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14. Dezember 2024 Der Standard

Erst Grün, dann Grau

Der renommierte Schelling-Architekturpreis legt dieses Jahr erstmals den Fokus auf die Landschaftsarchitektur. Richtig so. Denn diese ist heute kein Lückenfüller für die Architektur mehr, sondern steht immer öfter an erster Stelle bei der Planung.

Zaha Hadid, Peter Zumthor, Kazuyo Sejima, Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal, Wang Shu und Lu Wengyu, Diébédo Francis Kéré: Sie alle haben zwei Dinge gemeinsam. Das erste: Sie gewannen den Pritzker-Preis, der als Nobelpreis für Architektur gilt. Das zweite: Allen von ihnen wurde Jahre vorher auch der Schelling-Preis für Architektur verliehen, der somit nicht zu Unrecht als Indiz für spätere Pritzker-Stars gilt, die sich mit singulären Bauten in die Architekturgeschichte einschreiben.

Ende November lud die Schelling-Architekturstiftung wieder zur Preisverleihung nach Karlsruhe, doch dieses Mal war alles anders. Denn die Jury hatte entschieden, heuer einmal nicht das gebaute Objekt zu honorieren, sondern das komplexe Dazwischen. Das Motto „Deep Transformations — Erde, Landschaft, Architektur“ legte den Fokus auf Landschaft, Natur, Klima und vernetzte Zusammenhänge.

Diese Würdigung des „ecological turn“ in Zeiten des Klimanotstands kommt zur rechten Zeit und spiegelt auch die zunehmende Aufmerksamkeit für die Landschaftsarchitektinnen und Freiraumplaner. Viel zu lange schien ihre Aufgabe, zumindest aus der hochnäsigen Perspektive vieler Architekten, das hübsche Auffüllen der Lücken zwischen den Bauwerken zu sein, und außerdem könne man das Gestalten von Freiräumen ja „irgendwie eh auch selbst“. Damit kommt man heute nicht mehr durch. Im Gegenteil. Manche stellen die berechtigte Frage, ob sich die Verhältnisse nicht überhaupt komplett umdrehen sollten und sich das Gebaute in ein lebendiges Netzwerk aus Baum, Busch, Wasser, Luftströmen, Klimadaten und Topografie einzuordnen habe.

Pferdehufe und Sprinkler

Wie solche grünen Konzepte die graue Stadt beeinflussen können, beweisen die drei für den Schelling-Preis Nominierten. Die Landschaftsarchitektin und Agronomin Teresa Galí-Izard und ihr Büro Architectura Agronomia aus Barcelona forscht in den katalanischen Bergen über Dinge wie die Interaktion von Gräsern und Pferdehufen und überträgt dieses landwirtschaftliche Wissen in die Stadt. Die Bepflanzung des Parque de Los Cuentos in Málaga entwickelte Galí-Izard beispielsweise aus dem Radius von Sprinklern heraus, an der ETH Zürich leitet sie den fast esoterisch benannten „Chair of Being Alive“.

Das Bureau Bas Smets aus Brüssel zeigt, dass wir den Klimanotstand mit seinen Regenfluten und Hitzewellen nicht mehr ignorieren dürfen, aber produktiv damit umgehen können. So ist Bas Smets am Anfang jedes Projekts mit dem Thermometer unterwegs, um Hitzeinseln in städtischen Asphaltwüsten aufzuspüren. Solche detaillierten „heat maps“ bildeten auch die Grundlage für seine Planung des Umfelds der vor einer Woche wiedereröffneten Kathedrale Notre-Dame.

Im südfranzösischen Arles ließ Bas Smets einen Park auf einem ehemaligen Industrieareal entstehen, dessen Fläche großteils mit Betonplatten belegt war. Um dieses leblose, vom Mistral durchfegte Areal zu transformieren, wurde als Erstes die topfebene Fläche zu einer Topografie umgeformt, in der sich quasi von selbst verschiedene mikroklimatische Zonen entwickelten. Heute sind hier 37 Vogelarten heimisch geworden.

Die Dritten im grünen Bunde, Erik-Jan Pleijster, Cees van der Weken und Peter Veenstra, tauften ihr Büro in Rotterdam LOLA Landscape Architects, eine Abkürzung von „Lost Landscapes“. Sie deuten die Stadt als verlorene und wiederzugewinnende Landschaft, in die sich das Gebaute einzufügen hat. Ihre Projekte umfassen kleine Dachlandschaften und große Deichprojekte in den Niederlanden sowie riesige Parkanlagen in China, wie den 128 Hektar großen Shenzhen Bay Park, dessen wogendes Grün von einem viereinhalb Kilometer langen roten Steg überschwebt wird.

LOLA wurde bei der Live-Jurierung in Karlsruhe der Preis verliehen, Bas Smets bekam den Publikumspreis, doch am preiswürdigsten war die Überzeugungskraft der Zeitenwende, die die Auswahl aller drei Planerteams symbolisierte. Einen Misston gab es dennoch zu vermelden. Für den Schelling-Architekturtheoriepreis, dessen Preisträger schon Monate vor der Zeremonie bestimmt wird, war James Bridle aus Großbritannien gewählt worden. Bridles Werk, insbesondere das Buch Ways of Being: Animals, Plants Machines – The Search for a Planetary Intelligence, verbindet Technologie, KI und Big Data mit der komplexen Intelligenz von Lebewesen. Über diese, so Bridle, wüssten wir noch viel zu wenig, und das sei durchaus ermutigend, weil es die Allmacht des Menschen über seine gebaute Umwelt infrage stelle.

Theorie und Praxis

Ein perfektes thematisches Ineinandergreifen von Theorie und Praxis also. Doch zwei Tage vor der Preisverleihung gab die Schelling-Stiftung bekannt, keinen Theoriepreis zu vergeben. Man war darauf aufmerksam gemacht worden, dass James Bridle unter den über 5500 Unterzeichnenden eines offenen Briefes war, der sich gegen die Zusammenarbeit mit israelischen Kultureinrichtungen aussprach, die sich „nicht gegen die Unterdrückung von Palästinensern positionieren“.

Man kann sich natürlich fragen, inwiefern ausgerechnet Kulturinstitutionen eines Landes verantwortlich sind für politisch-militärische Aktionen ihrer Regierung und wie die Position dieser Institutionen verifizierbar wäre. Die Entscheidung der Schelling-Stiftung und der Jury war zwar nachvollziehbar, aber auch Teil eines Klimas der quasi-rituellen und vorhersehbaren Distanzierungsperformances, die die deutsche Kulturlandschaft in den letzten Monaten geprägt haben. Das mündet nicht selten in eine sehr deutsche Beschäftigung mit sich selbst, die sich für die realen Geschehnisse in Palästina kaum zu interessieren scheint.

Die öffentlichen Reaktionen auf die Nichtvergabe des Preises an James Bridle waren so heftig wie erwartbar – auch Bridle selbst veröffentlichte ein Statement. Bas Smets und LOLA, nun auch in die undankbare Rolle gedrängt, sich zu positionieren, verlasen bei der Preisverleihung ein ausgewogen formuliertes gemeinsames Statement, in dem sie die Wichtigkeit des Dialogs betonten. Denn die Verantwortung für die gewachsene und gebaute Umwelt und das Überleben im Klimanotstand ist zu wichtig, um es aus den Augen zu verlieren.

9. November 2024 Der Standard

Der Elefant im Raum

Sie sind nicht schön. Sie sind überall. Niemand redet über sie: Gewerbegebiete. Auch Architektur und Städtebau haben sich bisher nicht für sie interessiert. Sollten sie aber. Denn hier gibt es viel zu tun.

Waren Sie schon mal spazieren im Industriezentrum Niederösterreich-Süd? Haben Sie schon mal einen Wochenendurlaub in der Klagenfurter Industrie- und Gewerbezone Ost gebucht oder einen schönen Restaurantabend im Gewerbepark Graz-Straßgang verbracht? Vermutlich nicht, und warum sollten Sie auch. In Gewerbegebiete geht man schließlich nicht, wenn man dort nichts Gewerbliches zu tun hat. Wir reden nicht über sie, und wenn wir an ihnen vorbeifahren, schauen wir nicht hin, und wenn wir hinschauen, denken wir uns nichts. Sie sind halt einfach da. Schön sind sie nicht, aber mein Gott, man braucht sie nun mal, zwengs der Wirtschaft warat’s. Und der Wirtschaft darf man nicht in die Quere kommen, deshalb lassen wir die Gewerbegebiete lieber in Ruhe.

Geringe Lebensdauer

Sie sind die großen Elefanten im Raum, unübersehbar und trotzdem ignoriert. Architektur und Städtebau beschäftigen sich praktisch nie mit ihnen. Aber warum eigentlich? Sie sind für Bodenversiegelung und Zersiedlung verantwortlich, sie kommen gerne im Doppelpack mit Umfahrungsstraßen und Kreisverkehren daher, die noch mehr Boden versiegeln, und die Lebensdauer ihrer Architektur ist gering. Viele Lagerhallen werden nach zehn Jahren schon wieder demoliert, weil der neue Eigentümer eben genau 6000 statt 5800 Quadratmeter Lagerfläche braucht.

Wie konnte es dazu kommen? Der Grund liegt im 20. Jahrhundert, in der 1933 von Le Corbusier und Co verabschiedeten Charta von Athen, die die strikte Funktionstrennung von Wohnung und Industrie vorsah. Nicht ohne Grund, damals war die Industrie tatsächlich schmutzig und ungesund. Heute ist sie das kaum noch, aber in der Raumordnung und den Baugesetzen lebt die Trennung fort.

Doch manche versuchen, hier neue Mischungen anzurühren. Die Stadt Wien beschloss 2017 das Fachkonzept Produktive Stadt, das mit dem Gewerblichen Mischgebiet eine neue Kategorie, die sogenannten rosa Zonen, einführte, in denen Wohnen und Arbeiten zusammenfinden sollen. International gelobt und allgemein als gute Idee begrüßt, wurde das Konzept seitdem jedoch kaum in konkreten Projekten umgesetzt. Vor allem, weil sich die Betriebssysteme Wohnbau und Gewerbe über Jahrzehnte auseinanderentwickelt haben und jede Mischung für die Bauträger ein finanzielles oder rechtliches Risiko darstellt.

Aber es gibt Stimmen in der Architektur, die sich Gedanken über neue Mischverhältnisse machen. Die Universität Darmstadt hatte 2019 in einer Studie erhoben, dass in Deutschland rund 400.000 zusätzliche Wohnungen allein auf innerstädtischen Flächen der zwanzig größten Lebensmittelmarkt- und Discounterketten entstehen könnten, ohne dabei Abstriche bei den Verkaufsflächen oder Parkmöglichkeiten zu machen.

Mistkübel der Nation

In Österreich beschäftigen sich Architekt Peter Lorenz und sein Büro Lorenz Ateliers seit Jahren mit der Frage, wie man den grauen Elefanten zivilisieren und wieder Teil der Stadt werden lassen kann. Denn der Status quo sei inakzeptabel, sagt er. „In Gewerbegebieten gibt es mit wenigen Ausnahmen keinen Städtebau, keine Architektur, keine Qualitäten, keine Planung, keine Effizienz, keine Arbeitsplatzqualität, kein Verkehrskonzept, keine Urbanität, keinen Klimaschutz, aber es gibt dafür Naturzerstörung, Verschwendung, Versiegelung, Kurzlebigkeit, Hässlichkeit, Beliebigkeit. Sie sind der Mistkübel der Nation.“

Neben dem Umdenken in der Klimakrise und dem Stopp der Bodenversiegelung gehe es hier auch um Schönheit, sagt Lorenz. „Wir müssen uns nicht einigen, was genau schön ist oder nicht, aber wir müssen uns damit auseinandersetzen. Sonst gewinnt eben die Hässlichkeit. Nicht nur Tirol hat heute den hässlichsten Zustand seiner Geschichte erreicht.“ In der Tat: Warum eigentlich akzeptieren wir die tagtägliche Tristesse aus Asphaltflächen, Lagerhallen und irgendwo dazwischen geklemmten Würstlständen für die ungemütliche Mittagspause, als sei sie ein Naturgesetz?

Für das 500.000 Quadratmeter große Gewerbegebiet Mühlau/Arzl in Innsbruck entwickelten Lorenz Ateliers ein detailliertes Konzept der Durchmischung, in dem bis zu 9000 Wohnungen Platz finden könnten. So ließen sich in Österreichs teuerster Stadt wieder leistbare Angebote schaffen. An Mischtechniken gibt es mehrere, eine davon haben Lorenz Ateliers bereits in Wien-Liesing umgesetzt, wo sie eine komplette Schule auf einen Supermarkt setzten. Nur ein Beispiel dafür, wie man die scheinbar unvereinbaren Puzzlestücke neu zusammensetzen kann.

Auch das Wiener Architekturbüro Smartvoll ist seit Jahren auf der Terra incognita der Gewerbeparks unterwegs. Mit der ehemaligen Panzerhalle und dem Handelszentrum 16 bei Salzburg haben sie alte Hallen an der Peripherie mit neuen Inhalten gefüllt, was erstaunlich gut funktioniert. „Gewerbegebiete sind sozusagen unterplante Orte, die einer Planung bedürfen“, sagt Smartvoll-Architekt Christian Kircher. „Die simplen Flächenwidmungen in Österreich stammen aus dem vorigen Jahrtausend, davon müssen wir wegkommen.“

Die Alternative: entweder eine Schichtenwidmung, bei der Gewerbe und Nichtgewerbe gestapelt werden, oder eine von Smartvoll vorgeschlagene „Zwiebelwidmung“, innen Gewerbe, außen Wohnen.

Ein genau solches Zwiebelprojekt erarbeiten Smartvoll derzeit für eine leerstehende 5000-Quadratmeter-Lagerhalle bei Salzburg, angrenzend an ein Einfamilienhausgebiet. Hier könnten mit relativ geringem Aufwand bis zu 40 Wohnungen entlang der Fassade eingefügt werden, die übrig bleibenden Quadratmeter in der Mitte werden für verschiedenste Nutzer portioniert, von der Tennishalle bis zum Handwerksbetrieb.

„Leerstehende Gewerbehallen finden selten jemanden, der exakt dieses Objekt mit exakt dieser Fläche braucht“, sagt Kircher. „Wenn man die Fläche jedoch filetiert, hat man sehr gute Chancen am Markt.“ Die Herstellungskosten seien etwa halb so teuer wie ein Neubau, auf den großen Dächern könnten Photovoltaik und Urban Gardening Platz finden, und die großen Asphaltflächen um die Halle können entsiegelt und begrünt werden.

Eine Lösung, die sich, so Kircher, vor allem für mittelgroße und große Städte eignet, in denen Wohn- und Gewerbegebiete ohnehin schon zusammengewachsen sind. Eine klimaschonende und wirtschaftlich vernünftige Beautyfarm für die Elefanten, und eine Zivilisierung der Terra incognita.

2. November 2024 Der Standard

Was, wenn was passiert!

Die Angst vor dem Worst Case beeinflusst immer mehr die Planung von Architektur und Stadt. Doch dieses „form follows fear“ und seine Haftungsfragen-Ästhetik sind nicht nur hässlich, sondern auch nutzlos gegen den größten Worst Case der Gegenwart.

Am Anfang der Mariahilfer Straße, acht Uhr früh. Eine Kolonne weißer Lieferwagen versucht sich im Aufwärts-Riesenslalom, wie jeden Morgen. Eine Kolonne von Rad- und Scooterfahrern schlängelt sich in Gegenrichtung an ihnen vorbei. Fußgängerinnen und Fußgänger quetschen sich an den Straßenrand oder kreuzen mutig das Gewühl. Sollte der Rohbau des Kaufhauses Lamarr wieder zum Leben erwachen, wird auch der Schwerlastverkehr in diesem Verkehrsballett auf engstem Raum mitmachen, das Tag für Tag mit haarscharfen Fast-Kollisionen aufwartet.

Dabei war das alles ganz anders geplant, nämlich ohne das, was den Riesenslalom verursacht: vier stählerne Poller, mit rot-weiß-rot reflektierender Markierung als österreichische Poller ausgewiesen, und in die Begegnungszonenfahrbahn hineingerückte Betonpflanztröge. Am anderen Ende der Begegnungszone, beim Westbahnhof, dasselbe Bild, derselbe Slalom. Schön sieht das nicht aus.

Tröge und Poller

Die Tröge und Poller stehen hier aus einem Grund: Angst. Sie wurden installiert, weil jemand die Wahrscheinlichkeit einer Terrorattacke mit Lastwagen kalkulierte. Nach den Anschlägen in Paris, Nizza, Barcelona, London, Manchester und Stockholm publizierte die EU 2017 einen Aktionsplan zum Schutz öffentlicher Räume. In Wien bildete sich eine Arbeitsgruppe aus Stadtbaudirektion und Landespolizeidirektion, die Rammangriffe per Lkw als „wesentliches Bedrohungselement“ identifizierte. Rathausplatz, Kärntner Straße und Mariahilfer Straße wurden verpollert, das Bundeskanzleramt am Ballhausplatz ebenso. Danach bestand dort offensichtlich immer noch Restgefahr, denn heute sind auch die Zwischenräume zwischen den Pollern mit mobilen Metallzäunen versperrt.

Auch private Initiativen mischen mit: In der Bognergasse im ersten Bezirk wuchert seit diesem Jahr diverses Kraut aus drei ovalen Betontrögen. Es wuchert wegen der Angst, denn die Tröge wurden installiert, damit sich die Gäste des Schwarzen Kameels und des Park Hyatt sicherer fühlen und wurden von deren Eigentümern finanziert. Die Stadt hatte keinen Einwand gegen die Installierung von Betonovalen im historischen Zentrum und keine Änderungswünsche bezüglich deren Gestaltung. Laut Magistratsabteilung 28 (Straßenverwaltung und Straßenbau) sind sie „Teil eines übergeordneten Sicherheitskonzepts für die Innere Stadt, das in Zusammenarbeit von Polizei, Stadt, privaten Unternehmen und auf Empfehlung des Rechnungshofs erstellt wurde“. So sehen sie auch aus.

Diese Ästhetik der Angst, entstanden aus einem Denken in Worst-Case-Szenarien, beeinflusst unsere gebaute Umwelt immer mehr, und mit den gebauten Ergebnissen und ihrer traurigen Botschaft muss die Bevölkerung Tag für Tag leben. Oft erscheinen sie in der Praxis hinderlicher und riskanter als die theoretische Gefahr, der sie ihre Existenz verdanken. Würde ein Terrorist, der in entschlossenem Furor einen Rammangriff plant, angesichts von vier Pollern wirklich enttäuscht umkehren und den Lkw wieder in die Garage stellen?

Verteidigung und Abwehr als Grundprinzipien der Stadtgestaltung sind nicht neu, schließlich verdankte auch das Wiener Glacis seine Existenz und seine räumliche Dimension dem kalkulierten Worst Case „Beschuss mit Kanone“. Heute ist es der Terror, der die Städte zum Hindernisparcours werden lässt, aber auch gegen die Vulnerablen der Gesellschaft werden Verteidigungsgeschütze einer „Hostile Architecture“ aufgefahren. Abschnittsweise portionierte Sitzbänke und dornenübersäte Oberflächen, deren wesentliches Designprinzip ist, das Darauf-Schlafen zu verhindern. Dass das schön ist, behaupten wohl nicht einmal jene, die das planen und genehmigen.

Im Jahr 2017 zeigte die Ausstellung Form folgt Paragraf im Architekturzentrum Wien die unsichtbaren Regelwerke hinter dem Aussehen der gebauten Umwelt, dabei spielte die Vollkaskomentalität eines Haftungsfragendesigns, das sich gegen Schadenersatzklagen absichern will und muss, eine zentrale Rolle. Die Ausstellung erfuhr zu Recht große Aufmerksamkeit, aber eine Trendumkehr ist seither nicht festzustellen, im Gegenteil. Neben „form follows law“ scheint auch „form follows fear“ heute fest im Alltag verankert zu sein.

Das bestätigt auch eine Rundfrage bei Architektinnen und Architekten im In- und Ausland. Eine unvollständige Liste im Schnelldurchlauf: Schallschutzverglasungen, die aus Schallschutzgründen nicht geöffnet werden dürfen und dadurch auch nicht lüften können. Einklemmschutzwülste an Türen in Kindergärten. Die aufwendigen Wartungsstege und -geländer auf Dächern. Die gefürchtete Objektsicherheitsprüfung bei Wohnbauten. Die Erdbebensicherheit. Unterschiedliche Behörden, die unterschiedliche Stiegenbreiten vorschreiben. Die Vorschrift, dass alle Wohnungen barrierefrei sein müssen, auch bei Umbauten. Straßenbäume in Neubaugebieten, deren Anzahl gegenüber der anfänglichen Planung halbiert wird, damit die Feuerwehr ihre Leitern aufstellen kann.

Für sich betrachtet hat jede dieser Aktionen ihre Logik, doch oft kollidieren dabei gute Absichten miteinander: Begrünung und Brandschutz, CO₂-sparender Erhalt von Bausubstanz und Barrierefreiheit. Und natürlich treibt all das die Kosten so in die Höhe, dass sie woanders eingespart werden müssen. Analog zum Sprichwort „Wenn Krieg ist, leiden die Kinder am meisten“ ließe sich hier sagen: „Wenn Sparzwang ist, leiden die Fassaden am meisten.“ Wer das nachprüfen will, dem sei ein Spaziergang durch das neueste Wiener Stadtentwicklungsgebiet in der Berresgasse mit seinen schmucklosen Vollwärmeschutzklumpen empfohlen. Dass diese Gesetze keine Naturgesetze sind, sondern aus der jeweils lokalen Planungskultur-Melange entstehen, sieht man im internationalen Vergleich, etwa bei den Wohnbauten in der Schweiz, die inklusive Balkon unmittelbar neben Bahngleisen stehen dürfen, ohne dass jemand bei einer Kesselexplosion stirbt.

