb für das „Seeparkquartier“ hatte Lainer die Hochhäuser als Bündel unterschiedlich hoher Bauteile konzipiert. Das HoHo folgt diesem Schema mit drei gestaffelten Baukörpern, die sich aneinanderlehnen, nicht nur im übertragenen Sinn, sondern auch statisch, indem sich die schmalen Stahlbetonkerne im rechten Winkel zur effizienten Lastabtragung verbinden. Alle Nutzflächen rundherum sind in massiver Holzkonstruktion mit dicken Stützen aus laminiertem Brettschichtholz ausgeführt. Hier führen Statik und Brandschutz zu Dimensionen, die ungewohnt sind, wenn man sie mit klassischen Pfosten-Riegel-Systemen vergleicht. Wer sich mit dieser „fat architecture“ anfreunden möchte, sollte seine Erwartungen an der Kartonarchitektur des japanischen Architekten Shigeru Ban justieren, der für Projekte berühmt wurde, in denen er Kartonröhren tragend einsetzte. Mit dem Tamedia-Haus in Zürich hat Ban schon 2013 die Prinzipien einer solchen Architektur in Holz durchdekliniert.

Im Unterschied zu Bans Projekt kommt das HoHo aber nicht ganz ohne Beton aus: Randträger und Decken sind als Verbundelemente ausgebildet. Im Innenraum dominieren dennoch Stützen, Decken und Wände aus massivem Holz, das wegen der üppigen Dimensionierung unverkleidet bleiben darf: Im Brandfall bildet sich eine mehrere Zentimeter dicke verkohlte Schicht, die das Holz vor weiterem Abbrand schützt. Dieses Brandverhalten für alle relevanten Bauteile nachzuweisen war eine besondere Herausforderung an die Planer.

Auch von außen hätten man gerne Holz als Verkleidung verwendet, aber es fanden sich keine Holzwerkstoffe, die für diese Höhe zugelassen sind. So kamen schließlich Faserzementplatten zum Einsatz, die in abgestuften Beige- und Brauntönen ein Muster erzeugen, das an eine Rindenstruktur erinnert, die nach oben immer heller wird. Warum die Fensteröffnungen minimal variieren, bleibt rätselhaft. An mehreren Stellen wird die Fassade schließlich durch Verglasungen aufgebrochen, hinter denen das Tragsystem zum Vorschein kommt, eine etwas lepröse Ästhetik. Ähnlich überraschend sind auf den ersten Blick Vordächer mit unterschiedlichen Tiefen, ausgeführt in massiver Stahlkonstruktion, die dem Baukörper auf Höhe des ersten Stockwerks an mehreren Seiten vorgesetzt sind. Diese Elemente halten die Fallwinde ab, die sich bei Sturm an der glatten Fassade bilden und Passanten gefährden könnten. Dass es diese Windbrecher braucht, liegt nicht zuletzt am städtebaulichen Konzept der Kombination von Hochhäusern mit kleinmaßstäblichen Stadträumen.

Ob das Hochhaus aus Holz wirklich Zukunft hat? Holz sollte dort eingesetzt werden, wo es seine ästhetischen und ökologischen Stärken am besten ausspielen kann, aus der Perspektive des Klimaschutzes also dort, wo es jene Materialien ersetzt, die mit dem höchsten CO2-Ausstoß verbunden sind. Schlanke Stahlstützen in Hochhäusern durch massive Holzkonstruktionen zu ersetzen, die in Verbundbauweise errichtet sind und sich nicht rezyklieren lassen, zählt nicht dazu. Das spricht nicht gegen eine weitere Erhöhung des Holzanteils im Bauwesen. Das Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen kauft uns vor allem Zeit: In einem Kubikmeter Holz, das in Bauholz verwandelt wird, steckt eine Tonne CO2, die erst in 80 oder 100 Jahren entsorgt, also verbrannt werden oder verrotten muss, während in derselben Zeit im Wald Ersatz nachwachsen kann, der CO2 speichert. Wie groß der Einfluss der Klimaveränderung auf dieses Gleichgewicht sein wird, ist noch unklar. Eine neue Bauweise allein wird nicht viel nützen. Klar ist, was Bernard Rudofsky schon vor 50 Jahren sagte: Eine neue Lebensweise tut not.

14. April 2020 Spectrum

Ein Dialog schaut anders aus

Darf man in Zeiten der Pandemie über Ästhetik schreiben? Eines ist sicher: Wir werden danach eine architektonische Sprache brauchen und nicht nur formale Routine. Über die schreiende Sprachlosigkeit in der Architektur der Gegenwart.

Das Gebaute hat immer recht. Es setzt Maßstäbe durch seine bloße Existenz, während die Kritik in den Archiven verschwindet. Die normative Kraft des Faktischen verschiebt auch im Reich der Ästhetik die Grenzen: Was lange unvorstellbar war, ist plötzlich neue Normalität. In den vergangenen Jahren habe ich im „Spectrum“ einige Projekte besprochen, die man als Vorboten einer neuen Normalität in der Architektur verstehen könnte, gerade weil sie unter unterschiedlichen Bedingungen zu ähnlichen Resultaten führen. Zwei Projekte sind bereits in Betrieb: der Zubau zur Wotrubakirche in Wien-Mauer und das Belvedere-Stöckl im Schwarzenberggarten; der Flakturm im Esterházypark, der für das Haus des Meeres erweitert wird, steht kurz vor der Fertigstellung. Gemeinsam ist den Projekten ein anspruchsvoller Kontext, der höchste Sensibilität im Dialog mit dem Bestand verlangt hätte. Daran sind die Projekte auf unterschiedlichem Niveau gescheitert. Ein Besuch bei den ausgeführten Bauten bestätigt die Vermutung, dass es dafür einen gemeinsamen Grund gibt. Sie sind formal und technisch routiniert gemacht, aber es mangelt ihnen an einer architektonischen Sprache, die nicht nur Formen produziert, sondern auch einen Gedanken ausdrückt.

Die höchsten Ansprüche an sich stellt von den drei Projekten jenes für einen halb in den Hang gegrabenen Zubau zur Wotrubakirche, entworfen vom Architektenteam f2p. Jahrelang wogte ein Streit zwischen der Kirchengemeinde, die einen barrierefreien Zugang zu der auf einer Anhöhe gelegenen Kirche verlangte, und dem Bundesdenkmalamt und kritischen Architekten, die forderten, den monumentalen Bau und sein Umfeld unangetastet zu lassen. Die Entscheidung fiel schließlich vor dem Bundesverwaltungsgericht. Die Richterin urteilte für die Erfüllung der Alltagsbedürfnisse der Gemeinde in der geplanten Form. Die auch von mir geäußerte Befürchtung, die Kirche könnte von der Glashaube des Liftes bedrängt werden, bestätigt sich in der Realität nicht. Wer den bisherigen Weg bergauf zum Eingang einschlägt, nimmt höchstens eine ins Gelände gefaltete Zierleiste aus Beton wahr, die zuerst die Dachkante des im Hang versenkten Zubaus bildet und dann in eine Sitzbank ausläuft. Vom Ende der Zufahrtsstraße her bietet sich aber ein anderer Eindruck, der auch prominent auf der Webseite der Architekten gezeigt wird und den Kritikern recht gibt. Der um über eine Million Euro errichtete Bau übernimmt hier die Formensprache eines hochklassigen Wellnessresorts. Darüber schweben wie auf einem Präsentierteller die Betonquader der Kirche. Ein Dialog sähe anders aus.

Auch beim „Stöckl im Park“ im Schwarzenberggarten geht es um Dialog, nicht mit einem anderen Bauwerk, sondern mit einem barocken Garten, in den ein Großrestaurant mit 270 Plätzen im Inneren und 610 Plätzen im Freien zu integrieren war. Errichter und Betreiber ist derselbe Unternehmer, der mit dem Salm-Bräu bereits das andere Ende des Belvedere-Areals gastronomisch besetzt hat. Das „Stöckl im Park“ besteht aus einem Bestandsbau aus den 1920er-Jahren, der in eine Kleinbrauerei verwandelt wurde, und einem Neubau für das Restaurant. Die Architektur gehorcht hier der einfachen Formel, ein Maximum an Restaurantplätzen in jenem Maximum an Kubatur herzustellen, das widmungsgemäß an diesem Ort zulässig ist. Dass dieses Projekt in dieser Form realisiert werden konnte, ist ein Multiorganversagen, nicht zuletzt der öffentlichen Hand, aber auch der Eigentümer des Gartens. An diesem Standort hätte bei entsprechender Koordination und Planung ein einzigartiger gastronomischer Ort entstehen können. Jetzt müssen wir uns mit einem Lokal zufriedengeben, das in einem der schönsten Gärten Wiens den Charme einer Autobahnraststätte verströmt.

Der Flakturm im Esterházypark war – mit fünf weiteren ähnlichen Türmen – Teil eines NS-Festungssystems und seit Kriegsende eines der eindringlichsten Mahnmale gegen den faschistischen Terror in Wien. Obwohl mehrfach für das „Haus des Meeres“ adaptiert, das den Turm seit Jahrzehnten nutzt, blieb die Wirkung bisher erhalten. Erst seit der jüngsten Sanierung nach Plänen der Pumar-Architekten ist es damit vorbei. Ein monströser, mit Glas und Metallpaneelen verkleideter Körper schiebt sich so massiv vor den Bestand, dass man glauben könnte, der Flakturm hätte sich in Luft aufgelöst, wären da nicht die runden Plattformen, die der Faschingsmaske der neuen Glasfassade als Ohren dienen. So viel unfreiwilligen Humor bei einem Haus sehen zu müssen tut weh, mehr noch, wenn es sich mit 570.000 Besuchern jährlich um eine der großen Attraktionen Wiens handelt.

Die drei angesprochenen Projekte haben eine auffällige Gemeinsamkeit. Sie überfordern sich massiv, indem sie versuchen, eigentlich unlösbare Aufgaben zu bewältigen. Würde man das „Haus des Meeres“ neu denken, wäre ein Flakturm wohl kaum der Standort erster Wahl. In diesem Korsett immer weiter zu expandieren musste schließlich zu einem Monster führen. Das „Stöckl im Park“ hätte einen neuen Bebauungsplan und die Einsicht gebraucht, dass dieser Ort für ein permanentes Oktoberfest nicht geeignet ist. Und bei der Wotrubakirche bleibt zumindest die Frage im Raum, ob Aufwand und Ergebnis noch in einem angemessenen Verhältnis zueinanderstehen.

