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Profil

Wojciech Czaja, geboren in Ruda Śląska, Polen, ist freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für Der Standard, Architektur & Bauforum, VISO, db Deutsche Bauzeitung, und DETAIL. Er ist Autor zahlreicher Wohn- und Architekturbücher, u.a. Wohnen in Wien (2012), Zum Beispiel Wohnen (2012), Überholz (2015) und Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden (2015). Zuletzt erschien HEKTOPOLIS. Ein Reiseführer in hundert Städte im Verlag Edition Korrespondenzen. Er arbeitet als Moderator und leitet Diskussionsrunden in den Bereichen Architektur, Immobilienwirtschaft und Stadtkultur und veranstaltet unter dem Titel Ähm, ja also... Praxis-Workshops zum Thema Kommunikation und Präsentation. Er ist Dozent an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet dort Kommunikation und Strategie für Architekten. Außerdem ist er von 2015 bis 2021 Mitglied im Stadtbaubeirat in Waidhofen an der Ybbs.

Publikationen

Wir spielen Architektur. Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit, Sonderzahl-Verlag, Wien 2005
periscope architecture. gerner gerner plus, Verlag Holzhausen, Wien 2007
Stavba. Die Strabag-Zentrale in Bratislava, Wien/Bratislava 2009
Light/Night. The Nouvel Tower in Vienna, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2010
Wohnen in Wien. 20 residential buildings by Albert Wimmer, Springer Verlag, Wien 2012
Zum Beispiel Wohnen. 80 ungewöhnliche Hausbesuche, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2012
Überholz. Gespräche zur Kultur eines Materials, Verlag Anton Pustet, Salzburg 2015
Das Buch vom Land. Geschichten von kreativen Köpfen und g’scheiten Gemeinden, Wien 2015
Der Fuß weiß alles. Markus Scheer, Ecowin Verlag, Wals bei Salzburg 2016
Der Erste Campus, Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
motion mobility. Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien, Park Books, Zürich 2017
Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte, Edition Korrespondenzen, Wien 2018

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Artikel

20. Juli 2024 Der Standard

Zu Besuch bei Biene Maja

Was die Honiginsekten können, das sollte auch dem Menschen nicht vorenthalten sein. Mit dem sogenannten Wabenhaus will der Münchner Architekt Peter Haimerl der klassischen Wohnbauwirtschaft den Kampf ansagen.

Davor, sagt sie, hat sie ganz, ganz traditionell gewohnt, mit Mann und Tochter in einem Reihenhaus, so wie man sich das halt vorstellt. Und vor gar nicht so langer Zeit hat sie sich einen jahrelangen Traum erfüllt und sich jene wunderschöne Couch gekauft, die schon lange auf der Wunschliste stand. „Und jetzt? Ich habe sogar schon überlegt, die hinteren Haxen abzusägen und die Couch zu adaptieren. Aber es bringt nix, eine klassische Couch hat in dieser Wohnung einfach keinen Platz. Ich musste mich davon leider trennen. Und von vielen anderen Möbeln auch.“

Reinhild Zenker, Sozialpädagogin im Evangelischen Beratungszentrum, wohnt richtig schräg. Ihre 36-Quadratmeter-Miniwohnung auf zwei Ebenen, muss man nämlich wissen, hat keine einzige gerade, senkrechte Wand. Stattdessen gibt es riesige sechseckige Fenster in der Fassade, riesige sechseckige Schrankverbauten auf der Wand vis-à-vis sowie schräg geböschte Raumabschlüsse, die vom Boden mit 36 Grad emporsteigen und von der Decke mit ebenfalls 36 Grad nach unten abknicken. Trotz ihrer geringen Größe hat die Wohnung sieben Stufen zwischen Wohn- und Schlafbereich und eine atemberaubende Raumflucht von über zwölf Metern.

Das sogenannte „Wabenhaus“ ist eine Schnapsidee des Münchner Architekten Peter Haimerl. Mit dem radikalen Experiment, mit dem er dem klassischen Wohnriegel mit standardisierten Schuhschachtelzimmern und somit auch der gesamten Wohnbauwirtschaft den Kampf ansagen will, geht er schon seit vielen Jahren schwanger. Nun ist es ihm gelungen, in Zusammenarbeit mit der Wohnbaugenossenschaft Wogeno, die in der Szene für ihre innovativen Projekte bekannt ist, in Riem, einem Stadterweiterungsgebiet im Osten Münchens, seine Vision in die dreidimensionale Realität umzusetzen.

„Die wichtigste Aufgabe an uns Architekten ist es, standardisierte Gepflogenheiten zu hinterfragen und im Rahmen unser Möglichkeiten spannende, interessante Alternativen zu entwickeln“, sagt Peter Haimerl, der in der deutschen Architekturszene von den einen geliebt, von den anderen als Enfant terrible gefürchtet und gemieden wird. „Die Wohnbaugenossenschaft Wogeno wünschte sich ein Raumkonzept, das für Kleinst- und Clusterwohnungen geeignet ist“, erzählt er, „und wer wäre zur Entwicklung einer solchen Lösung besser geeignet als jene kleinen Insekten, die seit Jahrmillionen in genau solchen Clusterstrukturen leben?“

Lernen von den Bienen

Und so kam es dann auch. Statt langweiliger Regelgeschoße und senkrechter Wohnungstrennwände gibt es Split-Levels und geböschte Wabenwände, die im Zickzack ineinandergreifen. Der Vorteil darin, so Haimerl, sei das visuelle Aufweiten der Wohnungen, denn durch die wabenförmige Struktur vergrößert sich das Achsmaß eines einzigen Zimmers von vier Metern auf 6,60 Meter Breite, mit ebenso breiter Glasfassade und Loggia davor. Damit hat die Wohnung genau in jener Höhe die größten Ausmaße, wo auch das Auge herumwandert und wo sich Schulterpartie und ausgestreckte Arme und Hände nach einem weiten Horizont sehnen.

Doch nicht nur die Optik profitiere davon, meint der Architekt, sondern auch die Funktionalität. Denn: „In einem Schuhschachtelzimmer habe ich Möbel mit Beinen, unter denen viel wertvoller Raum verloren geht, ob das nun Tische, Stühle, Sofas, Regale oder irgendwelche Kredenzen sind. Im Wabenhaus kann ich diese Verluste auf null reduzieren. Ich komme mit genau dem aus, was ich in einer funktionsrelevanten Höhe auch wirklich benötige.“

Gemeinsam mit einem Möbelbauer hat Haimerl sogenannte „Halbmöbel“ entwickelt, also Möbelelemente wie etwa Regale, Tische und sogar Sofas, die in der jeweils relevanten Höhe aus der geneigten Betonwand ragen oder die entlang der Böschung hinaufgeschlichtet werden. Reinhild Zenker hat auf ihrem türkisblauen „Halbsofa“ vor dem Fenster Platz genommen, und ja, die flexible Wulstlandschaft, die in unterschiedlichen Konstellationen arrangiert werden kann, lässt viele Sitz- und Liegemöglichkeiten zu und ist in der Tat sehr bequem.

Ein hexagonales Wagnis

„Und leider auch sehr teuer“, meint Yvonne Außmann, Vorständin der Wohnbaugenossenschaft Wogeno, im Rückblick. „Wir wollten etwas Neues ausprobieren und haben uns dazu entschieden, gemeinsam mit dem Architekten ein Wagnis einzugehen und die Grenzen des klassischen Wohnens ein wenig auszudehnen. Ich denke, das ist uns auch gelungen. Dieses Wohnhaus ist einzigartig, etwas noch nie Dagewesenes in Deutschland, und bietet mehr als einfach nur quadratisch, praktisch, gut.“

Die Baukosten jedoch liegen nach Auskunft der Wogeno um ein gutes Drittel über einem traditionell errichten Wohngebäude, „und auch in der Innenraumgestaltung“, so Außmann, „müssen die Mieter tiefer in die Tasche greifen als anderswo. So ein Wohnen muss man sich erst einmal leisten können.“ Trotz der höheren Baukosten wurden die insgesamt 17 Wohneinheiten im Rahmen des sozialen Wohnbaus errichtet und unterliegen einer Mietpreisobergrenze. Mit 12,50 Euro pro Quadratmeter liegt die monatliche Miete deutlich unter dem Münchner Durchschnitt.

„Ich bin jetzt 62 Jahre alt und wollte in meinem letzten Lebensviertel noch mal was ganz Neues ausprobieren“, sagt Reinhild Zenker. „Mich hat dieses Haus auf Anhieb neugierig gemacht, und abgesehen von meiner schönen Couch, die mir fehlt, bereue ich keinen einzigen Tag in meinem neuen Zuhause.“ Ob das ein Wohnmodell für die Zukunft ist? „Oh nein, das glaube ich nicht. Das ist und bleibt ein absolutes Nischenprodukt für eine kleine Minderheit. Aber die Mehrheit wird nie erfahren, wie groß sich 36 Quadratmeter anfühlen können!“

16. Juli 2024 Der Standard

Der Meister des nur scheinbar Unscheinbaren

Kopf des Tages

Aber nicht, dass Sie mich schon wieder als Kaffeehaus- und Apfelstrudelarchitekten hinstellen! Ich habe in meinem Leben mehr gemacht als nur das!“ Hermann Czech zählt nicht nur zu den bedeutendsten Architekten Österreichs, sondern ist wahrscheinlich auch der letzte noch lebende Gestalter und Theoretiker, der sich intensiv mit dem Begriff der Moderne beschäftigt und der – stets mit einem schelmischen Grinsen zwischen den für ihn typischen, präzise ausgetüftelten Details – die Grundprinzipien klassischen Bauens anwendet.

Oder, um mit den Worten der Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer zu sprechen: „Czech steht mit seinen Arbeiten in mittelbarer Nachfolge von Adolf Loos. In vergleichbarer Weise gelingt ihm die subtile Verbindung von historisch Vorhandenem mit dem, was zeitgemäß gebraucht wird.“

Für genau diesen Brückenschlag wird Czech mit dem Großen Österreichischen Staatspreis 2024 ausgezeichnet. 1936 in Wien geboren, studierte er Architektur an der Technischen Hochschule und später an der Akademie der bildenden Künste. Er war Assistent bei Hans Hollein und Johannes Spalt und realisierte bald seine ersten Lokale, darunter etwa Kleines Café (1970, 1974), Wunder-Bar (1976) und Salzamt (1983). Weitere Projekte sind das Hotel Messe Wien, die Rosa-Jochmann-Schule in Simmering, der Stadtparksteg über den Wienfluss sowie die Winterverglasung auf der Galerie der Wiener Staatsoper.

Auf der Architektur-Biennale in Venedig wollte er 2023 mit dem Architekturkollektiv AKT den österreichischen Pavillon mithilfe einer Maueröffnung für die lokale Bevölkerung zugänglich machen, scheiterte aber an der Engstirnigkeit von Venedigs Bürokratie. Und so mutierte der Pavillon zu einer Chronik stadtpolitischer Verunmöglichung. Das Projekt ist stellvertretend dafür, wie es Czech liebt, sich fernab seines historisch kenntnisreichen Detailwahnsinns in den Geist einer Stadt hineinzudenken.

Czechs Bauten sind still und nur scheinbar unscheinbar. Architektur solle nur dann sprechen, wenn sie gefragt werde, sagte er einmal. Dass der Staatspreis an einen kritischen, nachdenklichen Menschen geht, der in seinem Innenstadtatelier im fünften Stock zwischen tausenden Büchern sitzt und werkt, ist Ausdruck einer neuen Sehnsucht nach Substanz. „Die 30.000 Euro Preisgeld“, so Czech, „kann ich für mein Büro gut brauchen.“

6. Juli 2024 Der Standard

Das Wunder von Tulln

Wo einst ein asphaltierter Parkplatz für 210 Autos war, erstreckt sich nun ein grüner, klimafitter Park mit Bäumen, Blumenbeeten und Fotospots für frisch vermählte Pärchen. Ein Besuch auf dem kürzlich eröffneten Nibelungenplatz.

Der kleine Chihuahua hat es sich auf der Holzpritsche bequem gemacht, liegt eingerollt im Schatten des Tischerls und kläfft plötzlich den sich anpirschenden Journalisten an. „Wir hätten uns nie gedacht, irgendwann einmal hier zu sitzen und eine Picknickpause zu machen“, sagen Andreas und Michelle, er Elektrotechniker, sie Kindergartenpädagogin, zwischen ihnen die Einkäufe eines ganzen Samstagnachmittags. „Wenn man weiß, wie es hier früher mal ausgesehen hat, dann weiß man auch: Dieser Platz war die Hölle! Nun ist hier ein kleines Paradies entstanden, ein neuer Park mit Holzbänken und viel Grün rundherum, und das mitten in Tulln. Einfach großartig.“
Wiese statt Asphaltwüste

Der Nibelungenplatz zwischen Altstadt und Donauufer, der sich wie ein Hufeisen um das ehemalige Minoritenkloster und das nunmehrige Rathaus und Gemeindeamt schmiegt, ist ein Erfolgsbeispiel für grünen Stadtumbau im ländlichen, niederösterreichischen Raum. Wo einst ein Parkplatz für über 200 Autos war, eine Asphaltwüste für hektotonnenweise Blech auf Rädern, erstreckt sich nun eines von Österreichs größten Projekten für klimaadaptiven Umbau. Insgesamt wurden 8000 Quadratmeter Boden entsiegelt, stattdessen gibt es nun Wiesen, Stauden, Blumenbeete sowie 38 neu gepflanzte Schwammstadtbäume, darunter Eschen, Eichen, Ulmen, Hainbuchen und Traubenkirschen.

„Tulln gilt schon seit vielen Jahren als Gartenstadt Österreichs“, sagt der Tullner Bürgermeister Peter Eisenschenk (ÖVP), „bloß war davon rund um das politische und kulturelle Herz dieser Stadt bislang nicht viel zu spüren. Also haben wir beschlossen, den Nibelungenplatz zu entsiegeln und statt in Autoparkplätze in Aufenthaltsqualität und nachhaltige Klimaresilienz zu investieren – denn ein guter öffentlicher, klimatisch adaptierter Platz hat immer auch Einfluss auf den sozialen Zusammenhalt einer Stadt und infolgedessen auch auf das persönliche Wohlbefinden der Bürgerinnen und Bürger.“

Dem Projekt zuvorgegangen war ein monatelanger Bürgerbeteiligungsprozess, bei dem sich die Tullner mit Wünschen und Projektideen einbringen konnten und schließlich aus drei Platzszenarien zwischen Mensch, Natur und Pkw wählen konnten. Die kollektive Wahl fiel zugunsten eines Hybridmodells mit großflächiger Entsiegelung und Renaturierung sowie mit einem zusammengeschrumpften Parkplatz für 54 Autos, die auf Kurzparkzonen-Basis auf wasserdurchlässigen Rasensteinen parken. Bei Flohmärkten und städtischen Veranstaltungen werden die Autos entfernt, und der grün durchwachsene Untergrund wird zum Stadtplatz für Mensch, Bühne und Krimskrams aller Art.
Die Verdrängung der SUVs

Für die Planung verantwortlich zeichnet das Wiener Büro DnD Landschaftsplanung, das sich im Sommer 2022 in einem Wettbewerb mit einem geometrischen Konzept aus Bändern, Blühstreifen und wasserdurchlässigen Flächen durchsetzen konnte. Wo einst VW Golfs und fette SUVs standen, gibt es nun Blumen- und Kräuterflächen, bunt blühende Stauden auf rotem Lavakies sowie Sitz- und Spielmöglichkeiten für die gesamte Bandbreite zwischen Generation Alpha und hochbetagten Senioren. Krönender Abschluss ist ein romantisch inszenierter Fotospot für Trauungen.

„Ohne jeden Zweifel ist dies ein großes, umfangreiches Paradebeispiel für Klimaresilienz und Klimawandelanpassung“, sagt Sabine Dessovic, Partnerin bei DnD, „aber natürlich müssen die technischen und ökologischen Maßnahmen, die man trifft, immer auch im Einklang mit den Menschen stehen. Daher habe ich für jeden einzelnen Quadratmeter, den ich plane, immer eine Art Vision oder Traumszenario, in dem ich mir überlege, wie sich die Menschen hier am liebsten aufhalten würden. Am Ende wird diese soziale Hypothese in eine Form gegossen.“ Zum Beispiel mit Sitzstufen, Arbeitstischen mit USB-Anschluss und einem Wasserspiel im Boden mit 30 Wasser- und Nebeldüsen.

Die politische, soziale und technische Anstrengung im Bereich grüner und blauer Infrastruktur in dieser Größe und Konzentration ist in Österreich einzigartig. Immer noch werden in Niederösterreich einer Studie von WWF und Umweltbundesamt zufolge jeden Tag 2,3 Hektar Boden versiegelt – also die dreifache Menge dessen, was auf dem Nibelungenplatz in jahrelanger, penibler Vorarbeit entsiegelt werden konnte. In Gesamtösterreich sind es immer noch zwölf Hektar pro Tag. Was Klimaresilienz, Biodiversität und Nahrungssouveränität betrifft, kann man die Bilanz mit einem einzigen Wort nur kommentieren: Katastrophe.

„Was? Österreich ist auf Platz eins? Ihr seid wirklich Europameister in Sachen Bodenversiegelung?“, meint Joe Reid, Gärtnerin und Landschaftsarchitektin aus Schottland, die auf Kurzurlaub in Österreich ist und mit ihren Freundinnen gerade auf einer der vielen Bänke Platz genommen hat. „Das ist aber ein trauriger Rekord. Dann ist diese lovely Greenery hier ja ein richtiges Anti-Asphalt-Wunder!“

Österreich hat sich vorgenommen, den bundesweiten Bodenverbrauch bis 2030 auf 2,5 Hektar pro Tag zu reduzieren. Tulln ist diesem Ziel – mithilfe aller Parteien im Gemeinderat außer der FPÖ – um 0,8 Hektar näher gekommen.

22. Juni 2024 Der Standard

„Ich will mit der Kraft der Natur arbeiten“

Am Montag wurde der japanische Architekt Junya Ishigami mit dem Kiesler-Preis für Kunst und Architektur ausgezeichnet. Ein Gespräch über Zeit, unendliche Räume und sein neues unterirdisches Restaurant in Ube.

Standard: Haben Sie in der Maison Owl schon einmal zu Abend gegessen?

Ishigami: Schon oft!

Standard:An welches Gericht erinnern Sie sich besonders gut?

Ishigami: Das Restaurant ist ein Crossover aus französischer und japanischer Küche. Mein Lieblingsgericht dort ist Fugu, Kugelfisch.

Standard:Die Architektur eines Restaurants ist immer auch Abbild der Architektur auf dem Teller. Inwiefern korrespondiert der Raum mit den darin servierten Speisen?

Ishigami: Gar nicht. Das war auch nicht die Absicht. Als der Bauherr auf mich zugekommen ist, meinte er, dass ihm drei Dinge wichtig seien, und zwar in genau dieser Hierarchie: erstens das Miteinander am Tisch, zweitens die Atmosphäre des Raumes und erst drittens die Qualität der servierten Speisen. Also habe ich mich auf die Punkte eins und zwei konzentriert, während er den Punkt drei konzipiert und bis zur Perfektion weiterentwickelt hat.

Standard:Sie haben ein unterirdisches Restaurant geschaffen, eine Art Erdraumhöhle. Wie kam es dazu?

Ishigami: Ich habe mit dem Bauherrn vor 20 Jahren schon einmal zusammengearbeitet. Damals habe ich ein Restaurant mit kalten, eckigen, hauchdünnen Stahltischen aus 4,5 Millimeter dickem Stahl entwickelt, denn er hat sich einen coolen, einen richtig kühlen Raum gewünscht. Diesmal war es umgekehrt. Er meinte, er wolle einen Raum, der eine warme, ruhige, gemütliche, ja sogar irgendwie alte Atmosphäre versprüht.

Standard:Wie baut man als Architekt etwas Altes?

Ishigami: Das ist das Problem! Ich wollte nicht mit Zitaten, Elementen und historischen Versatzstücken arbeiten, also habe ich mir überlegt, wie ich die Qualität des Alten anderweitig ins Projekt integrieren kann. Das Älteste, das wir haben, ist die Mutter Erde. Genau damit habe ich gearbeitet.

Standard:Inwiefern?

Ishigami: Ich habe die Schnittstelle zwischen neuer, technischer, künstlich geschaffener Architektur und alter, organischer, über die Jahrhunderte gewachsener Erde zelebriert.

Standard:Wie genau lautet das Rezept für dieses Restaurant? Können Sie den Bauprozess beschreiben?

Ishigami: Es handelt sich hier um ein Hanggrundstück, das wir zunächst einmal ein terrassiert und eingeebnet haben. Danach haben wir in die Erde 38 Löcher beziehungsweise Krater hineingegraben, haben in die Löcher Eisenbewehrungskörbe hineingestellt und haben die Negativform anschließend mit Beton ausgegossen. Nachdem der Beton ausgehärtet war, haben wir die rote Erde erst mit Maschinen und am Ende in Handarbeit hinausgeschaufelt. Das war wie eine archäologische Freilegung. Nachdem die Betonstümpfe freigelegt waren, haben wir die Silhouette gescannt und mit dieser digitalen Schablone dann die Glasscheiben angefertigt.

Standard:Woher kommt die rote Farbe im Beton?

Ishigami: Von der roten Erde, die sich in den offenen Betonporen festgesetzt hat. Mittels feiner Lehm- und Sandschlämme – wir bezeichnen das im Japan als Tsuchikabe – haben wir die Oberfläche fixiert.

Standard:Das klingt alles sehr aufwendig. Wie lang hat die Baustelle insgesamt gedauert?

Ishigami: Sieben Jahre. Die Qualität war wichtiger als der Wettlauf gegen die Zeit.

Standard:Wie reagieren die Restaurantbesucher auf diese Form der Architektur?

Ishigami: Sie werden ruhig.

Standard:Der österreichische Architekt Friedrich Kiesler hat im Jahr 1950 das sogenannte Endless House entwickelt. Erkennen Sie Parallelen zwischen den beiden Projekten?

Ishigami: Natürlich! Ich weiß nicht, ob die Maison Owl auch ein unendliches Haus ist, so wie das Kiesler in seinen Entwürfen gedacht hat, aber im Sinne des weichen, offenen Raumflusses, im Sinne einer Architektur ohne klassische Elemente wie etwa Wand, Decke und Fenster gibt es durchaus große Analogien. Ich bewundere Kiesler sehr!

Standard: Auch Ihre Projekte sind oft unendlich. Sie planen riesige Flugdächer, Landschaftskunstprojekte im Wald und haben erst kürzlich das ein Kilometer lange Zaishui Art Museum in der chinesischen Provinz Shandong eröffnet.

Ishigami: Das Große und Unendliche ist nie mein innerstes Grundanliegen. Es entwickelt sich aus dem Prozess heraus, denn ich will mit der Landschaft und mit der Kraft der Natur arbeiten und eine neue, künstliche Natur erschaffen. Die Größe ist ein Produkt all dieser Parameter.

Standard:In einem Interview haben Sie einmal gesagt, Sie möchten die Architektur befreien. Auch Ihre Ausstellung in der Fondation Cartier in Paris im Jahr 2018 trug den Titel „Freeing Architecture“. Aus welchen Zwängen möchten Sie sich denn befreien?