Diese Abschottung gegen Gefahren erzeugt ein trügerisches Gefühl der Sicherheit, während wir an den Verteidigungslinien, an denen der schlimmste Worst Case der Menschheitsgeschichte bevorsteht, nämlich in der Klimakatastrophe, weitgehend ungerüstet und schutzlos sind. Gegen sommerliche Überhitzung, Hochwasser, Dürre, Ernteausfälle, steigende Meeresspiegel und globale Kipppunkte helfen keine Poller, keine Tröge und keine Zäune.

5. Oktober 2024 Der Standard

Die unsichtbare Revolution

Dekarbonisierung, weg vom Erdgas: Die Energiewende wird unsere Städte verändern. Aber wie? Das Wiener Festival Urbanize widmet sich in der kommenden Woche der Frage, wie Energie, Gerechtigkeit und Stadtplanung zusammengedacht werden können.

Das Erlebnis eines Spaziergangs durch eine europäische Großstadt am Ende des 19. Jahrhunderts werden wir wohl auch mit Künstlicher Intelligenz nie ganz simulieren können, doch die historischen Quellen belegen zuverlässig: Die industrielle Revolution war unübersehbar, unüberspürbar und unüberriechbar. Die Städte verrußten und verdieselten, nachdem die Menschheit herausgefunden hatte, dass man fossile Pflanzenreste aus der Erde holen und verbrennen konnte. Die Folgen dieser Energiewende bringen, wie wir heute wissen, Klima und Zivilisation an den Rand des Kollapses.

Mammutaufgabe

Die nächste, postfossile Energiewende dagegen ist eine weitgehend unsichtbare Revolution. Zwar mag man hier und da ein kleines Balkonkraftwerk erspähen, aber die Photovoltaik auf den Dächern und die Erdsonden unter dem Asphalt und die Rohre der Bauteilaktivierung in den Betondecken bleiben meist verborgen. Über die Mammutaufgabe der Dekarbonisierung bis zum Schlüsseljahr 2040 wird zwar gesprochen, sie zu begreifen ist weniger einfach.

Über die Energiewende reden, sie erleben und durch sie spazieren kann man kommende Woche in Wien beim Festival Urbanize. Als passende Festivalzentrale fungiert das „Village im Dritten“ in Wien-Landstraße, ein von der ARE Austrian Real Estate entwickelter Stadtteil mit 500 Erdwärmesonden, mit Photovoltaikanlagen und mit Anergienetzen.

Seit 2010 findet das von Elke Rauth und Christoph Laimer geleitete „Festival für urbane Erkundungen“ statt, den Machern der diskursfreudigen und nicht unbedingt unsperrigen Urbanismuszeitschrift Dérive, zeitgleich mit dem Festival erscheint eine Ausgabe zum Thema Energie. Festival und Zeitschrift fokussierten bisher auf Städtebau, Architektur, Soziologie und Politik, zu den bisherigen Titeln zählen Pandemie, Protest, Demokratische Räume und immer wieder die Wohnungsfrage. Haustechnik, Heizungsinstallationen und Wärmepumpen kamen bislang eher wenig vor. Warum jetzt?

Wärme und Strom seien öffentliche Infrastrukturen, die es zu sichern gelte, um allen ein gutes, menschenwürdiges Leben zu garantieren, heißt es im Heft. „Uns hat bei der Recherche überrascht, wie viele Lösungen für die Dekarbonisierung es schon gibt“, sagt Elke Rauth. „Man weiß eigentlich, wie es geht, aber die Frage ist, wie wir in die Gänge kommen.“ Sichtbar in die Gänge gekommen ist beispielsweise der „Superklimablock“ in der Simon-Denk-Gasse in Wien-Alsergrund. Hier wird seit April unter Federführung der Sozialbau AG ein grundstücksübergreifendes Nahwärmenetz realisiert, bei der Gelegenheit werden auch gleich Platz und Straße fußgängerfreundlich umgebaut.

Dass man in der dichtbebauten Gründerzeitstadt auf den Gehweg ausweichen muss, wenn es daran geht, Tiefenbohrungen für Erdsonden vorzunehmen, ist absehbar, und auch die Magistratsabteilungen sind darauf vorbereitet. „Das eröffnet aber auch Fragen nach der privaten Nutzung des öffentlichen Raums“, sagt Elke Rauth – und ist somit ein klassisches Urbanize-Thema.

Neue Nachbarschaften

Ebenfalls im Programm ist der Smart Block Geblergasse im 15. Gemeindebezirk, der Altbauten aus dem 19. Jahrhundert energetisch mittels eines Anergienetzes entfossilisierte und bereits mehrfach preisgekrönt wurde. Für Architekt Johannes Zeininger nicht nur eine technische Aufgabe, sondern auch der Weg zu einer neuen Art von Nachbarschaft. „Beim Erwerb einer Eigentumswohnung ist es oft ein schmerzlicher Prozess, die anderen Eigentümerinnen als Nachbarinnen zu begreifen, mit denen man nur gemeinsam das Haus weiterentwickeln kann. Das ist besonders spürbar beim Umstieg auf nachhaltige Energiequellen. Nach einer neoliberalen Phase des uneingeschränkten Egos müssen wir angesichts der Herausforderungen die Techniken praktikabler Nachbarschaft neu lernen.“

So kann die Tiefenbohrung zur Keimzelle der Solidarität werden, um die sich die Stadtbewohner scharen wie um ein wärmendes Lagerfeuer – nur eben ganz ohne CO₂. Über die Kopplung von Energieversorgung und Gerechtigkeit haben sich einige schon die Köpfe zerbrochen, etwa die erste regionale Wiener Energiegemeinschaft „Grätzl Energie“, die mit Photovoltaikanlagen Quartiere unabhängig von den Preisschwankungen am Strommarkt versorgen wollen.

Dabei kommen etablierte Rollen und Zuständigkeiten in Bewegung: Bauträger und Bürger werden Energieversorger, Investoren und Produzenten. „Sehr interessant sind Konzepte wie die von der Bewegung Attac entwickelte Energiedemokratie, die davon ausgeht, dass Strom und Wärme zur Grundversorgung gehören, und deren Modell eine sehr günstige Basisenergie mit höheren Preisen für hohe Verbräuche kombiniert“, sagt Elke Rauth.

Astrid Aretz, Gesellschafterin am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IöW) in Berlin, die beim Festival zum Thema „Energie? Demokratie!“ mitdiskutieren wird, forscht darüber, welche Möglichkeiten des Mitentscheidens neue Energiemodelle eröffnen – und wer dabei außen vor bleibt. „Der Wandel der Energieversorgung vollzieht sich schon seit vielen Jahren“, sagt sie. „Damit wurde zunächst eine vor allem finanzielle Teilhabe möglich, allerdings überwiegend für Eigenheimbesitzer. In Deutschland sind wir an dieser Stelle stehengeblieben, Österreich ist durch Modelle wie Energy-Sharing hier viel weiter.“

Die Lösung? „Ich würde mir eine Vielfalt an Beteiligungsmöglichkeiten wünschen mit besonderem Augenmerk auf die Mieterinnen. Mieterstrommodelle sind in Deutschland sehr kompliziert und wirtschaftlich unattraktiv, und die Mieterinnen haben auch keinen Anspruch darauf. Zudem können selbst geringe Anfangsinvestitionen für Menschen mit geringen Einkommen eine unüberwindbare Hürde darstellen.“

So abstrakt manche Aspekte der Energiewende sein mögen, bringt sie das Thema Klima doch schrittweise in den Wohnalltag und wird dadurch greifbar. „Die Frage des Energieverbrauchs hat das Potenzial, die Menschen näher zusammenrücken zu lassen, wirklich etwas zu bewegen, was das Klima und den Umgang mit Ressourcen betrifft“, so Elke Rauth. Und am besten beginnt man mit der gemeinsamen Bewegung durch die Stadt.

16. September 2024 Der Standard

Jedes Dorf ein Labor

Das Symposium Interventa in Hallstatt präsentiert regionale Baukultur von China über Pakistan bis ins Salzkammergut. Dabei geht die Wiederentdeckung des Handwerks Hand in Hand mit Technologie und Kultur.

Mit der Tradition ist es so eine Sache. Was als urig und echt verkauft wird, ist es oft nicht, und das Dirndl ist bekanntlich eine städtische Erfindung des späten 19. Jahrhunderts. Fährt man durch Österreichs Dörfer, merkt man, dass hier auch architektonisch einiges missverstanden wird. „Im Salzkammergut tragen die Leute authentische Tracht und würden nie einen Gamsbart aus Kunststoff in den Hut stecken, aber zu Hause bauen sie sich Plastikfenster ein“, sagt Friedrich Idam aus Hallstatt. Er kämpft als Sprecher der Bürgerliste Hallstatt gegen die Auswüchse des Übertourismus und ist als Experte für Baukultur die erste Adresse, wenn es um tatsächlich authentische regionale Konstruktionsmethoden geht.

Er entwickelte gemeinsam mit Günther Kain die Vermittlungsplattform Simple Smart Buildings und führte Workshops im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt 2024 Bad Ischl Salzkammergut durch, vom Lehmbau bis zum Holzbau. Zuletzt wurden gemeinsam mit dem Bundesdenkmalamt 150 Jahre alte Fenster in der Kaiservilla Bad Ischl befundet und erneuert. „Die waren noch in Top-Zustand, man musste nur die Oberflächen revitalisieren, ein Öl-Kasein-Anstrich bei den Fensterläden und eine Leinöl-Auffrischung bei den Fenstern“, erzählt Idam. Die Beteiligten waren vor allem Handwerker, die sich spezialisieren wollen, aber auch Leute aus der Verwaltung und Eigentümer von Privathäusern. Ein Indiz, dass sich der Markt vom Neubau in Richtung Sanierung bewegt.

Simple und Smart, das bedeutet, mit einfachen vor Ort verfügbaren Materialien zu bauen. „Smart ist ein Gebäude dann, wenn es ohne weiteres Zutun einfach lange und gut funktioniert“, so die Definition auf Idams Website. Fachwissen statt Sentimentalität, eine Abkehr von Industrieprodukten mit langen Transportwegen und schlechter CO₂-Bilanz und eine Zuwendung zum Handwerk, aber keine Flucht in eine vermeintlich heile Heimatfilm-Vergangenheit.

Zukunftstaugliche Lösungen

„In meiner Beschäftigung mit der Denkmalpflege ist mir früh bewusst geworden, welcher Wissensschatz in unserem baukulturellen Erbe steckt, der auch zukunftstaugliche Lösungen birgt“, sagt Idam. Dabei halten sich Wiederentdeckung und Forschung die Waage. „Es gibt Wissensdefizite in Richtung Vergangenheit, also Dinge, die wir nicht mehr wissen. Aber wenn man sich die komplexen bauphysikalischen Prozesse dieser Techniken anschaut, merkt man, dass es auch vieles gibt, das wir noch gar nicht wissen.“

Um ein Weiterdenken des Regionalen wird es auch kommende Woche beim viertägigen Symposium Interventa gehen, das im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms an der HTBLA Hallstatt stattfinden wird. Der oft verwendete und nie genau definierte Begriff Baukultur wird hier besonders weit gedehnt und in sechs Kapiteln zwischen den Punkten Architektur, Philosophie, Soziologie, Kunst und Gastronomie aufgespannt. „Baukultur umschreibt, wie sich in Architektur und Landschaft die Art manifestiert, in der wir leben und kommunizieren“, sagt die Kulturwissenschafterin Sabine Kienzer, eine der beiden Interventa-Kuratorinnen. „Es soll keine Fachveranstaltung für Raumplaner sein, sondern offen für alle, die sich mit der Zukunft des ländlichen Raums auseinandersetzen“, sagt Co-Kuratorin Marie-Therese Harnoncourt-Fuchs, die als Architektin mit Ernst Fuchs in Wien das Büro the Next Enterprise führt.

Die Teilnehmerliste versammelt einige große Namen der internationalen Regionalität. Da wäre die chinesische Architektin Xu Tiantian, die in der Region Songyang mit vielen Akupunkturen wie einer kleinen Tofufabrik in den Bergen das Aussterben der Dörfer ausbremste und dem Dorfleben ebenso einen Energieschub verlieh wie dem Tourismus. Die 83-jährige Yasmeen Lari aus Pakistan, voriges Jahr mit einer großen Werkschau im Architekturzentrum Wien geehrt, gibt mit ihren einfachen Bausystemen aus Lehm und Bambus den Laien ein Werkzeug zum Selbermachen an die Hand.

Ressourcenschonung

Anna Heringer wiederum brachte ihre eigenen Lehm- und Bambus-Erfahrungen aus Bangladesch in ihre Heimat Bayern zurück und fusionierte sie mit dortigen Baumethoden. In all diesen Fällen geht es mehr um Ressourcenschonung und Dauerhaftigkeit als um das Herstellen eines vertrauten Bildes. Gleichwohl können Häuser aus ortstypischen Materialien bei der Selbstfindung einer Region helfen. „Gerade in Tourismusregionen, die mit Abwanderungstendenzen zu kämpfen haben, ist es wichtig, dass die Menschen realisieren, dass sie die Zukunft selbst in der Hand haben“, sagt Harnoncourt-Fuchs.

Heidi Pretterhofer und Michael Rieper, die gemeinsam die 2023 eingerichtete Professur für Baukultur an der Kunstuniversität Linz innehaben, werden auch in Hallstatt auftreten. Sie beschäftigen sich mit dem von der Architekturwelt lange vernachlässigten Ländlichen. Regionale Baukultur als Hochschulthema: Eines von vielen Zeichen, dass der Bewusstseinswandel, den die Interventa anstoßen will, schon längst begonnen hat und nur noch einer Beschleunigung bedarf.

Dass das Symposium an der Hallstätter HTBLA stattfindet, ist kein Zufall, denn hier kommen Handwerk und Technologie zusammen. Das Ergebnis dieser Fusion, so Harnoncourt-Fuchs, schaue dann auch anders aus als das Gewohnte. „Ästhetik und Gestaltung sind wichtig im Hinblick auf das Bild der regionalen Identität. Hier gilt es, mutig zu sein.“

Countryside, The Future betitelte Rem Koolhaas 2020 seine Ausstellung im New Yorker MoMA, und in Österreich beweisen Akteure wie Landluft mit ihrem Baukultur-Gemeindepreis, dass Innovation nicht nur in städtischen Latte-Macchiato-Thinktanks passiert, sondern auch zwischen Berg, See und Almwiese: Dörfer nicht als Freilichtmuseum, sondern als Labore der Veränderung. „Der Begriff der Transformation ist für uns ganz zentral“, sagt Sabine Kienzer. „Auch Sprache und Kommunikation können diese Transformation vermitteln und befördern.“ Ganz konsequent, dass am Schluss der Interventa ein doppeltes Resümee stehen wird: eines von der Schriftstellerin Andrea Grill und ein zweites von einer KI.

26. August 2024 Der Standard

Punks mit Gipskarton

Berner Metamorphosen: Ein Lagerhaus und ein Bürohaus verwandelten sich in ungewöhnliche Wohnbauten. Zwei Beispiele dafür, wie eine Kultur des Erhaltens und Umbauens zu ganz neuen Ideen führt und Räume mit eigener Ästhetik erzeugt. Ein Besuch bei BHSF Architekten in der Schweiz.

Die Stahlbetonstütze ist von Aufklebern übersät: Eat the Rich, Klimademo Bern, Alpakas gegen Nazis. An der Wand daneben ein Wegweiser durch das Haus: im Erdgeschoss die Politische Bibliothek und ein Restaurant ohne Konsumzwang. Hohe Hallen mit bunten Hängelampen, freundlich grüßende junge Menschen, auf der Restaurantterrasse klappern Laptoptastaturen und Kaffeetassen, Kinder wuseln umeinander. Mit dem Lift nach oben auf die Dachterrasse: Über die liebevoll gepflegten Wildkräuter hinweg geht der Blick auf die Gipfel des Berner Oberlands.

In 350 Wohnungen auf zwölf Geschossen lebt hier am westlichen Stadtrand der Schweizer Bundeshauptstadt die Genossenschaft Warmbächli, und vor lauter Idylle kann man sich kaum vorstellen, dass sich hier noch vor wenigen Jahren eine Müllverbrennungsanlage und das Kakaobohnenlager eines Schokoladenherstellers befand, der wohl unwohnlichste Ort der Stadt. Und doch stecken 80 Prozent von dessen industrieller Stahlbetonsubstanz im Wohnbau, der in etwa dasselbe Volumen einnimmt. Das ergibt nicht nur Mehrwert im Charakter, sondern auch in Form von 4,50 Meter hohen Räumen und Sieben-Zimmer-Wohnungen, die man sich in einem Neubau nie ausdenken könnte. Zusammen mit den benachbarten, etwas weniger wilden Wohnbauten ergibt das ein Stadtquartier, das sicher weniger vital wäre, wenn man hier Tabula rasa gemacht hätte.

„Unser Haus ist in diesem Ensemble so etwas wie der Punk, der für die Atmosphäre sorgt“, sagt Axel Humpert von BHSF Architekten aus Zürich, die nicht nur für den Umbau des „Warmbächli“ verantwortlich waren, sondern auch für den Masterplan, der den größtmöglichen Erhalt des Bestandes vorsah. Die sozial engagierte Genossenschaft mit Wurzeln in der linken Berner Szene erwies sich als erwartbar experimentierfreudiger Bauherr.

Keine Hochglanzarchitektur

Das Ziel „Umbauen statt neu bauen“ ist aus Klimaschutzgründen heute ins Zentrum der Architektur gerückt, und die Schweiz gilt als Vorreiter dieser Wiederverwertungskultur. BHSF verlegten sich bereits nach der Bürogründung 2007 auf kleine Sanierungen alltäglicher Häuser – das, was sonst niemand machen wollte, sagt Humpert. „Wir haben dabei gelernt, unter welchem Druck die Bauindustrie steht, und soziologisches Wissen durch den Kontakt mit den Bewohnern gesammelt, deren Wohnungen wir sanierten.“ Akzeptiert man den Umbau als Normalität, führt das naturgemäß zu einer völlig anderen Ästhetik, einer Art Baustellen-Bricolage von Alt und Neu.

Die jüngste dieser Metamorphosen vom Unwohnlichen ins Wohnliche wurde Anfang 2024 in Köniz bei Bern bezogen, und ihre Bauherrenschaft könnte nicht weiter entfernt von der progressiven Wildheit des Warmbächli sein. Die AXA Investment Managers Schweiz AG, Teil der AXA Group, verfügte hier über zwei solide Bürohäuser, die erst 2006 fertiggestellt wurden, aber nach wenig mehr als zehn Jahren schon wieder leerstanden. Der Abriss eines kaum volljährigen Gebäudes wäre hier nicht vertretbar gewesen.

Von außen ist die Metamorphose scheinbar oberflächlich: statt nüchtern-einheitlicher Farblosigkeit zwei Häuser in Rosa und Grün, auf dem Dach in lieblicher Schreibschrift die Namen Lise und Lotte. Geschwungene Balkone wurden an die Fassaden geschraubt, die Fenster bekamen kecke kleine Pflanzkästen. So lässt sich auch ein ungewöhnliches Haus an eine Zielgruppe vermarkten, die sich auch für die „Business Hubs“ im Erdgeschoss interessiert.

Aufregende Nahtstellen

Im Inneren werden die Nahtstellen der Metamorphose aufregender und überraschender. „Die für den Bürobau typischen durchgehenden Fensterbänder verleihen den Wohnräumen eine helle Horizontalität“, sagt Axel Humpert. Das selbstgestellte Ziel, so viel wie möglich zu erhalten, ging bis in die Sanitärkeramik. Die WC-Schüsseln wurden gesichert, gereinigt, sauber aufgereiht. In einem Drittel der 80 Wohnungen fand die Weißware ein neu-altes Zuhause. „Es hat für uns mit ganz normalem Menschenverstand zu tun, dass man etwas, das nicht kaputt ist, nicht wegwirft“, sagt der Architekt.

Die neuen Gipskartonplatten für die Trennwände, um die man aus Kostengründen nicht herumkam, ließen die Architekten unverputzt; ein veredelnder Streifen Farbe im unteren Bereich verhinderte, dass die Bauherren nervös um den Wiederverkaufswert ihrer Immobilie bangen mussten. Eine schweizerische Art von Unfertigkeit, bei der auch das Unsaubere sauber aussieht. Mehr noch: Die Briefkästen wurden von BHSF als Gebrauchtware aus verschiedenen Quellen online ersteigert und schmücken nun die Fassade wie eine pragmatische Kunstinstallation – mit der rechtlichen Konsequenz, dass die Architekten die Gewährleistung übernehmen mussten.

So unterschiedlich die beiden Berner Metamorphosen sind, sprechen sie doch von derselben Haltung: einer, die das Bestehende per se als interessant und wertvoll ansieht, auch wenn es nicht den Sanktus des Denkmalschutzes hat. Einer, die in diesem Bestand eine Fülle von Möglichkeiten sieht. Und gewohnt werden kann plötzlich fast überall.

„Der Umbau ist für uns ein Innovationskatalysator“, sagt Humpert. „Er zwingt dazu, eingeübte Konventionen zu hinterfragen, auch unsere eigenen als Architekten.“ Und man müsse das (um)gebaute Ergebnis anders bewerten, nämlich immer in Bezug auf die Rahmenbedingungen und das, was man mit ihnen erreichen könne. Das heißt auch, dass viele Qualitäten nicht fotogen auf den ersten Blick sichtbar sind, sondern gespeichert in sich überlagernden Schichten, die ihre Geschichten erzählen.

10. August 2024 Der Standard

Match um die Halle

Die Neue Mittelschule Weiz von Architekt Viktor Hufnagl gehört zu den wichtigsten Schulbauten Österreichs und steht unter Denkmalschutz. Nach 56 Jahren steht die dringende Sanierung an. Die Gemeinde will die Schule durch einen Neubau ersetzen. Die Fachwelt protestiert.

Es handle sich hier um „ein Schulgebäude, welches in der Art seiner Ausführung zunächst ungewöhnlich scheinen mag“, räumte Willibald Krenn ein, Bürgermeister von Weiz. Doch sei der Bau „vorausschauend mit allen baulichen Voraussetzungen für den zukünftigen Unterricht ausgestattet“. Es war eine kleine Revolution des Schulbaus, die sich 1968 in der steirischen Kleinstadt zutrug. Die neue Mittelschule war eine Absage an den autoritären „Kasernentyp“ der Gangschule des 19. Jahrhunderts, stattdessen eine dreigeschoßige Halle mit großen Oberlichten, um die sich die Klassenräume im Quadrat gruppierten.