Nach der Pandemie wird die Architektur gefordert sein, Probleme aus größerer Distanz zu betrachten und nach radikalen Alternativen zu suchen, statt viel zu rasch vor Sachzwängen einzuknicken. Wenn meine Vermutung stimmt, dass die diskutierten Beispiele für eine neue Normalität stehen, ist die Architektur darauf nicht gut vorbereitet. Sie ist mehr und mehr geprägt von marktgängiger Routine, der es nicht an Formen oder an Technologie fehlt, aber sehr wohl an architektonischen Gedanken, die anschlussfähig in die Vergangenheit und in die Zukunft sind. Es passt gut ins Bild, dass der österreichische Kunstsenat Laurids und Manfred Ortner als Preisträger des heurigen Großen Österreichischen Staatspreises für künstlerische Leistungen gekürt hat. So viele Verdienste sie sich vor 50 Jahren als Haus-Rucker-Company erworben haben, stehen Ortner & Ortner inzwischen für erfolgsträchtigen Pragmatismus. Der Preis sei ihnen gegönnt. Vorbilder, Leitbilder für morgen sehen heute anders aus.

13. März 2020 Spectrum

Drei Höfe zum Heilen

Ein Krankenhaus ist ein besonderer Ort, an dem Menschen in Ausnahmesituationen aufeinandertreffen. Genauso speziell ist auch die Errichtung eines Spitals, da es bestimmte Bedingungen erfüllen muss. Ein gelungenes Beispiel: das Landesklinikum Thermenregion Mödling.

Der Entwurf von Krankenhäusern ist die Königsdisziplin der Architektur; zumindest treffen bei keiner anderen Bauaufgabe derart unterschiedliche Herausforderungen zusammen. Ein modernes Krankenhaus ist technisch anspruchsvoll wie ein Hightech-Industriebau; es muss den Komfort eines gehobenen Hotels mit Gastronomie und entsprechender Logistik bieten; und es ist ein atmosphärisch besonderer Ort, an dem Menschen in Ausnahmesituationen zusammentreffen – kurzzeitiger Lebensraum für Patienten und dauerhafter Arbeitsplatz für Spezialisten, vom Pflegepersonal über die Ärzte bis zu den Haustechnikern, deren gutes Zusammenspiel im Ernstfall über Leben und Tod entscheidet.

Das Krankenhaus in Mödling ist ein mittelgroßes Haus mit 351 Betten in 150 Zimmern, realisiert um Errichtungskosten von 158 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die Klinik Floridsdorf in Wien – ehemals Krankenhaus Nord – bietet etwas mehr als doppelt so viele Betten, ist aber mindestens achtmal so teuer. Mit dem Krankenhaus Nord hat das Krankenhaus Mödling nicht nur einen Namenswechsel zum Schickeren gemeinsam – es heißt heute Landesklinikum Thermenregion Mödling –, sondern auch ein ähnliches Geburtsjahr: Der Wettbewerb für das Landesklinikum wurde 2007 entschieden, jener für die Klinik Floridsdorf im Jahr 2008. Beide gingen vergangenes Jahr, also nach rund zwölf Jahren Bauzeit, in Betrieb.

Die Ursachen für die lange Bauzeit könnten aber nicht unterschiedlicher sein. Bei der Klinik Floridsdorf liegen sie in der gefürchteten Grauzone zwischen Inkompetenz und Korruption, die auch für die Kostenüberschreitung verantwortlich war. In Mödling ergab sich die Bauzeit aus der Tatsache, dass es sich zwar um einen kompletten Neubau handelt, dieser aber auf dem Areal des bestehenden Krankenhauses errichtet wurde, das während des Baus in Betrieb bleiben musste. Der Bau entstand daher in mehreren Etappen, zwischen denen bestehende Bauteile abgebrochen wurden – eine logistisch enorme Herausforderung an die Planer wie das Team des Hauses.

Dass dieses Haus heute dasteht wie aus einem Guss, ist auf das klare funktionelle und gestalterische Konzept seiner Architekten zurückzuführen. Hier war ein Team am Werk, das schon früher im Krankenhausbau zusammengearbeitet hatte. Paul Katzberger und Mike Loudon errichteten 2001 mit dem Medizinzentrum Anichstraße in Innsbruck einen richtungsweisenden Krankenhausbau, einen großen städtischen Block mit einem teilweise überdachten, teilweise begrünten Innenhof, der mit einem „Stadtfenster“ aufwartet, einer über zwei Geschoße reichenden Öffnung des Hofs zur umgebenden Altstadt von Innsbruck. Ein ähnlich hoher Anspruch vom Städtebau bis zum Detail ist charakteristisch für die Projekte der beiden Architekten, zu denen in Mödling Josef Habeler und Anton Kirchweger als Partner im Büro Loudon hinzukamen. Die örtliche Bauaufsicht erfolgte durch die Arge Moser/Pfeil. Das Konzept für das Krankenhaus Mödling nimmt den Innsbrucker Hoftyp auf und addiert ihn zu einem Ensemble dreier Hofhäuser, die in den Obergeschoßen über kurze Brücken verbunden sind. Das Projekt hat sich seit dem Wettbewerb 2007 deutlich weiterentwickelt. Waren damals drei identische vierstöckige Hofhäuser mit einem verbindenden, in die Fläche greifenden Sockelgeschoß geplant, so reduzierte sich die Anlage im ausgeführten Projekt auf drei leicht differenzierte Hofhäuser und eine eingeschoßige, großzügig belichtete Verbindungshalle. Die Halle hat einen angenehmen Maßstab und bietet vom Empfang aus direkten Blick auf die drei Liftgruppen, die zu den Stationen führen. Die Liftgruppen wirken in der Eingangshalle im Erdgeschoß wie frei stehende Körper; in den Obergeschoßen nehmen sie dagegen einen für den Typus des Hofhauses ungewöhnlichen Ort ein, nämlich die Ecke. So etwas wie einen Erschließungskern aus Liften und Treppe kann es in diesem Konzept nicht geben, denn der läge mittig im Haus. Stattdessen erlaubt es die Ecklage, die Lifte und eine einläufige Treppe als großzügige, natürlich belichtete Vorzone zu den Stationen mit Blick ins Freie auszubilden.

Diese Stationen sind konventionell angelegt. Auffällig sind etwas breitere Korridore als üblich und viel Holz an den Oberflächen. Die Stützpunkte der Stationen sind als frei stehende Pulte ausgeführt. Im größten der drei Blocks, bei dem diese Stützpunkte in einer Dunkelzone liegen würden, sichern zwei kleine begrünte Lichthöfe den Kontakt zur Außenwelt. Alle Patientenzimmer haben Blick in die Umgebung. Zum Hof hin liegen Nebenräume und Aufenthaltsräume für Personal und gehfähige Patienten. Der Blick in den Hof ist aber alles andere als langweilig, wenn man etwas genauer hinsieht. Die Architektur von Paul Katzberger und Mike Loudon ist eine Architektur der leisen Töne, eine „fade“ Architektur, wobei „fade“ in dem Sinn zu verstehen ist, wie es François Jullien in seinem Buch „Über das Fade – eine Eloge“ in Bezug auf Denken und Ästhetik in China beschrieben hat: das „Fade“ als der Moment, in dem noch fast alles möglich ist, einen letzten, minimalen Schritt entfernt vom intensiven Ausdruck, der in diesen Moment des „Faden“ zurückleuchtet. Dieser Haltung verdankt sich unter anderem die Materialwahl der Außenfassade, eine Kombination aus Klinkerziegeln und Kunststeinelementen. Letztere sind wie Notenlinien über die Fassade gezogen, über denen die minimal unterschiedlich gebrannten Ziegel ihre Melodie spielen. Diese ruhige, aber alles andere als eintönige Ziegeloberfläche findet sich auch an wichtigen Punkten im Innenraum, zum Beispiel als Ummauerung der Lifte. Für den Einsatz eines derart porösen und daher haptisch ansprechenden Materials im Krankenhaus war ein zeitgemäßes Hygienekonzept Voraussetzung.

In jedem der drei Hofhäuser ist ein Raum pro Geschoß für die Haustechnik bestimmt, die einen Schacht im Ausmaß eines Doppelzimmers in Beschlag nimmt. Dieses Krankenhaus ist auch eine gigantische Maschine, für deren Wartung fünf Haustechniker nötig sind. Sie füllt die Kellergeschoße aus, von wo sich Kilometer an Leitungen mit zigtausenden Ventilen nach oben verzweigen – technische Blutgefäße und Luftröhren in wunderbar klaren, gut proportionierten Baukörpern.

14. Februar 2020 Spectrum

Vernunft über dem Eselsweg

Die geglückte Sanierung eines Bürohauses aus den 1970er-Jahren in Wien-Landstraße. Wie eine architektonische Bruchlandung zur Bereicherung der gründerzeitlichen Stadt wurde.

Der Esel, behauptete Le Corbusier, hat alle Städte des Kontinents gezeichnet. „In den Landstrichen, die sich nur nach und nach bevölkerten, zottelte der Karren hin und her, wie es Erdbuckel und Löcher, Steine oder Sumpf geboten. Ein Bach war ein gewaltiges Hindernis. So sind Wege und Straßen entstanden. An den Kreuzungen der Straßen errichtete man die ersten Häuser entlang dem Wege des Esels.“ Le Corbusier meinte das nicht als Kompliment. Seine Idealvorstellung von Stadt war die gerasterte Stadt des Ingenieurs, auf Stützen schwebend, vom Terrain losgelöst und einer rationalen Ordnung folgend.

An kaum einem anderen Ort in Wien treffen diese zwei Prinzipien so hart aufeinander wie im dritten Wiener Gemeindebezirk im Bereich nördlich des Rochusmarkts zwischen Rasumofskygasse und Kundmanngasse. Im Zentrum des Areals liegt das Palais Rasumofsky, dessen Garten im frühen 19. Jahrhundert bis zum Donaukanal reichte, der damals noch Flusslandschaft mit unscharfen Konturen war. Die Landstraßer Hauptstraße, die Erdbergstraße und die Rasumofskygasse sind typische, gekurvt dem Geländeverlauf folgende „Eselswege“.