Ishigami: Le Corbusier, Mies van der Rohe und viele anderen Architekten der Moderne waren darum bemüht, eine perfekte Standardlösung zu entwickeln und diese dann in riesiger Zahl zu multiplizieren und auf die Menschen auszurollen. Wir wissen, dass dieses Konzept gescheitert ist. Ich will die Architektur aus diesem Irrglauben des standardisierten Denkens befreien. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, die immer heterogener wird. Mein Ziel ist, die Grenzen zu sprengen und auf diese Heterogenität mit einer möglichst großen Zahl an Lösungen zu antworten. Es gibt kein Richtig und kein Falsch, es gibt nur die Fülle an Möglichkeiten für uns alle.

Standard:Bevor Sie 2004 Ihr eigenes Büro Junya Ishigami + Associates eröffneten, hatten Sie einige Jahre für das Tokioter Architekturbüro SANAA gearbeitet. Welchen Einfluss hatte SANAA auf Sie?

Ishigami: Bei SANAA habe ich gelernt, die Grenzen des Status quo zu hinterfragen, die Grenzen im Kopf zu sprengen und zu mit unkonventionellen Ideen zu experimentieren. Genau das muss die Aufgabe von Architektur sein.

Standard:Ihre Website besteht aus einem einzigen Kontaktformular in Weiß und Hellgrau und minikleiner Schrift. Auch ein Experiment?

Ishigami: Nein. Ich habe schlicht und einfach keine Zeit, mich um eine gute Homepage zu kümmern. Wer mich sucht, der findet mich auch.

Standard:Wie würde Ihre perfekte Website aussehen, wenn Sie Zeit hätten?

Ishigami: Wie ein dickes, hochwertig gearbeitetes Buch.

Standard:Gibt es ein Projekt, von dem Sie träumen?

Ishigami: Ich würde gerne ein Haus ganz für mich allein planen. Ich hoffe, dass ich eines Tages Zeit dafür finden werde.

Standard:Der Friedrich-Kiesler-Preis ist mit 55.000 Euro Preisgeld dotiert. Wissen Sie schon, was Sie mit dem Geld machen wollen?

Ishigami: Meine Baustellen dauern manchmal sieben Jahre. Auch für diese Überlegung muss ich mir etwas Zeit nehmen. Ich weiß es noch nicht.

Die Ausstellung „Junya Ishigami“, kuratiert von Anna Fliri, ist noch bis 11. Oktober 2024 zu sehen; Friedrich-Kiesler-Stiftung, Mariahilfer Straße 1b, 1060 Wien.

8. Juni 2024 Der Standard

Eine Kathedrale für die Wuchtel

Vergangenen Donnerstag wurde in Wien der Brick Award 2024 verliehen, eine Art Liebeserklärung an den Ziegel. Der Hauptpreis ging an das Internationale Rugby-Museum in Limerick. Sportliche Leistung.

Sieben Stockwerke, 34 Meter Höhe bis zur Dachkante, fast eine halbe Million in Handarbeit hergestellter Ziegel: Die irische Stadt Limerick, gerade einmal 90.000 Einwohner in der Statistik, dafür aber die Stadt mit der höchsten Konzentration an Kirchen im ganzen Land, hat ein neues Wahrzeichen. Im Gegensatz zu den meisten Sehenswürdigkeiten jedoch frönt man hier weder der Religion noch irgendeiner Form bildender oder darstellender Kunst, sondern ausnahmsweise dem Sport, genauer gesagt dem Rugby.

„Rugby wurde vor ziemlich genau 200 Jahren in England erfunden und gilt bis heute als der wohl wichtigste Nationalsport in Großbritannien und Irland“, sagt Architekt Tom McGlynn, Associate Partner bei Níall McLaughlin Architects. „Und Limerick, muss man wissen, ist in Irland so etwas wie die heimliche Hauptstadt dieses historischen Ballsports. Die lokale Rugby-Mannschaft zählt zu den besten Teams, die Europa zu bieten hat. So gesehen passt es einfach perfekt, dass dieses Gebäude genau hier steht und nirgendwo sonst.“

Vorgestern, Donnerstag, wurde die sogenannte International Rugby Experience, eine Art interaktives Sportmuseum und öffentliches Veranstaltungszentrum rund um die elliptische, eierförmige Wuchtel, in Wien mit dem renommierten, mittlerweile weltweit etablierten Brick Award 2024 ausgezeichnet. Der biennal verliehene Preis richtet sich an herausragende Projekte im Umgang mit dem Baustoff Ziegel, die es schaffen, die jahrtausendealte Bautradition auf technisch innovative und architektonisch anregende Weise in die Zukunft weiterzutragen.

Historische Reminiszenzen

„Für uns war vom allerersten Moment an klar, dass wir bei diesem Projekt in Ziegel bauen wollen“, sagt Architekt McGlynn. „Einerseits ist das Material die logische Fortführung der historischen, georgianischen, fast zur Gänze in Backstein errichteten Altstadt, in der wir uns hier befinden, andererseits finden Rugby und der georgianische Baustil, die ja nahezu gleich alt sind, in diesem Haus wunderbar zueinander.“ Die vertikalen Lamellen, die flachen Rundbögen und die Halb-, Viertel- und Achtelrhythmisierung der Fassade sind eine Reminiszenz an die historischen Nachbargebäude.

Kritik gab es während der Planungs- und Bauzeit seitens konservativer Kreise vor allem in Bezug auf die Bauhöhe. Ein so hohes Gebäude, und das mitten im georgianischen Limerick, an der Ecke von O’Connell Street und Cecil Street? Unmöglich! „Doch das ist zu kurz gedacht“, meint McGlynn, „denn während die klassischen Wohnhäuser im 19. Jahrhundert stets zwei- bis dreigeschoßig waren, hatten die georgianischen Architekten und Auftraggeber bei öffentlichen Bauwerken durchaus eine Vorliebe für Türme und hoch hinausragende Symbolwirkungen. In der Seele dieser Stadt verdient ein Rugby-Museum definitiv öffentliche Aufmerksamkeit.“

Auf einer Grundstücksfläche von nur 500 Quadratmetern ist es gelungen, ein breites Potpourri an Funktionen unterzubringen: Shop, Café, Veranstaltungsräume, ein Piano nobile mit anmietbarer Terrasse sowie eine mehrgeschoßige Ausstellung mit interaktiven Multimediastationen, in denen man sich mit anderen Besuchern in den Disziplinen Kicken, Laufen und Scrumming messen kann, erstellt nach einem Konzept der Londoner Agentur Event. Aus dem obersten Stock, der wie eine gläserne Krone auf dem Turm sitzt, hat man Sicht bis zum River Shannon. Architekt Tom McGlynn: „Eine Kathedrale für das Rugby!“

Überaus sakral

Überaus sakral sind auch die technischen Details, die sorgfältig übereinandergesetzten Ziegel aus einer kleinen Manufaktur in Loughborough, England, die spitz nach vorn zulaufenden Lisenen, die das Haus bis zur Attika gliedern und für dramatische Licht-und-Schatten-Spiele sorgen. Die schlanken Querschnitte sind der Bauweise geschuldet: Hinter der zum Teil vorgefertigten Fassade aus knapp 500.000 Sichtziegeln verbirgt sich eine Stahlkonstruktion.

„Wir haben nach einem hochwertigen Ziegel mit vielen unterschiedlichen Rottönen und einer haptischen, lebendigen Oberfläche gesucht“, erklärt der Architekt. „Und wenn man dann durch die Ziegelmanufaktur spaziert und dabei zusieht, wie jeder einzelne Backstein in mehreren Produktionsschritten so wie damals – vor 100, 200, Jahren – händisch hergestellt wird, dann hat man das Gefühl, dass man als Architekt dazu beiträgt, ein altes Traditionshandwerk am Leben zu halten. Daher sind wir sehr glücklich, den diesjährigen Brick Award entgegennehmen zu dürfen.“

Eingereicht wurden heuer 743 Projekte aus 54 Ländern. Zu den weiteren Preisträgern zählen das Electrical Supply Board Headquarter in Dublin (Grafton Architects), das Wohnhaus M 5605 in Buenos Aires (Estudio Arqtipo), das Intermediate House in Asunción (Equipo de Arquitectura) sowie das temporäre Kunstprojekt Types of Spaces in Logroño (Hanghar und Palma).

„Architekten stehen heute vor mehreren großen Herausforderungen“, sagt Heimo Scheuch, CEO des Ziegelproduzenten Wienerberger, „und die Gewinnerprojekte sind stellvertretend für eine moderne, nachhaltige und vor allem innovative Auseinandersetzung mit dem Baustoff Ziegel“ – und für gebaute Schönheit, die man in der heutigen Architektur oft mit der Lupe suchen muss.

[ „Brick 24. Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur“. 390 Abbildungen. 284 Seiten / € 59,70. Park Books ]

18. Mai 2024 Der Standard

Von der Schönheit des Büffelns

Ein Raum, der 200 Studierenden zum Lernen dient, mit Licht, Aussicht, gelben Vorhängen, flexibler Möblierung und Platz für die Hängematte. Da will man noch mal inskribieren! Am Dienstag wurde das „Studihaus“ der TU Braunschweig mit dem European Mies van der Rohe Award ausgezeichnet.

Eine Flasche Wasser, frisches Obst im Plastiksackerl, daneben stilecht, wie könnte es anders sein, eine aufgerissene Packung Studentenfutter. „Einfach großartig hier“, sagt Soumaia Ismail. „Dieses Gebäude ist eine schöne, freundliche, sympathische Alternative zu all den Lernräumen und Studiensälen, die man sonst so kennt. Und man muss nicht einmal flüstern wie drüben in der Bibliothek, man kann sich ganz normal unterhalten. Irgendwie fühlt es sich an wie ein ganz großer, zweigeschoßiger Coworking-Space für Studierende.“

Verlängertes Wohnzimmer

Die 24-Jährige studiert Lehramt Deutsch und Geschichte an der Technischen Universität Braunschweig. Sie teilt sich den Tisch heute mit Khalil Daboussi, ebenfalls Deutsch und Geschichte, und Lennardt Fölz, seines Zeichens Wirtschaftsinformatiker, der eigentlich ganz woanders studiert, aber gerne die 30-minütige Busfahrt auf sich nimmt, um hier im Kollektiv zu büffeln. „Coworking-Space? Meinst du? Für mich ist das eher wie ein verlängertes Wohnzimmer, fast noch gemütlicher als bei mir zu Hause und außerdem viel, viel inspirierender.“

Genau deshalb wurde das Studierendenhaus auf dem dicht begrünten, bewaldeten Campus der TU Braunschweig, im Uni-Jargon längst als „Studihaus“ und „Glasi“ bekannt, mit dem European Mies van der Rohe Award 2024 ausgezeichnet. Der Preis wird biennal vergeben und richtet sich an herausragende Architekturleistungen innerhalb der EU. Letzten Dienstag wurde er – unter windigem und dramatisch bewölktem Himmel – vor dem Mies-van-der-Rohe-Pavillon in Barcelona verliehen. Eine Statue, eine Urkunde, 60.000 Euro stürmisch obendrauf.

„Was für eine unglaubliche Ehre! Aber auch eine schöne Bestätigung, dass wir uns nach der Corona-Pandemie und trotz all der digitalen Kommunikations-Tools, die uns heute zur Verfügung stehen, immer noch nach ganz realen Räumen der Begegnungen sehnen“, sagt der Berliner Architekt Gustav Düsing, der das Projekt gemeinsam mit seinem ehemaligen Studienkollegen Max Hacke realisiert hat. „Für mich ist das Studihaus ein von allen Hierarchien befreiter Raum, der 200 bis 250 Studierenden die Möglichkeit gibt, einander zu begegnen und – je nach Lust und Laune – miteinander oder nebeneinander zu lesen und zu lernen.“

Die Studierenden haben die Einladung mehr als wörtlich genommen. Denn was ursprünglich als Zeichensaal ausschließlich für angehende Architekten und Bauingenieurinnen gedacht war, wurde in kürzester Zeit von allen Studienrichtungen der TU gleichermaßen in Beschlag genommen. „An manchen Tagen ist es hier ganz schön voll“, sagt Soumaia Ismail. „Und manchmal passiert es sogar, dass sich Studierende draußen anstellen und warten, bis endlich wieder mal ein Stuhl frei wird.“ Wer nicht die nötige Geduld mitbringt, der nimmt halt stattdessen die Hängematte mit und spannt sie sich von einer Stütze zur nächsten. Auch das ist schon vorgekommen.

Hinter der poetischen, scheinbar ordnungslosen Lebendigkeit des Gebäudes (Baukosten drei Millionen Euro) verbirgt sich ein simples, aber bestechend logisches Konstruktionsprinzip: ein Raster aus drei mal drei Meter großen Feldern, insgesamt 30 mal 30 Meter im Quadrat, dazwischen ein Stützen- und Trägerwald aus zehn mal zehn Zentimeter großen Stahlprofilen, die reinste Stangenware aus dem Stahlkatalog, insgesamt 121 Stützen und 155 dazwischen eingehängte Träger mit standardisierten Knoten, alles miteinander verschraubt, jederzeit wieder demontierbar, oben 49 darauf befestigte Deckenplatten, rundherum 81 Stück Geländer, neun Treppenläufe, mal innen, mal außen platziert, sämtliche Lichtleisten und Steckdosen eingeschnitten und bündig integriert, je nach Nutzung vier bis acht Stück pro Stütze, rundherum 64 Fassadenverglasungen und über allem drüber 900 Quadratmeter Trapezblechdach.

„Als Architektur-Connaisseur kommt einem das Gebäude von Anfang an vertraut vor, als hätte man es schon hunderte Male gesehen“, sagt Gustav Düsing, der sich seit seinem Studium an der Architectural Association (AA) in London intensiv mit den Utopien von Cedric Price und Yona Friedman beschäftigt und dessen Architektur nicht von ungefähr an Jean Prouvé, Richard Rogers und Ludwig Mies van der Rohe erinnert, doch im Gegensatz zu den historischen Inspirationsquellen in reinstes Weiß getaucht und bis zur Farblosigkeit entsättigt scheint. „Doch dann merkt man: Obwohl diese Art von Gebäude in der Architekturtheorie schon so oft erdacht und bis zur letzten Schraube entwickelt wurde, hat es noch nie eines davon in die Realität geschafft.“ Bis jetzt.

Dank des dick eingedämmten Dachs, der automatisierten Durchlüftung und des rundum laufenden Vordachs, das die hoch im Himmel stehende Sommersonne abblockt, wirkt das Haus angenehm temperiert. Und sogar die Akustik – sonst ein Riesenproblem in Stahl-Glas-Bauten – hat man mit Teppich, perforierten Deckenpaneelen und dottergelbem Vorhang, 50 Laufmeter in Summe, zum Teil über zwei Geschoße nach unten fallend, wunderbar in den Griff gekriegt.

„Das Beste am neuen Glasi ist, dass man hier Leuten begegnet, mit denen man bislang keinerlei Berührungspunkte hatte, meistens aus ganz anderen Fächern kommend“, sagt Layla Camara, Psychologiestudentin, „und dann sitzt man mit ihnen plötzlich an einem Tisch und lernt.“ Ihr Lieblingsplatz? „An einem warmen Frühlingstag draußen auf dem Balkon. Es gibt nichts Schöneres. Absolut preisverdächtig!“

11. Mai 2024 Der Standard

Irrwege aus Asphalt

Der Raumplaner und Filmemacher Reinhard Seiß widmet sich in einem filmischen Mammutwerk der immer noch ungebrochenen Dominanz des Automobils und ihren Auswirkungen auf Stadt und Land. Dabei ginge es besser, sagt er – man muss nur wollen.

Weitwinkel: Autobahn. Nahaufnahme: Gaspedal. Dazu eine Stimme in gemütlich-lakonischem Bairisch: „Wer einige Wochen im deutschen Verkehrsgewühl überlebt hat, der weiß es: Das Gesetz der deutschen Straße ist hart, aber gerecht. Jeder, der ein Fahrzeug steuert, hat Vorfahrtsrecht. Je größer das Auto, desto größer das Vorfahrtsrecht.“ Die Filmreportage des Bayerischen Rundfunks mit dem Titel Verhaltensweisen deutscher Autofahrer wurde im April 1964 gesendet, könnte aber auch von heute sein.

Zahllose Dokumentar- und Spielfilme über den Menschen und sein Verhältnis zum Auto sind in diesen 60 Jahren erschienen, von Jacques Tatis Trafic (1971) über David Cronenbergs Crash (1996) bis zu Daniel Abmas Autobahn (2019). Der Tenor ist ähnlich: Das Automobil dominiert unsere Köpfe, unsere Körper, unsere Städte und unser Land. Aber stimmt das noch? Gibt es nicht längst Begegnungszonen, Pop-up-Radwege, Lastenrad-Initiativen, kurz: die Verkehrswende?

Hört man manchen Stimmen der bundesdeutschen Politik zu, scheint sich seit 1964 nicht viel getan zu haben. In Berlin verkündete die neue Stadtkoalition nach der Senatswahl 2023, sie wolle „keinen Parkplatz opfern“, die zur „Spaß-haben-Geld-verdienen-danach-alles-egal“-Partei mutierte FDP erfindet immer absurdere Argumente gegen ein Tempolimit, und eine endlose Abfolge von anderstalentierten Verkehrsministern, die im blauen Dunst der Autoindustrie ihr Biotop fand, trieb die Deutsche Bahn in die dysfunktionale Anarchie und machte sie zum Gespött Europas. Und Österreich? Wir haben zwar keine dominante Autoindustrie, sind aber anscheinend, wie Bundeskanzler Karl Nehammer letztes Jahr verkündete, ein „Autoland“.

Es liegt also vieles im Argen. Dieser Überzeugung ist auch der Filmemacher Reinhard Seiß. Der studierte Raumplaner ist so etwas wie der Wutbürger der österreichischen Baukultur, seit er 2007 mit seinem Buch Wer baut Wien? den Finger in viele noch heute schwärende Wunden legte. Aber er zeigt auch, wie es besser geht, etwa 2013 in seinem Film Häuser für Menschen.

Schadensfall Auto

Beides tut er auch in seinem neuen Film Der automobile Mensch – Irrwege einer Gesellschaft und mögliche Auswege, der am kommenden Montag im Wiener Gartenbaukino seine Premiere feiert. Mehr als vier Jahre lang hat er daran gearbeitet, biblische 373 Minuten lang ist das Ergebnis, aber keine Angst, sagt Seiß, niemand müsse sich das ganz anschauen. Stattdessen lassen sich die 51 Kapitel nach Bedarf zusammenstellen. Was hat ihn dieses Mal auf die Straße getrieben? „Es gibt wenige Dinge, die so irrational und von so vielen absurden Behauptungen geprägt sind wie unser Verhältnis zum Autoverkehr“, sagt er. Ein Beispiel von vielen: Der immer noch beliebte Sager vom Autofahrer als „Melkkuh der Nation.“

Der Film nimmt uns auf eine Autofahrt durch Österreich, Deutschland und die Schweiz, zeigt, wie nach dem längst widerlegten Motto „One more lane will fix it“ immer noch neue Straßen gebaut werden, auch dort, wo man sie eigentlich gar nicht braucht. Verkehrsforscher wie Hermann Knoflacher, der Grandseigneur der Autokritik, kommen zu Wort, aber oft sprechen die Bilder von zähflüssigem Verkehr auf leinwandbreitem Mehrspurasphalt für sich. Das Auto – ein Schadensfall für die Gesellschaft.

Dabei zielt Seiß darauf, die von ihm diagnostizierten absurden Behauptungen zu widerlegen. Etwa das oft vorgebrachte „Schön und gut, aber auf dem Land brauchst du halt das Auto!“ Das stimmt zwar, aber ist kein Naturgesetz. Dass es auch anders geht, zeigen die Szenen aus der Schweiz. Der Postbus, der mehrmals am Tag im 300-Einwohner-Dorf Waltensburg in Graubünden hält, dank schweizweit koordinierten Takts mit der Bahn so abgestimmt, dass man es in zwei Stunden nach Zürich schafft. Die Bahnen, die von Supermarktketten zum Warentransport genutzt werden, mit Containern, die an kleinen Dorfbahnhöfen verladen werden. Und nein – das macht der Film deutlich – das vermeintliche Argument „Ja gut, das ist halt die Schweiz“ ist keines. „Es sind keine ominösen Mächte, die diese Verhältnisse schaffen, sondern immer Entscheidungen der Politik“, betont Seiß.

Flächenfraß-Turbo

Wenn es heißt, man brauche eben Straßen, weil man sonst nicht schnell genug von A nach B komme, wird gerne unterschlagen, dass die Irrwege aus Asphalt nicht nur lineare Verbindungen sind, sondern auch ein Turbo-Generator für Flächenfraß. Die Lobau-Autobahn würde nicht nur Abgase in die Natur pusten, sondern auch einen neuen Gewerbe-Speckgürtel in Wiens Nordosten erzeugen, und die umstrittene Ostumfahrung Wiener Neustadt ginge Hand in Hand mit 575.000 Quadratmetern neuer Gewerbeflächen auf wertvollen Ackerböden. Und das in einer Stadt, die jetzt schon den höchsten Flächenverbrauch pro Person in Österreich aufweist.

Doch es gibt auch Lichtblicke, auf die Seiß seine Kamera richtet. Lienz in Osttirol, wo man die Verkehrsberuhigung im Stadtkern gegen die Kassandrarufe der Wirtschaft durchsetzte. Ottensheim in Oberösterreich mit seiner Schiffsverbindung nach Linz. Das norddeutsche Bremen mit seiner konsequenten Pro-Fahrrad-Politik. „Es geht schlicht darum, was wir als Lebensqualität definieren“, sagt Seiß. „Die Art der Fortbewegung spielt dafür eine wesentliche Rolle.“

Nicht nur das Thema erinnert an die BR-Dokumentation aus dem Jahr 1964, sondern auch der Tonfall. Denn als Sprecher wählte Seiß den bayerischen Kabarettisten Christian Springer, der die automobilen Welten mit rollendem R und rustikalem Sarkasmus dialektgefärbt kommentiert. Für Seiß eine Reminiszenz an seine Jugend auf dem Land, als der Bayerische Rundfunk ein Fenster zur Welt aufmachte. „Wienerisch wäre zu bösartig, aber Bairisch ist charmant und treffsicher, gemütlich und gfeanzt.“

Das stimmt zwar, doch nach zwei Stunden wird der süffisante Tonfall, in dem die Fehlleistungen „der Politiker, der Architekten und der Neubaugebiete“ kommentiert werden, zu einer etwas einseitigen und eintönigen Dialektik. Mehr Fakten, Daten und andere Stimmen hätten viele der Argumente gegen den Autowahn ergänzen und objektiv untermauern können. Doch die Stoßrichtung stimmt, und wenn es darum geht, die 180-Grad-Verkehrswende hinzubekommen, kann eine gute Dosis Polemik nicht schaden.

27. April 2024 Der Standard

Nicht so gute Plätze

Das kürzlich erschienene Büchlein „Sh*tscapes“ widmet sich Fehlplanungen im urbanen Raum und fasst die 100 schlimmsten Katastrophen zusammen. Hinter dem ersten Lachen verbirgt sich eine ernsthafte Botschaft.

