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Kampwald könnte der dritte Nationalpark im Waldviertel werden
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Das von Abwanderung betroffene Waldviertel könnte von einem Nationalpark Kampwald durchaus profitieren. Bisher ist lediglich eine erste Startfinanzierung von rund sieben Millionen Euro ­gesichert.

16. Februar 2025 - Stephanie Drlik
Im ausklingenden vergangenen Jahr war aus Niederösterreich eine interessante Meldung zu vernehmen: Im Waldviertel wird Österreichs siebter Nationalpark entstehen. Österreichs größtes Bundesland bekommt neben den Donau-Auen und dem Thayatal einen dritten Nationalpark, den Kampwald. Doch so ein Nationalpark ist ein Mega-Vorhaben mit langen Entwicklungsperspektiven und vielen Unsicherheiten. Daher stellt sich die Frage: Wie fix ist das Ganze eigentlich?

Ein Nationalpark ist ein Schutzgebiet, das den Kriterien der Weltnaturschutzorganisation IUCN in ihrer zweitstrengsten Kategorie – „Nationalpark“ – entsprechen muss. Das primäre Ziel ist es, Biodiversität und ökosystemische Zusammenhängen sowie natürliche Prozesse zu bewahren und Erholungs- sowie Bildungsaktivitäten zu fördern. Die Kriterien schließen das Vorhandensein hochwertiger und umfangreicher Naturräume mit langfristig schützenswerten Ökosystemen ein. Der weitgehende Verzicht auf Eingriffe ist zentral, zumindest in einer verpflichtend vorgeschriebenen Nationalpark-Kernzone, die mindestens 75 Prozent der Gebietsfläche umfassen muss. Die restlichen 25 Prozent sind als Managementzone zu verstehen, in denen Eingriffe im Rahmen traditioneller, naturnaher Bewirtschaftungen möglich sind.

Naturschutz ist Landeskompetenz

Im föderalen Österreich setzt die Einrichtung eines Nationalparks zudem eine Kooperation zwischen Bund und betroffenem Bundesland voraus, schließlich handelt es sich, wie der Name schon sagt, um eine Aufgabe mit nationaler Bedeutung. Obwohl Naturschutzagenden in die Landeskompetenzen fallen, teilen sich beim Nationalpark der Bund und das jeweilige Land sowohl die Kosten für die Außernutzungsstellung der Flächen, also die Abgeltung an die Grundeigentümer:innen für wirtschaftlichen Verlust, als auch die Erhaltungskosten – beides üblicherweise zu gleichen Teilen. Die ausverhandelte Kooperationsvereinbarung wird in einer rechtsverbindlichen Vereinbarung festgeschrieben.

Für den angekündigten Nationalpark Kampwald gibt es bisher weder die nationale Kooperationsvereinbarung, noch wurden Verhandlungen mit der IUCN geführt. Bisher ist lediglich eine erste Startfinanzierung von rund sieben Millionen Euro gesichert, die hauptsächlich zur Außernutzungsstellung eines kleinen, 260 Hektar umfassenden Teils der späteren Kernzone verwendet werden soll.

Einer der letzten Urwälder

Dabei handelt es sich um das Dobratal, das zu den Gründen der durch das Land Niederösterreich verwalteten Windhag-Stipendienstiftung gehört. Geplant ist, dass die Stiftungsgründe, insgesamt rund 3100 Hektar Fläche, später zur Gänze in den Nationalpark übergehen. Die Stiftung dürfte diesbezüglich Interesse zeigen, denn die Außernutzungsstellung mitsamt Entschädigungszahlungen bedeutet in Zeiten zunehmender Klimafolgeschäden einen gesicherten Ertrag.

Das Dobratal ist ökologisch eigentlich weniger intakt als das nahe gelegene mittlere Kamptal mit großteils wertvollen Waldökosystemen. Hierzu gehört auch einer der letzten österreichischen Urwälder, der in Privatbesitz ist und bislang aus eigener Motivation erhalten wird. Dass diese wertvollen Gebiete, derzeit als „Natura 2000“-Flächen wohl nicht ausreichend geschützt, in der ersten Entwicklungsphase nicht berücksichtigt wurden, stößt bei Expert:innen auf Verwunderung. Dabei ist die Vorgehensweise durchaus nachvollziehbar.