Ein Bau voller Kontraste: schwerer Sichtbeton und luftiges Inneres, strenges Quadratraster und eine barock anmutende Prunkstiege. Dazu eine gute Dosis Wagemut in der Statik, mit wenigen Stützen und breiten Auskragungen. Den progressiven pädagogischen Geist der Sechziger, von Architekt Viktor Hufnagl in räumliche Form gegossen.

Große Wertschätzung

Es folgte reichlich Wertschätzung für die radikale Schule: Schon im Eröffnungsjahr bekamen der Bürgermeister den Bauherrenpreis der Zentralvereinigung der Architekten und der Schulwart den Preis für den besten Blumenschmuck des Landes Steiermark. Friedrich Achleitner lobte den Bau, 2020 folgte die GerambRose in der Kategorie „Klassiker“, 2022 war die Schule wichtiger Bestandteil der Ausstellung Geometrien des Lebens im fjk3 in Wien und im aut in Innsbruck. „In seinem Entwurf für die Weiz brachte Hufnagl seine tiefgehenden Kenntnisse der internationalen Bestrebungen im Schulbau, die Aufenthaltsqualitäten von Erschließungsräumen, Versammlungsräumen und Unterrichtsräumen zu verbessern“, so Elise Feiersinger, die mit Gabriele Kaiser die Ausstellung kuratierte. „Es ist ein Schlüsselwerk des österreichischen Schulbaus.“

Eines, das heute unter Denkmalschutz steht. Aber auch eines, das – für ein 56 Jahre altes Gebäude nicht unüblich – einer dringenden Renovierung bedarf. Dach und Fenster sind undicht, die heutigen Anforderungen an Wärme-, Schall- und Brandschutz verlangen nach Lösungen. Wie damit umzugehen ist, wird in Weiz seit Jahren diskutiert. Jetzt hat sich die Lage verschärft, denn im Juni beschloss der Gemeinderat einen Antrag auf Aufhebung des Denkmalschutzes. Die Schule soll weg und durch einen Neubau direkt daneben ersetzt werden. In einem offenen Brief plädierten die Architekturinstitutionen docomomo Austria, Bauten in Not und ÖGFA für den Erhalt, im Juli folgte ein ebensolcher Brief der gesammelten Professorenschaft der TU Graz.

Ingo Reisinger (SPÖ), seit Mai Bürgermeister von Weiz, verstehe die Sicht der Architektenschaft, sagt er zum ΔTANDARD. „Aber die Lebensrealität zeigt, dass das Gebäude nicht mehr die Anforderungen einer zeitgemäßen Schule erfüllt. Als Bürgermeister kann ich nicht emotional agieren, sondern muss die bestmögliche Ausbildungsstätte für Schüler und Lehrpersonal garantieren. Ich verwalte öffentliches Geld und agiere dabei nach den Prinzipien Sparsamkeit, Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit. Wenn also das Gutachten eines profunden Sachverständigen besagt, dass eine Sanierung deutlich teurer ist als ein Neubau, habe ich mich dementsprechend zu entscheiden.“

Zweites Gutachten

Besagtes Gutachten des Büros Seiser + Seiser aus Graz kommt zum Ergebnis, dass eine Sanierung rund 50 bis 60 Millionen Euro, ein Neubau dagegen rund 30 Millionen Euro kosten würde. Klingt deutlich, allerdings gibt es eine zweite Studie, die Gangoly & Kristiner Architekten 2022 für die Stadt Weiz in Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt und der Bildungsdirektion Steiermark erstellten, die zu einem ganz anderen Ergebnis kommt. Statik und Brandschutz wären lösbar, für die Sanierung von Sichtbeton gebe es heute reichlich Expertise, die dünnen Fenster ließen sich aufdoppeln.

„Die Schule wäre nach der Sanierung auf einem zeitgemäßen technischen Standard und entspricht den pädagogischen Anforderungen“, sagt Hans Gangoly, Professor an der TU Graz. Zwar sei die Sanierung laut der von seinem Büro erstellten Studie etwa elf Prozent teurer als ein Neubau. Allerdings seien bei den Neubaukosten jene für Grundstück, Aufschließung und Abbruch nicht berücksichtigt.

Die Frage, wie man mit der Architektur der 1960er- und 1970er-Jahre, die jetzt ins renovierungsbedürftige Alter kommt, umgeht, wird nicht nur in Weiz diskutiert. Besonders, wenn eine Sichtbetonoptik dazukommt, wird gerne mit wuchtigen Worten wie „Schandfleck“ argumentiert. So wehrte sich die Gemeinde Neusiedl am See mit Händen und Füßen gegen die Unterschutzstellung des dortigen Hallenbads von 1977, einem bestens erhaltenen Beispiel des Burgenland-Brutalismus. Auf der anderen Seite stehen beispielhafte Sanierungen wie jene der Pädagogischen Hochschule Salzburg von riccione Architekten, die deren betonierte Sachlichkeit liebevoll in die Gegenwart transferierte und mehrfach preisgekrönt wurde. Nicht zuletzt wurde eine andere Hallenschule von Viktor Hufnagl, die 1973 eröffnete Modellschule in Wörgl, bereits 2003 saniert. Es geht also – wenn man will.

Vielleicht hilft auch der Blick auf den Zwillingsbau der Weizer Mittelschule, das bereits sanierte Gymnasium, suggeriert Eva Kuß, Architektin in Graz und Expertin für Nachkriegsarchitektur. „Hier hat sich die große Halle bis heute als Treffpunkt und Ort für Schulaktivitäten bewährt. Räume von solcher Großzügigkeit würde man heute in einem Neubau wohl kaum realisiert bekommen.“

Der Spielball im Match zwischen Erhalt und Abriss liegt derzeit beim Bundesdenkmalamt. Eine Aufhebung des Denkmalschutzes und ein Abriss dieses Architekturmeilensteins wäre ein fatales Ergebnis. Ein besseres, das sich an die Wertschätzung der Anfangsjahre erinnert, wäre in solchen Fällen zweifellos möglich – wenn man die Gemeinden mit der Sanierung und den Kosten nicht alleinlässt. Denn Schulbau und Bildung sind eine gesamtgesellschaftliche Verpflichtung, die von der Baukultur nicht zu trennen ist.

27. Juli 2024 mit Wojciech Czaja
Der Standard

Anatomie des Schnackselns

Am 28. Juli ist Internationaler Sex-Tag. Wir haben sechs Leute aus unterschiedlichen Berufen und Lebensbereichen gefragt: Was macht einen sinnlichen, erotischen, sexuellen Raum aus?

Stephan Ferenczy
Architekt, BEHF

Wo und wie Sex innerhalb der Architektur Platz findet, entzieht sich unserer Kontrolle. Dass er innerhalb von geplanten und gebauten Räumen geschieht, ist allen Betroffenen bewusst. Und Sex findet überall statt, sofern unsere Scham und unsere Gesetze es zulassen. Küchentische, Besenkammern und Flugzeugtoiletten wissen das. Was präzisiert der Neufert oder die kleine ergonomische Datensammlung des TÜV dazu? Leider nichts. Wenn Sex Gegenstand einer Bauaufgabe ist, was äußerst selten ausgedrückt wird, sollte er mit einem gewissen Ernst thematisiert werden. BEHF hat die Boutique Bizarre auf der Reeperbahn in Hamburg und den Fetisch-Shop Tiberius in Wien realisiert – appetitliche, erfolgreich funktionierende Sex-Retailer. Die Frage ist: Haben wir Architektinnen und Architekten unsere Projekte anders betreut und gelöst, weil wir (ständig) an Sex gedacht haben? Sicher jedenfalls ist, dass die neuen ÖBB-Schlafwagen von Robotern entworfen wurden.

Sabine Pollak
Architektin, Autorin, Professorin an der Kunstuniversität Linz

Der Wohnbau ist die am stärksten reglementierte Architekturtypologie nach dem Gefängnis. Körperliches Begehren kommt dabei nicht vor, denn die Moderne hat alles wegrationalisiert. Le Corbusier schrieb das Emotionale den Frauen zu, das Rationale den Männern. Alle Körperlichkeit wurde dadurch aus dem modernen Wohnbau ausgegrenzt. Das Bett im Corbusier-Haus in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung ist das wohl unsexyste Bett der Architekturgeschichte: hart, spröde und schmal. Auch der heutige Wohnbau ist komplett durchreguliert. Es gibt nichts Schlimmeres als das Normschlafzimmer: Doppelbett, Schrankwand, zwei Nachtkastln. Hinzu kommt noch die Selbstüberwachung mit Smart Watches, die unsere Körperfunktionen bewerten. Mit Freiheit hat das nichts zu tun, sondern mit Ängsten und Maßregelungen, die uns in unseren Wohnungen gefangen halten. Ich hoffe, dass sich die jüngeren Generationen davon befreien und eine andere Haltung zum Thema entwickeln.

Lukas de Berlin
Veranstalter von queeren und transfreundlichen Sexpartys in Berlin, BEHF

Was braucht es, damit ein Sex-Space funktioniert? Es braucht schlicht die Erlaubnis zu begehren. Außerdem braucht es Komfort, Hygiene, die richtige Temperatur, das richtige Licht (oder auch gar kein Licht) und die Möglichkeit, sich an einem Getränk anzuhalten. Auch ich als queerer, transmaskuliner Veranstalter bin jedes Mal neu aufgeregt, frage mich, was ich gerne ausprobieren würde, und dann füllen wir den großen Darkroom und die verwinkelten, mit Vorhängen verhüllten Separees mit lautem Stöhnen und machen unsere Laken feucht und dreckig. Vor allem die Trans-Community, für die es – im Gegensatz zu schwulem Sex und phallozentrischen, patriarchal dominierten Narrativen – meist keine öffentlichen Sexräume in der Stadt gibt, ist herausgefordert, ihre ganz eigenen sexuellen Wege zu suchen und zu finden. Das steht auch nicht in der Bravo. Mein Ziel? Spielen, experimentieren und Dummheiten machen. Denn: Es menschelt beim Schnackseln!

Tanja Wehsely
Geschäftsführerin Volkshilfe Wien

Sexualität und Intimität gehören zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Auch die WHO erkennt das Recht auf sexuelle Gesundheit an. Dabei geht es um mehr als bloß um den „Akt“, es geht um Nähe und Zusammensein. Als armutsgefährdete, wohnungslose oder pflegebedürftige Frau jedoch wird einem dieses Recht oft nicht zugestanden. Auch alleinerziehende Frauen werden von vielen nur als Mutter gesehen, obwohl auch sie Bedürfnisse haben. Da heißt es: Man soll doch dankbar für das Dach über den Kopf sein, mehr hat man nicht zu wollen. Unsere Gesellschaft ist zwar übersexualisiert, aber wenn es um alte, pflegebedürftige, marginalisierte Gruppen geht, schaut man lieber weg. Wir als Volkshilfe Wien wollen Menschen nicht nur versorgen, sondern empowern. Im Frauenwohnprojekt Hafen*, im Notquartier Nordlicht und in den Häusern für ehemals Wohnungslose sind individuelle Rückzugsräume ganz elementar, und unsere Beratungsstelle „Sophie“ bietet Fortbildung bei Sexualbegleitung an.

Bart Lootsma
Architekturtheoretiker

Begehren ist eines der schönsten Gefühle, aber es verunsichert uns auch, weil wir uns anfangs nie sicher sind, ob die andere Person das Gleiche empfindet. Die Architektur bildet dafür den Hintergrund, den Rahmen fürs Sehen und Gesehenwerden. Einige der interessantesten Studien über Räume des Begehrens stammen aus der Forschung zu Queer Spaces. Jan Kapsenberg schrieb in Erotische Manöver über den Spartacus Gay Guide, der mit Piktogrammen zeigt, wo Schwule ihre Interessen ausleben können. Meistens sind diese Orte architektonisch unauffällig versteckt im ausgedehnten urbanen Gewebe. Kapsenberg entwickelte aus den Piktogrammen eine Entwurfsmethode, die aus einem neutralen Raum einen Raum für Schwule macht. Blicklinien für den Augenkontakt, kleine Tische, damit die Knie sich berühren können, Duschen mit Bänken, von denen man den anderen zuschauen kann, im hinteren Teil dunklere Rückzugsräume und ganz hinten die finsteren Darkrooms. Eine Gay-Software.

Elke Silvia Krystufek
Künstlerin

Man kann Räume mit Farbe berühren. Sexualität behandelt immer auch Grenzen und deren Überschreiten. Auf der Biennale 2009 in Venedig bin ich mit der Farbe über die Tafelbilder bewusst hinausgefahren, direkt auf die Pavillonwände. Außen am Pavillon habe ich die Länderbezeichnung „Austria“ durch das Wort „Tabu“ in blauer Schrift ersetzt. Im Kunstraum Innsbruck habe ich 2004 als Eröffnungsperformance eine Penisform aus einem eigens angefertigten Pantonsessel herausgesägt, und für das Mak habe ich 2006 einen Penis-Stahlrohrtisch entworfen. In meinen sexuellen Kunstinstallationen mag ich unaufgeräumte Räume, oft mit Schaufensterpuppen, Gebrauchsspuren, tropfenden Farben, flüssigkeitsdurchtränkten Stoffen und ausdrucksstarken Mündern und Augen. Nachts träume ich vom Stadtraum, nackt bei der Donauinsel schwimmend, ohne Kontaktlinsen, auf die glitzernde Skyline von Wien blickend, während die Lichter durch die Unschärfe wie Blumen aussehen.

13. Juli 2024 Der Standard

Euphorie im Baumhaus

Das neue Kinderkunstlabor in Sankt Pölten ist das erste seiner Art und begegnet seiner jungen Zielgruppe auf Augenhöhe. Das tut auch die Architektur des Hauses, die mit einem Füllhorn an Raumideen und robuster Feinheit zum aktiven Entdecken einlädt.

Nicht nur Wien, auch Sankt Pölten verfügt über eine Ringstraße, und auch sie ist gesäumt von großen Einzelbauten. Weniger glamourös als Staatsoper und Burgtheater, aber ebenso wichtige Gesellschaftsbausteine: Schule, Amtshaus, Versicherungszentrale. In der Regel lässt sich von außen die Funktion auf den ersten Blick erkennen.

Nicht so beim jüngsten Neuzugang. Eine Art niedriger Turm, gehüllt in Holzlamellen, hinter denen Fensterflächen dunkle Diagonalen zeichnen. Der Eingang ein Trichter aus Sichtbeton, gestaffelt wie das Stufenportal einer Kathedrale. Also eine Kirche? Wobei, die Holzfassade sieht eher nach einem Forschungszentrum aus. Aber wozu dann die riesige Loggia im zweiten Stock mit Blick auf den Park und seinen alten Baumbestand? Ein Beobachtungsposten für Eichhörnchenfans? Oder doch ein Museum? Aber was für eines?

Es ist ein bisschen von all dem, aber es ist auch etwas ganz anderes. Denn das Haus in Sankt Pölten gehört zu einem Typus, den es bisher nicht gab: Es ist ein – nein, es ist das Kinderkunstlabor. Dessen Idee ist es, junge Menschen an die bildende Kunst heranzuführen, systematisch und professionell, ernsthaft und spielerisch, und vor allem auf Augenhöhe. Die Kinder wählen selbst die Künstlerinnen und Künstler aus, die hier ausstellen, und in den Labors im selben Haus setzen sie ihre eigenen kreativen Ideen um.

Die Idee entstand, als sich Sankt Pölten als Kulturhauptstadt Europas 2024 bewarb. Das wurde dann letztendlich das Salzkammergut, doch man verzichtete aufs Beleidigtsein und führte die schon begonnenen Ideen einfach weiter: Neben dem Festival Tangente war dies das Kinderkunstlabor. Eine kluge Entscheidung, ebenso wie jene für den Standort, eine wichtige Wegmarke zwischen Altstadt und Kulturbezirk.

Beglückende Erfahrung

Den ausgelobten Architekturwettbewerb gewann das Wiener Büro Schenker Salvi Weber, und das, wie Michael Salvi erzählt, mit großer Freude. Denn wann hat man als Architekt schon Gelegenheit, einen Gebäudetyp zu entwerfen, für den es kein Vorbild, keinen Normenkatalog, kein Handbuch gibt? Hilfestellung kam vom Kinderbeirat, der den Entwurfsprozess fachlich begleitete, für die Architekten eine beglückende Erfahrung, sagt Salvi. „Wir wollten nicht didaktisch, sondern mit Freude an die Sache herangehen und die Ideen der Kinder ernst nehmen. Denn wenn Architektur den Kindern gegenüber wertschätzend ist, ist sie es auch für Erwachsene.“ Das spürt man vor Ort, von außen wie von innen. Hier ist nichts verniedlichend, nichts kindisch, nichts Rot-Gelb-Blau. Es ist ein Haus, das auf eine kantige Art behaglich ist und auf eine elegante Art robust. Kristallin in der Form, aber warm und berührbar im Material. Ein organischer, freundlicher Monolith. Die turmähnliche Form ergab sich daraus, dass die Architekten so viel wie möglich vom Park erhalten und diesem einen räumlichen Halt am Rand geben wollten.

Als Form wählten sie ein gleichseitiges Dreieck mit stumpfen Ecken, an allen drei Seiten knickt die Fassade leicht nach innen. Da der Weg durchs Haus an der Fassade entlangführt, ergibt sich so eine Sogwirkung im Bewegungsablauf, ein Kontinuum an einladenden Gesten und belohnenden Blickrichtungen, Futter für unstillbare Neugier. Es sollten, sagt Michael Salvi, euphorische, feierliche Räume werden. Das mag etwas sakral klingen, bedeutet aber einfach, dem Kind nicht eine Schrumpfversion der Welt anzubieten, sondern im Gegenteil besonders große Türen in diese zu öffnen.

Selbstbewusste Stütze

Dabei fängt es zunächst ganz ruhig an, in einem breiten, niedrigen Foyer, wo sich die Gruppen sammeln. Der Weg der Kinder zu Kunst und Labor wendet sich zunächst in eine der Dreiecksspitzen und dreht dann scharf um, um zwischen einer keilrahmenhaft holzgetäfelten Wand und der parkseitigen Fassade mit ihren luftig geschichteten Stützen und Stäben auf breiten Stiegen hinaufzueilen. Hier will man auch als Erwachsener am liebsten gleich mehrmals jauchzend hinauf- und hinunterjagen. Das passt, denn, sagt Mona Jas, die Künstlerische Leiterin des KKL, die Kinder dürfen und sollen hier „rennen, laut sprechen, neugierig sein, viele Fragen stellen. Das Signal ist: Ihr müsst euch nicht an das Museum anpassen, sondern das Museum wächst mit euch.“

Das, was das Museum zum Museum macht, der eigentliche Ausstellungsraum, bildet das Herz des Ganzen, das Dreieck im Dreieck. Nicht nur in der Kontur ein ungewöhnlicher Raum, sondern auch in der Struktur. Versuchen Architekten und Kuratoren normalerweise mit allen Mitteln, aus Museumsräumen stützenfreie White Cubes zu machen, wurde hier die Statik der komplexen Geometrie auf ganz naheliegende Weise gelöst: durch eine selbstbewusste dicke Stütze genau in der Mitte.

Die nächste euphorische Treppenflucht nach oben, jetzt etwas schmaler, fast dachbodenhaft, finden die Kinder einen ruhigen kleinen Raum des Luftholens, bevor sie in den zwei großen Laboren und auf der Loggia davor, neben den zum Greifen nahen Bäumen des Parks, malen, bauen, reden, lernen, lehren dürfen. Im obersten Stockwerk schließlich gelangt man in die Bibliothek, klein und versteckt wie ein Baumhaus im Geäst, mit Licht von oben und Fenstern zum Nach-unten-Spähen. Die Regale für die Bücher sind perfekt maßgeschneidert, wie auch das ganze Haus geradezu ein Fest des Tischlerhandwerks geworden ist. Wie ein weiches Futteral sind die Kästen, Sitzbänke, Türen, Fächer aus hellem Birkensperrholz in die eckige Geometrie hineingenäht worden. Auch das hat einen versteckten didaktischen Zweck, sagt Michael Salvi. „Wir wollen den Kindern verständlich machen, wie ein Haus entsteht und zusammengesetzt wird.“

So schafft es die Architektur, das ambitionierte Programm der Kunstvermittlung und des Kunstmachens zu begleiten, ohne sich mit simplen Botschaften einzumischen, sondern als gebauter Bildungsauftrag, der Spaß macht. Keine Frage: Aus dieser Laborerfahrung werden so einige künftige Künstlerinnen hervorgehen – und sehr wahrscheinlich auch ein paar Architektinnen.

29. Juni 2024 Der Standard

Die Geschichte weiterschreiben

Die fast ausgestorbene Altstadt von Hohenems wurde mit privatem und öffentlichem Engagement wieder zum Leben erweckt. Ein städtisches Gesamtwerk, das als eines von drei Projekten mit dem Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet wurde.

Marktstraße, Ecke Harrachgasse. Leise plätschert der Brunnen, auf dessen Kante der Blumenladen seine florale Ware arrangiert hat. Ab und zu biegt ein Auto langsam um die Kurve und bremst vor einem strategisch platzierten Busch ab. Ein Sommertag in der Vorarlberger Stadt Hohenems im Rheintal. So idyllisch war es hier nicht immer. „Vor zehn Jahren hieß es oft, das Ortszentrum sehe aus wie Ostdeutschland vor 30 Jahren“, sagt Markus Schadenbauer. Damals waren in der langen, schnurgeraden Marktstraße gerade mal vier Ladenlokale noch in Betrieb, der Rest stand leer, die Straße vom Autoverkehr gerädert und geschwärzt, 5500 Autos pro Tag quetschten sich hier durch, viele Bewohner hatten sich an den Ortsrand verflüchtigt.