Ob es wohl eine Bedienungsanleitung zum Verwenden dieser Bank gibt? „Ja, das wäre nicht schlecht“, sagen Paul Bourel und Vladimir Guculak, die das eigentümliche Sitzobjekt in Brixton gefunden haben, einem beliebten multikulturellen Stadtteil im Süden von London. „Denn obwohl es rundherum viele Bars und Lokale gibt, obwohl hier viele Jugendliche und Studenten abhängen, ist hier selten jemand anzutreffen. Und das ist schade, denn gut gestaltete Sitzbänke führen dazu, dass urbane Sozialisation entsteht, dass Menschen ins Gespräch kommen und Kontakte knüpfen. Eine schlechte Planung wie diese jedoch hat den gegenteiligen Effekt.“

Die gegenständliche Donut-Bank findet sich als geografisch und urheberisch anonymisiertes Bildbeispiel #28 im soeben erschienenen Büchlein Sh*tscapes. 100 Mistakes in Landscape Architecture, einem Kompendium von hundert Fehlern und „beschissenen Landschaften“ – so der wortgewitzte Buchtitel – im öffentlichen Raum, eine Art Handbuch für Fachleute und Entscheidungsträger. „Es geht nicht darum, irgendjemanden anzuprangern oder sich über Fehlplanungen, minderwertige Ausführungen oder schlechte Pflege und Instandhaltung lustig zu machen“, so die beiden Autoren, die in London das Landschaftsplanungsbüro studio gb leiten und an der Bartlett School of Architecture unterrichten. „Wir wollen bloß anschaulich machen, wie wenig Bewusstsein es in diesem Bereich gibt und wie viel unnötiger Schaden dadurch entsteht.“

So wie zum Beispiel in Elephant & Castle, Bild #22: Mit viel Sorgfalt wurde die Pflasterung optisch fortgesetzt, als eingeklebtes Steinbett in einem metallischen Schachtdeckel. Allerdings ist die Ausführung minderwertig, Stein und Mörtel haben der Belastung der darüberfahrenden Autos nicht standgehalten.

Wie zum Beispiel in Stockwell, Bild #60: Nicht nur die Aussparung mit runder Metallmanschette scheint winzig klein gewählt, auch die beiden Holzpfähle, die in der Regel in der Anwuchsphase als eine Art Krücke an den Baum gebunden werden, wurden noch immer nicht entfernt und beschädigen auf diese Weise die Rinde.

Geschrumpfter Fertigrasen

Oder etwa in Aldgate, Bild #69: Aufgrund mangelnder Bewässerung und großer Hitze sind die frisch verlegten Fertigrasenmatten geschrumpft. Kalkuliert man die benötigten Personalkosten für Pflege und Bewässerung mit ein, würde sich ein automatisches Bewässerungssystem innerhalb weniger Jahre amortisieren. Die Tauben indes scheint das wenig zu tangieren.

„Beispiele für Fehlplanungen und minderwertige Ausführungen wie diese gibt es nicht nur in London“, sagen Bourel (35) und Guculak (36). „Doch in Großbritannien ist die Dichte höher als anderswo.“ Den Grund dafür orten die beiden Landschaftsarchitekten vor allem in den Eigentumsstrukturen, konkret in der kontinuierlichen Privatisierung öffentlicher Räume und Institutionen in der Ära Margaret Thatcher. „Bei vielen Straßen, Plätzen und Parkanlagen in London handelt es sich um private Räume mit öffentlichem Nutzungs- und Aufenthaltsrecht. Daher gibt es auch kein übergeordnetes Interesse an der Pflege und Erhaltung.“

Und das ist ein ziemliches Problem. Einerseits gibt es eine nationale, überaus ambitionierte Quote, die vorschreibt, die städtischen Freiräume bis 2050 mit einer Deckung von 16,5 Prozent zu begrünen und mit Bäumen zu bepflanzen, zudem ist im November letzten Jahres der sogenannte Biodiversity Net Gain (BNG, Biodiversitäts-Nettogewinn) in Kraft getreten, der Bauträger und Immobilienentwickler verpflichtet, in die Artenvielfalt von Fauna und Flora zu investieren. Andererseits hat eine Studie der UK Forestry Commission kürzlich ergeben, dass 30 Prozent aller städtischen Bäume innerhalb der ersten zwölf Monate nach der Pflanzung absterben. Die mittelfristige Mortalität urbaner Bäume beträgt sogar 50 Prozent.

„Das ist eine Katastrophe“, so die beiden Buchautoren. „Letztendlich ist das nicht nur ein volkswirtschaftlicher Schaden, sondern auch eine sinnlose Zerstörung sozialer und mikroklimatischer Potenziale.“ Klimaschutz und ökologische Verantwortung, so das Fazit nach hundert durchgeblätterten Bildbeispielen, sind keine Privatsache. Die urbane Überlebenssicherheit gehört in öffentliche Hände gelegt.

„Sh*tscapes. 100 Mistakes in Landscape Architecture“, erschienen bei Jovis. Die Autoren bitten um Shitscape-Fotobeispiele aus aller Welt, per Mail an info@studiogb.uk.

15. April 2024 Der Standard

Le Corbusiers Seestadt in Indien stößt an ihre Grenzen

Die Doku „Kraft der Utopie“ ist eine Hommage an die am Reißbrett entworfene Metropole Chandigarh

Die Materialien der Stadtplanung“, schrieb Le Corbusier einst, „sind Himmel, Raum, Bäume, Stahl und Zement. In dieser Reihenfolge und [...] Hierarchie.“ Seine Utopie, die er selbst stets als die „Realität von morgen“ bezeichnete, sollte sich schon bald bewahrheiten: Nachdem Britisch-Indien nach dem Ende der Kolonialherrschaft 1947 in die beiden Länder Indien und Pakistan aufgeteilt worden war, befand sich Lahore, einst Hauptstadt des indischen Bundesstaats Punjab, plötzlich auf pakistanischem Boden. Eine neue Hauptstadt musste her: Chandigarh.

Zwischen 1950 und 1953 entstanden, zählt Chandigarh zu den wenigen am Reißbrett geplanten Großstädten des 20. Jahrhunderts. Nach Plänen von Albert Mayer (USA) und dem schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier entstand eine grüne, luftige, lebensgenüssliche Gartenstadt mit einer bestechend logischen Superblockstruktur, einem Wege- und Straßensystem in sieben Geschwindigkeitshierarchien, wobei Fußgänger von Anfang an im stadtplanerischen Mittelpunkt standen, mit penibel durchnummerierten Bäumen, von denen per Edikt kein einziger jemals wieder gefällt werden darf, und sogar einem künstlich ausgehobenen See im Norden der Stadt namens Sukhna. Ein bisschen wie in der Seestadt Aspern, bloß älter und ein paar Klimazonen wärmer.

Der gebauten Utopie widmete das Schweizer Filmduo Karin Bucher und Thomas Karrer nun einen 85-minütigen Dokumentarfilm, der in die Schönheiten und Problemzonen Chandigarhs entführt und dabei Bewohner, Expertinnen und Kulturschaffende zu Wort kommen lässt. „Wir sind beeindruckt von der enormen Gestaltungskraft, die bis heute sichtbar und prägend ist“, sagen die beiden gleich zu Beginn des Films. „Uns interessiert Chandigarh als Labor für ein neues Zusammenleben.“

Kraft der Utopie – Leben mit Le Corbusier in Chandigarh ist eine Liebeserklärung an die Stadt, an die hohe Wohn- und Lebensqualität in den insgesamt 56 Sektoren, an die wunderschönen, fast bildhauerisch geformten Regierungsbauten im sogenannten Capitol Complex, der seit 2016 Unesco-Weltkulturerbe ist. Oder, wie der in Chandigarh lebende Architekt Siddharta Wig erklärt: „Die Formen dieser Stadt wirken ständig auf die Denkmuster des Menschen ein. In Chandigarh gibt es kein Entkommen vor Le Corbusier. Er ist immer da, er sitzt ständig in deinem Kopf.“

Doch Chandigarh stößt an seine Grenzen. Für 500.000 Menschen konzipiert, hat die Stadt längst die erste Million geknackt. Jede Form von Umbau, Neubau und Nachverdichtung ist gemäß Le Corbusiers Edikt verboten. Das wiederum schürt die Immobilienpreise und macht die einst demokratisch erschaffene Schönheit dieser Stadt zu einem exklusiven Gut für die obere Mittel- und Oberschicht.

Wie lange haben Planungen und Utopien überhaupt noch Berechtigung? „Das Leben hält nie inne“, schrieb Le Corbusier. „Nichts ist übertragbar außer die Gedanken, die Krone unserer Arbeit.“ Doch genau hier, wo der sinnliche, zutiefst poetisch komponierte Film plötzlich Brisanz und gesellschaftspolitische Dringlichkeit entfaltet, ist er leider auch schon wieder zu Ende. Im Kino

2. April 2024 deutsche bauzeitung

Platzumgestaltung Praterstern in Wien

Der Praterstern ist ein Ort mit vielen Menschen und vielen sozialen Friktionen. Nach etlichen glücklosen Umplanungen in den letzten Jahrzehnten wurde der Platz nun ein weiteres Mal erneuert – diesmal allerdings behutsam und nicht nur mit der Kraft von Architektur und Stadtplanung, sondern auch in enger Zusammenarbeit mit der Sucht- und Drogenkoordinationsstelle der Stadt Wien.

Die Straßenbahn 5, eine der längsten Linien Wiens, dreht gerade ihre Endschleife, der Bus 80A fährt in die Haltestelle ein, oben die S-Bahn mit Bahnsteigdurchsage, unten ein Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene, dazwischen liegt, irgendwo auf einer der vielen Bänke, ein obdachloser Mann, Schlafsack, Plastiktüte, Weißwein im Tetrapack.

Ein ganz normaler Moment am Praterstern, könnte man meinen, auf einem der quirligsten öffentlichen Stadträume Wiens, sagen die einen, mitten im ewigen Sorgenkind und Hotspot von Drogen, Alkohol und Kriminalität, sagen die anderen. »Und beides ist irgendwie richtig«, sagt Isabella Lehner-Oberndorfer, Sicherheitsbeauftragte in der Sucht- und Drogenkoordinationsstelle der Stadt Wien, »denn der Praterstern ist ein hochfrequentierter Ort, an dem Menschen aus unterschiedlichen sozialen Gruppen zusammenkommen, und das sorgt naturgemäß für Friktionen.« Pro Tag, so benennt es die Statistik, laufen hier 150 000 bis 200 000 Menschen über den Platz, steigen ein und aus und um, verlieren sich im Dickicht der sozialen Kontraste.

Schön ist der Platz schon lange nicht mehr. Nach den Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg wurde der alte Nordbahnhof gesprengt und durch einen hässlichen Nutzbau in betonierter Hochlage ersetzt. Albert Wimmer stülpte 2007 eine gläserne Bahnhofshalle darüber, Boris Podrecca errichtete drei Jahre später eine Platzüberdachung mit ganz viel Metallgestänge und verdeckte damit die Bahnhofsuhr, und irgendwie wollte der Platz nie so richtig in die Gänge kommen. Statt in die Architekturgazetten schaffte es der Praterstern als Tatort von Vergewaltigungen und Messerstechereien immer bloß in die Boulevardmedien.

»Als 2014 klar wurde, dass die lokale Polizeistation von hier wegzieht und die alte Wachstube mitten am Platz frei wird«, erzählt Eric-Emanuel Tschaikner, CEO von KENH Architekten, »wurden wir eingeladen, für einen Gastronomen das Haus umzubauen, ein gestalterisches Konzept zu entwickeln und den unmittelbaren Freiraum rund um das Gebäude mitzuplanen.« Mit Erfolg. Der Gastronom pachtete das in den 1980er-Jahren errichtete Polizeihäuschen und startete mit den Planungen.

Als kurz darauf die Stadt Wien auf das Vorhaben aufmerksam wurde, praktischerweise knapp vor den Wiener Gemeinderatswahlen 2015, beschloss sie, die Ideen des Privatiers aufzugreifen, einen öffentlichen Wettbewerb für eine abermalige Umplanung des bis dahin erfolglosen, von vielen Menschen gemiedenen Platzes auszuschreiben, auf dem 2018 ein offizielles Waffen- und Alkoholverbot ausgehängt wurde, dem einzigen Ort mit Restriktionen dieser Art in ganz Wien – und die Renaissance des Pratersterns zum SPÖ-Wahlkampfthema hochzuzüchten.

KENH Architekten nahmen am zweistufigen Realisierungsverfahren teil und holten sich aus strategischen Gründen das Wiener Landschaftsplanungsbüro DD mit an Bord, schließlich haben Anna Detzlhofer und Sabine Dessovic mit öffentlichen Auftraggeber:innen und Projekten im öffentlichen Raum schon mehr als reichlich Erfahrung. Mit insgesamt 40 »Interventionen«, die punktuell ansetzen, ohne den bestehenden Platz komplett auf den Kopf zu stellen, belegte die Arbeitsgemeinschaft den 1. Platz. Im Herbst 2021 starteten die Bauarbeiten, im Sommer darauf wurden die letzten Arbeiten fertiggestellt.

»Am allerwichtigsten war uns, ein neues Narrativ auf den Platz zu bringen«, sagt Architekt Tschaikner. »Wir wollten das Stigma als Problemort mit Drogen, Alkohol und Kriminalität loswerden und stattdessen einen Platz für alle schaffen – für Kinder und Jugendliche, für Anrainer:innen aus der Umgebung, für Leute auf dem Weg von A nach B, aber natürlich nach wie vor einen Ort für Menschen aus marginalisierten Gruppen, die hier unter freiemHimmel ein Zuhause gefunden haben.« In enger Zusammenarbeit mit der Sucht- und Drogenkoordinationsstelle der Stadt Wien, die auf dem Platz schon seit vielen Jahren Sozialarbeit leistet und die Ängste und Bedürfnisse der unterschiedlichen Stakeholder gut kennt, wurde ein Sitz- und Aufenthaltskonzept entwickelt.

Dieses umfasst ein Spektrum an unterschiedlich dimensionierten Betonringen, die im Grundriss die Form des Praterstern-Kreisverkehrs aufnehmen. Bei den sogenannten Pratoiden (Copyright KENH) handelt es sich um Betonfertigteile in verschiedenen Radien, mal mit ebener Oberfläche, mal geböscht und gewölbt, mal mit laminierten Sitzauflagen, mal ohne, mal mit Armlehnen und Aufstehhilfen, mal ohne. Um das subjektive Sicherheitsgefühl am Platz zu steigern, wurden die scheinbar über dem Boden schwebenden Betonringe mit einer indirekten Beleuchtung ausgestattet. Ergänzt wird das Sitzkonzept von durchaus poetischen Betoneiern, die ein wenig wie frei platzierte Hinkelsteine mal da, mal dort herumliegen.

»Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen aus unterschiedlichen sozialen Gruppen sich eher in die Nähe von anderen wagen und sich dort wohlfühlen, wenn die Blickrichtungen voneinander wegweisen und nicht zueinander gerichtet sind«, erklärt Isabella Lehner-Oberndorfer. Auf den Betonringen sitzen die Menschen an warmen Tagen Rücken an Rücken, das scheint zu funktionieren. Die Platzierung der Sitzelemente folgt der Geografie des Platzes: Entlang der hochfrequentierten Wege gibt es eher Einzelsitze und geböschte Oberflächen fürs schnelle Hinsetzen zwischendurch, an den etwas abgelegenen Pfaden wiederum sind eher größere Sitz- und Liegeflächen zu finden – für die, die zu zweit kuscheln oder einfach nur alleine schlafen wollen. Interessantes Learning für andere Städte: »An den meisten Problemorten mit marginalisierten Gruppen und sozialen Friktionen werden die Sitzgelegenheiten in der Anzahl stark reduziert«, sagt Lehner-Oberndorfer. »Wir haben das Gegenteil gemacht! Wir haben so viele Sitzmöglichkeiten geschaffen, dass Menschen mit Alkoholproblemen und Obdachlosigkeiten das Angebot gar nicht ausfüllen können. Es gibt genug Verweilorte für alle.« Insgesamt wurden 192 offizielle Sitzmöglichkeiten geschaffen. »Und ja, das Konzept ist aufgegangen, es gibt keinerlei Raumkonkurrenz.«

Neben dem Sitzen zeichnet sich der mit »Interventionen« erfrischte, erneuerte Platz durch Licht, Grün und Wasser aus. Das Beleuchtungskonzept wurde vereinheitlicht und durch energieeffiziente LED-Masten ersetzt, die Versiegelungsfläche wurde reduziert, und wo es die Wege und Platzüberquerungen zugelassen haben, wurden begrünte Flächen vorgesehen. Um die genauen Flächen und Konturen zu bestimmen, wurden die Wege und Trampelpfade der Menschen analysiert. Schließlich wurde entlang des Kreisverkehrs Boris Podreccas Metallkranz entfernt, der den Praterstern einst wie eine Dornenkrone einfasste.

»Wir haben den Platz zum Teil großflächig entsiegelt, neue Rasenflächen geschaffen und das bestehende Material wie etwa Betonplatten und Granitpflaster behutsam entfernt und im Sinne der Kreislaufwirtschaft an anderer Stelle wieder eingebaut«, sagt Sabine Dessovic, Partnerin bei DD Landschaftsplanung. Anstelle von Podreccas Einfassung, der für die Umgestaltung des Pratersterns übrigens keinerlei Verständnis hat und die Begrünungsmaßnahmen als »städtebauliche Gaudi«, »grünen Populismus« und »pseudo-ökologisches Krebsgeschwür« bezeichnet, wurde ein 1,4 m hoher Begrünungsring geschaffen, der v. a. als emotionaler, atmosphärischer Sichtschutz dient.

»Wir wollten den Autoverkehr etwas ausblenden, gleichzeitig aber keine neuen visuellen Barrieren schaffen. Daher haben wir die Höhe beschränkt. Zugleich haben wir uns um eine Auswahl mit robusten, klimaresistenten Pflanzen und möglichst langer Blütenabfolge bemüht.« Weitaus komplexer war das Pflanzen der insgesamt 44 neuen Bäume – darunter Platanen, Kastanien, Robinien, Ulmen und Zelkoven. Um das Urban-Heat-Phänomen nicht erst in vielen Jahren, sondern schon jetzt einzudämmen, entschied sich DD, zum Teil erwachsene, bis zu 20 Jahre Bäume einzusetzen.

»Und das war alles andere als einfach«, so Dessovic. »Wir sind den gesamten Platz mit dem ober- und unterirdischen Leitungs- und Installationsplan abgegangen, der aussieht wie ein wilder Spaghetti-Teller, und ich kann mit bestem Gewissen sagen: Es gibt heute keinen einzigen Quadratmeter mehr, an dem man noch einen weiteren Baum pflanzen könnte. Alle Reserven sind ausgeschöpft, mehr geht nicht mehr.« Schon jetzt ist die subjektiv gefühlte Temperatur im Hochsommer, wie Studien ergeben haben, um 10 bis 15 Grad Celcius kühler als die tatsächliche Umgebungstemperatur.

Highlight des neuen Pratersterns jedoch – unscheinbar in der kalten Jahreszeit, ein erfrischendes Paradies im heißen Sommer – ist das 500 m² große Wasserspiel in der innenstadtzugewandten Platzmitte. Aus rund 250 Auslässen in der Bodenplatte sprudeln je nach Wetter in einer auf das jeweilige Klima abgestimmten Choreografie Wasser und feuchter Nebel. Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene aus allen möglichen Kulturen und Lebenswelten laufen an heißen Sommertagen durch die Wolke aus Abkühlung und Lebensfreude.

»Wir machen wirklich viele Projekte im öffentlichen Raum«, sagt Sabine Dessovic, »aber wir haben selten so viel positive Resonanz in Form von E-Mails und Anrufen erhalten, von Medien, aber auch von Menschen, die den Praterstern nun neu kennengelernt haben und uns kontaktieren und sich für die Planung bedanken möchten.« Die Dutzenden, Hunderten, Tausenden Silhouetten, die sich in der allsommerlichen Hitze mit Wasser umgeben, tun ihr Übriges. Ruhe, Kindergeschrei und zwischenmenschliches Chaos an einem Ort in lokaler Überlagerung. Schönheit, lehrt uns dieser Ort, ist in allererster Linie ein sozialer Aspekt. So gesehen ist der Praterstern nun endlich schön geworden.

23. März 2024 Der Standard

Theo, wir fahr’n nach Jesolo!

Theo, wir fahr’n nach Jesolo!

Die jüngste Ausstellung im Architekturzentrum Wien widmet sich der Anatomie des Reisens – nicht nur mit einer profunden Kritik am Status quo, sondern auch mit inspirierenden Beispielen für einen sanften, nachhaltigen Tourismus.

Und üban Woid,
do werma drüberfoahn,
mit Skilift und Chalet-Resort.
Des Umweltamt, des sogt:

„Des geht ned, weil
do is a Schutzgebiet.
Do wohnt ein wahrer Partisan,
und heißen tut er Auerhahn.“

Des Hendl is zwoa ned sehr gscheit,
doch gscheita ois die Seilbahnleit.
Des Schlimmste an dem Viech
is, dass der Vogl a no unbestechlich is.

Der Bürgermeister Blues von Marcus Hinterberger, 2022 erschienen, ertönt in der Station sieben: Natur. Privatisierung der Schönheit . Über der hölzernen Ausstellungswand mit eingebauten Kopfhörern hängt ein lilafarbener Banner von der Saaldecke, ganz so wie auf einer Ferienmesse, auf der man sich mit Sackerln voller Reisekataloge von einem Stand zum nächsten schleppt, nur ist hier alles ein bissl anders. Statt paradiesischen, verheißungsvollen Versprechungen mit almgrünen und himmelblauen Fotos gibt’s Zahlen, Daten, Fakten – und jede Menge Kritik am heute klassischen Massen- und Individualtourismus.

„Der Tourismus hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert“, sagen die beiden Kuratorinnen Katharina Ritter und Karoline Mayer, während sie mit dem STANDARD durch die fiktive Messehalle im Architekturzentrum Wien marschieren, gestaltet nach einem Konzept von ASAP Pitro Sammer Architekten, „denn immer mehr Menschen reisen immer öfter, immer weiter und in immer kürzeren Aufenthalten. Und das hat nicht nur Auswirkungen auf die Mobilität, sondern auch auf viele andere Aspekte – wie etwa Hotelbetrieb, Energieeinsatz, Bodenpolitik, Landwirtschaft, Immobilienwirtschaft, lokale und regionale Lebensqualität sowie steigende Wohn- und Lebenserhaltungskosten.“

Wir lernen: In der Glücksspielmetropole Macau (Sonderverwaltungszone China, ehemals Portugal) macht der Tourismus knapp 51 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Die 218 in Europa registrierten Kreuzfahrtschiffe emittieren 4,4-mal mehr Schwefeloxid als alle (!) Autos in ganz Europa. Und: Musterfamilie Gruber, die erst gar kein Auto besitzt und sich vegan ernährt, dafür aber einmal pro Jahr mit den Kids nach Costa Rica fliegt, um dort zwei Wochen lang Meeresschildkröten zu retten, hat einen höheren CO2 -Fußabdruck als Musterfamilie Huber, die mit zwei Autos im Speckgürtel wohnt, sich das ganze Jahr über von Schnitzeln ernährt und einen All-inclusive-Urlaub in Jesolo bucht.

