Im Zeichen der Speichen
Von der weltgrößten Radgarage in Utrecht über einen umfunktionierten Autotunnel in Zürich, vom Pariser Seine-Ufer zur Wiener Ringstraße: Immer mehr Städte bauen sich fürs Radfahren um.
Kleine Denkaufgabe: Stellen Sie sich eine Schnittmenge vor aus den gezeichneten Gewölbewelten Giovanni Battista Piranesis und einer Carrera-Bahn. Bissi schwierig? Dann sei ein Besuch im größten Fahrradparkhaus der Welt anzuraten, unter dem Vorplatz des Hauptbahnhofs von Utrecht. Dunkelrote Fahrspuren schrauben sich schwungvoll hinauf und hinab, auf drei Ebenen stapeln sich insgesamt 12.500 Fahrräder. Vom Bahnhofsvorplatz darüber fällt Tageslicht in große Lufträume, digitale Displays zeigen am Eingang und in jedem Abstellregal die freien Plätze an.
Seit 2019 ist die von Ector Hoogstad Architecten entworfene Zweirad-Unterwelt in Betrieb. Sie lösten damit nicht nur die Aufgabe, ein Radparkhaus so zu planen, dass man von jedem der 12.500 Stellplätze in maximal vier Minuten zum Bahnsteig von Utrecht Centraal gelangt, sondern auch einen Durchgangsradweg mitten durch das Parkhaus zu fädeln.
Die neue dreistöckige Fahrradgarage ergänzte das Radparkhaus auf der anderen Seite des Bahnhofs, das 2014 von Kraaijvanger Architecten geplant wurde und mit 4200 Stellplätzen auch schon nicht gerade klein war. Ebenfalls am Bahnhof vorbei führt die mit durchschnittlich 33.000 Radlern pro Tag meistbefahrene Radstrecke der Niederlande. Zum Vergleich: Auf der Wiener Ringstraße sind täglich rund 10.000 Radler unterwegs.
Glühende Dynamos
Utrecht bezeichnet sich nicht zu Unrecht als Welthauptstadt des Fahrrads, denn hier glühen die Dynamos noch heißer als anderswo in den ohnehin radaffinen Niederlanden. Jährlich wächst die Stadt um rund 5000 Einwohner, und der Radverkehr wächst jährlich um drei bis fünf Prozent mit. Laut Prognosen wird die Einwohnerzahl bis 2040 von 350.000 auf 450.000 steigen. Die bestens vernetzte Lage in der Landesmitte macht die Großstadt attraktiv. 70 Prozent der Arbeitenden kommen von außerhalb, die Hälfte der Utrechter pendeln aus.
Damit die Verkehrsinfrastruktur bei diesem Wachstum mithält, beschloss die Gemeinde den Mobilitätsplan 2040. Dieser prognostiziert 35 Prozent mehr Öffi- und 72 Prozent mehr Radfahrten und sieht eine Nicht-Zunahme des Autoverkehrs vor. Alle Wege unter 15 Kilometern gelten als potenzielle Raddistanzen. Ein feinmaschiges Netz soll die drohende Überlastung der Innenstadtkreuzungen verhindern, schon heute werden im Straßenraum und in der App freie Radstellplätze angezeigt. 2017 wurde die von Next Architects entworfene Dafne Schippersbrug über den Amsterdam-Rhein-Kanal eröffnet, die ausschließlich dem Fuß- und Radverkehr dient und das schnell gewachsene Stadtquartier Leidsche Rijn mit der Innenstadt verbindet.
„Vor rund 15 Jahren haben wir beschlossen, dem Rad den Vorzug vor dem Auto zu geben“, sagt Herbert Tiemens, Fahrrad-Verantwortlicher in Utrecht und Fahrrad-Botschafter der Niederlande. Flaniert man heute an einem Frühlingssamstag durch die Altstadt, fallen zwei Dinge auf. Erstens: Einzelhandel und Cafés in den Erdgeschossen florieren, Leerstand gibt es kaum. Zweitens: Autos sind quasi nicht existent, Fahrräder sind überall.
