Artikel
Wie eine findige Bürgermeisterin den Ortskern erneuert: „Pardon, ich brauch’ Ihr Haus!“

Über Jahre adaptierte die Bürgermeisterin von Niederwerrn in Unterfranken alte Gebäude, um eine neue Ortsmitte zu erschaffen. Dafür ging sie auf Besitzer von leer stehenden Häusern zu.
19. März 2025 - Franziska Leeb
In ihrem Regierungsprogramm bekennt sich die österreichische Dreierkoalition zu einer nachhaltigen Bodenpolitik und kündigt an, sich um die Stärkung der Ortskerne zu kümmern, die Nutzung und Revitalisierung historischer Gebäude zu erleichtern und Initiativen zu setzen, damit die heimische Bauwirtschaft zum Vorreiter der Kreislaufwirtschaft wird. Zum Vorbild nehmen kann man sich dazu die Zentrumsentwicklung in einem Dorf 600 Kilometer nordwestlich von Wien.
Im Sommer 2024 wurde das neue Bürgerzentrum von Niederwerrn mit 2000 fränkischen Bratwürsten eröffnet, kürzlich erhielt es den renommierten BDA-Preis Bayern des Bund Deutscher Architektinnen und Architekten. Bis es so weit war, dauerte es. „Du kaufst ja nur Häuser“, hatte so mancher Einwohner Bürgermeisterin Bettina Bärmann vorgeworfen. Denn ehe im Jänner 2023 Spatenstich war, hatte Frau Bärmann der Kommune über Jahre Vorkaufsrechte gesichert, Überzeugungsarbeit geleistet und Immobilien gekauft und getauscht, bis in der künftigen Ortsmitte das Puzzle an Gebäuden und Plätzen komplett war, um für die notwendigen Bedarfe adaptiert zu werden. Begleitet wurde und wird die Gemeinde seit 2017 vom Architekturbüro Schlicht Lamprecht Kern.
Verantwortung wahrnehmen
„Jenseits der Metropolen braucht es mehr Mut und Weitsicht bei den Entscheidungsträgern, mehr Verständnis für die regionale Baukultur bei den Bürgern, mehr Leidenschaft und Engagement bei den Planern“, stellt Architekt Stefan schlicht fest. Deshalb hat sich sein Büro auf Ortsentwicklung und das Bauen im Bestand spezialisiert, um hier Verantwortung wahrzunehmen und zu beweisen, was alles geht, wenn man gut zusammenarbeitet.
Niederwerrn ist ein attraktiver Wohnort für die Beschäftigten in den Industriebetrieben im benachbarten Schweinfurt und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr schnell gewachsen. Das historische Zentrum rund um den Kirchplatz liegt schon lang nicht mehr in der Mitte. Seit Jahrzehnten fehlt ein Ort zum Zusammenkommen und zum Feiern. Eine neue Ortsmitte zu schaffen war daher eine der Maßnahmen, die im ab 2014 unter Bürgerbeteiligung erstellten „Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzept (ISEK)“ festgelegt wurden. Sie liegt am Übergang vom Altort zu den östlichen Siedlungsgebieten, nahe beim Rathaus, zwischen der Gemeindebibliothek in der ehemaligen Synagoge und dem Seniorenzentrum.
Recyclingbeton günstiger als normaler
Der einzige Neubau im Ensemble ist das in zwei Häuser gegliederte „Mitten im“. Im westlichen Teil steckt das Abbruchmaterial der einstigen Talbrücke Rothof, das in einem nahen Betonwerk aufbereitet wurde; der östliche ist ein Massivholzbau über einem Sockelgeschoß aus Recyclingbeton. Mit den scharrierten und gespitzten Oberflächen, die mit traditioneller Steinmetztechnik den steinernen Charakter des Betons verstärken, der Dachform und den geringen Dachüberständen sowie den Fenstergewänden griff man Gestaltungselemente aus der traditionellen Architektur der Region auf. Das Gebäude mutet edel an. „Sieht außergewöhnlich aus, war aber nicht außergewöhnlich teuer“, pariert Stefan Schlicht die Frage nach den Kosten. Der Kubikmeterpreis des Recyclingbetons war niedriger als der von normalem Beton. Man benötigte keine Putze oder Verkleidungen, und auch beim Holzbau kam man nahezu ohne Folien oder Verklebungen aus.
