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Die Architektur als Weltgebäude
Überzeitliche Massstäbe für Ästhetik und Metropolenbild
Kaum je dürfte ein Jahrhundert mit einer derartigen Aufbruchstimmung begonnen haben wie das zwanzigste. Die Revolution in Kunst und Alltagskultur, die Atmosphäre und Bildmacht der boomenden Grossstädte beschäftigten die Geister. Und man versuchte, die theoretischen Fundamente für die sich abzeichnenden Phänomene in Architektur und Städtebau neu zu legen - gerade «weil die moderne Grossstadt schnell und künstlich, also bewusst gebaut werden muss. Es ist nicht möglich, zu hoffen und zu erwarten, die Grossstadt werde sich aus innerer Notwendigkeit selbst rein und klar aufbauen, sie werde wachsen wie ein natürlicher Organismus; der Städtebauer hat in diesem Fall vielmehr tendenzvoll zu wollen und weit vorausschauend zu disponieren. Und er hat in wesentlichen Punkten das Gegenteil zu dem zu wollen, was in früheren Jahrhunderten erstrebt wurde.»
Die Grossstadt im Visier
Einer der wichtigsten Protagonisten auf diesem Feld war Karl Scheffler. Von ihm stammt das Verdikt, Berlin «sei dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein». Obgleich ihn dieser Satz zum vielbeschworenen Zeugen der heutigen Umbauprozesse der deutschen Hauptstadt gemacht hat, wäre es leichtfertig, sein Werk darauf zu verkürzen. Von 1907 bis zur ihrer Einstellung im Jahre 1933 war Scheffler alleinverantwortlicher Redaktor der bei Bruno Cassirer verlegten Zeitschrift «Kunst und Künstler», einer der damals führenden Kunstpublikationen Europas. Seine «Architektur der Grossstadt», 1913 erstmals veröffentlicht und nun als Reprint neu aufgelegt, fasst viele seiner Gedanken zusammen. Der Dreh- und Angelpunkt der Schefflerschen Kritik ist vom Baulichen ins Gesellschaftliche verlagert. Darin besteht ihr eigentlicher Wert. Architektur ist ihm eine öffentliche Kunst; und im Zeitalter der Moderne ist sie nur vor dem Hintergrund des städtischen Lebens erklärbar.
Scheffler definiert den Begriff Stil als «etwas Ungeheures», als eine «nach aussen projizierte innere Einheitlichkeit des Lebensgefühls umfangreicher Menschengruppen». Wenngleich er sich nicht ganz hat lösen können vom Kulturempfinden seiner Zeit, sondern eher von (gross)bürgerlichen Idealvorstellungen geprägt war, so ist ihm doch eine konservative Klarsicht zu eigen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg umriss er die weitere Entwicklung: «An Kunstgewalt wird sich dieser grosszügige, aber ziemlich indifferente moderne Weltbaustil mit der tief klingenden Macht der alten Baustile nicht messen können; aber er wird dafür von Kapstadt bis London, von Chicago bis Berlin, von Sydney bis Paris, von Rio de Janeiro bis St. Petersburg reichen, ein Stil der Weltwirtschaft.» Daraus spricht ein Optimismus, der an seiner Vision nicht froh wird. Denn hier wird die globale Uniformierung der Städte durch die Internationalisierung der Ökonomie prophezeit.
Es ist die Vision der künftigen Grossstadt, die Scheffler vorschwebt. Er ist angetreten, um die Ziellinie einer «bewussten Grossstadtidee» zu markieren und die Zwischenergebnisse daran zu messen. «Der Stilwille der Zeit wird nur in dem Masse erkennbar, wie sich die einzelnen Bauwerke auf jenes Grossstadtideal beziehen.» Dabei scheint ein fundamentaler Zwiespalt auf. Einerseits begrüsst Scheffler die Aufbruchbereitschaft und das sich abzeichnende Neue (wie «die Blockfront als Raumelement»), andererseits sieht er die Gefahr eines «Kolonialstils» heraufziehen, der mitnichten eine «innere Einheitlichkeit», sondern lediglich die mehr oder minder kunstvolle äussere Anwendung einer Schablone spiegelt. Wo zuvor eine Korrespondenz zwischen gesellschaftlichem Charakter und baulichem Ausdruck, zwischen bürgerlichem Lebensgefühl und architektonischer Gestalt existierte, erwartete er die strikte Rationalität kühl reproduzierter Formen.
