Die Alchemie des Umbauens
Die Gewinner des wichtigsten Architekturpreises Europas: Ein ruinöser Messepalast wird zum Raumwunder, eine graue Lagerhalle zur surrealen Theaterwelt.
Öffnet man die unscheinbare graue Tür, wähnt man sich in einem Film von David Lynch. Tiefroter Teppich, tiefrote Vorhänge. Das ebenfalls tiefrot lackierte Segment eines enormen Stahlträgers, das in der Mitte des Raums steht, macht die Szenerie noch surrealer. Man erwartet, dass sogleich der rückwärts sprechende kleine Mann aus der Serie Twin Peaks ins Bild tanzt.
Stattdessen winkt der beruhigend diesseitige Architekt Jure Grohar aus dem roten Foyer weiter in den nächsten Raum, eine Halle von enormen Dimensionen. Vor uns eine Konstruktion aus Holz, an ein Bühnenbild erinnernd, oder an eine Theaterloge aus der Shakespeare-Ära. Zwei Stiegen führen rechts und links in die erste Etage, dahinter ein schwarzer Vorhang. Auf der anderen Seite türmt sich ein Ziggurat aus Ziegelsteinen auf, silbern schimmernde Vorhänge hängen von der Decke, dazwischen silberne Stehlampen, die nach Straßenbeleuchtung aussehen.
Dramatische Hochspannung
Nein, wir befinden uns nicht in einem Paralleluniversum, sondern in einem prosaischen Gewerbegebiet im Norden von Ljubljana. Draußen vor der grauen Tür: Asphalt, Zäune und Funktionsbauten, ordentlich und menschenleer. Ausgerechnet hier hat das Slowenische Nationaltheater SNT Drama sein temporäres Zuhause gefunden, während sein sanierungsbedürftiges Stammhaus im Stadtzentrum umgebaut wird.
Das über die Jahre ohne architektonischen Anspruch zusammengebaute Ensemble hatte bereits eine Vielzahl von Nutzungen erlebt. Vor etwa 15 Jahren erwarb es ein Investor aus der IT-Branche, die 93 Meter lange Halle wurde zuerst als Parkhaus und dann für Events genutzt. 2017 kamen Jura Grohar und seine Partnerin Anja Vidic ins Spiel, sie entwarfen eine Bar und ein Fitnessstudio, kümmerten sich um die Instandsetzung des asbesthaltigen Dachs.
Der Einbau eines Nationaltheaters war jedoch eine ganz andere Nummer. Ein großer Saal für 361 und ein kleiner für 100 Zuschauer, zwei Probebühnen, Büros und Kantine für die rund 90 Beschäftigten. Für all das hatten sie zehn Monate Zeit – dramatische Hochspannung. „Nicht nur das! Die Entwurfsphase fiel noch dazu mit einem Corona-Lockdown zusammen, die Kommunikation lief per Zoom“, sagt Jure Grohar. „Das Ziel war daher, alles so einfach zu machen, dass es vor Ort leicht zu bauen ist. Wir entschieden uns für eine klare Trennung zwischen jenen Bauteilen, die nach der Rückkehr des Theaters zerlegt und wiederverwertet werden, und festen Einbauten, die bleiben – sozusagen als öffentliche Infrastruktur.“
Die hastige Entwurfsphase sieht man den dramaturgisch genau inszenierten und gestalteten Innenwelten nicht an. Billig, schnell und wiederverwertbar sieht hier nichts aus. Doch genau das ist es. Die roten Vorhänge wurden aus Resten zusammengenäht. Die silbern schillernden Raumteiler werden eigentlich für landwirtschaftliche Gewächshäuser produziert, die Stehlampen und Kronleuchter bestehen aus verzinkten Lüftungsrohren, als Garderobenstangen dienen Wasserleitungsrohre. Das Mobiliar für die Bar stammt aus der Theaterrequisite, die 361 senffarben bezogenen Sitze aus den 1960er-Jahren wurden ebenso wie die Möblierung der Künstlergarderoben aus dem Stammhaus an die Peripherie transferiert. Vertraute Elemente, die Geschichte und Patina mitbringen.