Als der Garten des Palais Rasumofsky im 19. Jahrhundert verkauft wurde, kamen die Ingenieure zum Zug. Sie zogen einen Blockraster über das Areal, der Richtung Donau mit Zinshäusern gefüllt wurde. Da eine Straßenbahn quer durch das Gelände zur Rotundenbrücke geführt werden musste, schnitten die Ingenieure die Kundmanngasse ins Gelände ein und trennten damit einen Teil des Rasumofskygartens ab, der wie eine kleine Insel im Stadtgefüge zurückblieb. Es war dieses Grundstück, das Ludwig Wittgenstein seiner Schwester Margarethe als Standort für den Bau einer Villa empfahl. Er hatte es Anfang der 1920er-Jahre entdeckt, als er seine Ausbildung zum Volksschullehrer machte. Aus den Fenstern der Lehrerbildungsanstalt in der Kundmanngasse hatte man Einblick in das mit großen Bäumen dicht bepflanzte Grundstück. Es war ein unmöglicher Platz für eine Millionärsvilla, umgeben von proletarischen Zinshäusern, 200 Meter vom Industriegebiet an der Donau entfernt. Gerade das dürfte Wittgenstein und seine Schwester gereizt haben.

Ab 1925 plante Ludwig Wittgenstein mit dem Architekten Paul Engelmann das berühmte Haus, das die Schwester 1928 bezog. Ihr Sohn verkaufte es 1971 an einen Bauunternehmer, der eine Widmung des Areals für zwei Hochhäuser anstrebte, denen das Haus Wittgenstein zum Opfer fallen sollte. Nach heftigen Protesten wurde die Villa unter Denkmalschutz gestellt. Die prachtvollen Bäume des Gartens waren zu diesem Zeitpunkt aber schon gefällt, und gegen das Hochhaus neben der Villa half kein Denkmalschutz. Dieses Haus, in das 1978 der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungen einzog, war ein spätes und besonders missratenes Kind jenes Rationalismus, den Le Corbusier in den 1920er-Jahren gefordert hatte. Es bestand aus einer 14 Geschoße hohen Scheibe mit einem geknickten Dachaufbau, an die quer eine kleinere Scheibe andockte, die als Unterkunft für Seminarteilnehmer diente. Städtebaulich war diese Kombination fatal, da sie weder das Hochhaus zur Wirkung kommen ließ noch den Straßenraum brauchbar strukturierte. Die Ignoranz gegenüber der Umgebung gipfelte in einer Fassade aus braun eloxiertem Aluminium und ins Orange changierenden Spiegelfenstern. Dass dieses Haus eine Runderneuerung brauchte, war klar. Der Hauptverband – inzwischen Dachverband der Sozialversicherungsträger – baute für das Sanierungsprojekt seine Bauherrnkompetenz aus, indem er ein kleines Team unter der Leitung eines in der Projektentwicklung erfahrenen Architekten anstellte, das 2015 einen Architekturwettbewerb ausrichtete und das Projekt bis zur Eröffnung begleitete. Zu den Vorgaben im Wettbewerb gehörten die Erhaltung der Büroscheibe, das Abtragen des Quertrakts und die Errichtung eines neuen Seminarzentrums mit Restaurant und starker Orientierung zum öffentlichen Raum.

Das siegreiche Projektteam, die Pariser Architekten Chaix & Morel et Associés und ihr Wiener Partner Christian Anton Pichler, verwandelte den braunen Koloss in ein strahlend weißes Haus mit hinterlüfteter Doppelfassade. Der geknickte Dachaufbau wurde durch ein Staffelgeschoß ersetzt und die gläserne Außenhülle über das Volumen hinausgeführt, um der Scheibe eine bessere Proportion zu geben. Im Inneren entstanden anstelle der Zellenbüros offenere Räume, die durch die niedrigen, auf Sitzhöhe angeordneten Parapete großzügiger wirken. Die deutlichste Veränderung zum Bestand erfuhr das Haus im Sockelbereich. Die untersten vier Geschoße, in denen das Seminarzentrum untergebracht ist, sind als transparenter Bereich Richtung Haus Wittgenstein konzipiert. Dessen Dimension wird zum Maßstab für eine locker gesetzte Gruppe von zwei- bis dreigeschoßigen Quadern, die einen öffentlichen Vorbereich schaffen. Im größten Quader, der nach der Erdbergstraße ausgerichtet ist, liegen im Obergeschoß drei große Vortragssäle und im Erdgeschoß die Mensa des Hauses. Wo früher ein wilder und grüner, aber nicht öffentlich zugänglicher Garten lag, befindet sich nun ein harter Platz mit großen Pflanzkreisen und Bäumen, die noch ein paar Jahre brauchen werden, bis sie Schatten spenden. Kunstwerke von Peter Kogler, Michael Kienzer und Esther Stocker sind auf diesem Platz und in den umliegenden Räumen geschickt zueinander in Beziehung gesetzt.

Von Ludwig Wittgenstein ist eine Bemerkung erhalten, mit der sich dieses Projekt gut charakterisieren lässt: „Erinnere Dich an den Eindruck guter Architektur, dass sie einen Gedanken ausdrückt. Man möchte auch ihr mit einer Geste folgen.“ Chaix & Morel et Associés und ihr Wiener Partner reagieren mit ihrer eigenen Geste auf den Entwurfsgedanken des Hauses Wittgenstein – indem sie ihn gerade nicht kopieren: Sie setzen auf Tiefe und Vielschichtigkeit der Oberfläche, auf die Auflösung der Volumina, und sie tun das mit der gleichen Meisterschaft, mit der Wittgenstein und Engelmann bei ihrem Haus das genaue Gegenteil anstrebten: dichte Oberflächen, klare Volumetrie. In diesen Dialog passt die neu gestaltete Hochhausscheibe als Vermittlerin. Sie vereint klare Geometrie mit einer mehrschichtigen Hülle, deren Bild je nach Lichtstimmung changiert. Auch rationale Architektur kann magisch wirken.

21. Januar 2020 Spectrum

Zurück gibt es keines: das Regierungsprogramm und die Architektur

Ein neues Jahrzehnt, eine neue EU-Kommission, eine neue Regierung. Wie kann die Vision einer Architektur aussehen, die dieser neuen Ära angemessen ist? Und kommt jetzt der radikale Umbau, den nicht nur die Fridays-for-Future-Generation erwartet?

Manche Jahrhunderte brauchen etwas länger. Der Historiker Eric Hobsbawm sprach vom langen 19. Jahrhundert, das von 1789 bis 1914 gedauert hätte, eine Verkettung von Ereignissen von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg. Auch das 20. Jahrhundert scheint ein langes gewesen zu sein, eines, das seine Problemlagen und Ideologien noch weit ins 21. Jahrhundert hineintragen konnte. Obwohl die Grenzen des Wachstums schon in den frühen 1970er-Jahren Thema waren, hat die Welt weitergelebt, als gäbe es diese Grenzen nur in der Theorie.

Im Moment verdichten sich die Anzeichen, dass wir wirklich in einem neuen Jahrhundert angekommen sind: Die Klimakatastrophe ist kein abstraktes Szenario mehr, sondern harte Realität. Selbst wenn die Erderwärmung für die australischen Flächenbrände nur Brandbeschleuniger und nicht Ursache war, werden sich die Bilder eines brennenden Kontinents als Auftakt eines neuen Zeitalters ins kollektive Gedächtnis einprägen. Sie suggerieren eine Dringlichkeit, die alle Lebensbereiche erfasst. Architektur, Städtebau und Raumplanung sind dabei gleich mehrfach betroffen. Sie sind wesentliche Mitverursacher der Erderwärmung: Beim Bauen kommen Materialien zum Einsatz, die mit hohem Energieaufwand hergestellt werden. Häuser müssen geheizt und – immer öfter – gekühlt werden. Ihre Haltbarkeit ist begrenzt, und statt recycelt zu werden, landet Bauschutt zum überwiegenden Teil auf der Deponie. Auch der Verkehr ist ein indirekter Effekt von Stadt- und Raumplanung. Je disperser die Siedlungsräume, desto größer die Abhängigkeit vom Individualverkehr.

Die neue Regierung verdankt ihre Existenz zu einem guten Teil den Folgen dieser Entwicklung. Ihre Ankündigung, ab 2030 Strom ausschließlich aus erneuerbaren Quellen zu erzeugen und Österreich bereits im Jahr 2040 „klimaneutral“ zu machen, zehn Jahre früher als die EU in ihrem „Green Deal“, ist nur mit radikalen Maßnahmen umzusetzen. Um diese Versprechen einzulösen, müsste die Regierung – zugespitzt formuliert – fünf Jahre lang konsequent an ihrer Nicht-Wiederwahl arbeiten und dabei Fakten schaffen, die nicht mehr reversibel sind. Es ist daher kein Wunder, dass das Regierungsprogramm bei den Maßnahmen unschärfer ist als bei den Zielen. Was das Programm als „Phase-out-Plan für fossile Energieträger in der Raumwärme“ beschreibt, läuft auf den stufenweisen Verzicht auf Öl- und Gasheizsysteme hinaus, der spätestens 2035 abgeschlossen sein soll. Für den ländlichen Raum soll ein „weitgehend stündliches Angebot“ an Mobilitätsservices geschaffen werden, das klassische ÖV-Komponenten mit Sammeltaxis und Sharing-Plattformen verbindet.

Ein weiteres raumbezogenes Kernthema sind die Biodiversität und ihre Bedrohung durch immer stärkere Bodenversiegelung. Im Kapitel Umwelt- und Naturschutz findet sich ein Abschnitt über „Zukunftsfähige Raumordnung“, der einen Zielpfad zur Reduktion des Flächenverbrauchs auf 2,5 Hektar pro Tag bis 2030 inkludiert, ein Viertel des aktuellen. Erreicht werden soll das durch eine aktive Bodenpolitik und Stärkung der Ortszentren, wie sie die Österreichische Raumordnungskonferenz seit Jahren empfiehlt, sowie durch eine generelle Förderung der Baukultur, entsprechend den Baukulturellen Leitlinien des Bundes und den Empfehlungen des dritten österreichischen Baukulturreports.