Was jene Architekten anbelangt, denen Scheffler ein Denkmal setzt, so haben sie zwar grosse Bauwerke geschaffen. Dennoch waren Alfred Messel, Ludwig Hoffmann, Peter Behrens, Heinrich Tessenow, Herman Muthesius, Herman Obrist und August Endell ihrer Zeit verhaftet. Gerade darin scheint die Wertschätzung Schefflers zu gründen - als gleichsam personifizierter Beleg für seine Forderung nach einem geordneten Übergang: «Denn es lehrt die Erfahrung jedes Tages, dass die erweiterte Form nur entstehen kann, wenn sie die alte in sich aufnimmt, wenn im grösseren Organismus die Zwischenzustände gewissermassen symbolisch erhalten bleiben.»
Megalomanie am Mittelmeer
Geordneten Übergängen, oder genauer: einer systematischen Ordnung, fühlt sich auch Herman Sörgel verpflichtet. Mit seiner 1921 veröffentlichten «Architektur-Ästhetik», die ebenfalls jüngst als Reprint neu herausgegeben wurde, bereitet er die allgemeinen Gestaltungsprinzipien und Wesensmerkmale der Architektur auf und untersetzt sie mit erkenntnistheoretischen Begründungen. «Die Unterscheidung zwischen ‹künstlerischer Wahrheit› und ‹Stil› zeigt, dass jede Architektur wohl wahr gegenüber ihrem Zeitgeist sein kann, jedoch nicht jede Zeit geeignet und stark genug ist, einen eigenen Stil auszubilden.» Indem es das «Seelische im Wahrnehmungsgehalt der Architektur» herauspräparieren will, darf Sörgels Buch als «verstandesmässiges Gegengift» zum vorherrschenden technisch-ingenieurwissenschaftlichen und damit zu einem letztlich unkünstlerischen Architekturverständnis gelesen werden. Und da sich heutzutage die Profession in einer Art Sinnkrise befindet, kann diese Lektüre nur befruchten.
Denn die künstlerische Gestaltung beruht nach Sörgel nicht in der mechanischen Erfüllung eines Zweckes, sondern in der Entwicklung einer dem Gebäude entsprechenden «Zweckidee». Er pocht auf ein so undogmatisches wie ganzheitliches Verständnis der Architektur und grenzte sie als Gestaltungskunst bewusst ab von den Darstellungskünsten. «Die architektonische Schönheit hat ein breiteres Fundament als die übrigen bildenden Künste. Wie jeder Bau in seinem Programm und seiner Entstehung von unzähligen Faktoren sozialer Art abhängt, so muss sich auch die künstlerische Seite jedes Bauwerks im widerspruchslosen Einvernehmen mit allen kulturellen Bedingtheiten eigenartig entwickeln.»
So abstrakt diese Gedanken klingen, sowenig hatte ihr Autor die Absicht, es dabei zu belassen. Sörgel war Architekt und Theoretiker, ist aber dann zum besessenen Megalomanen geworden, indem er sich von 1927 bis zu seinem Tod vornehmlich dem von ihm initiierten «Atlantropa»- Projekt widmete: Mittels eines gigantischen Staudamms vor Gibraltar wollte er Teile des Mittelmeers trockenlegen, dadurch 600 000 Quadratkilometer Land- und sagenhafte Energiegewinne erzielen und - in Gestalt einer Brücke zwischen Sizilien und Tunesien - eine durchgehende Auto- und Eisenbahnverbindung zwischen Europa und Afrika erschaffen. Diese Pläne blieben Makulatur. Seine «Theorie der Baukunst» aber hat seinerzeit zu Recht viel Aufmerksamkeit erfahren, bot sie doch eine kohärente Zusammenschau der kunstphilosophischen und -psychologischen Diskussionen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und zugleich einen der letzten systematischen Versuche, das Wesen der Architektur zu erklären.
