Award

Staatspreis Architektur & Nachhaltigkeit 2012
Architekturpreis - klimaaktiv - Wien (A)
Jury: Roland Gnaiger, Robert Lechner, Otto Kapfinger, Helmut Krapmeier
Veranstalter: klimaaktiv, BMNT
Organisation: ÖGUT, klimaaktiv
Preisverleihung: 14. Februar 2013

Schüler aus Bodenhaltung

Vorgestern, Donnerstag, wurde der Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit vergeben. Eines der fünf prämierten Projekte ist das hölzerne Agrarbildungszentrum am Traunsee.

16. Februar 2013 - Wojciech Czaja
„Ich finde die Schule voll cool und voll gemütlich“, sagt Sophie Smolle. „In jeder anderen Schule gibt's kahle weiße Wände und einen kalten, grauslichen Fliesenboden, hier aber ist alles aus warmem, angenehmem Holz. Und außerdem riecht's hier super.“

Die 15-Jährige ist Schülerin im Agrarbildungszentrum Salzkammergut in Altmünster, das vor eineinhalb Jahren fertiggestellt und eröffnet wurde. Wie ihre Klassenkameraden aus der 1D, deren Birkenstockschlapfen allesamt quer über die Klasse verstreut sind, bevorzugt sie es, sich auf besockten Sohlen durchs Gebäude zu bewegen. In der Pause liegt und lümmelt sie mit ihren Freunden und Freundinnen auf dem Boden. „Einen Makel hat das Ganze allerdings“, sagt sie. „Man muss schon aufpassen, dass man sich nicht ständig einen Schiefer einzieht.“

Die Nachteile der Agrar- und Berufsfachschule, von der es nur ein paar Schritte zum schuleigenen Strand am Traunsee sind, halten sich fürwahr in Grenzen. Vorgestern, Donnerstag, wurde das außergewöhnliche Projekt der Vorarlberger Architekten Fink Thurnher im ORF-Radiokulturhaus Wien mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Nach 2006 und 2010 wurde der Preis, mit dem auch vier weitere Bauwerke in Wien, Krems, Graz und Linz ausgezeichnet wurden (siehe unten), heuer zum dritten Mal vergeben. Auslober ist das Lebensministerium.

„Die Stimmung in diesem Gebäude ist fantastisch, ich habe so etwas noch nie erlebt“, sagt Schuldirektorin Barbara Mayr. Das Lodenjankerl mit Hornknöpfen, das sie an diesem Tag trägt, während sie dem STANDARD eine Führung durch die hölzernen Räumlichkeiten des Lehrens und Lernens gibt, zeigt, wie groß der Bogen landwirtschaftlicher Denkinterpretationen sein kann. „Ach, diese furchtbaren Klischees mit den sprechenden Schweindln in der Werbung machen die Branche à la longue kaputt. Ich bin daher froh darüber, dass es uns gelungen ist, unseren Schülerinnen und Schülern in diesem Haus ein modernes, zeitgenössisches Bild der Arbeitstätigkeiten im primären Sektor zu vermitteln.“

Unterrichtet werden Bodenkultur, Landwirtschaft, Holzverarbeitung, Landschaftsgestaltung, Floristik, Kochen, Kellnern und Jagen. Außerdem gibt's eine Molkerei, Fleischerei und Obstverarbeitungsanlage. Und sogar Schnaps wird in dieser Schule gebrannt. „Ja, ich habe eine Brennkonzession“, sagt die Direktorin stolz. Im eigenen Genussladen im Erdgeschoß werden all diese Produkte schließlich zum Verkauf angeboten. Doch zur wahren Vermittlung der agrarischen Genüsse und Qualitäten - das ist nicht zu überhören - trage auch und vor allem die Architektur bei.

Von außen betrachtet, folgt das Agrarbildungszentrum der Idee eines traditionellen oberösterreichischen Vierkanthofs, maßstäblich aufgeblasen bis zu einer Größe von drei Geschoßen und 60 Metern Seitenlänge. Dass es sich bei diesem Bau nicht nur um einen Neubau, sondern auch um die Einverleibung und Sanierung zweier Bauteile aus den Fünfziger- und Siebzigerjahren handelt, ist dem Haus kaum anzusehen.