Der neue Bürgersaal wird gern als Raum für private Feiern gebucht, Hochzeiten sind sowieso der Renner. Das liegt vielleicht an den Balkonen vor den bodentiefen Fenstern des Trauungszimmers, auf denen sich perfekte Hochzeitsfotos inszenieren lassen. Beliebt ist auch das Café im Obergeschoß des Holzhauses. Die Stühle stammen aus einem aufgelassenen Wirtshaus im Ort. Der Mann der Bürgermeisterin hat sie abgeschliffen, der Tischler neu lackiert.
Westlich des Neubaus wurde eine historische Scheune als Energiescheune adaptiert. Darin sind die technischen Anlagen zur Energieversorgung des gesamten Ensembles untergebracht, zusätzlich entsteht hier ein Informationszentrum für nachhaltige Energiekonzepte. Die Holzverkleidungen der Einbauten im Inneren wurden aus den Schalungsbrettern des Betonhauses gezimmert. Auf der anderen Seite wurde ein bestehendes Fachwerkhaus zum Ladenmuseum umgebaut, das die einzigartige Sammlung des Kaufmanns Winfried Maul aufnimmt. Dank einer großen Schaufensterwand kann der über 100-jährige Kolonialwarenladen auch ohne Museumspersonal besichtigt werden. Treppen und Sitzstufenanlagen, Pflanzbeete, Bäume und ein Wasserbecken gliedern den öffentlichen Raum und sorgen für eine Vielfalt an allein, zu mehreren und in großen Gruppen gut nutzbaren Verweilorten. Das Regenwasser von den Dächern der umliegenden Häuser wird in Zisternen gesammelt und für die Bewässerung der Grünflächen genutzt.
Alte mit neuen Siedlungsteilen verbunden
Als graue Energie bezeichnet man die Energiemenge, die sämtliche Herstellungsschritte bis hin zur Entsorgung eines Produktes nach sich ziehen. Davon wurde so wenig wie möglich verwendet. Höher ist der Aufwand an goldener Energie. Unter diesem ansprechenden Begriff sind all die immateriellen Werte zusammengefasst: die vielen schönen Erinnerung an besondere Erlebnisse und Menschen, die mit den Bestandsbauten in Zusammenhang stehen.
Von allen Seiten zugänglich fügt sich das Ensemble vorzüglich ein, verbindet alte und neue Siedlungsgebiete. Hier ist keine schicke Kiste gelandet, die erst angeeignet werden muss, sondern ein architektonisches Gefüge, das eine neue Ästhetik und neue Themen ins Zentrum rückt, die vertraut und zugänglich wirken. Es gelang vortrefflich, aus dem Vorhandenen Neues zu schaffen und Topografie, individuelle Gegebenheiten, die kleinteilige Ortstruktur und lokale Bautraditionen aufzunehmen, ohne auf einer bloßen Zitatebene zu bleiben.
Deutsche Städtebauförderung
„Wichtig ist, dass viele Menschen ganz unterschiedliche Gründe finden können, um hierherzukommen“, betont Bürgermeisterin Bettina Bärmann. Die Neue Mitte soll die Keimzelle sein, die den gesamten Altort wiederbelebt. Denn schon geht es weiter: In einem weiteren Bestandsgebäude werden die Musikschule und Bereiche der Bibliothek eine neue Heimstatt finden, weiters sind eine Gemeinschaftspraxis, neue Wohnformen für Senioren und Menschen mit Behinderung geplant. Alles zusammenhalten und erschließen wird die verkehrsberuhigte und fußgängerfreundliche Neugestaltung der Schweinfurter Straße.
