Entdeckung der unsichtbaren Welt
Die Architekturtage 2026 widmen sich wichtigen, aber meist verborgenen Infrastrukturen, die unsere Städte am Leben halten. Nächste Woche kann man einen Blick hinter die Kulissen von Müll, Strom, Wasser, Logistik und Tunnelbaustellen werfen.
Auf den Spuren technischer Infrastrukturen (von links): Deponie Rautenweg in Wien, Bahnhof Weststeiermark von Pittino & Ortner und Zechner & Zechner Architekten, Hafenpark von DnD Landschaftsarchitektur in Linz und Müllverbrennungsanlage Pfaffenau von Sne Veselinović.
41Minuten wird der Spaß mit dem Railjet dauern. Vor einem halben Jahr war die Fahrzeit zwischen den beiden Landeshauptstädten Graz und Klagenfurt noch viermal so lang, da hat die zwischen Kärnten und Steiermark liegende Koralpe noch mehr getrennt als verbunden. „Und genau diesen technischen wie auch gesellschaftlichen Fortschritt“, sagt die Klagenfurter Architektin Barbara Frediani-Gasser, „gilt es zu feiern. Daher werden wir kommende Woche mit unseren Gästen in den Zug steigen, die Strecke befahren und dabei über die bautechnischen Innovationen sprechen, aber auch über die zum Teil massiven Einschnitte in die Landschaft und über die nicht immer leicht messbare volkswirtschaftliche Bilanz solcher Großprojekte.“
Was uns verbindet – Infrastrukturen des Alltags: Unter diesem Motto gehen kommende Woche, vom 28. bis 30. Mai, die Architekturtage 2026, das biennal stattfindende Festival der Baukultur und Ingenieurtechnik, über die Bühne. Beziehungsweise unter die Bühne. Und hinter die Bühne. Und um die Bühne rundherum. „Denn wir wollen“, so Frediani-Gasser, zudem Präsidentin des Vereins Architekturtage, „den Leuten an diesen drei Tagen genau diesen Blick ermöglichen, der ihnen üblicherweise verwehrt wird. Wir wollen das Unsichtbare sichtbar und spürbar machen und darstellen, was für enorme Infrastrukturen im Untergrund lauern und dafür sorgen, dass das Leben in unseren Städten und Dörfern so funktioniert, wie es funktioniert.“
Offene Büros
Auf dem Programm der diesjährigen Architekturtage stehen daher nicht nur Vorträge, Ausstellungen, offene Architektur- und Ingenieurbüros, geführte Stadtspaziergänge und Zug- und Busfahrten zu ausgewählten Bauten, sondern auch so manch Eintritt in infrastrukturelle Großanlagen wie etwa Häfen, Bahnhöfe, U-Bahn-Tunnelbaustellen, Getreidespeicher, Museumsdepots, Windparks, Wasserreservoirs, Kraftwerke, Umspannwerke, Friedhöfe, Kläranlagen, Recycling-Zentren und Fernwärme-Müllverbrennungsanlagen. Bis hinein in die allerheiligsten Hallen, wo es lärmt, stinkt, faucht, dampft und qualmt.
