Weißes Tor zur Welt
Das polnische Gdynia wird dieses Jahr 100 Jahre alt. Das „Tel Aviv des Nordens“ an der Ostsee ist stolz auf seine Architektur der Moderne und wünscht sich zum Geburtstag das Prädikat Unesco-Weltkulturerbe.
Agata Abramowicz hat alle Hände voll zu tun. Das Handy klingelt nonstop, die Bilder müssen aufgehängt werden. Am nächsten Tag eröffnet nicht nur eine Ausstellung in ihrer Galerie mit dem leicht von der Zunge perlenden Namen Przypływ (polnisch für Flut), sondern auch das von ihr kuratierte Festival mit über 30 Künstlerinnen und Künstlern.
Dessen Titel „Sny o Gdyni“ – Träume von Gdynia – feiert das hundertjährige Bestehen der polnischen Hafenstadt. Für europäische Verhältnisse geradezu ein Kindergeburtstag. Fast genauso alt ist das Gebäude, in dem sich die Galerie Przypływ befindet. Ein imposantes Stück Architektur mit horizontalen Fensterbändern, schlanken Treppentürmen, erbaut 1935 bis 1939 als Wohnhaus für wohlhabende Banker. Heute denkmalgeschützt, ist es einer der wichtigsten Bausteine einer neuen Stadt, die ihren Blick aufs Meer und auf die Zukunft richtete. Es steht an der schnurgeraden Ulica 10 Lutego, die die Innenstadt quert und direkt auf den Pier zuführt, der weit in die Bucht von Danzig ragt.
„Gdynia war in den 1930er-Jahren Polens Fenster zur Welt“, erklärt Agata Abramowicz. Das sieht man der Stadt an. Modern und maritim, in Abstufungen von Weiß, was der Stadt nicht ganz zu Unrecht Vergleiche mit Tel Aviv beschert hat. Neben stattlichen Wohnkomplexen sind es vor allem die öffentlichen Bauten, die heute noch beeindrucken, alle innerhalb weniger Jahre errichtet. Das mächtige Bezirksgericht (1936), das Bürogebäude der Versicherungsanstalt (1936) mit langen Fensterbändern und elegantem Kurvenschwung, die Markthalle mit ihrer parabelförmigen Stahlkonstruktion (1938), das Seemannshaus am Pier (1938) oder das 150 Meter lange Schiffsterminal am Hafen (1933), heute das Museum für Emigration.
Konservativ modern
Gdynia verdankt seine Größe und sein Gesicht einer weltpolitischen Entscheidung. Das nach dem Ersten Weltkrieg wiederauferstandene Polen bekam nur einen schmalen Zugang zum Meer, da die Hafenstadt Danzig zur eigenständigen Freien Stadt erklärt wurde. Exakt in diesem Korridor lag Gdynia, damals ein Fischerdorf mit 1.200 Einwohnern. Bald folgten Pläne für eine neue Stadt, die dem Selbstbewusstsein des jungen Staates entsprachen.
Dabei ist der 1926 von Roman Feliński und Adam Kuncewicz entworfene und bis heute umgesetzte Plan städtebaulich konservativ. Er vermied die Radikalität von Le Corbusiers zur selben Zeit erdachten Pläne für Paris, er war auch keine aus der Luft gegriffene Form, wie sie Lucio Costa 1957 mit Brasília in die Mitte Brasiliens projizierte. Stattdessen verband er das Vertraute mit dem Neuen, mit einer luftig aufgelockerten Variante der Baublöcke des 19. Jahrhunderts.
Es folgte ein geradezu wildwestartiger Bauboom. Teilweise wurden im Erdgeschoß schon Läden eröffnet, während darüber noch am Rohbau gewerkelt wurde. Viele Arbeiter wohnten in Bretterdörfern, weil der Wohnbau mit dem Zustrom nicht Schritt halten konnte. Staat und private Grundbesitzer waren an diesem Boom gleichermaßen beteiligt. Letztere bauten schnell und technisch auf der Höhe der Zeit, aber ohne allzu strenge Vorgaben. So entstand eine Stadt, die nicht doktrinär von oben verordnet wurde, sondern ein Gemeinschaftswerk der Zivilgesellschaft war.