Storytelling-Elemente

Spätestens hier hat man verstanden, warum die Ausstellung den wortspielerischen, doppeldeutigen Titel Über Tourismus trägt. Anhand von Grafiken, konkreten Beispielen und spielerischen Storytelling-Elementen wie mit den Grubers und Hubers werden die Inhalte sehr anschaulich transportiert. Dass die Zusammenstellung über den Hallstatt-Horror, die künstlich beschneiten „weißen Bänder“ in den Alpen und die strukturellen, allseits bekannten Auswirkungen von Kitzbühel, Wörthersee und Salzkammergut weit hinausgehen, versteht sich bei diesem Kuratorinnenduo, das vor drei Jahren bereits den vielbeachteten Ausstellungsschocker Boden für alle konzipiert hatte, fast von selbst.

„Aber wir wollen nicht nur klagen, anprangern und Kollateralschäden aufzeigen“, sagen Ritter und Mayer, „wir wollen auch positive Best-Practice-Beispiele für einen sanften, nachhaltigen Tourismus vor den Vorhang holen, denn schließlich sind wir eine Ferienmesse. Also zumindest fast.“ Rund 30 alternative, durchaus nachahmenswerte Reisestrategien gibt es in der Ausstellung zu entdecken – von der Alm über Städtereisen der anderen Art bis hin zu innovativen Konzepten für Wertschöpfung, Landschaftspflege und karitativen Tourismus, von dem ausnahmsweise die Schwächsten der Gesellschaft profitieren: Obdachlose, Geflüchtete, Gewaltbetroffene.

Mit dem Magdas Hotel, betrieben von der Caritas, mit geflüchteten Menschen an der Bar und Rezeption, gibt es nun erstmals ein schönes, durchaus schickes und absolut bobotaugliches Social-Business-Hotel mitten in Wien. Ein ähnliches Konzept verfolgt ein anderer Trägerverein mit seinem Hotel VinziRast am Land, wo man auf dem Gelände eines ehemaligen Gault-Millau-Luxusrestaurants in Alland nun günstig urlauben und nebenbei Biogemüse und glückliche Eier mit nach Hause nehmen kann.

Sanfter Tourismus

Ebenfalls im ländlichen Raum angesiedelt sind diverse Initiativen wie etwa die „Schule der Alm“. Der 2016 gegründete Verein versteht sich als Ausbildungsprogramm und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Almen im Tiroler Valsertal zu erhalten – und zwar mit der Hilfe von Interessenten, die mal Urlaub von ihrem „Bullshitjob“ machen und sich mit Sense, Spaten und Spitzhacke betätigen und die Kulturlandschaft in bis zu 3400 Meter Seehöhe nachhaltig pflegen und mitgestalten wollen. Aufgrund des zunehmenden Bauernsterbens gibt es in anderen Regionen – wie etwa am Grundlsee in der Steiermark oder am Weißensee in Kärnten – bereits eigene Landschaftspflegefonds, die Nebenerwerbslandwirte finanziell unterstützen.

Dass sanfter Tourismus nicht nur auf das Konto einer nachhaltigen Landwirtschaft einzahlen, sondern auch zum Erhalt regionaler Baukultur beisteuern kann, beweist die 2005 gegründete Stiftung „Ferien im Baudenkmal“. Von der Bauhausvilla am Zürichsee bis zur hochalpinen Holzhütte aus dem 16. Jahrhundert werden denkmalgeschützte Preziosen in der gesamten Schweiz vor dem Verfall bewahrt, denkmalgerecht restauriert und schließlich dem touristischen Markt zur Verfügung gestellt – und das zu durchaus moderaten Preisen, denn das Ziel der Stiftung sind nicht größtmögliche Gewinne, sondern gelebte Baukultur und die Stärkung lokaler Wertschöpfungsketten.

„Der Tourismus ist ein wesentlicher Hebel im Umgang mit der globalen Klimakrise und mit klimaadaptiven Maßnahmen“, sagen die beiden Kuratorinnen. „Daher müssen wir dringend handeln. Es gibt jede Menge sinnstiftender Best-Practice-Beispiele, an denen wir uns orientieren können.“ Während Venedig in Touristenmassen untergeht, hat Bhutan etwa die Corona-Krise dazu genutzt, den Tourismus im eigenen Land neu aufzustellen: Reisende müssen eine Sustainable-Development-Fee (SDF) in der Höhe von 250 US-Dollar pro Tag entrichten. Das Geld kommt nachhaltigen Projekten in den Sektoren Kultur, Bildung, Tourismus, Infrastruktur und Landwirtschaft zugute. Ein Weg von vielen.

Die Ausstellung „Über Tourismus“ ist bis 9. September 2024 zu sehen.

16. März 2024 Der Standard

Die Ruine Signa-Wunderland

Der Autor und Schauspieler Calle Fuhr bringt den „Aufstieg und Fall des Herrn René Benko“ auf die Volkstheater-Bühne. Es ist ab heute, Samstag, zu sehen. Die [in der gedruckten Ausgabe] eingefärbten Textstellen sind Originalzitate aus dem Stück.

Die Signa wächst und wächst und wächst. Das muss sie auch. Das ist der Fluch von Benkos Geschäftsmodell. „Und ich finde es spannend und beachtlich, bis zu einem gewissen Grad ringt es mir sogar Respekt ab, mit welchem Geschick René Benko in der Lage war, hunderte, vielleicht tausende Menschen an der Nase herumzuführen“, sagt Calle Fuhr, hellblauer Anzug wie ein Entertainer in einer US-amerikanischen TV-Show à la Jeopardy! oder Der Preis ist heiß. „In der Zwischenzeit ist das Kartenhaus in sich zusammengekracht. Viele Menschen – ob mit Geld, Arbeitsplätzen oder unbeglichenen Rechnungen – sind dabei zu Schaden gekommen.“

Heute Abend soll es um einen Mann gehen, der in den letzten Monaten die Schlagzeilen gefüllt hat wie kaum ein anderer. Calle Fuhr, gebürtiger Düsseldorfer, Autor, Regisseur und Schauspieler in Personalunion, hat die Causa Benko und sein Unternehmensimperium Signa, das aus rund 1000 Töchtern und Enkeltöchtern besteht, im Laufe des letzten Jahres in Zusammenarbeit mit der österreichischen Investigativplattform Dossier studiert und analysiert – und beschlossen, darüber ein Ein-Personen-Stück zu schreiben und sich selbst auf den Leib zu schneidern: Aufstieg und Fall des Herrn René Benko.

Weil eben doch längst nicht alles gesagt ist. Heute, Samstag, ist Premiere im Volkstheater, der große Saal längst ausgebucht bis auf den letzten Platz, der STANDARD war bei der Generalprobe live dabei und hat Zitate daraus, fett markiert in diesem Text, aufgenommen und notiert. „Ob in Österreich bei Kika/Leiner oder in Deutschland mit Karstadt und Galeria Kaufhof: Der Signa wurden Millionen an Steuergeldern hineingepumpt, um die maroden Kaufhäuser vermeintlich am Leben zu halten. Dabei scheint es von Anfang an ein abgekartetes Spiel gewesen zu sein, und zwar auf Kosten der Öffentlichkeit. Daher finde ich“, meint Calle Fuhr, „geht die Sache uns alle an.“

Der René will Geld verdienen. Während seine Klassenkameraden wohl gerade die rubinrote Edition von Pokémon für sich entdeckten, begann er, sich in das Immobilienbusiness einzulesen. Passagenweise gleicht Fuhrs Stück einem Vortrag, einer Univorlesung, beginnend in Benkos Schulkarriere, die er frühzeitig abbrach, um bereits in jungen Jahren Kleinanleger für Immo-Aktien zu keilen, wird dabei aber nie fad, besser jedenfalls als jeder Immobilienlehrgang an einer FH. Erst allmählich füllt sich der Theaterabend mit dramaturgisch hineininszenierten Elementen wie etwa Film, Zaubertrick, fiktiven Dialogen, Rollenwechseln mit Brille und Dialekt, zahlreichen Interaktionen mit dem Publikum.

René Benko zeichnet vor allem eines aus: Er ist schnell. Er weiß oft als Erster Bescheid, sobald eine Perle in einer Innenstadt am Markt ist. „Am meisten interessiert mich das Firmengeflecht aus Geschäftsführung, Aufsichtsräten und Beiratsmitgliedern, die sich bei der Signa aber nie als klassischer Beirat, sondern eigenen Angaben zufolge vielmehr als Impulsgeber und strategischer Beraterkreis verstanden haben“, sagt Calle Fuhr. Ob Gusenbauer, Haselsteiner oder Riess-Hahn: „Ich denke, ihre Besetzung folgt wohl auch einem politischen Kalkül, um in allen Koalitionskonstellationen manövrierfähig zu bleiben und immer als Erster zu erfahren, wann wieder einmal ein Filetstück in der Innenstadt frei wird.“ Und nicht nur das.

Benko kennt alle, und alle kennen Benko. „Benko beherrschte von Anfang an die Sprache von Seitenblicke und Boulevardmedien, und zwar fließend. Er ließ sich mit Promis ablichten, ob das nun Bundespräsidenten, Bürgermeister oder etwa Tina Turner war.“ Ein Schnappschuss mit der Rockröhre, auf der Volkstheater-Bühne ertönt einer ihrer größten Hits: „I call you when I need you, my heart’s on fire. When you come to me, give me everything I need. Give me a lifetime of promises and a world of dreams. You’re simply the best.“ „Das Beste für den einen“, meint Fuhr, „ist aber nicht immer das Beste für alle.“

Wo ich herkomme, im Rheinland, da gehst du nicht einkaufen: Da gehste Kaufhof. Oder da gehste Karstadt. Karstadt und Kaufhof wurden über die Jahrzehnte zum Herz einer typischen deutschen Innenstadt. „Mit der Übernahme von Karstadt und Galeria Kaufhof und der anschließenden Aufsplittung in eine Immobilien- und eine Betreibergesellschaft haben Benko und Co ein perfides Spiel inszeniert.“ Die selbsternannten Spielregeln der Signa werden auf der Bühne anschaulich erklärt, mit einer beliebten Immobilientochter namens Elisabeth und einer ungeliebten Betreibertochter namens Dörte. Bei der Generalprobe schüttelt das Publikum fassungslos den Kopf.

Benko wurde bei seiner Übernahme von Galeria als Retter der deutschen Innenstädte gefeiert. Aber das war nie sein Ziel. „Mit der Schließung vieler Galeria-Filialen“, erzählt Fuhr im Interview mit dem ΔTANDARD, „aber auch mit halbfertigen Rohbauten wie etwa dem Lamarr in Wien, dem Elbtower in Hamburg oder dem Carsch-Haus in Düsseldorf sehen wir nun, wie die Innenstädte nach und nach ausverkauft wurden und wie nun riesige Wunden in ihnen klaffen.“ Der Traum ist geplatzt, das Versprechen wurde gebrochen, viele Baustellen stehen still und warten auf Käufer.

Ich verstehe total, dass Leute gerade schadenfroh sind. Wenn sie denken: Der Benko, der hat’s verdient. „Aber das allein ist zu wenig“, sagt Calle Fuhr. „Außerdem dürfen wir nicht vergessen: Zu Schaden sind wir alle gekommen! Denn das, was Benko den Menschen und den Städten angetan hat, ist eine Form der Zerstörung – nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch in Hinblick auf die bauliche Substanz und auf die eigene urbane Identität.“

Den nächsten René Benko etwas unmöglicher machen. Mit seinem Stück möchte der Produzent verhindern, dass sich die Geschichte eines Tages mit anderen Firmen und anderen Protagonisten wiederholt. „Die Frage also ist: Welche politischen Konsequenzen können wir aus dieser Causa ziehen?“ Vor dem Black, neunte Szene, präsentiert der hellblau gekleidete Entertainer drei Strategien für die Zukunft. Ein Lehrstück an der Schnittstelle von Architektur, Politik und Immobilienwirtschaft.

„Aufstieg und Fall des Herrn René Benko“, Premiere am 16. März im Volkstheater. Vorstellungen am 20., 24., 25. März sowie am 5., 15., 18. und 27. April. Weitere Termine sind in Planung.

2. März 2024 Der Standard

Teuflisch gut

Gestern imperiales Kurbad mit Moorbädern, geplant von den Wiener Theaterarchitekten Fellner und Helmer, heute eine mutig hineinimplantierte Musiktribüne in knalligem Rot. Zu Besuch in den Císařské Láznì in Karlsbad.

Kateřina Knìžíková betritt die Bühne, champagnerfarbenes Abendkleid mit glitzernden Steinchen von oben bis unten, und setzt zu den ersten Versen an: „Una donna a quindici anni, dèe saper ogni gran moda, dove il diavolo ha la coda, cosa è bene e mal cos’è.“ Schon ein Mädchen von fünfzehn Jahren, singt die Sopranistin, müsse die große Kunst verstehen, wo den Schwanz hat der Teufel, was gut sei und was schlecht.

Ihre Arie aus Mozarts Così fan tutte, so tun es angeblich alle, füllt den ganzen Raum, der Schall pflanzt sich fort bis hoch in die allerletzte Reihe. „Dèe in un momento, dar retta a cento, colle pupille, parlar con mille.“ In einem Moment, zu Hunderten wechselt sie die Blicke, zu Tausenden die Worte.

Gar so viele Männer und Frauen passen in den neuen Konzertsaal im tschechischen Karlsbad nicht hinein, aber immerhin an die 300, verteilt auf 13 Reihen, vollbestückt mit superbequemen, teufelsrot bespannten Klappsitzen. Das allein wäre noch lange kein Grund für Jubel in höchsten Tönen. Sehr wohl aber die Tatsache, dass das knallrote Stahlungetüm ausgerechnet in ein denkmalgeschütztes Gebäude aus dem Jahr 1895 hineingestellt wurde, errichtet von den Wiener Theaterarchitekten Fellner und Helmer, die dereinst auch das Wiener Volkstheater, das Landestheater Salzburg, die Komische Oper Berlin, das Nationaltheater Rijeka und das Opernhaus Odessa geplant hatten.

„Ich bin hier geboren und aufgewachsen und habe den imperialen Charme dieser Stadt immer schon geliebt“, sagt der Prager Architekt Petr Hájek. Die Kurstadt Karlsbad, Karlovy Vary auf Tschechisch, sei ein Freiluftmuseum galanter, prosperierender k. u. k. Zeiten, ein kompaktes Großstädtchen inmitten bewaldeter Landschaft, mit regem Kulturbetrieb und mondänen Kurbädern, die mal unten im Tal, mal etwas weiter oben auf den Hängen platziert sind. Und im Gegensatz zu österreichischen Kurstädten wie etwa Bad Ischl oder Bad Gastein, so scheint es, ist Karlsbad weder tot noch in der Vergangenheit steckengeblieben, sondern immer noch quicklebendig, mit wohltuend frischem Geiste zwischen all den alten Gemäuern.

Altes Kaiserbad

Dieser zeigt sich vor allem im alten Kaiserbad, in den sogenannten Císařské Láznì. Einst befanden sich hier, hufeisenförmig im Halbkreis angeordnet, Moorbäder mit tonnenschweren Stahlwannen, die von einer mobilen Krankonstruktion im Innenhof durch die Lüfte bewegt und durch fensterartige Öffnungen im Mauerwerk in die einzelnen Kurbadezimmer hineingeschoben und nach dem getätigten Bad wieder entnommen wurden, um im Hof aufs Neue mit Wasser und frischem Torf befüllt zu werden, alles per zentrale Steuerung hinter den Kulissen. Auf diese Weise konnten pro Tag bis zu 2000 Menschen versorgt werden.

Der Kurbetrieb ist längst eingestellt. Um die architektonische Perle aus ihrem Dornröschenschlaf zu reißen und endlich einer neuen Nutzung zuzuführen, entschied sich die Stadt in Zusammenarbeit mit der nationalen Denkmalbehörde, 2018 einen Wettbewerb auszuschreiben und im einst infrastrukturell genutzten Innenhof einen Konzertsaal für die Tschechischem Philharmoniker zu errichten. Doch nach zwei Jahren intensiver Entwicklungsarbeit steckte das Siegerprojekt fest. Die Komplexität des Gebäudes und seiner horrenden Anforderungen im Umgang mit Akustik, Grundwasser und Denkmalschutz brachten die Planungen zum Erliegen.

„Daraufhin wurde ich 2020 kontaktiert und gebeten, als eine Art Troubleshooter einzuspringen“, erzählt Hájek. Sein Erfolgsrezept: „Nicht alles ins Gebäude hineinquetschen mit Ach und Krach, sondern stattdessen auf die räumlichen Gegebenheiten reagieren und die Bauaufgabe auf das reduzieren, was der Raum und die schwierigen Parameter erlauben.“ Bühne und Tribüne wurden verkleinert und als eine Art selbsttragendes Stahlmöbel in den Hof hineingestellt, auf Kulissen und unmittelbar angrenzende Backstage-Räumlichkeiten wurde verzichtet. Die Haustechnik konnte im Gespräch mit den Bauherren auf eine kompakte Low-Tech-Sparvariante abgespeckt werden. Hájek: „Ungewöhnliche Aufgaben erfordern ungewöhnliche Lösungen.“

Zerlegbare Konstruktion

Um die Bauarbeiten zu vereinfachen, wurde die ehemalige Glasüberdachung entfernt. Durch die so entstandene Öffnung konnten die vorgefertigten Stahlelemente, 746 Stück an der Zahl, per Kran in den Innenhof gehievt werden. Um die Konstruktion eines Tages auch wieder zerlegen zu können, musste die Montage der einzelnen Komponenten – eine Anforderung der Denkmalbehörde – mittels Schraubverbindungen erfolgen. 4592 Muttern und Schrauben halten das 16 Meter hohe Theaterimplantat, das die denkmalgeschützten Hofmauern an keiner einzigen Stelle berühren durfte, zusammen. Erst nach Fertigstellung des 94 Tonnen schweren Teufelswerks wurde das Dach wieder geschlossen.

„Für mich grenzt es an ein Wunder, dass wir das Projekt tatsächlich umsetzen konnten, ohne einen einzigen architektonischen Kompromiss, als roten Bausatz inmitten von Fellners und Helmers wunderschöner Neorenaissance-Architektur“, sagt Petr Hájek. „Was einst ein reiner Technikhof für den Kurbetrieb war, zu dem das Publikum keinen Zutritt hatte, ist nun ein Ort von ein bisschen gebastelter, ein bisschen improvisierter Hochkultur.“

Und was sagen die Künstlerinnen selbst? „In musikalischer Hinsicht ist jeder Konzertsaal ein Unikat und klingt auch entsprechend anders“, sagt Lenka Machová, erste Geige bei den Tschechischen Philharmonikern, kurz nach dem Konzert. „Dieser Saal ist halt besonders anders. Wir finden es großartig, hier zu spielen, wir sind ganz begeistert von den kräftigen Farben und der wilden Geometrie. Eine schöne Anregung für die Augen, die uns herausfordert, den Ohren eine mindestens genauso schöne Anregung zu bieten.“

Der neue Konzertsaal im 1895 errichteten Kaiserbad ist eine wertvolle Inspiration, die beweist, was im Rahmen des Denkmalschutzes alles möglich ist, wenn bloß alle Kräfte an einem gemeinsamen Strang ziehen. Così fan tutte, im besten aller Fälle. Wie meinte doch Mozart? „Par ch’abbian gusto di tal dottrina. Viva Despina!“ Sie scheinen, auf weitere Lehre, Geschmack bekommen zu haben. Es lebe Despina!

29. Februar 2024 Der Standard

Was Wien von Rom lernen kann

Am Mittwoch wurde der österreichische Beitrag für die Architekturbiennale 2025 in Venedig präsentiert. Sabine Pollak, Michael Obrist und Lorenzo Romito vergleichen das Wohnen in zwei europäischen Hauptstädten.

Bikini, Badehose und Schwimmflügerln wird man auf der kommenden Architekturbiennale zwar nicht brauchen. Denn dafür wird der Pool im Innenhof des Österreich-Pavillons mit 50 Zentimeter Tiefe nicht groß genug sein. Doch dafür soll das Becken mit Meerwasser, Lagunenpflanzen und umliegendem Holzdeck für mikroklimatische Abkühlung und für eine kurze Verschnaufpause sorgen auf der reizüberfluteten Erkundungstour von einem Pavillon zum anderen. Ausgestattet mit Sesseln, Liegestühlen und Sonnenschirmen sollen hier während der Architekturbiennale 2025 in Venedig kuratierte Poolgespräche zum Thema Wohnen stattfinden.

Agency for Better Living nennt sich der Beitrag des Dreierteams Sabine Pollak, Architektin und Professorin für Raum- & Designstrategien an der Kunstuniversität Linz, Michael Obrist, Architekt und Professor für Wohnbau an der TU Wien, und Lorenzo Romito, Aktivist, Gründer des Stadtforschungslabors Stalker, Professor an der Nuova Accademia di Belle Arti (NABA) in Rom sowie Gastprofessor an der ETH Zürich.

Länderübergreifend

Das länderübergreifende Projekt versteht sich als Agentur, Ausstellung und Forschungslabor, um aus wohn- und gesellschaftspolitischen Ansätzen in Wien und Rom zu lernen.

„Wien ist eine Vorzeigestadt für Top-down-Wohnbau“, sagt Kuratorin Pollak. „Vieles, was in dieser Stadt in den letzten 100 Jahren entstanden ist, ist weltweit einzigartig, die ganze Welt schaut da hin. Doch nicht alles entwickelt sich zum Guten. Grundstücke werden rarer und teurer, die technischen Anforderungen steigen, architektonische Qualitäten werden gekürzt, es wird schwieriger, Gemeinschaft herzustellen.“

Im Gegensatz dazu präsentiert sich Rom, das im Umgang mit historischen Ruinen und innovativer Bodenressourcennutzung schon seit hunderten Jahren Erfahrung hat – als europäischer Hotspot für Bottom-up-Ansätze. Leerstände werden besetzt, Bürohäuser zu Wohnzwecken transformiert, immer öfter findet man aktivistische Wohnmodelle und selbstorganisierte Formen des Widerstands.

Projekte wie Corviale, Spin Time, Porto Fluviale und Metropoliz sind Resultate autonomer Strukturen, die Kurator Romito als „Magie der Zivilgesellschaft“ bezeichnet. Aktuell gebe es in den römischen Behörden Bestrebungen, die zum Teil illegal errichteten und genutzten Wohnräume zu legalisieren und als Best-Practice-Wohnprojekte nachhaltig zu verankern. „Die beiden Modelle könnten nicht unterschiedlicher sein“, sagt Kurator Obrist. „In Zeiten globaler Wohnungskrise, in der sich immer weniger Menschen ein gutes Leben in der Stadt leisten können, wollen wir uns die Frage stellen, wie Wien und Rom voneinander lernen können.“

Dabei soll der denkmalgeschützte, nach Plänen von Josef Hoffmann gebaute Österreich-Pavillon in den Giardini in eine Wohnung mit Foyer, Wohnzimmer, Home-Cinema, Küche, einem Ort für unterschiedliche Rezeptexperimente also, und einem begrünten Innenhof mit temporärem Salzwasser-Pool umgebaut werden. Die Interviewpartner der dort stattfindenden Poolgespräche nehmen an einer Lotterie teil und können Übernachtungen in einem der in der Ausstellung präsentierten Wohnprojekte in Wien oder Rom gewinnen. Rote Faden- und Perlenvorhänge, typisch für den europäischen Süden, sollen den Pavillon einhüllen und in seinem Inneren strukturieren.