Vieles davon, wird sich herausstellen, hat mit Mobilität und vielen anderen Bewegungen und Kreisläufen zu tun, ob das nun Menschen-, Wasser- oder Stromströme sind. Nach der Fahrt mit dem Railjet durch das 5,9-Milliarden-Euro-Projekt Koralmbahn beispielsweise steht ein Spaziergang durch die Klagenfurter Innenstadt am Programm, diesmal durch die Brille eines jungen Mannes, einst wohnungs- und obdachlos, heute Kunde von Young Caritas Kärnten, Samuel sein Name. Er wird aus eigenen Erfahrungen darstellen, welche sozialen, stadträumlichen Qualitäten eine Stadt birgt – und auch verunmöglicht. „Für viele unsichtbar, für manche von hohem Wert“, so Frediani-Gasser. „Auch das ist Infrastruktur.“
Expedition im Linzer Hafen
In Linz wiederum spielt sich ein erheblicher Teil der Mobilität im Bereich Hafen, Kaianlagen und Logistikhallen im Osten der Stadt ab. Doch das war nicht immer so. „Bis in die 1950er-Jahre war die Lustenau noch weitestgehend unverbaut und unberührt“, sagt der Linzer Architekt Christoph Wiesmayr, Leiter des hier beheimateten Vereins Schwemmland, „mit unregulierten Donauauen und ziemlich wilder Fauna und Flora. Seit dem Hafenausbau nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es nur noch ein paar wenige unversiegelte Restflächen, die die einstige Atmosphäre dieses Ortes widerspiegeln.“
Und so führt die von Wiesmayr konzipierte Hafentour zur selbst gezimmerten Open-Air-Bühne namens Klimaoase, wo die alten Donauauen mit dem heutigen Flusslauf abgeglichen und diskutiert werden, zu einem Bodenlehrpfad, der die Transformation des Linzer Hafengebiets veranschaulicht, sowie zum sogenannten Hafenpark auf dem Dach einer Pharma-Logistikhalle, wo in 18 Meter Höhe ein Architekturtage-Picknick stattfindet – mit Blick auf den Hafen.
2018 wird die Idee geboren, die versiegelten Flächen im Linzer Hafen mit einem grünen Park zu kompensieren. In Zusammenarbeit mit der Stadt Linz wird das Dach der 3600 Quadratmeter großen Kühlhalle mittels Lift, Stiegenhaus und Fußgängersteg öffentlich zugänglich gemacht. Das Büro DnD Landschaftsplanung rund um Anna Detzlhofer und Sabine Dessovic plant darauf einen Dachpark mit Gräsern, Stauden und Bäumen und orientiert sich bei der Anlage der Wege und Grünflächen am historischen Verlauf der Donau. Ergänzt wird der Hafenpark von Bänken, Pergolen und Hängematten für ein kurzes Päuschen zwischendurch.
Ende Müll, Anfang Energie
Und wo spielen sich die unsichtbaren Bewegungen in der Bundeshauptstadt ab? Zum Beispiel in den Tunnelröhren der U2-Baustelle unter der Reinprechtsdorfer Straße, wo eine (leider schon ausgebuchte) Tour in den Untergrund führt. Ins Wasserreservoir am Wienerberg, das von 2008 bis 2010 in schlanker Stahlbetonbauweise um ein Viertel seines bisherigen Volumens erweitert wurde und nun gigantische 1,6 Milliarden Liter Trinkwasser fasst. Oder zur Deponie Rautenweg, der größten Deponie Österreichs, einem zentralen Element der Wiener Abfallwirtschaft, wohin sich nicht nur Menschen, sondern immer wieder auch Ziegen und andere wild lebende Tiere verirren.
Wer einen Blick auf das Ende materieller Kreisläufe – und somit auch auf den Beginn neuer Energieströme – werfen möchte, der wird gut beraten sein, am 29. Mai nach Simmering aufzubrechen. In der Müllverbrennungsanlage Pfaffenau, 2008 von der Wiener Architektin Sne Veselinović geplant, innen eine Heizmaschine, außen eine mit orangem Streckmetall verkleidete Gebäudeskulptur, werden in zwei Rostöfen Tag für Tag rund 900 Tonnen Müll verbrannt – Haushaltsmüll aus dem Wiener Süden und Südosten sowie Gewerbemüll aus ganz Wien und Umgebung.
Bei 850 Grad Celsius, erklärt Christian Anderle, Geschäftsführer der WKU Wiener Kommunal-Umweltschutzprojektgesellschaft mbH, im Gespräch mit dem ΔTANDARD, werden die Müllberge verheizt, die Rauchgase werden anschließend viermal chemisch, elektronisch sowie mit Aktivkoks gefiltert, die daraus gewonnene Energie versorgt daraufhin rund 50.000 Wiener Haushalte mit Fernwärme und 25.000 Haushalte mit Strom. An den Architekturtagen 2026 kann man den Kranfahrern, Leittechnikern und Waste-Managern bei ihrer Arbeit über die Schulter blicken.