Heute hat sich Hohenems komplett gewandelt. Der Durchgangsverkehr wurde dank Poller und Begegnungszone geviertelt. Viele der alten Häuser wurden saniert, einige neue sind dazugekommen und fügen sich unaufgeregt ein. In den Erdgeschoßen: Cafés, Restaurants, Kleiderladen, Blumenladen, Bioladen. Zählte das Ortszentrum am Tiefpunkt der Verödung gerade mal 30 Beschäftige, sind es heute 185. Das hat nicht nur, aber doch sehr viel mit Markus Schadenbauer zu tun.

Der Begriff „Investor“ wäre zu wenig zutreffend für das, was Schadenbauer in den letzten zehn Jahren in Hohenems in die Wege geleitet hat. Der Projektentwickler kaufte nach und nach einzelne Häuser der desolaten Altstadt auf und entwickelte ein Investorenmodell, das Sanierung und Einzelhandel zusammendachte. „Die Objekte wollte keiner angreifen, erst recht, nachdem das Denkmalamt den Straßenzug unter Ensembleschutz gestellt hatte.“ Sein Ziel: eine Perlenkette aus Geschäften zu bauen, und mehr noch: Geschichte zu schreiben.

Regionale Wertschöpfung

Für große Filialen als Frequenzbringer waren die Lokale zu klein und zu niedrig, und dies sei ohnehin nicht die Zielgruppe gewesen, da zu wenig nachhaltig. Wie aber bringt man Einzelhändler dazu, sich dieses Risiko anzutun? Mit sehr viel persönlichem Werben und mit einem gezielten Branchenmix, der darauf achtete, nicht nur Bioläden anzusiedeln, und mit regionaler Wertschöpfung: Die Blumen hier kommen nicht aus Holland, sondern aus dem Rheintal. „Wir haben uns Zeit gelassen, die Häuser sukzessive in enger Kooperation mit dem Denkmalamt saniert. So kann man die Entwicklung steuern und eine Aufbruchstimmung erzeugen, weil alle sehen, dass sich etwas tut.“ Und mit dieser Mischung aus kuratierter Planwirtschaft und marktliberaler Eigeninitiative wuchs Hohenems langsam und organisch wieder in seine Hülle hinein.

Das alte Rom kannte zwei Begriffe für „Stadt“: urbs für die gebaute Substanz und civitas für das Gemeinwesen. In Hohenems greift beides ineinander, mit jeder sorgfältigen Sanierung wuchs auch das Zusammensein wieder. Die für Vorarlberg unübliche geschlossene Bebauung der Altstadt ist zudem prädestiniert für das Ineinandergreifen von Nachbarschaft und Bausubstanz. Auch privates und öffentliches Engagement griffen hier fugenlos ineinander. Denn die Stadt setzte schon ab 2012 mit einer langfristigen Vision auf Bürgerbeteiligung, berichtet Bernd Federspiel, Leiter des Bereichs Stadtplanung. „Das Interesse der Bürgerinnen an ihrer Innenstadt war enorm, sie wünschten sich wieder Lebensplätze im öffentlichen Raum“, erzählt er.

Das alles ging natürlich nicht ohne Reibereien und mit viel Gesprächsbedarf. „Hohenems war schon immer eine streitbare Stadt. Aber in unserem Visionsprozess haben wir gemerkt, dass wir alle vom selben Ort sprechen und uns in vielem einig sind.“ So konnte der berühmte Donut-Effekt der ausgehöhlten Ortskerne umgedreht und Attraktoren im Zentrum geschaffen werden: Statt die Kinder per Elterntaxi zum Standrand zu fahren, bringen die Hohenemser ihren Nachwuchs in die Kinderkrippe im Stadtkern und können dort zu Fuß einkaufen oder ins Café.

Als vorausschauend erwies sich auch der Bebauungsplan, der in den Hinterhöfen Neubauten erlaubte und somit eine Querfinanzierung der Sanierung der Straßenfront durch neue Wohnbauten, die sich auch architektonisch freier entfalten dürfen. „Bei der Auswahl der Architekten haben wir darauf geachtet, dass es nicht zu einheitlich wird“, erklärt Markus Schadenbauer. Zum Zuge kamen Bernardo Bader, Nägele Waibel, Georg Bechter, Hein Architekten, Imgang Architekten sowie ma.lo mit Michael Egger; die Straßen, Gassen und Hinterhöfe wurden von den Büros Lohrer Hochrein und Stadtland geplant und gestaltet.

Keine Plastikfenster

All dies in auch für Vorarlberg hoher Qualität: keine Plastikfenster, keine Styroporfassaden, mineralischer Putz. Dabei ging es um weit mehr als um die Herstellung schöner Straßenkulissen: Auch die vielen Hinterhöfe wurden geöffnet, fanden neue Nutzungen. „Wir haben mit jedem einzelnen Eigentümer geredet und sie überzeugt, ihre Hoftore zu öffnen und Durchgänge zu ermöglichen“, sagt Schadenbauer.

Dieses hohe private und öffentliche Engagement über viele Jahre wurde bereits 2023 mit dem Bauherrenpreis belohnt, jetzt gab es obendrauf den Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit 2024, der am Dienstag von Bundesministerin Leonore Gewessler verliehen wurde. Aus 83 Bewerbungen hatte die paritätisch aus Architektur- und Nachhaltigkeitsexpertinnen besetzte Jury zehn Nominierungen ausgewählt, drei davon wurden Preisträger: Neben der Altstadt Hohenems sind es das erneuerte und aufgestockte Wien-Museum (Winkler, Ruck + Certov Architekten) und die kongenial sanierte und erweiterte Wohnanlage Wir In-HAUSer in Salzburg (cs-architektur und Stijn Nagels). Als Ausgangsbasis für die Nachhaltigkeitsbewertung wurden die Anforderungen des klimaaktiv Gebäudestandards herangezogen.

„Ich bin beeindruckt von der herausragenden Qualität der Einreichungen, und es freut mich besonders, dass die Zahl der Sanierungen und Weiterentwicklungen von Bestandsgebäuden stetig wächst“, freute sich die Bundesministerin. Denn bei Architektur und Nachhaltigkeit geht es oft nicht um Hightech-Lösungen, sondern darum, das, was man hat, zu pflegen und die Geschichte weiterzuschreiben.

15. Juni 2024 Der Standard

Mach dir die Stadt selbst!

Skater entdecken die Stadt stets neu und machen Kanten, Stufen und Rampen zu Spielgeräten. Die Skateszene hat die allerbesten Skills für perfekte Betonoberflächen. Mittlerweile ist sie ein Vorbild für die Stadtgesellschaft.

Matthew Collins fährt mit der Hand über den Beton: perfekt glatt, die Kanten sauber abgeschliffen, Radius eineinhalb Millimeter. Jeder Architekt würde neidisch aufseufzen angesichts dieser Ausführungsqualität. „Ja, wir bekommen auch Anfragen von Architekten. Aber wir sind Skateboarder und wollen uns auf das konzentrieren, was uns Spaß macht.“ Matthew Collins, der mit Wollhaube und löchrigem T-Shirt auf der Baustelle am Ortsrand von Vösendorf steht, ist Mitgründer der Firma Spoff Parks, die hier gerade ihren jüngsten Skatepark baut.

„Gegründet haben wir uns vor neun Jahren, aber wir skaten natürlich schon viel länger, da hat sich viel Wissen angesammelt“, sagt Spoff-Mitgründer Frido Fiebinger. Denn für die gute Fahrbarkeit zählt jeder Grad des Neigungswinkels. Die Werkzeuge: Schablonen für die richtigen Rundungen, eine optimierte Betonmischung, spezielle Kellen fürs glatte Finish. Das Wissen darüber, was Spaß macht, ist die beste Voraussetzung fürs perfekte Produkt.

Bewegte Geschichte

Die Entstehung von Spoff aus der Wiener DIY-Szene ist verknüpft mit einem besonderen Skatepark mit bewegter Geschichte, der „Alm“ am Wiener Nordbahnhofgelände. Die erste Anlage, entstanden 2014 in spontaner Eigeninitiative auf der damals ungenutzten Brachfläche, wurde vom Grundeigentümer, der ÖBB, abgerissen. Ein Nutzungsvertrag mit der ÖBB und die Unterstützung der Stadtverwaltung ermöglichten einen zweiten Park, der in unbezahlten freiwilligen Arbeitsstunden des Vereins Alm DIY entstand und auf dem sich Skater aus Wien und aller Welt trafen. Im September 2017, nach Ablauf des Vertrags, wurde auch dieses Werk zerstört.

„Emotionale Erinnerungen“, seufzt Alm-DIY-Gründer Ben Beofsich auf einer Parkbank am Nordbahnhof, mit Blick auf die Stelle, wo der legendäre Skatepark lag. Ein Trost: Direkt vor ihm schimmert der Beton des brandneuen Skateparks Alm 3, der nur noch auf die TÜV-Abnahme wartet. Auch hier steckt viel Herzblut drin, viel unbezahlte Arbeit. Er ist Teil der (nach Plänen von Studio Vlay Streeruwitz und Agence Ter) zur wildromantischen Grünanlage gewordenen Freien Mitte Nordbahnhof. Er darf bleiben, dank vieler Telefonate von Ben Beofsich mit der Magistratsabteilung 42. Inzwischen ist er Experte für Behördenvokabular und kennt die ÖNORM EN 14974, die Skateparks regelt, auswendig.

Ein DIY-Skatepark, gebaut von unten, genehmigt von oben. „Es ist, wie wenn die Eltern sagen, du darfst dein Zimmer einrichten, aber sie suchen die Farbe aus“, sagt Beofsich. Wien mit seiner Tradition der Rundumversorgung von oben und Suderei von unten ist nicht gerade für einen Geist der Eigeninitiative bekannt.

„Dabei bräuchten wir viel mehr Orte im öffentlichen Raum, die von denen geschaffen werden, die ihn benutzen“, sagt Beofsich. Dazu passt, dass der Vereinszweck von Alm DIY inzwischen „Eigeninitiative öffentlicher Raum“ lautet. Denn es geht nicht mehr nur ums Skateboarden, sondern um die Stadt als Ganzes.

Stufen, Stiegen, Gehsteige

Sich die Stadt aneignen: Das ist die Ur-Philosophie des Skatens, seit die Kanalrohre, betonierten Flussufer und leeren Swimmingpools im Kalifornien der 1960er- und 1970er-Jahre als Skate-Spots entdeckt wurden. Das funktionierte mit etwas Verzögerung auch in Wien, erinnert sich Michael Paul, Wiener Skater der ersten Generation. „Wir haben uns in der kleinen Szene ausgetauscht, was man wie benutzen kann: Stufen, Stiegen, Gehsteige. Unsere Spots waren in Heiligenstadt, unter der Nordbrücke, im Niemandsland der Industriegebiete, in den Wohnhausanlagen am Stadtrand.“

Denn eine Stadt besteht nicht nur aus den Skateparks – für die Streetskater ist sie ein einziger großer Spielplatz, eine Safari auf der Suche nach dem noch unentdeckten Spot. „Man eignet sich die Stadt an und braucht dazu nichts außer einem Board“, sagt Paul. „Wien ist dazu besonders gut geeignet, weil die Gehwege anders als in Paris oder Berlin meistens asphaltiert sind. Hier kann man das Skateboard als Transportmittel verwenden und damit durch die Stadt pushen.“

Das tut man nicht alleine, sondern fast immer in der Gruppe – und diese Gruppen sind keine geschlossenen Systeme, sagt Architekt Adrian Judt. Er ist Mitglied des Kollektivs AKT, das 2023 mit Hermann Czech den Österreich-Pavillon auf der Biennale in Venedig kuratierte, und leidenschaftlicher Streetskater. „Man findet über das Skaten sofort Anschluss in fremden Städten und lernt diese von anderen, nichttouristischen Seiten kennen. Die Skater-Community ist sehr divers und unelitär. Ich habe hier Freunde, die Bauarbeiter, Verkäufer oder Juristen sind. Mein Freundeskreis in der Architektur dagegen ist sehr akademisch.“

Die Skateszene gilt als inklusiv, klassenübergreifend und wenig rassistisch, allerdings ist die Ästhetik ihrer Coolness noch stark cis-männlich geprägt. Risiko, Härte, das stolze Zeigen von Verletzungen. „Bis heute ist es so, dass Jungs wilder spielen dürfen, bei Mädchen heißt es oft: Mach dir die Kleidung nicht schmutzig“, sagt die Skaterin Mimi Neitsch, Mitgründerin und Redakteurin des Magazins Brav, das sich (mit ironischen Anspielungen auf ein fast gleichlautendes Jugendmagazin) explizit an Flinta*-Personen richtet. Ein weiteres Beispiel für den Geist des Do-it-Yourself.

Frei von Diskriminierung

Die Gruppe engagiert sich dafür, dass sich nicht nur Cis-Männer auf den Skateparks raumgreifend bewegen dürfen, sondern alle. Das inkludiert simple Fragen der Infrastruktur wie das Vorhandensein von Toiletten in der Nähe, aber auch grundsätzliche Fragen der Gleichberechtigung. „Skate-Spots sind keine geschlossenen Räume, der Safer-Space-Aspekt entsteht hier durch die Gruppendynamik“, erklärt Neitsch. „Es geht darum, dass man sich wohlfühlt und frei ist von Diskriminierung.“

Wie das funktioniert, ließ sich Ende Mai beim dreitägigen Gnarathon-Festival beobachten, das vom Skateboard Club Vienna organisiert wurde, unter Beteiligung der Brav- Crew. Im Festivalzentrum am Brillantengrund, bei den Konzerten in der Arena, an den Spots in der Stadt: Eine diversere, buntere und freundlichere Gruppe von Menschen als hier dürfte man in Wien kaum finden. Sie haben sich ihre Stadt selbst gemacht. Alles in Bewegung.

25. Mai 2024 Der Standard

Räume, die warten

Die Kulturhauptstadt Bad Ischl Salzkammergut lotet mit den Mitteln der Kunst das Potenzial von Bahnhofsgebäuden aus und erforscht die oft versteckten Probleme von Leerstand und Bodenversiegelung in der ganzen Region.

Ob man hier denn einen Kaffee bekommen könne, fragt die elegante ältere Dame und lugt durch das Loch zwischen den verblichenen Palmen. Das nicht, sagt die freundliche junge Frau in der schwarzen Trainingsjacke. „Aber ich könnte Ihnen ein Glas Angst anbieten. Oder Kontrolle.“ Was da denn drin sei? „Na, alles, was Sie brauchen, um die Kontrolle zu behalten!“ Das klingt überzeugend, und Xenia Lesniewski serviert ihrer Kundin ein Cocktailglas mit grüner Flüssigkeit auf einem Untersetzer, der mit den Worten „Your problems are far from over“ bedruckt ist. Währenddessen fährt hinter der Südseefototapete mit der wild hineingeschlagenen Öffnung der R3418 in Fahrtrichtung Obertraun ab. Ein ganz normaler Tag im Bahnhof Traunkirchen Ort.

Zumindest für ein paar Wochen, in denen die Künstlerin als Artist in Residence der Kulturhauptstadt Bad Ischl Salzkammergut 2024 im ehemaligen Wartesaal des winzigen Gebäudes ihre Installation Apocalypso eingerichtet hat. Eine komplett ausgestattete Bar mit Flaschen, deren Etiketten mit Wörtern wie Crisis, Resilience, Fear oder Control bedruckt sind. Panic-Room und Eskapismus in einem. „Wir leben in Zeiten der Polykrise, und in Krisensituationen liegt der Alkohol nahe. Aber eine Bar ist auch ein Ort, an dem Menschen ins Gespräch kommen. Eigentlich sollte Apocalpyso immer offen sein.“ Aber viele Wirtshäuser und Bahnhöfe im Salzkammergut seien permanent geschlossen.

Die ältere Dame nippt an ihrem Glas und nickt. Sie wohne seit 46 Jahren in Bad Ischl, wo der Bahnhof zwar zentral liege, es aber kein richtiges Bahnhofsrestaurant mehr gebe, und auch keine Schließfächer, klagt sie.

Orte des Austauschs

Bahnhöfe sind Orte und Nichtorte zugleich, doch jene an der Salzkammergutbahn sind durch ihre Lage auch besondere Orte. Man wartet hier vor prachtvollstem Bergpanorama, doch an den meisten Bahnhöfen gibt es gerade einmal noch einen Fahrkartenautomaten und ein Dach über dem Kopf. Alles, was teure Personalkosten verursacht, ist wegreduziert. Die Bahnhofsrestaurants, die Bars, die Ticketschalter, manchmal auch die Wartesäle. Die Leerräume bleiben.

Gerade dadurch könnten diese Bahnhöfe auch zu Orten des Austauschs werden, mit Künstlerinnen als signalgebenden Reisebegleitern, sagt Kurator Gerald Priewasser-Höller. Er kuratiert im Rahmen der Kulturhauptstadt das Artists-in-Residence-Programm „Salt Lake Cities Stops and Stations“ in Kooperation mit der ÖBB für die Bahnhöfe zwischen dem Almtal, dem oberösterreichischen Salzkammergut und Tauplitz im Ausseerland.

Nächster Halt: Hallstatt. Tausende Touristinnen aus aller Welt steigen hier an Wochenenden aus und ziehen ihre Rollkoffer den holprigen Weg zum Seeufer hinunter, die Smartphones schon gezückt. Den Bahnhof selbst registrieren sie kaum. Kein Wunder, der alte Wartesaal ist permanent verschlossen, nur ein winziger Vorraum mit Ticketautomaten steht für den Alltagsgebrauch zur Verfügung. Dabei ist der an ein Bergrestaurant erinnernde lichtdurchflutete Saal zwischen Wiese und Felsen einer, in dem man wirklich sehr gerne warten würde.

Hallstatt unter Druck

Jetzt ist sie gerade etwas weniger leer geworden, denn Fabian Puttinger wuchtet gerade eine 120 Jahre alte Druckerpresse auf einen der Tische mitten im Raum. Der junge Architekt, der in Wien und am Grundlsee lebt, wird hier bis Ende Juni in Handarbeit Reliefpostkarten des Salzkammergutes herstellen und Kartenmaterial zeigen, das er in seinem Projekt kartografisches.at erforscht und bearbeitet. Im Juli werden Studierende am Fachbereich Wohnbau und Entwerfen der TU Wien, die sich unter Anleitung von Michael Obrist, Christian Nuhsbaumer und Carola Stabauer seit Jahren mit Hallstatt beschäftigt haben, hier ihre Ideen für den von Übertourismus und Leerstellen gleichzeitig betroffenen Ort präsentieren.

Dritter Halt: Bahnhof Bad Aussee. Groß und stattlich, doch den Reisenden bleibt nur ein kleiner Warteraum. Eine Gruppe verloren wirkender Touristen fragt nach dem Schienenersatzverkehr. Adriana Torres Topaga weiß die richtigen Antworten. Die Linzer Künstlerin mit kolumbianischen Wurzeln hilft gerne, denn schließlich ist sie hier, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen und Workshops mit den Mitarbeitern des im alten Wartesaal eingemieteten Beschäftigungsprojekts Sparta zu erarbeiten. Einprägsame Worte und Sätze aus diesen Dialogen affichiert sie an Wände und auf Sitzbänke. „Es ist mir wichtig, herauszufinden, was die Menschen denken, und das zu teilen“, sagt sie, Sprühdose in der Hand.

Die Stationen der Salzkammergutbahn sind Punkte auf einer Linie, die sich mitten durch die Region schlängelt und viel mit deren Räumen und ihren Nutzungen zu tun hat – auch mit dem Selbstverständnis des Großevents selbst. „Es war von Anfang an unser Ziel, dass für die Kulturhauptstadt nichts Neues gebaut werden sollte“, erklärt Eva Mair, die im Festivalteam für Baukultur und Handwerk zuständig ist. „Das war für viele überraschend, die sich an die letzten österreichischen Kulturhauptstädte Linz und Graz erinnerten und fragten, was denn die Murinsel des Salzkammergutes werde. Die Antwort ist, dass es hier schon so viele Räume mit Potenzial gibt, die man einfach nur nutzen muss. Die Bahnhöfe sind genau solche Räume.“

Wie viele Räume mit wie viel Potenzial es wirklich gibt, wurde schon im Vorfeld des Kulturhauptstadtjahres ermittelt. Unter dem Titel Curating Space unternahmen Priewasser-Höller, Simone Barlian und Elisa Schmid Leerstandsafaris in den 23 Gemeinden und fanden Geschäftslokale, Supermärkte, Wohnhäuser und Wirtshäuser. Vom Thema Leerstand ist es nicht weit zur Bodenfrage. Denn während an der einen Stelle die Türen für immer zugesperrt werden, wird woanders in die grüne Wiese hineingebaggert. Auf Initiative des Musikers Hubert von Goisern wurde daher das Projekt „Bodenschutz im Salzkammergut“ auf die Schiene gebracht, ein Bodenworkshop mit den Vertreterinnen der Gemeinden fand 2023 statt, dieses Jahr soll es weitergehen.

Man sieht: Auch in kleinen Warteräumen können große Ideen gedeihen, in vergessenen Winkeln wichtige Fragen gestellt werden und Stationen auf einer Linie viel über den Umgang mit Flächen erzählen. Darauf ein Glaserl Resilience.

Hinweis: Ein Wohngespräch mit Elisabeth Schweeger, künstlerische Leiterin Europäische Kulturhauptstadt, finden Sie im immobilienSTANDARD.

20. April 2024 Der Standard

Abgründe im Ackerland

Das Architekturnetzwerk ORTE in Krems zeigt in seiner Jubiläumsausstellung Cartoons und Zeichnungen zu Architektur und Baukultur. Am Fallbeispiel Niederösterreich wird deutlich, dass man die Realität kaum noch zuspitzen muss, um sie zur Kenntlichkeit zu karikieren.

Ein türkis leuchtender Teich in Herzform, umringt von zwei ordentlichen Reihen weißer Kuben mit kleinen Fenstern, eingebettet in ein breites graues Band aus asphaltierten Parkplätzen. Dazu als Garnitur am Rand: ein Kreisverkehr mit Sendemast und eine sechsspurige Autobahn im Lärmschutzwandkorsett, industriell gepflügte geometrische Äcker. Ganz klein hier und da ein kümmerliches Restgrün. Eine Zeichnung des Karikaturisten Bruno Haberzettl aus dem Jahr 2003, mit dem in vielfacher Hinsicht prophetischen Titel Wohnraum im Grünen – für „normal“ denkende Leute.

