Wie die neuen Mega-Stadien alte Arenen bedrohen
Bedeutet der Trend hin zu Mega-Stadien den Tod historischer Anlagen? Wie das San-Siro-Stadion in Mailand und das Wiener Praterstadion überleben könnten, untersuchten Studierende an der TU Wien.
Als eine „seelenlose Grube, die in einem Meer aus Asphalt liegt“, beschreibt der US-amerikanische Bauingenieur Aaron Shavel in seinem Blog das Stadion, in dem dieses Wochenende das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft über die Bühne geht. 2010 gebaut, läutete das MetLife-Stadion, für das sich der Versicherungskonzern um 400 Millionen US-Dollar die Namensrechte für 25 Jahre sicherte, eine Ära neuer Mega-Stadien ein. Es sind gigantische Sport- und Unterhaltungsmaschinen, die unabhängig vom Ticketverkauf Einnahmen einfahren. „Stadien werden als schnelle Lösungen mit kurzer Lebensdauer gebaut“, schreibt Shavel. Sie sollten aber besser dauerhafte Institutionen sein, die der Gemeinschaft über Generationen dienen.
Längst ist der Trend in Europa angekommen. Klassische Stadien, und seien sie baulich noch so solide, kommen damit zusehends unter Druck. Für Pier Paolo Tamburelli, Professor für Gebäudelehre und Entwerfen an der Architekturfakultät der TU Wien, ein Anlass, die Entwurfsstudios des Sommersemesters unter das Thema „Das Stadion als historisches Denkmal“ zu stellen. Anhand des Mailänder San-Siro-Stadions und des Wiener Praterstadions untersuchten die Studierenden, wie historische Arenen zukunftsfähig weitergebaut werden können. Zwei beeindruckende Stadionmodelle im Maßstab 1:100 halfen zu überprüfen, wie sich neue Interventionen mit den bestehenden Strukturen vertragen.
In Mailand genehmigte der Stadtrat vergangenen Herbst den Verkauf des Stadions an die beiden Fußballklubs AC Mailand und Inter für 197 Millionen Euro. Parallel dazu wurde der Denkmalschutz ausgetrickst und der Abriss angekündigt. Das Argument: Es sei schwierig, die Vorschriften der Uefa zur Gänze einzuhalten, zudem fehle es an Komfort und kommerziellen Einrichtungen. Eingebettet in eine größere Stadtentwicklung soll ein neues Stadion nach Plänen von Foster + Partners und dem amerikanischen Stadionplaner Manica entstehen.
Champagnisieren ist auch wichtig
Vor hundert Jahren wurde das San Siro nach englischem Muster ausschließlich für Fußball nach Plänen von Architekt Ulisse Stacchini und Ingenieur Alberto Cugini mit vier separaten Tribünen errichtet. 1939 wurden die Ecken geschlossen. 1955 fügten Armando Ronca und Ferruccio Calzolari einen zweiten Rang ein und erschlossen ihn über umlaufende Rampen. Zu einer der beeindruckendsten Arenen Europas wurde das Stadion anlässlich der Fußball-WM 1990. Giancarlo Ragazzi und Enrico Hoffer sowie Ingenieur Leo Finzi gaben ihm seinen signifikanten Ausdruck im Stil der Postmoderne. Aufgelagert auf elf Erschließungstürmen kam ein weiterer Rang hinzu, darüber eine Überdachung aus einem roten Stahltragwerk.
Verkauf und Abriss nützen nicht der Allgemeinheit und dienen einzig dem Gewinn der Eigentümer der beiden Klubs, den amerikanischen Investmentgesellschaften RedBird und Oaktree, so die Kritiker. Während aktuell das regionale Verwaltungsgericht Berufungen gegen den Verkauf des Stadions behandelt, wurde Ende Juni schon einmal ein Ticketschalter abgebrochen. Vielleicht zu voreilig.
Zeitgleich zeigten die Wiener Studierenden, dass es durchaus möglich ist, Tausende an Quadratmetern für VIP-Zonen, Gastronomie, Verkaufs- und Museumsflächen oder sogar ein ganzes Hotel zu integrieren und zugleich die historische Struktur zu respektieren. Manche brachten die Flächen in neuen Anbauten unter, andere schlossen die zum Stadtzentrum hin offene Seite im dritten Rang. Ein Entwurf verfrachtete die VIPs weit weg vom Spielfeld nach ganz oben – auch eine Lösung, wenn das Champagnisieren wichtiger ist als der Fußball.