Geeignetes Ausgangsgebiet

Im Kamptal ist man mit heterogenen Besitzverhältnissen konfrontiert, zudem sind die finanziellen Mittel für Außernutzungsstellungen im Rahmen der Startförderung begrenzt. Das Dobratal ist durch seine naturräumliche Abgrenzung, sein hohes Entwicklungspotenzial und die Stiftung als alleinige Eigentümerin als Ausgangsgebiet durchaus gut geeignet. Und sollte es mit dem Nationalpark doch nichts werden, so sind die gesetzten Wiederherstellungsmaßnahmen im Dobratal dennoch ein wertvoller Beitrag.

Dass man die Entwicklung des neuen niederösterreichischen Nationalparks gerade mit einer Renaturierungsmaßnahme startet, ist ­allerdings überraschend – war doch gerade die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner eine der schärfsten Kriti­ker:innen des EU-Renaturierungsgesetzes. Jetzt prescht sie mit dem geplanten Nationalpark noch vor der Festlegung des von der Europäischen Kommission eingeforderten nationalen Renaturierungsplans voran. Das Geld stammt im Übrigen aus dem Biodiversitätsfonds des Bundes, der aus EU-Mitteln gespeist und von Noch-Umweltministerin Leonore Gewessler initiiert wurde. Mit diesem Arrangement dürfte zumindest die notwendige Kooperation zwischen Bund und Land Niederösterreich zur Gründung des Nationalparks auf einem guten Weg sein.

Höchster ökologischer Wert

Doch nicht nur hinsichtlich Renaturierungsverordnung ist der geplante Nationalpark ein schlaues Manöver. Nationalparks sind landschaftliche Schmuckstücke mit höchstem ökologischem Wert, wahre Tourismusmagnete und wichtige Reallabore für Wissenschaft und Forschung. Das von Abwanderung betroffene Waldviertel kann von der Aufwertung durch den Nationalpark hinsichtlich Wohnstandort, Tourismus und Freizeit profitieren. Im Burgenland etwa ist eine positive Regionalentwicklung dank Attraktivierung durch den Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel gelungen.

Expert:innen zeigen sich vorsichtig optimistisch, dass das Vorhaben Nationalpark Kampwald umgesetzt werden kann. Schließlich ist die Schaffung des zuletzt gegründeten Nationalparks Gesäuse bereits mehr als 20 Jahre her, und die Zeit scheint reif. Gleichzeitig weisen sie auf die große Bedeutung der Alltagslandschaften hin, die neben medienwirksamen Nationalparkgründungen nicht vernachlässigt werden dürfen. Nationalparks machen lediglich drei Prozent der Landesfläche aus, der eigentliche Hebel für Naturschutz und Renaturierung liegt also dazwischen.

„Leitbild Landschaft“ gefordert

Derzeit findet eine einschneidende Transformation der Landnutzungen statt, die sich zusammen mit dem Klimawandel äußerst negativ auf die Vielfalt von Landschafts- und Lebensraumtypologien auswirkt. Eine dramatische Minimierung der Artenvielfalt in unseren heimischen Landschaftsräumen ist die Folge.

Naturschutz ist Ländersache, und das ist gut so, denn Maßnahmen werden regional und lokal gesetzt. Da sich Landschaftsräume aber kaum mit Landes- oder Gemeindegrenzen decken, braucht es auch übergeordnete Planungsinstrumente auf Bundesebene. Planer:innen fordern daher eine Art „Leitbild Landschaft“ für Österreich, damit sich Entwicklungspotenziale unabhängig von politischen Grenzen abbilden lassen. Denn das Erfassen übergeordneter Zusammenhänge spielt gerade in Zeiten der Klima- und Biodiversitätskrise eine entscheidende Rolle, schließlich machen weder Tiere und Pflanzen noch der Klimawandel an Landes- oder Gemeindegrenzen halt.

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