Politische Verantwortung

Staatssekretärin Andrea Mayer bezeichnete das Konzept für die 19. Architektur-Biennale 2025 als „wichtigen Beitrag, um abseits ästhetischer Fragestellungen auch über die soziale, kulturelle und politische Verantwortung von Architektur zu diskutieren“. Das Budget beläuft sich auf 600.000 Euro. In Zeiten, in denen SPÖ und Wirtschaftskammer so ökologisch desaströse Wahlzuckerl-Ideen wie 100.000 Euro „Eigenheimbonus“ präsentieren, scheint das Geld wertvoll angelegt.

17. Februar 2024 Der Standard

Halle für alle Turn On 2024

Das Handelszentrum HZ16 in Salzburg ist ein Ort, von dem viele träumen. Ein rougher Hub mit Sport, Medizin, Produktion, Hightech-Start-ups und Biogarnelenzucht im Keller. Mehr davon beim Architekturfestival Turn On.

Vor wenigen Tagen erst hat hier eine Hochzeit stattgefunden. Kathi und Luki haben sich, wie der Willkommenstafel in romantisch geschwungenen Lettern zu entnehmen war, das Ja-Wort gegeben. Die Halle war voll mit Blumenschmuck, bunten Fauteuils und festlich drapierten Tischtüchern. „Hochzeiten stehen nicht unbedingt auf der Tagesordnung“, sagt Marco Sillaber, „doch dafür passiert es regelmäßig, dass sich Leute und Unternehmen für Feiern und Preisverleihungen bei uns einmieten, weil sie das außergewöhnliche Ambiente zu schätzen wissen. Eine Halle wie diese wird man in ganz Österreich kein zweites Mal finden.“

Ort des Geschehens ist das Handelszentrum 16, kurz HZ16, in Bergheim bei Salzburg. Einst hatte Universal Versand hier, lange vor Ebay, Amazon und Zalando, sein österreichisches Zentrallager. 2002 wurde der 43.000 Quadratmeter große Hallenkomplex im Zuge der Logistikumstellung aufgegeben, ab diesem Zeitpunkt stand das Areal weitestgehend leer. Der Salzburger Investor und Projektentwickler Marco Sillaber, der in seiner Heimatstadt bereits das Gusswerk (Österreichischer Bauherrenpreis 2008 und 2013) und die Panzerhalle in Maxglan (2015) zu neuem Leben erweckt hatte, konnte sich als Käufer durchsetzen und riss auch dieses, äußerlich nicht sonderlich schöne Ding aus dem Dornröschenschlaf.

„Ich wollte den Bestand erhalten und mit dem arbeiten, was da ist“, sagt der 62-Jährige auf der kilometerlangen Führung durchs HZ16, „auch wenn es nicht gerade das leichteste Unterfangen ist, einer lieblosen Logistikarchitektur aus den 1970er-Jahren einen gewissen Charme herauszukitzeln. Doch den Smartvoll Architekten ist genau das gelungen. Sie haben es geschafft, den Geist des Hauses zu erhalten und die hässlichen Stützen, Betonträger und Dachuntersichten in einen neuen, ästhetischen Kontext zu rücken.“ Kommenden Samstag, den 24. Februar 2024, wird Smartvoll das Projekt im Rahmen des jährlich stattfindenden Architekturfestivals Turn On der Öffentlichkeit vorstellen.

Industrielle Rotzigkeit

Während sich der Architekturstandard hierzulande immer mehr in Richtung technischer Perfektion, aalglatter Allerweltsschönheit und verwertungstechnisch getriebenen Wegsanierens von Patina, Geschichte und Gebrauchsspuren entwickelt, entfaltet das revitalisierte HZ16 eine faszinierende industrielle Rotzigkeit. Man kann sich kaum erwehren, jede Stahlstange, jedes Metallgitter, jedes galvanisierte Stück Geländer anzugreifen und nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Händen zu ertasten. Die einstige Nutzung des Hauses als Hochregallager für Konsumprodukte und Europaletten wird bis zur allerletzten Schraube durchzelebriert.

„Bei Projekten wie diesen ist weniger meist mehr“, sagt Christian Kircher, Partner bei Smartvoll Architekten. „Ja nicht zu viel machen! Es reicht, einfach nur den Beton, den Stahl und die Glasbausteine für sich sprechen lassen. Und nach Möglichkeit mit dem Raum, mit dem Budget, mit der inhaltlichen Logik des Projekts arbeiten – und nicht dagegen!“ Die gold-gelblich schimmernde Oberfläche des Geländers ist nichts anderes als eine industrielle Galvanisierung, wie man sie im Baumarkt bei Schrauben, Scharnieren und Möbelbeschlägen vorfindet. „Wir mussten einen Kilometer Geländer produzieren“, so Kircher. „Jede andere Oberflächenveredelung hätte den finanziellen Rahmen gesprengt.“ Die Gesamtgestehungskosten für das privatfinanzierte Projekt – inklusive Immobilienkauf und Sanierung – belaufen sich auf unter 1000 Euro pro Quadratmeter.

Dynamische Planungszyklen

Für Philipp Buxbaum, ebenfalls Smartvoll, zeigt die schrittweise Revitalisierung des HZ16 eine neue Planungskultur: „Lineare Planungsprozesse gehören der Vergangenheit an. Gerade bei so komplexen, vielschichtigen Bestandsprojekten wie diesem müssen Architekten, Bauherren, Behörden und auch Mietpioniere eine gewisse Fluidität und Flexibilität an den Tag legen. Als wir begonnen haben zu planen, stand die Nutzung noch nicht fest, und als die ersten Bagger angerollt sind, wussten wir noch immer nicht, wer sich hier eines Tages einmieten oder als Eigentümer beteiligen wird. Wenn wir die Bestandsstadt in den Griff kriegen wollen“, so Buxbaum, der die konstruktive, außergewöhnlich kollegiale Zusammenarbeit mit den Salzburger Behörden hervorheben möchte, „wird an solchen dynamischen Planungszyklen kein Weg vorbeiführen.“

Das Risiko hat sich ausgezahlt. Vor zwei Jahren wurde das HZ16 fertiggestellt. Heute beherbergt es Fachhandel, Tanz- und Sportstudios, digitale Hightech-Start-ups, Produzenten für Skier, Küchen und Fitnessgeräte, Büroniederlassungen im Bereich Auto, Mode und Kreativwirtschaft, und im Untergeschoß befindet sich sogar eine Salzburger Biogarnelenzucht, auf dem unvergesslichen Logo eine Garnele mit Mozartperücke auf dem Kopf. Der Nutzer für die letzte noch verbleibende Freifläche steht auch schon fest: Zwischen den galvanisierten Geländern wird in Kürze ein medizinisches Großlabor für Harn-, Stuhl-, Blut- und Gewebeproben einziehen. Alle reden immer von Nutzungsvielfalt. So sieht sie in gebauter und gelebter Praxis aus.

Die aktuellen Krisen sind zur Normalität geworden. Umso wichtiger sind neue Perspektiven für die Zukunft. Was sind die Fluchtpunkte, auf die sich unsere Gesellschaft hinentwickeln soll? Dieser Frage widmet sich Margit Ulamas Architekturfestival Turn On, das am Freitag und Samstag im Musiktheater Muth über die Bühne gehen wird.

Der Freitag steht traditionell im Zeichen des interdisziplinären Dialogs zwischen Architektur, Bauwirtschaft und Bauindustrie. Diesmal mit einem Einblick in die Internationale Bauausstellung IBA’27 in Stuttgart sowie in Wohn-, Kultur-, Freizeit- und Infrastrukturprojekte in Berlin, Wien, Graz, Salzburg, St. Pölten und Prinzersdorf. Mit einer Präsentation des neuen Krallerhofs von Hadi Teherani in Leogang und einem Beitrag zum Stadtentwicklungskonzept „ISEK: Das Klimaticket zur enkeltauglichen Ortskernentwicklung“.

Am Samstag werden wie immer neun Stunden lang Architekturprojekte im Nonstop-Modus präsentiert – u. a. mit dem HZ16, Peter Haimerls Wabenhaus in München, einem Hausumbau von Claudia Cavallar, dem neuen BWM-Hotelensemble in Bad Gastein, innovativen Wohnprojekten in Wien, Tirol und der Schweiz sowie mit einem Turn-On-Talk zum umsichtigen Umgang mit Bodenressourcen.

Freitag, 23. Februar, 10 bis 19 Uhr, Samstag, 24. Februar, 13 bis 22 Uhr. Theatersaal im Muth, Am Augartenspitz 1, 1020 Wien. Eintritt frei.

1. Februar 2024 Der Standard

Im Zeichen der Pyramide

Johann Bernhard Fischer von Erlach ist als Erbauer von Karlskirche, Hofbibliothek und Schloss Schönbrunn bekannt. Die erste Sonderausstellung im neuen Wien-Museum begibt sich nun auf barocke Spurensuche.

Eine Federzeichnung aus dem Jahr 1712 zeigt den Prospect von dem großen und herrlichen Tempel der Mosque des großen Sultan Ahmed zu Constantinopol, 24 mal 21 Klafter im Grundriss, wie die handschriftliche Notiz am unteren Bildrand verrät. Darüber erheben sich sechs Minarette 21 Klafter hoch in den Himmel. Urheber der ins Büttenpapier gekratzten Federzeichnung ist Johann Bernhard Fischer von Erlach, der das barocke Wien und Salzburg in einem Ausmaß prägte wie kein anderer seiner Zeit.

Diesem wissbegierigen, fernwehgeplagten Seelenanteil des bekannten Barockarchitekten, der nur zwei Jahre nach Erstellung dieser Zeichnung den Wettbewerb zum Bau der Wiener Karlskirche gewann, widmet das wiedereröffnete Wien-Museum nun seine erste Wechselausstellung im vierten Stock: Fischer von Erlach. Entwurf einer historischen Architektur.

„Man weiß bislang sehr wenig über die Privatperson Fischer von Erlach“, sagt Kurator Andreas Nierhaus, der die Ausstellung mit dem Wiener Bildhauer und Fotografen Werner Feiersinger gestaltete. „Aber dafür umso mehr über seine Weltoffenheit, mit der er neue, fremde, exotische Bautypologien in fernen Ländern studiert und sich in sie regelrecht hineinvertieft hat.“

Im Alter von 14 Jahren bekam Fischer von Erlach ein Stipendium, mit dem er nach Rom ging, wo er zeitgenössischen Architekten wie Bernini und Borromini über die Schulter blickte.

Aus dieser Zeit speist sich seine Vorliebe für das mitunter bizarre Wechselspiel aus konvexen und konkaven Formen, die sich in seinen späteren Bauten immer wieder finden. Auch die Cestius-Pyramide, errichtet im Jahr zwölf vor Christus im antiken Rom, hat es Fischer von Erlach angetan. Obwohl dies die einzige Pyramide ist, die er je zu Gesicht bekommen hat, lässt ihn die Form in seinen Zeichnungen, Entwürfen, Skulpturen nie mehr los.

Macht der Worte

Im Zentrum der Ausstellung steht jedoch Fischer von Erlachs titelgebendes Buch Entwurff einer historischen Architectur, an dem er rund 20 Jahre lang arbeitete und das er 1721 herausgab. Eines der wenigen weltweit noch erhaltenen Exemplare, acht Kilogramm schwer, ist als gebundenes Werk wie in losen Schautafeln im Wien-Museum ausgestellt. Und der reichlich illustrierte Vorgänger des Coffeetable-Books, der sich dereinst als Bestseller mit zweiter Auflage und diversen Raubkopien herausstellte, hat es in sich – mit all seinen Moscheen, Schreinen, Tempeln, persischen Pavillons und chinesischen Pagoden, vor allem aber mit der Macht seiner Worte.

„Wann auch die in Zeichnungen sich übende Gelegenheit gewinnen, den Geschmack der Landes-Arten, (welcher, wie in den Speisen, also auch so zu reden in Trachten, und im Bauen ungleich ist) gegen einander zu halten, und das Beste zu erwählen, anbey zu erkennen, daß im Bauen zwar etwas auf eine Regel-lose Gewohnheit ankomme“, ist im Vorwort zu lesen, „wo man einem jeden Volke sein Gutdunken so wenig abstreiten kan, als den Geschmack.“

Oder wie der Kurator es zeitgenössischer formuliert: „Fischer von Erlach war mehr als bloß Architekt, Bildhauer und Erschaffer von pausbäckigen Engeln im Dienste der Kirche, als der er oft dargestellt wird“, sagt Nierhaus. „Er war der Erste, der es geschafft hat, einen fast globalen Überblick über Architektur und Baukultur zu geben, und zwar offen und neutral, ohne Klischees, ohne Wertung, ohne irgendjemandem etwas abzustreiten.“

Obwohl er selbst lediglich Rom, Berlin und England besuchte, scheute er weder Kosten noch Mühen, um an Zeichnungen und Planungsmaterial zu gelangen. Manchmal passte er Expeditionen ab, wie beispielsweise jene Gruppe von schwedischen Gelehrten, die auf dem Weg aus Palmyra im heutigen Syrien, Halt in Wien machten, um von ihnen abzuzeichnen und zu lernen.

Neuentdeckung

Aus dieser Perspektive lassen sich die 25 heute noch erhaltenen Bauwerke Johann Bernhard Fischer von Erlachs – darunter auch die Wiener Karlskirche – neu betrachten.

Beispielsweise als globale Collage aus Sultan-Ahmed-Moschee, Forum Romanum, Trajanssäule und der im 16. Jahrhundert errichteten Kirche Santa Maria di Loreto. In Zeiten von postnationalsozialistischen Kanzleramtsanwärtern und tiefblauer Daham-statt-Islam-Politik lohnt die Neuentdeckung des Fischer von Erlach. Bis 28. April

20. Januar 2024 Der Standard

Ein Jodler in die Welt hinaus

Heute, Samstag, wird in Bad Ischl die Europäische Kulturhauptstadt 2024 eröffnet. Das Salzkammergut leidet an Overtourism, Abwanderung, Leerständen, strukturellen Schwächen und immer noch kaiserlichen Klischees. Doch wie ist es um die Zukunft der einstigen Salzkammer bestellt? Das Potenzial ist enorm.

In den letzten Tagen hat das Wetter wunderbare Arbeit geleistet. „Schön zugezuckert hast du’s“, sagen die einen, „perfektes Timing“, die anderen. „Ohne Schnee wär’s zwar auch gut gewesen, aber so ist’s noch viel, viel besser.“ Global Home heißt die hausgroße Skulptur des oberösterreichischen Künstlers Herbert Egger, sechs mal vier Meter im Grundriss, zusammengenagelt aus rund tausend Leisten, aus sägerauem, unbehandeltem Fichtenholz, 5000 Laufmeter in Summe.

„Es ist ein Haus für die Natur“, sagt Egger, eingepackt in Daunenjacke und Wollmütze wie alle hier an diesem sonnigen Sonntagvormittag, zwei Grad unter null. „Denn während der Mensch in dieses globale Gebäude keinen Zutritt hat, bietet es in den Zwischenräumen zugleich ein Zuhause für Fauna und Flora. Für Samen, die angeweht werden, für Insekten aller Art, für Vögel, die hier ihre Nistplätze einrichten werden.“

An diesem versteckten Platzerl in St. Konrad, unten am Kotbach, umgeben von einem Wäldchen, wo sich kaum ein Tourist hinverirrt, entfaltet das temporäre Kunstwerk einen gewissen surrealen Zauber. Das Publikum ist begeistert. Und sogar der Grundstückseigentümer, alles andere als ein Kunstkenner, wie er selbst meint, habe das Land gerne zur Verfügung gestellt, denn schließlich, sagt er, ganz ehrlich, was solle man da unten sonst machen?

„Ordentlich Reibung“

Doch das sehen nicht alle so. Am Stammtisch oben im Ort, erzählen die Leute bei der Vernissage, Kunstschaffende und Kulturinteressierte aus dem Salzkammergut, die einen mit Prosecco-Glas, die anderen mit Bierflasche in der Hand, da höre man auch ganz andere Dinge. Wozu das Ganze! Was für eine Verschwendung von Steuergeldern! Und überhaupt, am besten, man fackelt die Hütte so schnell wie möglich ab!

„Zeitgenössische Kunst in einer alten, traditionellen Region“, sagt Elisabeth Schweeger, künstlerische Geschäftsführerin der Europäischen Kulturhauptstadt 2024 in Bad Ischl und im Salzkammergut, „ja, das sorgt schon für ordentlich Reibung. Das Salzkammergut ist zwar eine der kulturell und wirtschaftlich wohlhabendsten Regionen der Alpen, ohne jeden Zweifel, aber es ist auch eine Region, die Gefahr läuft, sich auf den Traditionen auszuruhen und steckenzubleiben. Das zeigt sich an Dirndl und Lederhose, das zeigt sich am 18. August, wenn in Bad Ischl immer noch des Kaisers Geburtstag abgefeiert wird, das zeigt sich aber auch an der lokalen Chalet-Architektur, von der nur wenige wissen, dass sie eigentlich eine Importware aus der Schweiz ist.“

Genau diese Klischees zu überdenken und ein anderes, modernes, zukunftsfähiges Salzkammergut herauszukitzeln ist die Aufgabe der Europäischen Kulturhauptstadt 2024, die – 40 Jahre nach Gründung des Formats auf Initiative der damaligen griechischen Kulturministerin Melina Mercouri und des französischen Kulturministers Jack Lang – nun erstmals in einer ländlichen Alpenregion ausgetragen wird. Am Samstag, den 20. Jänner, wird das Kulturhauptstadtjahr feierlich eröffnet. „Ein Jodler in die Welt hinaus“, so lautet der Programmschwerpunkt des heutigen Tages.

Pausetaste und Inspiration

Während das Format in Kulturhauptstädten wie etwa Helsinki (2000), Graz (2003), Linz (2009), Riga (2014) und Timişoara (2023) eher künstlerische und stadtkulturelle Dienste leistet und im besten Falle als atmosphärisches Beschleunigungsmittel für große Architekturprojekte verstanden werden kann, übernimmt das Hauptstadtjahr in den 23 teilnehmenden Gemeinden des Salzkammerguts eine weitaus wichtigere Funktion: Es dient als Pausetaste, Selbstreflexion und Inspirationsquelle, wie mit den bestehenden Problemen der Region in Zukunft umgegangen werden kann – ob dies nun Overtourism, Abwanderung junger Generationen oder Umgang mit Leerständen und Identitätslöchern ist.

In einem fiktiven, bislang nicht realisierten Projekt pinselt Idil Sentürk, Studentin an der TU Wien, in weißen Lettern auf die Hallstätter Dachlandschaft: „there are people living under these roofs, don’t you believe?“, und Daniel Jordan, ebenfalls Teilnehmer der Denkwerkstatt 2024, lässt das pittoreske Städtchen, das in Guangdong, China, ohnehin schon in einer spiegelverkehrten Kopie existiert, unter dem Titel Recht auf Hallstatt gleich hinter einem blickdichten Vorgang verschwinden.

Erst vor wenigen Tagen, am Mittwoch, haben Simone Barlian, Sabine Pollak, die raumarbeiterinnen sowie Studierende der Kunstuniversität Linz unter dem Titel Plateau Blo ein Saunafloß in den Traunsee gelassen. In der in Gmunden vor Anker gegangenen Schwitzhütte, so der Plan, will man in der kalten Jahreszeit Bürgermeistergespräche zu relevanten Themen veranstalten.

„Nackt sind alle Menschen gleich, die Sauna ist so gesehen ein sehr demokratischer Ort“, sagt Künstlerin Barlian. „Wir nutzen diesen Ort sozialer Wärme daher, um mit den politisch und immobilienwirtschaftlich Verantwortlichen über einen fairen, demokratischen Umgang mit Stadt, Land und See zu diskutieren.“ Hitzige Gespräche sind vorprogrammiert. So etwa auch im Herbst, wenn von 19. bis 22. September nach einem Konzept von Sabine Kienzer und Marie-Thérèse Harnoncourt in Hallstatt das dreitägige Baukultur-Symposium Interventa 2024 über die Bühne gehen wird.

Innovative Rezepte

Das Salzkammergut zählt zu den demografisch ältesten Regionen Österreichs. In einigen Gemeinden beträgt das Durchschnittsalter 48,4 Jahre (Österreich gesamt 43,2 Jahre). Allein in Bad Ischl hat sich der Anteil der über 60-Jährigen laut Statistik Austria in den letzten 20 Jahren von knapp 25 Prozent auf ein Drittel dramatisch erhöht. Umso schöner, dass nun die Jungen kommen. So wie beispielsweise Christoph Held, 39 Jahre alt, besser bekannt als Krauli, Fernsehkoch mit Dreadlocks, Küchenchef am Siriuskogl in Bad Ischl. Ab sofort behaust er das seit Jahren leerstehende Bahnhofsbeisl am ÖBB-Bahnhof Bad Ischl und verwöhnt seine Gäste im sogenannten Wirtshauslabor mit regionaler Küche und innovativen Rezepten.

Zu verdanken ist die Bewerbung Bad Ischls und seiner umliegenden Region, by the way, ebenfalls den ganz Jungen. Bereits 2014 startete Elisabeth Leitner, Kulturberaterin und Obfrau des Vereins Landluft, damals Assistentin an der TU Wien, einen Denkprozess mit rund hundert Studierenden aus ganz Österreich. Eines Tages wurden diese in Bad Ischl vorstellig und schafften es, gemeinsam mit der Gemeinde ein Konzept für die Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt auszuarbeiten. Der Rest ist Geschichte.

Die wichtigste Frage, die es 2024 zu beantworten gilt: „Wie schaffen wir es, die Region zu verjüngen, die Strukturen zu optimieren und die Baukultur weiterzuentwickeln“, so Geschäftsführerin Elisabeth Schweeger, „und zwar ohne Verrat an der Tradition?“ Zwölf Monate Zeit.

13. Januar 2024 Der Standard

Der Atem des Architekten

In den letzten Jahren hat sich das Werk des indischen Architekten Bijoy Jain, Gründer des Studio Mumbai, ziemlich verändert. Sein radikaler Wandel, der nun in der Fondation Cartier in Paris dokumentiert ist, gibt uns zu denken.

Es riecht nach Holz, nach Schilf, nach feuchtem Lehm, nach staubigem, frisch geschliffenem Stein wie in einem Steinbruch, vor allem aber steigt in der ersten Sekunde schon, kaum hat sich die Türe geöffnet, ein bissig saurer Duft in die Nase auf, als hätte der Bauer mit dem Gülletraktor eben erst die Felder gedüngt.

„Ach, das! Das ist nichts, das hat sich ja schon alles verflüchtigt“, sagt eine Aufseherin. „Sie hätten beim Ausstellungsaufbau dabei sein sollen!“ Und ja, wenig später wird sich herausgestellt haben, dass Bijoy Jain, Exponent und Kurator seiner eigenen Ausstellung in Personalunion, ein größeres Material-Œuvre verwendet hat, als man in mitteleuropäischen Gefilden gewöhnt ist.