Dort, wo die öffentliche Hand als Bauherrin auftritt, soll sie Vorbildwirkung entfalten: Die Regierung verspricht im Neubau verpflichtende PV-Anlagen und einen „Niedrigstenergiestandard“, dazu eine Sanierungsrate von drei Prozent und verbindliche Leitlinien für ökologisch vorbildhafte Sanierung. Für den Bereich des Bildungsbaus soll ein neuer Schulentwicklungsplan in Abstimmung mit Ländern und Gemeinden entstehen, unter Berücksichtigung pädagogischer und ökologischer Ziele. Der Finanzausgleich zwischen Bund und Ländern soll generell auf die Erreichung der Klimaziele hin orientiert werden, etwa in der Wohnbauförderung. Dazu heißt es im Abschnitt zum Thema Wohnen: „Vergabe von Wohnbaufördermitteln nur noch unter der Voraussetzung, dass umweltschonend gebaut wird“. Nachverdichtung soll Vorrang vor dem Neubau auf der „grünen Wiese“ erhalten, eine neue Wohnraumpolitik Wohnraum leistbarer machen, die Bildung von Eigentum erleichtern und Mieten günstiger gestalten, wofür eine umfassende Reform des Wohnrechts versprochen wird. Dass ein leistbarer genossenschaftlicher Mietwohnungsbau und nicht die private Eigentumsbildung der Kern des erfolgreichen österreichischen Modells der Wohnbauförderung ist, sollte bei dieser Reform nicht vergessen werden.

So richtig es ist, die Politik des nächsten Jahrzehnts konsequent auf Entkarbonisierung auszurichten, so wenig lassen sich Architektur und Städtebau auf ihren Beitrag zur Reduktion des CO2-Ausstoßes in die Atmosphäre reduzieren. Als künstlerische Disziplinen müssen sie auf eine neue Ära auch formal reagieren und nach räumlichen Antworten auf die Fragen der Zeit suchen. Jedes Bau- oder Planungsprojekt stellt implizit die Frage nach dem „guten Leben in einer gerechten Gesellschaft“. Diese Frage ist heute besonders brisant, weil die Mechanismen des Klimawandels unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit herausfordern. Wenn man die Verantwortung für die Klimakatastrophe an der Gesamtmenge CO2 misst, die seit Beginn der industriellen Revolution vor 250 Jahren in einer Region durch Verbrennung in die Atmosphäre gelangt ist, und diese Menge auf die heute dort lebenden Menschen aufteilt, zeigt sich ein beschämendes Bild: Hätte ein Bewohner Äthiopiens ein „Kilogramm Verantwortung“ zu tragen, kämen auf einen Inder 23, auf einen Chinesen 95, auf einen Österreicher 400 und auf einen Bewohner der USA 816 Kilogramm (ourworldindata.org). „Climate Justice. Now“ lautet folgerichtig der Slogan der Fridays-for-Future-Bewegung.

Wie kann die Vision einer Architektur aussehen, die dieser neuen Ära angemessen ist? Sie wird den Charakter des Vorläufigen, Suspendierten haben müssen, geplant von Menschen, die gelernt haben, die Präzision von Raumfahrtingenieuren mit der Geduld von Gärtnern zu kombinieren. Mit den angekündigten radikalen Schritten bewegt sich die EU bezüglich „Climate Justice“ zumindest in richtige Richtung. Dabei geht es nicht einfach um Vorbildwirkung. Es geht um die moralische Legitimation für die nächsten Schritte: Schaffung eines „Climate Club“, wie ihn der Nobelpreisträger William D. Nordhaus vorgeschlagen hat, der den gesamten Handel mit Volkswirtschaften, die sich keine oder weniger ambitionierte Klimaschutzziele setzen, moderaten Zöllen unterwirft. Nach den vielen „letzten“ Chancen, die scheinbar ungestraft verpasst wurden, könnte mit solchen Lösungen eine geregelte Transformation gelingen. Das Alternativszenario wäre eine Welt, in der die wichtigsten Gebäude Mauern, Bunker und Festungen sind.

21. Dezember 2019 Spectrum

Der Impuls macht die Figur

Das neue Schulzentrum in Neustift im Stubaital ist ein Raumwunder – und beweist, dass Architektur am besten im Wettbewerb gedeiht. Über ein nicht nur in Tirol bedrohtes Erfolgsmodell.

Wie entsteht gute Architektur? Das Grundrezept ist einfach: Man nehme einen guten Bauherrn, der weiß, was er will, und in der Lage ist, dieses Wollen in ein Programm zu übersetzen. Für dieses Programm lässt man in einem anonymen Architekturwettbewerb Projekte entwickeln, aus denen eine gute Jury das beste auswählt. Damit die gebaute Wirklichkeit dem Wettbewerbsprojekt entspricht oder dieses sogar übertrifft, empfiehlt es sich, die Architekten als Generalplaner zu installieren und ihnen damit die künstlerische und technische Verantwortung für das Projekt zu übertragen. Dieses Rezept hat sich in Österreich seit vielen Jahrzehnten bewährt. Es ist keine Garantie für den Erfolg, aber es ist das geeignetste, weil es die Beteiligten an der richtigen Stelle fordert: Vom Bauherren verlangt es eine ehrliche Auseinandersetzung mit seinen Bedürfnissen und seinen finanziellen Mitteln. Von den Architekten verlangt es, im Wettbewerb ihr Bestes zu geben. Als Generalplaner schließlich sind die Architekten Anwälte des Bauherrn, die Termine und Kosten durch sinnvolle Eingriffe ins Projekt, also ohne Qualitätsverlust, unter Kontrolle halten.

Das neue Schulzentrum in Neustift im Tiroler Stubaital ist ein Beleg für die Qualität dieses Rezepts. Die Gemeinde Neustift ist ein Hotspot des Tourismus mit knapp 5000 Einwohnern – und über einer Million Nächtigungen pro Jahr. Das Schulzentrum besteht aus mehreren Institutionen: der üblichen Kombination von Volksschule, Mittelschule und Polytechnischer Schule, ergänzt um eine Ski-Mittelschule mit angeschlossenem Internat. Ein ausreichend großes Grundstück, um die diversen Institutionen an einem Standort zu verbinden, fand sich am Rande des Ortsteils Kampl, 12.000 Quadratmeter in Hanglage, auf denen die gleich große Geschoßfläche unterzubringen war.

In der ersten Stufe des Wettbewerbsverfahrens wählte die Jury aus 96 Bewerbern 32 Teilnehmer für die zweite, anonyme Stufe aus. Die Kriterien für die Auswahl sind bemerkenswert: Verlangt waren ein Kurztext zum Thema „Schule von morgen“ sowie Darstellungen von zwei Referenzprojekten, die nach den Kriterien „maßstäbliches und landschaftsbezogenes Bauen“, „innenräumliche Qualität“ und „Eignung der Referenzprojekte für die Aufgabenstellung des Wettbewerbs“ beurteilt wurden. Mit dieser Formulierung waren auch Bewerber, die noch keine Schule gebaut hatten, zur Teilnahme zugelassen. Das Siegerprojekt von Fasch & Fuchs Architekten ragte aus dem Bewerberfeld so weit heraus, dass die Jury keinen zweiten, sondern nur zwei dritte Preise vergab. Diese Drittgereihten waren durchaus respektable Entwürfe, die allerdings mit einem Aspekt der Aufgabe nicht zurechtkamen: dem „maßstäblichen und landschaftsbezogenen Bauen“. Denn jeder Versuch, das geforderte Volumen in einzelnen Baukörpern auf das knappe Grundstück zu platzieren, führt an diesem Ort zu einem Maßstabssprung, der den Dialog mit der Landschaft und der bestehenden Bebauung unmöglich macht. Fasch & Fuchs wählten dagegen einen radikal anderen Weg: Sie überbauen das gesamte Grundstück mit einer eingeschoßigen Struktur mit eingeschnittenen Höfen und nur zwei größeren Baukörpern ganz an den Enden des Grundstücks, der schwebenden Box der Volksschule oben an der Hauptstraße und dem Internatsgebäude am unteren Ende, wo es als kleiner Turm selbstbewusst in der Landschaft steht. Verbunden wird das alles durch eine innere Straße, eine Art Rückgrat der Anlage, das der Falllinie des Hangs folgt und die Niveaus mit Rampen und Treppen verbindet.

Die Schule ist ein Raumwunder mit vielen einprägsamen Orten: einer Außentreppe, die vor der Volksschule breit beginnt und über die Dächer nach unten führt; offenen Lernzonen, die an der richtigen Stelle noch eine Extraportion Licht von oben erhalten; einer zentrale Halle im Internatsturm, die den Bewohnern hilft, Gemeinschaft zu bilden; und vielen Orten mehr. Basis für das alles ist ein raffiniertes geometrisches Konzept: streng parallele Baukörper, die durch einen seitlichen, aus dem Grundstückszuschnitt abgeleiteten Impuls gegeneinander verschoben werden. Diese Verschiebung nimmt dem Grundriss alles Schematische und lässt das Haus mit seinen begrünten Dächern und Höfen tatsächlich wie ein Stück Natur wirken.

Das Projekt wurde im Zeitplan und zu den geplanten Baukosten von 24,6 Millionen Euro errichtet. Zufriedenheit auf allen Seiten: Die Nutzer lieben das Haus; das Land Tirol, dessen Abteilungen für Dorferneuerung und für Hochbau das Projekt begleitet haben, kann ein neues Vorzeigeprojekt vorweisen. Hätte man sich in einem Direktauftrag an eine so radikale Lösung gewagt? Wohl kaum. Erst der Wettbewerb mit seinem Vergleich zu anderen Lösungen, evaluiert von einer Fachjury, gab dem Bürgermeister die nötige Sicherheit. Dass es derzeit ausgerechnet in Tirol Tendenzen gibt, dieses Erfolgsmodell zu desavouieren, ist bedauerlich. Der Unternehmer Klaus Ortner, größter Aktionär der Baufirma Porr und Miteigentümer des Gemeinde-Beraters Communalp, lässt sich in der „Tiroler Tageszeitung“ mit der Aussage zitieren: „Dem Totalunternehmer von der Planung bis zur Ausführung gehört die Zukunft.“ Berater wie die Communalp bieten zu hohen Kosten das an, was das Land in Neustift als Amtshilfe geleistet hat. Wenn Gemeinden sich einreden lassen, nicht einmal zur Programmentwicklung für ein Gemeindezentrum fähig zu sein, sind sie leichte Beute für Totalunternehmer.