Eine plakative Zuspitzung, die heute wie ein dokumentarisches Abbild der nach dem bewährten Muster „Würfelhusten mit zentraler Lacke“ geplanten Siedlung Sonnenweiher im niederösterreichischen Grafenwörth, deren fragwürdiges Zustandekommen den dortigen Bürgermeister und damaligen Gemeindebund-Präsidenten Alfred Riedl 2023 in arge Bedrängnis brachte. Die Zeichnung beweist: Es gibt viele Grafenwörths, und es gibt sie schon lange.

Einischauen und ausblenden

Sie gedeihen besonders gerne in Niederösterreich, einem Bundesland, dessen quasi-genetische Prägung aus Feudalismus und Patriarchat immer noch spürbar ist. Spürbar in den Einfamilienhäusern, die als barockisierte Minipaläste die Architektur der ehemaligen Herrscher nachahmen, und in einer Politik, die Kritik gerne als Majestätsbeleidigung auffasst.

Ein Bundesland, das sich des baukulturellen Reichtums rühmt, und das nicht zu Unrecht: Weltkulturerbe-Landschaften, historische Orts- und Dorfkerne, Kirchen, Klöster und Kulturfestivals. Aber man muss schon durch ein sehr verengtes Papprohr in diese Welt einischaun, um all das auszublenden, was dazwischen herumsteht: Die Kreisverkehre, die West-, Ost-, Nord- und Süd-Umfahrungen, die flachen Baumarkt- und Supermarktboxen in ihren Parkplatz-Ozeanen, die Vollwärmeschutzfassaden mit billigen Plastikfenstern, die Achtlosigkeit vor der Umgebung, das geistlose Irgendwo-Hinstellen von Dingen, weil man es halt kann.

Sanfter Verweis auf Lichtblicke

Seit nunmehr 30 Jahren bemüht sich das niederösterreichische Architekturnetzwerk ORTE mit Sitz in Krems um eine Verbesserung dieses Zustands durch den sanften Verweis auf die Lichtblicke, die es schließlich auch gibt, und das in zunehmender Anzahl. Man tut dies mit vielen Führungen, Spaziergängen und Veranstaltungen, mit einem Artists-in-Residence-Programm, mit Vermittlungsarbeit an Schulen. Zum Jubiläumsjahr gönnt sich die engagierte und etablierte Institution eine Ausstellung. Da würden viele ein „Best-of 30 Jahre“ erwarten, doch das Gegenteil ist der Fall. Unter dem Titel Fingerspitzengefühl sammelte man Karikaturen und Cartoons zum Alltag der Baukultur und leistet sich so den wichtigen Luxus der Kritik.

„Nach 30 Jahren baukultureller Vermittlungsarbeit mit ORTE, in denen wir sehr viele Best-Practice-Beispiele gezeigt haben, tut es gut, dass man auch einmal etwas sarkastisch sein darf“, sagt ORTE-Geschäftsführerin Heidrun Schlögl. „Karikaturen überzeichnen die Realität, aber oft ist die Realität noch viel schonungsloser. Das gilt nicht nur für Niederösterreich.“ Konzipiert wurde die Ausstellung in Kooperation mit dem direkt benachbarten Karikaturmuseum. Mittels Open Call waren Karikaturisten und Architektinnen aufgerufen, sich mit Niederösterreich auseinanderzusetzen, dazu kamen ein paar direkte Anfragen. Fast 100 Zeichnungen kamen so zusammen, von denen 55 nun in Krems zu sehen sind. Unter den 32 Künstlerinnen und Künstlern finden sich bekannte Namen wie Manfred Deix, Gustav Peichl, Gerhard Haderer oder Tex Rubinowitz – und auch die Grafenwörth vorwegnehmende Zeichnung von Bruno Haberzettl. Zusammenfassende Kategorien wie Bodenraub, Landleben, Autofahren, „Loch“ sprechen für sich.

Leichte Beute

Fürs Karikieren ist das Motiv „gebaute Landschaft“ leichte Beute. Die Gegensätze aus Beton und Natur, aus anonymer Stadt und ersehnter Individualität, aus Grau und Farbe sind im kollektiven Bewusstsein so präsent, dass es nur eine leichte Übertreibung braucht, um einen Aha-Effekt zu erzeugen. In vielen Fällen muss die gebaute Realität nur leicht verdichtet werden, um sich selbst zuzuspitzen: der Vorstand-Speckgürtelhorror aus Fahrspuren-Asphaltspaghetti, den man als gegeben hinnimmt, weil man ja dauernd irgendwo hinfahren will, bevor man sich wieder hinter der Thujenhecke (die ebenfalls in einer Karikatur von Edith Payer gewürdigt wird) verschanzt.

Dazu kommen aktuelle Themen wie die Energiewende, die sich zur Frage überzeichnen lässt, ob monotone Einfamilienhausteppiche wirklich ökologischer werden, wenn sie mit Photovoltaikpaneelen übersät sind. Weniger cartoonhaft und ebenso treffend: Gernot Sommerfelds melancholische Stillleben in der Kategorie „Idylle Niederösterreich“. Menschenleere Landschaften aus Lagerhallen, Kabeln, Masten und Silos, die Infrastruktur alltäglicher Sachzwänge, hinter der sich Fuchs und Hase unsichtbar und vielleicht für immer gute Nacht sagen.

Das mag nach mahnendem Zeigefinger klingen, doch dann wären die Cartoons nicht lustig. Sind sie aber, bis auf ein paar, bei denen die komische Fallhöhe zu niedrig ausfällt. Vielmehr darf der Humor hier die Rolle des Erlösers spielen und die Erkenntnis vermitteln, dass man nicht allein ist. Denn die Alltagsdiagnosen sind schließlich kein Geheimnis. „Das hohe Besucherinteresse bei den ORTE-Veranstaltungen zeigt uns, dass Themen wie Zersiedelung, Bodenversiegelung oder der unsensible Umgang mit Bausubstanz brennender denn je sind“, sagt Heidrun Schlögl. Und auch der nie ganz fassbare Begriff Baukultur könne so mit Leben gefüllt werden. „Baukultur ist ein guter Begriff, weil er mehr beinhaltet als nur Architektur. Es geht uns nicht nur darum, schöne Bauten ohne Kontext zu zeigen, so wie es früher üblich war. Und Baukultur braucht Transparenz, wie man am Beispiel Sonnenweiher Grafenwörth leider zu spät sieht.“ Damit das Land nicht zur Karikatur seiner selbst wird.

6. April 2024 Der Standard

Alarmstufe Rot

Die Bauwirtschaft ist einer der größten CO₂-Sünder. Das heißt auch: Sie hat den Hebel zur Abwehr der Klimakatastrophe in der Hand. Kaum jemand kann diese Gefahren und die Chancen so sachlich erklären wie Ingenieur Werner Sobek. Ein Gespräch im Krisenmodus.

Werner Sobek ist als Architekt und Ingenieur weltweit an zahlreichen namhaften Bauten beteiligt, sein radikal-minimales Hightech-Wohnhaus R128 in Stuttgart sorgte für Aufsehen. Heute, im professoralen Unruhestand, ist der 70-Jährige unermüdlich als Missionar des materialsparenden Bauens unterwegs, berät die Politik und warnt vor den Konsequenzen der Klimakrise. Er ist Themenbotschafter der Architekturtage 24, die im Juni in ganz Österreich stattfinden.

STANDARD: Die Architekturtage finden dieses Jahr unter dem Motto „Geht’s noch?“ statt. Was ist Ihre erste Assoziation zu dieser Frage?

Sobek: Ich habe zwei Assoziationen. Die eine ist: Wie kann man nur fragen, ob wir so weitermachen können wie bisher? Die andere ist: Es ist doch schon lange klar, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Also müssen wir endlich die wesentlichen Fragen, vor denen wir stehen, behandeln, anstatt uns im Unwesentlichen wie den Details einer Heizungsverordnung zu verheddern. Wir müssen mit Distanz auf die Situation unserer Menschengesellschaft schauen, unser Handeln analysieren und die Werte, nach denen wir leben wollen, neu definieren.

STANDARD: Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass die globale Erwärmung die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts sein wird?

Sobek: Vor 20 Jahren ungefähr. Da wurde mir klar, dass sich durch die ungleiche Verteilung der Erderwärmung die Landflächen sehr viel stärker erhitzen als der globale Durchschnitt, am stärksten in einem Bereich zwischen dem 20. und 40. nördlichen Breitengrad, in dem viereinhalb Milliarden Menschen leben und in dem das Gros der Nahrung produziert wird. Genau dort stehen uns schlimme Trockenperioden und Hitzewellen bevor. Das kann man seit mehr als zehn Jahren im Mittelmeerraum oder in Kalifornien beobachten.

STANDARD: Was sind die Konsequenzen?

Sobek: Die Obst- und Gemüsegärten Europas beginnen zunehmend unfruchtbar zu werden. Das heißt auch, dass die Bauern dort ihre Arbeit aufgeben werden und anfangen zu migrieren. Dann müssen wir für diese Menschen eine neue Heimat bauen. Das bedeutet aber nicht, einfach hunderttausende Wohnungen irgendwo zu bauen, sondern diese Wohnungen plus der zugehörigen Infrastruktur zu errichten. Gleichzeitig wird sich durch das Steigen der Lebensmittelpreise die Schere zwischen Reich und Arm weiter öffnen. Und das, obwohl heute genügend Getreide produziert wird, um die gesamte Weltbevölkerung sehr sättigend zu ernähren.

STANDARD: Sie haben diese Erkenntnisse und diese Dringlichkeit in der Buchtrilogie „Non Nobis – über das Bauen in der Zukunft“ gebündelt, deren zweiter Teil vor kurzem erschienen ist.

Sobek: Das ist das Ergebnis von harter Arbeit, dem investigativen Thrill des Verstehenwollens, der Sehnsucht des Wissenschafters in mir. Band eins beschäftigt sich mit dem Status quo. Ressourcenverbrauch, Abfallaufkommen, Emissionen und was daraus folgt. Band zwei beschreibt die Randbedingungen für zukünftiges menschliches Handeln. Was sind die Konsequenzen, wenn wir weiterhin so viel, und was, wenn wir weniger emittieren? Was passiert mit einer Stadt, in der es zu manchen Jahreszeiten so heiß wird, dass sie für gewisse Teile der Bevölkerung nicht mehr bewohnbar ist?

STANDARD: Warum macht man sich als Architekt und Ingenieur solche Gedanken?

Sobek: Wir haben die Produktion menschlicher Heimat zum Beruf. Um diese Verantwortung tragen zu können, muss ich bereits heute Werkzeuge entwickeln, die ich in Zukunft, bei einem eventuellen Eintreten der extremen Situationen, einsetzen kann. Dazu muss ich heute in Szenarien darüber nachdenken, wie die Welt in 20 oder 30 Jahren aussehen könnte.

STANDARD: In den letzten Jahren wird auch in der Öffentlichkeit über Abrissstopp, Bodenversiegelung, Zersiedelung und das Bauwesen als CO₂-Sünder diskutiert. Wird den Fachleuten jetzt mehr Gehör geschenkt?

Sobek: Die Bauwirtschaft steht für über 50 Prozent der weltweiten Emissionen, für rund 60 Prozent des weltweiten Ressourcenverbrauchs und für etwa 50 Prozent des Massenmüllaufkommens. Sie stellt also einen großen Hebel dar, mit dem man Umweltprobleme deutlich reduzieren oder verstärken kann. Jener der Ingenieure ist dabei genauso groß wie jener der Architekten, wenn nicht sogar größer. Denn vieles können nur Ingenieure. Beispielsweise ein Haus so zu planen, dass es materialminimal ist. Oder so, dass man es später wieder in sortenreine Komponenten trennen kann. Leider sind die Ingenieure viel zu still und bringen ihr Wissen nicht in den öffentlichen Diskurs ein.

STANDARD: Heute hat die Architektur den Lehmbau wiederentdeckt und propagiert das einfache Bauen aus natürlichen Materialien.

Sobek: Wenn man aus einem Material, ohne Lüftungsanlage, ohne Sensoren und ohne dies und jenes baut und das mit Qualität hinbekommt, dann ist das eine wunderbare Leistung. Aber das heißt nicht, dass andere Lösungen schlechter sind. Die Frage ist aber, ob das im Einzelfall sinnstiftend ist. Es ist definitiv nicht sinnstiftend, sich ein Lehmhaus zu bauen und den Lehm dafür über Hunderte von Kilometern heranzuschaffen.

STANDARD: Nicht nur Ihre Bücher sind Teil der Vermittlungsarbeit, Sie beraten auch viele Politikerinnen und Politiker. Ist die Demokratie mit ihren Legislaturperioden und Kompromissen geeignet, mit einem Notstand wie der Klimakrise umzugehen?

Sobek: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir es mit der heutigen demokratischen Struktur nicht schaffen. Vor jeder Wahl ist Wahlkampf, nach jeder Wahl ist Einarbeitungsphase. Eine Demokratie muss sich Mechanismen schaffen, die über eine längere Periode kraftvolles Agieren ermöglichen, eine Konstanz. Das ist für mich keine Gefährdung der Demokratie, sondern eine Methode zur Erhaltung ihrer Gesundheit. Schauen Sie sich die Situation in Deutschland an. Das Bundes-Klimaschutzgesetz von 2021 ist das wichtigste Gesetz der neueren Zeit. Es wurde vom Gesetzgeber selbst und in Folge auch von der Bevölkerung seither einfach nicht beachtet. Jetzt soll es neu gefasst, das heißt inhaltlich geschwächt werden. Das sind vier verlorene Jahre im Kampf gegen das größte Problem unserer Zeit. So erreichen wir die Klimaziele aber nicht!

STANDARD: Was gibt Ihnen Hoffnung, dass wir es dennoch schaffen?

Sobek: Ich glaube, dass es bald in Teilen der Welt so kritisch werden wird, dass die Leute akzeptieren, dass sie sich die Dinge, die sie sich leisten können, nicht mehr leisten sollten. Und dass sie denjenigen, die sich selbst nicht mehr helfen können, helfen müssen. Die Erkenntnis, dass wir unser gemeinsames Haus, das über uns zusammenzubrechen droht, bewahren müssen. Aber zur Einsicht kommen wir wahrscheinlich nur durch existenzielle Angst, zum uneigennützigen Handeln nur durch das Eintreten massiver Katastrophen.

30. März 2024 Der Standard

Versöhnung in Rot-Weiß

Die Slowakische Nationalgalerie in Bratislava, ein so umstrittener wie großartiger Bau der sozialistischen Moderne, wurde mit großem Respekt renoviert. So ist sie mit Verspätung das kulturelle Zentrum geworden, das sie immer sein wollte.

Ein 70 Meter langes Bündel aus roten und weißen Balken, mit Wucht zwischen zwei Altbauten geklemmt, ein Gebäude als Abstraktion einer Brücke. Die Slowakische Nationalgalerie dominiert die Uferpromenade der Donau, wenn man sich vom Fluss her der Altstadt von Bratislava nähert. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass sich hinter dieser abstrakten Wucht ein barocker Innenhof verbirgt. Taucht man in diesen ein, unter der Brücke hindurch, sieht man hinter dem Dach wiederum rote und weiße Streifen hervorlugen. Ein architektonisches Nebeneinander mit harten Brüchen. Zu hart für viele.

Das barocke Herzstück ist das Überbleibsel einer 1763 erbauten Kaserne, deren donauseitiger Flügel in den 1940er-Jahren der verbreiterten Uferpromenade zum Opfer fiel. Kurz darauf, im Jahr 1948, zog die soeben gegründete Slowakische Nationalgalerie in den amputierten Funktionsbau ein. Im alten Gemäuer war sie nicht gerade sichtbar, und die sich in der Nachkriegszeit rapide vom Ländlichen in die Moderne entwickelnde slowakische Hälfte der ČSSR verlangte nach einem kulturellen Aushängeschild.

Nur Torso realisiert

Dieses lieferte die Planungsgruppe um den Architekten Vladimír Dedeček, der schon einige öffentliche Bauten realisiert hatte. Sein Entwurf schaffte es, mit großer Geste sowohl auf die Umgebung einzugehen als auch sie komplett zu dominieren. Nach zehnjähriger Bauzeit voller Probleme wurde der Bau 1979 eröffnet, und die meisten Slowakinnen und Slowaken hassten ihn. Auch Dedeček war zutiefst unglücklich, da von seinen Plänen nur ein Torso aus zwei Teilen realisiert wurde. Eine Tragik der Baugeschichte, denn in einer besseren Welt, in der das Bauwerk vollendet und die Architektur des Sozialismus nicht vom Westen ignoriert worden wäre, hätte die Nationalgalerie zweifellos als herausragende Ikone der Moderne gegolten.

Nach der politischen Wende war die sozialistische Moderne noch unbeliebter als zuvor, zudem war das Gebäude stark reparaturbedürftig und musste um die Jahrtausendwende geschlossen werden. Nicht wenige forderten den Abbruch. Stattdessen wurde das Unglück zum großen Glück. Denn 2005 wurde ein Wettbewerb für die Sanierung ausgelobt, den Martin Kusý und Pavol Paňak vom erfahrenen Büro BKPS gewannen. Der Baubeginn erfolgte nach wirtschaftlichen Krisen erst 2016, die Eröffnung mit pandemischer Verspätung im Dezember 2022. Mit 75 Millionen Euro ist das Museum das teuerste öffentliche Gebäude in der Slowakei.

Neu-alt und alt-neu

„Die Jahre des Stillstands waren im Nachhinein eine wichtige Denkpause“, sagt Pavol Paňak beim Gespräch im neuen Café der Galerie. So habe man genug Zeit gehabt, die Pläne mit Vladimír Dedeček zu besprechen, der 2020 im Alter von 91 Jahren starb und BKPS seine Autorenrechte vermachte. Dass sich das Denken und Reden ausgezahlt hat, sieht man sofort, denn in der strahlend neu-alten Galerie wurde offensichtlich nichts dem Zufall überlassen. „Wir haben bei der Annäherung an den Baubestand drei verschiedene Methoden kombiniert“, erklärt Paňak. „Das originalgetreue Replikat, die Interpretation und den Neubau.“ Erstere wurde beim Verwaltungstrakt angewandt, der bauphysikalisch generalüberholt werden musste, hier wurden die roten und weißen Lamellen durch neue vom selben Hersteller ersetzt. Ergebnis: alter Bau mit neu-alter Fassade. Als kompletter Neubau wurde ein Depot in den Hinterhof gesetzt, das wiederum mit den originalen rot-weißen Seventies-Lamellen verkleidet wurde, deren Patina ein lebendiges Muster zeichnet. Ergebnis: neuer Bau mit alt-neuer Fassade.

Eine Neu-Interpretation wählten Kusý und Paňak bei der stark sanierungsbedürftigen Brücke. Deren beeindruckender Innenraum mit seinen terrassenartigen Ausstellungsflächen gewann durch die Öffnung der Fassade zur Donau einen grandiosen Panoramablick dazu. Das bisher kaschierte mächtige Stahltragwerk wurde freigelegt und in gemütlichem Holz ausgefacht, was eigenartig klingt, sich aber vor Ort exakt richtig erweist. Ergebnis: ein neu-alter Bau, in dem das Alte zur besseren Version seiner selbst wird. Die wichtigste Entscheidung betraf jedoch die Art, wie das Museum auf die Stadt trifft. Die in den 1970er-Jahren nicht realisierte Eingangshalle wurde in abgewandelter Form realisiert; hier darf die rohe Barockfassade ihr würdiges Alter zeigen. Die bisher eng-labyrinthischen Gänge wurden geöffnet, neue Zugänge geschaffen.

Im obersten der wagemutig auskragenden Geschoße des Verwaltungstrakts sitzt Alexandra Kusá. Die Kunsthistorikerin, die über den sozialistischen Realismus promoviert hat, ist seit 2010 Direktorin der Nationalgalerie. „Der 1970er-Jahre-Bau eröffnete zur selben Zeit wie das Centre Pompidou in Paris, und beide waren sehr kontroversiell. Hier im Osten war das Urteil vielleicht noch härter, weil Architektur einer der wenigen Bereiche war, den man im Sozialismus hemmungslos kritisieren durfte. Die rote Farbe hat zur Abneigung wohl auch einiges beigetragen.“

Heute habe sich die öffentliche Meinung gewandelt, sagt Kusá, und sie weiß das, denn sie geht nicht nur selbst oft bei Führungen im Haus mit, sondern arbeitete auch während der Neueröffnung der Galerie zwölf Stunden inkognito an der Garderobe, um dem Urteil der Besucher zu lauschen. „Viele sagten: „Ich habe das Gebäude früher gehasst, aber jetzt ist es schön.“ Das freut uns, denn wir wollen, dass sich die Leute hier zu Hause fühlen.“

Für Award nominiert

Der Architektur kommt dabei eine besondere Rolle zu, denn in einem staatlichen Museum, das die Kulturgeschichte einer Nation widerspiegelt, erzählt das Nebeneinander von historischen Bauteilen diese Geschichte kongenial mit. Barock und Moderne werden miteinander und mit der Stadt versöhnt. Ein meisterhaftes Beispiel für den baukulturellen und sinnlichen Reichtum, den ein sensibler und einfallsreicher Umgang mit Bausubstanz eröffnet, wie es sich im Umkreis von Wien sonst nirgends findet – und eines, das völlig zu Recht für den EU Mies van der Rohe Award 2024 nominiert wurde.

„Jetzt zeige ich Ihnen noch etwas“, sagt Alexandra Kusá und deutet auf eine Fensternische im Foyer: Klein und versteckt hängt dort ein gerahmter Brief des greisen Vladimír Dedeček, in dem er sich für die Rettung seiner Idee bedankt. Auch er hat sich mit seiner Geschichte versöhnen können.