Bauwende in Europa
„Die Wiederverwertung von Bauteilen ist für uns heute eine Selbstverständlichkeit“, erklärt Grohar. „Doch das alleine genügt noch nicht. Damit daraus Architektur wird, braucht es ein konzeptionelles Rahmenwerk.“ Wie ernst Vidic und Grohar den Kreislaufwirtschaft-Gedanken nehmen, haben sie 2024 beim slowenischen Pavillon auf der Biennale in Venedig gezeigt, der zu 95 Prozent aus recycelbaren Teilen bestand.
Die virtuose Inszenierung einfacher Baustoffe im Theater Drama wurde nun mit dem EU Mies Award ausgezeichnet, der alle zwei Jahre von der EU und der Fundació Mies van der Rohe verliehen wird und als wichtigste Bestandsaufnahme der europäischen Baukultur gilt. Aus den 410 Nominierungen wurden 40 Projekte aus 18 Ländern auf die Shortlist gewählt, darunter die Sporthalle in der Wiener Großfeldsiedlung von illiz Architektur als einziges aus Österreich. Die Hälfte der Shortlist-Projekte sind Umbauten und Erweiterungen des Bestehenden. Europa ist bereits mitten in der sogenannten Bauwende.
Während Vidic Grohar den „Emerging Award“ nach Hause nehmen dürfen, ging der Hauptpreis nach Belgien, ein Land, dem der Surrealismus ebenfalls nicht fremd ist. Die Bauten von Jan de Vylder und Inge Vinck sind so etwas wie die René Magrittes der Architektur und fügen auf freche Art Dinge zusammen, die vermeintlich nicht zusammengehören. Sie haben die Alchemie des Umbaus perfektioniert, die aus dem Vorhandenen chemische Reaktionen des räumlichen Reichtums erzeugt. Das taten sie – im Team mit dem Büro AgwA – auch bei ihrem preisgekrönten Projekt in Charleroi.
Die seit Jahrzehnten von postindustriellem Niedergang geplagte wallonische Stadt wusste nicht so recht, was sie mit ihrem Kongresspalast aus den 1950er-Jahren anfangen sollte. Ein „weißer Elefant“, viel zu groß, um ihn zu bewirtschaften, geschweige denn zu heizen und zu kühlen. Das Budget für die Umplanung in ein Kulturzentrum war in etwa ein Drittel dessen, was eigentlich nötig war.
Euphorisches Labyrinth
Denkt man Gebäude nur als perfekte Produkte, hätte man hier sofort aufgegeben. Die Architekten dachten anders. Sie sehen Gebäude als etwas permanent Unfertiges, als momentane Konstellation von Materie und Raum. In Charleroi legten sie Regeln für unterschiedliche Teile des riesigen Baus fest: hier wegnehmen, dort einfügen, da drüben lassen, wie es ist. Ein neues Atrium wurde hineingestanzt und Teile des Baus aufs Skelett reduziert, die Fassade entfernt, das Innen zum Außen, das Gebäude zum Park. Farbige Flächen an Wänden und Stützen markieren die frühere Nutzung. So wurde eine tonnenschwere Altlast zu einem euphorischen Labyrinth der Möglichkeiten – mit minimalem Budget.
In einer Ära von Overengineering und Hightech, die oft niemand mehr bezahlen kann, die aber anscheinend alternativlos sind, zeigen diese Bauten: Es gibt sehr wohl Alternativen. Das Arbeiten mit dem Bestand ist keine unkreative und banale Angelegenheit, sondern das genaue Gegenteil: ideenreich, schillernd, überraschend, dramatisch und bereit für die Zukunft.