In Innsbruck hat das Land mit den Vorgängen um das Management Center Innsbruck (MCI) eine rote Linie überschritten. Um das von einer Fachjury gekürte Wettbewerbsergebnis abzuschießen und als Totalunternehmerverfahren neu ausschreiben zu können, erweckte der zuständige Landesrat Johannes Tratter den Eindruck, im letzten Moment bei einer Kostenexplosion auf knapp 130 Millionen Euro die Notbremse ziehen zu müssen. Dass jetzt bei der Neuausschreibung trotz reduzierter Fläche immer noch ein Preisrahmen von 130 Millionen Euro genannt wird, beweist, dass die Explosion nicht am Entwurf gelegen haben kann. Dass Privatunternehmer ihren Einfluss auf den Markt ausdehnen wollen, mag man nachvollziehen können. Die Politiker fast aller Couleurs, die bei dem Spiel mitgemacht haben, werden sich in ein paar Jahren aber eine Frage gefallen lassen müssen: Wart ihr nur inkompetent oder auch korrupt?

23. November 2019 Spectrum

Gemeindebau neu: Wie viel weniger ist mehr?

Das sollte der 2015 angekündigte „Gemeindebau neu“ jedenfalls sein. Und wo bleibt die Qualität? Jetzt ist das erste Projekt fertig, und es überzeugt: Zumindest in diesem Fall hat man am richtigen Platz gespart.

Selten hat ein Wohnbau in den vergangenen Jahren so viel gute Presse gehabt wie dieser. Das liegt nicht an der Architektur, zumindest nicht in erster Linie, sondern daran, dass er der erste neu errichtete Gemeindebau der Stadt Wien seit 15 Jahren ist. 2004 hatte die Stadt beschlossen, zusätzlichen geförderten Wohnbau nur noch über Genossenschaften zu errichten. Am Status der 220.000 bestehenden Wiener Gemeindewohnungen, in denen 500.000 Menschen leben, änderte das nichts. Mit Bruttomieten von durchschnittlich 6,28 Euro pro Quadratmeter liegen sie preislich deutlich unter den Mieten im privaten Sektor und helfen damit, die Preissteigerung zu dämpfen.

Der Gemeindebau wurde durch die Entscheidung des Jahres 2004 zwar nicht abgeschafft, aber zu einem historischen Modell erklärt, zu einem wichtigen, aber etwas verstaubten Symbol des „Roten Wien“. Tatsächlich kann man sich Projekte wie die Umnutzung der Gasometer in Simmering kaum als Gemeindebauten vorstellen, genauso wenig die autofreien oder gendergerechten „Themensiedlungen“ – nicht weil sie im Gemeindebau keinen Platz gehabt hätten, sondern weil der Gemeindebau stets dem utilitaristischen Prinzip des „größtmöglichen Glücks für die größtmögliche Zahl“ gefolgt war und so eher dem Durchschnittlichen als dem Besonderen zuneigte.

Die Verlagerung der Wohnbautätigkeit zu den gemeinnützigen Bauträgern erlaubte es der Stadt auch, mehr Konkurrenz zwischen diesen herzustellen. Seit 1995 gibt es Bauträgerwettbewerbe, bei denen Genossenschaften gemeinsam mit Architekten Projekte einreichen. Da die Baukosten im geförderten Wohnbau gedeckelt sind, geht es in diesen Wettbewerben vor allem um Qualität. Unabhängige Jurys bewerten die Einreichungen nach den Kriterien Architektur, Ökonomie, Ökologie sowie soziale Nachhaltigkeit. Vorgeschaltet sind diesen Wettbewerben meist städtebauliche Ideenwettbewerbe, wobei die Teilnehmer an Letzteren oft als sogenannte „Fixstarter“ zu den nachfolgenden Projektwettbewerben eingeladen werden. Der Begriff ist irreführend: „Fixstarter“ dürfen nicht nur teilnehmen, sondern haben bereits den Auftrag zugesichert, ganz gleich, wie gut oder schlecht das Projekt ist, das sie in dieser Phase abliefern.

In den vergangenen Jahren wurden kaum mehr städtebauliche Ideenwettbewerbe, sondern sogenannte „kooperative“ oder „dialogorientierte“ Verfahren zur Schaffung von städtebaulichen Leitprojekten eingesetzt. Diese Verfahren behaupten, durch Dialog zwischen den Beteiligten Qualität zu fördern, führen aber oft zu Kompromissen und zu schwachen Lösungen, für die am Ende niemand verantwortlich sein will. Insgesamt hat sich das System des geförderten, genossenschaftlichen Wohnbaus in Wien in den vergangenen 25 Jahren aber kontinuierlich entwickelt und eine hohe Qualität erzielt. Dass diese Qualität Seiteneffekte hat, ist aber klar. Der geförderte Wohnbau ist heute eine Mittelstandsförderung: Die Obergrenze des Jahreseinkommens für eine Anspruchsberechtigung liegt für Einzelpersonen bei 46.450 Euro, bei einem Zweipersonenhaushalt bei 69.200. Mit diesen Einkommen kann man sich auch in guten Lagen den bei gemeinnützigen Bauträgern geforderten Eigenmittelanteil und Monatsmieten leisten, die spürbar über denen in den 220.000 Gemeindewohnungen liegen. Gleichzeitig steigt die Nachfrage am unteren Ende der Einkommensskala, nicht zuletzt, weil das Angebot an sehr günstigen Substandardwohnungen durch Sanierung zurückgeht. Die Antwort der Stadt war vorerst das „Smart Wohnen“-Modell, das günstigere Mieten durch Reduktion der Fläche pro Wohnung erreichen sollte. Es war daher eine Überraschung, als der damalige Bürgermeister Michael Häupl im Jahr 2015 den „Gemeindebau neu“ ankündigte. War damit eine Rückkehr zum Massenwohnbau der 1950er- bis 1970er-Jahre gemeint, der standardisierte Typengrundrisse übereinandergestapelt hatte?

Der erste fertiggestellte „Gemeindebau neu“ in der Fontanastraße, in alter Gemeindebautradition Barbara-Prammer-Hof genannt, weist in eine andere Richtung. Sein Entwurf ist Ergebnis eines zweistufigen Architekturwettbewerbs, in dem dieselben Kriterien galten wie im geförderten Wohnbau, also Architektur, Ökonomie, Ökologie und soziale Nachhaltigkeit, allerdings gebunden an Errichtungskosten von 1850 Euro pro Quadratmeter Wohnnutzfläche und unter Wegfall des Eigenmittelbeitrags, der im geförderten Wohnbau von den Nutzern verlangt wird. Das Resultat beweist, dass das möglich ist, aber zeigt auch, wo Abstriche gemacht werden müssen.

Die in einem dialogischen Verfahren ermittelte städtebauliche Vorgabe bestand darin, drei unterschiedlich hohe Baukörper auf einem Sockel zu platzieren. Der Entwurf aus dem Büro NMPB, verantwortet vom „B“ dieses Akronyms, Sascha Bradic, deutet diese Vorgabe um. Er stellt einen massiven Block auf seinen Bauplatz und nimmt dann wie ein Bildhauer Masse weg. Durch dieses umgekehrte Verfahren – Subtraktion statt Addition – entstehen drei unterschiedliche, schön proportionierte Innenhöfe und Terrassen, die gemeinsam das Herz der Anlage bilden. Die Wohnungen sind kompakt und gut nutzbar, verfügen über Balkon oder Loggia und bieten eine Vielfalt von Typen, fünf Maisonetten eingeschlossen. Das Haus hat eine repräsentative Eingangshalle mit tanzenden Säulen, die nicht nur den Kindern gefallen. Die Zugänge zu den Wohnungen sind großzügig, Lufträume verbinden die Geschoße und bringen Licht von oben. (Unter dem aktuellen Regime des Brandschutzes in Wien braucht es dafür einen besonderen Kampfgeist; an der Vorgabe, die Lufträume im Brandfall alle zwei Geschoße horizontal abzuschotten, hätten die meisten Planer resigniert.)

Und wo sind die Abstriche? Mehr als Stahlbeton, in Wärmedämmung verpackt, ist konstruktiv zu diesem Preis nicht zu haben; Sanitärbereiche und Küchen sind minimalistisch ausgestattet; die Balkone und Loggien entwässern über kleine Wasserspeier, die sich in der Fassade wichtigmachen, und die Details der Geländer sind mit „schlicht“ nur unzureichend beschrieben. Zumindest bei den Fenstern aus Holz und Aluminium wurde nicht gespart. Trotzdem: Für dieses Segment des geförderten Wohnbaus ist hier eine hervorragende Lösung entstanden, an der sich der „Gemeindebau neu“ zu messen haben wird.

26. Oktober 2019 Spectrum

Salzburg: Wasserwelt auf hohem Niveau

Zum Preis einer Kinokarte baden wie ein König: ein scheinbar sehr leichtes und luftiges Haus, dem man den technischen Aufwand nicht ansieht – das neu erbaute Paracelsusbad in der Salzburger Innenstadt.

Einen schöneren Ort für ein Schwimmbad in der Stadt kann es kaum geben. Am nördlichen Rand des Salzburger Mirabellgartens gelegen, bietet er auf Straßenniveau die Nachbarschaft wunderbarer alter Bäume und von der Dachebene aus einen spektakulären Blick auf die umliegenden Kirchtürme und auf die Salzburger Festung. Im Jahr 1956 entstand hier das Paracelsusbad, eine nüchterne Konstruktion aus Stahlbetonrahmen, die den Park über große Glasflächen in die Schwimmhalle einbezog. Neben dem Sport bot das Paracelsusbad als Kurhaus zahlreiche medizinische Behandlungen, unter anderem mit Heilschlamm.

Dass dieses Haus atmosphärisch und technisch nicht mehr den heutigen Anforderungen genügte, war offensichtlich. Ob ein Neubau am selben Standort oder besser außerhalb des Zentrums errichtet werden sollte, blieb lange umstritten. Eine Übersiedlung an die Peripherie wurde diskutiert, aber letztlich beschloss die Stadtregierung unter Bürgermeister Heinz Schaden im Jahr 2010, am innerstädtischen Bauplatz festzuhalten.