6. März 2024 Der Standard

Mit großer Leichtigkeit

Der Pritzker-Preis 2024 geht an Riken Yamamoto aus Japan

Der Architekt Riken Yamamoto ist, wie am Dienstag bekanntgegeben wurde, der Pritzker-Preis-Träger des Jahres 2024. Der 1945 in China geborene und in Japan aufgewachsene Yamamoto wird im Frühjahr den mit 100.000 Euro dotierten Preis in Chicago entgegennehmen – er ist der mittlerweile neunte Japaner und der 47. Mann unter den bisher 53 Preisträgern.

Anders als sein Vorgänger David Chipperfield gehört Yamamoto zwar nicht zu den sogenannten „Stararchitekten“ mit weltumspannender Präsenz, doch er kann mit seiner 50-jährigen Karriere auf ein Werk mit enormer maßstäblicher Breite verweisen: Wohnhäuser, Museen, Bibliotheken und Verwaltungsgebäude und vor allem Bauten für Hochschulen, die meisten in Japan und China. Die Future University in Hakodate und die Feuerwehrzentrale in Hiroshima (beide 2000) mit ihren filigranen Glasfassaden sind beispielhaft für die Leichtigkeit und Transparenz, die viele seine Bauten kennzeichnet.

Dabei ist Yamamoto alles andere als ein kühler Technokrat. Als Wesenskern seiner Architektur gilt das Gespür für Räume als Orte des Zusammenkommens, in denen es um mehr geht als um Privatheit und Egoismus. „Für mich bedeutet das Wahrnehmen und Teilen von Raum die Anerkennung einer Gemeinschaft“, sagt Yamamoto, der seine zahlreichen Reisen auf allen Kontinenten als prägend für sein Verständnis einer Architektur der Öffentlichkeit und Gemeinsamkeit bezeichnet, die sich in den großen, luftigen Hallen, Foyers und Zwischenräumen seiner Gebäude wiederfindet. Eine Haltung, die man in ihrer noblen Zurückhaltung durchaus typisch japanisch und in ihrer Offenheit global und inklusiv nennen darf. Eine Haltung, die auch die Pritzker-Jury in ihrer Begründung honorierte: „Seine Architektur schreibt keine Aktivitäten vor, sondern lässt die Menschen ihren Alltag mit Eleganz, Normalität, Poesie und Freude selbst gestalten.“

In Europa realisierte Yamamoto bisher nur wenig, darunter jedoch das bisher größte und teuerste Gebäude der Schweiz, den nicht unumstrittenen, 2020 eröffneten Komplex „The Circle“ am Flughafen Zürich, für den er sich vom mittelalterlichen Stadtkern der Schweizer Metropole inspirieren ließ.

24. Februar 2024 Der Standard

Die Ruinen des René

Die Signa-Insolvenz hat auch in Berlin alle Bauprojekte vorerst gestoppt. Manche sind fast fertig, andere im Planungsstadium. Sie alle waren jahrelang umstritten, denn Berlin ist geübt im Widerstand gegen aggressive Investorenprojekte. Ein winterlicher Spaziergang zu stillstehenden Baustellen.

Die ersten Fernsehteams bauen schon ihre Kameras auf dem Gehweg auf an diesem frühen Berliner Montagmorgen Ende Jänner. Bald werden sie ihre Mikros den Winterschlussverkaufskunden des Nobelkaufhauses KaDeWe unter die Nase halten. Wenige Stunden vorher war die Insolvenz der KaDeWe-Gruppe vermeldet worden, der letzte Dominostein im Kollaps des Signa-Imperiums, das Mehrheitseigentümer des Traditionstempels war. Innen stehen die Angestellten in der Parfümabteilung in Grüppchen zusammen, das Gesprächsthema ist nicht schwer zu erraten.

Völlige Stille dagegen auf der anderen Straßenseite, Passauer Straße 1. Ein halbfertiger Rohbau in der Morgensonne, gestapelte Container, ein Kran, keine Bauarbeiter. Auf dem Bauzaun locken gerenderte Bilder mit Bürowelten in Weiß, Beige und Terrazzo und die Aufschrift „No 1 Passauer. A foyer of its own class. A project by Signa. Get in touch“. 16.670 Quadratmeter Büro- und Handelsflächen sollen hier, wo früher das KaDeWe-Parkhaus stand, entstehen, Fertigstellung Ende 2024. Am 5. Jänner wurde für die Gesellschaft Berlin, Passauer Straße 1–3 Immobilien GmbH & Co. KG der Insolvenzantrag gestellt. Get in touch: kein Anschluss unter dieser Nummer. No one bei No 1.

Kaufhaus Karstadt, Prestigeadresse Kurfürstendamm 231. Hier wurden die Kräne noch nicht auf-, aber ein paar Metallboxen in eine Baulücke hineingestellt, gekrönt mit dem Schriftzug „POP“. Der verglaste Ausstellungsraum steht leer, nur vor dem Pop-up-Fast-Food-Container vergraben ein paar Hipster ihr Gesichter in ihren Pulled Burgern. Eigentlich sollte das „POP Ku’damm“ für ein Megaprojekt der Signa werben, die dafür herbeigeschafften Metallkisten sind das global bewährte Zubehör einer von Konzernen verordneten Zufälligkeit und von PR-Agenturen kuratierten Subkultur-Simulation.

Coolness-Mimikry

Diese Berlin-ist-cool-Mimikry konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Projekt Kudamm 231 eines der umstrittensten Großinvestments der Signa war. Vor allem, weil das Entwicklungskonzept City West des Berliner Senats eigentlich hier keine Hochhäuser vorsah. Das änderte sich nach dem Regierungswechsel, die neue Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt ordnete Anfang 2022 ein Werkstattverfahren an, in dem „bis zu zwei Hochpunkte“ plötzlich möglich sein sollten, im März jenes Jahres präsentierte Kahlfeldt dem Ausschuss das Signa-Projekt, was von der Berliner Presse als fragwürdiges Naheverhältnis beurteilt wurde, und auch die FAZ titelte: „Neue Kunsthalle POP Kudamm – Das trojanische Pferd eines weiteren Investors“. Im September 2022 wurde eine Kooperationsvereinbarung zwischen Stadt und Investor abgeschlossen. Was genau hier gebaut werden sollte, wurde weitgehend der Signa und ihrem Wettbewerb überlassen. Diesen gewann im Juni 2023 das dänische Büro Henning Larsen gegen prominente Konkurrenz. Neun Gebäude, bis zu 134 Meter hoch, als Marke mitgeliefert der zähneziehend originelle Name Ku’lturhof.

Doch was für den Tiroler René Benko und sein Firmenimperium in anderen Städten eine g’mahde Wiesn ist, erwies sich auf dem harten Berliner Pflaster als Hindernislauf. Denn das Projekt am Ku’damm und die Quasi-Übernahme der Stadtplanung durch den Investor führten im Jänner 2021 zur Gründung der Initiative „Berlinerinnen gegen Signa“, auf deren Website man die Chronologie aller Signa-Projekte detailliert nachlesen kann. Nun sind Konflikte mit Investoren in dieser streitbaren Stadt nichts Neues, doch hier handle es sich um einen besonders unverfrorenen Fall, sagt Architektin Theresa Keilhacker, Mitglied der Initiative, auf Anfrage des ΔTANDARD. „Die Pläne der Signa-Gruppe wurden immer größer, und die Standorte befanden sich an zentralen Verkehrs- und Einkaufsknoten, mit wichtiger Scharnierfunktion für ihre jeweiligen Quartiere und die gesamte Stadt“, sagt sie. „Demzufolge wäre es wichtig, Fachexpertise und eine kritische Stadtbevölkerung einzubinden. Eine gigantische Herausforderung, die leider viel zu viel hinter verschlossenen Türen verhandelt wurde.“

Klamme Kommune

Die hochfliegenden Pläne der Signa-Gruppe, kritisiert Keilhacker, wirkten komplett abgekoppelt vom realen Alltag der Berlinerinnen. „Hinzu kommt, dass die klamme Kommune mit der notwendigen Transformation zu einer klimagerechten Region nicht hinterherkommt und die Projekte immer mehr Ressourcen banden, die man dringender für andere Aufgaben gebraucht hätte.“

Welchen enormen Aufwand die Signa-Gruppe in Berlin trieb, um ihre Pläne durchzuboxen, sieht man am besten am Hermannplatz, an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln. Hier wurde 1929 das damals größte Kaufhaus Deutschlands errichtet, mit dramatisch vertikal emporstrebenden Art-déco-Türmen und einer fürstlichen, vom Kaufhaus finanzierten U-Bahn-Station. Von den Türmen ist nur noch einer übrig, daneben ein Karstadt-Funktionsbau in grauem Alltagsdesign der Nachkriegszeit. Nach den Signa-Plänen sollte Architekt David Chipperfield den alten Art-déco-Glanz wieder aufleben lassen, doch das geschönte Bild eines Roaring-Twenties-Berlin kollidierte mit der Realität von Gentrifizierung, multikulturellem Kiez-Stolz und engagiertem Bürgertum.

Um dieses zu umschmeicheln, hatte die Signa alle Register gezogen. Eine „HRMNNBOX“ mit gecasteten Graffitikünstlern und Urban Gardening, eine Website namens „Nicht ohne Euch“, die einen Dialog auf Augenhöhe versprach, aber nicht hielt: Das Grundlagendokument der verkündeten Bürgerbeteiligung wurde monatelang unter Verschluss gehalten. Währenddessen entzog der Senat dem Bezirk, der sich deutlich gegen das Projekt ausgesprochen hatte, die Planungshoheit. Die Berliner Mentalität, seit jeher mit guten Bullshit-Detektoren gegen scheinheiligen Schönklang ausgestattet, ließ sich nicht täuschen, eine eigene Bürgerinitiative formte sich gegen das Hermannplatz-Projekt.

Heute ist die Box verschwunden, in der warmen Wintersonne sitzen dauerjunge Menschen in North-Face-Jacken mit dem Bier vor dem Späti, im Hintergrund lärmt eine Pro-Palästina-Demo. Und Berlin ist so lebendig, hässlich, widersprüchlich und aufregend wie immer.

3. Februar 2024 Der Standard

Das vergiftete Geschenk

Die Idee, Mietern von Sozialwohnungen den Weg zum Eigentum zu bahnen, wird immer wieder vorgebracht. Das 1980 von Margaret Thatchers Regierung beschlossene Right-to-Buy-Gesetz zeigt, welche Folgen eine solche Idee haben kann.

Aufrecht wie eine Soldatin, starr wie Porzellan, die Hand fotogen an eine offensichtlich leere Teetasse gelegt, saß die Premierministerin in der bunt tapezierten Küche von James und Maureen Patterson. Seit 18 Jahren bewohnte das Paar mit seinen drei Kindern das Haus in Harold Hill im Osten von London. Margaret Thatcher, seit etwas mehr als einem Jahr im Amt, hatte ihnen ein Geschenk mitgebracht: ein Gesetz namens 1980 Housing Act, besser bekannt als „Right to Buy“. Es erlaubte den Pattersons, ihre Kommunalwohnung mit 40 Prozent Rabatt für 8315 Pfund (heute rund 52.000 Euro) zu erwerben. Sie waren nicht die Einzigen. Zwei Jahre später wurden 167.000 Häuser und Wohnungen privatisiert, während Thatchers Amtszeit waren es rund 1,5 Millionen.

Right to Buy sollte aus Thatchers Sicht ein voller Erfolg werden, und es war alles andere als eine spontane Idee. Schon 1946 hatte der spätere Premierminister Anthony Eden seine Tories auf das Ziel einer „property-owning democracy“ eingeschworen, und selbst sein Labour-Rivale James Callaghan räumte ein, dass das Wohneigentum ein ureigener Wunsch der meisten Menschen sei. Gleichzeitig sank die Zahl neuer Sozialwohnungen rapide. Waren es zwischen 1975 und 1980 noch 627.830, waren es in den ersten fünf Thatcher-Jahre nur 215.580, gegen Ende der 1980er-Jahre schrumpfte die Zahl praktisch auf null.

Bus nach Birmingham

Rund 40 Jahre nach der Teetassenbegegnung in der Küche der Pattersons. Stratford High Street, im Osten Londons, unweit des Olympiageländes. In diesem früher unattraktiven Viertel hat die Stadtentwicklung den Turbo eingeschaltet, die Kräne drehen sich um neue Hochhäuser. Wie jeden Samstag stehen die Frauen von Focus E15 an ihrem Infostand. Die Aktivistinnen haben sich 2013 zusammengeschlossen, als 29 alleinerziehende Mütter aus einem Wohnheim mit der Aufforderung delogiert wurden, sich ein Zuhause in Städten zu suchen, die hunderte Kilometer entfernt sind und in denen sie niemanden kennen. Als die alleinerziehende Sara Abdullah 2018 dagegen protestierte, sich mit ihrem kleinen Sohn in einen Bus nach Birmingham zu setzen, wurde sie als „absichtlich wohnungslos“ deklariert und ihr die Wohnbeihilfe gestrichen. Es gebe zu wenig leistbares Wohnen in London, so eine Sprecherin der Behörde, da könne man eben nichts machen. Sie hatte leider nicht unrecht. Im Jahr 2023 fanden sich in London 323.827 Haushalte auf der Warteliste für eine Sozialwohnung, die Obdachlosigkeit steigt seit Jahren an.

Was eher wie eine düstere Szene aus einem viktorianischen Charles-Dickens-Roman als nach dem 21. Jahrhundert klingt, ist eine der vielen Folgen von Right to Buy. Zwar wurde die Idee, kommunales Wohnen in privates zu wandeln, in vielen Staaten umgesetzt und zuletzt vorige Woche von Österreichs Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) wieder einmal ins Programm genommen, doch auf der Insel ging man am radikalsten vor. Hier lassen sich auch die Folgen am deutlichsten ablesen.

Vermieter profitieren

Fragen wir also zuerst: Wer profitiert davon? Antwort: nicht wenige, aber nicht alle. Schon 1988 wies eine Studie der Regierung nach, dass vor allem die Mittelklasse-Familien vom Kaufrecht Gebrauch gemacht hatte. Alleinerziehende, Alleinstehende, Jüngere und Arbeitslose blieben außen vor. Am meisten profitieren jedoch die Vermieter, denen heute 40 Prozent der Right-to-Buy-Wohnungen gehören, mit Mieten, die mehr als doppelt so hoch sind wie jene in kommunalen Wohnungen.

Wer davon nicht profitierte: Das waren zum einen die Kommunen, die ihren Wohnbestand unter Wert verkauften und denen eines weiteren Thatcher-Gesetzes von 1980 wegen das Schuldenmachen für neue Wohnbauinvestitionen verboten war. Auch die Steuerzahler, von deren Geld die Sozialwohnungen errichtet wurden, stiegen schlecht aus: Vom Verkauf hatten sie nichts, dafür zahlten sie nicht nur den Right-to-Buy-Rabatt, sondern auch die Wohnbeihilfe für jene, die sich das Wohnen allein nicht leisten können, heute rund ein Viertel aller Mieter im Land. Nach Schätzungen beträgt der Verlust für die öffentliche Hand seit 1980 rund 75 Milliarden Pfund, während die Wohnbeihilfen letztlich in den Taschen der Vermieterinnen landen.

Politisch ging das Ziel der Konservativen, mit ihrem verführerischen Geschenk die Arbeiter- und untere Mittelklasse zu spalten und die Wohneigentümer zu Tory-Wählern zu machen, auf. Diese Spaltung spürt man bis heute in den Wohnbauten: jene, die für Käufer attraktiv waren, und jene, in denen die Ärmeren verblieben. Letztlich führte Right to Buy zu einer Stigmatisierung des sozialen Wohnbaus an sich, denn wer sich kein Eigentum leisten konnte, musste schließlich ein Verlierer sein. Noch Thatchers Nachfolger David Cameron sprach 2016 verächtlich von den „sink estates“ und meinte damit nicht nur die „heruntergekommenen Betontürme“, sondern implizit auch deren Bewohnerinnen und Bewohner.

Wenig Gutes

Dabei hatte das Vereinigte Königreich in den 1960er- und 1970er-Jahren Wohnbauten von hervorragender Qualität realisiert, die zu den besten in Europa gehörten. Einer davon ist das in helle Ziegel gekleidete Dawson’s Heights, das seit 1972 auf einem Hügel in Südlondon thront. Entworfen wurde es von der jungen Architektin Kate Macintosh, die sich auch heute noch im Alter von 86 Jahren hochaktiv in Diskussionen über Wohnbaupolitik einmischt. Sie hat wenig Gutes über Right to Buy zu sagen: „Es hätte funktionieren können, wenn man eine Obergrenze festgelegt hätte, aber das hat man nicht. Die Folgen waren katastrophal. Der günstige Kaufpreis wurde direkt aus öffentlichen Geldern finanziert und die Wohnungen nach und nach von immer größeren Vermietern aufgeschnappt, nicht selten Parlamentsabgeordneten oder deren Verwandten. Es ist ein direkter Transfer von öffentlichem Reichtum in private Hände. Man könnte es Diebstahl nennen.“

Und die Pattersons? Sie hatten nicht viel Glück mit ihrem Eigenheim. Das Ehepaar ließ sich scheiden, Mrs. Patterson konnte sich angesichts steigender Zinsen die Hypothek nicht leisten und zog in einen Wohnwagen und sagte: „Hätte ich das vorhersehen können, hätte ich nie von Right to Buy Gebrauch gemacht.“ Alle späteren Eigentümer dagegen profitierten vom Wertzuwachs, 2013 wurde das Haus für das 20-Fache seines Preises von 1980 weiterverkauft. Wie hatte es Margaret Thatcher damals angekündigt: „Die Wirtschaft ist die Methode, aber das Ziel ist es, die Seele zu verändern.“

30. Januar 2024 Bauwelt

Muskelspiel im zarten Kleid

Der Um- und Neubau des städtischen Wien Museums von Certov/Winkler + Ruck ­wurde Anfang Dezember nach nur zweieinhalb Jahren Bauzeit wiedereröffnet: ein in großen Teilen gelungenes respektvolles Weiterbauen an der Substanz der Fünf-zigerjahre, mit stahlbetonierter Wucht im Inneren und Eleganz in der Fassade.

5. Januar 2024 Der Standard

„Stuck her, oder es knallt“

Architektur wird in den sozialen Medien immer öfter von Traditionalisten und Rechten als Mittel für einen Kulturkampf für das christliche Abendland missbraucht. Aber warum? Und warum gerade jetzt?

Am 17. Dezember musste sich Tucker Carlson sehr aufregen. Das ist an sich nichts Besonderes, denn der ultrarechte Fernsehmoderator verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Anfachen von Erregung. Doch dieser Aufreger war besonders: das Globe Life Field Stadium in Dallas, Spielort der Texas Rangers. Dieses sei, so Carlson, so hässlich, dass man den Architekten ins Gefängnis stecken müsse. Schön ist das Stadion in der Tat nicht, eine wilde Kollision aufgeblähter Formen. Aber das ist für US-Sportstätten nichts Außergewöhnliches. Die Frage ist: Warum beschäftigt sich ein Trump-affiner Agitator, der bislang nicht mit kulturellem Interesse auffiel, plötzlich mit Architektur?

Die Antwort: Er folgt einem Trend. Vor allem in den sozialen Medien wird „moderne Architektur“ heutzutage mit wahllosen Rundumschlägen geprügelt. Meistens mit dem einfachen, aber effektiven Rezept, zwei Bilder nebeneinanderzustellen, die einen vermeintlichen Kulturverlust illustrieren: Links Stein, rechts Beton. Links Ornament, rechts kein Ornament. Links gut, rechts böse. Vor allem die Plattform X, vormals Twitter, ist zum Spielfeld dieser Polarität geworden. Zahllose Accounts wie etwa @archi_tradition (579.000 Follower) posten Bilder gotischer Kathedralen mit der Frage, warum man so etwas heute nicht mehr baue. Oder @Arch_Revival_ (142.000 Follower), der Neubauten feiert, die aussehen, als wären sie 200 Jahre alt, was als Qualitätsmerkmal offenbar ausreicht. Nebenbei wird gerne auch die moderne Kunst als „degeneriert“ bezeichnet.

Keine Kulturkritik

Ganz weit vorn: @culture_crit, eine Million Follower. Barocke Skulpturen, Opernhäuser, Kathedralen, dazu Bibelverse und Sprüche wie „Architektur und Kunst sollen Ehrfurcht erzeugen“. Bauten der Moderne fehlen ebenso wie die gesamte arabisch-islamische Kultur. Der Gipfel menschlichen Schaffens, wird deutlich suggeriert, sei ausschließlich der westlichen Kultur zu verdanken, insbesondere gottesfürchtigen Männern, deren Hände heroisch Stein auf Stein schichteten. Mit echter Kulturkritik hat all das nichts zu tun, und doch teilen Tausende, darunter auch eigentlich vernünftige Menschen, begeistert die verführerisch aufbereiteten Inhalte. Die Bildunterschrift von @culture_crit zu einem Kitschbild eines märchenhaft verschneiten Moskau im Schnee: „What’s preventing you from moving to Russia?“

Auf Facebook wiederum breitet sich das Netzwerk „Architecture Uprising International“ schnell aus. Initiiert von Peter Olsson, einem Systemadministrator aus Schweden, gibt es inzwischen regionale Gruppen von Island bis Israel, die deutschsprachige „Architektur-Rebellion – Lasst uns wieder schöner bauen“ hat als Motto: „Gemeinsam machen wir der klotzigen Neubau-Hässlichkeit ein Ende und bringen wieder Schönheit, Lebensqualität und Nachhaltigkeit in unsere Städte!“

Dass sich eine breite Bewegung für mehr Schönheit in den Städten einsetzt, dagegen lässt sich nichts sagen. Dass hier vieles im Argen liegt – etwa ein Vernachlässigen von Handwerk, Dauerhaftigkeit und Detail –, stimmt ebenso. Die Gründe dafür sind vielfältig. Doch die Kritik an der Banalität des gebauten Alltags beschränkt sich meist auf das Einsortieren der gesamten Baugeschichte in zwei Töpfe: traditionell und modern. Befeuert von einem Grundton aggressiver Dauererregung: Menschen schreien Fotos im Internet an. Die Sanierung eines Gründerzeithauses in Ostdeutschland, der der Fassadenschmuck zum Opfer fiel, kommentiert der architekturrebellische Administrator so: „Bringt den Stuck wieder an, aber dalli! Sonst knallt’s, versprochen!“, gefolgt von drei Feuer-Emojis.