„Kuhdung ist da, er ist allgegenwärtig, und er ist zu tausenden Tonnen verfügbar“, sagt Jain im Gespräch mit dem ΔTANDARD. „Warum also sollten wir darauf nicht zurückgreifen?“ In Indien, meint der 59-Jährige, der 2005 sein eigenes, mittlerweile weltberühmtes Büro Studio Mumbai gegründet hat und mit seinem Team seitdem so schöne Wohn- und Kulturbauten geplant hat, dass es einem den Atem verschlägt, habe sich Kuhdung nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in der Architektur als wertvolles Nutzmaterial herausgestellt. Meist werden damit – mit einer Mischung aus Kuhdung und Strohhäcksel, um genau zu sein – Erdböden und Lehmwände versiegelt.

Rümpfende Nasen

Und genau das habe er auch hier gemacht, sagt er, in der gläsernen, luftig leichten Fondation Cartier in Paris, 1994 nach Plänen von Jean Nouvel errichtet, Boulevard Raspail, 14. Arrondissement. Auf dem hellen Terrazzo im Parterre, wo sonst minimalistische, am Kunstmarkt hoch gehandelte Bilder, Skulpturen, Installationen zu sehen sind, liegt nun, in Kübeln aus der Provinz herbeigekarrt und in einer zwei Millimeter dicken Schicht aufgetragen, ein Stück landwirtschaftlicher Realität. Bei der Pressekonferenz, zu der die Fondation Cartier im Dezember eingeladen hat, stieß – rümpfende Nasen im wahrsten Sinne – Kunstschickeria auf Stoffwechselendstation, ein köstliches Bild.

„Ich werde häufig gefragt, warum ich mit diesen simplen, primitiven Materialien arbeite“, sagt Jain. „Allein die Frage ist schon falsch formuliert. Erstens sind diese Stoffe weder simpel noch primitiv, sondern von hochintelligenter Beschaffenheit, wir haben lediglich verlernt, die Potenziale zu nutzen. Und zweitens sind dies keine Materialien, sondern Medien, um meiner Arbeit physische Manifestation zu verleihen.“ Das eigentliche Material seiner Arbeit, sagt er, seien Licht, Luft, Liebe, Sonne, Wasser, Leben, Schwerkraft und der eigene, unentwegte, niemals pausierende Atem. Daher auch der immaterielle, auffällig spirituelle Titel der Ausstellung: Breath of an Architect.
Lehm, Holz und Stein

Waren auf der Architektur-Biennale 2016 in Venedig, als Bijoy Jain erstmals einem breiteren europäischen Publikum präsentiert wurde, noch Baustoffe, Werkzeuge, Arbeitsmodelle und konkrete, realisierte Projekte zu sehen, so formiert sich die aktuelle Ausstellung in der Fondation Cartier vor allem aus Fragmenten aus Lehm, Holz und Stein sowie aus teils behauenen, teils collagierten, teils aufwendig geflochtenen Skulpturen. Zu sehen ist beispielsweise eine ganze Armada an steinernen Tieren, zu Dutzenden durch den Saal marschierend, angesiedelt zwischen Hinduismus und alttestamentarischer Arche Noah, die nach dem bildhauerischen Prozess in ein milchig weißes Kaolinbad getaucht wurden. Die Tierchen weisen wunderschöne Physiognomien auf, keine Frage, man ist ganz verzückt.

Ob es sich bei den ausgestellten Exponaten um Kunst oder um Architektur handle? „Diese Frage ist banal und langweilt mich ungemein“, sagt ein sichtlich entnervter Bijoy Jain. „Es geht um die Schönheit des Lebens. Es ist alles miteinander verbunden, die Dinge entstammen alle ein und derselben Quelle, ob Kunst oder Architektur, ob drinnen oder draußen, ob du oder ich. Ich möchte aufzeigen, wer wir sind und woher wir kommen. Letztendlich sind wir alle auf den Atem zurückzuführen. Atem ist das, was uns verbindet. Atem ist überall.“

Je fortgeschrittener das Gespräch, desto größer die Missverständnisse zwischen Interviewer und Interviewtem. Noch spiritueller als in der Fondation Cartier und in der bilateralen Annäherung präsentiert sich Jain im knapp 100-minütigen Dokumentarfilm The Sense of Tuning, den die beiden Filmemacher Ila Bêka und Louise Lemoine anlässlich der Ausstellung gedreht und in dem sie den Architekten einen Tag durch Mumbai begleitet haben – nicht nur bei seiner Arbeit, sondern auch beim Meditieren, beim Ausführen der Hunde, beim Philosophieren über religiöse Rituale.

„Ich will Architektur für die Sinne machen“, sagt er in der 55. Minute. „Und zwar nicht nur für die fünf Sinne, die wir schon kennen, sondern auch für den sechsten Sinn, der in Zukunft eine noch viel wichtigere Rolle spielen wird als heute – für die Intuition. Denn neben dem Schauen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken ist dies genau das, wie wir uns den Raum erarbeiten – in intuitiven Gedanken. Erst diese Intuition ermöglicht Präsenz.“ Hilfe!

Fassungslosigkeit

Ausstellung und Film bieten einen sehr intimen, sehr künstlerischen, sehr berührenden Einblick in das Leben eines Architekten, der in den letzten Jahren, seit seiner internationalen Erstentdeckung auf der Biennale in Venedig, eine sichtlich große Reise unternommen hat – von einem sensiblen, bauenden, das Handwerk liebenden Architekten zu einem atmenden, von alltäglichen Zwängen befreiten Künstler, fast schon Guru, der sich jedem Konkretisierungsversuch geschickt zu entziehen weiß.

Letztendlich liegt es an uns selbst, wie wir diese buchstäbliche Fassungslosigkeit Bijoy Jains interpretieren. Möglichkeiten gibt es viele. Eine davon ist, seine Position als planetaren Hilfeschrei zu verstehen und zu erkennen, wie wir unsere Baukultur, wie wir unsere Ressourcen, wie wir unseren eigenen Daseinsraum mit einer immer globaleren, immer mehr um sich wütenden Bauindustrie zugrunde richten.

„Es geht um das Bauen im Einklang mit der Natur und den Ressourcen, die uns die Erde zur Verfügung stellt, und nicht um das Ausbeuten“, sagt Bijoy Jain am Ende. „Wir haben verlernt zu atmen, und nun nehmen wir auch der Erde ihren Atem weg. I think it’s time to rest.“

Die Reise nach Paris erfolgte auf Einladung der Fondation Cartier. Die Ausstellung „Breath of an Architect“ ist noch bis 21. April 2024 zu sehen. Empfehlung Buchpublikation: „Le souffle de l’architecte“, Dokumentarfilm „The Sense of Tuning“ von Bêka Lemoine.

8. Januar 2024 deutsche bauzeitung

Konzertsaal in Karlsbad

Gestern imperiales Kurbad mit schlammigen Moorbädern, geplant von den Wiener Theaterarchitekten Fellner & Helmer, heute radikale Musiktribüne in kräftigem Signalrot, hineinimplantiert vom tschechischen Architekten Petr Hájek. Zu Besuch in den Císařské Lázně in Karlsbad.

Kateřina Kněžíková betritt die Bühne, champagnerfarbenes Abendkleid mit glitzernden Steinchen, ein knallrotes Reflektieren am ganzen Körper. Und setzt zu den ersten Versen an: »Una donna a quindici anni, dèe saper ogni gran moda, dove il diavolo ha la coda, cosa è bene e mal cos’è.« Schon ein Mädchen von fünfzehn Jahren, singt die Sopranistin, müsse die große Kunst verstehen, wo der Teufel hat den Schwanz, was gut sei und was schlecht. Ihre Arie aus Mozarts »Così fan tutte«, so tun es angeblich alle, füllt den ganzen Raum, der Schall pflanzt sich fort bis hoch in die allerletzte Reihe. »Dèe in un momento, dar retta a cento, colle pupille, parlar con mille.« In einem Moment, zu Hunderten wechselt sie die Blicke, zu Tausenden die Worte.

Gar so viele Männer und Frauen passen in den neuen Konzertsaal nicht hinein, aber immerhin an die 300, verteilt auf insgesamt 13 Reihen, voll bestückt mit superbequemen, teufelsrot bespannten Klappsitzen, die sich bei Bedarf mitsamt Tribüne mit wenigen Handgriffen umklappen und nach hinten schieben lassen und den Saal stattdessen mit einer ebenen Kongressfläche beschenken. In welchem Zustand auch immer, das kräftige Signalrot, RAL 3001, füllt den Innenhof des ehemaligen Kaiserbads, Císařské Lázně, errichtet 1895 von den Wiener Theaterarchitekten Fellner & Helmer, und verleiht der längst stillgelegten Badeanstalt im südlichsten Talschlusszipfel von Karlsbad auf diese Weise ein immerhin theatralisches Leben nach dem Tod.

Ein Haus wird wachgeküsst

»Ich bin selbst in Karlsbad geboren und aufgewachsen und habe den Charme dieser Stadt immer schon geliebt«, sagt der Prager Architekt Petr Hájek. »Doch ich kann mich erinnern: Schon in meiner Kindheit war das Kaiserbad leer und verwaist, der Kurbetrieb bereits eingestellt. Nach vielen Jahrzehnten gab es nun die einmalige Chance, das Haus wachzuküssen und einer neuen Funktion zuzuführen.« Die Pläne zum Einbau einer Konzertbühne reichen schon viele Jahre zurück, 2018 wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, doch das Projekt steckte nach zwei Jahren fest, weil die ausschweifenden Wünsche der Auftraggeber mit den baulichen, technischen Möglichkeiten und den Anforderungen der Denkmalbehörde nicht in Einklang zu bringen waren. Die Planungen wurden gestoppt.

»Daraufhin wurde ich 2020 kontaktiert und gebeten, als eine Art Troubleshooter einzuspringen und einen alternativen Entwurf auszuarbeiten«, erzählt Hájek, der schon einmal zum Architect of the Year gekürt wurde, mit einem irgendwie beelzebübischen, genussvollen Grinsen im Gesicht. Sein Erfolgsrezept: »Nicht alles ins Gebäude hineinquetschen, was man sich im Idealfall erträumt, denn damit kann man nur scheitern, sondern stattdessen auf die räumlichen Gegebenheiten reagieren und die Bauaufgabe auf das reduzieren, was der Raum und die schwierigen Parameter erlauben. Gerade in so einer fragilen, einzigartigen Situation muss man sehr sensibel vorgehen.«

Bühne und Tribüne wurden daraufhin verkleinert und als eine Art selbsttragendes Stahlmöbel in den Hof hineingestellt, die technischen und materiellen Schnittstellen wurden damit auf ein Minimum reduziert, auf Kulissen und unmittelbar angrenzende Backstage-Räumlichkeiten wurde gänzlich verzichtet, und sogar die Haustechnik konnte im Gespräch mit den Bauherren auf eine kompakte Lowtech-Sparvariante abgespeckt werden. Vor und nach dem Konzert sowie in den Pausen wird die Lüftung auf 100 Prozent hochgefahren, während der Vorstellungen hingegen fährt die Anlage auf viertel oder halbe Kraft herab, bei Tonaufzeichnungen wird sie komplett auf Standby gestellt. Aufgrund der enormen Raumhöhe von rund 20 m ist genug Frischluft für alle vorhanden. Hájek: »Ungewöhnliche Aufgaben erfordern ungewöhnliche Lösungen.«

18:53 Uhr. In wenigen Minuten beginnt das Konzert. Gleich wird Kateřina Kněžíková die Tschechischen Philharmoniker mit ihrer Sopranstimme begleiten, gefolgt von Haydn und Beethovens 5. Sinfonie in c-Moll. Während die Gäste den Saal betreten und ihre Sitzreihen auf den ebenfalls knallrot lackierten Stufen erklimmen, stehen unter der Tribüne einstweilen die Musikerinnen und Musiker, stimmen ihre Instrumente mangels Backstage-Bereich vor den Augen (und Ohren) des einströmenden Publikums ein, räuspern sich, zupfen an den Saiten, speicheln ihre hölzernen Mundstücke ein. Eine Kakophonie auf Tuchfühlung, frei von jeglichen Barrieren, mal abgesehen vom Talent der darstellenden Kunst, so simpel und basisdemokratisch hat sich die räumliche Begebung in klassischer E-Musik noch nie angefühlt.

19:00 Uhr. Wo eben noch die Besucherinnen und Besucher nach oben spaziert sind, marschieren nun die Orchestermitglieder der Tschechische Philharmonie die Treppen hoch, gewappnet mit Violinen und Bratschen, mit Klarinetten, Querflöten und ausladend gerollten Hörnern. Applaus. Wenige Momente später betritt Dirigent Tomáš Netopil die Bühne. Und schon bei den ersten Zwischenabtritten, die mangels Backstage-Bereich in diesem Gebäude lediglich angedeutet werden können, wird man als Zuschauer – wenn neben dem Stiegenabgang bald ein schwarz gekleideter Herr auftauchen wird, mit einem weißen Handtuch, keck über den Unterarm geworfen, um dem Dirigenten die Möglichkeit zu bieten, sich den Schweiß von der Stirn zu wischen – unweigerlich schmunzeln müssen. Ungewöhnliche Aufgaben, hat der Architekt gesagt, erfordern ungewöhnliche Lösungen, jawohl.

Mit 4.592 Schrauben verbunden

Die Exotik liegt dem Bauwerk schon seit seiner Fertigstellung anno 1895 bis ins kleinste Detail inne. Denn ursprünglich wurde das Kaiserbad für gesundheitlich wohltuende Moorbäder genutzt. Um den Angestellten die Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes zu erleichtern und das schwere Schleppen des Schlamms zu vermeiden, diente der Innenhof als reiner Service-Hof, mit einem Stahlkran in der Mitte, der die mit Moor gefüllten Wannen durch Fensteröffnungen direkt in die Badezellen hineinschob, um sie nach dem Baden der Gäste wieder zu entnehmen und im UG des Hofs mit frischem Torf und Wasser aufs Neue zu befüllen.

»Damals clever, heute clever«, sagt Petr Hájek ganz lapidar. Um die Bauarbeiten zu vereinfachen, wurde das ehemalige verglaste Stahldach entfernt. Durch die so entstandene Öffnung konnten die geschweißten, vorgefertigten Stahlelemente, 746 Stück an der Zahl, per Kran in den Innenhof gehievt werden.

Um die Konstruktion eines Tages auch wieder zerlegen zu können, musste die Montage der einzelnen Komponenten – eine Anforderung der Denkmalbehörde – ausschließlich mittels Schraubverbindungen erfolgen. 4 592 Schrauben halten das 16 m hohe Theater-Implantat, das die denkmalgeschützten Hofmauern an keiner einzigen Stelle berühren durfte, zusammen. Erst nach Fertigstellung des roten Teufelswerks wurde das Dach wieder geschlossen – mit einem stählernen Tragwerk samt Trapezblech und Dämmung, in den Zwischenräumen des Fachwerks werden die verhältnismäßig spärlich dimensionierten Lüftungsleitungen geführt.

Aus akustischen Gründen wurde die gesamte Stahlkonstruktion mit ebenfalls signalrot lackiertem Streckmetall verkleidet. Im Überkopfbereich über dem Orchester kamen CNC-gefräste Sperrholzplatten zum Einsatz. Als Vorlage für die unregelmäßig verspielte Oberfläche mit ihrem reizvollen Licht- und Schattenspiel diente die topografische 3D-Landschaft rund um Karlsbad, irgendwie charmant. Die 300 gepolsterten Klappsitze – ein Entwurf Jean Nouvels für die Philharmonie in Paris, den Petr Hájek als Lizenz für dieses Projekt in Absprache mit dem Atelier Nouvel übernommen hat – tun ihr Übriges.

Für klassische Sinfonien, Violinkonzerte und Mozart-Arien eignet sich der Klang ohrenscheinlich ganz wunderbar, für Kammermusik und andere, atmosphärisch etwas dumpfere Musik wird man noch weitere Maßnahmen ergreifen müssen. Geplant sei, so Hájek, die hufeisenförmige Ummauerung des Innenhofs mitsamt ehemaligen Badezimmerfenstern mit einem schwarzen, raumhohen Vorgang auszustatten, den man bei Bedarf ganz oder zumindest teilweise wird schließen können. Dann wird sich der Saal mit seiner mobilen Kinoleinwand, die man hinter dem Orchester hervorzaubern kann, nicht zuletzt auch als Location für das Karlovy Vary International Film Festival noch besser eignen. Die Nachrüstung wird dem Projekt guttun.

Beethovens Fünfte ist gleich zu Ende. Die Violinen sägen sich eifrig in die letzten Schlussakkorde ein. Die Theaterbühne in Fellners & Helmers Kaiserbad, so viel ist nach knapp zwei Stunden Moll-Kunstgenuss sicher, ist ein radikaler, ungewöhnlicher, aber durch und durch schlüssiger und geglückter Bau, der dem Publikum angenehmen und mitunter begeisterten Gesprächsstoff, Klangfarbe Dur, liefert. Applaus.

23. Dezember 2023 Der Standard

Magnolien für Herrn Kennedy

In Wien-Penzing wurde kürzlich das Wohnprojekt Kennedy Garden übergeben. Die enorme Bebauungsdichte und die unglückliche Akustik werfen viele Fragen auf: Haben wir Stadtverdichtung wirklich schon zu Ende gedacht?

Im fünften Stock steht ein Mann auf dem Balkon und telefoniert. Nicht besonders laut und schon gar nicht überbordend in seinem stimmlichen Volumen, und dennoch versteht man jedes einzelne Wort. „Ja, nein, geht leider nicht, war aber ausgemacht, wann kann die Lieferung erfolgen?“ Ein paar Kojen weiter, zwei Etagen tiefer, sitzen ein paar Freunde an der frischen Luft, Prost, und unterhalten sich über den edlen Tropfen im Glas, eine Mischung aus Säure, Abgang, Wohlgefallen. Schräg vis-à-vis klirrendes Kindergeschrei, nach wenigen Sekunden wird die Terrassentür geschlossen.

Fast ist man verleitet, nach den Lautsprechern zu suchen, so unerhört gut pflanzt sich der Schall in diesem 30 mal 30 Meter großen, zehnstöckig umzingelten, mit harten Oberflächen verglasten und zubetonierten Innenhof fort. Ein akustisches Schaustück des Alltags, ein riesiges Amphitheater des Wohnens, in dem sich die Loggien um die freie Mitte gruppieren wie die Logen im Burgtheater, in der Staatsoper um Bühne und Parkett. Fragt sich nur: Wer ist hier der Schauspieler und wer das Publikum?

„Den durch häusliche Räume zum Ausdruck gebrachten Empfindungen muss nichts ungewöhnlich Liebreizendes oder Anheimelndes anhaften“, schreibt Alain de Botton in seinem 2006 erschienenen Buch Glück und Architektur. Von der Kunst, daheim zu Hause sein . „Zwischen den Vorstellungen von Heim und heimelig besteht keine notwendige Verbindung. Was wir Zuhause nennen, ist nur ein Ort, dem es gelingt, uns dauerhaft wichtige Wahrheiten näherzubringen, die von der weiten Welt ignoriert werden.“

Hohe Bebauungsdichte

Kennedy Garden heißt dieses Projekt, das der Wiener Wohnbauträger Buwog mitten in die historische Penzinger Vorstadtbebauung hineinstellte. Einst befand sich hier, nur wenige Schritte von der Kennedybrücke entfernt, ein großer Siemens-Bürokasten. 2013 beschloss die Buwog, das rund zwei Hektar große Areal zu kaufen und umzuwidmen. Wo einst gearbeitet wurde, wird nun mittel- bis hochpreisig gewohnt. 512 Wohnungen umfasst das Mammutprojekt unter dem euphemistischen, marketingtechnisch gut gewählten Titel „Kennedy Garden“.

Die einzelnen Wohnhäuser, nicht weniger blumig, hören auf Namen wie etwa Calla, Orchidea, Lavandula oder – wie im bildlich dokumentierten Falle – Magnolia mit insgesamt 206 freifinanzierten Eigentumswohnungen. Bis auf ganz wenige Restposten, erfährt man auf Anfrage bei der Buwog, die sich am Immobilienmarkt seit vielen Jahren mit dem Slogan „Glücklich wohnen“ positioniert, sind bereits alle Wohnungen verkauft. „Schöne Häuser“, schreibt de Botton, „scheitern nicht nur als Garanten des Glücks, sie müssen sich auch vorwerfen lassen, dass es ihnen durchaus nicht immer gelingt, den Charakter ihrer Bewohner zu verbessern.“

Doch warum ist das Grundstück – vor allem im Bereich des Bauteils Magnolia – in einer solchen Wucht vollgepfercht, die sogar die Bebauungs- und Bevölkerungsdichte einzelner Straßenblocks in Neubau, Josefstadt und Margareten übertrifft?

„In Bezug auf die Dichte ist das Projekt grenzwertig“, sagt Herwig Kleinhapl, Partner im Grazer Büro Love Architecture and Urbanism, das aus einem geladenen Architekturwettbewerb 2017 als Sieger hervorgegangen ist. „Die Bebauungsfläche und Baufluchtlinien hat die Stadt Wien in einem Bebauungsplan definiert. Hätten wir uns den Vorgaben widersetzt, wären wir wahrscheinlich disqualifiziert worden. Unsere Aufgabe war es daher, mit den strikten Vorgaben bestmöglich umzugehen.“

Bestmögliche Privatsphäre

Und ja, die Architektur reagiert auf die vorgegebene Dichte, indem sie alle Stückel der räumlichen Geometrie spielt: Die Loggien und Achsraster der einzelnen Wohnungen sind leicht verdreht und orientieren sich zur offenen Flanke des Innenhofs, die Vor- und Rücksprünge schaffen ein Maximum an Abwechslung und kleinteiliger Verspieltheit, die massiven Querschotten sorgen für bestmögliche Privatsphäre. Der Kritik tut dies keinen Abbruch, auf dem visuellen und akustischen Präsentierteller bleibt man trotzdem.

Und was sagt die Buwog selbst zum Unglück des Autors dieser Zeilen, zur Skepsis an der immobilienwirtschaftlichen Jetztzeit-Praxis? „Wir befinden uns hier in der Tat in einer hohen Bebauungsdichte, dennoch gebe ich zu bedenken: Architektur und Dichte sind ein sehr subjektives Thema“, meint Andreas Holler, Geschäftsführer der Buwog. „Außerdem darf man nicht außer Acht lassen, dass Bebauungsdichte an der einen Stelle, Entsiegelung und Begrünung an anderer Stelle und vor allem Baukosten und Finanzierungsaspekte miteinander kommunizierende Gefäße sind.“

Neue Wohndebatte

Dank des Bauteils Magnolia, so Holler, sei es gelungen, im südlichen Teil des Areals einen großen Park mit Spielplätzen anzulegen und im gesamten Projekt generell faire, leistbare Kaufpreise zu gewährleisten. „Und was die Akustik betrifft: Jedes Projekt bringt neue Learnings und Erkenntnisse mit, so auch im Kennedy Garden. Um die von Ihnen angesprochene Schallproblematik zu verbessern, planen wir nun, die Geländesprünge und Stützmauern zusätzlich zu begrünen.“

Nachträgliche Stadtverdichtung ist gut und wichtig. Wir werden das Wachstum Wiens und anderer europäischer Großstädte nicht allein mit Bahnhofsüberbauungen und Satellitenstädten à la Aspern in den Griff kriegen. Zugleich aber beweist Kennedy Garden, dass wir noch einige sozialräumliche und stadtplanerisch-gesellschaftliche Hausaufgaben zu erledigen haben – oder aber unseren bislang gewohnten, mitteleuropäischen Wohnkomfort in puncto Privatsphäre gehörig überdenken müssen. Bevölkerungswachstum und Allüren auf Basis partikularer Interessen sind in Zukunft nicht länger vereinbar. Ein Weihnachtswunsch: Es braucht eine neue Wohndebatte.