Dass dies alles für die Gemeinde zu stemmen ist, liegt an der in Deutschland seit über 50 Jahren bestehenden Städtebauförderung. Ein Programm nach diesem Vorbild wird auch in Österreich seit Jahren von der Fachwelt eingefordert. Wenn es die österreichische Bundesregierung mit ihren Ansagen zu Baukultur und Ortskernbelebung ernst meint, sollte sie die Sache nun angehen. So wären auch hierzulande Bürgermeister:innen besser in der Lage, auf Leerstandsbesitzer zuzugehen und zu sagen: „Pardon, ich brauch’ Ihr Haus“, um die Innenentwicklung voranzutreiben zu können.
Im Sommer 2024 wurde das neue Bürgerzentrum von Niederwerrn mit 2000 fränkischen Bratwürsten eröffnet, kürzlich erhielt es den renommierten BDA-Preis Bayern des Bund Deutscher Architektinnen und Architekten. Bis es so weit war, dauerte es. „Du kaufst ja nur Häuser“, hatte so mancher Einwohner Bürgermeisterin Bettina Bärmann vorgeworfen. Denn ehe im Jänner 2023 Spatenstich war, hatte Frau Bärmann der Kommune über Jahre Vorkaufsrechte gesichert, Überzeugungsarbeit geleistet und Immobilien gekauft und getauscht, bis in der künftigen Ortsmitte das Puzzle an Gebäuden und Plätzen komplett war, um für die notwendigen Bedarfe adaptiert zu werden. Begleitet wurde und wird die Gemeinde seit 2017 vom Architekturbüro Schlicht Lamprecht Kern.
Verantwortung wahrnehmen
„Jenseits der Metropolen braucht es mehr Mut und Weitsicht bei den Entscheidungsträgern, mehr Verständnis für die regionale Baukultur bei den Bürgern, mehr Leidenschaft und Engagement bei den Planern“, stellt Architekt Stefan schlicht fest. Deshalb hat sich sein Büro auf Ortsentwicklung und das Bauen im Bestand spezialisiert, um hier Verantwortung wahrzunehmen und zu beweisen, was alles geht, wenn man gut zusammenarbeitet.
Niederwerrn ist ein attraktiver Wohnort für die Beschäftigten in den Industriebetrieben im benachbarten Schweinfurt und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr schnell gewachsen. Das historische Zentrum rund um den Kirchplatz liegt schon lang nicht mehr in der Mitte. Seit Jahrzehnten fehlt ein Ort zum Zusammenkommen und zum Feiern. Eine neue Ortsmitte zu schaffen war daher eine der Maßnahmen, die im ab 2014 unter Bürgerbeteiligung erstellten „Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzept (ISEK)“ festgelegt wurden. Sie liegt am Übergang vom Altort zu den östlichen Siedlungsgebieten, nahe beim Rathaus, zwischen der Gemeindebibliothek in der ehemaligen Synagoge und dem Seniorenzentrum.
Recyclingbeton günstiger als normaler
Der einzige Neubau im Ensemble ist das in zwei Häuser gegliederte „Mitten im“. Im westlichen Teil steckt das Abbruchmaterial der einstigen Talbrücke Rothof, das in einem nahen Betonwerk aufbereitet wurde; der östliche ist ein Massivholzbau über einem Sockelgeschoß aus Recyclingbeton. Mit den scharrierten und gespitzten Oberflächen, die mit traditioneller Steinmetztechnik den steinernen Charakter des Betons verstärken, der Dachform und den geringen Dachüberständen sowie den Fenstergewänden griff man Gestaltungselemente aus der traditionellen Architektur der Region auf. Das Gebäude mutet edel an. „Sieht außergewöhnlich aus, war aber nicht außergewöhnlich teuer“, pariert Stefan Schlicht die Frage nach den Kosten. Der Kubikmeterpreis des Recyclingbetons war niedriger als der von normalem Beton. Man benötigte keine Putze oder Verkleidungen, und auch beim Holzbau kam man nahezu ohne Folien oder Verklebungen aus.
Der neue Bürgersaal wird gern als Raum für private Feiern gebucht, Hochzeiten sind sowieso der Renner. Das liegt vielleicht an den Balkonen vor den bodentiefen Fenstern des Trauungszimmers, auf denen sich perfekte Hochzeitsfotos inszenieren lassen. Beliebt ist auch das Café im Obergeschoß des Holzhauses. Die Stühle stammen aus einem aufgelassenen Wirtshaus im Ort. Der Mann der Bürgermeisterin hat sie abgeschliffen, der Tischler neu lackiert.