Praterstadion ist denkmalgeschützt
Das Wiener Praterstadion ist noch immer im Besitz der Stadt und denkmalgeschützt. Von Anfang an war es als multifunktionale Einrichtung und einigendes Kulturzentrum konzipiert. Aus einem geladenen Wettbewerb ging der Entwurf des Deutschen Otto Ernst Schweizer, der zuvor schon das Nürnberger Stadion geplant hatte, als Sieger hervor. Der 1931 eröffnete Eisenbetonbau war außen verglast, ansonsten völlig unverkleidet und zählte zu den modernsten Stadien der Zeit. In einem Interview mit der Zeitung „Der Abend“ bezeichnete es der Architekt als unsozial, einen solchen Riesenbau nur für große Wettkämpfe zu errichten: „Ein Stadion erfüllt erst dann seinen Zweck, wenn es eine der Herzkammern wird, durch die das Leben einer Stadt pulsiert.“ Alle sportlichen Tätigkeiten wie auch die Geisteskultur sollen sich wiederfinden. „Weil es als elastischer Bau erdacht wurde, wird es sich jedem Dehnungsverlangen der Zukunft anpassen können. Erst diese wird lehren, welche gewaltige kulturelle Tat die Wiener Gemeinde mit der Errichtung des Stadions gesetzt hat“, so Schweizer weiter. In der Tat erwies sich das Praterstadion als elastisch. In den 1950er-Jahren kam der dritte Rang hinzu, in den 1980ern die innovative Überdachung – eine der am weitesten gespannten weltweit, von Erich Frantl als Stabwerk mit 900 Knoten konstruiert. Während diese Ingenieursmeisterleistung dem Stadion noch mehr Eleganz verlieh, taten sogenannte Mantelnutzungen, mit denen das elegante Betonskelett im Amtshausstil zugestopft wurde, das Gegenteil. Für die Fußballeuropameisterschaft 2008 wurde es gemäß Uefa-Vorgaben adaptiert, im Vorjahr eine Photovoltaikanlage auf dem Dach montiert.
Freizeit rund ums Stadion
Auch wenn das seit 1992 nach Ernst-Happel benannte Stadion als österreichisches Nationalstadion gilt, finden hier bloß ein paar Länderspiele pro Jahr statt. Dazu kommen Großkonzerte und Veranstaltungen, die durchaus im Sinn des Gemeinwohls sind. Auch hier fanden die Studierenden ausreichend Raumreserven, um neue Nutzungen zu implementieren und zu verbessern, was verbessert gehört. Handlungsbedarf orten die angehenden Architektinnen und Architekten auch im Umfeld. So könnte eine neue Landschaftsgestaltung das ganze Jahr über dazu einladen, die Freizeit rund ums Stadion zu verbringen.
Die Frage, ob das Praterstadion noch dem heutigen Dehnungsverlangen nachkommen kann, beantworten Gerhard Schnabl und Ernst Pfaffeneder, die das Entwerfen betreuten, eindeutig mit Ja. „Konstruktion und Typologie erlauben eine Vielfalt an architektonischer Fortschreibung. Der Denkmalschutz stellt dabei kein fundamentales Hindernis dar“, bestätigt Schnabl. Ein eigenes neues Nationalstadion für den Fußball hält er aus ökonomischer und ökologischer Sicht für hinterfragenswert. Die Infrastrukturen seien jahrelang vernachlässigt worden, ergänzt Pfaffeneder. Mit einem Rückbau auf den Ursprungsbau unter den Rängen 1 und 2 können sich hingegen attraktive Raumpotenziale auftun.
Heuer übersiedelte der ÖFB seine Geschäftsstelle samt Trainingszentrum der Fußballnationalteams in einen neuen Campus in der Seestadt Aspern. Mit diesem ist in baukultureller Hinsicht kein Leiberl zu reißen. Es ist nun an der Stadt Wien zu beweisen, dass im Altbau das Leben und der Fußball besser pulsieren können.