Das ist auch in den Niederlanden keine Selbstverständlichkeit, betont Tiemens. „Es war ein permanenter Kampf. In jeder Straße gab es dieselben Diskussionen mit Ladenbesitzern und Einwohnern um den Verlust von Parkplätzen. Aber wir konnten sie mit handfesten Daten davon überzeugen, dass die Kaufkraft eben nicht abnimmt, wenn die Autos aus dem Straßenraum verschwinden.“ Ganz autofeindlich will man auch gar nicht sein. Die neue Tiefgarage unter dem Kanal Catharijnesingel gleich neben der Fahrradgarage am Bahnhof bietet 2000 Stellplätze – die aber selten voll ausgelastet sind.
Gracht statt Asphalt
Der Catharijnesingel ist das wohl ikonischste Symbol der Verkehrswende in Utrecht. Der Kanal, Teil des mittelalterlichen Grachtengürtels, wurde 1969 zugeschüttet und in eine bis zu zehnspurige Stadtautobahn verwandelt. Der Protest der Bürger dagegen war lang, ausdauernd und letztendlich erfolgreich. 2002 ergab ein Referendum eine Mehrheit für die Renaturierung, die nach viel Planung auch tatsächlich erfolgte. Wo früher die autogerechte Stadt ihre zerstörerische Schneise zog, fließt heute wieder Wasser zwischen Bäumen, Wiesen, Fuß- und Radwegen, mit hervorragender Freiraumplanung vom Utrechter Landschaftsplanungsbüro Okra.
Dass neue Radinfrastruktur sich nicht in aufgemalten weißen Linien begnügen muss, sondern physischen Stadtumbau bedeuten kann, zeigen auch andere Städte. In Zürich sausen seit 2025 tausende Radfahrerinnen und Radfahrer täglich unter den Gleisen des Hauptbahnhofs durch einen Tunnel, der eigentlich für Autos vorgesehen war. Der Stadttunnel war eine Bauvorleistung des umstrittenen „Expressstraßen Ypsilon“-Projekts aus dem Jahr 1962, das ein Autobahndreieck mitten im Stadtzentrum vorsah.
Der 320 Meter lange Tunnel blieb ein Torso, passenderweise an idealer Stelle für eine Radverbindung. Die Baukosten von 46 Millionen Franken für die Adaptierung konnten um acht Millionen reduziert werden, nachdem das Auto-Ypsilon 2024 parlamentarisch endgültig aus der Straßenverordnung gestrichen wurde und die budgetierten Rückbaukosten entfielen.
In Paris ist es Bürgermeisterin Anne Hidalgo in ihrer zwölfjährigen Amtszeit gelungen, die große Verkehrswende und den ambitionierten „Plan Velo“ umzusetzen. Hunderte Kilometer Radwege, 300 autofreie Straßen vor Schulen, und als triumphale Wiedereroberung des öffentlichen Raumes die Entfernung der Schnellstraße am Seine-Ufer, wo sich heute Radelnde, Joggende, Flanierende und Posierende tummeln. Dies dürften sie auch weiterhin tun, denn Hidalgos Nachfolger Emmanuel Grégoire begab sich vor zwei Wochen demonstrativ auf dem Sattel eines Bikesharing-Rads zu seinem ersten Arbeitstag.
Und Wien? Hier hat man an der Argentinierstraße und Praterstraße – endlich – Umbauten getätigt, die mehr sind als Stückwerk, und mit der jetzt angekündigten Neuordnung der Fuß-Rad-Auto-Wirrnis an der Ringstraße wird auch hier das Radfahren Teil der Stadtsubstanz. Vielleicht eines Tages auch mit einer stolzen Radbrücke über den Fluss wie in Utrecht.