Daneben wurde der Hafen zum modernsten der Ostsee ausgebaut, der den Rivalen Danzig bald überflügelte. Journalisten kamen aus aller Welt, einer bezeichnete die Stadt, dem Mangel an Wolkenkratzern zum Trotz, als „New New York“. 1939 zählte Gdynia bereits 120.000 Einwohner. Nach der Invasion durch NS-Deutschland wurde die Stadt in „Gotenhafen“ umbenannt, mit der modernen Architektur hatten die Nazis zumindest hier keine Berührungsängste.
Auch im Sozialismus blieb man der Moderne treu, mit exzellenten Neubauten wie dem eleganten Bahnhof (1950–59) und der expressiven Herz-Jesu-Kirche (1957–66). Auch in jener Zeit war Gdynia das „Tor zur Welt“, hier bekam man westliche Konsumgüter, die im Rest des Landes nicht erhältlich waren.
Bis heute bietet das Stadtzentrum noch Platz für Neubauten, die sich mal dezent, mal kommerziell in Interpretationen der „weißen Moderne“ üben. Eine Alltäglichkeit, die vielleicht lebensnaher ist als ein Freilichtmuseum der Exzellenz. Da darf auch mal der Schriftzug „Bauhaus“ auf einem Apartmentblock stehen, der mit dem Bauhaus nicht allzu viel zu tun hat. Nur ein Gebäude fällt in jeder Hinsicht aus dem Rahmen: der 2009 eröffnete 143 Meter hohe Wohnturm Sea Towers. Anfangs sollte auch er ganz weiß sein, dann entschied man sich für ein finsteres Flugzeugträgergrau und aufdringlichen Gestaltungszinnober.
Inklusive Planung
„Inzwischen stehen alle öffentlichen Bauten unter Denkmalschutz und das gesamte Zentrum mit 88 Hektar Fläche und 450 Gebäuden unter Stadtbildschutz“, erklärt Robert Hirsch, Stadtkonservator von Gdynia. Exakt dieses Gebiet reichte man 2019 bei der Unesco ein, als man sich für den Status Weltkulturerbe bewarb. Seitdem ist Gdynia auf der „tentative list“, der Warteliste der Unesco. Im Jänner wurden die letzten Unterlagen eingereicht, die Entscheidung wird im Juli bei der nächsten Sitzung im koreanischen Busan fallen.
Dabei ist es gerade die Kombination aus Modernismus und pragmatischem Realitätssinn, die in der Bewerbung als „Outstanding Universal Value“ (OUV) deklariert wird. Darüber hinaus sei Gdynia, anders als moderne Stadtgründungen, die rein staatlich oder rein investorengetrieben waren, ein Vorbild der inklusiven Planung, bei der auch die (oft der kaschubischen Minderheit angehörenden) ursprünglichen Grundeigentümer nicht enteignet wurden, und in dem neu zugezogene Polen aus allen Landesteilen eine neue identitätsprägende Heimat fanden. Die Chancen stehen also gut – und der Sündenfall Sea Towers, das hat man der Unesco versprochen, soll ein Einzelfall bleiben. Wer möchte, darf hier Parallelen zum Weltkulturerbe Wien erkennen.
Wer in Wien mehr über Gdynia erfahren möchte, muss nicht ans Ufer der Ostsee reisen – es bietet sich auch ein Ausflug zum Polnischen Institut neben der Kirche Maria am Gestade an. „Beim Sommerfest am 1. Juli präsentieren wir eine Plakatausstellung über Gdynia und eine Ausstellung mit Werken von Maria Kiesners Darstellungen modernistischer Architektur“, sagt Direktorin Jolanta Miśkowiec. Und vielleicht darf man Gdynia schon am Monatsende gratulieren.
Die Studienreise nach Gdynia erfolgte auf Einladung des Polnischen Instituts in Wien.