Können wir aus der Einstellung des saudiarabischen Projekts „The Line“ etwas lernen?
Aufgrund der geopolitischen Lage stoppt Saudiarabien seine Megaprojekte wie The Line. Nachtrauern muss man diesen Projekten nicht. Aber kann man vielleicht doch von ihnen lernen?
Vor genau zehn Jahren, im April 2016, stellte Kronprinz Mohammed bin Salman, der heutige De-facto-Herrscher Saudiarabiens, das Regierungsprogramm Saudi Vision 2030 vor. Es handelte sich um ein umfassendes Transformationsprojekt zum Umbau der saudischen Wirtschaft, weg von der Abhängigkeit vom Erdölexport hin zu Dienstleistung und Tourismus. Der Beitrag der Privatwirtschaft am BIP sollte von 40 Prozent auf 60 Prozent steigen, ausländische Investitionen von jährlich rund drei Prozent auf fünf Prozent des BIP. Ein Börsegang des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco und die Einführung einer Mehrwertsteuer von fünf Prozent spülten Geld in einen Public Investment Fund, aus dem das Programm finanziert werden sollte.
Ein Teil dieses Geldes, 1,5 Billionen Euro, sollte in das Projekt NEOM fließen, eine Region im Nordwesten des Landes mit einer Fläche von 26.500 km². Zu den Projekten, die dort realisiert werden sollten, gehörten ein Hafen, ein Flughafen und eine Industriestadt, Luxusresorts in den Bergen und an der Küste, eine landwirtschaftliche Produktionsanlage, unter anderem zum Testen genetisch veränderter Pflanzen, und – als ambitioniertestes Projekt – The Line, eine lineare Stadt für neun Millionen Einwohner im Endausbau, die vom Hafen schnurgerade 170 Kilometer weit ins Landesinnere angelegt werden sollte.
Im Querschnitt 200 Meter breit und bis zu 500 Meter hoch, sollten ihre Wände nach außen hin verspiegelt sein und so mit der umgebenden Landschaft verschmelzen, während sie umgekehrt Licht in die Innenzone lassen und einen Blick nach außen bieten sollten. Ihre Maximalhöhe von 500 Metern erreicht die Line am Meer und schneidet sich dann ins Gelände ein, wo sie 175 Kilometer weiter landeinwärts in den Bergen verschwindet.
Skulptur macht noch keine Architektur
Dieses 2021 vorgestellte Erscheinungsbild stammt, auch wenn das nie offiziell bestätigt wurde, von dem von Thom Mayne geleiteten amerikanischen Büro Morphosis, einem Spezialisten für große baukünstlerische Gesten, der auch in Österreich mit dem Bürogebäude für die Hypo Alpe Adria in Klagenfurt zweifelhafte Spuren hinterlassen hat. Skulpturale Qualität allein macht noch keine Architektur. Allerdings kann sie durchaus eine Botschaft vermitteln, wie es etwa für die in die Landschaft eingelassenen gerasterten Megastrukturen gilt, mit denen das italienische Büro Superstudio in den 1970er-Jahren berühmt wurde. Als gezeichnete Architektur reagieren sie auf die beginnende ökologische Krise, ohne sich abschließend zwischen monumentaler und natürlicher Ordnung zu entscheiden. Falls Thom Mayne sich tatsächlich von diesen Bildern Anregungen geholt hat, hat er die Schraube mit den Spiegelfassaden noch ein Stück weitergedreht: Alle Konflikte verschwinden im Spiegel und lösen sich vermeintlich in Luft auf.
Hinter dem monumentalen Erscheinungsbild der Line stehen aber auch praktische Überlegungen. Extreme Dichte als Strategie für ein nachhaltiges Zusammenleben ist dabei zentral. Die Linearstadt ist komplett autofrei und soll es ihren Bewohnern erlauben, alle Alltagsbedürfnisse in einem Umkreis von 400 Metern zu erledigen. Die Herausbildung von Nachbarschaften soll auf mehreren vertikal geschichteten Ebenen stattfinden, in Kombination mit sozialer Infrastruktur und Büroflächen, verbunden durch Passagen und öffentliche Verkehrsmittel.