Zwischen Kitsch, Kunst und Konvention in der Architektur zu unterscheiden dürfte ein elementares Anliegen gerade unserer zunehmend globalisierten und medialisierten Umwelt sein. Eine diesbezügliche Unkenntnis lässt sich jedenfalls durch Kapital und Tatkraft (allein) nicht ersetzen; vielmehr bedarf es gezielter gesellschaftlicher Interpretation und kultureller Distinktion. Darum geht es Scheffler und Sörgel, so unvergleichlich beider Ansätze, Aussagen und Argumentationen letztlich sein mögen. Darin besteht auch ihre Aktualität. Herausgekommen waren damals zwei Bücher, die das Zeug zum Klassiker hatten, es jedoch nie wurden. Aber nachdem sie nun als Reprints vorliegen, könnte sich das ja noch ändern.
[ Herman Sörgel: Architektur-Ästhetik. Neuausgabe mit einem Nachwort von Jochen Meyer. Verlag Gebr. Mann, Berlin 1999. 364 S., Fr 131.-. - Karl Scheffler: Die Architektur der Grossstadt. Neuausgabe mit einem Nachwort von Helmut Geisert. Verlag Gebr. Mann, Berlin 1999. 294 S., Fr. 154.-. ]
Landschaft als soziale Konstruktion
Die Rezeption von Raum und Umwelt in postindustrieller Zeit
Landschaft ist nicht nur physische Realität. Sie ist auch eine Art Stimmungsbild der Innenwelt ihres Betrachters. Das, was ist, und das, was wir sehen, entspricht sich nicht unbedingt. Im Begriff der «Landschaft» verfängt sich jener Widerstand gegen die fortschreitende Industrialisierung und Urbanisierung, die als Verlust einer vermeintlichen Natur erfahren wird, obwohl es sich doch «lediglich» um einen Formwandel agrarischer, das heisst bereits kultivierter Flächen handelte.
«Dritte Landschaft»
Am Beispiel der mitteldeutschen Industrieregion hat Gerhard Lenz unser «alter ego» Landschaft analysiert. In seinem Buch stellt er die Landschaft als Prozess absichtsvoller und absichtsloser räumlicher Inszenierungen dar, in denen vergangene und zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten menschlicher Umweltaneignung eingeschrieben sind. Der Raum zwischen Bitterfeld, Dessau und Wittenberg befindet sich im Übergang zu einer «Dritten Landschaft» - nach der vorindustriellen und der industriellen. Um den exemplarischen Charakter dieser Transformation zu unterstreichen, ernannte man das Gebiet zu einem Komplementärstandort der Expo 2000 in Hannover. Nun wird indes kein Mensch von einer Traumlandschaft sprechen, wenn er etwa bei Wolfen durch die Gegend fährt. Die verödeten Stadtzentren, brachliegenden Tagebaue und rückgebauten «Kathedralen der Arbeit» markierten, so Lenz, «einen neuen Einschnitt in die landschaftliche Physiognomie, ehe man sie zum Einkaufs- und Dienstleistungspark degradierte oder, wie in der Baggerstadt Ferropolis, als Bühne neuer Erlebniswelten kulturalisierte».
Dabei blickt die ökonomische Ausdifferenzierung der Landschaft im Schachbrettmuster, die Durchdringung des Raumes und die Nutzung seiner naturräumlichen und humanen Ressourcen auf eine lange Tradition zurück; schon im ausgehenden 19. Jahrhundert war dies ein «handelsüblicher» Vorgang. Doch als die Ödlandflächen der Tagebaue in nie gekannte Grössen auswucherten, die Luft sich trübte und die Fabriken und Schlote den Horizont der Dörfer verstellten, bediente man sich des Erklärungsmusters vom gleichsam Natürlichen einer «erdgewachsenen Industrie». Nur so liess sich offenbar die veränderte Umwelterfahrung ertragen. Und heute? «Die Wiederentdeckung der unschönen Territorien, der Industriekomplexe und Brachen als Landschaft vollzieht sich vor dem Hintergrund des Verschwindens einer Epoche, die sie hervorgebracht hat und deren widersprüchliches Entstehen immer wieder erklärende Syntheseversuche oder verbrämende Ideologisierungen zeitigte.»
