Chronologie eines Scheiterns
Management Center Innsbruck: Zweimal sind Neubaupläne für die Hochschule gescheitert. Nun soll der Bestand saniert werden. Das Land droht seine Fehler zu wiederholen.
Hätte man die Lehrenden und Studierenden des Management Center Innsbruck (MCI) vor zehn Jahren gefragt, wo sie wohl das 30-jährige Jubiläum ihrer Hochschule feiern würden, wäre die Antwort klar gewesen: im neuen Campus am Hofgarten. Als das MCI am 12. Juni dieses Jahres zur Jubiläumsfeier lud, hatte man einiges zu feiern. Die Institution ist schnell gewachsen und zählt heute 3.700 Studierende und 30 Studiengänge. Doch einen Campus gibt es nicht. Stattdessen sind zwei Verfahren gescheitert, 12,5 Millionen Euro Steuergeld ausgegeben worden, und es gab heftige Debatten im Landtag und der Öffentlichkeit. Die Geschichte ist nicht zu Ende, und einige der Fehler drohen sich nun zu wiederholen.
Die Chronologie der Fehler beginnt 2013. Damals beschloss die Tiroler Landesregierung den Neubau auf dem Areal der ehemaligen Fennerkaserne. Budget: 80 Millionen Euro für 16.500 Quadratmeter Fläche. 2016 startet ein europaweiter Architekturwettbewerb. 88 Büros reichen ein, es gewinnt der Entwurf des Wiener Büros Loudon, Habeler & Kirchweger, ein Solitär aus fünf kantig-verdrehten Baukörpern um ein Atrium.
Die Planerteams arbeiten engagiert, doch 2018 wird das Projekt von Hochbaulandesrat Johannes Tratter überraschend gestoppt. Begründung: Die Kosten seien um bis zu 70 Prozent gestiegen. Ein Nachweis dafür fehlt, die Architekten erfahren daraus aus den Medien. Ihnen wird die Schuld zugeschoben, obwohl sie darauf hingewiesen hatten, dass die ursprünglichen Baukosten zu niedrig angesetzt und nicht valorisiert waren. Architekten und Land einigen sich auf einen Vergleich über 500.000 Euro.
Man versucht einen zweiten Anlauf mit dem Modell eines wettbewerblichen Dialogs, das eigentlich für Infrastrukturprojekte vorgesehen ist. Konzipiert und rechtlich begleitet wird es vom Anwalt Herbert Schöpf. Er war es auch, der Tratter den Abbruch des ersten Projektes nahegelegt hatte. Den Zuschlag erhält im Februar 2021 die Arge Porr und Ortner als Totalunternehmer. Das Auftragsvolumen liegt nun bei 135 Millionen – mehr als die Summe, die als Grund für den Abbruch des ersten Projekts genannt wurde. Dafür ist die Nutzfläche des zweiten Projektes kleiner geworden.
Ernüchterndes Fazit
Den nachfolgenden Architekturwettbewerb gewinnt das deutsch-dänische Büro Henning Larsen, mit flexiblen Lernräumen um einen luftigen Innenraum mit viel Tageslicht. Die Fertigstellung ist für 2025 anvisiert. Daraus wird nichts, denn 2024 wird auch das zweite Projekt gestoppt. Die Kosten sind inzwischen bei 250 Millionen Euro angelangt. Ein vom Land beauftragtes Gutachten, das prüft, ob die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) den Bau ohne Neuausschreibung übernehmen könnte, wartet man nicht ab, es trifft wenige Tage später ein. Seine Einschätzung der „BIG-Option“: positiv. Das MCI platzt währenddessen an seinen verstreuten Standorten aus allen Nähten. Grund zur Freude hat nur Rechtsanwalt Herbert Schöpf, er hat mit Stand April 2024 bereits über 400.000 Euro Honorar in Rechnung gestellt.