Westlich des Neubaus wurde eine historische Scheune als Energiescheune adaptiert. Darin sind die technischen Anlagen zur Energieversorgung des gesamten Ensembles untergebracht, zusätzlich entsteht hier ein Informationszentrum für nachhaltige Energiekonzepte. Die Holzverkleidungen der Einbauten im Inneren wurden aus den Schalungsbrettern des Betonhauses gezimmert. Auf der anderen Seite wurde ein bestehendes Fachwerkhaus zum Ladenmuseum umgebaut, das die einzigartige Sammlung des Kaufmanns Winfried Maul aufnimmt. Dank einer großen Schaufensterwand kann der über 100-jährige Kolonialwarenladen auch ohne Museumspersonal besichtigt werden. Treppen und Sitzstufenanlagen, Pflanzbeete, Bäume und ein Wasserbecken gliedern den öffentlichen Raum und sorgen für eine Vielfalt an allein, zu mehreren und in großen Gruppen gut nutzbaren Verweilorten. Das Regenwasser von den Dächern der umliegenden Häuser wird in Zisternen gesammelt und für die Bewässerung der Grünflächen genutzt.
Alte mit neuen Siedlungsteilen verbunden
Als graue Energie bezeichnet man die Energiemenge, die sämtliche Herstellungsschritte bis hin zur Entsorgung eines Produktes nach sich ziehen. Davon wurde so wenig wie möglich verwendet. Höher ist der Aufwand an goldener Energie. Unter diesem ansprechenden Begriff sind all die immateriellen Werte zusammengefasst: die vielen schönen Erinnerung an besondere Erlebnisse und Menschen, die mit den Bestandsbauten in Zusammenhang stehen.
Von allen Seiten zugänglich fügt sich das Ensemble vorzüglich ein, verbindet alte und neue Siedlungsgebiete. Hier ist keine schicke Kiste gelandet, die erst angeeignet werden muss, sondern ein architektonisches Gefüge, das eine neue Ästhetik und neue Themen ins Zentrum rückt, die vertraut und zugänglich wirken. Es gelang vortrefflich, aus dem Vorhandenen Neues zu schaffen und Topografie, individuelle Gegebenheiten, die kleinteilige Ortstruktur und lokale Bautraditionen aufzunehmen, ohne auf einer bloßen Zitatebene zu bleiben.
Deutsche Städtebauförderung
„Wichtig ist, dass viele Menschen ganz unterschiedliche Gründe finden können, um hierherzukommen“, betont Bürgermeisterin Bettina Bärmann. Die Neue Mitte soll die Keimzelle sein, die den gesamten Altort wiederbelebt. Denn schon geht es weiter: In einem weiteren Bestandsgebäude werden die Musikschule und Bereiche der Bibliothek eine neue Heimstatt finden, weiters sind eine Gemeinschaftspraxis, neue Wohnformen für Senioren und Menschen mit Behinderung geplant. Alles zusammenhalten und erschließen wird die verkehrsberuhigte und fußgängerfreundliche Neugestaltung der Schweinfurter Straße.
Dass dies alles für die Gemeinde zu stemmen ist, liegt an der in Deutschland seit über 50 Jahren bestehenden Städtebauförderung. Ein Programm nach diesem Vorbild wird auch in Österreich seit Jahren von der Fachwelt eingefordert. Wenn es die österreichische Bundesregierung mit ihren Ansagen zu Baukultur und Ortskernbelebung ernst meint, sollte sie die Sache nun angehen. So wären auch hierzulande Bürgermeister:innen besser in der Lage, auf Leerstandsbesitzer zuzugehen und zu sagen: „Pardon, ich brauch’ Ihr Haus“, um die Innenentwicklung voranzutreiben zu können.
Für den Beitrag verantwortlich: Spectrum
Ansprechpartner:in für diese Seite: nextroom