Die teilweise brachialen Metamorphosen, denen insbesondere die Raumstruktur der Industrieregionen unterworfen war und ist, machen evident, dass Landschaft heute nicht mehr als planbares Fertigprodukt begriffen werden kann, sondern dass ihr Wesen gerade im Wandel begründet liegt - ein Prozess indessen, den wir seit der Industrialisierung gemeinhin als Verlust wahrnehmen. Es sei, so Lenz, eine Fiktion zu glauben, dass Kulturlandschaft ewig oder aber das soeben Vergangene ist; sie sei vielmehr bloss eine historische Momentaufnahme. So gesehen stellt Landschaft eine Folge von Ereignissen dar - und zugleich einen Spiegel menschlicher Produktivität. Sie bedarf der steten, immer wieder neuen Aneignung. Bei der «Natur aus zweiter Hand» unserer postindustriellen Szenerien ist das ein Problem. Merkzeichen, sagt Lenz, könnten als Ankerplätze zwischen Rückbau und Denkmalschutz den Weg zu einer emanzipatorischen und reflexiven Nutzung der Landschaft eröffnen. Sie könnten ein Weg sein, um aus Ruinen und Industriebrachen keine Erlebnisparks, sondern in allmählicher Transformation befindliche Landmarken zu gestalten. Sie stehen für den Versuch, historische Anknüpfungspunkte für eine neue Identität zu finden, den fraglosen Umbau und die neue Überformung kritisch zu reflektieren sowie Alternativen jenseits von blosser Musealisierung oder rigidem Abriss zu entwickeln. Allerdings muss man die industrielle Hinterlassenschaft erst einmal als «kulturelles Erbe» begreifen lernen.
Sorgenfreies Idyll
Lenz' Botschaft lautet, dass die Landschaft nur in unserem Kopf als zeitlose Konstante oder als überzeitliches «sorgenfreies» Idyll existiert. Aber wie, fragt der Autor, kann die Kontinuität ihres Wandels erfahrbar, bemerkbar und produktiv denkbar gemacht werden? Lenz beklagt die grossflächige Ausweisung von Gewerbegebieten auf der grünen Wiese und den komplexen Rückbau betrieblicher und sozialpolitischer Einrichtungen, was einer Demontage von Lebens- und Arbeitswelten gleichkam. Sein Ton ist nicht frei von Larmoyanz, wenngleich sein Anliegen so integer wie nachvollziehbar ist: «Für die Bewohner des Bitterfelder Raumes war der Prozess des Rückbaus nicht irgendeine Sanierung eines Häuserblocks oder Betriebes. Nachdem sie die Kosten von Kaiserreich, Nationalsozialismus und Sozialismus mit der Zerstörung der sie umgebenden Naturräume getragen hatten, folgte nun die Beräumung ihres Arbeitslebens, und es erwartete sie eine höchst unklare Gestaltung von Gewinner-Welten. Dabei hatten sich die mehr als hundertjährigen Artefakte der Industriekultur in den Köpfen ihrer Anwohner zu einer biographisch bedingten Landschaftsstruktur verschmolzen. Für sie versank keineswegs ein gesichtsloses Nebeneinander, sondern eine trotz allen Belastungen und Entbehrungen merkwürdig vertraute Landschaft.» So wird man heute anerkennen müssen, dass mit der industriellen Revolution das, was einst als Feind und Gegenteil der Landschaft galt, selbst zur Landschaft geworden ist.
[ Gerhard Lenz: Verlusterfahrung Landschaft. Über die Herstellung von Raum und Umwelt im mitteldeutschen Industriegebiet seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Edition Bauhaus, Bd. 4. Campus-Verlag, Frankfurt a. M. 1999. 234 S., Fr. 48.-. ]
Vom Zentrum an die Peripherie
Mentalitätswandel im Urbanismus
Was die einen für eine neue Wildnis halten, birgt für die anderen die Zukunft des Städtischen: Mehr und mehr sind statt der traditionellen kompakten und durchmischten Stadt disperse und entmischte Siedlungsstrukturen entstanden, die sich einer sinnlich nachvollziehbaren Gliederung weitgehend entziehen. Zunehmend wird von einer «Amerikanisierung» unserer Städte gesprochen. Was da in Randlagen und Zwischenzonen heute gedeiht, ist weder städtisch noch ländlich, noch vorstädtisch; es besitzt all diese Elemente gleichzeitig und passt somit nicht in die konventionelle (tradierte) Terminologie der Stadtplaner wie der Historiker.