Was ist das Problem daran? Zum einen, dass es so etwas wie „klassische“ und „traditionelle“ Architektur nicht gibt. Unterschiedlichen Baustilen liegen unterschiedliche Haltungen zugrunde. Gotik, Barock und Historismus durchliefen Phasen, in denen sie als hässlich galten, und die anonyme Alltagsarchitektur ist ein ganz eigenes Kapitel. Die Boulevards von Paris und das Wien der Gründerzeit zerstörten die Stadt des Mittelalters und Biedermeiers, waren also im Grunde antitraditionell. Der sich als modern verstehende Otto Wagner hätte sich gegen eine Einordnung als Traditionalist mit Händen und Füßen gewehrt.

Reaktionäre Ideen

Auch die Moderne lässt sich nicht in einen Topf werfen: Die Massenproduktion des Bauwirtschaftsfunktionalismus, der bildhauerische Brutalismus, die bunt-verspielte Postmoderne, der wilde Dekonstruktivismus, das regionale Bauen oder der Holzbau haben nur wenig gemeinsam. Auch die Kritik an der Moderne und dem städtebaulichen Kahlschlag der Nachkriegszeit ist bereits 50 Jahre alt.

Sich im Jahr 2024 an Le Corbusier, Mies van der Rohe und dem Bauhaus abzuarbeiten und Barrikaden an Frontlinien aufzustellen, die längst obsolet sind, ist, als würde man heute noch Beethoven gegen „langhaarige Beatmusiker mit Stromgitarren“ ausspielen. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich manche Rebellen gar nicht wirklich für Architektur interessieren. Aber was steckt dann dahinter? „Schönheit und Tradition sind Codewörter für weiße Suprematisten geworden, die an den Großen Austausch glauben, an das Ende des christlichen Europa durch Immigration“, schrieb der britische Architekturkritiker Robert Bevan 2022. „Klassizismus ist an sich nicht politisch rechts, aber traditionelle Architektur wurde zu einem Vehikel für die Rechte und die extrem Rechte.“ Extrem rechte Gruppen wie die in den USA beheimatete Identity Evropa werben mit antiken Statuen, die National Rifle Association (NRA) prangerte moderne Architektur 2017 als Symbol liberaler Dekadenz an, die Verschwörungstheorie-Website Infowars ein Video mit dem Titel Why modern architecture SUCKS.

Agitatoren wie Tucker Carlson haben hier offenbar genau hingesehen und sich ein Beispiel genommen. Es ist schließlich so einfach: Ein paar Bilder und ein paar Schlagworte genügen als Trigger für die Erregung, mehr Auseinandersetzung mit Architektur braucht es nicht. Die Baugeschichte der Menschheit ist endlos faszinierend, widersprüchlich, kompliziert und natürlich auch kritikwürdig. Sie für einen Kulturkampf zu instrumentalisieren ist nicht nur gefährlich, sondern schlicht: kulturlos.

16. Dezember 2023 Der Standard

Fifty-fifty mit Fix und Flex

Wohnen und arbeiten unter einem Dach: Klingt einfach, ist aber sehr kompliziert, vor allem wenn man bei null beginnt. Im Wiener Nordbahnhofviertel hat eine engagierte Gruppe gemeinsam mit Architekten und Bauträger ein Pionierprojekt gestemmt, das es so noch nicht gab. Ein Hausbesuch in der Hauswirtschaft.

Der Wuzler steht schon da, die Sitzmöbel und die Theke für die Rezeption fehlen noch. Nebenan dröhnen noch die Bohrer, hier wird bald ein Veranstaltungssaal inklusive Bar täglich seine Türen öffnen. Vor der Glasfront stehen auf dem Boden die Großbuchstaben H und W. Daneben steht Peter Rippl, und auf seinem Sweatshirt prangt ein Logo, das ebenfalls aus den Buchstaben H und W besteht. „Wir sind vor drei Monaten eingezogen, aber es gibt immer noch viel zu tun“, sagt er. „Das Haus in Betrieb nehmen, für das Haus werben und dann auch noch selbst einziehen, mit allem, was dazugehört.“

Peter Rippl ist vieles gleichzeitig: Er ist Ein-Mann-Unternehmer und Teil eines Schwarms. Denn der Shiatsu-Praktiker ist Mitgründer der genossenschaftlichen Baugruppe „die Hauswirtschaft“, bei der er heute gemeinsam mit Angela Kohl als Geschäftsführer agiert. Sie alle haben etwas geschafft, das es in Wien bisher noch nicht gab. 48 Wohnungen und 3500 Quadratmeter Gewerbe unter einem Dach, selbst organisiert. Das Mischverhältnis aus Wohnen und Nichtwohnen ist es, was Gründerzeitvierteln ihren städtischen Charakter gibt, doch eine solche Mischung in einem neuen Quartier aus dem Nichts zu zaubern, das ist eine Königsdisziplin. Vom Sonnwendviertel bis Transdanubien hat man gesehen, wie schwer sich die Wohnbauträger damit tun.

Sockel und Würfel

Als Partner fand man die bereits baugruppenerfahrenen Architekten Einszueins (Wohnprojekt Wien, Gleis21) und den Bauträger EGW. Ein Forschungsprojekt der TU Wien namens Open Haus Wirtschaft lieferte erste Erkenntnisse. Als Ort für das Experiment fand sich ein dreieckiges Grundstück im Nordbahnhofviertel, eingeklemmt neben einem Hochhaus mit schmalem, aber unverbaubarem Blick auf den grünen Park der „Freien Mitte“. Von außen erkennt man die Zwei-Komponenten-Idee auf den ersten Blick: ein rotbrauner dreigeschoßiger Sockel unten für die Wirtschaft, ein cremeweißer Kubus obendrauf fürs Haus. Im Inneren merkt man jedoch schnell: Es ist kompliziert.

Das beginne, sagt Peter Rippl, schon bei der Frage, welche Türen von wem geöffnet werden können. Das 280-Quadratmeter-Foyer empfängt Wohnende, Werkende und Gäste, bevor sich die Wege dann im Haus verzweigen. Noch dazu werden die Büros, Studios und Werkstätten sowohl von Bewohnern als auch von externen Mieterinnen genutzt. Da freut man sich über das freundliche und farbenfrohe Leitsystem an den Wänden.

Wir steigen hinauf in den ersten Stock. Schmale Korridore mit Zimmerfluchten rechts und links gibt es hier ebenso wenig wie uferlose Großraumbüros, stattdessen ein in vielen abendfüllenden Sitzungen von Baugruppe und Architekten ausgetüfteltes System aus sogenannten Fix- und Flexräumen. Dessen Vorteil liegt im Teilen und Anpassen. Teilbar sind: Besprechungsräume, Kojen für Zoomkonferenzen und fürs Telefonieren, Garderoben für Therapiepatienten, Kaffeemaschine, WCs.

„Früher hatte meine Shiatsu-Praxis 40 Quadratmeter, jetzt brauche ich die Hälfte“, erklärt Rippl. Besonders attraktiv ist die Fix-Flex-Kombi für Unternehmen, die je nach Saison oder Projekt schnell wachsen und schrumpfen – sie können für Stunden, Tage oder Wochen in die Flexräume hinein expandieren; natürlich in Abstimmung mit den mitspracheberechtigten Hauswirtschaftlern. Ein summender Bienenkorb der Schwarmintelligenz. Die Einnahmen aus der Vermietung an Externe finanzieren wiederum die Gemeinschaftsräume und Aktivitäten der Baugruppe.

Sisyphus-Felsbrocken

Das Konzept basiert auf einer doppelten Analyse der Marktsituation. Zum einen hatte die Gruppe erkannt, dass für viele Kleinunternehmerinnen weder teure, enge Co-Working-Spaces noch der Schreibtisch zu Hause geeignete Firmensitze sind. „Der Markt bietet diesen Leuten nur wenig bis nichts an“, sagt Rippl. Zum anderen war offensichtlich, dass die Nachfrage nach Wohnraum in Wien praktisch unstillbar ist – also kann man Bedingungen stellen. In diesem Fall: Leute, die im selben Haus auch arbeiten wollen. „Ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg war, dass wir die Wohnungen vorrangig an Leute vergeben haben, die auch Gewerbeflächen nutzen wollten.“ Damit das kleinmaßstäbliche Wirtschaften in möglichst produktiver Harmonie vonstattengeht, wurde genau auf die richtige Zusammensetzung geachtet. „Auch die Interessenten wollten wissen, wer schon dort angesiedelt ist, weil es ihnen wichtig war, dass sie sich vernetzen können, dass es Synergien gibt.“

Räume und Nutzerinnen, die permanent in Bewegung sind – ein hehres Ideal, doch baurechtlich kommt das einem simultanen Jonglieren mit mehreren Sisyphus-Felsbrocken gleich. Denn die strengen Normen für Luftwechselraten, Belichtung, Fluchtwege und Brandschutz verlangen nach unveränderbarer Eindeutigkeit. „Brandschutz und Haustechnik haben uns so einige schlaflose Nächte bei der Planung bereitet“, sagt Markus Zilker von Einszueins Architektur.

„Im Rückblick gab es vielleicht auch eine methodische Übertreibung, was die Komplexität des Ganzen betrifft.“ Die Bewältigungsarbeit aller Normen und Vorschriften drängt sich auch hier und da in die Räume. Grobe Brandschutztüren, gordische Knoten aus Lüftungsrohren. Angesichts der Energie, die der ganze Prozess kostete, war wenig Luft für Feintuning im Design. Die Bürde der Pioniere besteht darin, die Regeln des Möglichen zu schaffen. Die Nächsten, die das Modell umsetzen, dürfen es dann optimieren und feinschleifen.

Handbuch in Arbeit

Mit dem Lift ins oberste Stockwerk, vom Wirtschaftstrakt in den Wohntrakt, und das komplexitätsbeladene Hirn darf sich entspannen. Hier wird das Können des gemeinschaftliche Wiener Wohnbaus entspannt ausgespielt, mit großen Gemeinschaftsräumen, die dem dicht gepackten Haus, das seinen Bauplatz fast zu 100 Prozent auffüllt, die nötige Luft verschaffen. Eine riesige Gemeinschaftsküche für Bewohner und Arbeiterinnen mit Dachterrasse, und ganz oben die Sauna mit dem wohl besten Ausblick der Stadt.

„Eigentlich haben wir alles, was wir uns vor sieben Jahren gewünscht haben, jetzt hier im Haus“, sagt Peter Rippl. Die ersten potenziellen Nachahmer haben ihren Besuch schon angemeldet. Sieben Jahre Engagement, Gespräche, Verhandlungen und schlaflose Nächte: Lässt sich das Modell Hauswirtschaft so leicht reproduzieren? Ein Handbuch, sagt Markus Zilker, sei schon in Arbeit. „Aber man muss es sich wirklich trauen, man muss es wirklich wollen. Und es hängt alles an den einzelnen Personen, die das Ganze tragen.“

2. Dezember 2023 Der Standard

Muskelspiel im zarten Kleid

Das neue Wien-Museum am Karlsplatz wird eröffnet. Ein in großen Teilen gelungenes Weiterbauen der Fünfzigerjahre, mit stahlbetonierter Wucht im Inneren und Eleganz in der Fassade – und einem unglücklich überdimensionierten Eingang.

Dreieinhalb Jahre lang war das Wien-Museum am Karlsplatz die vielleicht öffentlichste Baustelle der Stadt. Das Ausräumen, der Bauzaun, der Abbau der Fassade, der Aufbau des 1150 Tonnen schweren Stahlgerüsts neben der Karlskirche, dessen Einkleidung in rauen Beton, all das ließ sich wie auf einer Bühne mitverfolgen und wurde vom Publikum kommentiert. Eine bewusste Entscheidung, den Prozess des Umbauens nicht, wie in Wien üblich, hinter schönen Schleiern zu verbergen. Als der Bau von Oswald Haerdtl zwischendurch auf seine osteoporotischen Knochen von Stahlbeton und dünnem Mauerwerk reduziert war, schrieben die Zeitungen von „Ruine“, und nicht wenige Passanten meinten, jetzt könne man den Bau auch gleich abreißen. Tat man natürlich nicht.

Jetzt ist die Baustelle abgeschlossen, die Exponate der Dauerausstellung sind eingezogen, am 6. Dezember wird termingerecht eröffnet. Das „Wien Museum Neu“ zeigt eine selbstbewusste Präsenz zwischen den Nachbarn Künstlerhaus, Musikverein und der alles dominierenden Karlskirche.

Zum ersten Mal, denn der Ursprungsbau von Oswald Haerdtl, im April 1959 eröffnet, wirkte immer etwas verzagt, wie ein Tourist vom Stadtrand, der sich ins Zentrum verirrte. Mit seinen Fensterreihen, dem Ausstellungsbetrieb eher hinderlich, ähnelte es mehr dem Verwaltungsbau einer kleinen Gewerkschaft als einem Museum.

Moderat modern

„Der Bau ist bis heute ein ungeliebtes architektonisches Kind der Stadt“, urteilte der Kritiker Friedrich Achleitner in seinem Standardwerk zur österreichischen Architektur. „Die frühen Fünfzigerjahre waren eine denkbar schlechte Zeit für den Bau und die Konzeption eines Museums.“ Dafür spielte das Haus seine Qualitäten im Inneren aus, dessen handwerkliche Details ein erstes Wiederaufblühen von Eleganz in der frühen Nachkriegszeit versprachen. Es war „moderat modern“, wie es 2005 eine Ausstellung im Wien-Museum nannte. Solide statt revolutionär. Spätere Umbauten verwässerten die Intention Haerdtls allerdings.

Nach langwierigen Standort-Debatten wurde beschlossen, das Museum am Karlsplatz zu belassen, der 2013 beschlossene und 2015 durchgeführte Wettbewerb sah die dringend nötige Erweiterung der Ausstellungs- und Lagerflächen vor. Es war die Ära, in der sich Architektinnen und Architekten gerade bei Museumswettbewerben in Spektakel-Großformen überboten, doch gewann unter den 274 internationalen Einreichungen ein relativ moderater Entwurf. Das Team aus Roland Winkler, Klaudia Ruck und Ferdinand Certov stellte Haerdtl keinen Konkurrenten vor die Nase, sondern setzte ihm einen maßgeschneiderten Deckel auf.

„Ich denke, wir haben Oswald Haerdtl lieben und schätzen gelernt“, erinnert sich Roland Winkler. „Wir wollten das, was uns das Gebäude mitgeteilt hat, nicht verstecken oder verbauen, sondern betonen, unterstreichen, vielleicht sogar ein bisschen zelebrieren. Ein Haerdtl in der zweiten Reihe war für uns keine Option. Wir wollten ihn wieder nach vorne holen, sozusagen in die energetische Präsenz des Karlsplatzes.“

Energetische Präsenz

Die Respektsbekundungen vor Haerdtl waren glaubhaft, und das zeigt sich jetzt im Ergebnis – vor allem in der Arbeit mit dem Material. Die alt-neue Fassade beantwortet die Frage, wie viel Originalsubstanz in einem Denkmal stecken muss, wohlüberlegt. Die in den 1980er-Jahren ersetzten Steinplatten wurden durch hellen Kalkstein ersetzt, der dem ursprünglichen Charakter nahekommt. Die Fenster-Trilogie aus Aluminium, grauem Kalkstein und blaugrauem Marmor wurde harmonisch-historisch abgestimmt, die denkmalgeschützte Stiege im Inneren elegant mit den heutigen Normen in Einklang gebracht, an sich eine Unmöglichkeit.

Doch die „energetische Präsenz ist vor allem den zwei neuen Geschoßen zu verdanken, die das Museum endlich zu angemessenem Selbstbewusstsein im Stadtraum verhelfen. Die Fassade der ganz oben thronenden Halle für Wechselausstellungen, verkleidet in Sichtbeton mit unregelmäßig geriffelten vertikalen Graten der Bretterschalung, verbindet rurale Handwerklichkeit mit urbaner Industrie. Im offiziellen Wording ein „Schwebegeschoß“, weil im Wettbewerb eine Aufstockung nicht gewünscht war. Zwar können tausend Tonnen Stahl nicht schweben, doch die Entscheidung, dem Altbau keinen Zweitbau aufzusetzen, sondern einen oberen Abschluss zu geben, war richtig.

Während sich dieser Kubus ganz nach innen wendet, ist das darunterliegende verglaste Fugengeschoß das große Geschenk an die Wiener, denn von hier aus lässt sich die unklare Gegend namens Karlsplatz erstmals visuell erfassen. Selfies von hier werden künftig die sozialen Medien fluten, so viel ist sicher.

Dass von Schweben wirklich nicht die Rede sein kann, spürt man sofort, wenn man den ehemaligen Lichthof im Herz des Museums betritt. Hier wird die ganze Last von Stahl, Beton, Besuchern und Exponaten mit solch sichtbarer Wucht mitten durch Haerdtl und 40 Meter tief in den Wiener Boden transportiert, dass man die stählernen Muskelstränge in den massiven Betonwänden ächzen zu hören glaubt.

Das neue Stiegenhaus, das als Halbzylinder oben in den Raum hineinragt, ist ein skulpturaler Bonus dieses Festivals der Lastabtragung. Das ist visuell beeindruckend – und doch wünscht man sich beim erlebnisdichten Gehen durch die Räume zwischen diesen Massen, dass diese um 20 Prozent größer wären. Viel Luft bleibt, trotz einer Fast-Verdopplung der Ausstellungsfläche, nicht.

Diese innere Hochverdichtung soll der neue Vorbau am Karlsplatz ausbalancieren, doch tut er dies mit einem Zuviel an Leerraum. Mit seinen großen Flächen aus finsterem Sonnenschutzglas wirkt der übergroße Kubus wie das Entree einer südamerikanischen Bank und bringt mit seiner Grobheit die von Winkler, Ruck und Certov fein austarierte Maßstäblichkeit des betonüberschwebten Haerdtl-Baus durcheinander, im Inneren degradiert der überhöhe Raum das sorgsam polierte alte Fifties-Portal zum Schlupfloch.

Hier gilt künftig: Augen zu und durch, denn nach diesem bombastischen Auftakt wird das Ineinandergreifen von Alt und Neu zur idealen Entsprechung des Selbstverständnisses eines städtischen Museums.

[ Eine Publikation zur Architektur des Hauses ist bei Müry Salzmann erschienen. ]

11. November 2023 Der Standard

„Jedes Gebäude hat seinen eigenen Klang“

Er baut wenig und langsam, er nimmt sich Zeit. Seine Bauten sind eher leise als laut. Kommende Woche gastiert der 80-jährige Schweizer Architekt Peter Zumthor beim Festival Wien Modern. Ein Gespräch über Musik und Räume – und über die Emotionen, die mit beidem verbunden sind.

Man muss nicht Schopenhauers fast zu Tode zitiertes Bonmot von der Architektur als gefrorener Musik bemühen, um auf die Parallelen zwischen diesen beiden Disziplinen zu verweisen. Harmonie, Rhythmus und Raum gehören für Architektinnen und Musiker zum Handwerkszeug. Der Schweizer Architekt Peter Zumthor, seit seiner Kindheit Musikliebhaber, hat in Zusammenarbeit mit dem Wiener Musikverein und dem Festival Wien Modern anlässlich seines 80. Geburtstags ein Programm mit 13 Konzerten und acht Werkstattgesprächen zusammengestellt. der STANDARD traf ihn vor seinem Wien-Gastspiel zum Gespräch.

STANDARD: Nächste Woche gastieren Sie beim Festival Wien Modern. Welche Rolle spielt Musik für Sie? Hören Sie Musik, während Sie entwerfen?

Zumthor: Architektur und Musik sind bei mir nicht getrennt. Es gibt aber Arten von Arbeit, bei denen ich keine Musik brauchen kann. Wenn ich gut drauf bin und zeichne, höre ich am liebsten das Miles-Davis-Quintett aus den späten 50er-Jahren. Das ist zwar keine Neue Musik wie bei Wien Modern, aber es hat eine spannungsgeladene Energie, die ich schätze. Dann gibt es besinnliche Stunden, in denen ich andere Dinge höre.

STANDARD: Eigentlich assoziiert man mit Ihrem gebauten Werk eher Stille als Musik. Ist es ein Ziel Ihrer Architektur, Stille zu evozieren?

Zumthor: Nein, überhaupt nicht. Jedes Gebäude hat seinen eigenen Klang. Es gibt verschiedene Arten von Stille, und es gibt auch Musik, die Raum produziert. Wurde die Orgel für die gotische Kirche erfunden? Oder wurde die gotische Kirche erfunden, damit man gut Orgel spielen und singen kann? Musik ist eine Kunst, die uns sehr direkt und unmittelbar berühren kann. Vielleicht kann ich das auch mit meinen Räumen erreichen.

STANDARD: Sie haben oft erwähnt, dass Ihre frühesten musikalischen Prägungen die Gesänge in der Kirche waren. Also eine Einheit von musikalischem und räumlichem Erlebnis.

Zumthor: Meine Mutter hat als junge Frau zu Hause bei der Arbeit immer gesungen. Mir gefiel ihre Stimme. In der katholischen Kirche hat mich als Bub immer beeindruckt, wie die ganze Gemeinde gemeinsam am Ende des Gottesdienstes „Großer Gott, wir loben dich“ sang. Singen als Gemeinschaftserlebnis. Das war ein schöner Kontrast zu allen anderen Dingen, die im Gottesdienst gesagt wurden, bei denen ich immer das Gefühl hatte, es ist eine große Heuchelei. Aber die Musik war davon unberührt. Musik bewusst erlebt habe ich etwas später, als ich begann, Jazz zu hören. Das war ein großes Erlebnis in der biederen Schweiz der 1950er-Jahre, als die Lehrer und Eltern ihre Kinder noch aus erzieherischen Gründen schlagen durften. Und da war diese Übertragung des Amateur-Jazzfestivals in Zürich, da spielte ein junger Schweizer Trompete wie der liebe Gott persönlich, wie eine Mischung aus Chet Baker und Miles Davis. Das hat mich umgehauen. Das war ein Fenster in eine neue Welt.

