Bogen, Bunker, Lagerhalle
Mit baulichen Monstrositäten wie dem Ballsaal und dem Triumphbogen will sich US-Präsident Trump unsterblich machen. Doch das wahre Gesicht seiner Politik ist eine ganz andere Art von Architektur.
Überdimensionierte Kunstwerke in Kreisverkehren: Was Niederösterreich perfektioniert hat, strebt nun auch die US-Bundeshauptstadt Washington, D.C., an. Die leere Grasfläche inmitten des Memorial Circle soll der Standort für den United States Triumphal Arch werden, den Präsident Donald Trump erstmals im letzten Oktober präsentierte. Damals orientierte sich der Entwurf noch am Wellington Arch in London, die Mitte April vorgestellte Überarbeitung orientiert sich am wohl berühmtesten Kreisverkehr der Welt, der Place Charles de Gaulle – Étoile in Paris mit dem Arc de Triomphe.
Der von manchen als „Arc de Trump“ bezeichnete, von zwei Adlern und einer wahlweise als Siegesgöttin oder Engel interpretierten Figur gekrönte Bogen würde das Pariser Vorbild um 26 Meter überragen. Es ist nicht der einzige Unterschied. Während das napoleonische Frankreich bei Baubeginn 1806 tatsächlich aktuelle Triumphe zu feiern hatte, antwortete Trump auf die Frage, für wen das Bauwerk gedacht sei, ausnahmsweise ehrlich: „Für mich.“
Geplant wird der Bogen von Harrison Architects aus Washington, namentlich genannt wird deren Partner Nicolas Leo Charbonneau, der sich parallel dazu mit seinem Büro Sacred Architecture katholisch-klerikalen Bauaufgaben widmet und sich auf Linkedin als „Lover of the good, true and beautiful“ bezeichnet.
Nation und Gott
„Good, true and beautiful“ wird voraussichtlich nicht auf der Attika des Bogens geschrieben stehen, sondern „One Nation under God“, eine erst 1954 vom US-Kongress erfundene Formulierung für die Identität einer Nation, deren Gründungsimpuls eigentlich die Trennung von Staat und Religion war. Aber vielleicht ändert sich die Inschrift ja noch auf das ursprüngliche „Me“. Ähnlich passend wären „Person, Woman, Man, Camera, TV“ (die Älteren unter uns erinnern sich), „Release the Epstein files“ oder „A whole civilization will die tonight.“ Dieser erschütternde, von Donald Trump kurz nach Beginn des Irankriegs auf Truth Social gepostete Satz ist zwar in der täglichen Flut des Irrsinns schon wieder halb vergessen, steht aber in entlarvendem Kontrast zum vermeintlich den Gipfel menschlicher Zivilisation versinnbildlichenden und von Trump verordneten Baustil des Klassizismus.
Die Architekturdebatte über den Bogen fällt zusammen mit den sich immer weiter aufblähenden Entwürfen für den Ballsaal, der den über Nacht zerstörten Ostflügel des Weißen Hauses ersetzen soll. Nach dem Zwischenfall beim Korrespondenten-Dinner forderten viele Republikaner, nun müsse man diesen Ballsaal aber wirklich umgehend bauen, nicht um zu feiern, sondern aus Sicherheitsgründen. Denn das Projekt vereinigt zwei komplett konträre Typologien in einem architektonischen Sandwich der Ambivalenz: Ballsaal und Bunker. Ein Saal der Repräsentation und der feierlichen Momente, darunter ein fensterloses Verlies der Vereinzelung und des grimmigen Überlebenswillens, ein von keinem Bagger zu beseitigendes Schwergewicht für die Ewigkeit.
Ruinenwerte, Schwergewichte
„Ruinenwert“ nannte NS-Architekt Albert Speer das insbesondere von Adolf Hitler angestrebte Prinzip, demnach Bauten des Regimes so massiv ausgeführt werden sollten, dass sie ihre Erbauer noch Jahrtausende überleben. Als Projektionsfläche diente einmal mehr das antike Rom, als küchenpsychologischer Subtext die offenbar fast ausschließlich Männer befallende Angst vor Irrelevanz und Vergessenwerden.
Ein Monument dieser Ewigkeitshybris lässt sich heute noch in Berlin begutachten: Der sogenannte Schwerbelastungskörper, der 1941 auf dem Areal des für die „Welthauptstadt Germania“ geplanten 117 Meter hohen Triumphbogens als Belastungstest für den sandigen Untergrund gebaut wurde: 12.650 Tonnen Beton.
Vielleicht enden Bogen und Ballsaalbunker, sollten sie je gebaut werden, als Schwerbelastungskörper eines dunklen Kapitels der US-Geschichte, doch abseits des gewichtigen Getöses gibt es eine Architekturtypologie, die dem Wesen des Regimes viel mehr entspricht. Eine, die keinen Triumph, keine Repräsentation und erst recht keinen Klassizismus braucht. Sie wiegt keine 12.000 Tonnen, sie ist leicht und austauschbar: die Lagerhalle.
Todd Lyons, inzwischen zurückgetretener Direktor der Behörde ICE, formulierte sein ideales Deportationssystem im April 2025 folgendermaßen: „Like Amazon Prime, but for human beings“. Eine Entmenschlichung, die alle Alarmglocken schrillen lässt, die aber schrittweise Realität wird. Die „One Big Beautiful Bill“ vom Juli 2025 stellte ICE 45 Milliarden Dollar zur Verfügung, und ein erheblicher Anteil dieser Summe wird in den Kauf von Lagerhausimmobilien investiert, die für menschliche Waren adaptiert werden. Oder, wie es offiziell heißt, „detention reengineering“.
Dystopischer Einkaufsbummel
Im Februar 2026 veröffentlichte Kelly Ayotte, Gouverneurin des Bundesstaats New Hampshire, interne Dokumente, die die Details dieses Systems zeigten. Anstatt wie bisher Gefängnisse von privaten Eigentümern anzumieten, will ICE diese nun selbst betreiben. Bis Ende November sollen acht Großlager für 7000 bis 10.000 Insassen in angekauften Lagerhallen eingerichtet werden, hinzu kommen 16 „processing centers“ als Übergangslager für 1000 bis 1500 Insassen sowie zehn bereits als Gefängnis betriebene Immobilien, die optional ebenfalls mit Steuergeld angekauft werden sollen. Auch die Unterbringung solcher Menschenmassen in Lagerhäusern ist nicht ohne historische Vorbilder. Zwischen 2018 und 2024 starben durchschnittlich 8,9 Menschen pro Jahr in ICE-Zentren. 2025 waren es bereits 33, allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres 18.
Eine laufend aktualisierte Übersicht dieses dystopischen Einkaufsbummels zeigt die von freiwilligen Aktivistinnen und Aktivisten des Project Saltbox betriebene Website ICE-Warehouse Tracker. Ohne Hindernisse verläuft der Immobilienerwerb nicht, es kommt laufend zu Protesten von Bürgern, Anrainern und lokalen Politikerinnen und Politikern. Vielleicht entscheidet sich an diesen gesichtslosen Orten, und nicht im Memorial Circle, das ethische Schicksal der USA zum Besseren. Andernfalls prangt bei der Eröffnung des Triumphbogens die Inschrift „Like Amazon Prime, but for human beings“.