Wer letztlich hier leben soll, blieb eine offene Frage. Immerhin hat die Line ein Potenzial für neun Millionen Einwohner, fast ein Drittel der heutigen Einwohnerzahl Saudiarabiens. Für Ausländer sollte sie, so wie das gesamte NEOM-Projekt, durch niedrige Steuern und eine auf internationalen Standards basierende Rechtsprechung attraktiv gemacht werden.
Das Projekt führte zur gewaltsamen Absiedelung Tausender Menschen
Der schlechte Ruf Saudiarabiens in Bezug auf die Menschenrechte ließ sich durch solche Ankündigungen nicht sanieren. Im Gegenteil: Das Projekt selbst führte zur Absiedelung Tausender Mitglieder der Bevölkerungsgruppe der Howeitat, die teilweise gewaltsam erfolgte. Solche Konflikte sind bei großen Infrastrukturprojekten häufig; dass sie in Saudiarabien mit mehreren Todesurteilen für den Widerstand in Verbindung gebracht werden, hätte für die Architekten ein Alarmzeichen sein müssen.
Aber man plante weiter. In einer bombastischen Ausstellung in Riad wurden 2023 mehrere Varianten für die Umsetzung gezeigt, die von international renommierten Büros entwickelt wurden. Von welchem Büro die gezeigten Modelle jeweils stammten, blieb allerdings geheim. Erst 2024 wurden konkrete Namen genannt. Das österreichische Büro Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) und die amerikanische Firma Gensler sollten gemeinsam die weitere Planung übernehmen, und zwar in verteilten Rollen. DMAA erhielt den Auftrag für die Entwicklung des 2,4 Kilometer langen Grundmoduls, von dem in der ersten Phase bis 2030 drei Stück errichtet werden sollten, während Gensler den Ausbau im Rahmen dieses Gerüsts koordinieren sollte, einen Städtebau in der dritten Dimension, der in dieser radikalen Form noch niemals versucht worden war. Die Abstimmung Dutzender Planer, Auftraggeber und Investoren mit ihren Partikularinteressen ist schon bei einem konventionellen, auf einem Blockraster aufgebauten Städtebau schwer genug. Als dreidimensionales Schachspiel unter extrem engen Terminvorgaben ist es ein Albtraum.
Erdarbeiten auf mehreren Kilometern
Trotzdem wurde Ende 2024 mit dem Bau begonnen, zumindest zeigten Luftaufnahmen und später auch Baustellenfotos massive Erdarbeiten auf mehreren Kilometern Länge. Zu diesem Zeitpunkt waren in die Vorbereitungsarbeiten bereits 47 Milliarden Euro geflossen. Eine Überprüfung im Jahr 2025 ergab, dass sich die ursprünglich geplanten Errichtungskosten von 1,5 Billionen Euro auf 7,5 Billionen erhöhen würden, das 25-Fache des saudischen Staatsbudgets. Die Betreiber kündigten eine weitere Redimensionierung an. Der Krieg mit dem Iran, in dem Saudiarabien unfreiwillig Partei aufseiten der USA ist und deshalb Angriffe auf seine Infrastruktur verzeichnen musste, gab dem Projekt den Todesstoß. Mitte März veröffentlichten die maßgeblich mit der Realisierung beauftragten Bauunternehmen die Aufkündigung ihrer Verträge. Der entstandene Schaden für den saudischen Staat wird auf 37,5 Milliarden Euro geschätzt.
Was lässt sich aus dieser Geschichte lernen? Erstens, dass Diktaturen, anders als oft behauptet, keine guten Bauherren sind. Die Konzentration von Macht und Geld ohne demokratische Checks and Balances fördert Größenwahn und Korruption. Die zweite Lektion ist, dass es an Werkzeugen für die Planung und den Bau von urbanistischen Extremprojekten mit Kosten von Hunderten Milliarden Euro mangelt. Zum Prinzip des „Small is beautiful“ zurückzukehren wird nicht immer möglich sein. Der Wiederaufbau in der Ukraine kostet nach Schätzungen der Weltbank nach aktuellem Stand 500 Milliarden über zehn Jahre, jener des Gazastreifens 65 Milliarden. Sollen wir Trumps Riviera wirklich die Zukunft überlassen?