Im Architekturwettbewerb, der 2012 ausgeschrieben wurde, entschied sich die Jury für ein Projekt von HMGB Architekten aus Berlin, das eine spektakuläre Glashalle zum Park vorsah, in der die Wasserbecken auf gegeneinander versetzten Ebenen schweben sollten. Dass dieses Projekt nicht leicht zu realisieren sein würde, war von Anfang an klar. Das Juryprotokoll vermerkte, dass es sich beim Projekt um „eine gute Grundlage für eine erfolgreiche Weiterentwicklung“ handle, die „noch intensiv zu leisten“ sei. Die folgenden Empfehlungen erstrecken sich über mehrere Seiten mit technischen Details.

Zwei Jahre später war klar, dass das Projekt nicht realisierbar war, zumindest nicht zu den geplanten Kosten. Nun kam das zweitgereihte Projekt der Wiener Architekten Alfred Berger und Tiina Parkkinen zum Zug. Berger und Parkkinen haben bei Timo Penttilä an der Wiener Akademie der bildenden Künste studiert und wurden kurz nach ihrer Bürogründung 1995 mit dem Botschaftskomplex für die nordischen Botschaften in Berlin bekannt, deren Witz in einer elegant gekurvten Wand aus Kupferlamellen besteht, hinter der eng stehende Baukörper eine kleine Stadt formen, in der sich die Botschaften der einzelnen Länder ihre Vertretungen einrichten konnten.

Die Kurven, die Berger und Parkkinen dort verwenden, sind in der Geschichte der modernen Architektur mit Architekten wie Alvar Aalto, Jørn Utzon oder Viljo Revell assoziiert. Dass im neuen Paracelsusbad eine ähnlich elegante Kurve das Erscheinungsbild bestimmt, hat daher weniger mit der Idee einer Wasserbewegung zu tun als vielmehr mit einem bestimmten ästhetischen Umfeld, das man als „nordisch“ bezeichnen darf, ohne gleich in ein Klischee zu kippen. Die Architekten streiten diese Beziehung gar nicht ab, ergänzen sie aber um eine Referenz, die aus einer ganz anderen Richtung kommt, nämlich den Arbeiten des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida. Das ins Räumliche übertragene Verhältnis von Figur und Grund ist eines der Kernthemen in dessen Werk. Zu seinen schönsten Arbeiten gehören Alabasterskulpturen, die mit ihren tiefen Raumeinschnitten an Architekturmodelle erinnern. Berger und Parkkinen behandeln ihren Baukörper ähnlich wie Chillida seine Skulpturen, wobei sie zwei wesentliche Schnitte setzen: einerseits einen horizontalen, der aus dem geschlossenen Block die Schwimmhalle mit ihrer gekurvten Decke schneidet, anderseits einen vertikalen, der schräg vom Eingang aus durch das ganze Gebäude ins Licht führt. In diesem Vertikalraum liegt eine Erschließungstreppe, die den Besucher nach oben führt, zuerst in ein Behandlungsgeschoß mit vielen kleinen Räumen an der Fassade und einer großzügigen Innenzone mit Warteräumen, und dann weiter nach oben zu den Garderoben und zur Schwimmhalle mit ihren Ruheplätzen.

Die gekurvte Decke dieser Halle erreicht ihren höchsten Punkt über dem Sprungturm, wo ein kreisförmiges Oberlicht nochmals Licht ins Zentrum des 35 mal 65 Meter tiefen Baukörpers bringt. Die Halle bietet einen wunderbaren Blick in alle Richtungen über die Stadt und den Mirabellgarten und ist in mehrere, durch Glastüren akustisch getrennte Bereiche gegliedert: Das Sportbecken und das Sprungbecken bilden gemeinsam mit einem Kleinkinderbecken die „laute“ Zone, an die ein „ruhiger“ Bereich mit einer Wasserlandschaft anschließt. Im obersten Geschoß befindet sich ein Saunabereich mit verschiedenen Angeboten und einer Terrasse mit Außenbecken.

Die Decke der Schwimmhalle besteht aus zahlreichen kastenförmigen Elementen aus weiß beschichtetem Aluminiumblech, in deren Unterseite dünne Keramikplatten integriert sind. Ähnliche Elemente kommen auch an der Fassade zum Einsatz, dort allerdings in massiverer Ausführung in Form von handglasierten Keramikkörpern; ein weiteres Motiv, das oft mit der finnischen Architektur der Moderne assoziiert wird. Diese Elemente umhüllen den Baukörper wie ein schützendes Kleid, wobei eine leichte Verdrehung der Elemente zueinander die Oberfläche lebendig wirken lässt: Auch Weiß kennte viele Nuancen.

Was für den normalen Besucher im Verborgenen bleibt, ist die Haustechnik, die über ein Drittel der Gesamtfläche des Projekts einnimmt. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt eine kleine Fabrik zur Luft- und Wasseraufbereitung, die den höchsten aktuellen Standards genügt. Ein solches Ausmaß an Technik lässt sich architektonisch nur beherrschen, wenn es von Anfang an mitgedacht wird. Berger und Parkkinen hatten bereits in ihrem Wettbewerbsprojekt ausreichend Raum dafür vorgesehen, und so gelang ihnen danach als verantwortlichen Generalplanern das Kunststück, ein scheinbar sehr leichtes und luftiges Haus zu entwerfen, dem man den technischen Aufwand nicht ansieht. Dass im obersten Geschoß an einigen Stellen die Träger der mächtigen Stahlkonstruktion deutlich präsent sind, hat etwas sympathisch Surrealistisches.

Was hat sich Salzburg dieses Haus kosten lassen? Die Errichtungskosten inklusive Planung, aber ohne Mehrwertsteuer lagen bei 59 Millionen Euro. Eine Vierstundenkarte für den Besuch des Bades kostet sieben Euro, eine Tageskarte neun. Zum Preis einer Kinokarte baden wie ein König: Was gibt es Besseres, als Steuergeld in die Schönheit der Stadt und das Wohlbefinden ihrer Bewohner zu investieren.

28. September 2019 Spectrum

Slogan und Substanz

Fünf frei stehende „Stadtvillen“, die Twist zu tanzen scheinen. Und ein lang gestreckter Baukörper, dessen Fassade als Skulptur beeindruckt, statt Wohnlichkeit freilich derzeit nur Bewohnbarkeit signalisiert. Florasdorf: Nachrichten aus Wiens Transdanubien.

Am Anfang war die Eisenbahn. Dort, wo heute die Nordbrücke die Donau quert, befand sich einst eine Trasse, die zum Bahnhof Jedlesee führte. Die Einstellung dieser Bahnlinie hinterließ eine Stadtbrache, einen dreieckigen Zwickel zwischen dem Autobahnzubringer zur Nordbrücke und der Prager Straße, der von beiden Verkehrsträgern intensiv beschallt wird.

Wenn die Stadt wächst und der Boden knapp wird, verwandeln sich auch solche Lagen in wertvolles Bauland. Eigentümer waren die ÖBB, die – wie es heute üblich ist – ihrer Stadtbrache einen klingenden Namen gaben: „Florasdorf – Stadt trifft Dorf“ lautete der Slogan, der mit dem Namen des Bezirks Floridsdorf spielte. Weil an diesem Ort aber so gar nichts „dörflich“ war, ergänzte man die Assoziationskette um die Begriffe „Anger“ und „Generationenwohnen“.

Der Bauträgerwettbewerb, der 2014 für das Areal ausgeschrieben wurde, baute auf diesen Ideen und einem städtebaulichen Konzept von Otto Häuselmayer auf. Vorgesehen war – als Schallschutz zur Autobahn – ein lang gestreckter, Nord-Süd gerichteter Baukörper, den einige Zeilenbauten im Westen zu einem aufgelockerten Superblock ergänzen sollten. Das Siegerprojekt im Bauträgerwettbewerb behielt den Nord-Süd gerichteten Baukörper bei, verdichtete das restliche Gebiet aber mit fünf frei stehenden „Stadtvillen“, die so angeordnet sind, dass sie einer zukünftigen Schließung des Superblocks Richtung Pragerstraße nicht im Weg stehen.

Diese Stadtvillen, geplant von Regina Freimüller-Söllinger, bieten gut brauchbare Wohnungen und großzügige Treppenhäuser mit viel Licht und Aufenthaltsqualität. Wenn Häuser tanzen könnten, wäre es hier der Twist: Einzelne Geschoße scheren aus dem rechten Winkel aus und drehen sich quasi aus der Fassade. Markant sind die holzverkleideten Loggien, von denen jeder Wohnung zumindest eine zugeordnet ist.

Der Entwurf für den lang gestreckten Baukörper stammt von Bernd Vlay und Lina Streeruwitz (StudioVlayStreeruwitz), die ihre Aufgabe vom Slogan der ÖBB her definierten: „Wie können wir innerstädtische Dichte an einem Ort zwischen Stadtautobahn und Einfahrtsstraße so entwerfen, dass der Slogan ,Stadt trifft Dorf‘ zur Substanz wird?“ Ihre Antwort besteht darin, den langen Riegel nicht als Stapelung identischer Geschoße zu entwickeln, sondern als Schichtung sehr unterschiedlicher Wohnformen. Im Erdgeschoß gibt es Kindergärten und andere Sozialeinrichtungen wie das Neunerhaus und den Verein GIN, in den beiden Stockwerken darüber kombinierbare Wohnungen für mehrere Generationen. In den Stockwerken drei bis fünf werden die Wohnungen durch einen Mittelgang erschlossen, der über Lichtschächte mit Tageslicht versorgt wird. Im Geschoß darüber wechselt das System: Hier gibt es ostseitig, also zur Autobahn hin, eine halböffentliche Ebene mit Gartenbeeten, die von den Architekten als „Anger“ bezeichnet wird.

Neben den Privatwohnungen liegen hier auch Wohngemeinschaften, die sich diesen Freiraum teilen. Die drei Ebenen darüber sind über Laubengänge erreichbar, von denen aus die Wohnungen mit Brücken erschlossen werden, die die Wohnfläche als vorgelagerte Terrassen erweitern. Aus der Kombination von Laubengängen und Erschließungsbrücken bilden sich dreigeschoßige Höfe, in die Pflanzen aus den Gartenbeeten emporranken.