„Im psychologischen wie im physischen Sinne brauchen wir ein Zuhause als Kompensation für unsere Verletzlichkeit“, schreibt Alain de Botton, ein letztes Mal Glück und Architektur . „Doch dann, wenn wir endlich allein sind und aus dem Salonfenster in den Garten und in die zunehmende Dunkelheit schauen, können wir langsam wieder Kontakt mit dem wahren Selbst aufnehmen, das in der Kulisse nur auf das Ende unserer Show gewartet hat.“

9. Dezember 2023 Der Standard

Aufmarsch der Badeenten

Letzte Woche hat das Hotel Badeschloss seinen Betrieb aufgenommen. Der erste nennenswerte Neubau in Bad Gastein seit langem. Aber nicht der letzte! Eine Geschichte über lustige Hotelzimmer und drohende Bettenfluten.

Wir waren zwei Tagesreisen vom Badeschloss entfernt, als durch ein verbotenes, verbotenes, verbotenes, ruckartiges Zurückwenden, durch eine Drehung aus der Schulter der gesamte, bereits zurückgelegte Weg wieder vor uns lag“, singt der deutsche Musiker Friedrich Liechtenstein in seinem Chanson Das Badeschloss. Und als hätte er es bereits damals geahnt, 2014, noch lange, bevor sich irgendein Impuls abzeichnete, bevor der erste Bagger anrollte und der Baukran die gelb-pink-königsblau gekachelte Saunalandschaft im 13. Stock fertigbetonierte: „Once upon a time, memories of them, looks like promises of Cadillacs and glam. Wir liegen Rücken an Rücken, und jeder hält sein gelbes Yo-Yo fest, wir sind made for the future.“

Wider den morbiden Charme

Seit letzter Woche ist das Zukunftsversprechen nun manifest, standfest im Ortszentrum verankert, nur wenige Meter vom Gasteiner Wasserfall entfernt, der mit 80 Dezibel die Felswand herunterkracht und die Fassade des historischen Badeschlosses mit einer eisigen Gischt umspült. Nach rund dreijähriger Bauzeit wurde das Hotel Badeschloss, das jahrzehntelang vor sich hingammelte, mit seinem zum Teil abgebrannten Dachstuhl und längst vermoosten Wänden, am 1. Dezember feierlich wiedereröffnet – und ist nach vielen, vielen Jahren der erste nennenswerte Neubau in ganz Bad Gastein.

„Bad Gastein war im 18. Jahrhundert ein Pionier des alpinen Tourismus“, sagt Lisa Loferer, Geschäftsführerin des lokalen Kur- und Tourismusverbands. „In den letzten Jahrzehnten jedoch haben viele Hoteliers verabsäumt zu investieren. Zuletzt war Bad Gastein vor allem für seinen morbiden Charme bekannt. Doch plötzlich“, meint Loferer, „wir konnten es kaum glauben, stand nach langer Zeit wieder ein Kran im Ort, ein Meilenstein für uns alle, ein Zeichen für Neubeginn.“

Bad Gastein – das sogenannte, vielzitierte Manhattan der Alpen, mit kaisergelben Villen und dramatischen Türmchen, mit Grandhotels, die auf der steilen Böschung zu gigantischen Herbergen heranwachsen. Was also läge näher, meint Erich Bernard, Partner bei BWM Architects and Designers, als sich dieser Typologien anzunehmen und die Stadt mit einem neuen, zeitgemäßen Hochhaus weiterzubauen? Mit 13 Geschoßen und 35 Meter Höhe birgt es 82 Zimmer, eine zweigeschoßige Spa-Landschaft und einen beheizten Dach-Pool mit Blick ins Gasteinertal.

Außen präsentiert sich das neuneckige Prisma als doppelschalige Betonkonstruktion mit unregelmäßig versetzten französischen Fenstern, rau, rough, brutalistisch, je nach Wetterlage scheint sich die graue Fassade vor der Felsenkulisse in ein paar gesprenkelte Pixel aufzulösen.

Innen hingegen ließ sich BWM von der namensgebenden Prämisse des 1794 errichteten Hauses inspirieren und verwandelte das Ding in ein neues, ziemlich freches Bobo-Badeschloss – mit knalligen Farben, gefliesten Schwimmstreifen und gelben Perlonbändern, die mit Chip und Kästchennummer üblicherweise unsere Handgelenke zieren und in den Zimmern nun als Schlaufe zum Öffnen der Laden und Schränke dienen.

„Es war eine wunderschöne Aufgabe, die Geschichte in die Gegenwart zu übertragen“, sagt Bernard. „Im Neubau haben wir uns mit dem Motto des Hotels ausgetobt, es ist ein Haus für Badefreunde und detailverliebte Hedonisten, die hier in die Ästhetik eines Siebzigerjahre-Hallenbades abtauchen wollen. Den Altbau hingegen haben wir behutsam saniert und aufpoliert.“ Hier befinden sich nun Lobby, Bar, Rezeption, Restaurant mit Showküche sowie 20 historische Zimmer, eines davon sogar mit zwei freistehenden Badewannen mitten im Schlafzimmer. Selbstquietschend, Badeenten überall.

Jede Menge Patina

Das Badeschloss ist nicht die einzige Neuigkeit in Bad Gastein. Genau vis-à-vis hat bereits vor wenigen Monaten das Straubinger Grand Hotel seinen Betrieb aufgenommen – mit fünf Sternen, 46 Zimmern und jeder Menge Patina und abgeblätterten Wänden, die hier auf luxuriöseste Weise ästhetisch zelebriert werden. Obwohl sich das Haus vollkommen anders am Markt positioniert (die Maybachs und Jaguars sind bereits geparkt), werkt hinter den Kulissen das exakt gleiche Team: Architektur von BWM, betrieben wird das Haus von der Berliner Travel Charme Hotel GmbH & Co. KG, im Grundbuch steht die Hirmer Verwaltungs GmbH mit Sitz in München.

Interessantes Detail: Mehr als 20 Jahre waren die beiden Liegenschaften in Besitz des Wiener Investors und „Garagenkönigs“ Philippe Duval, dem auch das Haus Austria und das denkmalgeschützte Kongresshaus gehören und der sich weigert, auch nur einen Cent in die Erhaltung seiner Immobilien zu investieren. Aufgrund von Gefahr in Verzug ist das Land Salzburg als eine Art Zwischenhändler eingesprungen und hat die beiden Häuser nach Abschluss der dringlichsten Sofortmaßnahmen zum Nullsummenspiel weiterverkauft. Duval selbst ist auf Anfrage des ΔTANDARD nicht zu erreichen.

„Die beiden Hotels sind ein schöner Impuls“, sagt Eva Hody, Landeskonservatorin Salzburg im Österreichischen Bundesdenkmalamt. „Straubinger respektiert die alte Bausubstanz, und das Badeschloss, obwohl neu, fügt sich in seiner Hochhaustypologie sowie in seiner Struktur, Farbigkeit und Materialität sehr gut in die dahinterliegende Felslandschaft. Bad Gastein zeichnet sich von jeher durch eine extreme Bebauung in Hanglage aus, mit talseitig bis zu acht- und neungeschoßigen Fassaden. Ein Turm wie dieser ist ein durchaus möglicher Weg.“

Epoche der Baukräne

Des einen Segen, der anderen Fluch: Die Revitalisierung von Straubinger und Badeschloss hat eine Handvoll internationaler Hotelketten und Projektentwickler auf den Plan gerufen. 15 Jahre nachdem Lokalmatadore wie etwa Ike Ikrath, Evelyn Ikrath und Olaf Krohne bislang sensibel auf den Ort reagiert und in den leerstehenden Immobilien nachhaltige Hotelkonzepte implementiert haben, scheint nun eine Epoche der Baukräne zu starten. Die aktuell 8500 Hotelbetten sollen auf 10.000 bis 12.000 Betten aufgestockt werden.

„Über ungelegte Eier möchte ich nicht sprechen“, sagt Gerhard Steinbauer (ÖVP), Bürgermeister von Bad Gastein. „Aber ja, Fakt ist: Einige Projekte befinden sich bereits in Entwicklung, wir sind mit den Betrieben in intensiven Gesprächen. Und wir werden uns darauf konzentrieren, Altsubstanz zu sanieren und alte, bereits gewidmete Grundstücke zu bebauen, auf denen früher schon mal ein Hotel stand. Bis zu maximal 3500 Betten sind möglich.“

Die Renaissance von Bad Gastein ist eine große Chance. „Promises of Cadillacs and glam, wir sind made for the future.“ Zugleich ist jetzt der dringliche Zeitpunkt, diese Renaissance aktiv zu planen und nicht allein fremden, ausschließlich ökonomisch fokussierten Investoren und Spekulanten zu überlassen. Es braucht dringend ein baukulturelles Leitbild, besser noch, einen unabhängigen städtebaulichen Wettbewerb. Andernfalls läuft Bad Gastein Gefahr, seinen einzigartigen Charme einzubüßen.

Die Übernachtung im Straubinger Grand Hotel erfolgte auf Einladung von Travel Charme.

2. Dezember 2023 Der Standard

Unsere Wohnung ist das weiße Papier in unserem Leben

Roland Winkler und Klaudia Ruck leiten ein gemeinsames Architekturbüro in Klagenfurt. Sie mögen sich sehr, sagen die beiden, aber zwischen Bett und Büro braucht es auch einmal eine geografische Auszeit

Das Wichtigste ist das Wohnzimmer. Der Raum ist hell, weiß, irgendwie unbelastet. Nachdem wir ja beide in der Architektur tätig sind und uns den ganzen Tag mit Raum, Funktion, Ästhetik, Gestaltung und viel Krimskrams beschäftigen, können wir uns hier entspannen und zur Ruhe kommen. Manche sagen, dass es bei uns immer so aufgeräumt ist. Die Wahrheit ist: Wir räumen nicht wirklich auf, wir sind auch nicht besonders diszipliniert, zumindest nicht in der eigenen Wahrnehmung, es schaut einfach so aus, weil wir es – nach einem langen, intensiven Tag – gar nicht anders aushalten würden.

Hinter dem Weißen, Minimalistischen verbirgt sich aber auch ein ganz anderer Grund: Eigentlich ist hier alles sehr simpel, sehr Lowtech und auch sehr billig gebaut, denn als wir vor einem Vierteljahrhundert eingezogen sind, hatten wir fast kein Geld. Die Decke mit den genagelten Dachträgern war schon hier, wir haben sie lediglich weiß lackiert. Die Fenster zum Innenhof sind übrig gebliebene, reklamierte Bauteile der Tischlerei, die hier beheimatet war. Wir haben den Restposten übernommen und die Größe des Innenhofs an die Fenster angepasst. Sogar das Bad ist komplett recycelt. Gemeinsam mit Kollegen hatten wir eine Ausstellung gemacht, nach dem Abbau wusste niemand, wohin mit den Ausstellungstafeln, und so haben wir statt einer Verfliesung das Badezimmer damit ausgekleidet. Wir sind richtige Restlverwerter! Heute würde man Kreislaufwirtschaft dazu sagen.

Ein bisschen erinnert uns die Wohnung an unser Studium. Als wir in Graz Architektur studiert haben, hatten wir einen Schreibtisch im Zeichensaal der TU. Noch lange vor CAD-Zeiten haben wir unsere Pläne ja händisch gezeichnet – mit Lineal und Tuschestift auf Transparentpapier. Und nach jedem größeren Projekt, wenn der Tisch schon schmutzig und vollgekritzelt war, haben wir die Platte mit weißem Papier neu bespannt. Das war wie ein seelisches, psychohygienisches Aufräumen! So ähnlich ist auch unsere Wohnung: Sie ist das weiße, saubere, aufgespannte Papier in unserem Leben.

Wir wohnen hier im Osten von Klagenfurt. Im Grunde genommen ist das ein klassischer Industriebau aus der Vorkriegszeit. Früher befand sich hier eine Tischlerei, später war im Erdgeschoß der Klagenfurter Modelleisenbahnverein eingemietet – mit der größten Modelleisenbahn Kärntens, bitte schön! Heute nutzt ein befreundeter Künstler den Raum als Atelier. Im ersten Stock haben wir unser Büro eingerichtet, als die Kinder kamen, haben wir den Bereich daneben zur Wohnung ausgebaut. Die beiden Fenster hinter uns sind eine Notlösung, denn die Nachbarin wollte nicht, dass wir ihr auf die Terrasse schauen. Und so haben wir diese Lamellen aus Holzbrettern gebaut. Mit einem simplen Seilzug kann man sie auch ganz zumachen.

Der Bullerjan in der Mitte des zwölf Meter langen Wohnzimmers eignet sich nicht nur zum Heizen, sondern ist auch eine Art Grenze zwischen uns beiden. Im Büro picken wir den ganzen Tag aneinander, und im Bett dann auch in der Nacht. Dazwischen brauchen wir im Wohnen etwas Distanz, eine geografische Auszeit voneinander, weil wir uns sonst nicht aushalten würden. Dem einen gehört die Couchlandschaft, der anderen der Esstisch. Das eine eignet sich zum Lümmeln, Musikhören, Fernsehen, das andere zum Lesen und Patience-Karten-Legen. Die täglich zelebrierte Trennung funktioniert wunderbar, wir mögen uns noch immer!

Auf dem Grundstück nebenan, das sich nach dem Abbruch einer ehemaligen Lederfabrik die Natur zurückerobert hat, wird in den kommenden Jahren ein gemeinnütziger Wohnbau errichtet. Das Haus wird uns ziemlich nah auf die Pelle rücken, unsere Aussicht aus dem Fenster wird auf drei Meter reduziert, wir müssen uns was einfallen lassen. Aber wir sind guter Dinge. Wir lieben es, mit Widrigkeiten umzugehen. Aus der Not entstehenden die besten Tugenden.

18. November 2023 Der Standard

Eine Werkstatt namens Westbalkan

Sarajevo ist zwar wunderschön, hat aber auch einen Haufen infrastruktureller Probleme. Der Reparaturbedarf ist enorm. Architekten, Städtebauer und sogar Kulturschaffende scheinen den Westbalkan nun neu zu entdecken.

Nach ein paar Minuten kommt der Kellner mit den Metalltellern. Ein halbes Fladenbrot, gefüllt mit zehn Ćevapčići, eine von oben wild hineingerammte Gabel, daneben ein Gupf Rahm und ein Berg aus fein gehackten Zwiebeln. Die Baščaršija, eine Art Jerusalem im Kleinen, eine Collage aus Kreuzen, Monden und Sternen, ist das Ćevapčići-Epizentrum der Welt. Hier liegt, Grillofen an Grillofen, eine Ćevabdžinica neben der anderen, die Željo, die Softić, die Mrkva, die Petica und die Hodžić, allesamt historische Familienbetriebe. Jede einzelne Familie hält ihr Rezept seit Generationen schon streng geheim.

Doch leider ist Sarajevo nicht nur eine der schönsten, sinnlich intensivsten Städte Europas, sondern zugleich auch einer der größten urbanistischen Patienten. Unter der Last der eigenen, so reichhaltigen Geschichte kam es im Laufe der Zeit zu eklatanten Brüchen – hin- und hergerissen unter den Slawen, Osmanen und der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, blockfreie Teilrepublik des Vielvölkerstaats Jugoslawien, ein Hotspot von Ethnien, Kulturen und Religionen, Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1984 sowie, wenig später, Tatort des drei Jahre lang andauernden Bosnischen Krieges, der der Stadt und ihren Menschen große Wunden zugefügt hat.

„Es ist viel passiert, und jede einzelne Epoche hat die Stadt auf ihre Weise weitergebaut und weiterentwickelt“, sagt die bosnische Architektin und Stadtplanerin Nermina Zagora, ihr Büro befindet sich in der 1966 errichteten Terrassensiedlung Ciglane, abgetreppt in den Hang hineingebaut, mit eigener Standseilbahn und Blick auf die ganze Innenstadt. „Die Folge ist, dass wir es heute mit einer städtischen Infrastruktur zu tun haben, die stark fragmentiert ist und die nie ein konsistentes Konzept hatte. Wir haben so viele Umbrüche und Veränderungen erlebt, wir sind irgendwie „lost in translation“.“

Der Verkehrsmasterplan stammt noch aus den 1970er-Jahren, als die Klimakrise noch in weiter Ferne lag. Das öffentliche Verkehrssystem wiederum baut auf einer einzigen Straßenbahnlinie auf, die sich wie eine eiserne Schlinge um die Bašèaršija legt, den Rest übernehmen Busse und neu angekaufte, knallgelbe Trolleybusse. Doch die größte Herausforderung ist die Erschließung der Hillside-Settlements, der sogenannten Mahalas, die in Form von einst informell errichteten Hütten, Häusern und Villen an den Nord- und Südhängen der Stadt den Berg hinaufwachsen.

Hoher Motorisierungsgrad

„Die Mahalas verleihen der Stadt ihr unverwechselbares Gesicht, sind aber auch ein großes infrastrukturelles Problem“, sagt Zagora, die letztes Jahr in Zusammenarbeit mit Dina Šamić das Buch Urban Rooms of Sarajevo herausgebracht hat. „Für eine hochwertige Verkehrsverbindung ist die Topografie zu steil, die Straßenstruktur zu verwinkelt, und die Seilbahnkonzepte, die in Anlehnung an südamerikanische Öffi-Modelle angedacht wurden, sind allesamt an den hochkomplexen Eigentumsverhältnissen gescheitert. Die Folge ist: Die meisten fahren mit dem Auto.“

Der hohe Motorisierungsgrad sowie die katastrophale Wärmeversorgung – an die 40.000 Haushalte heizen laut einer Schätzung der Umweltorganisation Eko-Akcija mit Holz, Kohle und Haushaltsmüll, manchmal sogar mit alten Autoreifen – führt dazu, dass die Feinstaubbelastung in den Wintermonaten über dem Zehnfachen des EU-Grenzwerts liegt. Aufgrund der Lage im Talkessel ist die Luftverschmutzung dann größer als in Peking, Mumbai oder Neu-Delhi. „Je nach Wetterlage“, sagt Zagora, „liegt der Rauch oft tagelang über der Stadt. Wir brauchen dringend eine Lösung.“

Die Stadt als Burek

Das weltweit tätige Netzwerk Urban Think Tank (UTT) arbeitet genau daran. Die beiden Architekten und Stadtforscher Hubert Klumpner und Michael Walczak, die an der ETH Zürich Architektur und Urban Design unterrichten, nahmen die größten Defizite Sarajevos unter die Lupe und luden Büros aus aller Welt ein, sich an der Lösungsfindung in Form von Visionen, Konzepten und Best-Practice-Beispielen zu beteiligen. Das Resultat ist eine Ausstellung unter dem Titel 100 Ideas for the Western Balkan. Designing Urban Imagineries , die im Rahmen der Architektur-Olympiade kürzlich im Europäischen Haus der Kultur in Sarajevo zu sehen war.

„Zum einen ist Sarajevo eine Stadt mit riesigen infrastrukturellen Problemen“, sagt Hubert Klumpner, „zum anderen hat man sich hier im Kaleidoskop der Geschichte immer schon weit mehr getraut als in vielen anderen Städten. Sarajevo war und ist ein urbanistisches Experimentierfeld. Auf diesem baukulturellen Erbe können wir aufbauen.“ Die Frage ist nur: Wie? Wie kriegt man den enormen Reparaturbedarf, den mehr als 40-jährigen Entwicklungs- und Investitionsrückstau in den Griff?

„Die wichtigsten Schritte sind der Ausbau des Verkehrs und des Fernwärmenetzes, die Renaturierung der Miljacka, die durch die Stadt fließt, sowie die Aktivierung von unverbauten Nord-Süd-Achsen, die im mittlerweile dicht besiedelten Talkessel von Sarajevo als wertvolle Frischluftschneisen genutzt werden könnten“, sagt Klumpner.

Ein Projekt in der Ausstellung zeigt, wie der Fluss gereinigt, das Ufer umgebaut und die titelgebende Copacabana nach Sarajevo gebracht werden könnte. Ein anderes Projekt beschäftigt sich damit, das bislang linear strukturierte Sarajevo zu einem Ring rund um den Berg Žuč auszubauen – zu einer Art „Burek“ (O-Ton Walczak) – und der Stadt auf diese Weise eine neue Mobilitäts- und Wachstumsachse anzubieten.

Aber auch überraschende Fragen tauchen auf: Wie kann man von der Olympiade 1984 profitieren? Wann kommt endlich Renzo Pianos neues Ars-Aevi-Museum für zeitgenössische Kunst? Und was tun mit all den Maroni, die rund um Sarajevo wachsen, bislang aber kaum genutzt werden? Die vom Österreichischen Außenministerium mitfinanzierte Ausstellung 100 Ideas for the Western Balkan gibt mögliche Antworten und versteht sich als lebendige Wanderausstellung, die nun über den Westbalkan touren und sich auf ihrer Reise kontinuierlich verändern wird. Nächster Halt ist die albanische Hauptstadt Tirana (ab 25. März), danach geht’s weiter nach Belgrad, Podgorica, Skopje und Priština.
Wiederentdeckung

In der Zwischenzeit wird die Wiederentdeckung des Westbalkans auch in Wien zelebriert: Die Kunsthalle Wien widmet sich in ihrer Ausstellung No Feeling Is Final. The Skopje Solidarity Collection dem künstlerischen und baukulturellen Erbe der nordmazedonischen Hauptstadt und geht der Frage nach, wie das heutige Skopje als Collage aus Kenzo Tange, Sozialbrutalismus und neobarocker Zuckerbäckerbehübschung gehegt, gepflegt und gerettet werden kann. Oder, wie Hubert Klumpner sagt: „Wir müssen unseren Blick ändern und endlich lernen, den Westbalkan neu zu lesen.“

Die Reise nach Sarajevo erfolgte auf Einladung der Sektion Internationale Kulturangelegenheiten des BMEIA. Buchempfehlung: „Architectural Guide Sarajevo“, kürzlich erschienen bei DOM Publishers.

6. November 2023 deutsche bauzeitung

Geschosswohungsbau »Rosalie« in Wien

Häuser mit Balkon sind im geförderten Wiener Wohnbau längst Standard, doch das von Gangoly & Kristiner Architekten und O&O Baukunst ist ein hellgraues, minimalistisches Schmuckkästchen: Mit viel Esprit, Disziplin und technischer Raffinesse ist es gelungen, die heterogenen Vorgaben aus Baurecht, Brandschutz und Tragwerksplanung in ein schönes, stimmiges Balkonkleid zu packen.