«Peripherie ist überall», an vielen topographischen Orten, immer häufiger aber auch in der Diskussion. Das Bauhaus in Dessau hat dazu unlängst eine Tagung mit namhaften Vertretern unterschiedlicher Disziplinen veranstaltet, dessen Ergebnisse nun in einem eigenwilligen Buch verewigt wurden. Herausgeber Walter Prigge will damit ein Denken befördern, das «die Gegensätze von Wachstum und Schrumpfung, Ökologie und Ästhetik an ihrer räumlichen Achse Stadtrand dezentriert und zu einer neuen Stadtentwicklungspolitik aufbricht». Herausgekommen ist zumindest ein buntes Kaleidoskop anregender Essays. Die Autoren werben dafür, den Städteraum als unterschiedenes Ganzes zu begreifen, in dem es nicht überall alles geben muss.
Das setzt jedoch einen Mentalitätswandel voraus. Es heisst, sich der Einsicht vom Wert des «Da-Zwischen» zu beugen - und die Peripherie als das anzuerkennen, was sie de facto ist. Man wird also lernen müssen, mit den Gegebenheiten unserer postindustriellen Stadtrand-Verhältnisse umzugehen - diesen Überlagerungen von Raumschichten unterschiedlichster Prägung mit ihren so charakteristischen Einsprengseln nahezu jedweder Nutzungsart und baulichen Form. Und es braucht ein unvoreingenommenes Auge, um die sozialräumliche Komplexität der scheinbar banalen Stadtrandareale und Brachflächen zu entziffern. Dass sich an der Peripherie, und nicht im Zentrum, die entscheidenden Fragen von Stadtkultur und Planung entzünden, dürfte nach der Lektüre keine Frage mehr sein.
[Peripherie ist überall. Hrsg. Walter Prigge. Campus-Verlag, Frankfurt a. M. 1998. 384 S., Fr. 73.-.]
Stadt und Wohnung als «Maschine»
Rationalisierung des Bauens erneut als Zauberformel?
Nachfragegerechte Wohnungen und Häuser zu erschwinglichen Preisen sind offenbar Mangelware. Um so grösser allenorts die Anstrengungen, die Baukosten zu senken. Weniger gern veröffentlicht wird das Mittel zum Zweck: Rationalisierung. Und doch ist diese Grundtendenz - zumal in Deutschland - unverkennbar, auch wenn hier nicht die Grosstafelbauweise, sondern scheinindividualisierte Hauseinheiten zur Debatte stehen. Die Industrialisierung des Bauens, lange Zeit - und mit dem Fingerzeig auf realsozialistische Metastasen - als Krebsgeschwür der modernen Architektur verteufelt, beflügelt erneut die Geister.
Fordismus und Avantgarde
So drängend mancherorts die derzeitigen Probleme auch sein mögen, neu und einzigartig sind sie nicht. Der Druck der jeweiligen Verhältnisse zwang bereits mehrfach zu forcierten Schritten. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg artikulierte sich die Wohnungsfrage mit Vehemenz. Angesichts der Notlage wurden nun die Kommunen in grossem Masse Träger des Wohnungsbaus. Zugleich machte sich die Einsicht breit, dass mit handwerkbetonten Standards und Methoden keinesfalls die anstehenden quantitativen Probleme zu lösen sein würden. Rationalisierung tat not. Walter Gropius offenbarte sich als programmatischer Vorreiter, indem er in Dessau-Törten mit dem Thema Vorfertigung laborierte: «Die menschliche Behausung ist eine Angelegenheit des Massenbedarfs. Genauso wie es heute 90 Prozent der Bevölkerung nicht mehr einfällt, sich ihre Beschuhung nach Mass fertigen zu lassen, sondern Vorratsprodukte bezieht, die infolge verfeinerter Fabrikationsmethoden die meisten individuellen Bedürfnisse befriedigen, so wird sich in Zukunft der Einzelne auch die ihm gemässe Behausung vom Lager bestellen können.»