Baustoff als Hülle und Fülle

„Die Integration des Altbestandes war gar nicht so einfach“, meint Architekt Markus Thurnher. „Aufgrund der Holzbauweise und der Passivhaustechnologie, die im Wettbewerb gefordert war, mussten wir bereits von Anfang an sehr genau planen. Es war mühsam, aber ich verstehe die symbolische Aussage des Bauherrn, den Bestand erhalten und sanieren zu wollen. Und natürlich profitiert auch die Schule insofern davon, als das Gebäude schon jetzt eine gewisse Geschichte hat.“

Allein, die wahren Werte des Agrarbildungszentrums (Gesamtinvestitionskosten 28 Millionen Euro) entfalten sich im Inneren, sobald man Boden, Wand und Decke mit Nase, Händen und Füßen erfasst hat. Das bestätigen auch die Schülerinnen und Schüler. „Außen gefällt mir die Schule überhaupt nicht“, meint Andreas Gerstner, 1D. „Sie wirkt viel größer und viel wuchtiger, als sie in Wirklichkeit ist. Aber innen finde ich sie richtig toll.“ Und Lena Purrer, 2A, meint: „Schön, dass hier alles mit Holz gebaut wurde, schließlich ist der Baustoff in unserer Gegend in Hülle und Fülle vorhanden. Ich finde, das ist nachhaltig.“

Die konstruktiven Bauteile sind aus Fichte, alle sichtbaren Oberflächen im Innen- und Außenbereich sowie die Möbel und Wandverbauten wurden aus Weißtanne gefertigt. Das gesamte Holz stammt aus einem Umkreis von 150 Kilometern. Insgesamt wurden 95 Prozent aller Handwerksarbeiten und Gewerke im Salzkammergut vergeben. Das heißt: Die Wertschöpfungskette bleibt bei Klein- und Mittelbetrieben in der Region.

Hinzu kommt, dass das gesamte Gebäude mit Zellulose, also mit einem Recycling-Gemisch aus Holz und Altpapierflocken, sowie mit Schafwolle gedämmt ist. Auf dem Dach gibt es eine Solaranlage mit 90 Quadratmetern sowie eine Fotovoltaikanlage mit 73 Quadratmetern Fläche. Die Toiletten werden mit Regenwasser gespeist. Gekühlt wird das Haus, das Platz für rund 300 Schüler und 150 Internatsplätze bietet, mit einer Rohrleitungsanlage im Fundament. Geheizt wir mit Hackschnitzeln aus den umliegenden Holzverarbeitungsbetrieben. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Fazit: Gegenüber dem Altbau konnte der Energiebedarf durch die Summe all dieser Maßnahmen um 90 Prozent reduziert werden.

Medizin gegen Aggression

„Dieses Schulgebäude ist zwar durch und durch ökologisch, aber dieser Aspekt ist keineswegs aufdringlich“, meint Schuldirektorin Barbara Mayr. „Was man als Nutzerin mitkriegt, ist die pure Gemütlichkeit, die das Haus ausstrahlt. Man fühlt sich hier wie daheim.“

Pausenbeginn. Schon sitzen und liegen sie wieder alle auf dem Boden und frönen dem Nichtstun. Die kollektive Ruhe wird jäh unterbrochen. „Schon wieder der Journalist mit dem Fotoapparat! Oida! Noch nie Menschen aus Bodenhaltung gesehen?“

Architektonische Qualität und Nachhaltigkeit schließen einander nicht aus. Diesen Beweis zu erbringen ist die eigentliche Intention dieses Staatspreises. „Vor zehn oder 20 Jahren konnte man einem Gebäude noch gegen den Wind ansehen, ob das ein Passivhaus ist oder nicht“, erklärt Roland Gnaiger, Staatspreisbeauftragter und Vorsitzender der Jury. In der Vergangenheit habe die bauliche Qualität unter den Kriterien der Ökologie oftmals gelitten. „Aber das ist heute anders. Nachhaltigkeit ist heute unsichtbar.“

„Unsichtbare Nachhaltigkeit? Also das würde ich nicht behaupten!“, entgegnet die Direktorin des Hauses. „Sie wissen ja, wie wild und aggressiv Kinder in der Pubertät sein können. Doch seitdem wir hier im neuen Schulhaus sind, ist der Aggressionspegel dramatisch gesunken. Und Vandalismus ist bei uns ein Fremdwort.“ Es ist schön, dass die Behörden gelernt haben, den jungen Leuten mit Wertschätzung zu begegnen. Das ist eine sinnvolle Investition in die Zukunft. Voll cool.

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