»Ich habe keine Ahnung, warum wir zwei Balkone haben«, sagt Arife Güner. »Einen betritt man vom Wohnzimmer aus, den anderen übers Kinderzimmer. Und schon gar nicht verstehe ich, warum die so eigenartig über Eck gehen, mit einem abgemauerten Loch dazwischen, obwohl auf der einen Seite gar kein Fenster in der Wand ist. Aber man muss ja nicht alles verstehen. Die Architekten werden sich schon was gedacht haben dabei.« Die 29-jährige Studierendenheimleiterin wohnt mit ihrem Mann Ibrahim und ihren beiden Söhnen Yiğit und Mert in einer 85-Quadratmeter-Wohnung im siebten Stock. Der flexible Grundriss, die Aussicht bis zum Wienerwald und, ja, natürlich auch die beiden Balkone, die bereits mit Tisch, Stühlen und Hängematte bestückt sind, seien für die Wahl der Wohnung mit ausschlaggebend gewesen, sagt Arife.

Tatsächlich ist das Wohnhaus in der Leyserstraße 4a, das auf den hübschen Namen Rosalie hört, eines der aktuell schönsten – und auch baurechtlich und bautechnisch komplexesten – Best-Practice-Beispiele für Balkonien in Wien. Auf Basis einer vielparametrigen Matrix aus Bauordnung, Grundstückbestimmungen, Loggien- und Balkonregelung, Respektabstand zum Baumbestand, Zufahrtsmöglichkeit für die Feuerwehr, Optionen zum Anleitern im Brandfall, Berechnung des Brandüberschlags und nicht zuletzt einer millimetergenauen Komposition zwischen Ortbeton- und Fertigteil-Elementen entstand Rosalies raffiniertes Fassadenkleid.

Dem Park gegenüber zurückgenommen

»Wir befinden uns hier im Westen Wiens, auf dem Areal der ehemaligen Theodor-Körner-Kaserne«, sagt Dominik Troppan, Projektleiter und Partner im österreichischen Architekturbüro Gangoly & Kristiner. »Eines der größten Assets dieses Grundstücks ist der reichhaltige Bestand an alten, ausgewachsenen Bäumen. Sie bieten nicht nur eine unverwechselbare, schützenswerte Atmosphäre, sondern sind auch ein wichtiger mikroklimatischer und biodiverser Regulator. Ihnen gehört die Bühne.«

Und der Anspruch an die Hauptrolle ist mehr als ernst gemeint: Auf Basis eines städtebaulichen Wettbewerbs 2016 und des siegreichen Masterplans von driendl*architects wurde die Bebauung mit knapp 1 000 geförderten und frei finanzierten Wohnungen an die Ränder des 4,1 ha großen Areals gedrängt – in Form von kompakten, bis zu 12-geschossigen Baukörpern. Auf diese Weise konnte der Park mit seinen bis zu 20 m hohen Platanen zum überwiegenden Teil erhalten bleiben. Nachdem die Baustelle fertiggestellt und die Kräne wieder abgebaut waren, hat die Fauna mit Vögeln und Fledermäusen ihren Weg wieder zurückgefunden. Ab und zu, sagen die hier wohnenden Leute, seien auch schon Habichte gesichtet worden.

»All das«, meint Troppan, »hat in unseren Entwurf mit hineingespielt. Daher haben wir uns entschieden, das Haus in seiner Außenerscheinung farblich zurückzunehmen.« Während im Eingangsbereich und in den Treppenhäusern ein pastelliges Beigerot (RAL 3012) und ein kräftiges Opalgrün (RAL 6026) dominieren, präsentiert sich die Fassade mit ihrer dreidimensionalen Balkonmatrix in nacktem Sichtbeton mit Weißzement-Zuschlag. Lediglich die mal glatten, mal sandgestrahlten Oberflächen und die um 3 cm vor- und rückspringenden Betonfertigteile verleihen dem vermeintlich einheitlichen Hellgrau eine plastische, lebendige Schattierung.

Ablesbarkeit durch Komplexität

Doch wie sieht die Komposition im Detail aus? »Um den Aufbau der Balkone zu verstehen, muss man beim Primärtragwerk anfangen«, erklärt Troppan, der das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Büro O&O Baukunst (Markus Penell) und dem gemeinnützigen Bauträger WBV-GPA (Wohnbauvereinigung für Privatangestellte) im Rahmen eines förderbaren Kostendeckels realisierte. Bei den Geschossdecken handelt es sich um Halbfertigteildecken mit 5 cm starken Fertigteilen und 15 cm Ortbetonschicht. Die Gang- und Wohnungstrennwände bestehen aus Hohlwänden als verlorene Schalung mit Ortbetonfüllung, bei den Außenwänden wiederum handelt es sich je nach statischer Anforderung und Einbindungsmöglichkeit der tragenden Wärmedämmelemente teils um Ortbeton, teils um Fertigteilelemente. Durch den geringen Ortbetoneinsatz konnte die Bauzeit um einige Monate reduziert werden.

Schließlich die Balkone: Sowohl bei den Balkonplatten als auch bei den Brüstungen und den vertikalen, 45 cm breiten Pfeilern handelt es sich um komplett vorgefertigte Elemente, die eine scheinbare Ruhe und Einheitlichkeit ausstrahlen, bei genauerer Betrachtung jedoch einen technischen und baujuristischen Wahnsinn offenbaren, der es erforderlich machte, die Fassade in der Ausführungsplanung Stück für Stück zu detaillieren. Mit einer Toleranz von 2 cm zuzüglich 5 mm breiter Fase stoßen die Elemente aneinander. An manchen Stellen haben die Architekten mit einer 3 cm breiten Scheinfuge zugunsten einer klar ablesbaren Komposition ein wenig geschummelt.

»Der große Vorteil der Fertigteilbauweise offenbart sich in den Details«, sagt Projektleiter Troppan. »Denn mit einer Bauteilstärke von nur 11 cm schaffen wir Betonbrüstungen in Rekordschlankheit.« Hinzu kommt, dass es die Norm und die Richtlinien bei Fertigbauweise aufgrund der hohen Fertigungsqualität erlauben, bei Vorsprüngen, Balkonüberdachungen und horizontalen Parapetabschlüssen auf eine Verblechung sowie auf die Abdichtungen zu verzichten, die bei Ortbetonbauweise notwendig gewesen wären. Dies kommt v. a. dem poetischen Attikaabschluss über dem zehnten Stockwerk zugute: Ohne Blech und ohne jeden Schnickschnack ragen die dicken Kreissegmente über die Fassade und schenken dem Haus ein subtiles Krönchen. Ein wenig erinnert die Formalität an eine Tortenunterlage oder an Omas gehäkeltes Spitzendeckchen. So viel Süß, bei all der Strenge, das Schmunzeln ist nicht zu unterdrücken.

Einverleibte Stockwerksenklave

»Das ist ein wirklich schönes Wohnen hier, und am meisten gefällt mir«, sagt Stephan Gruber, »dass einem dieses Haus bei allem Kostendruck, dem der geförderte Wohnbau natürlich unterliegt, dennoch mit Schönheit und Respekt begegnet.« Gruber sitzt mit seiner Familie und seinen Nachbarn und Nachbarinnen auf der Dachterrasse im sechsten Stock, auf dem etwas niedrigeren Bauteil, der dem hohen Balkonturm wie ein kleines, kompaktes Stadthaus vorgelagert ist. Was für eine Aussicht, am Horizont die Otto-Wagner-Kirche am Steinhof.

Obwohl die Dachterrasse mit ihren beigeroten, RAL-3012-lackierten Laternen allen Bewohner:innen des Hauses gleichermaßen zur Verfügung steht, kümmern sich in erster Linie die Leute der sechsten Etage darum. Die 22 Menschen nämlich, vom Baby- bis ins Pensionsalter, verteilt auf neun Wohnungen, hatten eine eigene Baugruppe gegründet und konnten in enger Absprache mit dem Bauträger die Etage nach eigenen Ermessen planen und umgestalten. Die sogenannte Baugruppe Vorstadthaus Breitensee ist Wiens einzige Baugruppe, die nicht ein ganzes Wohnhaus für sich beansprucht, sondern als Stockwerksenklave einem geförderten Wohnhaus regelrecht einverleibt wurde.

»Wir haben in der Vergangenheit bereits einige Erfahrungen mit Baugruppen machen können«, sagt Michael Gehbauer, Geschäftsführer der WBV-GPA. »Ich halte diese Form selbstbestimmten und mitgestaltenden Wohnens im Rahmen des sozialen Wohnbaus für sehr wichtig. Eine integrierte Baugruppe jedoch, wie diese hier, hat eine besonders hohe soziale Vorbildwirkung, denn so kann die Energie der wenigen 22 Menschen aufs ganze Haus ausstrahlen.« Rechtlich fügt sich die Baugruppe mit einzelnen Mietverträgen ins übrige Haus. Die einzige Besonderheit ist ein Rahmenvertrag, in dem die Pflege von Dachterrasse, Kinderspielraum und gemeinschaftlichen Einrichtungen festgehalten wurde.

Insgesamt umfasst das Gebäude 115 Wohnungen mit Mittelgang-Erschließung, wobei jeweils ein Fenster bei der Liftgruppe und eines an einem Ende des Korridors für natürliche Belichtung in den halböffentlichen Bereichen sorgt. Im Geschäftslokal im EG, in dem ursprünglich ein Nahversorger geplant war, hat sich eine Augenklinik eingemietet. Nebenan gibt es einen Fahrrad- und Kinderwagen-Abstellraum sowie einen Kinderspielraum, von dem man in anderen Wohnhäusern nur träumen kann – hier gibt es Holzpuppenhäuser, Matratzenhöhle und sogar eine Kletterwand. Über eine riesige Glasscheibe gibt es eine Sichtverbindung in die angrenzende Waschküche. Damit ist die Rosalie – außen wie innen – ohne jeden Zweifel einer der aktuell sympathischsten Sozialwohnbauten Wiens.

30. September 2023 Der Standard

Mit dem Rollator zum Regenbogen

Schwul, lesbisch und bi. Trans und inter: Das queere Wohnen und Pflegen im hohen Alter ist oft ein Tabu. Nicht so im neuen Lebensort Vielfalt in Berlin. Ein Besuch vor Ort.

Ich habe in meinem Leben echt nichts anbrennen lassen, habe auf der ganzen Welt herumgemacht und Spaß gehabt“, sagt Peter-Lutz Dreißig. Früher, erzählt er, hatte er eine Werbeagentur, hat sich mit Katalogproduktion beschäftigt, ein Dasein zwischen Hochglanz und Deadlines, doch das ist lange her. „Mein Mann ist vor vier Jahren verstorben, wir waren 36 Jahre lang ein Paar, es war eine schöne Zeit. Und jetzt, na ja, jetzt fängt eine andere schöne Zeit an. Erstens bin ich nicht mehr der Adonis, der ich vielleicht einmal war, und zweitens kommt das Leben auch mal zur Ruhe.“

Intergenerationen-Wohnhaus

Peter-Lutz ist 78. Vor ein paar Wochen hat er seine 120 Quadratmeter große Eigentumswohnung aufgegeben und ist hierher gezogen, in den sogenannten Lebensort Vielfalt am Berliner Südkreuz, nur wenige Schritte vom riesigen Bahnknoten entfernt. Bedingt durch die günstige Verkehrssituation mit ICE, Regio und S-Bahn wurde hier in den letzten Jahren ein ganzer Stadtteil namens Schöneberger Linse aus dem Erdboden gestampft. Entstanden ist ein Quartier mit Wohnen, Gewerbe und einigen Energiekonzernen, die hier ihre Headquarter-Zelte aufgeschlagen haben.

Lebensort Vielfalt ist ein Wohnprojekt für schwule Männer, lesbische Frauen, Transmenschen, Intersexuelle und viele andere, die sich der LGBTIQA-Community zugehörig fühlen und die Angst davor haben, im hohen Alter zu vereinsamen. „Weißt du, ich stamme aus einer Generation, die ihre Sexualität und Identität lange Zeit verdrängt hat und die sich erst spät geoutet hat“, sagt Peter-Lutz, fünfte Etage, Blick in den Hof. „Wir haben viel Hass und Diskriminierung erlebt, wir haben uns unsere Sichtbarkeit und gesellschaftliche Integrität erst erkämpfen müssen. Viele von uns haben Nachholbedarf. Jetzt bin ich hier, um meine neuen Nachbarinnen und Nachbarn an der Hand zu nehmen – und uns noch ein paar feine Jahre zu gönnen.“

Alter, Pflege, Homosexualität. Ein sensibles Thema. Oft ein Tabu. Die Schwulenberatung Berlin, eine Pionierin auf diesem Gebiet, hat sich dieser Aufgabe schon vor vielen Jahren angenommen und hat 2012 in der Niebuhrstraße, Berlin-Charlottenburg, das europaweit erste Alten- und Pflegeheim für Lesben und Schwule eröffnet. Fünf Jahre später folgte am Berliner Ostkreuz ein LGBTIQA-Haus mit Wohngemeinschaften. Und nun ist am Südkreuz das bislang größte Projekt mit insgesamt 69 Wohnungen und einem zweistöckigen Sozialberatungszentrum entstanden. Am Freitag, dem 6. Oktober, wird das Haus feierlich eröffnet.

„Seit unserem ersten Altenwohnprojekt vor elf Jahren haben wir viel dazugelernt“, sagt Geschäftsführer Marcel de Groot. „Wir wissen heute, dass die Altersgruppe nicht zu homogen sein darf. Erstens ist das in sozialer und kommunikativer Hinsicht ein Nachteil, zweitens sind wir als Verein komplett überfordert, wenn plötzlich das halbe Haus pflegebedürftig wird. Daher haben wir uns entschieden, dieses Projekt als Intergenerationen-Wohnhaus zu konzipieren. Es geht um gegenseitige Hilfe und Unterstützung im Alltag. Dazu braucht es Jung und Alt.“

Neben vielen Senioren und Seniorinnen im Alter von 70, 80, 90 Jahren sind hier auch einige 30- und 40-Jährige eingezogen: Ärztinnen, Sozialarbeiter, Studierende. Mit einem Konzeptpapier und Motivationsschreiben konnten sich die jungen Leute für eine geförderte oder freifinanzierte Lebensort-Wohnung bewerben. Eine Weltpremiere der Inklusion und gesellschaftlichen, intergenerativen Integration befindet sich im Erdgeschoß: Im Kindergarten „Rosarote Tiger und Gelbgrüne Panther“, ebenfalls betrieben von der Schwulenberatung Berlin, gibt es Platz für 90 Kids.

„Rund ein Drittel unserer Kinder stammen aus Regenbogenfamilien im Haus oder auch aus dem Kiez“, sagt die Kindergartenleiterin Silke Leifheit. „Die restlichen 70 Prozent kommen aus ganz normalen Familien, was auch immer das sein soll, weil sich die Eltern für ihre Kinder eine offene, lebensbunte, im Herzen tolerante Umgebung wünschen.“ Hier lernen die Kinder nicht nur Nonbinärität, Männer mit Nagellack und den Umgang mit Personalpronomen wie they/them kennen, sondern auch, dass das erfolgreiche und dringend benötigte pädagogische Konzept längst nicht allen gefällt. Immer wieder verirren sich ein paar AfD-Sympathisanten mit gar nicht so bunten Fahnen hierher, um vor dem Kindergarten gegen den Lauf der Welt zu demonstrieren.

Pinke Buchstaben

„Damit werden wir schon fertig“, sagt Marcel de Groot. „Ich bin davon überzeugt, dass jedes Lebenskonzept auf dieser Welt, um zu erstarken und selbstverständlicher Bestandteil der Gesellschaft zu werden, ein Symbol, eine bauliche Manifestation benötigt, und die ist uns hier wunderbar gelungen. Und nachdem wir als Verein hier nicht nur eingemietet sind, sondern das Grundstück mithilfe von Spenden, Krediten und Erbschaften gekauft und das Wohnhaus eigenständig errichtet haben, können wir die soziale, kulturelle, pädagogische Nutzung nachhaltig sicherstellen.“ Das Gesamtinvestitionsvolumen beträgt 25 Millionen Euro, davon machen die Nettobaukosten rund 17 Millionen Euro aus.

Der Lebensort Vielfalt, entstanden nach Plänen von Roedig Schop Architekten, die den Masterplan für die Schöneberger Linse erstellt und mit der Schwulenberatung Berlin schon öfter zusammengearbeitet haben, ist Resultat eines sogenannten Konzeptverfahrens, ausgeschrieben vom Land Berlin, bei dem unterschiedliche Sozialträger gegeneinander antreten mussten. Fraglich, ob ein konkurrierender Prozess zwischen unterschiedlichen Vereinen und LGBTIQA-Plattformen dafür der richtige Weg ist. Im Laufe der Jahre sind viele Tränen geflossen. Doch das Resultat entschädigt. In pinken Buchstaben leuchtet die Botschaft dieses Hauses über dem Eingang: Lebensort Vielfalt. Bald wird die Regenbohnenfahne gehisst.

Durch die Welt knutschen

Es ist ein vielfältiger Lebensort für Hardy Selzer (76), der in der Pandemie gemerkt hat, wie sehr er auf soziale Kontakte angewiesen ist, obwohl er früher immer streitsüchtig war. Für Gregory Peercy (59), der in einer Kleinstadt in Kentucky aufgewachsen ist und sich selbst nach einem psychischen Breakdown als „maybe a little bit crazy“ bezeichnet. Für Monika Mayerhofer-Kammann (75), die mit ihrer Ehefrau Elke, einer ehemaligen DDR-Hochleistungssportlerin, im Leben nicht immer mit offenen Armen empfangen wurde, nun aber das Gefühl hat, endlich angekommen zu sein.

Oder für Karl-Heinz Skupin (80), der sich in seiner Jugend durch die Welt geknutscht hat und der mit seinem Mann Hans-Georg in eine 60-Quadratmeter-Wohnung im sechsten Stock gezogen ist. „In diesem Alter nochmal umziehen! Doch jetzt haben wir einen Ort, wo wir zwei alte Dackel vor dem Haus auf der Bank sitzen werden und nochmal das Leben Revue passieren lassen können. Selbst wenn wir uns eines Tages im Rollator durch die Gegend schieben müssen: Das ist jetzt unser Zuhause.“

Ähnliche Wohnprojekte wurden kürzlich in Köln, Lyon und Stockholm realisiert, in Planung sind Rom, Marseille und Barcelona. Möge die Idee mit dem Rollator in die Welt ausgerollt werden.

Publikationen

2024

Wien Museum Neu

Der Band ist eine visuelle und essayistische Reflexion über ein bedeutendes Kultur-Bauprojekt an einem der zentralen Orte Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlskirche, Künstlerhaus und Musikverein.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Müry Salzmann Verlag

2022

mittendrin und rundherum
Reden, Planen, Bauen auf dem Land und in der Stadt Ein nonconform Lesebuch

Seit über 20 Jahren ist nonconform in Deutschland und Österreich in der räumlichen Transformation tätig. Architektur ist für das interdisziplinäre Kollektiv nie bloß ein fertiges, fotogenes Resultat, sondern immer auch ein lustvoller, horizonterweiternder Prozess, in den die Bürger:innen einer Gemeinde,
Hrsg: Wojciech Czaja, Barbara Feller
Verlag: JOVIS

2022

Brick 22
Ausgezeichnete internationale Ziegelarchitektur

Vom handgemachten Ziegelstein zum hoch entwickelten modernen Produkt: Das Bauen mit gebrannten Tonblöcken schöpft heute aus einem Erbe von neun Jahrtausenden Baugeschichte und dank ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, ihrer konstruktiven Qualitäten und ihrer Nachhaltigkeit sind Ziegel bis heute
Hrsg: Wienerberger AG
Autor: Wojciech Czaja, Anneke Bokern, Christian Holl, Matevž Celik, Anna Cymer, Isabella Leber, Henrietta Palmer, Anders Krug
Verlag: JOVIS

2021

Frauen Bauen Stadt

Wie weiblich ist die Stadt von morgen? Im Jahr 2030 werden weltweit 2,5 Milliarden Frauen in Städten leben und arbeiten. Traditionell war die Arbeit am Lebenskonzept Polis in ihrer Beauftragung, Planung und Ausführung jedoch männlich dominiert. Frauen Bauen Stadt porträtiert 18 Städtebauerinnen aus
Hrsg: Wojciech Czaja, Katja Schechtner
Verlag: Birkhäuser Verlag

2020

Almost
100 Städte in Wien

Was macht ein Reisender, wenn er nicht reisen kann? Er reist trotzdem. Wojciech Czaja setzte sich im Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 aus Frust auf die Vespa und begann, seine Heimatstadt Wien zu erkunden. Er fuhr in versteckte Gassen, unbekannte Grätzel und fernab liegende Adressen am Rande der Stadt
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2018

Hektopolis
Ein Reiseführer in hundert Städte

Jede Stadt ist anders. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, aber auch ihre ganz eigenen Geschichten. Der vielreisende Stadtliebhaber Wojciech Czaja widmet sich in seinem Buch Hektopolis genau diesen ortsspezifischen, feinstofflichen Beobachtungen, Erlebnissen und Anekdoten. Porträtiert werden hundert
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Edition Korrespondenzen

2017

Motion Mobility
Die neue ÖAMTC-Zentrale in Wien

In einem von der Grundstückssuche bis zur Fertigstellung interdisziplinären Prozess planten Pichler & Traupmann Architekten, FCP Fritsch, Chiari & Partner als Ingenieure und das Beratungsunternehmen M.O.O.CON in Zusammenarbeit mit der Agentur Nofrontiere Design und SIDE Studio für Information Design
Autor: Wojciech Czaja, Matthias Boeckl
Verlag: Park Books

2012

Wohnen in Wien
20 residential buildings by Albert Wimmer

Wie wohnen die Wienerinnen und Wiener? Inwiefern decken sich architektonisches Konzept und gelebter Alltag? Der Architekturjournalist Wojciech Czaja und die Fotografin Lisi Specht werfen gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden des geförderten Wiener Wohnbaus und bitten die Mieter und Eigentümerinnen
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: SpringerWienNewYork

2012

Zum Beispiel Wohnen
80 ungewöhnliche Hausbesuche

Wohnen ist eine zutiefst persönliche Sache. Kein Raum in unserem Leben steht uns so nahe wie unsere eigene Wohnung, wie unser eigenes Haus. Die beiden Autoren Wojciech Czaja und Michael Hausenblas reisen quer durch Österreich und sind zu Besuch bei Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Die
Autor: Wojciech Czaja, Michael Hausenblas
Verlag: Verlag Anton Pustet

2007

91° More than Architecture

Architektinnen und Architekten sind Arbeitstiere. Viele von ihnen arbeiten zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr. Die wenige Zeit, die zwischen den dichten Arbeitsstunden noch übrig bleibt, ist wie ein Heiligtum und muss als solches respektiert werden. In diesem Sinne ist 91°
Hrsg: Wojciech Czaja, Eternit Österreich, Dansk Eternit Holding
Verlag: Birkhäuser Verlag

2007

Periscope Architecture
gerner°gerner plus

Vor zehn Jahren haben Andreas und Gerda Gerner mit einem Einfamilienhaus begonnen: „Für ein erstes Projekt ist das Haus Hinterberger sehr unkonventionell. Wir haben uns permanent gefragt: Trauen wir uns das? Seitdem hat man sich oft aus dem Fenster gelehnt“ Entstanden ist das schwebende Haus Südsee in
Hrsg: GERNER GERNER PLUS.
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Verlag Holzhausen GmbH

2005

Wir spielen Architektur
Verständnis und Missverständnis von Kinderfreundlichkeit

Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge eine andere als der Philosoph. Und der Architekt? Wird er schweigen und weiterbauen?
Autor: Wojciech Czaja
Verlag: Sonderzahl Verlag