Die gesamte Ostfassade interpretieren Vlay/Streeruwitz als vertikalen Garten, der quasi aus dem Umfeld nach oben geklappt wird. Dieses Umfeld war zu Planungsbeginn noch von einer dichten, wenn auch nicht hochwertigen Vegetation auf der Ostseite des Areals Richtung Autobahn geprägt, die die Architekten gern erhalten hätten. Die ausführende Baufirma entfernte aber nicht nur das Gebüsch, sondern auch die Bäume, was aus der Brache ein Brachland machte, das jetzt wieder aufgeforstet werden muss.

Dieser Verlust macht sich vor allem für die Bewohner bemerkbar, deren Wohnungen ostseitig liegen. Der Bebauungsplan hatte hier vorgesehen, dass sich keine Aufenthaltsräume in diese Richtung orientieren dürfen. Wenn man bedenkt, dass Verkehrsemissionen in den nächsten Jahren durch elektrische Antriebe drastisch zurückgehen werden und gute Häuser 100 und mehr Jahre überleben sollten, ist diese Vorgabe zumindest fragwürdig. Die Architekten entwickelten daher eine Fassade, die den Bebauungsplan sehr elastisch interpretiert: eine über zwei Meter tiefe Schichte aus Betonfertigteilen, die vor den ostseitigen Wohnungen so arrangiert sind, dass der direkte Blick auf die Autobahn weitgehend versperrt ist. Für die Maisonetten in den unteren Geschoßen entstehen dadurch abgeschirmte Höfe mit einer Terrasse auf dem unteren Niveau und kleinen Balkonen für die Schlafräume auf dem oberen.

Das Ergebnis dieser Anordnung ist eine leicht gekrümmte, sehr skulpturale Betonfassade, die wie ein Stück technische Infrastruktur aussieht. Ein horizontales, schmales Band aus Stahlblech, in dem sich Blumentröge befinden, markiert die Ebene des „Angers“. In den scheinbar darüber schwebenden massiven Betonquadern befinden sich Abstellräume für die Wohnungen der obersten Geschoße. Als Skulptur ist diese Fassade beeindruckend. Wohnlich ist sie bisher nicht, sondern bestenfalls „wohnbar“. Die Pflanztröge auf dem Anger sind aus Kostengründen mit Kies statt Erde gefüllt; hier wird nicht so bald etwas emporranken und das üppige Grün herzaubern, das sich auf den Zeichnungen der Architekten findet. Auch die Pflanzen in der Ostfassade haben den Sommer nicht gut überstanden. (Dass „Beton Brut“ in Kombination mit Farbe auch ohne Pflanzen lebendig wirkt, hätte man sich bei Le Corbusier abschauen können.) Immerhin konnten die Freiräume der Gesamtanlage nach einem Entwurf von Carla Lo ohne Abstriche realisiert werden, inklusive einem Glashaus, das der Verein GIN mit seinen Klienten bespielt. In der Aktivierung der Bewohner – nicht zuletzt beim Begrünen ihres Hauses – liegt der Schlüssel für den Erfolg des Projekts. Noch ein Jahr werden sie vom Büro Realitylab in dieser Hinsicht betreut. Dann bleibt zu hoffen, dass die Bewohner das Potenzial ihres Hauses erkannt haben und nutzen.

Eine erste Auszeichnung hat das Projekt kürzlich erhalten: Neben dem Gymnasium von Fasch & Fuchs in der Seestadt Aspern und dem Haus der Musik in Innsbruck von Strolz und Dietrich∣Untertrifaller ist es eines von drei österreichischen Projekten auf der Shortlist des renommierten Mies-van-der- Rohe-Preises.

31. August 2019 Spectrum

Der Traum vom Grün

Muss Architektur zum Pflegeberuf werden, um den Planeten aus der ökologischen Krise zu retten? Wenn Baukultur- und Umweltpolitik gut zusammenwirkten, könnten sie zumindest einen Beitrag leisten.

Critical Care – Architektur für einen Planeten in der Krise: So nennt sich eine aktuelle, sehenswerte Ausstellung im Architekturzentrum Wien. Der Titel spielt mit der Vorstellung, dass sich die Welt auf der Intensivstation befindet und gepflegt werden muss. Im Untertitel des nur auf Englisch erhältlichen Katalogs klingt die Einschätzung noch drastischer: „Architecture and Urbanism for a Broken Planet“. Die von Angelika Fitz und Elke Krasny kuratierte Ausstellung will die Ursachen für die Krise aufdecken und findet sie unter anderem in der Architektur, die sich bisher viel zu sehr damit beschäftigt hätte, der Welt ihren Stempel aufzudrücken, statt pfleglich mit ihr umzugehen. Nach der Ausstellung „Care + Repair“ im Jahr 2017 ist die aktuelle Ausstellung der nächste Anlauf des AzW, den Sorgeaspekt der Architektur als ihr zentrales Thema festzustellen. Indem sie Architektur als Pflegeberuf deutet, verfolgt die Ausstellung auch eine feministische Agenda, die gezielt am Selbstverständnis der Disziplin rüttelt. Der Genie-Architekt, der sich – um seine Visionen realisieren zu können – den Kräften ausliefert, die über Macht und Geld verfügen, ist aus dieser Perspektive Teil des Problems und nicht der Lösung.

Diese Zuspitzung relativiert sich in den gezeigten Beispielen zwangsläufig: Nur zu pflegen und keinen Fußabdruck zu hinterlassen ist selbst für zurückhaltende Gestalter nur in Ausnahmefällen möglich. Der berühmte Wettbewerbsbeitrag des Architektenteams Lacaton Vassal aus dem Jahr 1996 für eine Platzgestaltung in Bordeaux, der sich mehr oder weniger darauf beschränkte, den Kies zu tauschen und den Platz öfter zu säubern, ist ein seltenes Extrembeispiel. In der Ausstellung ist ein aktuelles Projekt von Lacaton Vassal zu sehen, die Sanierung eines Wohnbaus aus den 1960er-Jahren mit 530 Wohnungen. Statt dieses „Betonmonster“ abzureißen, ersetzten die Architekten die Fassade und erweiterten das Gebäude um eine zusätzliche Schicht von Wintergärten, mit der sich die Nutzfläche bei gleichbleibender Miete verdoppelte. Durch ein raffiniertes Konstruktionssystem konnten die Bewohner während des Umbaus in ihren Wohnungen bleiben.

Bei aller Zurückhaltung ist dieses Haus ein ästhetisch anspruchsvolles Werk, so wie die meisten in der Ausstellung gezeigten Case Studies. Dass der Begriff des „Werks“ dabei weit gedehnt werden muss und auch städtebauliche Projekte und Strategien umfasst, ist offensichtlich. Die „Superblocks“ in Barcelona sind ein Beispiel dafür: Im Blockraster der Stadt werden mehrere Blöcke zusammengefasst und zu einer weitgehend autofreien Zone erklärt. Die Straßen im Inneren des Superblocks gehören den Fußgängern und werden für deren Zwecke gestaltet. Zwei solcher Zonen wurden bereits realisiert; für eine flächendeckende Einführung muss der Kfz-Verkehr in der Stadt um 21 Prozent gesenkt werden. Eine Gemeinsamkeit haben alle ausgestellten Projekte: Sie sind öffentlich finanziert und gemeinwohlorientiert. Dass in den nächsten, für den kranken Planeten kritischen Jahren ein Weltwirtschaftssystem entstehen wird, das kein privates Kapital mehr benötigt, darf man jedoch als illusorisch einstufen. Um im Rahmen des bestehenden Systems zu einer ökologischen Wende zu kommen, wird es viele, lokal angepasste Lösungen brauchen, die sich nicht auf die Haltung von „Care + Repair“ beschränken können: Wenn Millionen Menschen in Ballungsräumen zusammenleben sollen, braucht es entsprechende technische und soziale Infrastruktur. Paris, das seit 2001 von sozialistischen Bürgermeistern regiert wird, ist dafür eine interessante Case Study im großen Maßstab. Das 2010 ins Leben gerufene Projekt „Grand Paris“ mit einem Zeithorizont 2030 umfasst neue Forschungs- und Wirtschaftscluster im Großraum der Stadt, die mit sechs neuen U-Bahnlinien verbunden werden, und vor allem eine komplette Restrukturierung der Regionalverwaltung im Großraum Paris. Der multizentrische Planungsansatz hat dazu beigetragen, die Anzahl der neu gebauten Wohnungen 2017 im Großraum Paris von 40.000 auf über 80.000 zu verdoppeln.

Im Zentrum der Stadt ist eher „Care“ angesagt: Die großen Sternplätze wurden neu und fußgängerfreundlich gestaltet, zahlreiche neue Radwege angelegt, oft auf Kosten des Kfz-Verkehrs, dem dafür sogar einzelne Tunnelabschnitte entlang der Seine entzogen wurden. Seit 2014 läuft unter dem Titel „Reinventer Paris“ eine Folge von Bauträgerwettbewerben, bei denen öffentliche Grundstücke zur Entwicklung durch private Developer ausgeschrieben werden. Das spektakulärste Projekt mit dem Titel „Milles Arbres“ stammt von Sou Fujimoto und Manal Rachdi und soll noch vor den Olympischen Spielen 2024 realisiert werden. Als Konglomerat von Büros, Geschäften, Sozialeinrichtungen und Wohnungen schwebt es wie eine mit 1000 Bäumen begrünte Arche Noah über dem Boulevard Périphérique. In die bukolischen Häuschen auf der obersten Ebene werden wohl nur Millionäre einziehen, in den Etagen darunter sind auch Sozialwohnungen geplant. Ökologisch ist an diesem Projekt angesichts der Beton- und Stahlmengen, die hier zum Einsatz kommen, bestenfalls das Image. Im Gesamtkontext der Pariser Entwicklungsstrategie ist diese „Verschwendung“ aber vielleicht anders zu bewerten: als optimistisches Signal, das für andere, weniger übers Ziel schießende Ideen ansteckend wirkt.