Und die Avantgarde zettelte, nicht ohne Grund, schon zu Beginn dieses Jahrhunderts jene Rebellion gegen das Althergebrachte an, die noch heute so nachhaltig weiterwirkt. Gerade für die fortschrittlichen Architekten war Rationalisierung das Mittel zum Zweck. Sie haben das Aufziehen einer industriellen Massenkultur begrüsst - und deren Signaturen munter verarbeitet. Namentlich das Auto wurde zum Inbegriff und Katalysator eines übergreifenden Zukunftsmodells. Zu jener Zeit hatte Henry Ford mit seiner Unternehmensphilosophie einen weltweiten Prozess angeschoben, der auch und gerade auf der Ebene des (Städte-)Bauens seinen Niederschlag fand. Der Fordismus wurde, zumindest in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht, enthusiastisch aufgenommen. Als Fords Buch «Mein Leben und Werk» 1923 auf deutsch erschien, galt es vielen als eine Heilslehre. Das ging so weit, dass in der Weimarer Zeit fast prinzipiell sozialer und technischer Fortschritt, wie Kurt Tucholsky es formulierte, mit weichem «d» geschrieben wurde.
Die unterschiedlichsten Bezugsfelder des Fordismus entfalteten in vielen gesellschaftlichen Bereichen enorme Wirkung. Die Analogie der Stadt oder der Wohnung «als Maschine» ging dabei auf den Ford-Verehrer Le Corbusier zurück. Wobei in diesem Assoziationsbereich insbesondere zwei Aspekte eine ganz wesentliche Rolle spielten: die schleichende Randwanderung der Stadt, die sich auch in den Stichworten Funktionstrennung und Siedlungsbau ausdrückt, und das Durchsetzen der sozialen Massenwohnung. Die Vorstellung, Häuser wie Autos zu produzieren - der übrigens viele führende Köpfe anhingen -, war ebenso ein fordistischer Analogismus wie die Idee eines «fordistischen Sozialstaates». Eine ihrer Manifestationen - die Siedlung Dammerstock in Karlsruhe, die 1929 als Ausstellungs- und Mustersiedlung in rigider Zeilenbauweise angelegt wurde - hat Adolf Behne schon damals sarkastisch aufs Korn genommen: «Die ganze Siedlung scheint auf Schienen zu stehen. Sie kann auf ihrem Meridian rund um die ganze Erde fahren, und immer gehen die Bewohner gegen Osten zu Bett und wohnen gegen Westen. (. . .) Hier in Dammerstock wird der Mensch zum abstrakten Wohnwesen.» Trotz mannigfaltiger Kritik war die Avantgarde strikt darauf bedacht, dass ihre Häuser und Siedlungen so aussahen, als seien sie rationell erstellt. Sie sollten Emblem sein für den Fortschritt. Die symbolträchtige Sprache der «Sachlichkeit» vermittelte den Glauben an die Zukunft, den Sieg der Rationalität, Mindestwohlstand für alle und kulturelle Emanzipation durch die Technik. Zugleich aber suggerierte sie die Mach- und Beherrschbarkeit gesellschaftlicher Entwicklung.
Ideal unterschiedlichster Regime
Ganz davon gelöst hat sich auch der nationalsozialistische Wohnungsbau nicht, obgleich man sich einen anderen Anschein zu geben trachtete. Schleichend zwar, aber stringent vollzog sich der Wandel vom Siedlungsideal zu den Konzepten eines normierten Wohnungsbaus für die grosse Serie. So formulierte beispielsweise der Finanzexperte Mössner 1943 in einer Denkschrift: «Eine Rekordproduktion zu sinkenden Kosten bei niedrigen Reinerträgen ist praktisch nur auf dem Wege rücksichtsloser Rationalisierung und Einspannung aller Eigenenergien der in der Wohnungswirtschaft lebendigen Kräfte erreichbar.» Und im gleichen Masse, wie Modernisierungsbestrebungen die Oberhand bekamen, erfolgte eine Demontage der Kleinsiedlung und der völkischen Angeridylle. Nach und nach setzten sich Positionen durch, die auf die Förderung des Massenwohnungsbaus und rationalisierter Formen der Bauproduktion drängten.