Ein ernüchterndes Fazit zieht die Architektenschaft, die hier gleich zweimal ausgebootet wurde. „Entstanden ist bislang kein Gebäude, sondern ein Lehrstück darüber, wie Verfahren ausgehöhlt, politische Verantwortung verschoben und planerische Kultur untergraben werden kann“, so Bernhard Sommer, Vizepräsident der Ziviltechnikerkammer Ost, die die MCI-Causa kürzlich detailliert aufgearbeitet hat.
Es folgt das dritte und bislang letzte Kapitel: Im März 2026 beschließt das Land Tirol, anstatt eines Neubaus die bestehenden MCI-Standorte zu optimieren. Zu Kosten und Zeitplan werden keine Angaben gemacht. Wichtigster Baustein: Die Sanierung der alten Hauptpost, ein denkmalgeschützter Bau aus dem Jahr 1908, in dem das MCI bereits seit 14 Jahren eingemietet ist. Der private Eigentümer soll den Umbau vorfinanzieren und über entsprechend höhere Mietzahlungen des MCI refinanzieren.
Wie das Raumprogramm einer modernen Hochschule mit Hörsälen, Labors und Aufenthaltsflächen in eine denkmalgeschützte Substanz voller Postbeamtenbüros gepresst werden soll, ist offen. Die ÖH publizierte ein KI-Bild, in dem vier Teile eines Jets auf vier Hangars verteilt sind, beschriftet mit MCI 1 bis 4. Für immer flugunfähig.
Viele Fragen offen
Auch die MCI-Führungsebene ist nicht glücklich mit der Wahl. „Seitens des Aufsichtsrates problematisch gesehen wird die nun auf Dauer zementierte Zersplitterung des Hochschulbetriebs über mehrere Standorte hinweg, und dass im Privateigentum stehende Immobilien auf Kosten der öffentlichen Hand saniert und erweitert werden sollen“, so Rektor Andreas Altmann zum ΔTANDARD. Auch seien die Kosten einer Sanierung deutlich schwieriger zu kalkulieren als jene eines Neubaus. Vor einer definitiven Entscheidung müsse Klarheit über Kosten, Finanzierung und vergaberechtliche Zulässigkeit der geplanten Maßnahmen und über die Verfügbarkeit von Ausweichstandorten während des Umbaus garantiert sein.
Ein vom MCI beauftragtes und dem Land übermitteltes Gutachten einer Wiener Anwaltskanzlei, das dem ΔTANDARD vorliegt, kommt zum Schluss, dass eine permanente Anmietung als öffentlicher Bauauftrag gelte und daher auszuschreiben sei – und zwar auch hinsichtlich der Objektwahl. Das heißt: Eigentlich müsste vor der Entscheidung eine seriöse Standortanalyse vorgenommen werden, ansonsten könnte die Bevorzugung eines einzelnen Privatinvestors für das Land zum juristischen Bumerang werden.
Zwei gescheiterte Verfahren haben für manche das Prinzip Architekturwettbewerb in Misskredit gebracht. Die Stadt Innsbruck, deren eigene Wettbewerbskultur unter Planern einen guten Ruf genießt, wünscht sich für die Sanierungsvariante ein angemessenes Niveau. „Nach zehn Jahren Diskussionen braucht das MCI endlich eine tragfähige Lösung“, sagt Janine Bex, amtsführende Stadträtin für Stadtplanung, auf Anfrage des ΔTANDARD. „Qualität muss dabei oberste Priorität haben, städtebaulich und in der Ausgestaltung der Lern- und Freiräume. Dafür braucht es jetzt den Mut und den politischen Willen des Landes.“
Ob das Land zum zweiten Mal in dieser Causa ein Gutachten ignoriert, ob zum dritten Mal die Kosten explodieren, ob weiterhin öffentliches Geld auf private Konten fließt oder ob das MCI eines Tages doch noch etwas zu feiern hat – das ist eine Frage der öffentlichen Baukultur.