STANDARD: Wie schafft man als Architekt emotionale Räume, wenn Emotionen etwas sehr Individuelles sind? Gibt es dafür ein Handwerkszeug?

Zumthor: Ein Handwerkszeug gibt es ganz sicher, aber wenn man das Handwerk gut beherrscht und sich ganz viel Mühe gibt, heißt das ja noch nicht, dass die Musik oder die Architektur automatisch gut wird. Es gab Zeitgenossen von Bach, die haben den Kontrapunkt wohl gleich gut verstanden wie er, aber konnten ihm trotzdem nicht das Wasser reichen. Wenn ich meine Arbeit anschaue, denke ich, dass ich ein Talent geschenkt bekommen habe, für das ich gar nichts kann. Na ja, das klingt jetzt ein bisschen zu schweizerisch bescheiden. Oder vielleicht zu großspurig?

STANDARD: In der medialen Darstellung gelten Ihre Bauten oft als puristisch. Doch viele Details wie die in Mahagoni und Leder ausgeführten Umkleiden der Therme Vals sind geradezu opulent und theatralisch. Resultiert das aus Ihrer Erfahrung als Katholik in der protestantischen Schweiz?

Zumthor: Für Vals haben wir die alte Bäderkultur studiert. Die Sportbäder, die damals viel gebaut wurden, haben uns nicht interessiert. Wir reisten nach Budapest und in die Türkei, besuchten Hamams, Dampfbäder, Mineralbäder, wir erlebten Baden als uraltes Reinigungsritual. Die Therme Vals ist das erste zeitgenössische Bad, das sich zurückbesinnt auf diese ursprünglichen Baderituale. Der Besucher der Therme verwandelt sich Schritt für Schritt in einen ganz besonderen Badegast. Das Ablegen der Kleider, das Hinabsteigen in die Landschaft der Bäder, das Erlebnis von Licht und Schatten, von Wasser in verschiedenen Temperaturen – all das hat etwas Theatralisches, aber vor allem etwas Sinnliches. Stein, Wasser, Licht und Schatten. Schöne Hölzer, Messing, Leder, nackte Haut.

STANDARD: Welche Rolle spielt der Begriff der Schönheit für Sie?

Zumthor: Vor 20 Jahren habe ich in einem Essay geschrieben: „Hat die Schönheit eine Form?“ Sie hat tausend Formen. Ich suche nicht nach Objektivität, ich suche nach persönlicher Berührung. Wir alle empfinden Schönheit in der Natur. Wenn man Peter Handke liest, hat man das Gefühl, er würde wohl am liebsten Bücher schreiben, die die gleiche Selbstverständlichkeit haben wie ein Baum, der im Wald gewachsen ist. Die natürliche Schönheit der Natur ist auch mir ein Vorbild.

STANDARD: Derzeit entsteht in Los Angeles Ihr größtes Projekt, der Neubau des Los Angeles County Museum of Art (LACMA). Ein völlig anderes Umfeld als das europäische, in dem Sie sonst bauen. Eine interessante Abwechslung oder sogar eine Befreiung für Sie?

Zumthor: Meinen Entwurf für das LACMA kann ich mir nirgends in Europa vorstellen, schon gar nicht in der Schweiz. Die Geste und der Maßstab des neuen Gebäudes passen in die Landschaft von L.A. Wir versuchen, einen Ort zu schaffen, wo es noch keinen Ort gibt. L.A. ist ein filmischer Ort, in dem die Häuser an einem vorbeiziehen. Mit dem Museumsneubau machen wir eine städtebauliche Setzung, öffentlicher Raum soll entstehen. Ich glaube, das wird uns gelingen.

STANDARD: Zahlreiche US-Künstler und -Architekten haben das kuratorische Konzept des Museums und das horizontale Raumkontinuum kritisiert. Was ist Ihre Reaktion darauf?

Zumthor: Innovative Neubauprojekte werden immer kritisiert, weil man das Neue nicht versteht und auch nicht sieht. Diese Kritik zu ertragen gehört zum Geschäft des Architekten. Steht das Gebäude einmal da und hat die Ausstrahlung und Präsenz, die wir uns erträumt haben, gewinnt es Liebhaber. Die kritischen Stimmen werden weniger. Das habe ich immer wieder erlebt. Gott sei Dank. Und es gibt auch jetzt schon Lob. Als ich im Frühjahr dort war, gab es ein Barbecue für die Bauarbeiter, und dann haben 350 Bauarbeiter zu meinem 80er Happy Birthday für mich gesungen. Ich mag die Melodie zwar überhaupt nicht, aber das war ein berührender Moment.

STANDARD: Ein Echo der Kirchenchöre aus der Kindheit, am anderen Ende der Welt.

Zumthor: Ja, könnte man so sagen!

STANDARD: Das Wien-Modern-Programm findet unter anderem im Musikverein statt, der als einer der akustisch besten Räume der Welt gilt. Ein Konzerthaus fehlt noch in Ihrem Werkverzeichnis. Würden Sie gerne noch eines bauen?

Zumthor: Ja, ich würde gerne einen Raum für zeitgenössische Musik oder Kammermusik entwerfen oder ein schön gelegenes Berghotel aus Holz. Wer weiß?

Peter Zumthor, geboren 1943 in Basel, gründete 1979 sein Architekturbüro in Graubünden, wo er bis heute mit einem kleinen Team arbeitet. Zu seinen Bauten gehören die Therme Vals, das Kunsthaus Bregenz und das Kunstmuseum Kolumba in Köln. 2009 wurde er mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet.

4. November 2023 Der Standard

Ornament und Zukunft

In Taschkent kombinierten sowjetische Architekten die Moderne mit Elementen aus der traditionellen Architektur zu einem zentralasiatischen Futurismus. Jetzt werden die Bauten jener Zeit wiederentdeckt. Ein Reisebericht aus Usbekistan.

Ein dunkles Rechteck in den hellen Fliesen markiert die Stelle, wo er stand: Wladimir Iljitsch Lenin, sechs Meter hoch. Heute ist die riesige Halle leer, aber immer noch aufgeladen mit quasireligiöser Bedeutsamkeit, auch wenn die Statue längst entsorgt wurde. 1970 wurde das Lenin-Museum in Taschkent, Hauptstadt der usbekischen Sowjetrepublik, eröffnet. Bald sollte jede Republik eines haben, doch dieses hier sei besonders, sagt Farkhod Rikhsiev, Professor für Architektur an der Ajou University Taschkent. „:innen ein geschlossenes Atrium und außen eine luftige Fassade, das sind Elemente der traditionellen Architektur in Usbekistan.“

Schaufenster des Orients

Das ist kein Zufall, denn die damaligen Architekten Jewgeni Rozanow und Wsewolod Schestopalow ließen sich von den Panjaras inspirieren, den verzierten Gittern, die im heißen Wüstenklima als Sonnenschutz fungieren. Nur eben in zeitgenössischem Fertigteilbeton, dem sie eine erstaunliche Filigranität abluchsten. „Bei Nacht strahlt das Innere durch dieses Gitter wie eine festliche Laterne“, sagt Rikhsiev. Es ist nicht die einzige erstaunliche Symbiose aus Moderne und Bautradition in der 2,4-Millionen-Einwohner-Stadt. Auch die Fassade des 17-stöckigen Hotel Uzbekistan (1974) erinnert an eine Panjara, monumental und zart zugleich.

Warum spazieren dutzende Architektinnen, Architekturforscher und Journalisten an diesen warmen Oktobertagen durch die usbekische Hauptstadt? Es ist ein Testlauf auf künftigen Touristenrouten. Das hofft zumindest die 2017 vom Staat gegründete Art and Culture Development Foundation (ACDF), die sich dem Kulturtransfer zwischen Usbekistan und der Welt widmet. Während historische Städte wie Samarkand und Buchara längst Touristenmagneten sind, wird Taschkent meist nur als Transferstation genutzt.

Denn dessen Altstadt wurde 1966 durch ein Erdbeben stark beschädigt, was ehrgeizige Planer zum Anlass nahmen, auch die Reste zu beseitigen und ihre großen Visionen zu realisieren: breite Straßen, riesige Plätze, Prestigebauten für das „Schaufenster des sowjetischen Orients“ – dies war die Rolle, die man in Moskau der damals viertgrößten Stadt der UdSSR zugeteilt hatte. Das schnelle und multikulturelle Bevölkerungswachstum Taschkents nach 1966 stärkte diese Position als Knotenpunkt der Weltregionen noch.

Heute gehört die Ära der Sowjetmoderne (der das Architekturzentrum Wien 2012 schon eine vielbesuchte Schau widmete) zum Kulturgut, und die relativ kleine usbekische SSR hat hier einiges beigetragen: der bombastische Palast der Volksfreundschaft von 1981, der hektargroße Flächen aus tiefblauer Keramik und wie KI-generiert wirkende traubenförmige weiße Kronleuchter in einem Kubus aus zipfeligem Beton unterbringt. Die beiden mosaikverzierten Ufo-Scheiben von Zirkus und Basar. Die Kinos, die Museen, die Restaurants, Kaufhäuser und Theater.

Jenseits aller Typologien

„Wir wollen Taschkent wieder zur Kulturdestination machen“, sagte Gayane Umerowa vom ACDF bei der Eröffnung der dreitägigen internationalen Konferenz „Where in the world is Tashkent?“. Für 2024 plant man eine Buchpublikation, eine Ausstellung am Schweizer Architekturmuseum in Basel und nicht zuletzt die Bewerbung als Unesco-Weltkulturerbe.

Ein Team um die Forscher des Politecnico di Milano, die Architekturbüros Grace und Laborio Permanente, der Fotograf Armin Linke sowie der in Usbekistan geborene Architekturhistoriker Boris Chukhowitsch erstellten ein Inventar aus 40 Bauwerken, von denen 23 als besonders schützenswert ausgewählt wurden. „Nach 1966 war Taschkent so etwas wie das Experimentierlabor in Zentralasien“, sagt Architektin Ekaterina Golowjatuk von Grace. „In der UdSSR gab es besondere Bautypen, die in vielen Städten reproduziert wurden. Haus der Jugend, Hochzeitspalast, Basar, Zirkus, Lenin-Museum. Dabei kam es aber immer wieder zu regionalen Abwandlungen.“ Auch Einzigartiges jenseits aller Typologien, wie die 1987 eröffnete Heliocomplex-Anlage in den Bergen außerhalb Taschkents, die durch die Bündelung von Sonnenstrahlen Temperaturen von 3000 Grad erzeugt und wie die Zentrale eines Bond-Bösewichts futuristisch auf den Felsen thront.

Aber auch ganz gewöhnliche sozialistische Wohnblocks wurden von ambitionierten Architekten orientalisiert, mit farbenfrohen Mosaiken an den Stirnseiten und fast schon postmodern verspielten Fensterformen, weit jenseits des Klischees vom banalen Plattenbau.

Erst recht meilenweit von der Serienproduktion entfernt geriet das 16-geschoßige Wohnhochhaus Zhemchug (1979–85), dessen durchsetzungsstarke Architektin Ophelia Aydinowa sich dem Fertigteildiktat verweigerte und eine organisch-runde Formen realisierte. Auch sie fusionierte das vernakuläre Bauen mit der Zukunft. Sie stapelte die Mahallas, die privaten Wohnhöfe der niedrigen Altstädte, konzeptionell in die Höhe: Jeweils drei Wohngeschoße orientieren sich zu einem Innenhof hoch über den Dächern der Stadt. Hier spielen Kinder Fußball, hier hängt die Wäsche von den Leinen, und inzwischen haben die Bewohner die Fronten ihrer Wohnungen mit kreativem Eigensinn ausgestaltet, als wären es tatsächlich Einfamilienhäuser. Ein wilder Individualismus, der die Architektur keineswegs stört. Ein Wohnhochhaus ganz ohne Anonymität: Daran arbeiten sich heute wieder weltweit die Architekten ab. Aydinowa war ihrer Zeit weit voraus.

Metro zum Weltraum

Zum Schluss taucht unser Spaziergang ab in den Untergrund, denn auch hier warten Prestigebauten. Die Stationen der Metro Taschkent, der ersten in Zentralasien, wurden mit großem Aufwand ausgestaltet. Besonders far out: die Station Kosmonavtlar (1984). Ein weißes Leuchtenband in der Mitte evoziert die Milchstraße, an den Wänden winken Juri Gagarin und seine kosmischen Kollegen aus runden Bildern wie durch die Bullaugen eines Raumschiffs. Die von Blau zu Weiß changierenden Keramikwände sollten laut Architekt Sergo Sutjagin das Auflösen in die Endlosigkeit des Weltraums evozieren. Ornament und Zukunft, vereint in gebranntem Stein.

Hinweis: Die Reise nach Taschkent erfolgte auf Einladung der ACDF.

21. Oktober 2023 Der Standard

Tirol liegt am Fjord

Eine Ausstellung im Kunsthaus Mürz zeigt Bauten des Büros Snøhetta, die sich an die Ränder der Wildnis vorwagen, sowohl in Norwegen als auch in Österreich. Ein Paarlauf in alpin-nordischer Disziplin.

Es ist ein Betriebsausflug der besonderen Art, den diese Firma alle zwei Jahre veranstaltet. Die mittlerweile 400 Architektinnen und Architekten, die an neun weltweiten Standorten ar-beiten, versammeln sich im Dovrefjell-Gebirge in Mittelnorwegen und stapfen in Funktionskleidung durch Schotter und Schnee, um einen Berg zu besteigen. Der Name des Berges: Snøhetta. Der Name des Büros: Snøhetta. Eine naheliegende Idee also, könnte man sagen. Doch, sagt Bürogründer Kjetil Thorsen, so einfach war es dann doch nicht mit der Namensgebung.

Natürliche Erhabenheit

„Unser erstes Büro in Oslo war über einer Bierstube namens Halle von Dovre“, erzählt Thorsen. Die gleichnamige Bergregion ist mittels der Formulierung „til Dovre faller“ (bis Dovre fällt) seit 1814 in der norwegischen Verfassung als nationaler Gedanke ewiger Unabhängigkeit verankert. Ein feierlicher Schwur, auf den sich schon der eine oder andere Humpen heben lässt; und von dort war es nur ein Assoziationseck weiter zum schönen Namen Snøhetta.

Städtische Feierlaune und natürliche Erhabenheit, dieser Paarlauf zieht seinen Slalom durch das ganze Werk des 1989 gegründeten Büros, das mit dem schneeweißen Opernhaus in Oslo in die Weltliga aufgestiegen ist. Heute hat man Niederlassungen in Oslo, Paris, Innsbruck, New York, Hongkong, Shenzen, Adelaide, Melbourne und San Francisco.

Ausschließlich dem natürlichen Aspekt hat sich eine monografische Ausstellung verschrieben, die derzeit am Kunsthaus Mürz zu sehen ist. Arctic Nordic Alpine macht einen Bogen um die spektakulären Kulturbauten und versammelt stattdessen vor allem kleine Projekte, die dort angesiedelt sind, wo sich Wanderwege ins Nichts verlaufen und die Elemente die Kontrolle übernehmen. Im Hochgebirge, im Schnee, am Fjord.

Insgesamt 26 Bauten sind als feingezeichnete Planskizze auf dicht nebeneinandergehängten Papierbahnen zu lesen, zwischen denen man sich behutsam durchschlängeln muss. Spurenelemente und Skizzen von Architektur wie der Panoramaweg hoch über Innsbruck mit seinen in die Landschaft gezeichneten Aussichtsbalkonen oder die 55 knapp unter der Wasseroberfläche gesetzten Steine in Brønnøysund, die nur bei Ebbe begehbar sind.

„Es sind Bauten an sensiblen Orten, die die Architektur nur begrenzt verbessern kann“, sagt Kjetil Thorsen. Die Minimierung des Fußabdrucks wird so zur entscheidenden Entwurfsaufgabe. So wie bei der gerade mal 30 Quadratmeter großen Schutzhütte am Akrafjorden, deren Baumaterialien bis auf einen Stahlträger alle per Pferd transportiert wurden. „Was wir Architekten tun können, ist, mit architektonischen Mitteln auf die Natur zu zeigen und Bewusstsein bei den Menschen zu schaffen. Es geht uns immer darum, die Landschaft zu lesen. Wichtig ist es, die Grenzlinie zu definieren, ab der die Natur in Ruhe gelassen werden soll.“ So wie bei der Aussichtshütte Tverrfjellhytta, die mit Blick auf den Snøhetta genau an die Grenze zwischen Mensch- und Rentier-Territorium gesetzt wurde. Eine Art kleine Glasschatulle mit behaglicher Sitzlandschaft, ein nordisches Sofa in einem Schaufenster, mit der Gebirgskulisse als Fernsehprogramm. Didaktik, verpackt als Ästhetik. Oder auch: Natur als Konsumgut.

Frage des Fußabdrucks

Bei aller Schönheit wird der Weg ins Nordische und Alpine zur Gratwanderung, bei der sich die Frage stellt: Soll man noch mehr Besucher an Orte locken, die an sich schon fragil sind, um den Besuchern die Einsicht in ebendiese Fragilität zu vermitteln? Ist ein kleiner Fußabdruck akzeptabel, wo gar kein Fußabdruck noch besser wäre?

Diese Frage stellt sich Snøhetta auch selbst; als Antwort hat das Büro das System Powerhouse entwickelt. „Powerhouse-Gebäude produzieren ihre eigene Energie und haben daher die graue Energie, die sie für den Bau verbraucht haben, schnell amortisiert“, erklärt Patrick Lüth, langjähriger Leiter des Innsbrucker Büros. Inzwischen wurden sechs Powerhouse-Projekte realisiert. Das erste davon war das kreisförmige Hotel Svart knapp über dem Polarkreis, das pro Jahr etwa 85 Prozent weniger Energie verbraucht als gewöhnliche Hotels.

Etwas weniger landschaftlich hochsensibel ist die Lage des Hotels, das Snøhetta in Tschagguns im Montafon errichteten. Hier bestand direkt daneben schon ein Kraftwerk, was Maßstäbe in puncto visueller Massigkeit setzte. Im Alpbachtal wiederum errichtete das Büro in einem neu erschlossenen Skigebiet eine Skilift-Bergstation inklusive eines konsumfreien Selbstversorgerraums. „Das Prinzip Jause ist auch sehr typisch für Norwegen – das verbindet beide Länder“, sagt Patrick Lüth. Die „Bergjuwel“ genannte Bergstation im Alpbachtal lässt sich als Versuch deuten, eine ausgebeutete Landschaft zu lesen und ihr etwas Ruhe und Respekt abzuringen. Schöne Holzoptik inmitten der Zerstörung, Konsumfreiheit inmitten der Unersättlichkeit goldgegerbter Tiroler Liftkaiser. Auch eine Gratwanderung.

Oder, wie Kjetil Thorsen sagt, auch ein Modell für die nahe Zukunft. „Das 1,5-Grad- und eigentlich auch das 2-Grad-Ziel sind nicht mehr erreichbar. Wir spüren in Norwegen die Klimaveränderung, und in den Alpen genauso. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als adaptiv zu denken. Die Architektur kann hier Ideen liefern, denn sie war immer schon ein vorausdenkender Beruf.“

Im eisigen Permafrost

Schlusspunkt und Extrempol des alpin-arktischen Dialogs: Longyearbyen, 1300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Eingegraben im eisigen Permafrost befindet sich das Svalbard Global Seed Vault, in dem die Samen der Erde aufbewahrt werden, um eine wie auch immer geartete Katastrophe zu überdauern. Ein unsichtbares Riesenbauwerk, dem Snøhetta Sichtbarkeit an der Oberfläche verschafften. Zuerst in Form eines Servicegebäudes, in dem die Samen registriert werden. Eine flache, kantige Box aus schwarzem Stahl, auf dünnen Stelzen über dem Schnee; unaufdringlich, ohne banal zu sein. Der nächste Schritt, das Besucherzentrum Svalbard, wird Fußabdruck und Aufmerksamkeit vergrößern. Ein archaischer weißer Kegelturm, in dem man eine momentan geometrische Schneeverwehung oder einen aus der Erde gepressten Bohrkern sehen kann. Eine Einladung, sich den Extremen zu stellen. Architektur als menschliche Grenzerfahrung. Kalt und schön wie der Snøhetta.

[ „Arctic Nordic Alpine“, Kunsthaus Mürz, Mürzzuschlag, bis 19. 11. ]

Publikationen

2017

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter?

Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter? Die Ausstellung ist ein Plädoyer für den Fortschritt in Architektur, Wohnungsbau und Städtebau. Wie wir wohnen ist nicht unseren Genen geschuldet, wie wir wohnen ist ein über Generationen an gelerntes Verhalten, dessen Weiterentwicklung von der Dauerhaftigkeit
Hrsg: Kristin Feireiss, Hans-Jürgen Commerell
Autor: Maik Novotny, Kristin Feireiss, Kaye Geipel, Anna Popelka, Georg Poduschka
Verlag: PPAG, Aedes Architekturforum

2014

PPAG: Speaking Architecture
Phenomenology / Phänomenologie

Ein Elefantenhaus, ein Wohnberg, ein Dorf am Dach. Eine offene Schullandschaft, ein barockes Parkhaus, ein silbern schimmernder Windkanal. Das Wiener Büro PPAG architects, 1995 von Anna Popelka und Georg Poduschka gegründet, denkt Architektur mit Scharfsinn, Lust und Erfindergeist immer wieder neu. Ihr
Hrsg: Maik Novotny
Autor: Anna Popelka, Georg Poduschka, PPAG
Verlag: Ambra Verlag

2007

Eastmodern
Architecture and Design of the 1960s and 1970s in Slovakia

Eastern modernist architecture of the 60’s and 70’s is moving away from the specialized focus of international architecture debates and becoming a subject of discussion within the broader context of general interest. The excellent photos in the book convey the flair of an era in which planning was obviously
Autor: Maik Novotny, Hertha Hurnaus, Benjamin Konrad
Verlag: SpringerWienNewYork