Deren Apotheose auf deutschem Boden aber blieb der DDR vorbehalten. Die «Platte» ist gleichsam zum Inbegriff für eine Rationalisierungsmanie geworden. Obgleich auch in der jungen BRD und den anderen mitteleuropäischen Ländern ein enormes Wohnungsbauprogramm nur auf der Basis von Zentralisierung und einer gewissen Rationalisierung erfolgreich war, so ist die «Platte» doch weit mehr, nämlich gleichermassen materielles wie ideelles Symptom. Und sie steht für die Erhebung des industriellen Bauens zur Staatsdoktrin. Dabei ist eine inhaltliche - oder gar kontroverse - Debatte um eine sozialistische Wohnform (wie sie beispielsweise in den «Kollektivhäusern» der jungen Sowjetunion einen paradigmatischen, wenngleich kaum verwirklichten Niederschlag fand) in der DDR nicht nachweisbar. Im Gegenteil fussten die verwendeten Grundrisstypen quasi ausschliesslich auf dem Konzept der Kleinfamilie in der Kleinstwohnung. Und das hiess in der Konsequenz: Hierarchisierung und funktionale Einengung von Räumen, Festschreibung von «betriebstechnischen Abläufen» (Gropius) usw. Sozialwissenschaftlich verbrämt im Gedanken vom «sozialistischen Wohngebiet», wurde eine rein wirtschaftlich (oder wie häufig postuliert wurde: von der Auslagerlänge eines Krans) bestimmte Bauweise legitimiert. Die Stadtentwicklung vollzog sich weitgehend ausserhalb der Innenstädte: es boomten die Plattensiedlungen, und die Grosstafelbauweise feierte, was das Bauvolumen anbelangt, wahre Triumphe. So planbar wie das Bauen sollte auch das Leben selbst sein.
Letztlich aber scherte das weder Bewohner noch politisch Verantwortliche. Jener hatte - WBS 70 hin, Wohnkomplex her - endlich eine adäquate «Vollversorgung» (inkl. Heizung und Bad) und ohnehin keine Alternative. Und für diese war die «Platte» entweder die Inkarnation der wissenschaftlich-technischen Revolution (in der Ära Ulbricht) oder das ideale Transportmittel für die Verwirklichung der «Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik» (zu Zeiten Honeckers). Obgleich man im Ergebnis konstatieren muss, dass das Wohnungsproblem (als rein quantitatives) in der DDR dank der Platte weitgehend entschärft werden konnte, trug die Rigidität dieser Bauform und «Städteproduktion» anderseits das Seine bei zum Scheitern des Systems. Dass durch die (scheinbar endlose) Addition gleicher Bauelemente - egal ob «Platte» oder Haus - der Schwellenwert einer überschaubaren und begreifbaren Ordnung häufig überschritten wurde, ist hierbei nur ein Aspekt. Die Unbedingtheit und einseitige Überbetonung des industriellen Bauens hatte seine «Rationalität» letztlich selbst dreidimensional in Frage gestellt.
Was bleibt?
Um nicht missverstanden zu werden: Dies ist kein Plädoyer gegen Rationalisierung. Mit diesem Rekurs sollte lediglich der Grenzbereich bewusst gemacht werden, welchen zu überschreiten einer Preisgabe von Gestaltungsansprüchen gleichkommt. Obschon Rationalisierung heute eine unabdingbare Voraussetzung für künftiges Bauen darstellt, kann es kein Ziel an sich sein, sondern nur Mittel zum Zweck. Dass «das Haus für alle» wie kaum ein anderes Planungsthema das Bewusstsein der Öffentlichkeit bestimmt, ist hierfür ein Indikator. Da mit handwerksbetonten Produktionsformen weder die quantitativen noch die preislichen Ziele zu erreichen sind, wird es darauf ankommen, einen vorurteilslosen Zugang zu den Kategorien von Effizienz zu finden und sie als Grundlage (städte)baulicher Entwicklungen anzunehmen - und zwar ohne dass tayloristische Methoden und Reduzierung von Vielfalt auf wenige standardisierte Typen dem Wohnungsbau den Stempel des Banalen und Monotonen aufdrücken. Und darauf zu achten, dass dessen Potentiale auf kreative Weise genutzt werden, geht uns alle an. Insofern sollte man sich von diesen Herausforderungen und den zum Teil ernüchternden historischen Erfahrungen nicht ins Bockshorn jagen lassen. Wie heisst es doch so schön? «Not macht erfinderisch.»