In Österreich werden nach den kommenden Wahlen die Weichen für die zukünftige Baukulturpolitik gestellt. Deren Basis muss eine Vorstellung vom „guten Leben“ sein, die ökologische, soziale und ökonomische Aspekte umfasst und in entsprechende Strategien integriert. Am 3. September um 19 Uhr lädt die „Plattform für Baukulturpolitik“ ins Architekturzentrum Wien zu einer Podiumsdiskussion, bei der Vertreter aller Parteien ihre Positionen erläutern werden. Wer sorgt sich ums Große: die Ostregion, inklusive der Verbindung von Wien und Bratislava; das Rheintal; die Raumplanung als Bundessache? Das Mittlere: den „Westpark“ auf dem ÖBB-Gelände vom Westbahnhof bis Hütteldorf; Schulen, die Inklusion fördern; leistbares Wohnen; wirksame Architekturvermittlung? Das Kleine: das Grün im Grätzl; das Problem des außen liegenden Sonnenschutzes in einer gründerzeitlichen Stadt? Und wer hat Visionen für die gebaute Umwelt, die über das Begrünen von Wartehäuschen hinausgehen?

3. August 2019 Spectrum

Drei Schiffe auf einem Hang

Ein Haus, wo Gesunde gesünder werden: Der Josefhof in Graz-Mariatrost steht für Entschleunigung und Achtsamkeit. Seine Architektur ist die perfekte Übersetzung dieser Ideen in die dritte Dimension.

Zwölf Fußballfelder: So viel Boden wird in Österreich täglich der Kulturlandschaft entzogen, um Verkehrsflächen und Bauland zu schaffen. Aufs Jahr hochgerechnet, entspricht das einem Zehntel der Fläche Wiens. Die Österreicher sind Meister im Asphaltieren und Zersiedeln: Im Verhältnis zur Einwohnerzahl besitzt das Land das umfangreichste Straßennetz Europas, und knapp 80 Prozent aller Gebäude sind Einfamilienhäuser. Der grassierende Bodenfraß ist nicht nur ein ästhetisches, sondern ökologisches Problem, da unter diesen Bedingungen die Biodiversität leidet und Ökosysteme ihre Widerstandskraft verlieren. Wer heute ein großes Gebäude in die Landschaft stellt, darf sich daher auf Fragen nach seinem ökologischen Gewissen gefasst machen.

Das Zentrum für stationäre Gesundheitsförderung und Prävention, das Dietger Wissounig in Graz für die Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau geplant hat, bietet dafür einigen Anlass. Es ist ein sehr großes Gebäude in einer sehr schönen, freien Landschaft, von der man kaum annehmen würde, dass sie noch im Grazer Stadtgebiet liegt.

Die Versicherung betrieb hier unter dem Namen „Josefhof“ eine Gesundheitseinrichtung mit 71 Zimmern, die nicht mehr sanierbar war und abgebrochen wurde. Der Neubau mit 120 Zimmern besteht aus drei lang gestreckten parallelen Baukörpern, die sich in einen leicht nach Süden abfallenden Hang schmiegen. Teils scheinen sie über dem Boden zu schweben, an den Rändern verschwinden sie im Gelände. Das oberste Schiff ist das breiteste und enthält im Erdgeschoß die Eingangshalle, Speisesäle und die Verwaltung, im Obergeschoß an einem Mittelgang aufgereihte 50 Zimmer, die teilweise nach Süden hangabwärts orientiert sind, teilweise nach Norden zum Schöckl, dem Grazer Hausberg. Das mittlere und das untere Schiff sind schmaler, da sie je nur eine Reihe von südseitig orientierten Zimmern enthalten.

Die Schiffe liegen so im Gelände, dass sie jeweils um eineinhalb Geschoße versetzt angeordnet sind, wodurch sich vom oberen Geschoß aus ein freier Blick über das Dach des unteren ergibt. Ein entsprechend gestaffeltes Treppenhaus, annähernd in der Mittelachse der Anlage gelegen, verbindet diese Niveaus. Was dem Hang an Fläche entzogen wird, bekommt er auf den Dächern der Schiffe zurück: Auf den unteren beiden, die von oben einsehbar und daher als fünfte Fassade gestaltet sind, befindet sich eine üppige Bepflanzung, auf dem Dach des obersten Schiffs ein Rasendach.

Um seinen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren, ist das Haus zu einem überwiegenden Teil in Holz konstruiert, in einem Modulsystem der Firma Kaufmann Bausysteme, bei dem selbsttragende Boxen aus Brettsperrholz im Werk gefertigt und an der Baustelle montiert werden. Bis auf den Fernseher und die Vorhänge sind diese stapelbaren Einheiten inklusive der Sanitärbereiche fertig installiert. Serielle Fertigung kann leicht dazu führen, dass die Ergebnisse schematisch und barackenartig aussehen. Der „Josefhof“ ist der Beweis, dass es auch anders geht. Das liegt einerseits daran, dass nicht die gesamte Konstruktion aus präfabrizierten Boxen besteht. Die erdberührenden Bauteile im Hang sind aus Stahlbeton, was größere Stützweiten und unterschiedliche Raumhöhen erlaubt, wie sie für Gymnastik- und Speisesäle benötigt werden. Am spannendsten werden die Räume, wenn sich Konstruktionssysteme überlagern, etwa dort, wo das große Schwimmbecken im untersten Geschoß von einem raumhohen Träger überspannt wird, der die Hotelboxen trägt, aber zugleich ein Oberlicht ermöglicht, durch das Licht von oben auf das Becken fällt. Ein besonders raffiniertes Detail mit einem eigenen Rhythmus sind die Balkonbrüstungen, die aus horizontalen Aluminium-Lamellen gebildet werden und die Beschattung übernehmen: Ihre Breite verhindert direkte Sonneneinstrahlung im Sommer und erlaubt sie im Winter. Auf eine Klimatisierung der Zimmer konnte so verzichtet werden. Allerdings brauchen die Lamellen, um als Absturzsicherung zugelassen zu werden, eine Ergänzung: Damit Kinder die Brüstungen nicht mit einer Leiter zum Hochklettern verwechseln, sind diese zusätzlich mit Glasplatten abgedeckt – was zu einem weiteren Detail führt, einem Mechanismus, mit dem die Gläser zur Reinigung heruntergeklappt werden können. Auch das gehört zu guter Architektur.

Ein wichtiges Gestaltungselement der Anlage sind fünf Atrien, die an strategischen Punkten in die Baukörper geschnitten sind. Diese Atrien dienen nicht zum Aufenthalt von Nutzern. Sie sind als kleine Landschaftsausschnitte angelegt, mit dichter Bepflanzung auf einem Miniaturhügel in der Mitte. Ihre Aufgabe ist es, gewissermaßen als Akkumulatoren von Achtsamkeit, die umliegenden Räume atmosphärisch zu beruhigen. Das mag seltsam klingen, passt aber sehr gut zur Aufgabe, der sich diese Gesundheitseinrichtung verschrieben hat. Hierher kommt man nämlich nicht, wenn man krank ist, sondern aus Gründen der Prophylaxe. Es geht um „stationäre Gesundheitsförderung“, bei der Versicherte eine Woche lang lernen, gesünder zu leben, vom Essen über die Bewegung bis zur Rauchentwöhnung. Deshalb gibt es hinter dem Speisesaal eine Lehrküche, in der die Gäste in die Welt abseits von Stelze und Schnitzel eingeführt werden. Die Gäste gehören zum größten Teil zur Altersgruppe jenseits der 50, wobei es eigene Angebote für die Zeit unmittelbar nach der Pensionierung gibt sowie für Pensionisten zwischen 65 und 75 Jahren. Die Kosten übernimmt die Versicherung, berufstätige Gäste müssen für die Zeit im „Josefhof“ ihren Urlaub konsumieren.

Die Atmosphäre des Hauses passt perfekt zu den Themen Entschleunigung und Achtsamkeit, die hier vermittelt werden sollen. Die Architektur der Moderne hatte einen ihrer Ursprünge in ähnlichen Ideen, man denke an Josef Hoffmanns Sanatorium Purkersdorf, dessen reduzierte Ornamentik sich als Psychotherapie verstand, oder an die kalifornischen „Case Study Houses“. Diesen Geist mithilfe der Versicherungen für Eisenbahnen und Bergbau in die Gegenwart zu tragen ist keine geringe Leistung.

In einem Punkt ist der Anlage eine Nachbesserung aber dringend anzuraten. Der Pkw-Parkplatz, der auf dem ebenen Areal des abgebrochenen Altbaus angelegt wurde, ist ein einziger Affront gegen den Geist des Hauses. Gelände wäre genug da, ihn unter ein grünes Dach zu verlagern.

Publikationen

2025

Neue Lernwelten
Impulsgebende Schulen und Kindergärten in Österreich

In den letzten 15 Jahren sind in Österreich zahlreiche Bildungsbauten entstanden, die Impulse für neue Lernwelten jenseits der traditionellen Gangschule geben. Hinter dieser Entwicklung stehen gemeinsame Bemühungen von Akteur*innen aus Pädagogik, Architektur und öffentlicher Verwaltung, Bildungsräume
Hrsg: Christian Kühn, ÖISS — Österreichisches Institut für Schul- und Sportstättenbau
Verlag: JOVIS

2018

Operation Goldesel
Texte über Architektur und Stadt 2008–2018

Christian Kühns Texte sprechen auch Leser an, die mit Architektur nicht beruflich befasst sind. Sie schätzen daran, dass er Architektur nicht als zweckmäßigen Hintergrund oder als Bühne sieht, sondern als Idee, als Traum oder als verschlungenen Weg einer Projektgeschichte: vom ersten Entwurf über den
Autor: Christian Kühn
Verlag: Birkhäuser Verlag

2008

Ringstraße ist überall
Texte über Architektur und Stadt 1992-2007

Warum vergolden die Österreicher ihre Baudenkmäler selbst dann, wenn sie zu Staub zerfallen? Wieso bauen die Deutschen ihren Automobilen Tempel? Und was passiert, wenn Ernst Neufert in Graz auf Buster Keaton trifft? Seit 1992 bereichern die Texte Christian Kühns im Feuilleton der Tageszeitung „Die Presse“,
Autor: Christian Kühn
Verlag: SpringerWienNewYork

2007

Türme & Kristalle
Wettbewerb ehemalige Sternbrauerei Salzburg

Die Diskussion über die Möglichkeiten, an einer Stadt kreativ weiterzubauen, wird, wenn überhaupt, nur punktuell geführt. Als die Stadt noch von Planungsbehörden verordnet wurde, gab es dafür auch keinen Bedarf. Das ändert sich im Zeitalter, in dem private Investoren ganze Stadtteile entwickeln. Auf
Hrsg: Christian Kühn
Verlag: Verlag Anton Pustet